Dienstag, 19. Juni 2018

Salterio italiano (Christophorus)

Die italienische Variante des Hack- brettes erkundet Franziska Fleisch- anderl mit Leidenschaft – und diese CD beweist, dass die junge Musikerin das rare Instrument mittlerweile virtuos beherrscht. Einmal mehr zeigt sie mit ihrem Ensemble Il Dolce Conforto, dass das Salterio klanglich durchaus überraschende Stärken hat. 
Anhand von einer Vielzahl von Quellen hat Fleischanderl die Spieltechniken rekonstruiert, die für das Salterio einst verwendet worden sind. Noch im 18. Jahrhundert erfreute es sich besonders in der Adelsgesellschaft ganz enormer Beliebt- heit. Doch für das Zeitalter der Virtuosenmusik war es wahrscheinlich zu leise, und so geriet das Instrument bald aus der Mode. Heute ist das Salterio vollkommen aus dem Gebrauch. 
Die junge Musikerin hat daher sehr viel Zeit und Energie daran gesetzt, herauszufinden, wie es einst gespielt wurde. Im Beiheft kann man lesen, dass es Fleischanderl sogar gelungen ist, in einem Musikinstrumenten- museum originale Schlägel aufzuspüren, die sie dann nachbauen ließ. 
Für diese CD hat sie ein Programm zusammengestellt, das es gestattet, die erstaunlich umfangreiche Palette an Klangfarben, die das Salterio bietet, so recht zu genießen. Mit den Fingern oder den Fingernägeln pizzicato in unterschiedlicher Weise gezupft, mit verschiedenen Schlägeln battuto gespielt – es ist verblüffend, aber das Instrument klingt wirklich jedesmal anders. 
Wie schon bei der erfolgreichen CD Sacred Salterio mit der Sopranistin Miriam Feuersinger ist auch auf diesem Album eine erstklassige Sängerin zu hören. Beteiligt ist diesmal die italienische Mezzosopranistin Romina Basso, die mit einer hinreißenden tiefen Stimme und ihrer exzellenten Technik überzeugt. 

Ghosts - Chopin Preludes Op. 28 (Challenge)

Nino Gvetadze hat für Challenge Classics Werke von Frédéric Chopin (1810 bis 1849) eingespielt. Ausgewählt hat sie dafür neben den Préludes op. 28 die Étude in es-Moll op. 10 Nr. 6, drei Walzer sowie das Scherzo Nr. 2 in b-Moll op. 31. 
Die Préludes deutet sie als klingende autobiographische Zeugnisse: „Trough the medium of these works, he revealed his deepest fears and sorrows, but also the beauty and integrity of his heart“, schreibt die georgische Pianistin in einem Geleitwort, das im Beiheft nachzulesen ist. 
Ihr Programm sieht sie als eine „Geisterreise“; mich würde allerdings etwas weniger Poesie im geschriebenen Text und dafür mehr im Klavierspiel sehr erfreuen. Sobald der Notentext etwas dichter wird, vermisse ich bei dieser Einspielung Klarheit und Struktur. Insbesondere die linke Hand liefert für mein Empfinden zuviel Geisterschweben im Ungefähren. Schade! 

Donnerstag, 14. Juni 2018

Prokofiev: Childhood Manuscripts (Naxos)

Diese CD ermöglicht einen Blick in die Kinderstube eines großen Komponisten: Schon in jungen Jahren schuf Sergej Prokofjew (1891 bis 1953) etliche Werke, die er Pesenki nannte, kleine Lieder. Auch einen renommierten Lehrer hatte das begabte Kind. Als er neun Jahre alt war, hatten seine Eltern den kleinen Serjosha bei einem Besuch in Moskau Sergej Tanejew vorgestellt. Der Komponist empfahl ihnen, einen Musiklehrer für den Knaben anzustellen – und so engagierten die Prokofjews Reinhold Glière, der im Sommer 1902 die musikalische Ausbildung des talentierten Jungen übernahm. Dieser lernte fleißig. 1904, da war er gerade einmal 13 Jahre alt, wurde Sergej Student am Konservatorium in St. Petersburg. 1908 trat der junge Musiker erstmals öffentlich auf. 1914 schloss er das Studium ab, nachdem er sein erstes Klavierkonzert vorgestellt hatte. 
Alexandre Dossin hat eine Auswahl kleiner Klavierstücke zusammen- gestellt, die es dem Hörer ermöglicht, die Entwicklung des Musikers in seinen frühen Jahren zu beobachten. Man kann die Fortschritte verfolgen, die der kleine Serjosha auf dem Klavier macht, und den Zuwachs an musikalischer Phantasie und kompositorischer Kompetenz. 
Die Old Grandmother's Tales op. 31 schrieb Prokofjew 1918 in New York, heftig vom Heimweh befallen, was man auch hört. Auch die Sechs Stücke op. 52, aus dem Jahre 1931 beruhen auf früheren Kompositionen, wie dem Ballett Der verlorene Sohn, und runden so den Eindruck ab, den Dossin vom Frühwerk des Komponisten vermittelt. Der Pianist, der aus Brasilien stammt und am Moskauer Konservatorium studiert hat, überzeugt durch seine außerordentlich differenzierte Gestaltung der sehr unterschiedlichen Werke. 

Mittwoch, 13. Juni 2018

Bach Tripl3s (Raumklang)

Vor langer, langer Zeit, da galt die Musik als eine Wissenschaft. Sie gehörte, ergänzend zum Trivium – Grammatik, Dialektik und Rhetorik – zum Lehrstoff im Studium an der sogenannten Artistenfakultät. Dort wurde nicht etwa Zirkuskunst unterrichtet, sondern die septem artes liberales, die sieben freien Künste – was die Grundlage schuf für ein weiterführendes Studium an einer der drei „höheren“ Fakultäten, in den Bereichen Theologie, Jurisprudenz oder Medizin. 
Das sprachlich orientierte Trivium endete mit dem Abschluss als Bakkalaureus; darauf folgte das mathema- tisch ausgerichtete Quadrivium, das zum Magister führte. Dies war zugleich die Voraussetzung für den Einstieg in den Beruf des Lehrers. Zum Quadrivium gehörten – gelehrt wurde übrigens europaweit ausschließlich in lateinischer Sprache – Arithmetik, Geometrie, was auch Geographie und Naturgeschichte mit einschloss, also die Vorläufer unserer heutigen Natur- wissenschaften, sowie Musik und Astronomie/Astrologie. 
Musik galt also als mathematische Kunst; und so wird es nicht verblüffen, dass Komponisten bis zur Barockzeit ganz selbstverständlich nicht nur in Regeln, sondern auch in Zahlen dachten. Das Verständnis dafür freilich ging in späteren Jahrhunderten verloren; Musikforscher bemühen sich heute darum, dieses Wissen wieder zu erschließen. 
Johann Sebastian Bach gehörte zu den letzten jener Komponisten, die in ihren Werken auf eine Zahlensymbolik setzten, die für uns heute oftmals im Verborgenen liegt. Einiges ist aber auch offensichtlich: Für Bach verwies beispielsweise die Zahl 3 ganz sicher auf die Dreieinigkeit von Vater, Sohn und heiligem Geist. Eine beliebte barocke Form war die Triosonate; Bach komponierte aber gern auch für drei Solostimmen und Basso continuo. 
Beispiele dafür hat das Barockensemble Harmony of Nations auf dieser CD zusammengetragen. So ist das Konzert für Cembalo, zwei Blockflöten, zwei Violinen, Viola und Basso continuo BWV 1057 eine interessante Bearbei- tung des vierten Brandenburgischen Konzertes BWV 1049, bei der Bach den ursprünglichen Violinpart, im Mittelsatz auch alle drei Solostimmen, dem Cembalo zugewiesen hat. 
Die Concerti für drei Cembali BWV 1063 und 1064 hingegen erklingen auf dieser CD in der Version für drei Violinen. Bei dem dritten Brandenburgi- schen Konzert, das ebenfalls auf dem Programm steht, wird die Idee dreier Soloinstrumente auf die Spitze getrieben, denn jede der drei Streicher- gruppen – Violinen, Violen und Violoncelli – wird in drei eigenständigen Stimmen eingesetzt. 
Die Geiger teilen sich übrigens in die Soli. Harmony of the Nations musiziert schwungvoll, aber zugleich fein ziseliert und ausgewogen, mit durchweg exzellenter Technik und Gespür für musikalische Strukturen. Mein ganz persönliches Lieblingsstück auf dieser CD ist die Ouvertüre BWV 1069, in der Frühfassung ohne Pauken und Trompeten, die ganz am Anfang zu hören ist. So betont französisch wird diese Orchestersuite selten gespielt. Sehr geschmackvoll und erlesen! 

Sonntag, 10. Juni 2018

Molters Miniatur-Opern (Hänssler Profil)

Die Hof-Capelle Carlsruhe hat sich zusammengefunden, um die Musik des dortigen Hofes in verschiedenen Besetzungen und mit historischen Instrumenten wieder zur Aufführung zu bringen. Diese Werke sind oftmals nur als Manuskripte überliefert. Insbesondere in der Badischen Landesbibliothek befinden sich reiche Bestände an Kompositionen, die seit ihrer Entstehungszeit nicht mehr erklungen sind. 
Die vorliegende CD bietet Musik aus dem 18. Jahrhundert. Als Hofkapell- meister in Karlsruhe wirkten damals Johann Melchior Molter (1696 bis 1765) und, nach dessen Tod, Giacinto Schiatti († 1777). Er stammte aus Ferrara und war unter Molter zunächst Konzertmeister in Karlsruhe. Nachfolger Schiattis wurde 1778 Joseph Alois Schmittbaur (1718 bis 1809). 
Sie alle sind mit Werken vertreten. Ergänzt wird das Programm durch Kompositionen von Sebastian Bodinus (1700 bis 1759) und Friedrich Schwindl (1737 bis 1786), beide ebenfalls Konzertmeister am markgräf- lichen Hof. Stilistisch reicht die Bandbreite von spätbarock-empfindsamen Klängen bis hin zu Schmittbaurs exquisit kraftvoller Symphonia G-Dur für Streicher, die schon sehr nach Klassik klingt. Auch Schwindls Quartett D-Dur für zwei Violinen, Viola und Basso continuo erweist sich als echte Entdeckung. Etliche Werke auf dieser CD sind in Weltersteinspielung zu hören. 
Molter weilte zweimal in Italien – was man insbesondere seiner Violinsonate auch deutlich anhört. Er ist auf dieser CD zudem mit drei Cantaten für Sopran und Streicher vertreten, beinahe schon kleine Kammeropern, bestehend aus zwei Arien, die ein Rezitativ einrahmen. Sie werden auf dieser CD gesungen von Julia Mende. Die Texte, in denen es stets um mehr oder minder glückliche Liebe geht, sind durchaus kunstvoll und anspruchsvoll vertont. 
Auch wenn die Karlsruher Hofkapelle, so berichtet das Beiheft, einst bis zu 40 Musiker umfasste, wurde die Kammermusik bei Hofe offenbar besonders geschätzt. Teure Stars aus dem Ausland haben die Markgrafen von Baden-Durlach hingegen nur selten engagiert; so haben sie auch auf Kastraten verzichtet. Auch bei dieser Aufnahme ist das Ensemble mit fünf Streichern und Cembalo nicht allzu üppig besetzt. Man staunt, über wieviel Durchsetzungsvermögen diese kleine Besetzung trotzdem verfügt. Und man freut sich über die Sorgfalt, mit der die Hof-Capelle Carlsruhe ein Repertoire präsentiert, dass bislang garantiert nur Insider kannten. Sehr hörenswert! 

Freitag, 8. Juni 2018

Baroque Twitter (Deutsche Harmonia Mundi)

Nein, es geht ausnahmsweise einmal nicht um Mobiltelefone und Kurz- nachrichten. Die Imitation von Vogelgesängen gehört vielmehr zu den beliebten Sujets der Barockzeit. Dass es aber derart viele barocke Arien und Konzerte gibt, die vom Gezwitscher geprägt sind, das ist wirklich erstaunlich. 
In diesem Blog haben wir bereits mehrfach Alben vorgestellt, die sich den kunstvoll imitierten Vogel- gesängen widmen. Nuria Rial und Maurice Steger haben nun gemeinsam mit dem Kammer- orchester Basel eine CD eingespielt, die zu weiteren Entdeckungen einlädt. Die spanische Sängerin und der Flötenvirtuose begeistern mit einem sorgsam zusammengestellten Programm, das neben einigen bekannten Werken auch etliche Kostbarkeiten enthält, die bislang in Archiven geschlummert haben. 
So erklingen neben Arien von Andrea Stefano Fiorè, Leonardo Vinci, Francesco Gasparini, Pietro Torri, Tomaso Albinoni, Johann Adolf Hasse, Antonio Vivaldi und Alessandro Scarlatti – teils mit, teils ohne Flötenpart – auch Sonaten und Konzerte von Francesco Mancini, Charles Dieupart und Antonio Vivaldi. 
Der schlanke, bewegliche Sopran von Nuria Rial harmoniert dabei aufs Beste mit dem Klang von Stegers Blockflöten. Und das Kammerorchester Basel, geleitet von seinem Konzertmeister Stefano Barneschi, ist den beiden Solisten ein kongenialer Partner. Hinreißend! 

Donnerstag, 7. Juni 2018

Caldara: Missa dolorosa - Crucifixus - Motets (Brilliant Classics)

Das zentrale Werk auf dieser CD ist die Missa Dolorosa von Antonio Caldara (1670 bis 1736). Der Komponist, aufgewachsen in Venedig, wirkte als Kapellmeister unter anderem in Mantua und Rom. Die letzten 20 Jahre seines Lebens verbrachte er in Wien, wo er als Vizekapellmeister am Hofe des Kaisers Karl VI. tätig war, und Ruhm und Wohlstand erwarb. Für die Hofkapelle komponierte Caldara eine enorme Anzahl von Werken, die in den letzten Jahren zunehmend wieder erschlossen werden. 
So darf der neugierige Hörer immer wieder Kompositionen neu entdecken, die bislang auf CD noch nicht verfügbar waren. Das gilt auch für die vorliegenden Aufnahmen – obwohl Brilliant Classics dies nicht explizit mitteilt. Aufgezeichnet wurden sie über einen verblüffend langen Zeitraum – vom Jahre 2000 bis 2015. Dennoch muss man sagen, dass der Anspruch, mit dem die Vokalisten und Instrumentalisten von La Silva unter der Leitung von Nanneke Schaap sich mit Caldaras Werken beschäftigen, durch die Interpretationen letztendlich nicht in befriedigender Weise eingelöst wird. 
Diese Werke darf man nicht unterschätzen. Die prunkvolle Missa Dolorosa, 1735 uraufgeführt, das sechzehnstimmige (!) Crucifixus oder aber die eher intimen Motetten sind für die kaiserliche Hofkapelle entstanden. Dort müssen insbesondere auch exquisite Sänger verfügbar gewesen sein – eine Ressource, mit der das niederländisch-italienische Ensemble nur sehr begrenzt aufwarten kann. Schade! 

Knüpfer: Geistliche Konzerte (Christophorus)

Sebastian Knüpfer (1633 bis 1676), der Nachfolger von Johann Rosenmüller im Amt des Thomaskantors, stammte aus Böhmen. Als Sohn eines Kantors und Organisten kam er in Asch zur Welt, und wurde 1646 ans Gymnasium nach Regensburg gesandt, um dort seine Ausbildung fortzusetzen. 
Als Schüler erlebte Knüpfer den Reichstag 1653/54 in Regensburg, der mit zwei Krönungen und einer unglaublichen Prachtentfaltung verbunden war. Mit dem kaiserlichen Hofstaat reisten auch die Musiker der Wiener Hofkapelle an. 
Sowohl der Adel als auch das vermögende Bürgertum ließ singen und aufspielen, was in der Musikwelt Rang und Namen hatte. Dieses Erlebnis hat Knüpfer ganz sicher geprägt. Und ein wenig von dieser Klangpracht brachte er auch mit nach Leipzig, wo er dann drei Jahre studierte; seinen Lebensunterhalt verdiente er derweil als Sänger an der Thomaskirche und indem er Musikschüler unterrichte. 
Damit muss er sich einen erstklassigen Ruf erarbeitet haben. Denn nach dem Tode des Thomaskantors Tobias Michel und nach der Flucht Rosenmüllers – der eines unmoralischen Lebenswandels bezichtigt wurde – wählte der Stadtrat im Jahre 1657 Knüpfer zum Thomaskantor, obwohl es durchaus renommierte Bewerber um dieses Amt gab. 
Der bekannteste Schüler des Musikers war übrigens Friedrich Wilhelm Zachow. Dieser wurde Organist an der Marktkirche in Halle/Saale, und Händels Lehrer. 
Die Werke Knüpfers, obwohl bedeutend, sind heute kaum noch zu hören. Arno Paduch zeigt mit seinem Johann Rosenmüller Ensemble, dass dies durchaus ein Verlust ist. Er hat für diese CD acht geistliche Konzerte des Komponisten ausgewählt, die fast durchweg in Ersteinspielung erklingen – makellos vorgetragen von exzellenten Sängern und brillanten Instrumen- talisten. Es sind Werke, die noch heute beeindrucken. 
So schuf Knüpfer in Herr, hilf uns, wir verderben mit den Mitteln der Musik eine dramatische Sturmszene, die die Zwischenrufe der verzweifelten Jünger ungemein glaubhaft wirken lässt. Andere Werke bieten eine geradezu venezianische Klangpracht auf, obwohl die Sängerbesetzung vergleichsweise knapp gehalten ist. Mit Hilfe von einigen wenigen Streichern, Bläsern und Continuo-Gruppe erreicht Knüpfer, der selbst nie in Italien war, ganz erstaunliche Effekte. Erstaunlich ist aber auch, auf welchem Niveau schon zu Knüpfers Zeiten in Leipzig musiziert wurde. 

Donnerstag, 31. Mai 2018

Bach: Die Kunst der Fuge (Gramola)

Die Kunst der Fuge, das musikalische Vermächtnis des großen Johann Sebastian Bach, erklingt hier verjazzt. Ja darf man denn so etwas? 
Gunar Letzbor, der nicht nur Geiger ist, sondern auch Konzerte organisiert, war aufgefallen, dass Bachs Meisterwerk noch immer zwar Musiker begeistert, aber eher selten den Weg vor ein Publikum findet. Und so wagte er ein Experiment, das auf dieser CD dokumentiert ist: Letzbor ließ 2013 im Stift St. Florian Die Kunst der Fuge nicht auf einem Cembalo, sondern durch die Austrian Art Gang vortragen. 
Die Musiker, die sich zu diesem Projekt zusammengefunden haben, näherten sich dem Werk aus moderner Perspektive an. Klaus Dickbauer, Saxophone und Klarinetten, Daniel Oman, Gitarre, Wolfgang Heiler, Fagott, Thomas Wall, Violoncello, und Wolfram Derschmidt, Kontrabass und E-Bass, spielen nicht nur moderne Instrumente. Sie gehen mit Bachs Musik zudem zwar respektvoll, aber auch sehr spielerisch um – und improvisieren über Bachs komponierte Kontrapunkte. 
Diese Aufnahme ist dann im Juni 2017 im Studio entstanden. Das Ergebnis wirkt erstaunlich schlüssig, es ist interessant und steckt voll Energie. Ob Bach soviel Freiheit geschätzt hätte, kann ich nicht sagen – aber inspirierend ist diese CD in jedem Falle. 

Kleine Augen, große Welt (Genuin)

Wenn es um die Musik geht, ist Leipzig noch immer eine Stadt, über die man staunen kann. Angeblich singen Kinder ja heutzutage nicht mehr – doch in Leipzig gibt es neben dem berühmten Thomanerchor nach wie vor eine ganze Reihe weiterer hervorragender Ensembles, denen der Nachwuchs offenbar auch nicht ausgeht. Da wären beispielsweise der Gewandhaus-Kinderchor, der MDR Kinderchor oder die Schola Cantorum Leipzig, die jeweils neben den eigentlichen Konzertchören noch eine ganze Reihe von Nachwuchs- ensembles unterhalten. Sie können dafür immer wieder neu unter zahlreichen Bewerbern auswählen. 
Zu den leistungsstärksten Kinderchören im deutschsprachigen Raum gehört auch der Kinderchor der Oper Leipzig – und dieser hat nun bei Genuin eine wunderbare CD veröffentlicht. Die Kinder unternehmen darauf unter Leitung von Sophie Bauer eine musikalische Reise mit Spielliedern aus aller Welt. Und sie unterhalten das Publikum, mitunter begleitet von vier erwachsenen Musikern, mit ausgesprochen witzigen Liedern, die großen wie kleinen Zuhörern Vergnügen bereiten. Die Chorsätze sind pfiffig statt bieder-kindertümelnd. Und gesungen wird klangschön, intonationssicher und mit Begeisterung. Eine CD, die sogar auf längeren Autofahrten nicht nur bei den kleinen Mitfahrern für gute Laune sorgt – garantiert! 

Campagnoli: Flute Quartets (Brilliant Classics)

Der Geiger Bartolomeo Campagnoli (1751 bis 1827) stammte aus Cento in Oberitalien, und war ein Schüler von Pietro Nardini. Nach ersten Erfah- rungen in italienischen Orchestern und erfolgreichen Konzertreisen, die den Musiker nach Deutschland, Polen und Skandinavien führten, stand der Virtuose zunächst im Dienst verschiedener Fürstenhäuser. 1797 wurde er Konzertmeister des Leipziger Gewandhausorchesters, und er gehörte zur Urbesetzung des 1808 gegründeten Gewandhaus-Quartetts. 
Campagnoli war auch ein bedeutender Violinpädagoge, der wichtige Lehrwerke geschrieben hat. Auf dieser CD sind allerdings seine sechs Flötenquartette zu hören. Diese reizvollen Werke erinnern an Serenaden, und kombinieren Wiener Klassik mit italienischer Kantabilität. Das Ensemble Il Demetrio musiziert, mit Gabriele Formenti, Traversflöte, Maurizio Schiavo, Violine, Mauro Righini, Viola, und Antonio Papetti, Violoncello. Nicht nur akustisch dominiert die Traversflöte diese Aufnahme. Die Streicher bleiben leider ein wenig im Hintergrund; auch klanglich überzeugt ihr Part neben Formentis elegantem Flötenspiel leider nicht durchweg. Nicht alle Passagen sind souverän gestaltet, was insgesamt das Hörvergnügen doch etwas beeinträchtigt. 

Mittwoch, 30. Mai 2018

Von Herzogenberg: Piano Trios op. 24 & 36 (MDG)

Ein junger Komponist suchte seinen Weg: Nach dem Studium in Wien und ersten Erfolgen mit Werken im Wagner-Stil war Heinrich von Herzogenberg (1843 bis 1900) so irritiert, dass er in eine Schaffens- krise geriet. Denn im Feuilleton tobte damals ein erbitterter Streit zwischen zwei Lagern, den Traditionalisten und den sogenannten Neudeutschen, Brahms-Anhängern und Wagnerianern. Mit gespitzter Feder gingen die Kritiker jeweils auf die Gegenpartei los, an der sie kein gutes Haar ließen. Wem sollte man da glauben? 
Um Abstand zu gewinnen, ging von Herzogenberg 1872 nach Leipzig. Dort beschäftigte er sich mit Bachs Musik,  und er lernte Johannes Brahms kennen, der ihn sehr beeindruckte. Die beiden Klaviertrios, die auf dieser CD erklingen, sind ein Ausdruck dieser Neuorientierung. 
Man staunt: Das ist tolle Musik! Wie kann es eigentlich sein, dass Heinrich von Herzogenberg derart in Vergessenheit geraten ist? Der Komponist scheint ja jede Menge Kammermusik geschrieben zu haben; nur schade, dass man davon kaum etwas zu hören bekommt. Insofern ist es sehr erfreulich, dass sich mit den Klaviertrios nunmehr ein erstklassiges Ensemble auseinandergesetzt hat. 
Das Wiener Klaviertrio musiziert großartig. Hingebungsvoll erkunden die Musiker die lyrischen Passagen, und kraftvoll setzen sie dramatische Akzente. Die Einspielung lässt klar erkennen, was diese Werke so einzigartig macht. Anzumerken bleibt zudem die exzellente technische Qualität dieser Aufnahme, die das audiophile Label Dabringhaus und Grimm auf SACD präsentiert. 

Dienstag, 29. Mai 2018

Wagner: Concert Overtures (Naxos)

Das MDR Sinfonieorchester unter Jun Märkl präsentiert auf dieser CD ausgesprochene Raritäten: Folgt man dem Lebensweg von Richard Wagner (1813 bis 1883), so sind da etliche Musikstücke zu entdecken, die es nicht bis in das Repertoire geschafft haben. Zwei Konzertouvertüren sowie die Ouvertüre zu der historischen Tragödie König Enzio stammen aus den Jugendjahren des Komponisten; sie sind während seines Musikstudiums in Leipzig entstanden. 
Vorbilder des jungen Wagners, der sich hier ausprobiert, waren ganz offenkundig Beethoven und Mendelssohn. Später, da war Richard Wagner bereits in Magdeburg bei der Bethmannschen Theatertruppe, datieren die Ouvertüren zu Christopher Columbus, Die Feen und Das Liebesverbot. Hier überrascht Wagner mit italienischen Klängen – und mit charakteristischen, immer wiederkehrenden Motiven. 
Als Geburtstagsständchen für seine Frau Cosima schrieb er dann 1870 das Siegfried-Idyll; dieses Werk, das populär wurde, beschließt die Einspielung aus den Jahren 2011/12, die insgesamt durch solide Qualität überzeugt. Meine Empfehlung! 

Hasse: Arcadian Cantatas (Pan Classics)

Johann Adolph Hasse (1699 bis 1783) war einer der berühmtesten Opern- komponisten seiner Zeit, und Pietro Antonio Domenico Bonaventura Trapassi (1698 bis 1782), besser bekannt unter seinem Künstler- namen Metastasio, war der unangefochtene Star unter den Librettisten. Er schuf nicht nur mehr als 25 Texte für Opern, sondern auch Textvorlagen für ungezählte andere Werke. Besonders zur Geltung kam seine Kunst in der Kammerkantate – quasi eine Oper en miniature, bestimmt für die privaten Gemächer der Aristokratie, in der Virtuosen ihre Kunst auf höchstem Niveau demonstrierten. 
Hasse hat immer wieder Texte von Metastasio vertont. Die beiden Künstler waren befreundet, und sie waren wohl auch Geistesverwandte. Davon jedenfalls zeugen die berückend schönen Kammerkantaten, von denen diese CD eine Auswahl vorstellt. Für heutige Gemüter ist es etwas gewöhnungsbedürftig, die Seufzer und Klagelieder von verliebten Märchenbuch-Schäfern, beheimatet in einer Traumlandschaft, anzuhören – aber die Schönheit dieses Arkadien bezaubert noch immer. Und der italienische Countertenor Filippo Mineccia verfügt über Technik und Timbre, um diese Gesänge elegant vorzutragen. 
Das Ensemble Il gioco de' Matti begleitet ihn dabei nicht nur. Guilia Barbini, Traversflöte, Federico Toffano, Violoncello, Giulio Quirici, Theorbe, und Francesco Corti, Cembalo, gestalten musikalische Bilder von hoher Brillanz. Hinreißend! 

Montag, 28. Mai 2018

Vivaldi: Stabat Mater, Gloria (Gramola)

Drei exzellente Solisten hatten der Salzburger Bachchor und das Bach Consort Wien im vergangenen Jahr zum traditionellen Osterkonzert eingeladen: Mit Hanna Herfurtner und Joowon Chung, Sopran, sowie Andreas Scholl, Alt, widmeten sich die Ensembles unter der Leitung von Rubén Dubrovsyk Werken von Antonio Vivaldi (1678 bis 1741). 
Der Live-Mitschnitt des Konzertes am 6. April 2017 in der Basilika des Stiftes Klosterneuburg ist nun bei Gramola erschienen – und er ist wirklich sehr hörenswert. Großen Anteil daran hat Andreas Scholl. Der Countertenor, mittlerweile schon seit etlichen Jahren im Geschäft, singt immer noch großartig. 
Einige der Werke auf dieser CD hatte er 2007 mit Chiara Banchini und dem Ensemble 415 schon einmal eingespielt; wer mag, der kann ver- gleichen. Ich neige aber bald dazu, den Konzert-Mitschnitt vorzuziehen; er ist in jedem Falle stimmungsvoller. 
Zu hören sind auf dieser CD Musikstücke, die Vivaldi für seine Schülerin- nen am Waisenhaus Ospedale della Pietà in Venedig komponierte. Die jungen Mädchen erhielten dort eine erstklassige musikalische Ausbildung; Menschen aus ganz Europa lauschten verzückt dem Gesang und dem Instrumentalspiel der berühmten figli
Auf dieser CD erklingen das Concerto g-Moll, RV 156, die Sonata a quattro Es-Dur Al Santo Sepolcro, RV 130, sowie liturgische Musik zum Osterfest: Filiae Maestae Jerusalem – Introduzione al Miserere, RV 638, Stabat Mater, RV 621, Lauda Jerusalem, RV 609, und zum Abschluss das populäre Gloria, RV 589. In Jubel und Lobpreis kann neben den drei Solisten endlich auch der Salzburger Bachchor einstimmen. Ein gelungenes Konzert, und eine Aufnahme, über die man sich freut - auch was die technische Qualität angeht. 

Montag, 14. Mai 2018

The New Paganini Project (Sony)

Welch enorme Bedeutung doch die Begleitung für die Wirkung eines Musikstückes hat, das macht dieses faszinierende Experiment deutlich: Der junge Geiger Niklas Liepe, Preisträger des Deutschen Musik- wettbewerbes 2017 und NDR-Kulturpreisträger, hat ausgewählte Komponisten eingeladen, Capricen für Violine solo von Niccolo Paganini (1782 bis1842) durch einen Orchesterpart zu ergänzen. Einzige Bedingung: Der Geigenpart durfte nicht verändert werden.
Dieses Verfahren hat Tradition. Denn schon die Zeitgenossen des Virtuosen fühlten sich dazu herausgefordert, Paganinis Capricen zu „komplettieren“; so schrieb beispielsweise Robert Schumann 1853/54 eine – sehr dezente – Klavierbegleitung. Den jeweiligen Zeitgeschmack spiegeln Klavierparts, die Geigenvirtuosen von Ferdinand David bis zu Fritz Kreisler oder Jacques Thiebaut hinzugefügt haben.
Sieben dieser „historischen“ Begleitungen hat Niklas Liepe in Zusammen- arbeit mit Andreas N. Tarkmann für diese Aufnahme ausgesucht. Tark- mann, ein renommierter Arrangeur, hat sie gekonnt und stilgerecht orchestriert. Er ließ es sich natürlich auch nicht nehmen, eine Caprice, und zwar die Nr. 14, mit einer Begleitung zu versehen.
Generell zeichnen sich die Komponisten, die sich an diesem Vexierspiel beteiligten, durch höchst unterschiedliche musikalische Handschriften und Klangvorstellungen aus. Peter WesenAuer beispielsweise hat die Caprice Nr. 7 mit einem Orchesterpart versehen, der sicherlich auch Paganini gut gefallen hätte. Gérard Tamestit hingegen stellt seine Komposition ganz entschieden neben jene von Paganini. Das wirkt beinahe so, als würde er das Original ignorieren.
Nahezu jede Variante aber wertet den Orchesterpart auf, macht ihn zu einem gleichberechtigten Partner des Solisten. Die Deutsche Radio Philharmonie Saarbrücken Kaiserslautern hat sich unter der Leitung von Georg Bühl dieser Herausforderung gestellt, und die 24 Capricen mit den neu komponierten Begleitungen gemeinsam mit Niklas Liepe eingespielt. Außerordentlich spannend! So aufregend war Klassik lange nicht mehr. 

Freitag, 11. Mai 2018

Antonio Piricone - Fortepiano De Meglio 1826 (Ayros)

Eine ganz besonders gelungene Klaviermusik-CD hat Antonio Piricone bei Ayros Raritas veröffentlicht. Der italienische Pianist hat dafür ein Programm zusammengestellt, das eigentlich ziemlich unspektakulär wäre – wenn er es auf dem derzeit gebräuchlichen Standardinstrument eingespielt hätte. 
Er wählte dafür aber keinen Steinway D, sondern einen Hammerflügel nach Wiener Vorbild, den Carlo de Meglio im Jahre 1826 in Neapel angefertigt hat. Dieses Instrument wiederum hat Ugo Casiglia 2002 in Palermo sorgsam restauriert und exzellent spielbar gemacht. 
Und der Hammerflügel-Klang ist tatsächlich unbeschreiblich schön. Der de Meglio kann mit der Lautstärke moderner Konzertflügel nicht mithalten. Aber dafür bietet er in Piano unendlich viele Nuancen. Das gilt auch für den Klang des Fortepianos, der mit seinem verblüffenden Farbenreichtum eine sehr viel stärkere Differenziertheit ermöglicht. 
Piricone nutzt diese Stärken des historischen Instrumentes großartig. Die Einspielung lädt dazu ein, Klaviersonaten von Wolfgang Amadeus Mozart und Ludwig van Beethoven völlig neu zu entdecken. Aber auch die Werke von Muzio Clementi (1752 bis 1832) und Giacomo Gotifredo Ferrari (1763 bis 1842) bieten so manche Überraschung. Hinreißend! Unbedingt anhören. 

Donnerstag, 10. Mai 2018

Gregorian Chants (MPS)

Wer sich für die Anfänge und Ursprünge unserer modernen Musik interessiert, der sollte diese Einspielungen der Capella Antiqua München kennenlernen: Auf drei CD erklingen ausgewählte gregorianische Gesänge für die wichtigsten Feste des Kirchenjahres – Adventszeit und Weihnachten, Fastenzeit und Ostern, sowie Pfingsten. Aber auch die Marienfeste sowie einige wichtige liturgische Gesänge wie das Nunc dimittis aus der Komplet, das Requiem der Totenmesse oder das Te deum laudamus sind zu hören – von der Choralschola in beeindruckender Klarheit und Harmonie gesungen. 
Im deutschsprachigen Raum haben diese Aufnahmen einst, mehr noch als die der Mönche von Solesmes, dazu beigetragen, die herbe Schönheit dieser alten liturgischen Gesänge auch Menschen zugänglich zu machen, die nicht am Stundengebet der Benediktiner oder Zisterzienser teilnehmen. Vom Introitus Rorate caeli desuper, der am vierten Advent gesungen wird, über das freudige Alleluia des Osterfestes bis hin zum Veni creator spiritus lässt die Choralschola der Capella Antiqua München unter Leitung von Konrad Ruhland den kirchlichen Jahreskreis hörbar und in seiner spirituellen Kraft erlebbar werden. 
Das Ensemble, 1951 gegründet und bis 1981 aktiv, gehörte zu den Vorreitern der Alte-Musik-Bewegung. Es widmete sich ebenso intensiv wie sachkundig der Musik des Mittelalters und der Renaissance – und vom gregorianischen Gesang aus erarbeitete sich die Capella Antiqua München den Zugang zu diesen lang vergessenen Klängen. So entstand schließlich die Idee, die Mönchsgesänge auf Schallplatte zu veröffentlichen. 
Aufgezeichnet wurde diese Jahrhunderteinspielung 1972 und 1973 im Pfarrhof Reuth, weit draußen in der Abgeschiedenheit, in Aicha vorm Wald, kurz vor der österreichischen Grenze. Erschienen sind diese legendären Aufnahmen dann bei dem Label MPS aus Villingen. Tonmeister Hans Georg Brunner-Schwer ist berühmt für seine exquisiten, technisch raffinierten, auf Perfektion bedachten Aufnahmen. Er widmete sich ganz überwiegend dem Jazz. Sein Vermächtnis pflegt heute die Edel AG; sie hat nun auch die Gregorianik-Aufnahmen mit der Capella Antiqua München sorgsam remastert und auf CD wieder zugänglich gemacht. Ein unglaublicher Schatz wurde da gehoben. Weltkulturerbe! 

Dienstag, 8. Mai 2018

Bach: Himmelfahrtsoratorium (Rondeau)

Auch das Himmelfahrtsoratorium BWV 11 von Johann Sebastian Bach (1685 bis 1750) lässt Pauken und Trompeten laut erschallen. Anders als das berühmte Weihnachtsoratorium beschränkt sich dieses Werk allerdings auf eine Kantate – ursprünglich wurde es im Werkverzeichnis auch als solche geführt, mit dem Titel Lobet Gott in seinen Reichen
Eine Aufnahme, die ziemlich genau vor einem Jahr aufgezeichnet worden ist, lädt dazu ein, sich mit Bachs musikalischer Botschaft zum Festo Ascensionis Christi zu befassen. Auf der CD sind dazu noch zwei weitere thematisch passende Bach-Werke zu finden – die Himmelfahrtskantate Wer da gläubet und getauft wird (BWV 37) sowie die Pfingstkantate O ewiges Feuer, o Ursprung der Liebe (BWV 34). 
Zu hören sind der Gutenberg-Kammerchor Mainz und das auf historischen Instrumenten musizierende Neumeyer Consort. Unter der Leitung von Felix Koch singt zudem mit Jasmin Hörner, Sopran, Julien Freymuth, Altus, Christian Rathgeber, Tenor, und Christian Wagner, Bass ein viel- versprechendes junges Solistenquartett. Eine interessante Einspielung, wunderbar passend zum Festkalender. 

Montag, 7. Mai 2018

Reutter: Arie & Sinfonie (Accent)

Johann Adam Joseph Karl Georg Reutter (1708 bis 1772) war offenbar ebenso fleißig wie begabt: Schon als 14jähriger vertrat er seinen Vater im Dienst – dieser war Dom- und Hoforganist in Wien, und man kann sich vorstellen, dass die Anforderun- gen, die der musikliebende und sachkundige Kaiser Karl VI. an seine Virtuosen stellte, nicht gerade gering waren. 
Dennoch befürwortete Hofkapell- meister Johann Joseph Fux (1660 bis 1741) die wiederholte Bewerbung des jungen Musikers um eine Hof- scholarenstelle nicht. Möglicherweise lag dies mit daran, dass Georg Reutter d.J. seinen Kompositionsunterricht beim Vizekapellmeister Antonio Caldara erhielt – und dass die ersten Werke, die der Bewerber bei Hofe vorgestellt hatte, dort mit großem Beifall bedacht worden waren. 
Wie auch immer - Reutter reiste 1729 erst einmal nach Italien. Nach seiner Rückkehr 1731 ernannte ihn der Kaiser zum Hofkomponisten. 1738 wurde der Musiker Amtsnachfolger seines Vaters, der mittlerweile zum Ersten Kapellmeister am Stephansdom aufgestiegen war. In dieser Position war er auch für die Sängerknaben verantwortlich. So holte Reutter Joseph Haydn nach Wien und sorgte für dessen musikalische Unterweisung. 
1740 wurde Reutter in den Adelsstand erhoben. 1746 machte Kaiserin Maria Theresia ihn zum Vize-Hofkapellmeister, sein Bereich war die Sakralmusik. Ab 1751 war Reutter faktisch für die gesamte Tafel-, Kammer- und Kirchenmusik zuständig, die er dazu unter abenteuerlichen Bedingungen pachten musste. Doch erst 1769 wurde er endlich Hofkapell- meister.  
Nach seinem Tode gelangte sein Nachlass über seinen Sohn, den Abt Marian, in das Archiv des Stiftes Heiligenkreuz. Auf dieser CD sind drei Werke aus diesen Beständen zu hören – eine Sinfonia in D-Dur, ein Concerto per il clarino sowie ein verträumter, fast schon klassisch schlichter Einzelsatz, der Pizzicato überschrieben ist. 
Komplettiert wird das Programm durch die Sinfonia in g-Moll aus La Betula Liberata, einer azione sacra, sowie durch ausgewählte Arien, die sich sämtlich dadurch auszeichnen, dass das Hackbrett bei der Begleitung der Singstimme einen wichtigen Part übernimmt. Das Salterio war damals groß in Mode, und am Wiener Hof gab es gleich zwei Virtuosen, die es exzellent spielten. Sängerin Olivia Vermeulen ist bei dieser Aufnahme im Dialog zu hören mit Elisabeth Seitz, die dieses in Vergessenheit geratene Instrument auf das Schönste wieder zum Erklingen bringt. Auch sonst ermuntert das Ensemble Nuovo Aspetto mit dieser CD zur Wieder- entdeckung eines Wiener Meisters, dem die Musikgeschichtsschreibung ziemlich übel mitgespielt hat. Die Aufnahme jedenfalls zeigt: Es lohnt sich! 

Donnerstag, 3. Mai 2018

Granados: Orchestral Works (Naxos)

Zum 150. Geburtstag von Enrique Granados (1867 bis 1916) veröffentlichte Naxos eine Drei-CD-Box mit Orchester- musik des spanischen Komponisten. Granados gehörte, ebenso wie Isaac Albéniz und Manuel de Falla, zu den Erneuerern der spanischen Musik. Die Komponisten, allesamt Schüler von Felipe Pedrell, nutzten dabei vor allem das Vorbild der Volksmusik. 
Die Aufnahmen in dieser Box waren ursprünglich 2016 auf drei einzelnen CD erschienen. Man staune, aber es sind zahlreiche Weltersteinspielungen dabei. Die Interpretationen durch das Orquestra Simfònica de Barcelona i National de Catalunya unter Leitung von Pablo González wurden von Kritikern weltweit hochgelobt. Und auch ich kann mir einen authentischeren Vortrag kaum vorstellen.

John Williams - Themes and Transcriptions for Piano (Varèse Sarabande)

An dieser Stelle sei gleich noch eine weitere CD mit Melodien von John Williams empfohlen. Denn Simone Pedroni, Goldmedaillen-Gewinner beim Van Cliburn International Piano Competition, schätzt die Werke des renommierten Filmmusik-Spezialisten sehr. 
„My love for John William's music dates back to my adolescence when, sitting in a movie theatre, I saw Return Of The Jedi three times in an row“, erinnert sich der italienische Pianist. „I realized that behind those images, there was a great symphonic orchestra performing a complex score for almost the entire duration of the film.“ 
Die Faszination ist seitdem ungebrochen. Und so hat Pedroni für das Filmmusik-Label Varèse Sarabande einige der bekanntesten Kompositionen von John Williams auf dem Klavier eingespielt. Das ist besonders deshalb interessant, weil es einen Einblick in die Werkstatt des Meisters gestattet: Williams, ebenfalls ein brillanter Pianist, entwickelt seine Soundideen am Klavier; orchestriert wird später. 
„As a concert pianist, I always wanted to play his music in my recitals but no original work was available“, bedauert Pedroni. „So it was an immense surprise when I found two suites for piano originally arranged by the composer from the soundtracks of Lincoln and The Book Thief! These intimate and extremely refined piano versions give us the possibility to trace the ,dawn' of Williams' creative process, as he always composes at the piano.“ Allerdings sei Musik aus den Suiten letztendlich im Film nicht verwendet worden. „My enthusiasm for these Williams originals pushed me to transcribe in a virtuosic and transcendent style other works that could, on the piano, have the same evocative power oft the orchestral versions – a sort of ;Pianist's cut'.“ 
Pedronis Transkriptionen sind nun auf dieser CD zu hören. Es erklingt Filmmusik aus Lincoln, Sabrina, Die Bücherdiebin, Schindlers Liste, Aus Mangel an Beweisen, zwei Harry-Potter-Filmen und den Star-Wars-Filmen Das Imperium schlägt zurück sowie Die Rückkehr der Jedi-Ritter. Viel Vergnügen! 

John Williams - A Life in Music (Decca)

Lang ist die Liste der Filmmusiken, die John Williams (*1932) komponiert hat. Und beinahe ebenso lang ist die Liste der Auszeichnungen, die er dafür erhalten hat, darunter mehrere Oscars und Grammys. So hat Williams die Musik zu nahezu allen Filmen des Regisseurs Steven Spielberg geschrieben. 
Diese CD fasst wichtige Meilensteine zusammen. Sie enthält Melodien aus Der weiße Hai, Jurassic Park, E.T. – Der Außerirdische, Hook, Der Soldat James Ryan, Schindlers Liste und Jäger des verlorenen Schatzes. Zu hören sind zudem Hedwigs Thema aus Harry Potter und der Stein der Weisen, der Superman-Marsch und natürlich die Titelmelodie aus Star Wars
Neu eingespielt hat all diese Filmhits das London Symphony Orchestra unter Leitung von Gavin Greenway, einem Dirigenten, der mit Filmmusik sehr viel Erfahrung hat. Das Album ist insgesamt mit großer Sorgfalt erarbeitet worden. So kann man in dem schön gestalteten Beiheft nachlesen, wie sehr die beteiligten Musiker John William und seine Werke schätzen. „John William's music will be as long-lasting as Beethoven's and I feel truly privileged to have worked with him“, sagt beispielsweise Tim Hugh, Solocellist des LSO, „as well as having now performed his newly-arranged version of the Schindler's List theme.“ Rundum gelungen! 

Mittwoch, 2. Mai 2018

Walter: Geystliches Gesangk Buchleyn (cpo)

Eyn geystlich Gesangk Buchleyn von Johann Walter (1496 bis 1570), im Druck erschienen 1524, steht am Be- ginn der Tradition protestantischer Choralbearbeitungen. Der Komponist war ein enger Vertrauter Martin Luthers. Er stammte aus dem thüringischen Kahla, studierte in Leipzig, und wollte dann mit diesem Chorbuch eine Karriere als Sänger und Komponist am ernestinischen Hof in Torgau starten. 
Leider starb sein Dienstherr, Kurfürst Friedrich der Weise, schon 1525 – und sein Nachfolger, Johann der Beständige, löste 1526 die Hofkantorei auf. Daraufhin gründete Walter die Stadtkantorei, die aus Torgauer Schülern und Bürgern bestand, und den Gottesdienst an der Marienkirche mit der neuartigen Kirchenmusik gestaltete. Damit wurde er zum „Urkantor“ der protestantisch-lutheri- schen Kirche. 
Ein Schulkantorat für die muskalische Ausbildung der Schüler kam bald hinzu. Und ab 1536 gab es vom neuen Kurfürsten, Johann Friedrich dem Großmütigen, sogar Geld dafür. Im Schmalkaldischen Krieg fiel Torgau dann an die albertinische Linie. Kurfürst Moritz ernannte Walter zum Kapellmeister der Hofkantorei. Doch Querelen verleideten dem Musiker diesen Posten. 1554, nach der Weihe der neuen Dresdner Hofkapelle, ließ er sich pensionieren und kehrte nach Torgau zurück. 
Auf dieser CD stellt das Ensemble Weser-Renaissance unter Leitung von Manfred Cordes eine Auswahl an Liedsätzen aus dem Geistlichen Gesangbüchlein Walters vor. Musikalisch orientierte sich Walter für seine Kompositionen am (weltlichen) Tenorlied, einer genuin bürgerlichen Gattung. Die vierstimmigen Liedsätze, bei denen die Melodie in der Tenorstimme liegt, werden von den Vokalisten und Instrumentalisten klanglich ausgesprochen abwechslungsreich und technisch versiert vorgetragen. So wird Musikgeschichte zum Hörgenuss! 

Landkjening - Landerkennung (Genuin)

Als die Fabriken und die Städte wuchsen und mehr und mehr Eisenbahnen durch die Lande schnauften, da trafen sich nach Feierabend die Männer gern im Gesangsverein – und sie sangen ein Loblied auf Heimat, Natur und Volksverbundenheit. 
Das 19. Jahrhundert war die Blütezeit der Männerchöre. Und besonders schön sangen sie offenbar in Leipzig. 
So kam es, dass Musiker aus ganz Europa, die am Leipziger Konservatorium studierten, durch diese Chorvereine inspiriert wurden. Das romantische Repertoire passte ausgezeichnet zum erstarkenden politischen Bewusstsein in jener Zeit: Überall regten sich die Völker, mit dem Ziel, Nationalstaaten zu gründen. Und deshalb betonte man auch die eigenen Traditionen. 
Beispiele dafür hat das Ensemble Nobiles auf seiner dritten CD bei Genuin zusammengetragen. Bei einigen Liedern werden die Sänger durch die Pianisten Alexander Schmalcz und Sung-Ah Park gekonnt begleitet. Zu hören sind charaktervolle Vokalwerke aus Böhmen, Norwegen und Finnland, von Antonín Dvořák, Edvard Grieg und Jean Sibelius. 
Diese Raritäten erklingen in den Originalsprachen; im Beiheft sind die Texte sowie Übersetzungen zu finden. Die fünf Sänger aus Leipzig lassen sich blitzsauber und perfekt aufeinander abgestimmt hören. Allerdings vermisst man an manchen Stellen Kraft und Wucht, wie sie stärker besetzte Männerchöre aufbringen können. Dennoch bleibt es eine hinreißende Aufnahme, mit hervorragenden Klangqualitäten. 

Dienstag, 1. Mai 2018

Merk: 20 etudes for cello solo op. 11 (Paladino Music)

Da wir gerade bei Martin Rummel und seinem Engagement für Cello-Lehrwerke sind, folgt gleich noch eine weitere CD des renommierten Cellisten, der derzeit übrigens als Rektor der School of Music an der Universität Auckland in Neuseeland tätig ist: Eine Aufnahme mit den 20 Etüden op. 11 von Joseph Merk aus dem Jahre 2008 hat Rummel kürzlich bei seinem Label Paladino Music wiederveröffentlicht. 
Einige Werke von Joseph Merk (1795 bis 1852), darunter die Fleurs d'Italie, eine Folge von Fantasien über Motive aus Opern Donizettis und Verdis, hatte Rummel gemeinsam mit dem Pianisten Roland Krüger bereits für Naxos eingespielt. Die Etüden sind für Zuhörer sicherlich ein wenig mühsamer als Valses brillantes, aber man wird feststellen, dass Merk selbst diese Übungsstücke, an denen Musiker ihre Technik schulen, erstaunlich ansprechend und auch abwechslungsreich gestaltete. 
Ursprünglich wollte Merk Geiger werden. Doch dann biss ihn ein Hund so unglücklich, dass er den linken Arm nicht mehr korrekt benutzen konnte. Und so wechselte er zum Violoncello. Unterrichtet wurde der junge Musiker von Philipp Schindlöcker, dem Solocellisten der Hofoper. Mit gerade einmal 18 Jahren wurde Merk ebenfalls in dieses Orchester aufge- nommen; später wurde er zudem Mitglied der Hofkapelle, Kammervirtuo- se und Professor am Wiener Konservatorium. 
Er gab Konzerte in Österreich, in Deutschland und Italien, aber in erster Linie blieb der Cellist Wien verbunden. Der Kritiker Eduard Hanslick schrieb über Merk, er sei als „fleißiger Concertgeber unermüdlich und stets von der Sympathie des Publikums getragen.“ Auch als Musikpäda- goge war Merk ziemlich erfolgreich – und für den Gebrauch im Unterricht schrieb er zwei Bände Etüden. Die 20 Etüden op. 11 sind vermutlich in den 1820er Jahren entstanden und Franz Schubert, mit dem Merk befreundet war, gewidmet. 
Außerhalb Wiens gerieten sie „rasch in Vergessenheit, obwohl darin die klassische Logik des Violoncellospiels nach Jean Louis Duport doku- mentiert ist“, bedauert Rummel. Mit seiner Einspielung sowie einer Notenedition bei Bärenreiter will er das ändern: „Besonders diese 20 Etüden verdienen einen Standardplatz in der Ausbildung eines jeden Cellisten.“ 

Montag, 30. April 2018

Klengel: Complete Concertinos for Cello and Piano (Naxos)

Julius Klengel (1859 bis 1933) war Solo-Cellist des schon damals welt- berühmten Gewandhausorchesters Leipzig. In der Pleißestadt kam er zur Welt, und er wurde in eine hoch- musikalische Familie hineingeboren. 
Schon sein Großvater Moritz Klengel spielte als Geiger im Gewandhaus- orchester, und unterrichtete zudem am Leipziger Konservatorium. Sein Vater Wilhelm Julius Klengel war mit Mendelssohn befreundet, und musikalisch beschlagen genug, um seinen sieben Kindern den Anfangsunterricht selbst zu erteilen. Julius' Bruder Paul wirkte ebenfalls als Geiger, Pianist und Komponist. 
Julius Klengel galt als Wunderkind. Als er sieben Jahre alt war, begann seine Ausbildung bei Emil Hegar. Dieser war ein Schüler Friedrich Grützmachers, und Stimmführer der Violoncellisten am Gewandhaus- orchester. Mit 15 Jahren trat Klengel selbst in das renommierte Orchester ein; 1881 wurde er Solo-Cellist und zugleich Lehrer am Konservatorium. Außerdem war er als Solist und Kammermusikpartner gleichermaßen gefragt, und ging regelmäßig auf Konzertreisen. 
Klengel war auch ein exzellenter Pianist, und er komponierte viele Stücke für das Violoncello. Diese CD porträtiert ihn allerdings weniger als Virtuosen denn vielmehr als Lehrenden: Klengels Concertinos für Cello und Klavier gehören noch heute zu dem Repertoire, das nahezu jeder Cellist im Laufe seiner Ausbildung erarbeitet. Klengel war als Pädagoge von enormer Bedeutung; er hat ganze Heerscharen von Studenten unterrichtet. Zu seinen Schülern zählten legendäre Künstler wie etwa Emanuel Feuermann, Rudolf Metzmacher und Gregor Piatigorsky. 
Auf dieser CD werden Klengels Concertinos von Martin Rummel großartig gespielt, der übrigens der letzte Schüler von William Pleeth war, und somit ein Enkelschüler Klengels ist. Rummel musiziert gemeinsam mit der Pianistin Mari Kato – und das Konzertstück d-Moll op. 10 bietet auch ihr die Möglichkeit, gleichberechtigt neben dem Cello zu konzertieren. Sehr gelungen! 

Schütz: Kleine geistliche Konzerte II (Carus)

Diese Doppel-CD ist zugleich ein Abschied. Denn die Aufnahme der Kleinen geistlichen Konzerte von Heinrich Schütz ist eine der letzten Produktionen, an denen der Cembalist, Organist und Dirigent Ludger Rémy mitgewirkt hat. Er starb im Juni 2017 nach schwerer Krankheit. 
In einem persönlichen Geleitwort würdigt Hans-Christoph Rademann den langjährigen Weggefährten. Und auch die Rezensentin verneigt sich tief vor einem Musiker, der viele Jahre erfolgreich in Mitteldeutsch- land gewirkt und die „Alte“-Musik-Szene überregional entscheidend mit geprägt hat. 
Dennoch ist leider festzustellen, dass die Aufnahme in ihrer Qualität, wie schon der erste Teil, an das Niveau nicht heranreicht, das andere Produktionen vorgeben. Es fehlt an Präzision, an Ausdruckswillen, an Energie. So ist Carus mit diesem Teil der Schütz-Gesamteinspielung erstmals keine Referenz gelungen. Schade! 

Quantz: Concertos & Trio Sonatas with recorder (Brilliant Classics)

Dass Johann Joachim Quantz (1697 bis 1773), der Flötenlehrer Friedrichs des Großen, zahlreiche Werke für die Traversflöte komponiert hat, ist allgemein bekannt. Er hat allerdings auch einige Konzerte und Sonaten für die Blockflöte geschrieben, in denen er diese teils allein, teils gemeinsam mit Traversflöte oder Violine er- klingen lässt. Stefano Bagliano, einer der besten Blockflötisten Europas, stellt auf dieser CD gemeinsam mit dem Collegium Pro Musica zwei Concerti und zwei Triosonaten vor. Wunderschön! 

Carl Philipp Emanuel Bach - Tangere (ECM New Series)

Was für ein Sound! Alexei Lubimov spielt Clavierstücke von Carl Philipp Emanuel Bach – auf einem Tangentenflügel. Das Instrument, das auf dieser CD zu hören ist, stammt aus der Werkstatt von Späth & Schmahl in Regensburg, wo es 1794 gebaut worden ist. 
Franz Jacob Späth war der bedeu- tendste Hersteller von Tangenten- klavieren. Sie zeichnen sich dadurch aus, dass ihre Saiten von unten durch emporschnellende Stäbchen aus Holz angeschlagen werden. Mit einem Dämpfer lässt sich der Ton wieder beenden. Außerdem kann er durch Moderatorzüge klanglich verändert werden. 
Es erstaunt nicht, dass Musiker die Tangentenflügel schätzten, die wie ein Psalterium, wie eine Harfe oder auch wie ein Hammerklavier klingen konnten. Und weil die Instrumente sehr gefragt waren, nahm Späth seinen Schwiegersohn Christoph Friedrich Schmahl als Partner mit ins Geschäft. Ungefähr zehn Instrumente von Späth und Schmahl sind erhalten geblieben. 
Alexei Lubimov spielt den Tangentenflügel auf dieser CD höchst virtuos. Man lauscht verblüfft, und freut sich über das enorme Ausdrucksvermögen dieses Instrumentes. „Historical keyboard instruments contradict the ideal shared by the great pianists of the last century, that of achieving the perfect, ultimate interpretation. And this is absolutely fine!“, schreibt der Pianist im Beiheft. „,Tangere' (to touch) means to find an instrument's personal, individual touch, to touch the hidden secrets of its own proper language.“ 
In Lubimovs Interpretation wird hör- und nachvollziehbar, wie extra- vagant die Musik des ältesten Bach-Sohnes eigentlich war. Auf dem Tangentenflügel lässt sich ihre kapriziöse Mutwilligkeit so recht auskosten. Das sind Klänge! Wer diese Aufnahme gehört hat, der mag diese Stücke nie wieder anders erleben. 

Freitag, 27. April 2018

Shostakovich: Complete Symphonies (Melodija)

In einer limitierten Edition hat das Label Melodija eine neue Gesamteinspielung der Sinfonien Dmitri Schostakowitschs (1906 bis 1975) veröffentlicht. Die 15 CD konnte man gar nicht so schnell anhören und besprechen, wie diese Box vergriffen war. Wer sie kaufen möchte und sie noch irgendwo findet, der sollte wohl rasch zuschlagen, denn es kann sich nur um einige wenige Einzelexemplare handeln. Das erstaunt ein wenig. 
Zwar hat sich das Tatarstan National Symphony Orchestra, beheimatet in der Millionenstadt Kazan am Ufer der Wolga, auf zwei umjubelten Deutschlandtourneen als eines der besten modernen russischen Orchester empfohlen. Das Orchester hat zudem unter Leitung seines Chefdirigenten Alexander Sladkovsky bereits eine viel beachtete Aufnahme von Sinfonien Gustav Mahlers vorgelegt. 
Aber mit den Sinfonien Schostakowitschs erreicht das Ensemble meiner Meinung nach kein Spitzenniveau. Die 15 Werke hat das Tatarstan National Symphony Orchestra durchweg im Jahre 2016 eingespielt – neben einem umfangreichen Konzert- und Tourneeprogramm, selbstredend. Das ist ein höchst kräftezehrendes Unterfangen. Vielleicht hätte man sich für das Projekt mehr Zeit nehmen sollen. Hört man diese Einspielung im Vergleich zu älteren, beispielsweise jener mit dem Berliner Sinfonie-Orchester unter Kurt Sanderling aus dem Jahre 1961, fällt zum einen auf, dass das Klangbild zu wünschen übrig lässt. Da mangelt es sowohl an Klarheit als auch an farblicher Differenziertheit. 
Sladkovsky setzt stark auf Virtuosität und auf Brillanz. Schostakowitsch hat allerdings, unter dem Druck der Verhältnisse, sehr oft doppeldeutig komponiert. Der Sarkasmus, der seine Werke häufig geprägt hat, ist hier kaum wahrzunehmen. Das ist schade, denn bei den meisten Sinfonien Schostakowitschs kommt es genau darauf an, dass der Hörer dies wahrnehmen kann. Für eine neue Referenz ist das eindeutig zu wenig. 

Süddeutsche Orgelmeister (Oehms Classics)

Joseph Kelemen, Hauptorganist an St. Johann Baptist in Neu-Ulm, befasst sich seit vielen Jahren mit süddeut- scher Orgelmusik. In dieser Box präsentiert er auf sechs CD eine Werkauswahl bedeutender Orgel- meister des 16. und 17. Jahrhunderts. Die Region, um die es dabei geht, erstreckte sichseinerzeit vom heutigen Süddeutschland über die deutsch- sprachigen Gebiete Österreichs und der Schweiz sowie vom Elsaß bis hin nach Polen. 
Bei allen Unterschieden eint die süddeutsche Orgelmusik ihre Orientierung am Vorbild Italien, berichtet Kelemen im Beiheft zu dieser Box: „Auch der süddeutsche Orgelbau zeigt Anlehnungen an Italien. Wie ihre italienische Schwester – ebenso wie das italienische Cembalo – ist die süddeutsche Orgel in der Regel einmanualig; ihr Pedal beschränkt sich im Umfang auf 1½ Oktaven und wird vornehmlich für Stütztöne zur Verstärkung der Basslinie eingesetzt. Die Diskrepanzen zum norddeutschen Orgelbau sind deutlich – hier finden wir meist mehrere Manuale und eine ausgebaute Pedalklaviatur von zwei Oktaven. Der Klang süddeutscher Orgeln wird oft als ,süß' beschrieben, wogegen das norddeutsche Instrument eher ,schneidend festlich' anmutet.“ 
Selbstverständlich hat Kelemen für seine Einspielungen passende Instrumente ausgesucht. Musik aus dem Buxheimer Orgelbuch, niedergeschrieben um 1460, spielt der Organist an einem Instrument in der St. Andreaskirche Soest-Ostönnen, erbaut von einem unbekannten Meister um 1425, einer der ältesten spielbaren Orgeln der Welt, sowie an der Ebert-Orgel von 1558 der Hofkirche Innsbruck. Für die Werke von Hans Leo Hassler (1564 bis 1612) wählte er die Orgel der Stiftskirche Klosterneuburg von Johann Freundt 1642 sowie die Günzer-Orgel von 1609 der Kirche St. Martin in Gabelbach bei Augsburg. 
Die CD, die dem Schaffen von Johann Caspar Kerll (1627 bis 1693) gewidmet ist, entstand an der Egedacher-Orgel aus dem Jahre 1708 – sie enthält auch noch etliche Register des Vorgängerinstrumentes von Andreas Putz (1633) – die sich im Prämonstratenserstift Schlägl in Oberösterreich befindet. Bei der Einspielung der Musik von Johann Pachelbel (1653 bis 1706) entschied sich Kelemen für die Orgel in St. Petri, Erfurt-Büßleben, erbaut 1702 von Georg Christoph Stertzing, und die Crapp-Orgel von 1712 in der ehemaligen Klosterkirche zu Pappenheim im Altmühltal. 
Gleich zwei CD enthalten Werke von Georg Muffat (1653 bis 1704). Für diese Aufnahmen nutzte der Organist noch einmal die Freundt-Orgel der Stiftskirche Klosterneuburg, und die Orgel der Abteikirche St. Mauritius in Ebersmünster bei Schlettstadt im Elsaß. Sie wurde in den Jahren 1730-32 von Andreas Silbermann angefertigt, und gehört zu den am besten erhaltenen Instrumenten dieses berühmten Orgelbauers. 
Somit stellt Joseph Kelemen nicht nur wichtige Komponisten jener Zeit aus dem süddeutschen Raum und einige ihrer Werke vor. Er verbindet dies mit einer Auswahl klangschöner und charakteristischer historischer Orgeln. Mit ihren sehr unterschiedlichen Klangwelten, die Kelemen gekonnt in den Mittelpunkt stellt, sind sie die eigentlichen Stars dieser Aufnahmen. Und natürlich musiziert der Organist brillant und sehr differenziert. Hinreißend! 

Mittwoch, 25. April 2018

Auff die Mayerin (Genuin)

Diese CD ist aus einem Studien- projekt hervorgegangen. Die angehende Pianistin Kärt Ruubel fragte sich, warum die Musik ihren Lieblingskomponisten Johann Sebastian Bach erst lang nach seinem Tode so beliebt wurde – und welche Zeitgenossen Bachs eigentlich heute noch auf ihre Wiederentdeckung warten. „Zur Beendigung meines Klavierstudiums an der HMT Rostock fehlte mir noch eine Arbeit im Fach Musikwissenschaft“, berichtet die junge Musikerin. „Ich habe mich daher für das Leben und die Werke von Johann Jakob Froberger entschieden.“ 
Das ist ein lohnendes Thema – denn Johann Jakob Froberger (1616 bis 1667) hat in seinem kurzen Leben unglaublich viel erlebt (eine Kurzbiographie findet sich in diesem Blog bereits an anderer Stelle), und wunderbare Musik für Tasteninstrumente geschrieben. 
Wer sie originalgetreu aufführen möchte, der spielt sie zumeist auf einem Cembalo. Kärt Ruubel freilich suchte nach Aufnahmen mit einem modernen Flügel, und fand kaum eine. Und daher beschloss die estnische Pianistin, diesem Mangel abzuhelfen. Für ihre Debüt-CD bei Genuin hat sie ein berühmtes Werk Frobergers ausgewählt, die Lamentation faite sur la mort très douloureuse de Sa Majesté Impériale, Ferdinand le troisième, und ein weniger bekanntes, die Partita Nr. 6 in G-Dur Auff die Maÿerin
Eingebettet hat sie diese Musik in drei Suiten von Georg Friedrich Händel, Johann Joseph Fux und Johann Sebastian Bach. Kärt Ruubel musiziert auf einem Konzertflügel, einem Steinway D, aber sie nutzt die klanglichen Möglichkeiten, die das Instrument bietet, sehr dezent und überlegt. Ihr Spiel wirkt stets transparent und beseelt – ein hinreißender Ausflug in eine Klangwelt, die die meisten Pianisten heute allenfalls in den Encores streifen. 

Weichlein: Messen (Accent)

Wieder einmal präsentiert Gunar Letzbor Werke eines wenig bekann- ten österreichischen Komponisten: P. Romanus Weichlein (1652 bis 1706) war Benediktiner und gehörte dem Stift Lambach an. Er entstammte einer Linzer Musikerdynastie. Andreas Franz Weichlein, so sein Taufname, erhielt ersten Unterricht im Geigenspiel sowie am Clavier wahrscheinlich von seinem Vater, einem Organisten, sowie dem Lam- bacher Stiftsorganisten Benjamin Ludwig Ramhaufski. 1671 trat er als Novize in das Kloster ein. Er studierte Theologie und Philosophie in Salzburg, wo er möglicherweise auch Musikunterricht bei Heinrich Ignaz Franz Biber nahm. 
Nach seiner Priesterweihe 1678 war er als Gemeindepfarrer eingesetzt. 1687 wurde er Kaplan und Musikpräfekt im Salzburger Benediktinerin- nenstift Nonnberg; auf Bitten der Äbtissin wurde er 1691 in die neu gegründete Expositur Säben im Südtirol entsandt, wo er bis Januar 1705 tätig war. Dann kehrte er in sein Heimatkloster zurück. Doch schon nach einigen Wochen schickte man ihn wieder in den Pfarrdienst – nach Kleinfrauenhaid im Burgenland. Dort starb er 1706. 
Viel mehr ist über den Lebensweg von Pater Weichlein nicht bekannt. Letzbor wurde bei Recherchen auf den Komponisten aufmerksam, der nicht nur Kirchenmusik, sondern auch Werke für die Violine geschrieben hat. Für diese Einspielung allerdings stand der Geiger am Dirigentenpult; mit seinem Ensemble Ars Antiqua Austria und den St. Florianer Sängerknaben stellt er auf dieser Doppel-CD vor allem Messen von Romanus Weichlein vor. 
Letzbor will damit nicht nur auf ein Repertoire hinweisen, das seit dem Tode des Komponisten kaum noch aufgeführt worden sein dürfte. Er forscht zudem beständig nach, um herauszufinden, wie diese Musik einstmals geklungen haben könnte. Seine wichtigste Erkenntnis, die auch diese Aufnahme entscheidend geprägt hat: „Es verwundert mich seit langer Zeit, dass gerade berühmte Musiker aus der Alten Musik-Szene auf die Stimmen von Chorknaben bei der Aufführung kirchenmusika- lischer Werke vor Beethoven verzichten“, notierte der Musiker im Beiheft. 
Noch im 19. Jahrhundert habe es in Österreich erhebliche Widerstände gegen den Einsatz von Sängerinnen in der Kirchenmusik gegeben. Und auch wenn es verlockend erscheint – aber selbst größere Gruppen von Chorsängern lassen sich nicht einsetzen, wenn man den ursprünglichen Klang rekonstruieren möchte. 
Denn selbst an bedeutenden Kirchen standen nur kleine Besetzungen zur Verfügung: „Am Passauer Dom sangen beispielsweise lange Zeit nicht mehr als vier Knabensoprane Figuralmusik und noch weniger Knaben- altisten“, hat Letzbor festgestellt. „In kleineren Kirchenmusiken waren zwei bis drei Knaben eingestellt. In der vorliegenden Aufnahme haben wir die Sängerbesetzung also nochmals reduziert. Manche Knaben sangen nur bei Fortestellen im Tutti.“ 
Die St. Florianer Sängerknaben freilich bewältigen ihre Partien mühelos – der Chor beeindruckt seit Jahren, und selbst die jüngsten Mitwirkenden sind bereits hervorragend ausgebildet. Immer wieder fällt auf, wie viele schöne und gut geschulte Solostimmen aus dem Ensemble, das von Franz Farnberger geleitet wird, jederzeit hervortreten können. Ergänzt werden die jungen Sänger bei dieser Aufnahme durch Männerstimmen aus dem Kepler Konsort Linz bzw. dem Wiener Vokalensemble Nova. 
Bei der Missa Rectorum Cordium, sechsstimmig sowie mit Pauken, Trompeten und Posaunen, hat sich Letzbor allerdings nicht allein auf die Knabenstimmen verlassen. Auf CD 1 sind bei den Solopartien neben dem St. Florianer Sängerknaben Martin Wild der Sopranist Radu Marian und Alto Markus Forster zu hören. Insgesamt ist festzustellen, dass diese Auf- nahme Weichleins Werke gekonnt und in all ihrer Klangpracht vorstellt. Rundum erfreulich! 

Montag, 23. April 2018

Bach: Goldberg Variations / Buxtehude La Capricciosa (Capriccio)

Mit den Goldberg-Variationen
BWV 988 von Johann Sebastian Bach beschäftigt sich Christine Schorns- heim schon seit vielen Jahren. „Angefangen hat es bei mir bereits während meines Klavierstudiums, und unvergessen bleiben mir einige Stunden bei Amadeus Webersinke, der mit 1980 in einem Meisterkurs gehörig den Kopf gewaschen hat und mit unnachgiebiger Strenge versuchte, mir meinen bis dahin offensichtlich recht oberflächlichen Blick auf das Werk auszutreiben“, erinnert sich die Cembalistin. „Am Ende dieses Kurses gab es dann noch die freundliche Ermahnung, die Variationen immer und immer wieder zu studieren und den hoffnungsvollen Satz ,später werden Sie diese Variationen sicher gut spielen!'.“ 

Mittlerweile gibt die Musikerin selbst Meisterklassen; mit Leidenschaft unterrichtet Christine Schornsheim als Professorin für historische Tasteninstrumente Studierende an der Münchner Musikhochschule. Die Goldberg-Variationen hat sie schon vor mehr als 25 Jahren eingespielt. Dass sie sich nun noch einmal von Grund auf mit dem Werk befasste, verdanken wir dem Cembalobauer Christoph Kern. Denn er ermunterte die Musikerin, die Aria mit 30 Veränderungen ein zweites Mal aufzu- nehmen. Er hat auch das Cembalo angefertigt, das hier zu hören ist, nach einem Vorbild, gebaut von Michael Mietke um 1710 in Berlin. 
Schornsheim ließ sich auf das Experiment ein. Dafür kombinierte sie die Goldberg-Variationen mit einem anderen, ebenso bedeutenden, allerdings weit weniger populären Variationswerk – der Aria ,La Capricciosa' BuxWV 250 von Dieterich Buxtehude. (Diese Gegenüberstellung lässt noch immer erahnen, warum der junge Bach seinerzeit zu Fuß von Arnstadt nach Lübeck wanderte, um bei dem älteren Kollegen zu lernen.) „Viele Querverbindungen zeigen sich bei näherer Betrachtung beider Werke“, unterstreicht die Cembalistin im Beiheft. „Die rein norddeutsche Orgel- und Cembalotradition durchbricht Buxtehude bei ,La Capricciosa'. Indem er sich einer in Italien beheimateten Bergamasca als Thema bedient. Dieses Thema wiederum finden wir leicht verändert als ;Kraut und Rüben haben mich vertrieben' im Quodlibet der ,Goldbergvaria- tionen' wieder. Dass wir es bei beiden Werken mit 32 Stücken zu tun haben, wird auch kein Zufall sein.“ 
Zu jedem dieser insgesamt 64 Stücke findet Schornsheim einen indivi- duellen Zugang; die Cembalistin besteht auf differenziertem Gestus und Ausdruck. Außerdem spielt sie virtuos und mit Temperament, was es zu einem großen Vergnügen macht, ihr zuzuhören. 

Emotions (MDG)

Emotions, Gefühle, nannten Alexandra Troussova und Kirill Troussov ihre jüngste CD. Die Geschwister, die sich dem Klavier und der Geige verschrieben haben, offenbaren mit dieser Entscheidung erneut eine Vorliebe für intelligent gestaltete Konzeptalben. Denn schon ihr Debüt bei Dabringhaus und Grimm, mit dem Titel Memories, überraschte mit höchst sachkundiger Musikauswahl – und mit exzellenter musikalischer Qualität. 
Das gilt ohne Einschränkungen auch für Emotions. Auf dieser CD haben die beiden Musiker um die Violinsonate von César Franck und die Sonate für Violine und Klavier in G-Dur von Maurice Ravel noch drei kleinere Werke gruppiert, die aber keineswegs unbedeutend sind. Schon die beiden Stücke zu Beginn, Mélancolie und Andantino quietoso op. 6, machen deut- lich, dass der Organist Franck in seiner Kammermusik nicht nur techni- sche Brillanz, sondern in erster Linie auch die Gabe fordert, wunderbare Melodien ansprechend in Szene zu setzen. 
Die beiden Musiker bescheren dem Zuhörer so manchen Gänsehaut-Moment. Selbst bei größter dramatischer Intensität gelingt es den Troussovs, transparent und klar strukturiert zu spielen. Die Geschwister musizieren schon seit ihrer Kindheit gemeinsam. Sie haben dabei einen Grad an Vertrautheit erreicht, der ihnen unglaubliche agogische Freiheiten ermöglicht – für die Interpretation romantischer Musik ist das ein großes Plus. 
Man höre nur den zweiten Satz von Ravels Sonate, mit dem Titel Blues. Er klingt tatsächlich wie improvisiert. Und die populäre Tzigane wird bei diesem Duo von rasantem Virtuosenfutter zu allerbester, ausdrucks- starker Kammermusik. Vom ersten bis zum letzten Ton überzeugt diese Einspielung mit unerhörtem Farbenreichtum. Da kann man nur staunen – und die hervorragende Aufnahme macht auch das Timbre von Troussovs Brodsky-Stradivari, auf der seinerzeit Tschaikowskis Violinkonzert erstmals gespielt worden ist, und den Klang des legendären Steinway-Konzertflügels „Manfred Bürki“ erlebbar. Rundum erstklassig, unbedingt zu empfehlen! 

Mittwoch, 11. April 2018

Esenvalds: The Doors of Heaven (Naxos)

Mitunter erinnert seine Musik an Arvo Pärt, doch als Nachfolger des weltberühmten Komponisten sehe ich Ēriks Ešenvalds nicht. Die Chorwerke, die auf dieser CD erklingen, verweisen auf eine ganz eigene Klangwelt. Sie lebt weniger aus der Repetition und der Stille und Reduktion als vielmehr aus Klang- flächen und überraschenden harmonischen Effekten. Es ist aber richtig, dass der 1977 geborene Ešenvalds ebenso wie Pärt aus dem Baltikum stammt, jener musikali- schen Wunderkammer Europas, aus der leider viel zu selten Kunde zu uns dringt. 
Vor allem als Komponist von Chormusik hat Ešenvalds international hohes Ansehen errungen. Einige seiner Werke werden hier vom Portland State Chamber Choir unter Leitung von Ethan Sperry gesungen, einem der besten jungen Chöre der USA, vielfach preisgekrönt und ausgezeichnet. 

Ludwig Güttler - Edition Europa (Berlin Classics)

In Vorbereitung auf den 75. Ge- burtstag, den Ludwig Güttler im Juni feiert, hat Berlin Classics nun eine Vier-CD-Box veröffentlicht. Sie fasst noch einmal Werke zusammen, die dem berühmten Trompeter besonders wichtig sind. Das liegt nicht allein an ihrer musikalischen Qualität. Ebenso bedeutsam findet Güttler einen ganz anderen Aspekt der Musik: Sie führt Europa zusammen – und das schon seit Jahrhunderten. 
Unbeeindruckt von politischen Ent- wicklungen, reisten Musiker durch die Lande. Sie lernten voneinander, sie korrespondierten miteinander, und sie tauschten ihre Werke aus. So spielte das Wunderkind Wolfgang Amadeus Mozart unter anderem in Italien, in Paris und in London. „Reisen bereichern Persönlichkeit und Personalstil und wirken so auf die Arbeit des Komponisten an jedem Ort weiter“, unterstreicht Ludwig Güttler. Doch ein Musiker musste nicht unbedingt den mühsamen Weg über die Alpen antreten, um von seinen italienischen Kollegen zu lernen. 
Als Beispiel führt Güttler Johann Sebastian Bach an, der sich bekanntlich längere Zeit in Norddeutschland aufhielt – aber Vivaldis Konzerte mit Hilfe von Partituren erkundete, die sein Weimarer Dienstherr aus Italien mitgebracht hatte. Auch Georg Philipp Telemann war mit der italienischen Musik bestens vertraut, ohne jemals in Italien gewesen zu sein. Seine weiteste Reise führte nach Paris; seine erste Anstellung hatte er in Polen. All diese Eindrücke und Einflüsse spiegeln sich in seinen Werken. 
Gefördert wurde dieser Austausch durch den Adel Europas. In dem Bestreben, dem jeweiligen Hof Glanz zu verleihen und damit das eigene Renommée zu stärken, wetteiferten die Herrscher darum, die besten Musiker zu engagieren. Talente aus dem eigenen Land schickten sie zur Ausbildung bei berühmten Kollegen. So kam der Dresdner Geiger Johann Georg Pisendel zu Antonio Vivaldi nach Venedig, und der Kontrabassist Jan Dismas Zelenka nach Wien, wo er Kontrapunkt und Komposition bei Johann Joseph Fux studierte. 
Musikalisch war Europa schon früh vereint – diese Botschaft vermittelt der Trompeter Ludwig Güttler mit einer Auswahl an Einspielungen, die viele Facetten des kulturellen Austausches hörbar werden lässt. Dabei reicht diese Edition von Bach und dessen Zeitgenossen Vivaldi, Telemann, Pisendel, Zelenka, Neruda und Hasse über Haydn und Mozart bis hin zu Antonín Dvořák, der freilich bis nach Amerika reiste. Aber das ist eigentlich schon wieder ein anderes Kapitel europäischer Geschichte.