Montag, 23. April 2018

Bach: Goldberg Variations / Buxtehude La Capricciosa (Capriccio)

Mit den Goldberg-Variationen
BWV 988 von Johann Sebastian Bach beschäftigt sich Christine Schorns- heim schon seit vielen Jahren. „Angefangen hat es bei mir bereits während meines Klavierstudiums, und unvergessen bleiben mir einige Stunden bei Amadeus Webersinke, der mit 1980 in einem Meisterkurs gehörig den Kopf gewaschen hat und mit unnachgiebiger Strenge versuchte, mir meinen bis dahin offensichtlich recht oberflächlichen Blick auf das Werk auszutreiben“, erinnert sich die Cembalistin. „Am Ende dieses Kurses gab es dann noch die freundliche Ermahnung, die Variationen immer und immer wieder zu studieren und den hoffnungsvollen Satz ,später werden Sie diese Variationen sicher gut spielen!'.“ 

Mittlerweile gibt die Musikerin selbst Meisterklassen; mit Leidenschaft unterrichtet Christine Schornsheim als Professorin für historische Tasteninstrumente Studierende an der Münchner Musikhochschule. Die Goldberg-Variationen hat sie schon vor mehr als 25 Jahren eingespielt. Dass sie sich nun noch einmal von Grund auf mit dem Werk befasste, verdanken wir dem Cembalobauer Christoph Kern. Denn er ermunterte die Musikerin, die Aria mit 30 Veränderungen ein zweites Mal aufzu- nehmen. Er hat auch das Cembalo angefertigt, das hier zu hören ist, nach einem Vorbild, gebaut von Michael Mietke um 1710 in Berlin. 
Schornsheim ließ sich auf das Experiment ein. Dafür kombinierte sie die Goldberg-Variationen mit einem anderen, ebenso bedeutenden, allerdings weit weniger populären Variationswerk – der Aria ,La Capricciosa' BuxWV 250 von Dieterich Buxtehude. (Diese Gegenüberstellung lässt noch immer erahnen, warum der junge Bach seinerzeit zu Fuß von Arnstadt nach Lübeck wanderte, um bei dem älteren Kollegen zu lernen.) „Viele Querverbindungen zeigen sich bei näherer Betrachtung beider Werke“, unterstreicht die Cembalistin im Beiheft. „Die rein norddeutsche Orgel- und Cembalotradition durchbricht Buxtehude bei ,La Capricciosa'. Indem er sich einer in Italien beheimateten Bergamasca als Thema bedient. Dieses Thema wiederum finden wir leicht verändert als ;Kraut und Rüben haben mich vertrieben' im Quodlibet der ,Goldbergvaria- tionen' wieder. Dass wir es bei beiden Werken mit 32 Stücken zu tun haben, wird auch kein Zufall sein.“ 
Zu jedem dieser insgesamt 64 Stücke findet Schornsheim einen indivi- duellen Zugang; die Cembalistin besteht auf differenziertem Gestus und Ausdruck. Außerdem spielt sie virtuos und mit Temperament, was es zu einem großen Vergnügen macht, ihr zuzuhören. 

Emotions (MDG)

Emotions, Gefühle, nannten Alexandra Troussova und Kirill Troussov ihre jüngste CD. Die Geschwister, die sich dem Klavier und der Geige verschrieben haben, offenbaren mit dieser Entscheidung erneut eine Vorliebe für intelligent gestaltete Konzeptalben. Denn schon ihr Debüt bei Dabringhaus und Grimm, mit dem Titel Memories, überraschte mit höchst sachkundiger Musikauswahl – und mit exzellenter musikalischer Qualität. 
Das gilt ohne Einschränkungen auch für Emotions. Auf dieser CD haben die beiden Musiker um die Violinsonate von César Franck und die Sonate für Violine und Klavier in G-Dur von Maurice Ravel noch drei kleinere Werke gruppiert, die aber keineswegs unbedeutend sind. Schon die beiden Stücke zu Beginn, Mélancolie und Andantino quietoso op. 6, machen deut- lich, dass der Organist Franck in seiner Kammermusik nicht nur techni- sche Brillanz, sondern in erster Linie auch die Gabe fordert, wunderbare Melodien ansprechend in Szene zu setzen. 
Die beiden Musiker bescheren dem Zuhörer so manchen Gänsehaut-Moment. Selbst bei größter dramatischer Intensität gelingt es den Troussovs, transparent und klar strukturiert zu spielen. Die Geschwister musizieren schon seit ihrer Kindheit gemeinsam. Sie haben dabei einen Grad an Vertrautheit erreicht, der ihnen unglaubliche agogische Freiheiten ermöglicht – für die Interpretation romantischer Musik ist das ein großes Plus. 
Man höre nur den zweiten Satz von Ravels Sonate, mit dem Titel Blues. Er klingt tatsächlich wie improvisiert. Und die populäre Tzigane wird bei diesem Duo von rasantem Virtuosenfutter zu allerbester, ausdrucks- starker Kammermusik. Vom ersten bis zum letzten Ton überzeugt diese Einspielung mit unerhörtem Farbenreichtum. Da kann man nur staunen – und die hervorragende Aufnahme macht auch das Timbre von Troussovs Brodsky-Stradivari, auf der seinerzeit Tschaikowskis Violinkonzert erstmals gespielt worden ist, und den Klang des legendären Steinway-Konzertflügels „Manfred Bürki“ erlebbar. Rundum erstklassig, unbedingt zu empfehlen! 

Mittwoch, 11. April 2018

Esenvalds: The Doors of Heaven (Naxos)

Mitunter erinnert seine Musik an Arvo Pärt, doch als Nachfolger des weltberühmten Komponisten sehe ich Ēriks Ešenvalds nicht. Die Chorwerke, die auf dieser CD erklingen, verweisen auf eine ganz eigene Klangwelt. Sie lebt weniger aus der Repetition und der Stille und Reduktion als vielmehr aus Klang- flächen und überraschenden harmonischen Effekten. Es ist aber richtig, dass der 1977 geborene Ešenvalds ebenso wie Pärt aus dem Baltikum stammt, jener musikali- schen Wunderkammer Europas, aus der leider viel zu selten Kunde zu uns dringt. 
Vor allem als Komponist von Chormusik hat Ešenvalds international hohes Ansehen errungen. Einige seiner Werke werden hier vom Portland State Chamber Choir unter Leitung von Ethan Sperry gesungen, einem der besten jungen Chöre der USA, vielfach preisgekrönt und ausgezeichnet. 

Ludwig Güttler - Edition Europa (Berlin Classics)

In Vorbereitung auf den 75. Ge- burtstag, den Ludwig Güttler im Juni feiert, hat Berlin Classics nun eine Vier-CD-Box veröffentlicht. Sie fasst noch einmal Werke zusammen, die dem berühmten Trompeter besonders wichtig sind. Das liegt nicht allein an ihrer musikalischen Qualität. Ebenso bedeutsam findet Güttler einen ganz anderen Aspekt der Musik: Sie führt Europa zusammen – und das schon seit Jahrhunderten. 
Unbeeindruckt von politischen Ent- wicklungen, reisten Musiker durch die Lande. Sie lernten voneinander, sie korrespondierten miteinander, und sie tauschten ihre Werke aus. So spielte das Wunderkind Wolfgang Amadeus Mozart unter anderem in Italien, in Paris und in London. „Reisen bereichern Persönlichkeit und Personalstil und wirken so auf die Arbeit des Komponisten an jedem Ort weiter“, unterstreicht Ludwig Güttler. Doch ein Musiker musste nicht unbedingt den mühsamen Weg über die Alpen antreten, um von seinen italienischen Kollegen zu lernen. 
Als Beispiel führt Güttler Johann Sebastian Bach an, der sich bekanntlich längere Zeit in Norddeutschland aufhielt – aber Vivaldis Konzerte mit Hilfe von Partituren erkundete, die sein Weimarer Dienstherr aus Italien mitgebracht hatte. Auch Georg Philipp Telemann war mit der italienischen Musik bestens vertraut, ohne jemals in Italien gewesen zu sein. Seine weiteste Reise führte nach Paris; seine erste Anstellung hatte er in Polen. All diese Eindrücke und Einflüsse spiegeln sich in seinen Werken. 
Gefördert wurde dieser Austausch durch den Adel Europas. In dem Bestreben, dem jeweiligen Hof Glanz zu verleihen und damit das eigene Renommée zu stärken, wetteiferten die Herrscher darum, die besten Musiker zu engagieren. Talente aus dem eigenen Land schickten sie zur Ausbildung bei berühmten Kollegen. So kam der Dresdner Geiger Johann Georg Pisendel zu Antonio Vivaldi nach Venedig, und der Kontrabassist Jan Dismas Zelenka nach Wien, wo er Kontrapunkt und Komposition bei Johann Joseph Fux studierte. 
Musikalisch war Europa schon früh vereint – diese Botschaft vermittelt der Trompeter Ludwig Güttler mit einer Auswahl an Einspielungen, die viele Facetten des kulturellen Austausches hörbar werden lässt. Dabei reicht diese Edition von Bach und dessen Zeitgenossen Vivaldi, Telemann, Pisendel, Zelenka, Neruda und Hasse über Haydn und Mozart bis hin zu Antonín Dvořák, der freilich bis nach Amerika reiste. Aber das ist eigentlich schon wieder ein anderes Kapitel europäischer Geschichte. 

Dienstag, 10. April 2018

Zaderatsky: Piano Works (Hänssler Classic)

Wselowod Petrowitsch Saderatski (1891 bis 1953) gehört zu jenen Komponisten, die Verfolgung und Not durchlitten und dennoch großartige Musik geschrieben haben. Dass er Bürgerkrieg und Stalinzeit überlebt hat, das ist schon an sich ein Wunder. 
Denn Saderatski stammte aus einer russischen Adelsfamilie. Während seines Studiums am Moskauer Konservatorium war Saderatski der Klavierlehrer des Zarensohns und Thronfolgers Alexej Romanow. Und im Bürgerkrieg kämpfte  er unter General Denikin als Offizier der Weißen gegen die Rote Armee. Nach der Gefangennahme rettete Saderatski sein Klavierspiel das Leben - Felix Dsershinski, der Leiter der kommunistischen Geheimpolizei, hörte ihm zu, und schickte ihn dann in die Verbannung. 
Der Lebensweg des Komponisten, ausführlicher nachzulesen in diesem Blog an anderer Stelle, war geprägt von Verfolgung, Haft und Schikane. Selbst wenn er ab 1949 am Konservatorium in Lemberg unterrichten konnte, durfte seine Musik weder im Druck veröffentlicht noch aufgeführt werden. Das Beiheft zu dieser CD-Box ist voll von erschütternden Anekdoten aus jenen Jahren des Grauens. 
Jascha Nemtsov, selbst Sohn eines Gulag-Überlebenden, engagiert sich seit Jahren für die Wiederentdeckung der Musik von Saderatski. Nicht wenige Werke des Komponisten sind leider verloren. In dieser Box stellt Nemtsov auf fünf CD nun die Klaviermusik vor, soweit sie überliefert ist. Enthalten sind, neben den 24 Präludien und Fugen, die Nemtsov bereits separat veröffentlicht hatte, die Zyklen Die Heimat, Die Front und Legenden aus den 40er Jahren, drei Klaviersonaten, 24 Präludien aus dem Jahre 1934, sowie Das Album der Miniaturen, Porzellantassen und Mikroben der Lyrik, entstanden 1929/30. 

Rediscovered Treasures from Dresden (Deutsche Harmonia Mundi)

Der Geiger Robin Peter Müller hat sich mit dem La Folia Barock- orchester an ein außergewöhnliches Projekt gewagt: Die Musiker haben eine komplette CD mit Konzerten veröffentlicht, deren Komponisten unbekannt sind. Chapeau! Denn dieses Album ist wirklich sehr interessant und hörenswert. Die ausgewählte Musik hat durchaus Qualität, auch wenn der Komponist anonym bleibt. 
Was? Man weiß nicht, wer diese Musik komponiert hat?? Aber wie soll man sie dann würdigen – gilt doch seit der Romantik der Künstler als zwar begnadete, aber zumeist auch tragische Figur. Denn der faire Ausgleich für überdurchschnittliche Begabung ist beständiges Leiden. Wer daran zweifelt, der lese nur, was die Zeitung mit den vier Buchstaben tagtäglich über Stars und Sternchen berichtet. 
Das Genie, so das romantische Konzept, ringt seine Werke seiner Seele und auch seiner Biograpie ab, und bei einem großen Künstler wird daher traditionell auch irgend ein großes Defizit vermutet. So entstehen Legenden; man denke nur an die Geschichte vom ewig notleidenden Mozart, der zum Schluss an unbekannter Stelle in einem Armengrab verscharrt worden sei. 
Dass Musiker noch im Barock mitunter ziemlich umfangreich aus Werken von Kollegen zitierten, oder bestimmte Stücke immer wieder neu verwendeten – man denke beispielsweise an Händels Arien oder an Bachs Kantaten – passt aber nicht so recht in dieses Konzept vom Originalgenie. Auch Anonymität verstört, denn in diesem Falle fehlt die enge Verknüp- fung von Urheber und Werk. 
Bei der Erschließung von Archivbeständen sind Werke, die sich nicht einem Komponisten zuordnen lassen, daher ein wenig benachteiligt. Das gilt auch für die Notenbibliothek, die einst in dem berühmten „Schranck No:2“ gefunden wurde und sich heute in der Sächsischen Landesbibliothek – Staats- und Universitätsbibliothek in Dresden befindet. Sie stammt zum großen Teil aus dem Nachlass des Konzertmeisters Johann Georg Pisendel (1687 bis 1755), und enthält eine gewaltige Anzahl von Notenhand- schriften. 
In den Fächern 1 bis 28 befanden sich Werke von Adam bis Zipoli, sorg- sam alphabetisch geordnet. Es folgen drei Fächer mit Sammelhandschrif- ten, ein Fach, dessen Inhalt leider verloren gegangen ist, und dann, in den Fächern 33 bis 40, folgen die Anonyma. Einiges davon konnte die Musikwissenschaft mittlerweile Komponisten zuordnen. Doch es warten noch immer genug Rätsel in diesem Notenbestand – und wer sich damit befassen will, der muss heute auch nicht mehr nach Dresden reisen, über dicken Findbüchern grübeln, und dann darauf warten, im Lesesaal in den Originalen blättern zu dürfen, unter dem wachen Blick des Aufsichts- personals. Heute sind all diese Handschriften im Internet zugänglich, jederzeit und für jedermann. 
Ein wenig wundert man sich da schon, dass nicht mehr Musiker daran gehen, diese Schätze zu heben. Dass sich die Mühe lohnt, zeigt diese CD, die übrigens durchweg Weltersteinspielungen enthält. Bei der Auswahl habe man „zwei Tage lang sämtliche Concerti aus den Handschriften mit dem ganzen Ensemble“ einfach durchgespielt, berichtet Müller. Für fünf Konzerte haben sich die Musiker dann entschieden. 
Das La Folia Barockorchester musiziert mit Präzision und Temperament. Mein persönlicher Favorit ist das Concerto à 5 obligati in F-Dur. Es ist sehr wahrscheinlich zur Zeit August des Starken entstanden. Konzertmeister war damals der Flame Jean Baptiste Woulmyer. Der Amtsvorgänger Pisendels orientierte sich am französischen Vorbild – nachfolgende Generationen schauten eher nach Italien.  

Donnerstag, 5. April 2018

Karg-Elert: Music for Piano and Organ (Toccata Classics)

Beinahe ebenso beliebt wie das Klavier war zur Zeit der Romantik das Harmonium. Und weil es interessante Klangfarben mitbrachte, durfte es nicht nur in so manchem gutbürgerlichen Haushalt Einzug ins Musikzimmer halten. Auch erstaun- lich viele Komponisten schrieben Werke dafür. 
Annikka Konttori-Gustafsson, Piano, und der Organist Jan Lehtola präsentieren auf dieser CD einige Beispiele dafür – und zwar, bis auf das Andante cantabile von Jean Sibelius (1865 bis 1957), durchweg in Weltersteinspielungen. Zu hören sind Sibelius' Schauspielmusik zu Pelléas und Mélisande, bearbeitet für Harmonium und Klavier von Sigfrid Karg-Elert (1877 bis 1933), sowie zwei Zyklen Karg-Elerts für diese Besetzung, Poesien op. 35 und Silhouetten op. 29. 
Musikalisch sind diese Werke ziemlich reizvoll. Allerdings wird der Hörgenuss dadurch etwas getrübt, dass in Finnland, wo die Aufnahmen entstanden sind, kein Kunstharmonium aufzutreiben war. Und deshalb spielt Jan Lehtola auf der Orgel der Sovitutsenkirkko in Hollola. Das moderne Instrument, errichtet von Veikko Virtanen Oy, verfügt über 26 Register auf zwei Manualen und Pedal. Es klingt aber nicht wirklich wie ein Harmonium (das zudem deutlich weniger Register aufbieten könnte). Insofern ist dies tatsächlich eine Orgel-CD, auch wenn Jan Lehtola ziemlich zurückhaltend registriert. 

Dienstag, 3. April 2018

Graupner: Lass mein Herz (Accent)

Schier unerschöpflich scheint der Schatz an Kantaten zu sein, den Christoph Graupner (1683 bis 1760) für Landgraf Ernst Ludwig von Hessen-Darmstadt und dessen Nachfolger geschaffen hat. 
Die Werke, die der Hofkapellmeister komponierte, sind heute nahezu vollständig in der Hessischen Landes- und Hochschulbibliothek zu finden, wo nicht zuletzt unter den mehr als 1.400 Kantaten noch so manches Juwel seiner Wieder- entdeckung harrt. Drei davon, aus Graupners frühen Jahren in Darmstadt, stellt Dorothee Mields mit dem Ensemble Harmonie Universelle auf dieser CD vor. 
Im Jahre 1711 entstanden die Kantaten Ach Gott, wie manches Herzeleid zum ersten Sonntag nach Trinitatis und Reiner Geist, lass doch mein Herz zum Pfingstsonntag. Für den dritten Sonntag nach Trinitatis bestimmt war die Kantate Verleih, dass ich aus Herzensgrund aus dem Jahre 1716. 
Die Texte schrieb Hofbibliothekar Georg Christian Lehm. Er hatte, wie Graupner, in Leipzig studiert und nebenher Libretti für die Leipziger Oper geschrieben. Leider starb er bereits 1717. Graupners Musik deutet die Texte gekonnt aus – allerdings hat er für die (Berufs-)Sängerinnen, die diese Monologe einst vorgetragen haben, nicht nur eindringliche, sondern vor allem auch ziemlich virtuose Stücke geschaffen. 
Dorothee Mields erweist sich als ideale Interpretin für Graupners Kantaten. In den Chorälen gestaltet sie mühelos weite Melodiebögen, und auch die anspruchsvollen Koloraturen, die so manche Arie fordert, gelingen ihr problemlos. Ihre Technik ist makellos; allerdings geht es der Sopranistin nicht vordergründig darum, mit Kehlfertigkeit zu glänzen. In ihrer Interpretation steht stets der Text im Mittelpunkt, und der Zuhörer darf sich freuen, denn man versteht tatsächlich auch jedes Wort. 
Das Ensemble Harmonie Universelle, geleitet von seinen Konzertmeistern Florian Deuter und Mónica Waisman, ergänzt die Kantaten noch durch die Ouvertüren Suite GWV 442, in der besonders die beiden Oboen da caccia einen herausragenden Part spielen, und durch das Concerto g-Moll GWV 334, wo zwei Violinen solistisch agieren. Es sind beides bedeutende Werke, und sie werden meisterhaft gespielt. Unbedingt anhören, diese CD lohnt sich! 

Sonntag, 1. April 2018

Haydn: The Seven Last Words of our Saviour on the Cross (Capriccio)

Noch ein Nachtrag zur Passionszeit: Einspielungen von Joseph Haydns Passionsmusik Die sieben letzten Worte unseres Erlösers am Kreuz gibt es in großer Zahl – aber eine der schönsten und zugleich eine der unbestrittenen Referenzen ist im vergangenen Jahr bei Capriccio digital remastered wieder erschienen. Entstanden ist sie 1992 als Live-Mitschnitt eines Konzertes mit den Camerata Salzburg – das Ensemble hieß damals noch Camerata Acade- mica des Mozarteums Salzburg – unter Leitung von Sándor Végh. 
Der ungarische Violinist, ein Schüler von Jenö Hubay, kam 1972 als Professor für Geige an das Mozarteum. Er musizierte mehrfach mit den Camerata, und 1978 wurde er zum künstlerischen Leiter des Ensembles gewählt, dem er dann bis zu seinem Tode 1997 vorstand. Végh war ein Musiker von Format. Das zeigt sich auch in dieser Aufnahme, mit ihrer ganz erstaunlichen Eindringlichkeit und Intimität. Welche Klarheit der Strukturen! Man meint mitunter, ein Streichquartett zu hören, doch in diesem Falle musiziert tatsächlich ein Kammerorchester. Auch wenn man dieses Werk heute wahrscheinlich ganz anders spielen würde, lohnt es sich unbedingt, diese Aufnahme anzuhören. Faszinierend! 

Duo Gurfinkel Concertante (Cavi-Music)

Gute Laune haben mir die Zwillings- brüder Daniel und Alexander Gurfinkel mit ihrer Debüt-CD beschert. Sie sind Klarinettisten in der dritten Generation; schon ihr Großvater Arkadi Gurfinkel war ein Klarinettenvirtuose, und ihr Vater Michael Gurfinkel musiziert als Solo-Klarinettist im Israel Symphony Orchestra und an der Israeli Opera. 
Auf dieser CD präsentieren Daniel und Alexander Gurfinkel Virtuosenmusik für Klarinettenduo und Sinfonieorchester; begleitet werden sie vom Philharmonischen Orchester des Staatstheaters Cottbus unter Leitung seines experimentier- freudigen GMD Evan Alexis Christ. Zu hören sind Introduction et Rondo capricciosa a-Moll op. 28 von Camille Saint-Saëns, das Duo Concertant op. 33 von Carl Baermann, das Divertimento Il Convegno op. 76 von Amilcare Ponchielli, die Carmen-Fantasie von Georges Bizet, eine Suite aus Romeo und Julia von Sergej Prokofjew, und eine Fantasie über das Thema aus Rhapsodie in Blue von George Gershwin, durchweg in ansprechenden Arrangements. Etliche davon hat Eugene Levitas geschrieben. 
Den beiden Solisten geben diese Bearbeitungen Gelegenheit, sowohl Brillanz als auch Musikalität zu beweisen. Ihr Zusammenspiel ist exquisit, und Sinn für Humor haben sie offensichtlich auch. So ist diese CD vom ersten bis zum letzten Ton ein Genuss – mir hat diese Einspielung großes Vergnügen bereitet. 

Samstag, 31. März 2018

Bach: Johannes-Passion (Naxos)

„Klänge, die atmen“, lautet das Motto des Bachchores Mainz. Das Ensemble, das seit 32 Jahren von Ralf Otto geleitet wird, hat nun erstmals die Johannes-Passion von Johann Sebastian Bach eingespielt. Die Aufnahme, an der auch das Bachorchester Mainz mitgewirkt hat, ist geprägt durch Ottos bewährten Leitsatz: „Historisch informiert, aber zeitgemäß interpretiert“. 
So ist diese Interpretation gleicher- maßen dramatisch wie berührend, pulsierend und lebendig, klanglich transparent, aber dabei beseelt und ausgewogen. Derart mitreißend hat man Bachs Werk lange nicht gehört. Otto verzichtet auf übertriebene Schroffheit und auf Manierismen, die man bei „Alte“-Musik-Ensembles leider mittlerweile häufig wahrnimmt (und oftmals als nervig empfindet). Im Mittelpunkt steht hier klar Bachs Musik, die konsequent darauf befragt wird, was sie uns heute zu sagen hat. 
Auch das Solistenensemble überzeugt. Georg Poplutz gestaltet den Part des Evangelisten gekonnt und mit großer Klarheit. Yorck Felix Speer ist als Jesus zu hören. Die Arien singen Julia Kleiter, Gerhild Romberger, Daniel Sans und Matthias Winckhler. 
Eine Besonderheit der vorliegenden Aufnahme ist die Ergänzung der Partiturversion des Jahres 1749, die als Bachs finale Fassung gilt, um die zusätzlichen Sätze der abweichenden Partiturversion von 1725. Sie wurden der Einspielung angehängt. So kann vergleichen, wer das möchte. Und noch eine erfreulíche Nachricht zum Schluss: In den kommenden Monaten will der Bachchor Mainz noch Bachs Weihnachtsoratorium, die Matthäus-Passion und die h-Moll-Messe einspielen. Da zu erwarten ist, dass diese Aufnahmen von ähnlich hoher Qualität sind wie die der Johannes-Passion, darf man darauf schon heute sehr gespannt sein.

Freitag, 30. März 2018

Vivaldi: Gloria (Decca)

Barocke Kirchenmusik stellt oftmals hohe Anforderungen an die Sänger. Das gilt auch für die Werke von Antonio Vivaldi (1678 bis 1741), die Decca jüngst auf diesem Album vorgestellt hat. Das Gloria RV 589, mit seinen schwungvollen Chören, gehört zu den bekannten Kompositionen des Musikers; es wird vermutet, dass er es für die Mädchen des Ospedale della Pietà schrieb, als Venedig 1716 den Sieg über die Türken feierte. Wenn diese These stimmt, dann muss man allerdings fragen, wieso der Chor in diesem Falle kein reiner Frauenchor ist. Egal – in jedem Falle ist dieses beliebte Werk auf dieser CD zu hören. Und die Besetzung ist grandios: Es singen Julia Lezhneva und Franco Fagioli, sowie der Coro della Radiotelevisione Svizzera, und es musiziert das Ensemble I Barocchisti unter Leitung von Diego Fasolis. Ausgewiesene Barockspezialisten also sind hier versammelt, was sich vor allem auch bei den beiden anderen sakralen Meisterwerken zeigt, die auf dieser CD erklingen. 
Nisi Dominus RV 608, eine Vertonung des 127. Psalms, gibt dem Countertenor Franco Fagioli Gelegenheit zu ausdrucksstarkem Gesang. Der argentinische Sänger beeindruckt einmal mehr mit seiner enorm umfangreichen, beweglichen und obendrein farblich flexiblen Stimme. Jede Passage formt er perfekt, sei sie noch so schwierig, und jede Verzierung sitzt. 
Ähnliches lässt sich über Julia Lezhneva sagen. Sie singt die Solo-Motette Nulla in mundo pax sincera RV 630, bei der Vivaldi fromme Verse höchst raffiniert und extravagant musikalisch gestaltet hat. Insbesondere das abschließende Alleluia mit seiner instrumentalen Stimmführung erweist sich als Herausforderung. Die Sopranistin meistert alles so strahlend und locker, dass man nur staunen kann. Traumhaft! 

Romantic Viola Sonatas (Naxos)

Eine exzellente junge Musikerin stellt sich vor: Hiyoli Togawa, Schülerin von Antoine Tamestit, legt bei Naxos ihr Debütalbum vor. Die Wahl-Berlinerin, die wichtige Wettbewerbe gewonnen hat, ist als Solistin auf bedeutenden Konzertpodien mittlerweile sehr gefragt. 
Auf dieser CD präsentiert sie sich allerdings als leidenschaftliche Kammermusikerin mit Werken der Romantiker George Onslow (1784 bis 1853), Felix Mendelssohn Bartholdy (1809 bis 1847) und Johann Wenzel Kalliwoda (1801 bis 1866). Dabei musiziert sie gemeinsam mit ihrer langjährigen Klavierpartnerin Lilit Grigoryan. 
Die beiden Sonaten von Onslow und Mendelssohn zeichnen sich dadurch aus, dass das Klavier in diesen Werken einen gewichtigen Part übernimmt. So treten die Musikerinnen in einen Dialog, der beide durchaus umfassend zu Wort kommen lässt – und den sie ebenso präzise wie sensibel gestalten. Besonders zu rühmen ist ihr feinsinniges Zusammenspiel, wie aus einem Puls und einem Gedanken. Ein Debüt, das rundum begeistert! 

Mittwoch, 28. März 2018

Schütz: Johannespassion (Carus)

Mit der Johannespassion komplet- tiert der Dresdner Kammerchor unter Hans-Christoph Rademann seine Einspielung der drei Passionen von Heinrich Schütz. Die zentrale Gestalt in diesem A-Cappella-Werk ist der Evangelist, der die Passionserzählung rezitierend vorträgt, oftmals im Wechselgesang mit dem Sänger, der den Part des Jesus gestaltet. Auch dieser hat an musikalischen Mitteln kaum mehr zur Verfügung als eine Art Psalmodie. Als Solisten sind in diesen Partien Jan Kobow und Harry van der Kamp zu hören; sie singen schlicht, ganz auf den Text bezogen, und ausdrucksstark. 
Der Chor eröffnet und beschließt die Passion; aus ihm treten die Soliloquenten hervor, wie Pilatus, Petrus sowie die Knechte und die Magd des Hohepriesters. Ihm obliegen aber vor allem auch die zumeist kurzen Turbae-Chöre. Schütz gestaltete sie kantig und dramatisch: Die Meinungsführer schreien los, und die anderen stimmen ein. Hier hat der Dresdner Kammerchor einen starken Auftritt. Mit seinem beeindruckend homogenen Chorklang und seiner konsequenten Orientierung am Sprachgestus gelingt ihm eine Interpretation, die dauerhaft Maßstäbe setzt. 
Die Einspielung erhielt vollkommen zu Recht den Jahrespreis der Deutschen Schallplattenkritik. Ergänzt wird das Programm durch zwei Erstaufnahmen – eine Vertonung der Deutschen Litanei Martin Luthers und die Abensmahlsmotette Unser Herr Jesus Christus in der Nacht, da er verraten ward – sowie den Evangeliendialog Ach Herr, du Sohn Davids. Dabei werden die Sänger durch Lee Santana, Theorbe, Frauke Hess, Violone, und Ludger Rémy, Orgelpositiv, begleitet. 

Mittwoch, 21. März 2018

Bach meets Vivaldi - Lautten Compagney Berlin ( K&K)

Wenn man diese Aufnahme aus der Edition Kloster Maulbronn angehört hat, weiß man, warum das Sprich- wort sagt, der Himmel hänge voller Geigen. Die Lautten Compagney Berlin war am 26. Mai 2017 zu Gast in der Klosterkirche – und spielte gemeinsam mit Julia Schröder unter dem Titel „Bach meets Vivaldi“ einige der schönsten Violinkonzerte überhaupt. 
Das Programm beginnt mit dem berühmten Doppelkonzert in d-Moll BWV 1043 von Johann Sebastian Bach, als Solisten sind Birgit Schnurpfeil, die Konzertmeisterin der Lautten Compagney, und Julia Schröder zu hören. Die Freiburger Violinprofessorin spielt auch die Soloparts der beiden anderen Bach-Konzerte BWV 1041 und 1042. Im Programm wechseln sie sich ab mit Violinkonzerten von Antonio Vivaldi. Und hier sind zunächst alle Streicher Solisten, denn das Concerto in h-Moll RV 580 für vier (!) Violinen, zwei Violen, Violoncello und Basso Continuo aus der Sammlung L'Estro Armonico hält für alle Beteiligten höchst anspruchsvolle Aufgaben bereit. 
Das Concerto in d-Moll RV 565 für zwei Violinen, Violoncello, Streicher und Basso continuo gestalten Birgit Schnurpfeil und Matthias Hummel. Es ist sehr interesssant, diese Werke neben Bachs Konzerten zu hören, denn dieser hat sich mit Vivaldis Musik sehr eingehend beschäftigt – das Konzert RV 565 hat Bach sogar für die Orgel bearbeitet (BWV 596). 
Das g-Moll-Konzert RV 157 folgt noch der ursprünglichen Idee der damals neuen Gattung, ein Streicherorchester mit Basso continuo musizieren zu lassen. Das gelingt traumhaft. Und daher sollen an dieser Stelle auch die weiteren Mitwirkenden benannt werden: Daniela Gubatz, Violine, Bettina Ihrig, Viola, Magdalena Schenk-Bader, Violine/Viola, Ulrike Becker, Violoncello, Alf Brauner, Kontrabass, Johannes Gontarski, Laute und Elina Albach, Cembalo. 
Musiziert wird durchweg kammermusikalisch und in historischer Aufführungspraxis – engagiert, sehr präzise, aber auch ausgesprochen lustvoll, lebendig und abwechslungsreich. Kurzum: Es war ein rundum gelungenes Konzert. Und es wurde in gewohnt exzellenter Qualität mitgeschnitten. Unbedingt anhören, diese Aufnahme ist wirklich hinreißend! 

Montag, 19. März 2018

Comedian Harmonists (Hänssler Profil)

Nahezu hundert Aufnahmen mit den Comedian Harmonists weist der Katalog ihrer Plattenfirma Electrola aus. Das Ensemble war 1928 ent- standen, in wirtschaftlich schwieriger Zeit – und fast ein Jahr lang dauerte es dann, bevor in ganz Deutschland schließlich der Durchbruch gelang. Harry Frommermann, Robert Biberti, Ari Leschnikoff, Roman Cycowski, Erich Collin und der Pianist Erwin Bootz waren Stars; sie sangen vor ausverkauften Häusern und wurden weltweit gefeiert. 
Das Ende dieser Erfolgsgeschichte kam 1935, als drei „Nichtarier“ mit Auftrittsverbot belegt wurden, und Deutschland verließen. Noch bis 1949 gab es Nachfolge-Gruppen, die aber allesamt nicht das Format des Originals hatten. 
Noch heute sind Lieder wie Wochenend und Sonnenschein oder Veronika, der Lenz ist da bekannt und beliebt. Und so habe ich mich gefreut, als das Label Profil eine Kollektion ihrer Hits auf zwei CD veröffentlichte. Die Freude aber hielt nicht lange vor. Zum einen befindet sich auf der ersten CD ein dicker Kratzer, der dafür sorgt, dass einige Titel nicht angehört werden können. 
Zum anderen hat das Unternehmen diesmal das Beiheft eingespart. An Informationen sind wirklich nur die Titel der Songs verfügbar – es gibt keine Aufnahmedaten, keine Hinweise auf die genutzten Platten, keine Angaben zu Komponisten und Textautoren, keinerlei biografische Anmerkungen. Und das ist wirklich enttäuschend. Wer nur eine Playlist haben möchte, der kann sich diese ganz sicher auch anderweitig zusammenstellen. 

Unvergänglichkeit - Michaela Schuster (Oehms Classics)

Unvergänglichkeit nannte Erich Wolfgang Korngold seinen Liederzyklus, und Michaela Schuster wählt Zyklus und Idee zum Kern des Programmes für ihre zweite CD, die jüngst bei Oehms Classics erschienen ist. Die Mezzosopranistin hat offenbar ein Faible für das große Thema Zeit – ihre erste CD mit dem Titel Morgen! und mit Liedern von Johannes Brahms, Robert Schumann, Max Reger und Richard Strauss begeisterte ebenfalls bereits durch ein kluges Konzept. 
Nun folgt also das zweite Album, und hier sind Lieder von Gustav Mahler, Max Reger Kurt Weill in Korngolds Zyklus quasi hineingeflochten. Sie ergänzen diese Liederfolge, und setzen mitunter nachdenkliche, mitunter auch kecke Akzente. Dieses Programm ist rundum schlüssig, und zugleich überraschend und extravagant. Ähnliches lässt sich über den Liedvortrag von Michaela Schuster sagen. 
Die Sängerin gestaltet jedes einzelne Lied mit großer Sorgfalt, und mit brillanter Technik und Artikulation. Man versteht wirklich jedes Wort, und man kann jeden musikalischen Gedanken nachvollziehen. Das macht diese CD zum Erlebnis – und in Matthias Veit hat die Mezzosopranistin zudem einen exzellenten Liedbegleiter an ihrer Seite. Großartig! 

Sonntag, 18. März 2018

Händel: Tu fedel? Tu costante? (Challenge Classics)

In einem Manuskript, das um 1770 zusammengestellt wurde und sich heute in der Musikaliensammlung Ton Koopmans befindet, wurde eine bislang unbekannte Version einer Kantate von Georg Friedrich Händel aufgespürt: Tu fedel? Tu costante? HWV 171a weicht erheblich von der bislang bekannten Fassung HWV 171 ab. 
Es wird vermutet, dass Händel diese Kantate auf seiner Italienreise in Venedig oder in Florenz komponierte – und als sie 1707 in Rom aufgeführt werden sollte, hatte er die Noten nicht mehr, und musste sich noch einmal an die Arbeit machen. Das Ergebnis unterscheidet sich erheblich von der älteren Variante, was eine ziemliche Sensation darstellt. Zumal bislang unbekannte Kompositionen Händels aus seiner Zeit in Italien ohnehin nur noch sehr selten entdeckt werden. 
Auf dieser CD ist die Kantate nun erstmals in der neu aufgefundenen Fassung zu hören, gemeinsam mit weiteren Kantaten aus Händels frühen Jahren sowie zwei auserlesenen Kammerduetten. Ton Koopman musiziert mit dem Amsterdam Baroque Orchestra. Es singen die kubanische Sopranistin Yetzabel Arias Fernandez und Bassbariton Klaus Mertens. 

Lassus: St Matthew Passion (Naxos)

Passionsmusiken haben eine lange Tradition. Eine der schönsten Vertonungen der Matthäus-Passion aus dem 16. Jahrhundert stammt von Orlando di Lasso (1532 bis 1594). Er schuf insgesamt vier Passionen für die Münchner Hofkapelle, die unter anderem für die Kirchenmusik am Hofe des Herzogs Albrecht V. zuständig war. 
In dieser Einspielung stellt Bo Holten mit seinem Ensemble Musica Ficta die Matthäus-Passion vor. Das lohnt sich durchaus, denn dieses Werk zeichnet sich durch beeindruckende Klangpracht ebenso aus wie durch Glaubenstiefe. Orlando di Lasso verknüpfte darin die althergebrachten gregorianischen Melodien mit polyphonen Gesängen. Das Solistenensemble Musica Ficta singt durchweg grandios; namentlich erwähnt seien an dieser Stelle aber Torsten Nielsen, in der Partie des Evangelisten, und Lauritz Jakob Thomsen als Jesus. 
Die eigentliche Passionserzählung ergänzte Bo Holten außerdem durch sorgsam ausgewählte Motetten und geistliche Madrigale des Renaissancekomponisten. „I hesitate to call this a ,reconstruction' of how Lassus' Passion may have sounded in 1575 Munich – which, in any case, we know very little about – but I think it might be a way of making Lassus' wonderful music accessible to a modern audience, making its natural and reticent telling of the story easy and appealing to follow“, kommentiert Holten seine Entscheidung im Beiheft. „Several years of performing it also confirms my belief in conveying its deeply felt contents successfully in this way.“ 

Samstag, 17. März 2018

Easter Celebration at St. Mark's in Venice 1600 (Brilliant Classics)

So könnte die Musik zur Ostermesse im Markusdom zu Venedig um das Jahr 1600 geklungen haben. Das Ensemble San Felice, dirigiert von Federico Bardazzi, musiziert gemeinsam mit dem Coro Ensemble Capriccio Armonico, der von Gianni Mini geleitet wird. An der Orgel ist Dimitri Betti zu hören. 
Die Aufnahme ist zugleich ein Beitrag zum 450. Geburtstag von Claudio Monteverdi (1567 bis 1643), der im vergangenen Jahr festlich begangen wurde. So alternieren in diesem Programm Sätze aus Monteverdis Messa a 4 da cappella SV 257 aus dem Selva morale e spirituale und Instrumentalmusik von Giovanni Gabrieli sowie Giovanni Paolo Cima. Komplettiert wird die Rekonstruktion der Liturgie durch einige gregorianische Gesänge. 
Es ergibt sich das Bild einer Messe, die nicht nur feierlich begangen, sondern dabei auch ausgesprochen üppig musikalisch ausgestaltet wurde. Allerdings sind sich die Mitwirkenden, was die Tempi angeht, leider nicht immer ganz einig. Und die Singstimmen klingen nach Oper, nicht nach „Alter“ Musik, was das Vergnügen an dieser Einspielung mitunter etwas schmälert. 

Anton & Paul Wranitzky (Sony)

Konzerte von Paul Wranitzky (1756 bis 1808) und Anton Wranitzky (1761 bis 1820) präsentieren die georgische Geigerin Veriko Tchumburidze und die Schweizer Cellistin Chiara Enderle auf dieser CD. 
Es handelt sich in beiden Fällen um Weltersteinspielungen – was die beiden jungen Musikerinnen, die bei diesem Aufnahmeprojekt von der Orpheum-Stiftung zur Förderung junger Solisten unterstützt wurden, als Privileg, aber auch als große Herausforderung wahrgenommen haben. 
„Wenn wir Interpreten unsere Stücke einstudieren, profitieren wir häufig von der schnellen Verfügbarkeit der Werke, Interpretationen und Aufnahmen. Dies bedeutet, dass wir schließlich mehr als genügende – fast unbewusste und ungewollte – Vorstellungen von der Aufführungspraxis des jeweiligen Werkes haben“, räumt Veriko Tchumburidze ein. „Ohne diesen Zugriff sind wir uns jedoch selbst überlassen. Dies brachte mich dazu, mich selbst zu fragen, wie der seinerzeit umjubelte Violinvirtuose Wranitzky sein eigenes Meisterwerk wohl aufgeführt hätte. Was hätte er mir gesagt, wenn ich im Wien seiner Zeit gelebt und ihm dieses Konzert vorgespielt hätte? Es war für mich enorm bereichernd, über diese Fragestellungen nachzudenken.“ 
Das Cellokonzert von Paul Wranitzky ist „ein extrovertiertes, virtuoses Werk, das mich am ehesten an die Cellokonzerte von Haydn und Boccherini erinnert. Ich konnte kaum glauben, dass ich noch nie auf dieses charmante Stück gestoßen war“, schreibt Chiara Enderle. „Es ist ein ehrgeiziges Werk, ziemlich lang und sehr anspruchsvoll für den Solisten. Bei der Arbeit daran (..) habe ich großen Respekt vor den Cello-Virtuosen der damaligen Zeit gewonnen – sie müssen wirklich ,was drauf gehabt' haben!“ 
Die beiden Solistinnen musizieren sehr engagiert gemeinsam mit dem Münchener Kammerorchester, das unter Leitung von Howard Griffiths ausgesprochen temperamentvoll begleitet. Mit Paul Wranitzkys Sinfonie D-Dur op. 16 Nr. 3 setzt das Ensemble auch noch einen eigenständigen Akzent. 

Freitag, 16. März 2018

Karlrobert Kreiten - Historical Recordings (Cavi-Music)

Diese CD stellt einen Pianisten vor, dessen künstlerische Laufbahn brutal ein Ende fand: In der Nacht vom 7. zum 8. September 1943 wurde Karl- robert Kreiten in Berlin-Plötzensee hingerichtet. 
Der junge Musiker hatte unter dem Eindruck von Stalingrad in einem privaten Gespräch Hitler als einen Wahnsinnigen bezeichnet, dessen Bild man besser von der Wand abnehmen sollte. Der Krieg, so Kreiten, sei praktisch schon verloren – und er werde zum vollständigen Untergang Deutschlands und seiner Kultur führen. 
Eine Freundin seiner Mutter zeigte Kreiten an. Er wurde wenig später von der Gestapo verhaftet und wegen Wehrkraftzersetzung und Feindbegünsti- gung zum Tode verurteilt. Nicht einmal durch Gnadengesuche und durch Interventionen berühmter Kollegen, wie Wilhelm Furtwängler, ist es gelungen, ihn zu retten. 
Bei der Vorbereitung auf ein Gedenkkonzert zum hundertsten Geburtstag von Karlrobert Kreiten im Jahre 2016 fand Tobias Koch einige bislang unbekannte Tonaufnahmen des Pianisten. Auch wenn der technische Zustand der meisten dieser Aufzeichnungen offenbar unglaublich schlecht war, ist es Karsten Lehl, der Restauration und Mastering übernommen hat,  doch gelungen, Erstaunliches wieder hörbar zu machen. 
Es sind private Aufnahmen, und Tobias Koch räumt ein, dass Kreiten selbst mit dieser Veröffentlichung kaum einverstanden gewesen wäre. „Wir haben uns dennoch dazu entschieden, denn hinter dem aufnahmetechnischen Schleier der behutsam restaurierten Aufnahmen verbirgt sich eine hochsensible jugendliche Meisterschaft, die in ihrer ebenso strukturbewussten wie schwerelosen Gestaltungskraft damals wie heute zugleich überrascht wie überwältigt“, schreibt Koch. Mein ganz persönlicher Favorit auf dieser CD ist Othmar Schoecks Toccata op. 29 Nr. 2 – ganz große Klavierkunst, noch heute atemberaubend. 
Es erklingt sogar die Stimme Karlrobert Kreitens, in unverkennbar rheinischem Tonfall. Der Pianist kam in Bonn zur Welt; aufgewachsen ist er in Düsseldorf, wo er als Zehnjähriger in der Tonhalle debütierte. Bekannt wurde Karlrobert Kreiten, als er 1933 beim Internationalen Klavierwettbewerb in Wien als einer der jüngsten Teilnehmer mit einer silbernen Ehrenplakette ausgezeichnet wurde. Kurz darauf gewann er in Berlin den Mendelssohn-Preis. 
Der junge Pianist studierte in Köln und in Wien, und lernte dann von 1937 bis 1940 in der Berliner Meisterklasse von Claudio Arrau. Er gab zahl- reiche Konzerte; so musizierte er zweimal mit den Berliner Philharmoni- kern. „Karlrobert Kreiten war eines der größten Klaviertalente, die mir persönlich je begegnet sind“, urteilte sein Lehrer noch viele Jahre später. „Er hatte eine erstaunliche Leichtigkeit, es gab keine Schwierigkeiten für ihn; was er machte, hatte immer einen musikalischen Sinn. Er war immer ein Künstler, nicht ein Virtuose.“ 

Donnerstag, 15. März 2018

Leonard Bernstein - Marin Alsop: The Complete Naxos Recordings (Naxos)

Naxos ehrt Leonard Bernstein (1918 bis 1990). Das Label hat sich für den hundertsten Geburtstag des Komponisten und Dirigenten ein ganz besonderes Geschenk einfallen lassen: Es fasst die Bernstein-Einspielungen von Marin Alsop in einem Schuber zusammen. 
Die Dirigentin, Jahrgang 1956, ist Bernstein ganz besonders verbunden. Diese enge Beziehung begann bereits in ihrer Kindheit, berichtet Alsop: „Seeing him conduct when I was only nine years old at a New York Philharmonic Young People's Concert convinced me that conducting was the only thing in the world that I want to do. That alone would have been enough of a gift; but then at the age of 31, he took me under his wing and imparted to me the heart and soul of the craft.“ 
Bernstein trug dazu bei, dass sich Marin Alsop als Dirigentin etablieren konnte. Das war seinerzeit ein Tabubruch. Man kann es sich heute kaum noch vorstellen, aber das Dirigentenpult war eine Männerbastion. Marin Alsop war die erste Frau überhaupt, die zur Chefdirigentin eines Klangkörpers von Weltrang berufen wurde. Sie war auch die erste Frau, die die Last Night of the Proms dirigierte. 
Zur Musik ihres Mentors Leonard Bernstein hat Marin Alsop eine beson- ders enge Beziehung. So hat sie mit dem Baltimore Symphony Orchestra sämtliche Sinfonien des Komponisten eingespielt. Die Aufnahmen sind in dieser fabelhaften Box ebenso zu finden, wie Bernsteins ziemlich unkonventionelle Messen. Zu hören sind, neben bekannten Hits wie dem Mambo aus West Side Story oder der Ouverture zu Candide, auch etliche Raritäten, teilweise sogar in Weltersteinspielungen. Als Zugabe enthält die Box die preisgekrönte DVD-Dokumentation „Leonard Bernstein – Larger than Life“ von Georg Wübbolt. 

Mittwoch, 14. März 2018

Jacquet de La Guerre: Violin Sonatas (Pan Classics)

Italienisches Temperament und französische Eleganz vereinen die Violinsonaten von Élisabeth-Claude Jacquet de La Guerre (1665 bis 1729). Die Musikerin war die Tochter eines Organisten; sie spielte bereits als Fünfjährige vor dem Sonnenkönig Ludwig XIV., und wurde von diesem sowie von seiner Mätresse Madame de Montespan finanziell unterstützt und in ihrem Schaffen gefördert. 
1684 heiratete Élisabeth Jacquet den Organisten Marin de La Guerre. Sie galt als beste Cembalistin, Organistin und Komponistin ihrer Zeit, „la première musicienne du monde“, wie Zeitgenossen begeistert schrieben; der Mercure galant nannte sie „la merveille de nostre Siecle“
Die spanische Barockgeigerin Lina Tur Bonet hat die Violinsonaten der französischen Musikerin erkundet – und zeigt sich begeistert: „Deseo así rendir tributo a esta nueva Jacquet de La Guerre que reaparece con madurez, reflexión y sabiduría, regalándonos a los violinistas una de las más exquisitas y aún poco conocidas páginas que nuestro repertorio, ya de por sí tan extenso y magnífico, posee.“ Gemeinsam mit dem Gambisten Patxi Montero und mit dem Cembalisten Kenneth Weiss stellt die Geigerin auf dieser CD die sechs Sonaten vor, die Jacquet de La Guerre 1707 veröffentlicht hat – und die mitunter erstaunlich modern wirken. 
Das liegt ganz sicher mit daran, dass sich die Komponistin um Konventio- nen wenig geschert hat. So sind diese Sonaten reich an originellen harmo- nischen Wendungen, kühner Chromatik und eigenwilligen Melodien. Faszinierend! 

Dienstag, 13. März 2018

Bach: Johannespassion (Berlin Classics)

Bachs Johannespassion erklang am Karfreitag 2017 in der Dresdner Frauenkirche. Der Live-Mitschnitt ist nun bei Berlin Classics erschienen. Frauenkirchenkantor Matthias Grünert stand bei diesem Konzert neben dem Kammerchor der Frauenkirche und dem Ensemble Frauenkirche Dresden ein exzellentes Solistenensemble zur Verfügung. 
Dabei fällt besonders Tilman Lichdi auf, der mit seinem leichten, beweglichen, angenehm timbrierten Tenor sowohl als Evangelist als auch in den Arien überzeugt. Zu hören sind zudem Camilla Nylund, Sopran, Nicole Pieper, Alt, Andreas Scheibner, Bass, und Falko Hönisch als Vox Christi
Grünert lässt flott und leichtfüßig musizieren; seine Lesart vermeidet das Pathos (wenn es nicht gerade um die Choräle geht), und bleibt insgesamt sehr an der klangschönen Oberfläche. Auch fehlt es dem kleinen Chor mitunter an Schwung, Biss und Prägnanz. So ist diese Aufnahme wirklich nett, aber letzten Endes nicht besonders ergreifend. Schade. 

Nowowiejski: Quo vadis (cpo)

Nach den Orgelwerken ist nun auch ein bedeutendes Oratorium aus der Feder von Feliks Nowowiejski (1877 bis 1946) zu entdecken. Quo vadis beruht auf dem gleichnamigen Roman von Henryk Sienkiewicz. Entstanden ist das Werk 1903, und obwohl das Oratorium eine enorm umfangreiche Besetzung mit drei Solisten, einem kopfstarken Chor, Orgel und großem Orchester benötigt, wurde es ein Hit. Mehr als 200 Mal erklang es innerhalb von 30 Jahren in ganz Europa sowie in Amerika. 
Dann ist es in Vergessenheit geraten, wie so manches andere monumenta- le Werk aus jener Zeit. Zum 70. Todestag des Komponisten hat der polnische Dirigent Łukasz Borowicz das Oratorium mit der Philharmonie Poznań, dem Organisten Sławomir Kamiński, hervorragenden Solisten und dem Chor der Podlachischen Oper und Philharmonie Białystok erstmals wieder aufgeführt. 
Die Einspielung ist bei cpo auf einer Doppel-CD erschienen – und sie lässt noch heute ahnen, warum Quo vadis einst so erfolgreich war. Dieses Oratorium lebt vor allem von großartigen Chören, und von musikalischer Leidenschaft. Gleich am Anfang kann man hören, wie Rom brennt. Nicht nur diese Szene hat Filmmusik-Qualitäten. Auch sonst weiß Nowowiejski Klangeffekte geschickt und höchst wirksam einzusetzen. 
Borowicz zeigt, wie viele Facetten diese ausdrucksstarke Musik hat. Zu loben sind vor allem auch die Chorsänger, die ihren gigantischen Part kraftvoll bewältigen – bis hin zum Schlusschor, der eigentlich umfangreich genug wäre für eine separate Aufführung. Respekt! 

#hornlikes (Genuin)

„Die Hörner sind los!“, warnt das Leipziger Label Genuin Classics. Nachdem sie bisher immer gemeinsam mit anderen Ensembles zu hören waren, haben die Musiker von German Hornsound nun zum ersten Mal eine CD eingespielt, auf der sie pur zu erleben sind. Das darf man durchaus wörtlich nehmen. Denn das Hornquartett hat dafür Lieblingsstücke seiner Mitglieder neu arrangiert. 
Das ermöglicht interessante Eindrücke – egal, ob Sebastian Schorr Händels populäre Arie Lascia ch'io pianga einmal auf dem Horn spielen möchte, Stephan Schottstädt die ebenso berühmte Englischhorn-Melodie der Sinfonie Aus der Neuen Welt von Antonín Dvořák erkundet, Christoph Eß die Trompetenklänge aus dem Finalsatz des zweiten Brandenburgischen Konzertes von Johann Sebastian Bach auf das Horn verlegt, oder Timo Steininger den Meditango von Astor Piazzolla. Jeder Musiker durfte drei Favoriten für diese CD auswählen. Und es gibt, von Händels Wassermusik bis zu Verdis Messa da Requiem und von Alessandro Marcellos Oboenkonzert bis hin zu Bruckners Chorälen, eigentlich kein einziges Werk, das nicht mindestens so schön klingt wie im Original, wenn es derart gekonnt durch vier Hörner vorgetragen wird. 
Und weil es so schön ist, hatte auch das Publikum drei #hornlikes frei. Es entschied sich für Melodien von Richard Wagner, Franz Schubert und Engelbert Humperdinck. Eigens für Tonmeister Michael Silberhorn, der „es gerne hat, wenn es mal ein bisschen schmettert“, erklingt dann zum Schluss noch ein Chor aus Carl Maria von Webers Freischütz. Hinreißend! 
Die Edel-Blechbläser von German Hornsound entlocken ihren Instrumen- ten ebenso farben- wie nuancenreiche Klänge. Sie demonstrieren, dass mit dem Horn gefühlvolle Melodielinien genauso selbstverständlich gestaltet werden können wie rhythmische Fundamente. Von ätherisch bis groovig sind alle Optionen möglich – Horn grandios! 

Mittwoch, 28. Februar 2018

Season - Lalá Vocalensemble (Hänssler Classic)

Was für ein Sound! Das international preisgekrönte Gesangsquartett Lalá begeistert durch einen unver- wechselbaren Klang – glasklar, harmonisch und perfekt aufeinander eingestimmt. Das neue Album der vier Österreicher heißt Season, und es bietet viel Abwechslung. Denn das Programm reicht vom schwedischen Volkslied über geistliche Musik bis hin zum sanften Pop. Bei letzterem werden die Vokalisten Ilia Staple, Julia Kaineder, Peter Chalupar und Mathias Kaineder durch Georg Haselböck unterstützt, der seinen Part als lebendiges Schlagzeug ebenfalls brillant ausfüllt. Rundum ein Hörvergnü- gen! 

Monteverdi: Madrigali (Brilliant Classics)

Monteverdi XL ist nun vollständig: Mit einer Neueinspielung der Libri V und VI schließt das Ensemble Le Nuovo Musiche unter Leitung von Krijn Koetsveld seine Gesamtauf- nahme der Madrigalbücher von Claudio Monteverdi (1567 bis 1643) ab. 
In den acht zu Lebzeiten den Komponisten veröffentlichten Madrigalbüchern lässt sich der Übergang von der strengen Polyphonie („stile antico“) zu den erweiterten harmonischen Möglichkeiten der „nuova pratica“ nachvollziehen. Es ist ein wichtiger Schritt auf dem Wege von der Renaissance zum Barock. Ein neuntes Buch, das nach dem Tode Monteverdis erschienen ist, erweist sich als eine Sammlung früher Werke im alten Stil. 
Die niederländischen Alte-Musik-Spezialisten singen wirklich hinreißend. Wer an Monteverdis Madrigalen den Wohlklang schätzt, der wird mit dieser Aufnahme glücklich sein. Wer allerdings nicht nur schöne Töne, sondern vor allem auch Ausdrucksstärke wünscht, der wird eine andere Aufnahme auswählen müssen. 

Dienstag, 27. Februar 2018

Platti: Concerti per il Cembalo obligato (Arcana)

In seinem hochinteressanten Ein- führungstext zu dieser CD, nachzu- lesen im Beiheft, nennt Alberto Iesué den Komponisten Giovanni Benedetto Platti (1697 bis 1763) „Padre della sonata classica tra Vivaldi e Mozart“. Die Aufnahme macht hörbar, dass der renommierte Musikwissenschaftler, der sich seit 1974 mit dem Leben und Werk Plattis beschäftigt, keinesfalls übertreibt. 
Zu hören sind drei der insgesamt neun Concerti a cembalo obligato Plattis, die mittlerweile entdeckt worden sind. Die Handschriften dazu befinden sich in der Staatsbibliothek zu Berlin. Ergänzt wird das Programm durch eine Oboensonate sowie eine Sonate für Cembalo solo aus den Beständen der Sächsischen Landesbibliothek – Staats- und Universitätsbibliothek Dresden. 
Über Plattis Lebensweg in seinen frühen Jahren ist wenig bekannt. Wir wissen lediglich, dass er in Venedig ausgebildet wurde. Außerdem soll er, bevor er nach Würzburg ging, wo am fürstbischöflichen Hof als Musiker wirkte, einige Zeit in Siena verbracht haben. Dort, am Hofe der kunstsinnigen Violante Beatrix von Bayern, soll er eines der ersten Fortepianos des Florenzer Instrumentenbauers Bartolomeo Christofori kennengelernt haben. 
Für dieses Instrument komponierte er dann auch. Und deshalb verwendet Luca Guglielmi für seine Einspielung ebenfalls eine Kopie des „Gravicembalo col piano e forte“ von Cristofori. Doch selbst wenn er auf einem normalen Cembalo musiziert hätte, würde dem Hörer auffallen, dass Platti seine Musik außerordentlich einfallsreich gestaltet hat. 
So beginnt diese CD mit einem Concerto, das die barocken Konventionen noch einhält. Da gibt es einen Continuo-Part, und klare Wechsel zwischen Tutti- und Solo-Teilen. In den beiden andern Konzerten agiert Platti, ähnlich wie in seinen Sonaten, die in diesem Blog an anderer Stelle zu finden sind, weit freier und experimenteller: Die Streicher treten mit dem Tasteninstrument in einen Dialog; und in Melodik und Harmonik weisen diese Concerti mitunter bereits über die Klassik hinaus. 
Die Einspielung freilich ist nicht nur musikhistorisch interessant. Es wird auch höchst ansprechend musiziert, und so kann man diese CD auch gänzlich ohne Hintergrundwissen genießen. Zumal der Urvater aller Hammerklaviere wirklich hinreißend klingt. 

Händel: Messiah (Gramola)

Händels Messias hat der Salzburger Bachchor gemeinsam mit dem Bach Consort Wien am 19. März 2016 in der Basilika des Stiftes Kloster- neuburg aufgeführt. Der Mitschnitt dieses Osterkonzertes ist bei Gramola erschienen – und er ist meine ganz persönliche Empfehlung zum Fest in diesem Jahr. 
Denn Rubén Dubrovsky, dem Diri- genten dieser Einspielung, gelingt es, das viel gespielte Werk aus gänzlich neuer Perspektive zu lesen. Er sieht Händel als „Theaterviech“, und konzentriert sich auf die dramatische Kraft, die Leidenschaft und religiöse Emphase, mit der der Komponist diese musikalische Jesus-Biographie gestaltet hat. 
Der Salzburger Bachchor singt in kleiner Besetzung, beschwingt und gestisch, und mit faszinierender Klarheit. Da sitzt, selbst bei flottem Tempo, jede Koloratur und jede Verzierung – wunderbar! Auch das Solistenquartett – Hanna Herfurtner, Sopran, Gaia Petrone, Mezzosopran, Michael Schade, Tenor, und Christian Immler, Bariton – setzt in erster Linie auf die Affekte und beeindruckt dazu noch durch exzellente Text- verständlichkeit. Das Ergebnis ist eine der schönsten Messias-Aufnahmen überhaupt – unbedingt anhören! 

Montag, 26. Februar 2018

A Purcell Collection (Signum Classics)

Henry Purcell (1659 bis 1695) widmet das britische Solistenensemble Voces 8 seine jüngste CD. Die Vokalisten haben dafür eine Werksauswahl zusammengestellt, die von Praise the Lord, o Jerusalem bis zu Strike the Viol und vom legendären Cold Song aus King Arthur bis zu Hail! Bright Cecilia mit so mancher bekannten Melodie erfreut. 
Unterstützt werden die Sängerinnen und Sänger dabei durch die Instru- mentalisten von Les Inventions; die „Alte“-Musik-Spezialisten um den Geiger Shunske Sato und den Organisten und Cembalisten Patrick Ayrton prägen die CD mit ihrem farbenreichen, akzentuierten Spiel ganz entscheidend. Die Sänger bieten in erster Linie Schöngesang. Das passt leider nicht zu allen Musikstücken des Orpheus Britannicus gleichermaßen. So wünscht man sich mitunter etwas mehr Ausdruck und rhythmische Prägnanz. 

Sonntag, 25. Februar 2018

Mozart: Piano Concertos; Uchida (Decca)

Mit dieser CD komplettiert Mitsuko Uchida ihre Einspielung der Klavierkonzerte von Wolfgang Amadeus Mozart (1756 bis 1791). Es handelt sich dabei um einen Konzert-Live-Mitschnitt, der im Februar 2016 aufgezeichnet worden ist. Die Pianistin hat sich dafür entschieden, das G-Dur-Konzert KV 453 mit dem C-Dur-Konzert KV 503 zu kombinieren. Und sie leitet das Cleveland Orchestra vom Klavier aus selbst. Das funktioniert bestens; die Solistin und die Orchestermusiker harmonieren wunderbar. Mitsuko Uchida spielt einen modernen Steinway, und sie verzichtet auf historisch korrektes Musizieren. Ihr Mozart ist nicht Museum, sondern Moderne – und er klingt außerordentlich elegant und feinsinnig. Das wird nicht jedem gefallen, aber es hat eine ganz eigene Qualität, ohne Zweifel. 

C.P.E. Bach: Sonatas for Flute & Basso Continuo (Tyxart)

Flötensonaten hat Carl Philipp Emanuel Bach (1714 bis 1788) in erstaunlich großer Zahl geschrieben. Schon in Leipzig, in seinen Lehr- jahren beim Vater, komponierte der älteste Sohn von Johann Sebastian Bach für dieses Instrument, das damals neu und modern war. 
Diese CD bietet eine Auswahl aus den Flötensonaten – vom  Frühwerk, entstanden während des Jurastudiums in Frankfurt/Oder, über Musik aus jenen Jahren, die Carl Philipp Emanuel Bach als Kammercembalist im Dienste des preußischen Königs Friedrich II. stand, bis hin zur berühmten Hamburger Sonate. Als Bach dieses Werk schrieb, war er bereits Nachfolger seines Taufpaten Georg Philipp Telemann als städtischer Musikdirektor und Kantor am Johanneum in Hamburg. 
Katalin Horvath, Traversflöte, Thomas Platzgummer, Violoncello, und Eva Maria Pollerus, Tasteninstrumente, setzen ihren Ehrgeiz daran, diese Werke möglichst authentisch zu interpretieren. Dabei kommt dem Tasteninstrument entscheidende Bedeutung zu, wie die drei Musiker festgestellt haben. 
„Die Auswahl an besaiteten Tasteninstrumenten war vielfältig zur Zeit der Bach-Söhne“, schreibt Pollerus im Beiheft zu dieser CD: „Das Cembalo war noch der König der Tasten, das Hammerklavier – wenn auch eine rare Option – schon dabei, die Herzen der Musiker zu erobern, und das Clavichord liebste Wahl für die intime musikalische Zwiesprache.“ 
In Sanssouci stand Bach ein Hammerflügel von Gottfried Silbermann zur Verfügung. Weil es nicht gelungen ist, für diese Einspielung ein solches Instrument zu besorgen, haben sich die Musiker für ein anderes entschie- den, das in Hamburg seinerzeit gebräuchlich war: Ein Tafelklavier, um 1780/90 in Hamburg oder England gebaut. „Es zeichnet sich durch eine ungemein sensible Leichtgängigkeit, erstaunlich sichere und schnelle Tonrepetition und einen inspirierenden, fast ,Pantaleon'- bzw. ,Hackbrett-'artigen silbrigen Klang aus“, schwärmt die Cembalistin. 
Zu hören sind auch ein Clavichord und ein Cembalo; bei der Wahl der jeweiligen Besetzung haben die Musiker sehr genau in den Notentext geschaut. Und so steht das Tasteninstrument bei dieser Aufnahme letztendlich im Mittelpunkt. Die Flötistin möge mir verzeihen, aber was das Continuo hier an Gestaltungsvarianten austestet, das macht selbst simples Generalbass-Spiel zum musikalischen Abenteuer. 

Samstag, 24. Februar 2018

Franz & Carl Doppler: The Complete Flute Music

Die Brüder Albert Franz Doppler (1821 bis 1883) und Carl Doppler (1825 bis 1900) waren Flötenvir- tuosen. Franz Doppler begann seine musikalische Ausbildung im Alter von sieben Jahren – und spielte bereits ein Jahr später erstmals als Solist mit einem Orchester. Carl trat als Elfjähriger seine erste Stelle als Flötist in Budapest an. Die Brüder gingen auch auf Konzertreisen. 
1858 wurde Franz Doppler Erster Flötist und Kapellmeister an der Wiener Hofoper; in späteren Jahren unterrichtete er zudem als Professor für Flöte am Konservatorium der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien. Carl Doppler wirkte zunächst als Musikdirektor am Theater in Budapest; 1865 wurde er dann Hofkapellmeister in Stuttgart, wo er bis an sein Lebensende blieb. 
Wie es damals üblich war, komponierten die Brüder für ihre Auftritte eine Menge Virtuosenmusik. Das Label Capriccio hat nun damit begonnen, diese Werke in einer Zehn-CD-Edition zusammenzutragen. Spiritus rector dieses Projektes ist offenbar der spanische Flötist Claudi Arimany. Er konnte dafür zudem vier spanische Orchester sowie eine Vielzahl von Musikerkollegen aus ganz Europa begeistern. 
Die Aufnahmen sind zwischen 2007 und 2016 in Katalonien entstanden. Sie sind auch von ziemlich unterschiedlicher Qualität – aber dafür ist der Repertoire-Wert der Edition enorm; sehr viele Werke sind in Welterst- einspielung zu hören. Wer Flötenmusik mit ungarischen Melodien und französischem Esprit mag, der sollte sich daher diese Neuerscheinungen nicht entgehen lassen. 

Sonates en trio - Schieferlein, Telemann, C.P.E. Bach (Atma Classics)

„Schieferlein“ oder aber „Schieffer- lein“ hieß der Komponist, der die drei exquisiten Triosonaten geschaffen hat, die das Ensemble Pallade Musica auf dieser CD vorstellt. Sie sind einzigartig, denn es sind Sonaten per Violoncello Concerto, Violino Concerto, e Basso Continuo – und das Violoncello hat in diesen Werken in der Tat einen außergewöhnlichen Part. Dass es noch vor der ebenfalls konzertierenden Geige genannt wird, hat durchaus seine Berechtigung. 
Das Manuskript befindet sich in der Bibliothek des Königlichen Konservatoriums Brüssel. Es wird vermutet, dass diese Triosonaten Werke von Otto Ernst Gregorius Schiefferlein (1704 bis 1787) sein könnten. Er hatte eine sagenhafte Karriere als Altus in Hamburg; so ist belegt, dass er noch mit 72 Jahren die Alt-Partie in der Johannespassion von Carl Philipp Emanuel Bach sang. Schiefferlein arbeitete zudem als Kopist für Georg Philipp Telemann und dann bis in die 1780er Jahre für dessen Amtsnach- folger Bach. 
Viel mehr ist über ihn allerdings nicht bekannt. Überliefert ist noch eine Hochzeitskantate, und auch das früheste deutsche Violoncellokonzert wird einem „Shiwerlein“ zugeschrieben. Warum ein Sänger sich derart für das Cello einsetzt, und wie er diese virtuosen Stücke für das damals noch ziemlich neue Instrument schreiben kann, auf diese Fragen gibt es derzeit noch keine Antwort. Aber die Musik ist wirklich großartig, und sie wird von Tanya Laperrière, Violine, Elinor Frey, Violoncello, Esteban la Rotta, Theorbe/Laute/Barockgitarre, und Mélisande McNabney, Cembalo, aufs Schönste präsentiert. Pallade Musica komplettiert das Programm zudem mit einer Triosonate von Telemann sowie der Fantasie in D-Dur Wq. 117/14 und der Triosonate in G-Dur Wq. 150 von Carl Philipp Emanuel Bach. Den Flötenpart übernimmt dabei Anne Thivierge. 

Freitag, 23. Februar 2018

Inner Chambres (Naxos)

Welche Musik hörte Ludwig XIV., der Sonnenkönig, in seinen privaten Räumen? Einen Eindruck davon gibt das Ensemble Les Ordinaires auf dieser CD. Les Ordinaires du Roi wurden einst die Musiker genannt, die in kleinstem Kreise für den Herrscher spielten. Besonders geschätzt wurde die Kombination aus Traversflöte, Viola da gamba und Theorbe, daher auch als „königliches Trio“ bezeichnet. 
Leela Breithaupt, Erica Rubis und David Walker haben Werke herausgesucht, wie sie einst in Versailles erklungen sind. Ihr Programm beginnt mit einem Prelude aus L'Art de préluder sur la flûte traversière von Jacques-Martin Hotteterre. Mit Suiten vertreten sind François Couperin, Jean Marais und Michel Pignolet de Montéclair. Auch zwei populäre Lieder tragen die Musiker vor, bevor schließlich eine betörende Chaconne aus den Trios de la Chambre 'pour le Choucher du Roi' von Jean-Baptiste Lully den Schlusspunkt setzt. Hier übernimmt Allison Nyquist, Barockvioline, die zweite Melodiestimme. 

Donnerstag, 22. Februar 2018

Monteverdi: Canzonette a tre voci (Brilliant Classics)

Claudio Monteverdi (1567 bis 1643) gehört zu jenen Komponisten, die im vergangenen Jahr dank eines Jubiläums – in diesem Falle der 550. Geburtstag – mit einigen besonderen CD-Editionen geehrt wurden. Das Label Brilliant Classics widmet sich allerdings schon seit längerem dem Schaffen Monteverdis. Auf dieser CD beispielsweise sind die Canzonette a tre voci zu hören. Sie sind 1584 in Venedig erstmals im Druck erschienen und gehören somit zu den Frühwerken des Komponisten. 
Das ausschließlich mit Damen besetzte Gesangsensemble Armoniosoincanto singt die unterhaltsamen Stücke mit klaren, schlanken Stimmen und Sinn für theatralische Wirkungen. Die Sängerinnen werden zudem durch eine reich besetzte Continuo-Gruppe unterstützt. 

Ritter: Complete Organ Sonatas (MDG)

Eine einzigartige Aufnahme ist nun bei Dabringhaus und Grimm wieder erhältlich: Ursula Philippi, eine exzellente Organistin aus Siebenbür- gen, hat an ihrer „Haus-Orgel“, der Sauer-Orgel in Hermannstadt/Sibiu, Siebenbürgen, die vier Orgelsonaten August Gottfried Ritters (1811 bis 1885) eingespielt. 
Ritter war eine Autorität in allem, was mit Orgeln und Orgelspiel seiner Zeit zu tun hatte – als Orgelvirtuose, Improvisator, als Komponist, Orgelbauspezialist oder Pädagoge. Er stammte aus Erfurt, und wurde unter anderem von Michael Gotthard Fischer unterrichtet, einem Enkelschüler Bachs, und von Johann Nepomuk Hummel. 1831 wurde er Organist in seiner Heimatstadt und zugleich Schullehrer; Stipendien ermöglichten ihm mehrfach kürzere Studienaufenthalte in Berlin. 
1844 ging Ritter nach Merseburg, wo er sich nur noch dem Orgelspiel widmen konnte und kein Schullehreramt mehr ausüben musste. Drei Jahr später wurde er als Domorganist nach Magdeburg berufen. Er schätzte die alten Meister, und betrieb umfangreiche musikhistorische Forschungen. Außerdem unterrichtete er mit großem Engagement, und stellte dafür eine eigene Orgelschule zusammen. 
Die vier Orgelsonaten sind die wohl wichtigsten Orgelwerke August Gottfried Ritters. Ursula Philippi, langjährige Kantorin der Evangelischen Stadtpfarrkirche in Hermannstadt/Sibiu, in späteren Jahren an der Musikhochschule in Klausenburg/Cluj zudem verantwortlich für die Orgelklasse, erweist sich als großartige Interpretin dieser Fantasie-Sonaten. Sie lassen uns ahnen, wie Ritters Improvisationen einst geklungen haben könnten. 
Die legendäre Sauer-Orgel, ein romantisches Instrument aus den Jahren 1914/15, gibt ihr dabei prächtige Klangmöglichkeiten. Mit 79 Register auf vier Manualen und Pedal ist sie die größte Orgel in Siebenbürgen. Die kommunistische Diktatur in Rumänien überstand sie, in schlechtem Zustand. 1996/97 konnte die Orgel gründlich restauriert werden. Die Firma Christian Scheffler aus Frankfurt/Oder versetzte sie dabei in den Originalzustand zurück. Bei dieser Aufnahme aus dem Jahre 1998 ist sie mit ihrem farbenreich, warmen Klang in ihrer ganzen Pracht zu erleben. 

Keiser: Markus-Passion (Christophorus)

Von Reinhard Keiser (1674 bis 1739) sind noch immer wesentlich mehr Anekdoten überliefert als Werke. Das ist ein wenig schade, denn der Musi- ker, der aus Teuchern bei Weißenfels stammte und seine musikalische Aus- bildung unter den Thomaskantoren Johann Schelle und Johann Kuhnau an der Leipziger Thomasschule begann, hat deutlich mehr zu bieten als pikante Geschichten. 
Seine erste Stelle erhielt er am Hof zu Braunschweig, wo er 1693 mit Basilius, einem deutschsprachigen Remake von Il re pastore, einen ersten Erfolg als Opernkomponist erreichen konnte. Schon bald zog er weiter nach Hamburg, wo er dann in erster Linie für die Oper am Gänsemarkt komponierte. 1728 wurde er schließlich Kantor am Hamburger Dom; die letzten Lebensjahre widmete Keiser vor allem der Kirchenmusik. 
Ob die Markus-Passion tatsächlich von Reinhard Keiser stammt, das ist unter Experten umstritten. So wird das Oratorium auch Friedrich Nicolaus Bruhns (1637 bis 1718) zugeschrieben; dieser war Direktor der Hamburger Ratsmusik und später dann auch Domkantor, und ein Onkel des berühmten Husumer Organisten Nicolaus Bruhns. In jedem Falle aber schätzte Johann Sebastian Bach das Werk; er hat es eigenhändig abgeschrieben, und sehr wahrscheinlich in Leipzig auch aufgeführt. 
Die Markus-Passion erinnert in vielen Details an die großen Bach-Passionen. Insofern ist diese Einspielung hochwillkommen. Allerdings wird das Ensemble Parthenia unter Leitung von Christian Brembeck den doch recht hohen Anforderungen nicht wirklich gerecht. So singt Parthenia vocal als Doppelquartett, was zum einen einer dynamischen Differenzierung recht enge Grenzen setzt. Die Turbachöre beispielsweise könnten mehr Wucht gut gebrauchen. Zum anderen sind die Stimmen im Timbre relativ unterschiedlich, was leider mitunter auch als Intonations- problem hörbar wird. Daher kann man diese Aufnahme nicht wirklich empfehlen. Schade. 

Donnerstag, 15. Februar 2018

Mozart: Piano Concertos Nos 23 & 27; Pressler (Cavi Music)

Der Pianist Menahem Pressler, Jahrgang 1923, ist ein Phänomen. Nachdem er jahrzehntelang vor allem mit dem Beaux Arts Trio erfolgreich musiziert hatte, wurde er nach der Auflösung des Klaviertrios im Jahre 2008 zu einem weltweit ebenso gefragten Solisten. 
Seine Konzerte gestaltet er mit der Weisheit des Alters: „Wenn ich heute spiele, spiele ich ja nicht mehr für den Erfolg“, zitiert das Beiheft zu dieser CD den Pianisten. „Wenn ich spiele, dann um mit meinem Publikum die Liebe zu den Werken, die ich empfinde, zu teilen. Und ich spiele nur die Werke, die ich liebe. Ich akzeptiere nicht, was ich nicht üben möchte – oder man könnte sogar sagen: was ich nicht kann.“ 
Ein schönes Beispiel dafür ist auf dieser CD zu hören. Es handelt sich um Mitschnitte von Konzerten, die Pressler im Mai und im Dezember 2016 in Magdeburg gegeben hat – jener Stadt, in der er einst das Licht der Welt erblickte. Gemeinsam mit der Magdeburgischen Philharmonie spielte er unter Leitung von Generalmusikdirektor Kimbo Ishii zwei Klavierkonzerte von Wolfgang Amadeus Mozart – im Mai das B-Dur-Konzert KV 595, das letzte aus Mozarts Feder, und im Dezember dann das Klavierkonzert A-Dur KV 488. Als Zugaben spielte Menahem Pressler La Cathédrale engloutie aus aus den Préludes von Claude Debussy sowie ein Nocturne und eine Mazurka von Frédéric Chopin. 
Und man muss sagen: Beeindruckend! Pressler gestaltet jede einzelne Phrase, jede Passage durchdacht und mit unbeschreiblicher Finesse. Und trotz seines hohen Alters – bei dem zweiten Konzert in Magdeburg, am 16. Dezember 2016, feierte Pressler seinen 93. Geburtstag – bietet dieser Pianist nicht Technik und Routine, sondern tiefe Empfindung, Innigkeit, ein Klavierspiel, frei von jeder Eitelkeit und Oberflächlichkeit. Unbedingt anhören - einzigartig!