Sonntag, 21. Oktober 2018

Bach: Goldberg Variationen (Brilliant Classics)

Die Goldberg-Variationen von Johann Sebastian Bach gelten als eines jener Werke, an denen die Qualitäten von Pianisten und Cembalisten deutlich werden. Nicht wenige Tastenspezialisten arbeiten an diesem Zyklus ein Leben lang. 
Auch Pieter-Jan Belder hatte die Clavier Ubung / bestehend / in einer Aria / mit verschiedenen Veraende- rungen schon einmal eingespielt. Der niederländische Cembalist zeigt nun, nach 15 Jahren, wie sich seine Sicht auf dieses ikonische Werk verändert hat. In ebenso launigen wie kenntnisreichen Anmerkungen im Beiheft erläutert der Musiker zudem, was ihn an den Goldberg-Variationen so fasziniert. 
Auch der Zuhörer wird fasziniert sein, denn Belders Einspielung ist sehr differenziert und gelungen. Als Instrument wählte er ein zauberhaftes Cembalo von Titus Crijnen aus dem Jahre 2014 nach einem Vorbild aus der Werkstatt Johannes Ruckers' von 1624. 

Freitag, 19. Oktober 2018

Beethoven Rarities (Klanglogo)

Diese CD überrascht mit Beethoven-Raritäten. Und das ist durchaus ernst gemeint – oder haben Sie schon einmal die Musik zu einem Ritter- ballett gehört, die der angehende Komponist im Winter 1790/91, noch in Bonn, zum Karneval für seinen Mäzen, den Grafen Waldstein, geschrieben hat? Im November 1792 reiste der junge Ludwig van Beethoven dann nach Wien, um seine Ausbildung dort fortzusetzen. 
Im Gepäck hatte er auch erste Skizzen zu einem Violinkonzert; die Arbeit daran hat er dann allerdings nicht weiter verfolgt. Erst 1806 komponierte er für den Konzertmeister Franz Clement ein Violinkonzert in D-Dur op. 61; auf Bitten des Musik- verlegers Muzio Clementi arbeitete er es später außerdem zu einem Klavierkonzert um. Claire Huangci, die den Solopart übernommen hat, musiziert brillant, wo das Klavier hervortritt, und ordnet sich ebenso mühelos in das Orchester ein, was dieses Konzert leider des Öfteren verlangt. Man findet es beinahe schade, weil die Pianistin so exquisit spielt. 
Doch auch das Brandenburgische Staatsorchester Frankfurt/Oder unter Leitung von Howard Griffiths kann sich durchaus hören lassen. Dieses Konzert mit seinem pfiffigen Konzept ist so gar nicht „Jottwedeh“; ein Programm wie dieses würde auch in eine Kulturmetropole durchaus gut passen. Zumal als drittes Stück die Schlacht-Sinfonie Wellingtons Sieg oder die Schlacht bei Vittoria erklingt, uraufgeführt im Jahre 1813 wenige Wochen nach der Völkerschlacht von Leipzig. Ganz großes Kino! 

Montag, 15. Oktober 2018

Buxtehude: Abendmusiken (Alpha)

Dass Dieterich Buxtehude (1637 bis 1707) nicht nur ein exzellenter Organist war, sondern auch grandiose Vokal- und Instrumental- musik komponiert hat, dürfte unter Musikfreunden heutzutage – zumal nach der Gesamteinspielung seiner Werke, die wir Ton Koopman verdanken – wieder bekannt sein. 
Buxtehude hatte einst als Organist der Marienkirche in Lübeck zu den sogenannten Abendmusiken eingeladen. Diese Konzerte erklangen außerhalb des Gottesdienstes alljährlich an fünf Sonntagen in der Vorweihnachtszeit, und die besten Musiker der Stadt wirkten daran mit. So wurden sie bald zu einem Ereignis, das selbst in Reiseführern erwähnt wurde. Buxtehude leitete sie nicht nur, er schrieb auch Werke dafür. 
Dass die Menschen teilweise weite Wege auf sich nahmen, um diese Abendmusiken zu erleben, wird verständlich, wenn man diese CD angehört hat. Die Instrumentalisten vom Ensemble Masques, geleitet von Olivier Fortin, und die Sänger von Vox Luminis um den Bassisten Lionel Meunier präsentieren ein Programm, wie es durchaus seinerzeit in Lübeck erklungen sein könnte. Zwischen den fünf (!) Kantaten wurden außer- ordentlich reizvolle Triosonaten platziert. Und musiziert wird einmal mehr begeisternd; die Einspielung ist erstklassig, von beinahe überirdi- scher Leuchtkraft und Schönheit. Unbedingt anhören! 

Sonntag, 14. Oktober 2018

The Clarinotts (Gramola)

Ein einzigartiges Familientrio waren The Clarinotts: Ernst Ottensamer, Soloklarinettist der Wiener Philharmoniker, musizierte in diesem Ensemble gemeinsam mit seinen Söhnen Daniel, ebenfalls Soloklari- nettist der Wiener Philharmoniker, und Andreas, Soloklarinettist der Berliner Philharmoniker. Doch im Juli 2017 erlag Ernst Ottensamer, der seit dem Jahre 2000 in Wien auch als Professor lehrte, einem Herzinfarkt. 
So wird dies wohl die letzte CD des Klarinettentrios bleiben – und wer sich die Aufnahmen anhört, wird schnell feststellen, was dies für ein Verlust ist. Denn die Musiker schätzten nicht nur die Wiener Klarinette, sondern auch andere Mitglieder der Instrumentenfamilie, wie das Bassetthorn. Und nicht nur bei den Klang- farben, sondern auch beim Repertoire bevorzugten sie Abwechslung; so erklingen neben Originalkompositionen für Klarinettentrio durchaus auch Arrangements populärer Melodien – in diesem konkreten Falle stammen sie von Rainer Schottstädt, der sie für das Trio di Clarone geschrieben hat. 
Es steht also sein Divertimento zu Mozarts Don Giovanni neben Stücken von Edison Denisov, die Miniatur Die Floristin von Henry Ploy neben dem Scherzo fantastique von Alfred Prinz und den Acht Trios von Georg Druschetzky oder das Klarinettentrio von Joseph Friedrich Hummel neben Schottstädts Fledermaus-Bearbeitung. Einzigartig wird dieses bunte Programm durch die Clarinotts, die durchweg betörend musizieren. So harmonisch, so pointiert und so farbenreich sind Klarinetten wirklich selten zu hören. 

Montag, 8. Oktober 2018

Händel - Enemies in Love (Evoe Records)

Vor Wut schnauben, vor Eifersucht rasen, auf Rache sinnen und vor Liebe seufzen – Georg Friedrich Händel komponierte für jeden Affekt brillante Musik. Jakub Józef Orliński und Natalia Kawałek präsentieren auf dieser CD, exzellent begleitet vom Ensemble Il Giardino d'Amore unter Leitung von Stefan Plewniak, eine Auswahl von Arien und Duetten aus Händels Opern, die durch starke Gefühle und Leidenschaften geprägt sind. 
Die beiden jungen polnischen Sänger sind mit den barocken Stilmitteln bestens vertraut; allerdings hat Countertenor Orliński der Wucht, mit der seine Kollegin ihre Partien mitunter gestaltet, nicht wirklich etwas entgegenzusetzen. Wenn Mezzosopranistin Natalia Kawałek in die Tiefe geht, dann klingt das nicht immer elegant – dafür kann sie allerdings auch extreme Höhen aufbieten, was sehr beeindruckt. Am besten gefallen mir die beiden Stimmen in den Duetten, wo sie sehr schön harmonieren. Und das Video zur CD ist absolut konkurrenzlos. 

Benjamin Schmid (Oehms Classics)

Benjamin Schmid feierte dieser Tage seinen 50. Geburtstag – und Oehms Classics würdigte den Musiker mit einer 20-CD-Edition. Sie erweist sich als faszinierendes Porträt eines Geigers, der seine Virtuosität stets in den Dienst des Ausdrucks stellt. Selbst wenn er Virtuosenliteratur spielt, wird daraus niemals eine Zirkusnummer; Schmid beherrscht die Technik derart souverän, dass er sie nicht zur Schau stellen muss. 
Seine musikalischen Interessen sind weit gespannt. So finden sich in dieser Box Aufnahmen etlicher bedeutender Violinkonzerte, von Felix Mendelssohn Bartholdy bis zu Karol Szymanowski, von Johannes Brahms bis zu Karl Goldmark und von Antonio Vivaldi bis Erich Korngold. Auch das Violinkonzert von Peter Tschaikowski und die Romanze op. 11 von Antonín Dvořák sind zu hören. 
Die drei Violinsonaten op. 30 von Ludwig van Beethoven hat Benjamin Schmid gemeinsam mit Alfredo Perl eingespielt, und ausgewählte Sonaten für Klavier und Violine von Wolfgang Amadeus Mozart zusammen mit seiner Frau, der Pianistin Ariane Haering. 
Zwei bislang unveröffentlichte Aufnahmen verweisen auf die Favoriten des Jubilars: My Favourite Paganini und Bach: Reflected. Große Bedeutung für den Violinisten haben insbesondere die Werke Johann Sebastian Bachs, die in der Box umfassend vertreten sind, wobei Schmid die Sonaten und Partiten für Violine solo durch die 6 Sonaten für Solovioline op. 27 von Eugène Ysaÿe kontrastiert. Außerdem schätzt Schmid die Musik von Niccolò Paganini, die er gern in den legendären Arrangements von Fritz Kreisler vorträgt. 
Kreislers Virtuosenstücke nimmt der Geiger auch als Anlass und Ausgangspunkt zu einem inspiriert beswingten Ausflug in Richtung Jazz. Auch Bach: Reflected zeigt, dass sich der Geiger in der Welt der Improvisation durchaus zu Hause fühlt. Und Hommage à Grappelli führt direkt in die Tradition der großen Vorbilder Stephane Grapelli und Django Reinhardt. Benjamin Schmid erweist sich auch im Reich der eher jazzigen Klänge als ein Souverän. Wir gratulieren! 

Sonntag, 23. September 2018

Alla Turca (Klanglogo)

Was für eine geniale Idee! In Berlin gibt es ein Orchester, in dem nur Blockflöten musizieren – vom winzigen Sopranino bis zum übermannshohen Subkontrabass. Das Amateur-Ensemble, 2012 hervorgegangen aus dem 1948 gegründeten Blockflötenorchester Neukölln, wird von Simon Borutzki geleitet. 
Er hat auch die Arrangements für diese CD geschrieben. Und die haben es in sich – denn das Berliner Blockflöten Orchester verweist hier auf die Spuren, die der Orient in der europäischen Musikgeschichte hinterlassen hat. Von Mozarts berühmtem Rondo alla Turca bis zur Ouvertüre der Oper L'Italiana in Algeri von Gioachino Rossini und von Tschaikowskis Arabischem Tanz aus der Nussknackersuite bis zur Ankunft der Königin von Saba aus dem Oratorium Solomon von Georg Friedrich Händel – die Liste ist lang, und sie umfasst neben populären Melodien auch etliche unbekannte Stücke. 
Musiziert wird hinreißend schön. Und weil zu türkischen Klängen auch Schlagwerk gehört, wird das Blockflötenensemble für diese Einspielung durch die Perkussionistin Nora Thiele ergänzt. Die Orchestermitglieder spielen gekonnt, überaus harmonisch und auf den Punkt präzise. Es ist zudem erstaunlich, dass es den Musikern tatsächlich gelungen ist, ein Blockflötenset zusammenzustellen, dass stets absolut sauber klingt. Meine unbedingte Empfehlung - diese CD ist wirklich sensationell! 

Quantz: Four Concertos for Flute & Strings (Hänssler Profil)

Johann Joachim Quantz (1697 bis 1773) war der Flötenlehrer Friedrichs des Großen. Der Monarch hatte den Musiker, den er schon seit 1728 kannte und sehr schätzte, nach seiner Thronbesteigung 1740 umgehend engagiert. Ein Jahresgehalt von sagenhaften 2000 Talern konnte selbst August III., der Sohn Augusts des Starken, wie dieser polnischer König und ein großer Kunstmäzen, nicht bieten, so dass Quantz aus kursächsischen in preußische Dienste wechselte. 
Er gab seinem König Flötenunter- richt, fertigte Instrumente für ihn an und er war auch für die königliche Kammermusik zuständig. So komponierte Quantz mehr als 200 Flöten- konzerte, die nur Friedrich der Große spielen durfte. Auf dieser CD stellt der amerikanische Flötist Eric Lamb vier dieser Werke vor. 
Die ausgewählten Stücke geben einen guten Überblick über das Schaffen des Musikers für den König. Obwohl Quantz sich formal stets an dem gleichen Schema orientierte, wie es auch Vivaldi genutzt hatte, sind seine Konzerte erstaunlich abwechslungsreich und höchst raffiniert individuell gestaltet. Virtuose Ecksätze im traditionellen italienischen Ritornello-Stil umrahmen einen langsamen Mittelsatz, bei dessen Gestaltung Quantz enormen Einfallsreichtum beweist. 
Das ist kein Zufall – denn am Adagio und nicht an seiner Fingerfertigkeit wurde damals ein Virtuose gemessen. Eric Lamb musiziert hinreißend schön; er spielt bei dieser Aufnahme eine Holzflöte der Firma Sankyo Handmade Flutes. Dieser Traversflöte entlockt er herrliche, eher dunkle und runde Töne; sie hat nicht das Strahlende einer Böhmflöte, sondern beinahe etwas Geheimnisvolles. Die Kölner Akademie unter Leitung von Michael Alexander Willens begleitet den Solisten mit Eleganz und kammermusikalisch transparent. Sehr gelungen! 

Samstag, 22. September 2018

Duruflé: Complete Organ Works (Aeolus)

Das Orgelwerk von Maurice Duruflé (1902 bis 1986) ist nicht sehr umfangreich, aber musikhistorisch betrachtet von hohem Gewicht. Der Musiker, der bei Charles Tournemire, Jean Gallon und Paul Dukas studiert hatte, wurde im Jahre 1930 Titular- organist der Kirche Saint-Etienne-du-Mont in Paris. 
Er unterrichtetet auch selbst, und prüfte seine eigenen Kompositionen immer wieder mit derart kritischem Blick, dass letztendlich kaum etwas übrig geblieben ist. Erstaunlicherweise konnten in jüngster Vergangenheit noch Stücke Duruflés aufgespürt werden. So wurde 1991 die Miniatur Chant donné veröffentlicht, die der Organist seinem Professor für Harmonielehre gewidmet hatte. Und 2002 erschien Méditation, ein drei Seiten umfassendes Werk aus dem Jahre 1964. 
Auf dieser CD spielt Stéphane Mottoul Duruflés Kompositionen. Der junge belgische Organist, Jahrgang 1990, hat in Namur, Paris, Reims und Stutt- gart studiert. Dabei konzentierte sich zunehmend auf die Orgelimprovi- sation. Inzwischen hat er auch verschiedene Wettbewerbe gewonnen. Von älteren Einspielungen, die als Referenz gehandelt werden, lässt er sich nicht übermäßig beeindrucken und findet in der Auseinandersetzung mit Duruflés Musik seinen eigenen Weg. 
Mottoul musiziert an dem 2016 von der Manufacture d'Orgues Thomas neu gebauten Instrument der St. Laurentius Kirche im luxemburgischen Diekirch. Diese Orgel, in die auch das verbliebene Pfeifenmaterial des Vorgängerinstruments von 1870 aus dem Hause Dalstein & Haerpfer integriert wurde, beruht auf deutschen und französischen Vorbildern, die hier in schönster Harmonie vereint wurden. Es ist ein modernes Instru- ment, nicht nur mit einem betont zeitgenössischen Prospekt, sondern auch mit einem facettenreichen, symphonischen Klang, den Mottoul mit seiner Interpretation wunderbar zur Geltung bringt. Gefällt mir! 

Donnerstag, 20. September 2018

Vivaldi: The Folk Seasons (Alba)

Dass auch Musiker aus dem hohen Norden italienische Leidenschaft entwickeln können, beweist diese CD: Das finnische Ensemble Barocco Boreale hat die berühmten Vier Jahreszeiten von Antonio Vivaldi eingespielt – und das Programm dann gleich noch durch die Konzerte RV 114, RV 522 und RV 511 komplettiert. Die Solisten, Kreeta-Maria Kentala und Siiri Virkkala, musizieren gekonnt, aber für meinen Geschmack erstaunlich brav. Farbe bringt allerdings das begleitende Ensemble, das nicht nur die üblichen Streich-, Zupf- und Tasteninstrumente, sondern obendrein allerlei Über- raschungen bereit hält – neben Harfe, Psalterium und Kantele erklingen so auf der CD auch Vogelpfeifen. Nette Idee! 

Mittwoch, 19. September 2018

Concerti Napoletani per Mandolino (Deutsche Harmonia Mundi)

Mit seinem zweiten Album lädt das Ensemble Artemandoline zu einer musikalischen Zeitreise ein. Sie führt ins Neapel des 18. Jahrhunderts – damals die Hauptstadt des König- reichs beider Sizilien und eine Musikmetropole von europäischem Rang. Neapel hatte viermal (!) soviele Einwohner wie Wien, und die Konservatorien sorgten ebenso wie die Mäzene dafür, dass der musikalische Nachwuchs nicht ausblieb. 
Denn Musik war den Menschen damals wichtig; ob es der Mann auf der Straße war, der bei der Arbeit sang, oder König Karl, der später als Carlos III. in Spanien regieren sollte. Damit möglichst viele Menschen die Stars jener Zeit erleben konnten, ließ er in Neapel ein neues Opernhaus mit sechs Rängen errichten. Es wurde 1737 eröffnet, und es war zu diesem Zeitpunkt das größte der Welt. Doch nicht nur in der Oper gab es eine „neapolitanischen Schule“; auch die Instrumentalmusik Europas wurde durch Musiker aus Neapel mit geprägt. 
Besonders beliebt war dort seinerzeit die Mandoline. Das Ensemble Artemandoline präsentiert auf dieser CD auf Originalinstrumenten der Barockzeit als Weltersteinspielung fünf hörenswerte Konzerte, die zugleich Techniken und Klangsprache der neapolitanischen Mandolinenschule demonstrieren. Die ausgewählten Konzerte von Giovanni Paisiello, Giuseppe Giuliano, Domenico Caudioso und Carlo Cecere beeindrucken durch ihren melodischen Einfallsreichtum und virtuose Finesse. Den Solisten Alla Tolkacheva, Mari Fe Pavón und Juan Carlos Muñoz gibt diese Musik reichlich Gelegenheit, zu brillieren. 

Montag, 17. September 2018

Burney: Sonatas for piano four hands (Brilliant Classics)

Charles Burney (1728 bis 1814) ist heute in erster Linie durch seine Reiseberichte bekannt, in denen er mit durchaus spitzer Feder schil- derte, was er auf zwei ausgedehnten Studienreisen durch den Kontinent erlebt hat. Begegnet ist er dabei nicht nur Sängern und Musikern, sondern auch dem europäischen Adel. 
Ziel des musikhistorisch interessier- ten Organisten, der aus Shrewsbury stammte und dann auch in Norfolk sowie in London wirkte, war es, auf seinen Reisen das Material für eine umfassende Darstellung der Musikgeschichte zu sammeln. Diese hat er dann in den Jahren 1776 bis 1789 in vier Bänden veröffentlicht. Erwähnenswert ist zudem eine Schrift im Gedenken an Georg Friedrich Händel, inklusive einer sorgsam erarbei- teten Biographie, die Burney 1785 publizierte. 
Der Musiker wurde von seinen Zeitgenossen sehr geschätzt und geachtet. In späteren Jahren erhielt er sogar eine Staatspension, und er starb als ein vermögender und hoch geehrter Mann. Dass er auch als Komponist ein gar nicht kleines Werk hinterlassen hat, ist weniger bekannt. 
Auf zwei CD stellen Anna Clemente und Susanna Piolanti nun bei Brilliant Classics Sonaten vor, die Burney für Musikliebhaber geschrieben hat – zu spielen am Fortepiano oder am Cembalo zu vier Händen. Die Musikerin- nen haben dafür ein Tafelklavier ausgewählt, das ein Josephus Kirckman 1800 in London angefertigt hat. Es verfügt über ein Pedal mit einem Dämpfermechanismus; die Hämmerchen sind mit Hirschleder bezogen. Sein Klang ist facettenreich und faszinierend; die beiden Pianistinnen demonstrieren gekonnt insbesondere auch den erstaunlichen Farben- reichtum dieses Instrumentes. 
Die Musikstücke sind elegant, und zu einer Zeit, da es kein Radio und kein Internet gab, waren sie sicherlich im gutbürgerlichen Haushalt auch eine willkommene Unterhaltung. Musikalisch sind sie aber kein wirklich großer Wurf, und mit ihren unendlich vielen Wiederholungen stellen sie die Geduld des Hörers heute mitunter schon auf die Probe. 

Ries: Complete Works for Cello (Naxos)


Einmal mehr gelingt Martin Rummel eine Entdeckung: Der Cellist enga- giert sich seit Jahren für Repertoire, das im Konzert nur selten zu hören ist. Dazu gehören auch die Cello-Sonaten von Ferdinand Ries (1784 bis 1838). Gewidmet waren die beiden frühen Werke Bernhard Romberg, einem „Starcellisten“ des 19. Jahrhunderts. 
Ries stammte aus Bonn; sein Vater war erzbischöflicher Konzertmeister und einer der Lehrer des jungen Beethoven. Dieser wiederum unterrichtete zehn Jahre später den jungen Ries, der zeitweise auch Beethovens Sekretär und Kopist war. Aus Wien wurde Ries allerdings 1805 wieder in die Heimat gerufen, zur Musterung, wobei man ihn zum Militär- dienst nicht tauglich befand.  
Zwei Jahre verbrachte der angehende Musiker, dem Rat seines Lehrers folgend, in Paris. Danach kehrte er 1808 nach Wien zurück. Erneut sollte Ries zum Militär, was er vermied, indem er auf Tournee ging. In den Jahren 1811 bis 1813 gab er als Pianist Konzerte in ganz Europa; die Reise führte ihn bis nach Russland, wo ihn einmal mehr die Weltpolitik ereilte: Mit Blick auf das Vorrücken der französischen Armee reiste Ries ab; er floh über Schweden nach England.  
In London blieb Ries schließlich etliche Jahre. 1814 heiratete er in eine vermögende Familie ein, und war von 1815 bis zu seinem Rücktritt 1821 einer der Direktor der London Philharmonic Society. 1824 zog er mit seiner Familie wieder nach Deutschland. Er wohnte zunächst in Bad Godesberg, später in Frankfurt/Main, und leitete unter anderem das Niederrheinische Musikfest. Immer wieder reiste Ries durch Europa – nach London, Italien, Paris. Er engagierte sich für das Werk Beethovens, und komponierte auch selbst unermüdlich, wobei er nahezu alle Gattungen mit Ausnahme der Kirchenmusik berücksichtigte. Sogar drei Opern hat er geschrieben, von denen zwei erfolgreich aufgeführt wurden.  Dennoch geriet Ries' Schaffen nach seinem Tode bald in Vergessenheit. 
Das Label Naxos engagiert sich seit Jahren, um  seine Werke dem interessierten Publikum wieder zugänglich zu machen. Zu entdecken ist da so einiges: Konzerte, Sinfonien, Oratorien, Lieder, Streichquartette und andere Kammermusik, Kompositionen für Klavier – auf dieser CD sind es drei Sonaten für Violoncello und Klavier.  
Ries und Romberg kannten sich schon aus Bonn: Der Virtuose gab dem Nachwuchsmusiker zeitweise Cello-Unterricht. Auch in späteren Jahren sind sich die beiden Musiker wiederholt begegnet; so konzertierten Ries und Romberg gemeinsam in Russland. 
Die beiden Sonaten op. 20 und op. 21 schrieb Ries 1808. Obwohl sie in ihren Motiven und ihrem Charakter sowohl Haydn als auch Beethoven Referenz erweisen, sind sie stilistisch doch sehr eigenständig. Insbeson- dere die dritte Sonate auf dieser CD, op. 125 aus dem Jahre 1823, verweist – bei aller (beabsichtigten) Nähe zu Beethoven – in ihrer Harmonik gelegentlich bereits auf die Romantiker.  
Anspruchsvoll sind die drei Kompositionen, sie halten sowohl für den Pianisten als auch für den Cellisten herrliche Kantilenen ebenso bereit wie virtuose Passagen. Dabei ist der Klavierpart weit mehr als lediglich eine Begleitung; Martin Rummel gestaltet mit dem Pianisten Stefan Stroissnig einen musikalischen Dialog, der sehr neugierig macht auf die Fortsetzung dieser Reihe. 

Sonntag, 9. September 2018

Florilegium Portense (Carus)

In der Fürstenschule Pforta bei Naumburg war es einst üblich, dass die Schüler vor und nach dem Essen sowie zur Andacht Hymnen sangen. Diese Gesänge in lateinischer Sprache waren eher unkompliziert vierstimmig gesetzt; und beim Singen festigten die Schüler, ganz nebenher, ihre Lateinkenntnisse und sie erwarben ein Gefühl für Rhythmik und Versmaß dieser Sprache. 
Neben dem sogenannten „Kleinen Florilegium“ aus dem Jahre 1606, in dem diese Hymnen gesammelt waren, erschien 1603 noch eine weitere Sammlung geistlicher Gesänge mit dem Titel „Florilegium selectissimarum cantionum“. Diese „Blütenlese der ausgezeichnetesten Lieder“ hat Kantor Erhard Bodenschatz (1576 bis 1636) dann noch in zwei weiteren Ausgaben 1618 und 1621 komplettiert. 
Die Edition beruht auf einer Sammlung von Hymnen und Motetten aus Italien, Deutschland, Burgund und den Niederlanden, die teilweise schon Bodenschatz' Lehrer und Amtsvorgänger Sethus Calvisius zusammenge- stellt hatte. Er wirkte zwölf Jahre in „Schulpforta“, bevor er dann 1594 als Thomaskantor nach Leipzig zurückkehrte. 
Noch zu Bachs Zeiten bildete das Florilegium das Kernrepertoire der Thomaner. Erst Thomaskantor Johann Adam Hiller schaffte den „lateinischen Singsang“ ab, und ersetzte ihn durch deutschsprachige Motetten. Bis weit ins 19. Jahrhundert hinein aber wurde das Florilegium Portense an protestantischen Schulen und von Kantoreien in Mittel- und Norddeutschland genutzt. Heute singen auch die Thomaner wieder Stücke daraus. 
Dass dieser einstige Bestseller ansonsten aus dem Gebrauch gekommen ist, liegt mit daran, dass diese herrlichen Motetten bis zu zehnstimmig sind – was mittlerweile das Leistungsvermögen der meisten Chöre leider weit überschreitet. Das ist durchaus ein Verlust, wie diese CD aus dem Hause Carus zeigt. Das Vocal Concert Dresden hat unter Leitung von Peter Kopp gemeinsam mit der Cappella Sagittariana Dresden die Sammlung erkundet und zum 400. Jubiläum des Erstdruckes der zweiten Ausgabe, „Florile- gium Portense“, 1618 erschienen und wohl am weitesten verbreitet, Stücke aus allen vier Bänden eingespielt. 
Zu hören sind Werke von Orlando di Lasso, Agostino Agazzari, Giovanni Gabrieli, Hieronymus und Michael Praetorius, Hans Leo Hassler, Sethus Calvisius, Melchior Franck, und etlichen anderen. Auch Erhard Boden- schatz ist mit Quam pulchra es amica mea vertreten. Die Sängerinnen und Sänger beeindrucken durch einen runden, harmonischen Chorklang, aus dem die jeweiligen Solisten ebenso harmonisch heraustreten. Auch die Cappella Sagittariana bleibt dezent; oberstes Ziel ist Ausdruck, und dem ordnet sich alles unter. So ist dies eine außerordentlich gelungene CD, die einen guten Eindruck von der Schönheit jener altertümlichen Werke vermittelt. Meine Empfehlung! 

Samstag, 8. September 2018

Diversity (Genuin)

Im European Brass Ensemble musizieren die besten Nachwuchs-Blechbläser des Kontinents. Gegründet wurde es im Jahre 2010 durch Thomas Clamor und Karl Schagerl mit dem Ziel, Erfahrungen mit dem Venezuelan Brass Orchestra zu nutzen, um Europa zu stärken. 
Mittlerweile haben mehr als 150 Musiker aus 24 Nationen in diesem Orchester mitgewirkt. Seine Heimstatt fand das Ensemble in Niederösterreich, im Stift Melk – was ohne Zweifel der passende Rahmen ist für Pauken und Trompeten. 
Und mit diesen beginnt auch die zweite CD von European Brass, die jüngst bei Genuin erschienen ist: Das populäre Prélude zum Te Deum von Marc-Antoine Charpentier startet mit Glanz und Gloria. Jede Menge Pathos bietet auch der Krönungsmarsch Crown Imperial von William Walton. 
Dass Bläsermusik auch swingen und grooven kann, zeigt das Ensemble im Anschluss. Dabei beweisen die jungen Musiker, dass sie ihre Instrumente wirklich exzellent beherrschen. Denn die modernen Stücke – die Auswahl enthält Werke von diesseits und jenseits des Atlantiks – sind teilweise aberwitzig schwierig. So schrieb der Trompetenvirtuose Rafael Méndez für sich und seine ebenfalls hochbegabten Söhne eine nette Polka, die er Tre-Méndez-Polka nannte. Wer das als „tremendous“ liest, der liegt gar nicht einmal so verkehrt. In einer solchen Programmfolge darf natürlich auch I Got Rhythm von George Gershwin nicht fehlen. Und Walking Faster von Giancarlo Castro D'Addona ist ein Gruß an die Bläserkollegen aus Venezuela. 
Sinfonische Musik hingegen hat Stephan Hodel für die jungen Virtuosen geschaffen: A Lenda do Curupira erklingt auf dieser CD in Welterstein- spielung.  Meine persönlichen Favoriten aber sind zwei Stücke, die Richard Blake eigens für das European Brass Ensemble komponiert hat: Sowohl in Fantasy on Edelweiss als auch in Bleeding Chunks jongliert er überaus witzig mit Zitaten. Fröhliches Klassiker-Raten! 

Vivaldi - La Venezia di Anna Maria (Berlin Classics)

Dies ist keine gewöhnliche Vivaldi-Einspielung: Mit dem Album „La Venezia di Anna Maria“ erinnern Midori Seiler und das Concerto Köln an Anna Maria dal Violin. Als Findelkind kam sie in Venedig ins Ospedale della Pietà. Im Waisenhaus wuchs sie auf, und dort erhielt sie eine ausgezeichnete Ausbildung. Fleiß und Talent machten Anna Maria zu einer Violinvirtuosin von europäischem Rang. 
Es gab damals wenig Möglichkeiten für eine Frau, im Musikerberuf tätig zu werden. Umso interessanter ist der Einblick, den diese CD in das Repertoire gibt, das den erstklassigen Ensembles der vier venezianischen Ospedali seinerzeit zu einem derart exzellenten Ruf verholfen hat. Kaum ein Besucher der Stadt jedenfalls dürfte damals darauf verzichtet haben, den Mädchen und Frauen zuzu- hören, wenn sie in der Kirche musizierten. 
Obwohl Anna Maria (vermutlich 1696 bis 1782) nach heutigen Maßstäben ein Star war, ist über sie als Person erstaunlich wenig bekannt. Wir wissen, dass sie zwei Mal eine jeweils bessere Geige erhielt; ab 1720 wurde sie zudem maestra genannt – sie begann also, selbst zu unterrichten. 1721 hörte Johann Christoph Nemeitz ihr Spiel und meinte, dass die Geigerin „von Virtuosen unseres Geschlechts wenig ihres gleichen hat“. Zeitgenos- sen schrieben sogar Lobgedichte auf sie. 
Dennoch blieb die Musikerin ihr ganzes Leben im Ospedale della Pietà. Antonio Vivaldi, ihr Lehrer und Mentor, komponierte fast 30 Concerti per Anna Maria. Eine große Anzahl davon findet sich in ihrem „Spielbuch“, ihrer Notenkollektion, die Midori Seiler zu dieser Einspielung inspirierte. 
Die Geigerin, die seit 2017 wieder als Professorin an der Musikhochschule in Weimar lehrt, hat gemeinsam mit Concerto Köln für dieses Projekt vier Concerti per Anna Maria von Vivaldi ausgewählt – RV 260, RV 308, RV 270a und RV 248 – und dazu die Konzerte RV 120, RV 158 sowie die Sinfonia in F-Dur RV 140. 
Komplettiert wird das Programm durch ein Concerto a Quattro in g-Moll von Baldassare Galuppi und ein Concerto in B-Dur von Tomaso Albinoni. Concerto Köln gestaltet den Orchesterpart, wo es sich anbietet, durch den Einsatz von Blasinstrumenten farbig. Dies scheint auch in Venedig seiner- zeit üblich gewesen zu sein. Auch zwei Harfen sind dazu aufgeboten; die Orchestrierung übernahm Lorenzo Alpert, Fagottist und künstlerischer Leiter des Ensembles. Midori Seiler ist mit dem Orchester seit vielen Jahren vertraut. Diese enge Verbundenheit prägt auch die Aufnahme. Sie zeigt enorme künstlerische Reife, fernab jeder Oberflächlichkeit, Effekt- hascherei und Eitelkeit. Faszinierend. 

Donnerstag, 6. September 2018

Vater unser - German Sacred Cantatas (Ricercar)

Eine Kollektion protestantischer Sakralmusik aus dem 17. Jahr- hundert hat das Ensemble Clematis auf dieser CD zusammengestellt. Die Werke entstammen überwiegend der Sammlung Düben; einige davon erklingen in Weltersteinspielung. Den Gesangspart hat der Counter- tenor Paulin Bündgen übernommen. 
Immer wieder staunt man, welch hohes Niveau doch die Kirchenmusik damals hatte. David Pohle (1624 bis 1695) und Johann Theile (1646 bis 1724) beispielsweise waren Schüler von Heinrich Schütz; ihre Werke sind nicht weniger beeindruckend als die bekannten geistlichen Konzerte von Johann Christoph Bach (1642 bis 1703) oder Johann Michael Bach (1648 bis 1694). Doch auch längst vergessene Komponisten wie Johann Wolf- gang Franck, der in Ansbach am Hofe und in Hamburg am Gänsemarkt-Opernhaus tätig war, der Mühlhäuser Johann Rudolph Ahle oder Heinrich Schwemmer,der als Kantor in Nürnberg an St. Sebald wirkte, überraschen mit handwerklich gelungenen, ausdrucksstarken Kompositionen. 

Mittwoch, 5. September 2018

Viola Galante (Cavi-Music)

„Originalkompositionen für Bratsche als Solo-Instrument finden sich in der Zeit vor 1775 ausgesprochen selten“, schreiben Pauline Sachse und Phillip Schmidt im Beiheft zu dieser CD. Unterstützt durch Ludger Rémy, hat sich die Musikerin dennoch auf die Suche begeben – und durchaus lohnenswertes aufgespürt. 
„Wir wünschen Ihnen viel Freude beim Hören dieser größtenteils vergessenen Sonaten“, heißt es im Beiheft. „Ihre Ohren sind vermutlich die ersten, die ihnen seit über 250 Jahren Gehör schenken.“ 
Die einzige Sonate auf dieser CD, die nicht für die Viola, sondern für die Viola da gamba entstanden ist, stammt von Carl Philipp Emanuel Bach – allerdings hat der Komponist die „Bratschen-Version“ eigenhändig autorisiert. Sie unterscheidet sich vom Original ohnehin nur durch Oktavierungen von Tönen, die für die Bratsche zu tief liegen, in zwei Takten. 
Die frühesten publizierten Kompositionen für Bratsche in England stammen von William Flackton (1709 bis 1798), im Hauptberuf Buchhändler. Er hatte festgestellt, dass für die Bratsche Literatur fehlt – und gleich selbst vier Sonaten geschrieben. Eine davon ist auf dieser CD zu hören. 
Die vier nachfolgenden Werke erklingen in Weltersteinspielungen. Die erste dieser Sonaten stammt von Giorgio Antoniotto (vermutlich 1692 bis 1776). Er stammte aus Mailand, und könnte sich einige Jahre in den Niederlanden und in London aufgehalten haben. Überliefert sind von ihm vor allem Werke für das Violoncello; in der Library of Congresss in Washington fanden sich aber auch Manuskripte von zwei Bratschen- sonaten. Eine davon wird von Julia Sachse und Andreas Hecker vorgestellt; sie erscheint insbesondere aufgrund ihrer mitunter kühnen Harmonik reizvoll. 
Franz Benda (1709 bis 1786) wirkte als Geiger am Hofe Friedrich des Großen; ab 1771 war er Konzertmeister des musikliebenden Königs. Er komponierte fast ausschließlich für die Violine – allerdings hat er auch zwei Bratschensonaten geschrieben. Abschriften befinden sich im Notenarchiv der Sing-Akademie zu Berlin. Sie sind auf dieser CD beide zu hören. 
Last but not least erklingt ein Trio von Christlieb Siegmund Binder (1723 bis 1789). Dieser Musiker war Cembalist und Komponist am Dresdner Hof. Nach 1764 wirkte er dort als Organist an der katholischen Hofkirche. Seine Werke bieten insbesondere dem Cembalisten einen attraktiven Part – das Tasteninstrument ist hier nicht Begleiter, sondern ebenfalls Solist, und setzt im Wechselspiel mit der Bratsche durchaus eigene Akzente. 
Julia Sachse und Andreas Hecker musizieren souverän und mit enormer Spielfreude; es ist ein Vergnügen, ihnen zuzuhören. Für diese Einspielung haben die beiden Musiker bewusst historische Instrumente und eine historische Stimmung verwendet: Die Viola hat Giovanni Paolo Maggini 1610 in Brescia angefertigt; Sachse spielt sie hier mit Darmsaiten und mit einem Bogen nach spätbarocken Vorbildern aus der Werkstatt von Thomas Gerbeth. Andreas Hecker spielt ein Cembalo nach einem Instrument von Michael Mietke, gebaut von Bruce Kennedy 2000 in Amsterdam. Gestimmt wurde auf 415 Hz und nach Neidhardt („für eine große Stadt“). Dies bringt tatsächlich eine recht deutlich wahrnehmbare Tonartencharakteristik und damit zusätzliche Farbe in ein ohnehin ziemlich abwechslungsreiches Programm. Wer den sonoren Klang der Bratsche liebt, der sollte diese CD unbedingt anhören – vom ersten bis zum letzten Ton gelungen! 

Montag, 3. September 2018

Du Grain: Sacred Cantatas (MDG)

Kantaten von Johann Jeremias du Grain (um 1700 bis 1756) präsen- tiert das Goldberg Baroque Ensemble unter Leitung von Andrzej Szadejko auf dieser CD. Über das Leben des Komponisten ist wenig bekannt. So bleiben Herkunft und Geburtsdatum im Dunkel der Geschichte. Unter- richtet hat ihn Georg Philipp Telemann; im Jahre 1730 jedenfalls sang du Grain als Bassist bei der Aufführung der Festkantate des Hamburger Musikdirektors zum
200. Jubiläum der Augsburger Konfession. 

1731 heiratete du Grain dann in Elbing, und dort scheint er dann auch etliche Jahre geblieben zu sein. Aus dem Jahre 1737 ist belegt, dass er als Sänger, Cembalist und zweiter Organist an der Hauptkirche St. Marien beschäftigt war.  Danzig wurde die letzte Station auf seinem Lebensweg. Dorthin zog er 1739 um, und wurde 1747 Organist der Elisabethkirche. Um das Musikleben in der Handelsstadt erwarb er sich große Verdienste: Am 23. Februar 1740 veranstaltete er das erste große öffentliche Konzert in Danzig, mit Chor und Orchester. In der Konzertreihe, die du Grain begründete, erklangen seine eigenen Werke, aber auch Musikstücke von Telemann und Händel. 
Aus einem Brief erfuhr Telemann 1756 vom Ableben seines Schülers: „So eben vernehme ich, dass der Herr Du Grain, Organist bey der Reform(ierten) Kirche zu Danzig (..) bey einem (..) im Englischen Hause gehaltenen Concerte, dermassen vom Schlage getroffen worden, dass er so gleich darauf den Geist aufgegeben habe.“ 
Leider sind von du Grain nur sehr wenige Werke überliefert: Drei Cembalokonzerte, dazu eine Handvoll Kantaten. Die Sänger und Musiker um Andrzej Szadejko stellen auf dieser CD drei Kirchenkantaten vor sowie eine Gelegenheitskomposition, entstanden 1738 für die Beisetzungs- feierlichkeiten eines Bürgermeisters. Sie stammen durchweg aus den Elbinger Jahren. 
Das ist durchaus eine Entdeckung. Du Grain erweist sich als ein versierter Komponist, der die Kantatentexte einfallsreich in Musik gesetzt hat. Und sowohl für die Sänger als auch für die Instrumentalisten hat er teils virtuose Partien gestaltet. Apropos: Marie Smolka, Elisabeth Holmer, Georg Poplutz und Marek Rzepka bilden das Solistenquartett dieser Aufnahme. 

Dienstag, 28. August 2018

Mayr: Venetian Solo Motets (Naxos)

Johann Simon Mayr (1763 bis 1845) gilt als einer der bedeutenden Komponisten der italienischen Oper im 19. Jahrhundert. Über den Lebensweg des Musikers, der aus Mendorf im oberbayerischen Landkreis Eichstätt stammt, wurde in diesem Blog bereits an anderer Stelle ausführlicher berichtet. 
Was nicht mit erwähnt wurde: Mayr scheint auch recht fromm gewesen zu sein. Schon während seines Studiums in Ingolstadt wirkte er als Organist. Auch während seiner Ausbildung in Venedig sowie in den letzten 20 Jahren seines Lebens komponierte er Kirchenmusik. So schrieb er, neben vielen Opern, auch etliche Oratorien, Motetten und Messen. 1802 erhielt er eine Anstellung als Kapellmeister an der Basilika Santa Maria Maggiore in Bergamo, die er bis an sein Lebensende inne hatte. 
Nachdem bei Naxos inzwischen zahlreiche Opern des Komponisten in Aufnahmen dokumentiert sind, wendet sich das Label nun verstärkt dem geistlichen Schaffen Mayrs zu. In Weltersteinspielungen sind dort beispielsweise das Miserere in g-Moll und die Litaniae Lauretanae in g-Moll für Soli, Chor und Orchester sowie hinreißend schöne venezianische Solo-Motetten zu finden. Jede dieser Pretiosen ist in der Tat der Wiederentdeckung wert. 
Franz Hauk, der sich unermüdlich dafür engagiert, das Werk von Johann Simon Mayr aus dem Archiv zurück auf Bühne und Podium zu bringen, dirigiert das Ensemble, dem neben ausgewählten Solisten auch das Orchester I Virtuosi Italiani sowie, bei den groß besetzten Werken, die Instrumentalisten von Concerto de Bassus, der Simon Mayr Chor und Mitglieder des Chores der Bayerischen Staatsoper angehören.

Briccialdi: Flute Concertos (Brilliant Classics)

Zu den Jubilaren des Jahres gehört Giulio Briccialdi (1818 bis 1881). Er kam in Terni zur Welt. Das Flöten- spiel erlernte er bei seinem Vater, der allerdings früh starb. 
Giulio setzte daher seine Ausbildung in Rom bei Giuseppe Maneschi fort, und musizierte dann in verschiede- nen Opernorchestern. Sie wurden jeweils für eine Saison zusammen- gestellt. So kam der junge Musiker herum, und erwarb sich bald einen guten Ruf, was dazu führte, dass er zeitweise auch dem Grafen von Syrakus Flötenunterricht erteilen durfte, also dem Bruder des Königs von Sizilien. 
Ab 1839 ging er auf ausgedehnte Konzertreisen, die ihn quer durch Europa bis nach London führten, und auch nach Amerika. Dabei lernte er viele Musiker kennen, wobei eine Begegnung für Briccialdi besonders wichtig war: In München traf er 1847 Theobald Böhm. Er engagierte sich auch selbst für die Weiterentwicklung der Böhm-Flöte; die Doppelklappe für den Daumen ist eine Innovation von Briccialdi. 
1871 wurde der Flötenvirtuose Professor am Konservatorium von Florenz. Dort unterrichtete er, und er gründete zudem eine Werkstatt für den Flötenbau. Außerdem schrieb er Unterrichtswerke und er komponierte Musik, bevorzugt für sein Instrument. 
Dass dieser bedeutende Flötist nur Insidern ein Begriff ist, liegt mit daran, dass er seine Werke zumeist nicht veröffentlicht hat. So sind auch diese vier Flötenkonzerte erst in diesem Jahr (!) bei Ricordi im Druck erschienen. Ginevra Petrucci und I Virtuosi Italiani präsentieren die brillanten Kompositionen auf dieser CD in Weltersteinspielung. Und diese Entdeckung lohnt sich, vom ersten bis zum letzten Ton. Grandiose Musik, sehr engagiert gespielt, unbedingt anhören! 

Montag, 27. August 2018

Cantata - yet can I hear... (Pentatone)

Was ist eine Kantate? Mit dieser Frage hat sich Bejun Mehta sehr intensiv auseinandergesetzt. Angefangen hatte alles mit einer einzigen Arie, berichtet der Sänger im Beiheft zu dieser CD: „In 2015, I stumbled upon the aria ,Yet Can I Hear That Dulcet Lay' and fell madly in love. It is simple, direct, ravishing. I knew immediately that I want to sing the aria myself, and it eventually became the first building block of the program you now hold in your hands.“ 
Der amerikanische Countertenor hat für diesen CD eine sehr persönliche Auswahl an geistlichen und weltlichen Solo-Kantaten aus der italienischen, deutschen und englischen Tradition zusammengestellt, von virtuos bis besinnlich, in großen und kleinen Besetzungen. So erklingen unter anderem Georg Friedrich Händels Kantate Mi palpita il cor HWV 132c, Johann Sebastian Bachs Kantate Ich habe genug BWV 82, Antonio Vivaldis Pianti, sospiri e dimander mercede RV 676 oder Johann Christoph Bachs berühmtes Lamento Ach, dass ich Wassers g'nug
Bejun Mehta singt phantastisch; dank seiner exzellenten Technik gelingt es ihm mühelos, Virtuosität und Ausdruck zu verbinden. Jede Phrase ist überlegt gestaltet, nichts dem Zufall überlassen. Begleitet wird der Countertenor von der Akademie für Alte Musik Berlin. Die Instrumenta- listen – hervorgehoben seien an dieser Stelle nur die Solisten Xenia Löffler, Oboe, und Christoph Huntgeburth, Traversflöte – sind ebenfalls großartig. 
Das Label Pentatone hat dieser Einspielung obendrein eine ansprechend gestaltete Box und ein ausführliches dreisprachiges Beiheft spendiert, in dem auch sämtliche Kantatentexte nachzulesen sind. Kurz und gut: Eine Edition, von der sich nur Positives berichten lässt. Meine Empfehlung! 

Nuove Inventioni (Sony)

Jazz trifft auf Barock – und es ist eine spannungsvolle Begegnung! Diese CD dokumentiert, was geschieht, wenn zwei Musiktraditionen zueinander finden, die sich nur auf den ersten Blick stark unterscheiden. Natürlich sind Harmonik und Rhythmik jeweils ganz eigen. Doch die Liebe zur Improvisation vereint Jazz und Barockmusik. 
Wie das klingen kann, das zeigen der erfahrene Lautenist Rolf Lislevand und das junge Ensemble Concerto Stella Matutina mit dieser Aufnahme. Die Musiker machen deutlich, dass auch barocke Klänge grooven können – und dass man moderne Musik auch auf historischen Instrumenten ganz wunderbar spielen kann.  

Sonntag, 26. August 2018

Sinfonie Concertanti (Tudor)

Eine schöne Aufnahme, eigentlich älteren Datums, ist bei Tudor wieder verfügbar: Das Flötenduo Anne Utagawa und Dominique Hunziker hatte 1978 gemeinsam mit dem Orchestre de Chambre Paul Kuentz Sinfonie concertante von Federigo Fiorillo, Giuseppe Cambini und ein Concerto für zwei Flöten und Orchester von Domenico Cimarosa eingespielt. Es sind durchweg anspruchsvolle und ansprechende Werke, die den Solisten Gelegenheit bieten, sowohl Virtuosität als auch musikalisches Gestaltungsvermögen unter Beweis zu stellen. Das Flötisten-Ehepaar musiziert zudem auch in den turbulentesten Passagen perfekt aufeinander abgestimmt. 

Mussorgsky: Piano Works (Melodija)

Klaviermusik von Modest Mussorgski hat das russische Label Melodija veröffentlicht. Die CD kombiniert diverse Archivaufnahmen aus dem Zeitraum 1949 bis 2017. Zu hören sind fünf (!) Pianisten; ich muss gestehen, dass ich ihre Namen nie zuvor gesehen hatte. Und was ich gehört habe, das veranlasst mich auch nicht dazu, weitere Aufnahmen zu suchen. 
Es gibt bereits etliche Gesamtein- spielungen des Klavierwerkes des russischen Komponisten – wer sich für sein Schaffen interessiert, der sollte sich dort umsehen. Diese CD jedenfalls kann ich leider nicht guten Gewissens empfehlen. 

Samstag, 25. August 2018

Couperin: The complete organ masses (Paladino Music)

Dass diese beiden Orgelmessen Wer- ke eines gerade einmal 21jährigen waren, war umstritten. Sie wurden einem Onkel des Komponisten zugeschrieben, der den gleichen Namen trug, aber erheblich reifer an Jahren war. Erstaunlich ist das nicht: François Couperin (1668 bis 1733) entstammte einer Musikerdynastie, die an Format und Bedeutung mit der Familie Bach durchaus zu verglei- chen ist. 
Sein Beiname „Le Grand“ allerdings macht deutlich, dass sein Schaffen selbst in diesem erlesenen Umfeld herausragend war. Das erkannte auch Ludwig XIV., der Couperin 1693 zum Organisten an der Königlichen Kapelle in Versaille ernannte. Als Hofkomponist hatte er geistliche Musik zu liefern. Außerdem wurde Couperin zum Musiklehrer der königlichen Familie, und spielte mit seinen Concerts royaux in kleiner Besetzung Kammerkonzerte, für die er auch Musik komponierte. 
In seinem Schaffen führte er italienische und französische Musiktradi- tionen zusammen. Auch seine frühen Orgelmessen zeichnen sich durch den kreativen Umgang mit dem Althergebrachten aus. Dabei ist eine Messe für den feierlichen Gottesdienst in einer Pfarrkirche bestimmt, die andere ist eine Konventmesse, wie sie im Kloster gebräuchlich war. 
Sie sind beide für eine Musizierpraxis entstanden, bei der die Verse jeweils abwechselnd gesungen und von der Orgel gespielt wurden. Derart alternatim erklingen die Werke auch auf dieser CD. Es singt das Age of Discovery Vocal Ensemble, und der neuseeländische Organist James Tibbles hat für die Einspielung ein ganz besonderes Instrument ausgesucht: Zu hören ist die Orgel der Kirche Notre Dame Rozay-en-Brie, deren Tastaturen wohl die ältesten in spielfähigem Zustand erhaltenen in Frankreich sind. Auch der junge Couperin selbst hat dort musiziert. 

Dienstag, 21. August 2018

Paganini - Complete Edition (Dynamic)

Mit Musik von Nicolò Paganini ist Dynamic vor 40 Jahren gestartet: Kein geringerer als Salvatore Accardo spielte das erste Album für das italienische Label ein. Etliche weitere Aufnahmen mit dem Violinvirtuosen folgten. Und auch andere hervor- ragende Geiger wählten Dynamic für ihre Veröffentlichungen. 
Obwohl beispielsweise Tartini und Viotti ebenfalls im Repertoire vertreten sind, hat sich Dynamic all die Jahre insbesondere für das Werk Paganinis engagiert. Diese Box gibt Zeugnis davon – sie enthält auf sagenhaften 40 (!) CD sämtliche überlieferten Kompositionen des „Teufelsgeigers“ aus Genua, darunter einige Weltersteinspielungen, und noch ein bisschen mehr. 
Zu finden sind in der phänomenalen Box unter anderem die Violinkon- zerte, vorgetragen von Massimo Quarta auf Paganinis Geige gemeinsam mit dem Orchester des Theaters Carlo Felice Genua. Etliche Werke hat auch Mario Hossen eingespielt; außerdem findet sich eine CD, die ursprünglich für EMI entstanden ist, mit Salvatore Accardo und dem Chamber Orchestra of Europe unter Franco Tamponi. Komplettiert wird dieser Teil durch einige Raritäten, wie die Sonata per la Grand Viola, zu hören ist hier Luigi Alberto Bianchi mit dem Rias Orchester Berlin unter Jacques Delacôte. Es erklingt auch Le Couvent du Mont St. Bernard für Violine, Männerchor und Orchester, übrigens ebenfalls mit einem Rondò del campanello
Im zweiten Teil folgt dann die Kammermusik – von den Quartetten, mit dem Quartetto Paganini, über die Trios für Streicher und Gitarre, bis hin zu den Duetten für Violine und Violincello. Die hinreißenden Duette für Violine und Fagott werden gespielt von Salvatore Accardo und Claudio Gonella. 
Die Werke für Violine und Gitarre – beide Instrumente spielte Paganini virtuos – präsentieren Luigi Alberto Bianchi und Maurizio Preda. Man staunt, denn dass es tatsächlich so viele sind, fällt erst auf, wenn man die vielen CD in der Box versammelt sieht. 
Bei den Werken für Solo-Violine dürfen natürlich die berühmten 24 Capricci nicht fehlen; sie werden hier von Leonidas Kavakos vorgetragen. Die verbleibenden Solo-Werke, ihre Zahl ist überschaubar, spielt Stefan Milenkovich. 
Die 37 Gitarrensonaten und die fünf Sonatinen für Gitarre sowie einige kleinere Werke stellt Guido Fichtner vor, die Ghiribizzi Adriani Sebastiani. Auf drei weiteren CD sind zudem Raritäten und neu entdeckte Werke zusammengefasst; über eine der Aufnahmen wurde in diesem Blog bereits an anderer Stelle berichtet. 
Ebenfalls drei CD bieten bekannte Einspielungen mit Salvatore Accardo und mit Ruggiero Ricci; letzterer spielt unter anderem auch die 24 Capricen. Last but not least fasst Dynamic auf zwei weiteren CD unter dem Motto „A Tribute to Paganini“ Werke zusammen, zu denen der Musiker einst andere Komponisten inspiriert hat. Der Pianist Marco Pasini präsentiert Stücke von Johann Nepomuk Hummel, Franz Liszt, Ignaz Moscheles, Friedrich Kuhlau, Feruccio Busoni, Luigi Dallapiccola, Robert Schumann und Johannes Brahms, Henri Herz und Johann Strauss. Eine wirklich grandiose Kollektion, die derzeit weit und breit nicht Ihresgleichen hat. Gratulation an Dynamic – und meine unbedingte Empfehlung! 

Sonntag, 5. August 2018

Les préludes sont des images - Debussy (Ars Produktion)

Da wir gerade beim Crowdfunding waren: Über die Plattform Startnext hat Mario Häring Gelder für seine zweite Solo-CD gesammelt. Der junge Pianist, Jahrgang 1989, wollte unbe- dingt Werke von Claude Debussy (1862 bis 1918) einspielen – doch als er mit der Planung des Projektes begann, war er noch Student. „Debussys Musik begleitet mich generell schon seit der Kindheit“, berichtet Häring im Beiheft. „Früh habe ich z.B. die Arabesques und Golliwog's Cakewalk gespielt und mich sofort in die französischen Klänge verliebt. An ihnen kann man wunderbar am Klang arbeiten, was natürlich Auswirkungen auf das Klavierspiel allgemein hat und ganz neue Möglichkeiten eröffnet.“ 
Den hundertsten Todestag des Komponisten in diesem Jahr vor Augen, wollte sich Häring einmal mehr mit dem Werk Debussys auseinander- setzen. Die Finanzierung über Startnext ist ihm gelungen, und so konnte der Pianist sein CD-Projekt bei Ars Produktion verwirklichen. 
Ausgewählt hat Mario Häring dafür die Préludes, Premier Livre L. 117, Images, Deuxième Série L. 111, Children's Corner L. 113 sowie, quasi als Zugabe, die Rêverie L. 68. „Die ausgewählten Zyklen stammen alle aus einer Schaffensperiode und bieten trotzdem sehr verschiedene Eindrücke von Debussys Kompositionsstil“, erläutert der Pianist. „Allen gemeinsam ist für mein Empfinden aber ein stark atmosphärischer Ausdruck, der sich in meiner Vorstellung oft in natürlichen Szenerien abspielt – wie es ja auch oft die Titel widerspiegeln.“ 
Häring musiziert virtuos. Seine Technik ist beeindruckend; ich muss allerdings gestehen, dass mich sein Spiel insgesamt ziemlich ratlos zurücklässt. Häring entfesselt wahre Klangkaskaden, aber das Atmosphärische will sich sich mir nicht recht mitteilen. Der Pianist sucht nach einer Alternative zu den Rubati und all den anderen Freiheiten, die sich Pianisten schon zu Lebzeiten des Komponisten genommen haben – was dieser aber offenbar nicht sehr geschätzt hat. Was tun? Häring stellt selbst fest, dass Debussy selbst eher leise und elegant gespielt hat. 
Mir persönlich gefallen die Aufnahmen am besten, wo Pianisten zu Debussy einen poetischen Zugang gefunden haben – große Bögen, erkennbare Strukturen, und ein staunenswert differenziertes Klavierspiel. Ich wünsche mir farbenreiche, fein nuancierte und sensibel austarierte Interpretationen, und ja, mitunter vielleicht auch ein wenig Witz und Ironie. In dieser Aufnahme finde ich davon eher wenig. Häring musiziert heute mit dem Schwung der Jugend – er ist ohne Zweifel ein exzellenter Pianist, und ich bin gespannt darauf, wie er diese Stücke in 25 Jahren spielen wird. Wenn er aus einer anderen Perspektive in die Noten schaut. Mit mehr Distanz vielleicht. Und mehr Gelassenheit. 

Freitag, 3. August 2018

Small is beautiful (Musikmuseum)

„Small is beautiful“ – dieses Motto gilt für die vorliegende CD gleich aus mehreren Gründen. Im Mittelpunkt steht das zweite Brandenburgische Konzert BWV 1047 von Johann Sebastian Bach, üblicherweise besetzt mit Trompete, Blockflöte, Oboe und Violine sowie Streichern und Basso continuo. 
„Am Beginn stand die Frage: Lässt sich Bachs berühmtes Konzert im einer kammermusikalischen Fassung realisieren? Denn eine Partituranalyse lässt vermuten, dass Bach sein Meisterwerk ursprünglich so konzipiert hatte“, schreibt Stefan Ennemoser. Um diese Annahme praktisch-musikalisch zu überprüfen, hat sich der Tiroler Trompeter Verbündete gesucht. 
So wurde das CD-Projekt über die Internet-Plattform wemakeit finanziert – und die Crowdfundig-Kampagne der Musiker um Ennemoser war überaus erfolgreich: Fast einhundert Unterstützer leisteten einen Beitrag; auch hier gilt small is beautiful
Das Solistenensemble der Tiroler Barockinstrumentalisten hat neben Bachs Brandenburgischem Konzert gleich noch weitere Werke herausgesucht, die zu dem Motto passen. So stießen sie in den Beständen aus dem legendären „Schrank II“ der Dresdener Hofkapelle auf das Concerto für Trompete und zwei Oboen sowie Basso continuo TWV 43:D7 von Georg Philipp Telemann in einer Abschrift des Hofkopisten Johann Georg Grundig, ebenfalls mit minimaler Besetzung. 
Außerdem fanden sich in dieser Notenkollektion drei Suiten von Gottfried Finger (um 1660 bis 1730), der ab 1704 in der Hofkapelle Karl Philipps von der Pfalz-Neuburg musizierte. 1707 bis 1717 residierte der Fürst, vom Kaiser zum Statthalter für Tirol berufen, in Innsbruck. Als der Herzog nach dem Tode seines Bruders 1717 die pfälzische Kurwürde erbte, wechselte Finger mit der Residenz zunächst nach Neuenburg an der Donau, dann nach Heidelberg und schließlich nach Mannheim. Er scheint bis an sein Lebensende als Kurpfälzischer Hofkammerrat im Dienst des Kurfürsten gestanden zu haben. 
Dass seine Werke selbst in Sachsen gespielt wurden, von einer der besten Hofkapellen jener Zeit, das zeigt, wie geachtet der Komponist war. Auf dieser CD sind vier Sonaten von Gottfried Finger zu hören – zwei Triosonaten, aber auch eine raffinierte Sonate für Trompete, Oboe und Basso continuo und eine groß besetzte Sonate für zwei Trompeten, zwei Oboen, zwei Violinen und Basso continuo. Telemann ist zudem noch mit dem Quartett TWV 43:G6 vertreten; wie die meisten frühen Werke dieser Gattung ist es deutlich abwechslungsreicher instrumentiert, als wie das heute gewohnt sind – in diesem Falle erklingen Flöte, Oboe, Violine und Basso continuo. 
Mit Stefan Ennemoser musizieren Christian Gruber, Trompete, Julia Fritz, Blockflöte, Georg Fritz, Oboe und Blockflöte, Elisabeth Baumer, ebenfalls Oboe, Claudia Norz und Katharina Wessiack, Violine, Gerlinde Singer, Violoncello, und Max Volbers, Orgelpositiv. Dieses Solistenensemble der Tiroler Barockinstrumentalisten spielt sensibel und natürlich auch stilsicher. Veröffentlicht wurde die CD in Zusammenarbeit mit der Musiksammlung der Tiroler Landesmuseen bei dem Label Musikmuseum. 

Dienstag, 31. Juli 2018

Brass Hommage - German Brass (Berlin Classics)

Ihr letztes Album – das war barocke Klangpracht pur, mit Werken von Bach, Telemann und Händel. Mit Brass Hommage zeigen die Musiker von German Brass nun, dass sie auch ganz anders können. 
Am Anfang stehen Klänge aus der viel strapazierten und oft zitierten symphonischen Dichtung Also sprach Zarathustra von Richard Strauss. Dies wird dann gleich aufgegriffen in Odyssee in Brass – und darauf folgt El Tango la Cumparsita. Kurz und gut: Es wird temperamentvoll, es wird bunt, und es wird auch enorm rhythmisch. Gleich zwei CD benötigten die Bläser, die ihren Ausflug in die Welt der Unterhaltungsmusik offenbar gehörig auskosten. 
Es erklingen jede Menge bekannte Melodien, von Tico Tico über Bésame Mucho bis hin zu As Time Goes By. Mambo, Samba, Tango, Jazz, Blues und Spirituals – German Brass, verstärkt durch Gäste und ehemalige Mitglieder, lässt es so richtig krachen. Die Reise führt durch die USA, wobei New Orleans eine wichtige Zwischenstation ist, über Mexiko und diverse andere lateinamerikanische Staaten bis nach Brasilien – Sonnenbrille nicht vergesssen! Und viel Spaß mit dieser bunten Mischung cooler Rhythmen, witziger Arrangements und fein abgestimmter Blech- bläser-Klangfarben. Als Zugabe gibt es übrigens sogar mehrstimmigen Gesang. 

Rosetti: Symphonies & Concertos (MDG)

Zeitgenossen rühmten sein Talent für lyrische Melodik, seine phantasie- volle Instrumentation und seinen Sinn für dynamische Nuancen. Hört man die Musik Antonio Rosettis (um 1750 bis 1792), so erscheint es unbegreiflich, wie dieser vortreffliche Komponist in Vergessenheit geraten konnte. 
Über seinen Werdegang wurde in diesem Blog bereits an anderer Stelle berichtet. Vorzustellen ist heute eine Sonderedition, in der MDG zwei Einspielungen von Orchesterwerken des Meisters, der aus Böhmen stammt und eigentlich Anton Rösler oder Rössler hieß, zusammengefasst und neu veröffentlicht hat. 
Aufgezeichnet wurden sie bereits 2001 und 2002; es musizieren die Hamburger Symphoniker, dirigiert vom Rosetti-Spezialisten Johannes Moesus. Neben fünf Sinfonien, darunter die bekannte „La Chasse“ mit deutlich erkennbaren Jagdszenen, erklingen auch je ein Konzert für Flöte und Oboe und Orchester, und eine faszinierende „Simphonie Concertan- te“, in der zwei Soloviolinen wetteifern, bevor dann im abschließenden Rondo Oboen und Hörner mit jagdlichen Klängen aufwarten. Die Solisten sind Susanne Barner, Flöte, Christian Specht, Oboe, sowie Stefan Czermak und Akiko Tanaka, Violine. 

Monteverdi: La dolce vita (Deutsche Harmonia Mundi)

„Der göttliche Claudio Monteverdi, der einzigartige Meister der Harmonien, pflegte zu sagen, (..) dass die Noten, mit denen er die Worte einkleidet, alle aus jenem harmonischen Geist entstehen, der dem Text selbst innewohnt, und dass Jeder im Innern der Worte schon schweigend den Gesang vernehmen kann, wenn er nur mit der Aufmerksamkeit der Seele gut zuhört.“ 
So zitiert das Beiheft zu dieser CD Michelangelo Torcigliani, der einst den Text geschrieben hat zu einer heute verlorenen Oper von Claudio Monteverdi (1567 bis 1643). 
Diese Aufmerksamkeit der Seele richten Dorothee Mields und die Lautten Compagney unter Leitung von Wolfgang Katschner auf das Schaffen des einstigen Kapellmeisters am Markusdom in Venedig. Diese CD bietet eine wunderbare Best-of-Auswahl, wobei es den Musikern um Katschner eher darum geht, das Wesen dieser damals so kühnen Musik zu erfassen, als diese bis ins Detail korrekt historisierend vorzutragen. 
Die Lautten Compagney präsentiert Monteverdis Kompositionen schwungvoll und höchst lebendig. In Dorothee Mields fand das renommierte Ensemble dafür auch die perfekte Sängerin. Mit ihrer ausdrucksstarken, schlanken und beweglichen Stimme erweist sie sich als ideale Interpretin der berühmten Madrigale, Canzonetten, Lamenti und Psalmvertonungen. Hinreißend! 

Montag, 30. Juli 2018

Gabrieli for Brass (Linn Records)

An wohl keinem anderen Ort der Welt wurde im 16. Jahrhundert so prächtig musiziert wie in Venedig. Andrea und Giovanni Gabrieli, Organisten am Markusdom, nutzten die Architektur dazu geschickt aus, indem sie Chöre von Sängern und Musikern im Gebäude verteilten. Damit erzielten sie Klangeffekte, die das Publikum sehr beeindruckten.  
Dass das mehrchörige Musizieren noch immer attraktiv ist, beweist diese CD, die Studierende der Royal Academy of Music und der Juilliard School gemeinsam eingespielt haben. Es ist erstaunlich, wie viele Blechbläser diese beiden renommierten Musikhochschulen aufzubieten haben; dass die angehenden Musiker auf höchstem Niveau agieren, darf man voraussetzen. 
Unter Leitung von Reinhold Friedrich, Visiting Professor of Trumpet an der Royal Academy of Music, haben die Trompeter und Posaunisten, unterstützt durch Benedict Williams an der Orgel, die Werke Gabrielis und seiner Zeitgenossen sorgsam studiert. Mit ihren modernen Instrumenten können sie zwar den Klang der Renaissance-Originale nicht imitieren. Aber sie können die musikalische Rhetorik und die Verzierungspraxis jener Zeit nachvollziehen, und sie können mitteltönig statt temperiert spielen. Das Ergebnis hätte auch den Venezianern gefallen. Was für ein Glanz! Ein derart leistungsstarkes Blechbläserensemble war seinerzeit wohl nicht einmal am Kaiserhof zu hören. 

Kozeluch: Complete Keyboard Sonatas 12 (Grand Piano)

Und da wir gerade bei Leopold Koželuch (1747 bis 1818) waren: Christopher Hogwood hat gemeinsam mit Ryan Mark in mühevoller, jahrlanger Arbeit eine Gesamtedition der Klaviersonaten des Komponisten erstellt. Sie ist bei Bärenreiter erschienen. Der neuseeländische Pianist Kemp English hat diese Edition seit 2010 mit dem kritischen Blick des Praktikers begleitet, und parallel die Weltersteinspielung übernommen. Die zwölfte und letzte CD ist nun bei Grand Piano erschienen. 
Hört man diese Aufnahmen, so wird verständlich, dass der Komponist, heute nahezu vergessen, von seinen Zeitgenossen sehr geschätzt wurde – sogar mehr als Mozart. Seine Klaviersonaten reichen von gefälligen Stücken, die gut klingen, aber ebenfalls gut in der Hand liegen, bis hin zu Werken, die man eher Schubert und Beethoven zutrauen würde. Das ganze Wiener Klavier-Universum jener Zeit findet seinen Widerhall in diesen Stücken. 
Kemp English hat zudem für jedes dieser Werke ein passendes Instrument ausgewählt. Das ist ein anspruchsvolles Unterfangen, denn auch der Klavierbau entwickelte sich damals rasant. „I play two reproduction fortepianos after the foremost Viennese builder Anton Walter c. 1795 (..)“, erläutert der Pianist im Beiheft. „For the pre 1780 sonatas I use an original harpsichord by Longman and Broderip (built by Thomas Culliford) dating from 1785. (..) As many of Koželuch's sonatas were published in London by Longman and Broderip this seemed an ideal choice. The other two instruments used are a pianoforte by Joseph Kirkmann (c. 1789) (..) and a Viennese fortepiano by Johann Fritz (c. 1815).“ 
Auf dieser CD sind drei dieser Instrumente zu hören – op. 47 spielt English am Cembalo, op. 48 und 49 am Kirkmann-Piano, und bei op. 50 erklingt das Pianoforte von Johann Fritz. 
So bietet die CD, neben stilistisch höchst unterschiedlichen Stücken, auch ein beeindruckendes Kaleidoskop an Klangfarben. Die historischen Instrumente sind doch immer wieder für eine Überraschung gut – und das Klavierwerk von Koželuch ist schon an sich eine Entdeckung. Sehr hörenswert! 

Samstag, 28. Juli 2018

Kozeluch: Cantata for the Coronation of Leopold II (Naxos)

Als Kaiser braucht man starke Nerven. Das wird bestätigen, wer die Huldi- gungskantate Heil dem Monarchen angehört hat, die Leopold Anton Koželuch (1747 bis 1818) anlässlich der Krönung von Leopold II. 1791 in Prag geschaffen hat. Sie hat ohne Zweifel ihre Längen, aber was tut man nicht alles zum Zwecke der Repräsen- tation. Außerdem war übrigens im Rahmen der Feierlichkeiten Mozarts Oper La clemenza di Tito erklungen. 
Koželuch war 1778 aus Prag nach Wien gegangen, wo er als Pianist sehr erfolgreich war, und bald als Musiklehrer der Prinzessin Elisabeth am kaiserlichen Hofe ein und aus ging. 1792 wurde er durch Kaiser Franz II., den Nachfolger Leopolds II., zum Kammerkapellmeister und Hofkomponisten ernannt. 
Die „Krönungs-Cantate“ hatte Koželuch auf Ersuchen der böhmischen Stände komponiert. Den Text schrieb August Gottlieb Meißner (1753 bis 1807), Professsor an der Prager Universität, Insidern vielleicht bekannt als Librettist, oder aber als Erfinder des Genres Kriminalgeschichte. Das Opus wurde dann von 200 Sängern und Musikern feierlich im Prager National-Theater aufgeführt. 
Wer also sollte berufener sein, diese Kantate wiederzuentdecken, als das Prager Sinfonieorchester FOK unter Leitung von Marek Štilec und ein handverlesenes Sängerensemble aus der Goldenen Stadt. Solisten sind Kristýna Vylíčová, Sopran, sowie Tomáš Kořínek und Josef Moravec, Tenor. Am Cembalo zu hören ist Filip Dvořák. Insgesamt ist die Besetzung freilich heute bescheidener als einst 1791; man staunt aber, welche Wucht die Chöre haben, obwohl die Martinů Voices in Kammerchorbesetzung agieren. 

Freitag, 27. Juli 2018

Rheinberger: Organ Music (Brilliant Classics)

Orgelmusik von Joseph Gabriel Rheinberger (1839 bis 1901) präsentiert der italienische Organist Carlo Guandalino auf dieser Doppel-CD. Geboren wurde Rheinberger in Liechtenstein. Schon als Sieben- jähriger soll er in Vaduz Organisten- dienste übernommen haben; mit zwölf Jahren ging er nach München, wo er am Konservatorium studierte. Er wurde Organist, bald auch Hoforganist, und begann, selbst zu unterrichten; 1867 wurde er zum Professor für Orgel und Komposition an der Königlich bayerischen Musikschule berufen, einem Vorläufer der heutigen Musikhochschule. 
Er schuf eine große Anzahl an Werken, von Opern über Lieder, auch für Chöre, bis hin zu Sinfonien, Solokonzerten und Kammermusik. Bekannt ist Joseph Rheinberger heute insbesondere für seine Orgelmusik; er gilt für dieses Instrument als der wichtigste Komponist seiner Zeit. 
Aus dem ebenso umfang- wie facettenreichen Werk hat Guandalino vier Kompositionen ausgesucht, die exemplarisch die Vielfalt von Rheinbergers Schaffen zeigen: Die Orgelsonate Nr. 4 op. 98 mit ihrem Rückgriff auf den mittelalterlichen tonus peregrinus, die Zehn Trios op. 49, die Passacaglia in e-Moll aus der Orgelsonate Nr. 8 op. 132 und die 12 Charakterstücke op. 156. Sie zeigen den Komponisten als einen Musiker, der sich von Moden wenig beeindrucken ließ. 
Für seine Einspielung hat Carlo Guandalino eine moderne Orgel von Alessio Lucato ausgewählt, die sich in der Pfarrkirche in San Michele delle Badesse befindet, unweit von Padua. Dieses Instrument verfügt über insgesamt 30 Register auf zwei Manualen und Pedal, und Lucato selbst schreibt, sie sei „ispirato alla musica sinfonica per organo“. Insofern eignet sie sich gut für Rheinbergers farbenreiche Musik. 

Dienstag, 24. Juli 2018

Porpora: Opera Arias (Decca)

Sein neues Album hat Countertenor Max Emanuel Cencic komplett dem Schaffen von Nicola Antonio Porpora (1686 bis 1768) gewidmet. Der Musiker, dessen 250. Todestag 2018 ansteht, gehörte zu den ganz großen Stars seiner Zeit. Er kam in Neapel zur Welt, wo er von 1696 bis 1706 seine Ausbildung an einem Konser- vatorium absolvierte. Danach wirkte er als Kapellmeister beim Prinzen Philipp von Hessen-Darmstadt, dem Kommandanten der kaiserlichen Truppen in Neapel. 1708 stellte Porpora seine erste Oper Agrippina vor – viele weitere sollten folgen. Nur Leonardo Vinci, Antonio Scarlatti und Johann Adolph Hasse waren seinerzeit in Italien als Opernkompo- nisten ähnlich populär wie Porpora, der mit dem Textdichter Metastasio ein echtes „Dreamteam“ bildete. 
Und auch die Sänger strömten in Scharen herbei. 1715 hatte Porpora begonnen, am Conservatorio Sant'Onofrio Gesangsschüler zu unterrichten. Dabei war er unglaublich erfolgreich; schon bald galt er als bester Gesangslehrer Europas. Zu seinen Schülern gehörten Kastraten wie Farinelli und Caffarelli. 
Ab 1725 lehrte er in Venedig. 1733 ging Porpora nach London, wo er die Opera of the Nobility leitete, das Konkurrenzunternehmen zu Händels legendärer Operntruppe. Nach vier Spielzeiten waren beide pleite, und so musste sich Porpora neue Gönner suchen. Er versuchte sein Glück in Wien, wo er aber keine Anstellung erhielt, so dass er nach Italien zurückkehrte. 
1745 reiste er dann im Gefolge des venezianischen Botschafters nach Dresden. Dort wurde er 1748 Gesangslehrer der Prinzessin Maria Antonia Walpurgis von Bayern, der kunstsinnigen Ehefrau des sächsischen Kurprinzen Friedrich Christian, und Hofkapellmeister. Allerdings wurde er damit zum Rivalen Hasses – der sich letztendlich behaupten konnte. 
Porpora ging 1752 in Pension und zurück nach Wien, wo er Gesangsunterricht gab. Er wohnte im Michaelerhaus, wo auch Metastasio eine Wohnung hatte – und wo der junge Joseph Haydn lebte, der von Porpora lernte, indem er dessen Schüler auf dem Klavier begleitete. Ab 1759 allerdings blieben die Zahlungen des sächsischen Hofes aus, eine Folge des Siebenjährigen Krieges. 
1760 erhielt Porpora die Stelle eines maestro di capella am Conservatorio di Santa Maria di Loreto in Neapel. Er versuchte sich auch noch einmal als Opernkomponist, aber die Zeit der opera seria war wohl vorbei. 1761 gab er alle seine Anstellungen auf; über den Rest seiner Tage, die der einstmals gefeierte Gesangslehrer unter vergleichsweise armseligen Bedingungen verbracht haben dürfte, schweigen die Archive. 
Die Arien, die Porpora geschrieben hat, waren für die besten Sänger jener Zeit bestimmt. Wie es damals Brauch war, hat der Komponist sie so auf den Solisten zugeschnitten, dass sie seine Stärken und Vorzüge betonten, und Schwächen kaschierten. Die Sänger konnten damit ihre Virtuosität effektvoll unter Beweis stellen. 
Wer diese Werke heute singen will, der hat es schwer. Zum einen sind sie für eine andere Stimme maßgeschneidert. Zum anderen unterscheidet sich die Ausbildung eines Sängers heute deutlich von jener, die es vor 300 Jahren bei Gesangslehrern wie Porpora gab. Schier endlose Koloraturen, die in rasantem Tempo, aber trotzdem mit der Präzision eines Uhrwerkes gesungen werden müssen, und raffinierte, improvisierte Auszierungen stehen heute eher nicht mehr im Mittelpunkt des Studiums. 
Max Emanuel Cencic hat, begleitet von der Armonia Atenea unter George Petrou, das Abenteuer dennoch gewagt, und ein komplettes Album mit Arien Porporas veröffentlicht, sieben davon sind in Weltersteinspielung zu hören. Die Oper Germanico in Germania hatte er zuvor bereits aus der Mottenkiste der Musikgeschichte – wohin Irrtum und Beckmesserei den gesamten Kastratengesang einst entsorgt wissen wollten – zurück an die frische Luft geholt. 
Nun also folgen vierzehn handverlesene Arien, wobei sich in seinem Programm eher besinnliche Stücke ebenso finden wie höchst virtuose. Insider werden schnell feststellen, dass Cencic sein Recital mit exakt derselben Arie beginnt, die Franco Fagioli 2014 bei seinem Porpora-Album an den Anfang gesetzt hatte. (Und bei diesem musikalischen Kräftemessen hat der Kollege eindeutig das Nachsehen.) 
„Wie können wir die großen Kastraten nachahmen? Das lässt sich kaum festlegen, aber diese Stimmen waren die Seele von Porporas Musik“, wird Cencic im Beiheft zitiert. „Ich habe die Arien für diese Aufnahme fast instinktiv nach meinem Gefühl für das Richtige ausgewählt. Man kann einen Komponisten dieser Qualität nicht in einem Album erfassen, und jedes Stück ist ein Juwel für sich. Auch wenn die Technik überall herausgestellt wird – Sprünge, schnelle Skalen, Triller, lange Phrasen – scheint doch Porporas besondere und äußerst fesselnde melodische Begabung überall durch.“ 
Zum Teil sind die Koloraturen und Verzierungen aberwitzig anspruchsvoll; mir persönlich gefällt Cencics Gesang allerdings am besten, wo er große Bögen gestalten kann, mit betörender Süße oder ergreifendem Lamento. Der Farbenreichtum dieser Produktion ist ohnehin hinreißend – auch das Viril-Metallische, umtost von Pauken und Trompeten, hat darin seinen Platz. Das Athener Barockorchester ist immer präsent, und geleitet den Sänger sicher auch durch die schwierigsten Passagen.