Dienstag, 11. Dezember 2018

Der Nussknacker und die vier Reiche (Sony)

Die Geschichte von Nussknacker und Mausekönig, erdacht einst von dem Schriftsteller E.T.A. Hoffmann, gehört seit Jahrzehnten zur Vorweihnachtszeit. Ob als Ballett, mit der unsterblichen Musik Pjotr IljitschTschaikowskis, oder als Trickfilm – alle Kinder kennen und lieben die Geschichte um die kleine Marie, ihren Paten Drosselmeier und den etwas lädierten Nussknacker, der dennoch die Spielzeugsoldaten wacker in die Schlacht gegen das Heer der Mäuse führt. 
Nun hat Disney eine Spielfilmversion ins Kino gebracht: Der Nussknacker und die vier Reiche, inspiriert durch Märchen und Ballett, nimmt Groß und Klein mit auf eine abenteuerliche Reise ins Reich der Fantasie. Und diese CD beweist: Ebenso opulent wie Inszenierung und Ausstattung ist die Filmmusik von James Newton Howard. Natürlich wird der Kenner zahlreiche Themen von Tschaikowski erkennen. Doch der Rest ist Hollywood pur – zelebriert von Stars wie Lang Lang am Klavier, und Gustavo Dudamel, der das Philharmonia Orchestra dirigiert. Das Duett Fall on me singt Tenor Andrea Bocelli gemeinsam mit seinem Sohn Matteo; das Video dazu wurde innerhalb weniger Tage Tage nach Erscheinen auf Youtube Ende September 2018 bereits über elf Millionen Mal geklickt. 

"Das neugeborne Kindelein" (Accent)

Barocken Festtagsglanz verbreitet diese CD mit Werken von drei bekannten Komponisten: Dieterich Buxtehude, Johann Sebastian Bach und Georg Philipp Telemann schufen jeweils eine große Anzahl von Kantaten – und für das Weihnachts- fest offenbar besonders exquisite. 
Im Mittelpunkt dieser Aufnahme steht Bachs Choralkantate Ich freue mich in dir BWV 133. Sie wird von dem Ensemble La Petite Bande um Sigiswald Kuijken in durchweg solistischer Besetzung präsentiert: Es singen Anna Gschwend, Sopran, Lucia Napoli, Alt, Søren Richter, Tenor und Christian Wagner, Bass. 
Gefasst ist dieses musikalische Juwel, quasi als kleine Schwester der viel gespielten Kantaten des Weihnachtsoratoriums, in zwei Kompositionen Telemanns. Für Frankfurt/Main entstanden ist wohl um 1720 die Missa sopra Ein Kindelein so löbelich, sehr strikt polyphon gestaltet im stile antico. Die Kantate O Jesu Christ, dein Kripplein ist mein Paradies hingegen, aus dem Jahre 1748, schrieb Telemann ganz modern; hier zeigt sich der Komponist flott und sehr fröhlich, fast wie in einer italienischen Oper der damaligen Zeit. 
Den Rahmen bilden zwei Werke Buxtehudes: Die Kantate Das neugeborne Kindelein BuxWV 13 beeindruckt durch Innigkeit, und die Choralkantate In dulci jubilo BuxWV 52 gibt dann mit ihrer freudig-erregten letzten Strophe auch den Instrumentalisten noch einmal Gelegenheit, so recht in Weihnachtsjubel auszubrechen. Himmlisch! 

Feliz Navidad - Rolando Villazon (Deutsche Grammophon)

Spanisch, Französisch, Deutsch, Englisch und Italienisch – in allen Sprachen, die er selbst fließend spricht, singt Rolando Villazón auf dieser CD Weihnachtslieder. Das war für ihn eine Herzensangelegenheit: „Sobald im Winter der Weihnachts- baum in unserem Haus steht und wir als Familie zusammen sind, hören wir Weihnachtsmusik. Das hat bei uns Tradition“, erläutert der populäre Tenor. „Nun sind meine Kinder mittlerweile älter und mir ist bewusst geworden, dass es nicht mehr lange dauern wird, bis sie nicht mehr zu Hause wohnen werden. Deshalb wollte ich selbst Weihnachtslieder aufnehmen – als Musik für meine Kinder und für alle anderen Menschen.“ 
Feliz Navidad ist zugleich eine kleine Reise durch unterschiedliche Weihnachtskulturen. Man spürt, dass Villazón, als französischer Sänger, der aus Mexiko stammt, dieses Fest ganz besonders schätzt. „Je mehr wir Weihnachten aufbauschen, Luxus anhäufen oder zu Weihnachten in erster Linie in die Shoppingmalls strömen, desto mehr entfernen wir uns von der eigentlichen Botschaft des Festes“, unterstreicht der Sänger. Und so singt er für uns die alten Lieder, begleitet von James Hayto, Gitarre, Chris Pearson, Bassgitarre, Sam Vincent, Kontrabass, Darran Muller, Schlagzeug, den Apollo Voices sowie dem Slovak National Symphony Orchestra unter Leitung von Allan Wilson. Entstanden ist diese Produktion mit hohem Aufwand und in gut einem halben Dutzend Studios. 
Für die deutschen Fans besonders attraktiv: Stille Nacht, heilige Nacht – jener Weihnachtshit, der vor nunmehr 200 Jahren am Heiligabend in Oberndorf bei Salzburg von einem Dorfschullehrer, der zugleich die Orgel spielte, und einem Hilfspfarrer erdacht und zur Gitarre gesungen wurde, weil die Not groß und das dortige Orgelchen kaputt war. Und vielleicht auch Leise rieselt der Schnee, das Villazón gemeinsam mit Popsänger Sasha vorträgt. 

Donnerstag, 6. Dezember 2018

One Byrde in Hande (Linn)

Überwältigend schön ist auch diese CD mit Cembalomusik des britischen Komponisten William Byrd (vermutlich 1543 bis 1623). Nicht umsonst gilt er als ein bedeutender Musiker der Insel zu Zeiten William Shakespeares. 
Byrd wirkte ebenso wie Thomas Tallis als Organist an der Chapel Royal in London; zu seinen Schülern zählen Thomas Tomkins und Thomas Morley. Auch wenn er vor allem durch seine Chorwerke bis zum heutigen Tage bekannt und geschätzt ist, so zeigt sich gerade in den oft sehr kurzen Stücken, die er für das Tasteninstrument schuf, wie originell und innovativ Byrd dachte. 
Richard Egarr, Klassikfreunden bislang vor allem als Dirigent präsent, hat sich dieser musikalischen Schätze angenommen. Er spielt Byrds Werke mit großer Sorgfalt und auch mit sehr viel britischem Humor – und erweist sich dabei, ganz nebenbei, als ein brillanter Cembalist. Eine der schönsten Einspielungen dieses Jahres! 

Joy to the World (BR Klassik)

Einen ganz besonderen Weihnachtszauber verbreitet diese CD, die der Chor des Bayerischen Rundfunks eingespielt hat. Das Programm kombiniert traditionelle Weihnachtslieder, auch aus Polen, Griechenland oder Frankreich, ebenso liebevoll wie aufwendig mit klassischem Repertoire. 
Die meisten Arrangements hat Chorleiter Howard Arman selbst geschrieben. Dabei hat er die bekannten Melodien oftmals kunstvoll bearbeitet und in eine ebenso üppige wie effektvolle Begleitung eingebettet. Das Münchner Rundfunkorchester sorgt für vorweihnachtlichen Glanz, und ist den Chorsängern sowie der Solistin, Sopranistin Chen Reiss, ein zuverlässiger Partner. So wird auf dieser CD hinreißend schön gesungen und musiziert – eine Aufnahme, die man Klassikfreunden mit gutem Gewissen unter den Weihnachtsbaum legen kann. 

Mittwoch, 5. Dezember 2018

Lyambiko - My Favorite Christmas Songs (OKeh/Sony)

Ihre Lieblings-Weihnachtslieder präsentiert Lyambiko auf dieser CD. Lässig begleitet von Svetoslav Karparov, Klavier, Hannah Weber, Violoncello, Thomas Brendgens-Mönkemeyer, Gitarre und Robin Draganic am Bass, erklingen Klassiker wie The First Noel, Winter Wonderland oder Silent Night, dazu White Christmas von Bing Crosby, Driving Home for Christmas von Chris Rea, und natürlich das unvermeidliche Last Christmas von Wham! 
„Sie besitzt die Dramatik einer Billie Holiday, die Erotik einer Julie London und die Schärfe einer Nina Simone“, schrieb der Boston Globe über die Jazzsängerin. Egal, ob Mariah Careys Superhit All I Want for Christmas oder Ella Fitzgeralds Have Yourself a Merry Little Christmas – Lyambiko findet für jeden Song den passenden Ausdruck; mal elegant, mal elegisch, dann wieder flott und ab und zu auch ein wenig keck. 

Dienstag, 4. Dezember 2018

Peter Schreier singt Weihnachtslieder (Berlin Classics)


Eine Legende ist zurück: „Peter Schreier singt Weihnachtslieder“, eine Schallplatte aus dem Jahre 1975, gehörte seinerzeit im Osten wie im Westen zum Fest, ähnlich wie Weih- nachtsbaum und Weihnachtsbraten. In ihrer Liebe zu den traditionellen Weihnachtsliedern waren sich die Menschen in DDR und BRD damals einig. 
Und auf beiden Seiten der Mauer wurde das unverkennbare Timbre des berühmten Tenors geschätzt, der auf dieser CD von der Staatskapelle Dresden begleitet wird und gemeinsam mit dem Thomanerchor Leipzig singt. Nach aufwendiger Restaurierung der Original-Tonbänder ist nun die legendäre Einspielung erstmals auf CD erhältlich. Von Kommet, ihr Hirten über Leise rieselt der Schnee bis O du fröhliche reicht das festliche Programm. 

German Cantatas (Audax)

Die alten deutschen Kantaten sind derzeit offenbar groß in Mode. Nun hat auch Johannes Pramsohler mit seinem Ensemble Diderot eine Auswahl dieser beeindruckenden Werke eingespielt, wobei der Geiger natürlich vor allem auch Kantaten mit virtuoser Solovioline herausgesucht hat. 
Und mit der Tenorkantate Ich will in aller Not auf meinen Jesum schauen von Daniel Eberlin (1647 bis nach 1692) enthält diese CD sogar eine Weltersteinspielung – was erstaunt, denn dieses Opus bietet, urteilte Hans Joachim Moser, Herausgeber der Neuedition in der Reihe Das Erbe deutscher Musik, das anspruchsvollste Violinsolo jener Zeit überhaupt. Eberlin wirkte einige Jahre als Kapell- meister in Eisenach und in Kassel. 
In Eisenach musizierten seinerzeit auch der Geiger Johann Ambrosius Bach, der Vater von Johann Sebastian, sowie Johann Pachelbel (1653 bis 1706), auf dieser CD vertreten mit den Kantaten Christ ist erstanden und Ach Herr, wie ist meiner Feinde soviel. Johann Ambrosius' Schwager Johann Christoph Bach (1642 bis 1703) war Organist in Eisenach, und spielte zudem als Cembalist in der Hofkapelle. Von ihm sind einige Kompositionen überliefert; auf dieser CD erklingen Wie bist du denn, o Gott, in Zorn auf mich entbrannt und Ach dass ich Wassers gnug hätte, zwei effektvolle Lamenti. 
Komplettiert wird diese Kollektion protestantischer Kantaten durch das höchst anspruchsvolle Concerto Mein Hertz ist bereit von Nicolaus Bruhns (1665 bis 1697). Er stammte aus einer schleswig-holsteinischen Musiker- dynastie, war ein Schüler Buxtehudes und wirkte in Husum; leider starb er sehr jung. Bruhns muss ein exzellenter Organist ebenso wie ein heraus- ragender Geiger gewesen sein. Und der Bassist, für den er komponierte, war ebenfalls ein erstklassiger Sänger; wer Bruhns' Werke singen will, dem jedenfalls wird einiges abverlangt. 
Nahuel Di Pierro singt mit einem wohlklingenden, samtigen und vor allem auch tiefen Bass. Zu hören sind außerdem die kanadische Mezzosoprani- stin Andrea Hill, der spanische Tenor Jorge Navarro Purves und der britische Bariton Christopher Purves. Bei dieser Einspielung zeigt sich allerdings wieder einmal, dass die alten Musikstücke mit ihrem rhetorischen Gestus durch Nicht-Muttersprachler nur schwer vorzutragen sind. Eindringlichkeit und starken Ausdruck, wie sie für diese klingenden Predigten notwendig sind, vermisst man bei dieser CD ein wenig. Aber dafür kann sich der Hörer auch bei den beiden Kantaten von Heinrich Ignaz Franz Biber (1644 bis 1704), der für die süddeutsch-katholische Kirchenmusik dieser Zeit steht, am hinreißend schönen Geigenspiel von Johannes Pramsohler erfreuen. 

Donnerstag, 29. November 2018

The Romantic Piano Concerto 76: Rheinberger, Scholz (Hyperion)

Joseph Gabriel Rheinberger (1839 bis 1901) ist heute eigentlich nur noch mit seiner Orgelmusik, und vielleicht auch noch mit einigen seiner Vokalwerke, im Konzertleben präsent. Dass er auch Kammer- und Orchestermusik geschrieben hat, das ist weit weniger bekannt. Mit entsprechend großer Neugier habe ich daher sein Klavierkonzert in As-Dur op. 94 angehört, das Simon Callaghan gemeinsam mit dem BBC Scottish Symphony Orchestra unter Leitung von Ben Gernon für Hyperion eingespielt hat. 
Entstanden ist dieses Werk im Jahre 1876; damals wurde Rheinberger als Orgel- und Kompositionsprofessor an das Münchner Konservatorium berufen, und kein Geringerer als Richard Strauss übernahm die Uraufführung seiner Orchesterwerke. Über den Lebensweg Rheinbergers wurde in diesem Blog bereits an anderer Stelle ausführlich berichtet. Sein Klavierkonzert zeichnet sich aus durch Virtuosität, durch Leidenschaft und Tiefe. Warum dieses beeindruckende Werk nicht mehr im Repertoire ist, das ist mir ein Rätsel. 
Wahrend Rheinberger einst das Musikleben Münchens mit prägte, wirkte Bernhard Scholz (1835 bis 1916) in Breslau als Leiter des dortigen Musikvereins. Ausgebildet ursprünglich als Drucker, sollte Scholz eigentlich das Verlagsgeschäft der Familie in Mainz fortführen. Doch seine musikalische Begabung setzte sich letztendlich durch; nach einer soliden Unterweisung in Klavierspiel, Komposition und Gesang unterrichtete Scholz zunächst Kontrapunkt am Münchner Konservatorium, und wurde dann nach einigen Kapellmeister-Stationen der Leiter des Breslauer Orchestervereins. 
1883 wurde er dann Direktor des Hoch'schen Konservatoriums in Frankfurt/Main, außerdem leitete er den Rühlschen Gesangsverein. Musikalisch stand er Joseph Joachim, Clara Schumann und vor allem auch Johannes Brahms nahe. Auf dieser CD erklingen sein Klavierkonzert in H-Dur op. 57 sowie das Capriccio für Klavier und Orchester op. 35, beides in Weltersteinspielung. Und beides ebenfalls sehr hörenswert. Herzlichen Dank für die Wiederentdeckung dieser attraktiven Musik! 

Mittwoch, 28. November 2018

Gott ist unsere Zuversicht (Rondeau)

Der Stadtsingechor Halle/Saale ist ein renommiertes Ensemble mit einer ganz enormen Tradition. Seine Wurzeln reichen bis in das Jahr 1116, zur Gründung des Augustiner-Chorherrenstiftes Neuwerk, zurück. 1565 schlossen sich die Hallenser Pfarrschulen zum lutherischen Gymnasium zusammen. So entstand auch ein Schulchor, der unter anderem Gottesdienste in den drei Hauptkirchen Unser Lieben Frauen, St. Ulrich und St. Moritz musikalisch auszugestalten hatte. Er wurde später Stadtsingechor genannt, und wirkte im Laufe der Jahrhunderte mit zahlreichen hervorragenden Kantoren und Organisten zusammen, wie Samuel Scheidt, Friedrich Wilhelm Zachow, Daniel Gottlob Türk oder Wilhelm Friedemann Bach. Seit 2014 wird der Chor von Clemens Flämig geleitet. Er ist heute in den Franckeschen Stiftungen beheimatet; die Sänger lernen am Landesgymnasium Latina, und absolvieren zudem ein umfangreiches Pensum an Musikunterricht, Proben und Konzerten. 
Die neue CD mit dem Titel „Gott ist unsre Zuversicht“ bietet Chormusik vom 16. bis zum 21. Jahrhundert; das Programm ist auf den 46. Psalm ausgerichtet. Sein Text wurde von Martin Luther zu einem Lied umge- arbeitet: Ein feste Burg ist unser Gott gilt bis heute als ein Symbol der Reformation. 
So reicht denn auch dieses Programm von der Reformation bis in die Moderne. Die Anforderungen an die jungen Chorsänger sind hoch, doch sie singen mit hoher Präzision und mit Engagement. Allerdings erfolgte die Aufnahme so ungeschickt, dass der überaus hallige Kirchenraum alles dominiert. Wer auch immer für die Tontechnik verantwortlich war – eine Glanzleistung ist das leider nicht. 

Alexander Knyazev - Pipe Organ (Melodija)

Eine ganz famose Orgel stellt diese Doppel-CD vor. Sie befindet sich im Dom zu Riga, und wurde 1882/83 von der Ludwigsburger Orgelbau- firma Walcker errichtet. Hinter dem frühbarocken Orgelprospekt des Vorgängerinstrumentes, der übrigens zu den ältesten der Welt gehört, befinden sich 6.718 Pfeifen; verfügbar sind 124 Register auf vier Manualen und Pedal. 
Als dieses Instrument im Januar 1884 eingeweiht wurde, war es die größte Orgel der Welt. Und zum hundertsten Geburtstag gab es eine umfassende Restaurierung durch das niederländischen Orgelbau- unternehmen Flentrop. 
Beeindruckend klingt sie noch immer. Und der russische Organist Alexander Knjasew  bringt mit seinem Spiel das Instrument so recht zur Geltung. Knjasew ist ein Phänomen – denn eigentlich ist er von Haus aus ein erfolgreicher Cellist; er hat bereits in vielen erstklassigen Konzertsälen und mit namhaften Dirigenten musiziert, und war Gast auf bedeutenden Festivals weltweit. 
Mit dieser Einspielung aus dem Jahre 2012 wendet er sich den berühmten Leipziger Chorälen von Johann Sebastian Bach zu. Sein Kommentar dazu: „Ich suche nach einer Interpretation von Bachs Musik, die in erster Linie und vor allem sehr lebendig sein soll. Ich glaube, dass der Genius von Bachs Musik extrem modern ist. Wir sollten sie auf keinen Fall wie einen Museumsgegenstand behandeln.“ 

Dienstag, 27. November 2018

Kind of Gold - Matthias Höfs & Ensembles (Berlin Classsics)

Was für ein Sound! Wenn Matthias Höfs, Professor an der Hamburger Musikhochschule, seine Schüler zum gemeinsamen Musizieren herbeiruft, dann meint dies offenbar nicht nur seine aktuelle Trompetenklasse. An dieser Einspielung waren auch ehemalige Studenten beteiligt, die mittlerweile in renommierten Orchestern musizieren. Und so hält dieses Album auch, was der Titel verspricht: Satte Blechbläserklänge. 
Zentrales Stück auf der CD: The Trumpets Shall Sound für Solotrom- pete, neun Trompeten und Orchester – ein Werk großen Formates, das Wolf Kerschek eigens für Matthias Höfs geschrieben hat. Es beeindruckt durch vielfältige Klangeffekte, und Anspielungen an die Geschichte des Blasinstrumentes. Man hört, dass Kerschek sich eigentlich mit Jazz und Filmmusik beschäftigt. 
„Wann hat man schon mal so viele Trompeten? Da muss man sich etwas einfallen lassen“, meint der Komponist, der ebenfalls an der Hochschule für Musik und Theater Hamburg lehrt und Höfs sehr schätzt. Auch das Orchester der Hochschule unter Leitung von Professor Ulrich Windfuhr wirkte mit. 
„Für alle war es spannend, ein so vielfarbiges Werk zu erarbeiten, es in Konzerten zu spielen und anschließend zu produzieren“, berichtet Höfs. „Wenn Komponist, Solist, Orchester, Dirigent und Tonmeister aus einem Haus kommen und ein Projekt mit so positiver Energie umsetzen, dann ist das etwas Außergewöhnliches.“ 
Mit Space Heroes ist noch ein weiteres Werk Kerscheks auf der CD zu hören. Komplettiert wird das Programm durch die Festmusik der Stadt Wien von Richard Strauss, für immerhin zehn Trompeten, sieben Posaunen, zwei Tuben und Pauken, die ebenfalls selten gespielten Fanfare für ein neues Theater sowie die Eröffnungsfanfare des Balletts Agon von Igor Strawinsky, Sinfonia und Caprice op. 56 des japanischen Kompo- nisten Itaru Sakai für acht Trompeten, und die Sokol-Fanfare aus der Sinfonietta op. 60 von Leoš Janáček. 
Eine Aufführung dieses Werkes gab auch den Impuls für dieses CD-Pro- jekt: „Gemeinsam mit meiner Trompetenklasse werde ich des Öfteren von Orchestern eingeladen, um Janáčeks ,Sinfonietta' zu spielen. Während einer Orchesterprobe saß ich mit insgesamt 12 Trompetern auf der Bühne und dachte: ,Was für ein Klang!'“, berichtet Matthias Höfs. „Man hört diese große Trompetenbesetzung dann leider nur kurz am Anfang und am Ende des Stücks.“ Und in der gesamten Musikliteratur gebe es nur sehr wenige Werke, die mit einem derart geballten Bläsersound aufwarten können. 

Montag, 26. November 2018

Molter: Sinfonias & Cantatas (cpo)

Mit einem Editionsprojekt ehrte Thüringen Johann Melchior Molter (1696 bis 1765): Aus Anlass des 250. Todestages startete Theater&Phil- harmonie Thüringen mit dem Institut für Musikwissenschaft Weimar-Jena eine Neuausgabe der Werke des Komponisten, der in Tiefenort an der Werra zur Welt kam, und in Karls- ruhe sowie in Eisenach als Hofkapell- meister wirkte. 
Studierende der Hochschule für Musik Franz Liszt beschäftigten sich intensiv mit den alten Handschriften, die sich in der Badischen Landes- bibliothek Karlsruhe befinden und online abrufbar sind. Sie haben für einige Werke Molters, die seit seinem Tod nicht mehr gespielt wurden, Notenmaterial erstellt. 
Dies ist nicht nur die Grundlage für eine Molter-Werksausgabe, die in den kommenden Jahren bei der Verlagsgruppe Kamprad in Altenburg erscheinen soll. Es schafft auch die Voraussetzung für die Aufführung dieser Musik durch das Reußische Kammerorchester, das unter der Leitung von Werner Ehrhardt Molters Musik einstudiert und in Altenburg und Gera aufgeführt hat. 
So ist auch dieser Mitschnitt entstanden, der im Geraer Konzertsaal aufgezeichnet wurde. Ehrhardt, selbst ein exzellenter Barockgeiger, Gründungsmitglied des Concerto Köln und Gründer des Ensemble L'Arte del Mondo, lässt das Reußische Kammerorchester differenziert und elegant musizieren. So gelingt insbesondere Molters Flötenkonzert sehr ausdrucksvoll; Solist ist Andreas Knoop. Bei den großbesetzten Orchesterstücken am Anfang und Ende der CD wird allerdings hörbar, dass das Orchester solide, aber nicht überragend agiert. 
Die beiden Arien und die umfangreiche Cantata L'augellin tra verdi fronde sind technisch anspruchsvoll und virtuos; leider wird Julia S. Wagner mit ihrem doch recht massigen Sopran diesen Kabinettstückchen des Rokoko-Ziergesanges nur unzureichend gerecht. Hier hätte man sich eine wesentlich beweglichere, koloratursichere Stimme gewünscht. 

Sonntag, 25. November 2018

Funeralisssimo (Genuin)

Geige, Violoncello und Akkordeon – das ist die Besetzung, die Matthias Well für sein Debütalbum wählte. Der Fanny-Mendelssohn-Förder- preisträger 2017 hat sich intensiv mit Trauermusik beschäftigt. Denn schon als Kind spielte er auf Trauerfeiern. Der Trauergeiger fasziniert den jungen Musiker: „Doch was zeichnet ihn aus? Worin liegt das Geheimnis seiner Kunst“, fragt Well in einem klugen Essay, der im Beiheft nachzulesen ist. „In erster Linie muss der Violinist mit seinem Spiel die tiefen Gefühle aufnehmen, von denen die Anwesenden ergriffen sind, und sie kunstvoll in einen Klangteppich weben, der die Tragik des Moments abbildet, ihr eine Form verleiht und sie greifbar macht. Der individuelle Schmerz wird auf die Ebene der ewigen menschlichen Erfahrung gehoben.“ 
Studienkollegen haben Matthias Well berichtet, wie Beerdigungen in anderen Ländern ablaufen, ob und was am Grab musiziert wird. Sie haben dem Geiger auch die entsprechenden Musikstücke geschickt. Dabei wurde bald sichtbar, dass die Bräuche regional höchst unterschiedlich sind. 
Auf dieser CD stellt Well ein Programm vor, dass zu mitteleuropäischer Trauerkultur passt, aber Melodien aus vielen Regionen der Erde enthält. Vom westafrikanischen Totentanz bis zum deutschen Volkslied, von indonesischen Klängen bis zum Jodler aus dem Alpenland und vom indische Raga bis zum Lamento Mexicano reichen die ausgewählten Stücke. Auch „klassische“ Musik von Johann Sebastian Bach, Reinhold Glière, Alessandro Stradella, Ciprian Porumbescu und Astor Piazzolla erklingt. 
Erstaunlicherweise harmonieren all diese sehr unterschiedlichen Stücke dennoch ausgezeichnet miteinander. Bei dieser Einspielung unterstützten den Violinisten seine Schwester Maria Well sowie der Akkordeonist Zdravko Živković. Schöne Töne, große Bögen. Und die Kombination von Violine, Cello und Akkordeon wirkt sanft und tröstlich. Das perfekte Album zum heutigen Totensonntag! 

Michael & Joseph Haydn: Horn Concertos (Cavi-Music)

Hornkonzerte von Joseph und Michael Haydn erklingen auf dieser CD. Nicht bei allen dieser Stücke ist wirklich sicher, dass sie von den Brüdern stammen. Trotzdem lohnt sich aber eine solche Einspielung, denn die beiden Konzerte, deren Urheberschaft geklärt ist, sind wirklich exzellent. Das Concerto per il Corno da caccia D-Dur hat Joseph Haydn wohl für den Hornisten Joseph Leutgeb (1732 bis 1811) komponiert. Er trat 1763 in die Esterházy-Hofkapelle ein, musizierte dort aber nicht lange. Dass er einer der bedeutenden Hornvirtuosen seiner Zeit war, darüber wurde in diesem Blog bereits an anderer Stelle berichtet – denn auch Wolfgang Amadeus Mozart schrieb für Leutgeb Hornkonzerte. Mozart war mit dem Hornisten befreundet, und seine Werke sind nicht frei von Schabernack. 
Haydn, obzwar musikalischen Scherzen ebenfalls nicht abgeneigt, hat für Leutgeb in diesem Falle ganz ernsthaft anspruchsvolle Musik zu Papier gebracht. In diesem Hornkonzert kann der Solist glänzen, und seine Brillanz unter Beweis stellen. Přemysl Vojta, Solohornist des WDR Sinfonieorchesters Köln, musiziert auf dieser CD gemeinsam mit dem Haydn Ensemble Prag unter Leitung von Martin Petrák. Besonders gelungen: Das Concertino per il Corno e Trombone aus der Serenata in D-Dur von Michael Haydn, das Vojta gemeinsam mit Fabrice Millischer spielt. Es gibt nicht viele Stücke, in denen Altposaune und Horn miteinander konzertieren. Die beiden Solisten harmonieren aufs Beste miteinander, und man staunt, wie sehr sich die Instrumente auch klanglich einander anpassen. 

Freitag, 23. November 2018

Claude Debussy - Daniel Barenboim (Deutsche Grammophon)

„Wenn man sich keine Reise leisten kann, muss die Imagination einspringen.“ Diesen Ausspruch von Claude Debussy (1862 bis 1918) stellt das Beiheft dem Begleittext voran – wie passend! Denn auf diesem Album erklingt Klaviermusik des Komponisten, eingespielt von Daniel Barenboim. Dieser ließ sich dabei wohl vor allem von Klangfarben und orchestralen Effekten inspirieren, die Debussys Werke, beispielsweise die Estampes, mit denen diese CD beginnt, so faszinierend machen. Allerdings geht dies zu Lasten der strukturellen Klarheit, und so wirkt alles ein wenig schwerfällig, spannungslos, beliebig. Das gilt auch für die Préludes I, und man staunt, wenn man dann obendrein liest, dass dieser Teil des Programmes bereits im Jahr 1998 aufgenommen wurde. Bei allem Respekt – aber von der Deutschen Grammophon mit ihrer reichen Tradition hätte man zum Debussy-Jubiläum mehr erwartet.

Donnerstag, 22. November 2018

Humperdinck: Hänsel und Gretel (Genuin)

Liebe Streicher, ihr müsst jetzt ganz stark sein. Denn auf dieser CD be- weist die Sächsische Bläserphilhar- monie unter Chefdirigent Thomas Clamor, dass es eigentlich auch ganz gut ohne Violinen, Violen und Violoncelli geht. 
Das Ensemble präsentiert die beliebte Oper Hänsel und Gretel von Engelbert Humperdinck in einer Version nur für Blasinstrumente. Natürlich passt nicht das ganze Werk auf die eine Silberscheibe – aber tatsächlich sind alle bekannten Melodien zu hören: Brüderchen, komm tanz mit mir, singen Caroline Schnitzer und Anne Petzsch, alias Hänsel und Gretel. Und Frederick Tucker als Vater lässt sein Rallalala erklingen. 
Aus dem zweiten Bild ist neben dem herzigen Ein Männlein steht im Walde auch das Lied des Sandmanns – diese Partie übernahm neben jener der Mutter Josephin Queck – zu hören. Und natürlich dürfen der Abendsegen sowie die Musik zur Engels-Pantomime nicht fehlen. 
Auch das Taumännchen, zu hören ist hier Leevke Hambach mit ihrem wirklich federleichten Sopran, der Knusperwalzer oder das große Finale sind zu finden. Nicht zu hören hingegen ist die Knusperhexe. Aber das ist zu verschmerzen, denn die jungen Sänger – vier von ihnen sind Preisträger der Internationalen Sächsischen Sängerakademie Torgau – sind wirklich exzellent. Es sind schöne Stimmen, klug geführt, die zu der jeweiligen Partie hervorragend passen. 
Und auch die Sächsische Bläserphilharmonie beeindruckt einmal mehr – es ist kaum zu glauben, wie farbenreich Bläser klingen können, und wie facettenreich dieses Orchester musiziert. Zu loben sind außerdem die Arrangements, in denen Siegmund Goldhammer Humperdincks Musik kongenial für die Bad Lausicker bearbeitet hat. Die Sächsische Bläser- philharmonie ist doch immer wieder für eine Überraschung gut! 

Mittwoch, 21. November 2018

Rosenmüller: Habe deine Lust an dem Herren (Christophorus)

Ausgewählte Werke von Johann Rosenmüller (um 1619 bis 1684) und dessen Zeitgenossen präsentiert Miriam Feuersinger mit tatkräftiger Unterstützung des Ensembles Les Escapades in einem sorgsam zusammengestellten Programm auf dieser CD. 
Die geistlichen Konzerte des Kompo- nisten, über dessen Lebensweg in diesem Blog bereits an anderer Stelle berichtet wurde, haben als Vorläufer der protestantischen Kirchenkantate hohe musikhistorische Bedeutung. Doch auch die Werke der anderen Komponisten auf dieser CD sind erstklassig, auch wenn sie heute fast vergessen sind: Johann Balthasar Erben (1626 bis 1686) stammte aus Danzig, und wurde nach einer langen Studienreise quer durch Europa schließlich Kapellmeister an der Marienkirche seiner Heimatstadt. 
Christian Flor (1626 bis 1697) hingegen blieb zeitlebens in Norddeutsch- land. Er wirkte als Organist in Lüneburg, und Figuralmusik schrieb er vor allem für Feierlichkeiten, wie Hochzeiten und Beisetzungen. Georg Christoph Strattner (um 1644 bis 1704) wurde schon in jungen Jahren Kapellmeister des Markgrafen von Baden-Durlach. 1682 ging er nach Frankfurt/Main, wo er in gleicher Position an der Barfüßerkirche tätig war, bis er 1691 als Ehebrecher aus dem Dienst ausscheiden musste. Erst 1694 fand er wieder eine Stelle; er wurde erst Tenor und dann Kammer- musikus und Vizekapellmeister am Weimarer Hof. 
Die Biographie von Augustin Pfleger (um 1630 bis nach 1686) ist weitgehend unbekannt. Er wurde 1665 Kapellmeister am Hofe des Herzogs von Schleswig-Holstein-Gottorf. 1673 schied er aus dem Dienst aus und ging ins Böhmische, wo er in Kirchenbüchern als „Hoch Fürstl. Sachsen Lauenbg. Capelmeister“ geführt wird – bis Juli 1686. Der Rest ist Schweigen. 
Aber die Musik spricht für sich. Sie zeigt, wie viel die Musiker seinerzeit von Italien lernten – und wird von Miriam Feuersinger und den beteiligten Instrumentalisten wirklich hinreißend vorgetragen. Etliche Stücke erklingen auf dieser CD in Weltersteinspielung. Kleine Pausen zur Besinnung schafft Instrumentalmusik von Nicolaus Adam Strungk (1640 bis 1700), Giovanni Legrenzi (1626 bis 1690) und Antonio Bertali (1605 bis 1669). Die groß besetzten Sonaten stellen auch das Gambenconsort Les Escapades und seine vier Gastmusiker an Geigen, Theorbe und Orgel einmal in den Vordergrund – doch die ganze CD erweist sich rundum als ein Hörgenuss. 

Dienstag, 20. November 2018

Bach Family: Complete Organ Music (Brilliant Classics)

Die Musikerfamilie Bach, ansässig im Thüringischen und im benachbarten Franken, war weit verzweigt, und reich an Talenten. Wie reich, das zeigt diese Box, die auf sagenhaften 24 (!) CD in einzigartiger Weise kompakt einen Überblick gibt über Orgelwerke, die Mitglieder der Familie Bach komponiert haben. 
Allein auf 15 CD widmet sich Stefano Molardi dem Schaffen von Johann Sebastian Bach (1685 bis 1750). Er musiziert dabei an der Trost-Orgel der Stadtkirche Waltershausen, der Silbermann-Orgel der Katholischen Hofkirche Dresden, der Hildebrandt-Orgel der Jacobikirche Sangerhausen und der Thielemann-Orgel der Dreifaltigkeitskirche in Gräfenhain. 
An der Volckland-Orgel der Cruciskirche Erfurt hat der renommierte italienische Organist auf drei CD zudem die Orgelmusiken eingespielt, die von Johann Christoph (1642 bis 1703) und Johann Michael Bach (1648 bis 1694) überliefert sind. Die beiden Brüder sind Söhne von Heinrich Bach (1615 bis 1692), Stammvater der sogenannten Arnstädter Linie, der wiede- rum ein Bruder von Christoph Bach (1613 bis 1661) war, dem Großvater Johann Sebastian Bachs. Johann Michael war zudem der Vater von Maria Barbara Bach, der ersten Frau des genialen Musikers. 
Orgelmusik von Heinrich Bach ist ebenfalls überliefert; Molardi spielt diese an einer modernen italienischen Orgel, die die Firma Dell'Orte e Lanzini 2003 in der Pfarrkirche S Tomaso Di Gesso in Zola Predosa errichtet hat. Die beiden CD enthalten außerdem Musik von Johann Bernhard Bach I (1676 bis 1749) und seinem Sohn Johann Ernst Bach II (1722 bis 1777), Verwandtschaft aus der Erfurter Linie. Johann Friedrich Bach (1682 bis 1730) wiederum, Bachs Amtsnachfolger in Mühlhausen, war ein Sohn von Johann Christoph Bach. Johann Lorenz Bach (1695 bis 1773), ein Urenkel von Christoph Bach, gehört zur großen Schar der Schüler Johann Sebastians. Von ihm sind einzig Präludium und Fuge in D überliefert. In diesem Teil der Edition sind zudem alle Bach-Werke enthalten, deren Zuschreibung unsicher ist. 
Die Orgelwerke der Bach-Söhne sind in dieser Box ebenfalls zu hören. Dem Schaffen Carl Philipp Emanuel Bachs (1714 bis 1788) widmet sich Luca Scandali, ebenfalls an einer Orgel von Dell'Orte e Lanzini aus dem Jahre 2007, die sich in der Kirche Santa Maria Assunta von Vigliano Biellese befindet. Den wenigen Werken von Wilhelm Friedemann Bach (1710 bis 1784), die nicht verloren sind, hat Filippo Turri an einer Truhenorgel in der Abtei Santa Maria delle Carceri sowie an der Zanin-Orgel der Kirche Sant'Antonio Abate in Padua eingespielt. 

Montag, 19. November 2018

Duo Praxedis - histoires für Harfe & Klavier (Ars Produktion)

Große Oper in raffinierten Arrangements – das bietet die neue Doppel-CD des Mutter-Tochter-Duos Praxedis. Auch wenn die meisten der Komponisten, die diese Bearbeitungen geschaffen haben, eher zu den wenig bekannten gehören, sind diese Variationen, Duos, Capricen oder Fantaisies über Melodien von Gioachino Rossini, Vincenzo Bellini, Gaetano Donizetti , Ferdinand Hérold, Giacomo Meyerbeer oder Wolfgang Amadeus Mozart doch ausgesprochen charmant und lebendig. 
Einmal mehr beweisen Praxedis Hug-Rütti, Harfe, und Praxedis Geneviève Hug, Klavier, dass die Kombination der beiden Instrumente, die früher in den Salons sehr beliebt war, auch heute noch ihre Reize hat. Und die virtuosen Opern-Bearbeitungen geben dem Duo Praxedis umfassend Gelegenheit zu brillieren. 

Christmas at the Movies (Sony)

Beliebte Weihnachtsfilme und Weihnachten im Film – Sony hat aus bekannten Soundtracks ein Programm zusammengestellt, dass sich rundum hören lassen kann. Von „Der Polarexpress“ bis zum „Zauberer von Oz“ und von „The Nightmare before Christmas“ bis zu „Kevin – Allein zu Haus“ erinnert das Album an Lieblingsfilme aller Generationen. 
Von White Christmas aus dem Film „Holiday Inn“ über Melodien aus „Harry Potter und der Stein der Weisen“ oder „Edward mit den Scherenhänden“ reicht die Auswahl moderner Klassiker, und auch die Gremlins, die Elfenfamilie, die Muppets oder Charlie Brown und die Peanuts sind mit vertreten. 
Die Filmmusiken wurden eigens für diese CD neu arrangiert, und vom Czech Philharmonic Orchestra unter Leitung von Nick Patrick eingespielt. Natürlich darf dabei ein wenig musikalischer Feenstaub, wie Glockenspiel und Chorgesang, nicht fehlen. Aber wer wird denn darüber meckern – es ist schließlich Weihnachten, und da kann es ruhig eine Prise rosa Puder- zucker sein! Als Gaststars sind auf dieser CD übrigens The Piano Guys zu hören, mit dem Titel Let it go aus dem Film „Frozen – Die Eiskönigin“. 

Müthel: Complete Fantasies - Choral Preludes (Aeolus)

„Wenn ein angehender Clavier- spieler alle Schwierigkeiten überwunden hätte, die in Händels, Scarlattis, Schoberts, Eckharts und C.P.E. Bachs Clavierstücken anzutreffen sind“, so schrieb der englische Musikliebhaber Charles Burney in seinem Reisetagebuch 1773, „und, wie Alexander“ – gemeint ist hier Alexander der Große, jener makedonische König, der ein Reich eroberte, das bis nach Indien reichte – „bedauerte, daß er weiter nichts zu überwinden hätte, dem würde ich Müthels Kompositions vorschlagen, als ein Mittel, seine Geduld und Beharrlichkeit zu üben. Seine Arbeiten sind so voller neuer Gedanken, so voller Geschmack, Anmuth und Kunstfertig- keit, daß ich mich nicht scheuen würde, sie unter die grössesten Produkte unserer Zeit zu rechnen. So ausserordentlich das Genie und die Kunst dieses Tonkünstlers sind, so ist er doch in Deutschland nicht sehr bekannt.“ 
Johann Gottfried Müthel (1728 bis 1788) war der Sohn eines Organisten, und er kam in der Kleinstadt Mölln zur Welt. Seine musikalische Laufbahn begann er beim Vater, der ihn anschließend zur weiteren Ausbildung nach Lübeck zum Marienorganisten Johann Paul Kuntzen gab. Nach dessen Tode 1747 wurde Müthel Kammermusiker und Organist am Hof von Mecklenburg-Schwerin. Sein Dienstherr, Herzog Christian Ludwig II., schätzte den jungen Musiker sehr, und finanzierte ihm bald einen einjährigen Studienurlaub. 
So reiste Müthel im Frühjahr 1750 nach Leipzig zu Johann Sebastian Bach, wo er dem erblindeten Meister auch als Notenkopist zur Hand ging, und in dessen Haushalt lebte – allerdings starb Bach drei Monate nach Ankunft dieses seines letzten Schülers. Müthel blieb dann einige Zeit bei Bachs Schwiegersohn Johann Christoph Altnikol in Naumburg. Mit Abschriften zahlreicher Werke Bachs wohl versehen, reiste der junge Musiker nach Dresden weiter, wo er Johann Adolph Hasse begegnete, und den modernen italienischen Stil kennenlernte. Aufenthalte bei Carl Philipp Emanuel Bach in Potsdam und bei Georg Philipp Telemann in Hamburg folgten, bevor Müthel schließlich – die Jahresfrist war längst weit über- schritten – zu seinem Dienstherrn zurückkehrte. 
Doch schon 1753 nahm der Musiker seine Abschied, und folgte einer Einladung seines Bruders nach Riga. Dort leitete er zunächst die Kapelle des Geheimrates Otto Hermann von Vietinghoff, der auch ein bedeutender Kunstmäzen war. 1767 erhielt Müthel schließlich die Stelle des Organisten der Petri-Kirche, wo er dann bis an sein Lebensende verblieb. 
Leider sind von ihm nur wenige Orgelmusiken erhalten. Auf dieser CD präsentiert Léon Berben nahezu vollständig das zwar schmale, aber beeindruckende Werk. Die Aufnahme zeigt, dass Müthel ohne Zweifel zu den wichtigsten Komponisten jener Zeit zwischen Barock und Klassik gehört, die von der Musikgeschichtsschreibung gern als „Sturm und Drang“ beschrieben wird. 
Das Instrument, an dem Müthel einst in Riga musizierte, ist nicht erhal- ten. Allerdings wird eine Rekonstruktion der dreimanualigen Orgel, die von Gottfried Kloosen 1734 fertiggestellt wurde, durch die Dresdner Firma Wegscheider derzeit vorbereitet. 
Für diese Einspielung hat Léon Berben die Orgel der Lukaskirche im thüringischen Mühlberg ausgewählt. Es handelt sich dabei um ein zweimanualiges Instrument mit Pedal, das 1729 von dem Erfurter Orgelbauer Frantz Volckland errichtet und 1823 durch Ernst Friedrich Hesse sowie 1934 durch die Firma Walcker rigoros umgebaut. In den Jahren 1995-97 wurde das Instrument durch den Orgelbau Waltershausen restauriert, wobei weitgehend der Zustand von 1823 wiederhergestellt worden ist. Zu Müthels Musik passt der Klang dieser Orgel, und Berben spielt obendrein exzellent. Kurz und gut: Unbedingte Empfehlung – die Wiederentdeckung dieses Orgelmeisters lohnt sich. 

Donnerstag, 15. November 2018

Händel: Messiah (Naxos)

Bald nun ist Weihnachtszeit – und die langen, dunklen Abende animie- ren offenbar so manchen Musik- freund, die CD-Bestände aufzu- stocken. Die Plattenfirmen jedenfalls starten zum Jahresende noch einmal ein wahres Feuerwerk an Neuver- öffentlichungen. Das Klassikblog „ouverture“ wird in den kommenden Wochen zudem etliche Aufnahmen vorstellen, die zum Weihnachtsfest für Stimmung sorgen sollen. 
Den Reigen beginnt diese Einspie- lung von Händels Oratorium Messiah, mit den Concert Artists of Baltimore Symphonic Chorale, verstärkt durch etliche Instrumentalisten des Baltimore Symphony Orchestra. Kapellmeister Edward Polochick, der das Ensemble vom Cembalo aus leitet, hat sich für die Version des Werkes aus dem Jahre 1741 entschieden und lässt alle Sätze aufeinander folgen. 
Damit verbindet er Chorsätze, Rezitative und Arien zu einem Gesamt- geschehen, das man beinahe dramatisch nennen könnte. Wenn Polochick nicht auch eine Leidenschaft für rasante Tempi hätte, jeweils gefolgt von breeeeiitem Ritardando am Satzende – was ziemlich manieriert wirkt, und irgendwann nur noch nervt. 
Der Hörer staunt über die gut trainierten Sänger, die offenbar keinerlei Probleme mit den ultraschnellen Passagen haben. Doch der flotte Fluss des Geschehens stoppt dann am Satzende; es ist, als würde Polochnick seinen Rennwagen stets genüsslich abbremsen, bevor er in die nächste Runde startet. 
Die sportliche Geschwindigkeit hat zudem noch eine weitere, weit unange- nehmere Nebenwirkung: Der Text bleibt weitgehend unverständlich. Wenn der Zuhörer aber inhaltlich gar nicht versteht, worum es geht – was soll dann all die Dramatik? 

Herz-Tod (Decca)

Die Liebe und der Tod – das sind die Themen, denen sich der Bassist Günther Groissböck gemeinsam mit seinem Klavierbegleiter Gerold Huber mit dieser Einspielung zuwendet. Ausgewählt hat der Sänger dafür die Vier ernsten Gesänge von Johannes Brahms, die Michelangelo-Lieder von Hugo Wolf, die Rückert-Lieder von Gustav Mahler – und die Wesendonck-Lieder von Richard Wagner. 
Sie sind hier zum ersten Male auf CD mit einer Männerstimme zu hören. „Mich hat die Klangsprache der Wesendonck-Lieder schon immer fasziniert, da sie eben dem Tristan an vielen Stelle so nahesteht“, erläutert Günther Groissböck in einem Interview, das im Beiheft nachzulesen ist: „Außerdem habe ich im Text keine verbindliche Geschlechtszugehörigkeit entdeckt, sodass ich mir einfach gedacht habe: Warum denn nicht mal diese ,gender-neutralen' Lieder als Mann singen, weil es ja auch Titel wie ,Schmerzen' oder ,Stehe still' gibt, zu denen etwas draufgängerisches Testosteron sehr gut passt, wie ich finde.“ 
Der Österreicher ist ein gefragter Wagner-Sänger. Sein Bass ist prachtvoll, aber der Liedgesang wirkt mitunter etwas kühl und zurückhaltend; in der Textausdeutung erscheint mir beispielsweise Hans Hotter viel stärker. Gerold Huber allerdings erweist sich einmal mehr als kongenialer Klavierpartner. Es ist beeindruckend, mit welchem Feingefühl er mit dem Sänger in einen Dialog tritt, wie sensibel er auf jede Nuance im Ausdruck reagiert. So wird aus dem Klavierpart weit mehr als eine Begleitung. Huber zeigt immer wieder, wieviel der Pianist zum Gesamtkunstwerk Lied beitragen kann. 

Mittwoch, 14. November 2018

"Habet Acht!" Songs for Male Voices by Robert Schumann & Albert Lortzing (MDG)

Nicht nur der Gesang, sondern auch politische Debatten prägten einst die Zusammenkünfte von Männer- chören. Kein Wunder, dass solche Gesangsvereine im 19. Jahrhundert, im Gefolge der 1848er Revolution, in ganz Deutschland eine Blütezeit erlebten. Politische Diskussionen führen die Herren der Neuen Detmolder Liedertafel wohl nicht mehr – aber ansonsten pflegen sie die Traditionen der singenden Bürger mit großer Sorgfalt. 
Das lohnt sich, wie diese beiden CD zeigen. Denn die gern belächelten Männergesangsvereine hatten durchaus auch einen hohen musikalischen Anspruch. Namhafte Komponisten schufen Lieder speziell für Männer- stimmen – und die Chorsätze sind oftmals alles andere als einfach, wie man rasch feststellen wird, wenn man versucht, sie heute nachzusingen. 
Die Sänger der Neuen Detmolder Liedertafel, durchweg Profis, präsentieren auf zwei CD gekonnt eine Auswahl aus dem ganz enormen Liederschatz, der da seiner Wiederentdeckung harrt. So erklingen auf CD1 Werke von Albert Lortzing, und auf CD2 Kompositionen von Robert Schumann, wobei einige der Gesänge sogar gemeinsam mit den Detmolder Hornisten vorgetragen werden. Sehr hörenswert! 

Sonntag, 11. November 2018

Forgotten chamber works with oboe from the Court of Prussia (Deutsche Harmonia Mundi)

Bei der Suche in Archiven hat das Ensemble Notturna unter Leitung von Oboist Christopher Palameta einen kleinen Schatz gehoben: Auf dieser CD präsentieren die Musiker in Weltersteinspielungen Kammer- musik aus der Zeit Friedrichs des Großen, bei der nicht in erster Linie die Flöte, sondern die Oboe Solo- instrument ist. 
Richtet man den Blick einmal nicht auf den König und auf seinen Flötenlehrer Quantz, so wird man feststellen, dass auch andere Virtuosen am preußischen Hof brilliert haben. Die Oboe wurde in Preußen durchaus geschätzt. So waren an der Hofoper vier Oboisten engagiert. Und der Oboist Johann Christian Fischer, weiland eine Berühmtheit, gastierte 1763 in Berlin. Wie Charles Burney berichtet, wurde diesem „die Ehre zuteil (..), einen Monat lang seine Majestät (..) jeden Tag vier Stunden allein zu akkompagnieren.“ 
Was damals gespielt wurde, ist heute nicht mehr zu erfahren. Aber Musik der drei Komponisten, die auf dieser CD vertreten sind, könnte vielleicht dabei gewesen sein. So schrieb Johann Gottlieb Graun (1703 bis 1771), ab 1741 Konzertmeister der königlichen Hofkapelle, ein Quintetto à Cembalo Concertato, Flauto Traverso, Violino, Viola da Braccio e Violoncello in a-Moll, das jede Menge Überraschungen bereithält. Und den Violinpart kann, so steht es auf der Stimme vermerkt, auch die Oboe übernehmen. 
Christian Gottfried Krause (1717 bis 1770) war eigentlich Rechtsanwalt; dass er aber die Musik sowohl mit Leidenschaft als auch mit Sachverstand betrieb, zeigt seine Triosonate für Oboe, Violine und Basso continuo, die Notturna ebenfalls auf dieser CD vorstellt. 
Gleich mit drei Sonaten vertreten ist zudem Johann Gottlieb Janitsch (1708 bis 1763). Er hatte wie Krause in Frankfurt/Oder Jura studiert, sich dann aber für den Musikerberuf entschieden: 1736 wurde er Contravioli- nist der Hofkapelle Friedrichs des Großen. In seiner Wohnung versam- melte sich die sogenannte Freitagsakademie, bei der Hofmusiker gemeinsam mit Liebhabern aus dem Berliner Bürgertum musizierten. 
Für diese Veranstaltungen entstanden die beiden Trios und die Quartett- sonate für Traversflöte, Oboe, Viola und Bass, die auf dieser CD erklingen. Das Ensemble Notturna begeistert mit diesem Programm, und macht sehr neugierig auf weitere Entdeckungen – die Archive geben bestimmt noch mehr her! 

Montag, 5. November 2018

Bach: Goldberg Variations (Brilliant Classics)

Dieses musikalische Projekt nahm seinen Anfang im Sommer 2015, als das Blockflötenquintett Seldom Sele- ne zum Internationalen Kammermu- sikfestival in Utrecht eingeladen war. Die künstlerische Leiterin, die Geigerin Janine Jansen, hatte die Goldberg-Variationen von Johann Sebastian Bach in den Mittelpunkt des Festivalprogrammes gestellt. Jedes Ensemble sollte sich mit dieser Musik auseinandersetzen – und die fünf Musikerinnen von Seldom Selene arrangierten einige der Variationen speziell für Blockflöten. 
„The process and the result motivated us to carry on and prepare an arrangement of the entire work“, schreibt María Martínez Ayerza im Beiheft zur CD. „It may seem surprising that aan ensemble of five musicians chooses to arrange and perform a work which is mostly written in two or three parts, four at most. (..) However, in most tracks you will hear us all: due to the relatively small range of the recorder, five players are needed to play the complete Goldberg Variations comfortably without making any modifications, which, for us, is an essential condi- tion.“ 
Die fünf Flötistinnen musizieren subtil und routiniert; Registerwechsel erfolgen so dezent, dass sie kaum wahrzunehmen sind. Auch ihre Instru- mente harmonieren klanglich ausgezeichnet, obwohl sie von einem Dutzend (!) unterschiedlichen Flötenbauern auf drei Kontinenten ange- fertigt worden sind. So bietet diese exquisite Version von Bachs Clavier Übung, auch wenn sie diesmal nicht auf einem Clavicimbal ausgeführt wird, Wohlklang pur. Hinreißend schön! 

Sonntag, 4. November 2018

Österreich: Psalms, Cantatas (cpo)

Das Ensemble Weser-Renaissance Bremen unter Manfred Cordes wendet sich auf dieser CD den Psalmkompositionen und Kantaten von Georg Österreich (1664 bis 1753) zu. Der musikhistorisch interessierte Hörer wird erstaunt sein – denn bekannt ist Österreich, als Kapellmeister der Herzöge von Schleswig-Holstein-Gottorf, vor allem für seine ebenso exquisite wie umfangreiche Musiksammlung. Insbesondere für Werke der „Vor-Bach-Zeit“ erweist sie sich als ein äußerst wertvoller Bestand, der seinesgleichen sucht. 
Österreich stammte aus Magdeburg, und wie auch sein älterer Bruder lernte er an der Leipziger Thomasschule. Dort wurde er bald zum Alt-Solisten. Als Altist und nach dem Stimmbruch dann als Tenor sang er anschließend auch in der Hamburger Ratskapelle. Ab 1686 war Österreich am Hof von Wolfenbüttel als Sänger engagiert; er muss dort von Kapellmeister Johann Theile sehr viel gelernt haben, denn drei Jahre später holte ihn Herzog Christian Albrecht als Hofkapellmeister nach Gottorf. 
Dass Georg Österreich sich auch als Komponist auszeichnete, beweist diese CD. Zu hören ist eine Psalmvertonung in venezianischer Tradition, dazu lateinische Psalmmusik protestantischer Prägung sowie eine Sonntagskantate, die Bezug auf einen Evangelientext nimmt, diesen aber ungemein dramatisch ausgestaltet. Auch zwei weitere Beispiele, Trauerkantaten, machen deutlich, dass es Österreich weniger um vor allem raffinierte Strukturen als vielmehr um den musikalischen Ausdruck, um Klangwirkung ging. Die exzellenten Vokalisten und Instrumentalisten des Ensembles Weser-Renaissance machen daraus ein Erlebnis. Sehr gelungen! 

Freitag, 2. November 2018

The Italian Recital (Genuin)

Fünf Komponisten, drei Jahrhun- derte – auf seiner Debüt-CD zeigt Gitarrist Daniel Marx höchst unterschiedliche Facetten der italienischen Musik. Er beginnt sein Programm mit Musik der Renais- sance, mit den Fantasias von Simone Molinaro (um 1565 bis 1615). Dann spielt er ein Werk des Lautenisten Giovanni Zamboni. „Als ich seine Sonate IX im Konzert meines Lehrers Roberto Aussel hörte, hatte sie eine einzigartige, magnetische Wirkung auf mich“, berichtet der Gitarrist. „Sie schwingt so schön organisch auf der Gitarre und hat noch dazu eine ,nostalgische Ästhetik', die ihre Schönheit aus dem Vergänglichen zieht. Gerade dieses Subtile, Intime, aber auch diese Direktheit sind es, was ich gleichermaßen an seiner Komposition und an der Gitarre liebe. Die schier unbegreifliche Schönheit des Klanges, die manchmal entstehen kann und mich bis heute tief berührt, spiegelt eben dieses Gefühl wider.“ 
Auch Sonaten von Domenico Scarlatti sind auf der CD zu hören, dazu die Grande Sonata von Niccolò Paganini – der bekanntlich nicht nur ein Geigenvirtuose war, sondern auch exzellent Gitarre spielte – sowie die Rêverie-Nocturne op. 19 von Giulio Regondi. 
Daniel Marx beeindruckt durch seine überragende technische Brillanz, verbunden mit faszinierender Gestaltungsfähigkeit. So zeichnen sich seine Interpretationen durch Transparenz ebenso aus wie durch klangliche Schönheit. Man höre nur, wie durchdacht er in Molinaros Fantasias jede Stimme zur Geltung bringt – wenn dieser junge Gitarrist auch weiter so arbeitet, dann hat er eine große Zukunft vor sich. 

Montag, 29. Oktober 2018

Süddeutsche Orgelmusik der Spätromantik (Tyxart)

Spätromantische Orgelmusik von Komponisten der sogenannten Münchner Schule präsentiert Gerhard Weinberger auf dieser CD. Zu hören sind Kompositionen von Gottfried Rüdinger, Joseph Haas, Anton Beer-Walbrunn, Joseph Schmid, Joseph Renner, Arthur Piechler und Gustav Geierhaas. Mit dieser Aufnahme möchte Weinberger zum einen an diese Musiker erinnern, die um die Jahrhundertwende sowie in der ersten Hälfte des 20. Jahr- hunderts das Musikleben in Süddeutschland maßgeblich mit prägten, und heute weitgehend vergessen sind. So erklingen auch ihre Werke hier zumeist in Weltersteinspielungen. 
Zum anderen stellt der Kirchenmusiker eine ausgesprochen klangschöne Orgel vor, die die Firma Orgelbau Goll AG aus Luzern für die Pfarrkirche St. Martin in München-Moosach erbaut hat. Das Instrument, 2015 ge- weiht, verfügt über 40 Register auf drei Manualen und Pedal. Es eignet sich für dieses Repertoire wirklich hervorragend. 

Weiss: The Dresden Manuscript (Glossa)

Wer schreibt, der bleibt – über dieses Motto konnte Silvius Leopold Weiss (1687 bis 1750) vermutlich milde lächeln. Der Lautenspezialist, ausgebildet vermutlich von seinem Vater, reiste 1708 im Gefolge des polnischen Prinzen Alexander Sobieski nach Italien. Nach dem Tode seines Mäzens 1714 kehrte der Musiker nach Deutschland zurück, um sich an bedeutenden Höfen vor- zustellen. In Dresden wurde Weiss schließlich 1718 als Kammerlautenist engagiert; am sächsischen Hof blieb er bis an sein Lebensende. 
Im Druck erschienen ist zu Lebzeiten des Virtuosen nur ein einziges seiner Werke. Weiss hatte kein Interesse daran, seine Kompositionen zu veröffentlichen. Wer seine Musik heute spielen möchte, der muss sich daher auf die mühevolle Suche nach den Tabulatur-Manuskripten machen. Vieles ist leider auch endgültig verloren. 
So sind in Dresden vier Sonaten für zwei Lauten unvollständig überliefert. Karl-Ernst Schröder hat für diese Aufnahme den fehlenden Lautenpart sorgsam rekonstruiert. Gemeinsam mit Robert Barto, und bei einer Sonate auch mit dem Cellisten Gaetano Nasillo, präsentiert er die Werke auf CD. Freunde der Lautenmusik dürfen sich freuen – denn mit diesem Projekt haben die Musiker wundervolle, erstklassige Kammermusik aus dem Spätbarock wieder verfügbar gemacht. 

Sonntag, 28. Oktober 2018

Henryk Szeryng - Complete Philips, Mercury and Deutsche Grammophon Recordings (Decca)

Henryk Szeryng (1918 bis 1988) gehört ohne Zweifel zu den bedeu- tenden Geigern des 20. Jahrhun- derts. Über den Lebensweg des Musikers wurde in diesem Blog bereits an anderer Stelle ausführlich berichtet. 
Zum hundertsten Geburtstag hat Decca nun sämtliche Einspielungen des Virtuosen, die jemals bei Philips, Mercury und bei der Deutschen Grammophon erschienen sind, mit hohem Aufwand neu veröffentlicht. Die Edition umfasst sagenhafte 44 CDs, und die ganze Box wurde mit einer Akkuratesse gestaltet, die ihresgleichen sucht. Hebt man den äußerst solide gefertigten Deckel ab, wird auf den Rücken der einzelnen Veröffentlichungen sofort ihr Inhalt ersichtlich. Die Vorderseiten der CD zeigen, wie einst die entsprechenden Schallplatten ausgesehen haben. Das Beiheft ist ebenfalls umfangreich und bietet nicht nur Informationen, sondern auch zahlreiche Fotos. 
Die CD-Box enthält neben den bekannten Referenzaufnahmen der Sonaten und Partiten BWV 1001-1006 auch etliche bislang unbeachtete Raritäten. Zu den neu veröffentlichten Aufnahmen zählen Tschaikowskys Violinkonzert mit Antal Doráti und dem LSO, sowie Mozarts Sinfonia concertante KV 364 mit Bruno Giurianna. 
Die Kollektion zeigt, wie breit die musikalischen Interessen und das Repertoire von Henryk Szeryng waren. Zu hören sind beispielsweise Violinkonzerte von Sibelius, Bartók, Chatschaturjan und Prokofjew, Vivaldi, Paganini, Beethoven, Brahms, Wieniawski und Szymanowski, Saint-Saëns, Berg und Martinon, Schumann und Mendelssohn Bartholdy. Dazu erklingen sämtliche Werke Mozarts für Violine und Orchester, sowie Sonaten und Variationen des Komponisten. Bei diesen Aufnahmen war Ingrid Haebler die Klavierpartnerin des Geigers. Gemeinsam mit ihr hat er auch Beethovens Violinsonaten eingespielt. Bei den Klaviertrios des Komponisten ist Szeryng gemeinsam mit Pierre Fournier und Wilhelm Kempff zu hören. Immer wieder wendete sich der Violinist auch den Werken Bachs zu. So sind dessen Violinkonzerte und das Doppelkonzert in dieser Edition gleich zweimal vertreten. Und auch Bachs Sonaten für Violine und Cembalo, von Szeryng eingespielt mit Helmut Walcha, sind in der Box enthalten. Mehrere Zusammenstellungen kleinerer Stücke, darunter eine komplette CD mit Werken von Fritz Kreisler, runden das Bild ab. 
Szeryng war ein Weltbürger – gebildet, sprachgewandt, vielseitig interessiert. Der Musiker beeindruckt immer wieder mit seinem klaren, unverwechselbaren Ton und der enormen Präzision, mit der er jedes Stück gestaltet. Er war ein großer Künstler, der seine Zeitgenossen immer wieder überrascht hat. Diese Box vermittelt etwas von dieser Faszination. Wer das Geigenspiel von Henryk Szeryng schätzt, der hat nun viele Stunden puren Genuss vor sich. 

Donnerstag, 25. Oktober 2018

Verleih uns Frieden (Christophorus)

Am 23. Mai 1618 eskalierte im Prager Fenstersturz ein schon länger schwelender Konflikt zwischen dem böhmischen Landadel (zumeist protestantisch) und dem Landesherrn (katholisch). Aus dieser Auseinandersetzung entstand rasch ein Krieg verheerenden Ausmaßes, der halb Europa verwüstete, und als Dreißigjähriger Krieg in die Geschichte einging. 
Diese CD zeigt, wie Komponisten in ihren Werken das Kriegsgeschehen spiegelten. Man wird bald feststellen, dass Musik in jener Zeit ein Medium der Repräsentation war. Der Adel, wenn er es sich leisten konnte, reiste in Begleitung seiner Hofmusiker. Ein gutes Beispiel dafür sind Kompositio- nen, die Heinrich Schütz für die sächsischen Kurfürsten schrieb. Diese Musik sollte nicht nur erbauen, sie sollte auch beeindrucken. 
Das gilt ebenso für Huldigungsmusiken, die zum Einzug hoher Herr- schaften von lokalen Musikern geschrieben und aufgeführt wurden. Siege wurden mit Festmusiken gefeiert, gefallene Helden unter den Klängen von Trauermusiken begraben. Allerdings wurden in Kriegszeiten die Musiker rar, und den Höfen ging das Geld aus, die Künstler zu entlohnen. Auch davon berichtet beispielsweise die Biographie von Heinrich Schütz. 
Arno Paduch ist mit dem vortrefflichen Johann Rosenmüller Ensemble auf die Suche nach den Spuren gegangen, die der Dreißigjährige Krieg in der Musik hinterlassen hat. So erklingen Huldigungsgesänge des Mühlhäuser Kantors Nikolaus Weisbeck oder des Breslauer Musikers Paul Schäffer, geschaffen 1602 bzw. 1621 jeweils zur Begrüßung des sächsischen Kurfürsten Johann Georg. Natürlich dürfen auch die berühmten Werke von Heinrich Schütz in diesem Umfeld nicht fehlen. 
Zur Feier des Sieges der kaiserlichen Truppen in der Schlacht am Weißen Berg schrieb Johann Sixt von Lerchenfels Te Deum und Da pacem. Den Sieg der schwedischen und kursächsischen Armeen in der Schlacht bei Leipzig wiederum schilderte der Leipziger Student Marcus Dietrich Brandisius in dem handfest-ausdrucksstarken Fortes heroes pugnabant
Gleich darauf freilich folgt die Trauermotette, die der schwedische Hoforganist Andreas Düben für die Beisetzung seines Königs Gustav Adolf komponiert hat. Er wurde im November 1632 in der Schlacht bei Lützen getötet. Und auch Musiker starben in den Auseinandersetzungen. So wurde Christoph Harant von Polschitz und Weseritz, auf dieser CD ver- treten mit der Motette Qui confidunt in Domino, mit anderen Gefolgs- leuten des Gegenkönigs Friedrich V. 1621 in Prag hingerichtet. 
Wie groß die Verzweiflung bei den Bürgern war, die dem Kriegsgeschehen ausgeliefert waren, zeigen zwei berührende Klagelieder. Der Eilenburger Organist Johann Hildebrand notierte ebenso schlicht wie ergreifend Ach Gott! Wir haben's nicht gewusst, was Krieg für eine Plage ist. Und noch Jahre nach Kriegsende schrieb Matthias Weckmann sein bewegendes geistliches Konzert Wie liegt die Stadt so wüste. Diese Musiken lassen uns noch heute nachvollziehen, welche Katastrophe der Dreißigjährige Krieg für die Betroffenen war. Mit der vorliegenden Aufnahme erinnert das Johann Rosenmüller Ensemble nachdrücklich auch daran. 

Dienstag, 23. Oktober 2018

Zádor: The Plains of Hungary (Naxos)

Wieder einmal lädt Naxos ein zu einer Entdeckung: Jenö Zádor (1894 bis 1977), geboren im ungarischen Dörfchen Bátaszék, war ein Schüler Max Regers. Nach seinem Studium in Wien und Leipzig promovierte Zádor in Münster bei Fritz Volbach mit einer Arbeit über „Wesen und Form der symphonischen Dichtung von Liszt bis Strauss“
Ab 1921 lehrte er auch selbst am Neuen Wiener Konservatorium. Er war als Professor für Komposition und Orchestration ebenso erfolgreich wie als Komponist; in ganz Europa wurden seine Werke von bedeutenden Orchestern unter Dirigenten wie Furtwängler, Schuricht, Stokowski, Ormandy oder Knappertsbusch gespielt. Doch dann marschierten die Deutschen in Österreich ein. Noch am selben Tage floh Zádor nach Budapest, und ein knappes Jahr später entschloss er sich, eine Stelle am New York College of Music anzunehmen. 
1940 zog er dann um nach Kalifornien, um Filmmusik für MGM zu schreiben und zu orchestrieren. Im amerikanischen Exil nannte sich Jenö bald Eugene Zádor – und diesem Namen behielt der Komponist bis zu seinem Tod bei. 
In Hollywood war Zádor hochgeschätzt. Insbesondere mit Miklós Rósza verband ihn eine enge Zusammenarbeit; Zádor schuf aus den Ideenskizzen des Komponisten in Windeseile Orchesterpartituren. So hat er Filme wie El Cid, Ben Hur, Quo vadis?, Julius Cäsar und viele andere mitgestaltet. Und nebenher komponierte er seine eigenen Werke, die vom Publikum mit Begeisterung aufgenommen wurden. 
Auf dieser CD werden Kompositionen vorgestellt – zumeist in Welterst- einspielung – die Zádor in den letzten 20 Jahren seines Lebens geschaffen hat. Sie beeindrucken durch überaus farbenreiche Orchesterklänge. Zádor erweist sich als ein Meister, den zu entdecken sich wirklich lohnt. Es ist freilich nicht zu überhören, wie sehr er Ungarn zeitlebens verbunden geblieben ist. Nicht nur die Elegie The Plains of Hungary, sondern auch die Fantasia Hungarica mit Zsolt Fejérvári als Kontrabass-Solisten oder die Rhapsodie for Cimbalom and Orchestra, den Solopart am Zymbal spielt Kálmán Balogh, berichten von seiner großen Sehnsucht nach der Heimat. Das Budapest Symphony Orchestra MÁV unter Leitung von Mariusz Smolij erweist sich als engagierter Interpret der Musik des Komponisten – was diesen ganz sicher erfreut hätte. 

Sonntag, 21. Oktober 2018

Bach: Goldberg Variationen (Brilliant Classics)

Die Goldberg-Variationen von Johann Sebastian Bach gelten als eines jener Werke, an denen die Qualitäten von Pianisten und Cembalisten deutlich werden. Nicht wenige Tastenspezialisten arbeiten an diesem Zyklus ein Leben lang. 
Auch Pieter-Jan Belder hatte die Clavier Ubung / bestehend / in einer Aria / mit verschiedenen Veraende- rungen schon einmal eingespielt. Der niederländische Cembalist zeigt nun, nach 15 Jahren, wie sich seine Sicht auf dieses ikonische Werk verändert hat. In ebenso launigen wie kenntnisreichen Anmerkungen im Beiheft erläutert der Musiker zudem, was ihn an den Goldberg-Variationen so fasziniert. 
Auch der Zuhörer wird fasziniert sein, denn Belders Einspielung ist sehr differenziert und gelungen. Als Instrument wählte er ein zauberhaftes Cembalo von Titus Crijnen aus dem Jahre 2014 nach einem Vorbild aus der Werkstatt Johannes Ruckers' von 1624. 

Freitag, 19. Oktober 2018

Beethoven Rarities (Klanglogo)

Diese CD überrascht mit Beethoven-Raritäten. Und das ist durchaus ernst gemeint – oder haben Sie schon einmal die Musik zu einem Ritter- ballett gehört, die der angehende Komponist im Winter 1790/91, noch in Bonn, zum Karneval für seinen Mäzen, den Grafen Waldstein, geschrieben hat? Im November 1792 reiste der junge Ludwig van Beethoven dann nach Wien, um seine Ausbildung dort fortzusetzen. 
Im Gepäck hatte er auch erste Skizzen zu einem Violinkonzert; die Arbeit daran hat er dann allerdings nicht weiter verfolgt. Erst 1806 komponierte er für den Konzertmeister Franz Clement ein Violinkonzert in D-Dur op. 61; auf Bitten des Musik- verlegers Muzio Clementi arbeitete er es später außerdem zu einem Klavierkonzert um. Claire Huangci, die den Solopart übernommen hat, musiziert brillant, wo das Klavier hervortritt, und ordnet sich ebenso mühelos in das Orchester ein, was dieses Konzert leider des Öfteren verlangt. Man findet es beinahe schade, weil die Pianistin so exquisit spielt. 
Doch auch das Brandenburgische Staatsorchester Frankfurt/Oder unter Leitung von Howard Griffiths kann sich durchaus hören lassen. Dieses Konzert mit seinem pfiffigen Konzept ist so gar nicht „Jottwedeh“; ein Programm wie dieses würde auch in eine Kulturmetropole durchaus gut passen. Zumal als drittes Stück die Schlacht-Sinfonie Wellingtons Sieg oder die Schlacht bei Vittoria erklingt, uraufgeführt im Jahre 1813 wenige Wochen nach der Völkerschlacht von Leipzig. Ganz großes Kino! 

Montag, 15. Oktober 2018

Buxtehude: Abendmusiken (Alpha)

Dass Dieterich Buxtehude (1637 bis 1707) nicht nur ein exzellenter Organist war, sondern auch grandiose Vokal- und Instrumental- musik komponiert hat, dürfte unter Musikfreunden heutzutage – zumal nach der Gesamteinspielung seiner Werke, die wir Ton Koopman verdanken – wieder bekannt sein. 
Buxtehude hatte einst als Organist der Marienkirche in Lübeck zu den sogenannten Abendmusiken eingeladen. Diese Konzerte erklangen außerhalb des Gottesdienstes alljährlich an fünf Sonntagen in der Vorweihnachtszeit, und die besten Musiker der Stadt wirkten daran mit. So wurden sie bald zu einem Ereignis, das selbst in Reiseführern erwähnt wurde. Buxtehude leitete sie nicht nur, er schrieb auch Werke dafür. 
Dass die Menschen teilweise weite Wege auf sich nahmen, um diese Abendmusiken zu erleben, wird verständlich, wenn man diese CD angehört hat. Die Instrumentalisten vom Ensemble Masques, geleitet von Olivier Fortin, und die Sänger von Vox Luminis um den Bassisten Lionel Meunier präsentieren ein Programm, wie es durchaus seinerzeit in Lübeck erklungen sein könnte. Zwischen den fünf (!) Kantaten wurden außer- ordentlich reizvolle Triosonaten platziert. Und musiziert wird einmal mehr begeisternd; die Einspielung ist erstklassig, von beinahe überirdi- scher Leuchtkraft und Schönheit. Unbedingt anhören! 

Sonntag, 14. Oktober 2018

The Clarinotts (Gramola)

Ein einzigartiges Familientrio waren The Clarinotts: Ernst Ottensamer, Soloklarinettist der Wiener Philharmoniker, musizierte in diesem Ensemble gemeinsam mit seinen Söhnen Daniel, ebenfalls Soloklari- nettist der Wiener Philharmoniker, und Andreas, Soloklarinettist der Berliner Philharmoniker. Doch im Juli 2017 erlag Ernst Ottensamer, der seit dem Jahre 2000 in Wien auch als Professor lehrte, einem Herzinfarkt. 
So wird dies wohl die letzte CD des Klarinettentrios bleiben – und wer sich die Aufnahmen anhört, wird schnell feststellen, was dies für ein Verlust ist. Denn die Musiker schätzten nicht nur die Wiener Klarinette, sondern auch andere Mitglieder der Instrumentenfamilie, wie das Bassetthorn. Und nicht nur bei den Klang- farben, sondern auch beim Repertoire bevorzugten sie Abwechslung; so erklingen neben Originalkompositionen für Klarinettentrio durchaus auch Arrangements populärer Melodien – in diesem konkreten Falle stammen sie von Rainer Schottstädt, der sie für das Trio di Clarone geschrieben hat. 
Es steht also sein Divertimento zu Mozarts Don Giovanni neben Stücken von Edison Denisov, die Miniatur Die Floristin von Henry Ploy neben dem Scherzo fantastique von Alfred Prinz und den Acht Trios von Georg Druschetzky oder das Klarinettentrio von Joseph Friedrich Hummel neben Schottstädts Fledermaus-Bearbeitung. Einzigartig wird dieses bunte Programm durch die Clarinotts, die durchweg betörend musizieren. So harmonisch, so pointiert und so farbenreich sind Klarinetten wirklich selten zu hören. 

Montag, 8. Oktober 2018

Händel - Enemies in Love (Evoe Records)

Vor Wut schnauben, vor Eifersucht rasen, auf Rache sinnen und vor Liebe seufzen – Georg Friedrich Händel komponierte für jeden Affekt brillante Musik. Jakub Józef Orliński und Natalia Kawałek präsentieren auf dieser CD, exzellent begleitet vom Ensemble Il Giardino d'Amore unter Leitung von Stefan Plewniak, eine Auswahl von Arien und Duetten aus Händels Opern, die durch starke Gefühle und Leidenschaften geprägt sind. 
Die beiden jungen polnischen Sänger sind mit den barocken Stilmitteln bestens vertraut; allerdings hat Countertenor Orliński der Wucht, mit der seine Kollegin ihre Partien mitunter gestaltet, nicht wirklich etwas entgegenzusetzen. Wenn Mezzosopranistin Natalia Kawałek in die Tiefe geht, dann klingt das nicht immer elegant – dafür kann sie allerdings auch extreme Höhen aufbieten, was sehr beeindruckt. Am besten gefallen mir die beiden Stimmen in den Duetten, wo sie sehr schön harmonieren. Und das Video zur CD ist absolut konkurrenzlos. 

Benjamin Schmid (Oehms Classics)

Benjamin Schmid feierte dieser Tage seinen 50. Geburtstag – und Oehms Classics würdigte den Musiker mit einer 20-CD-Edition. Sie erweist sich als faszinierendes Porträt eines Geigers, der seine Virtuosität stets in den Dienst des Ausdrucks stellt. Selbst wenn er Virtuosenliteratur spielt, wird daraus niemals eine Zirkusnummer; Schmid beherrscht die Technik derart souverän, dass er sie nicht zur Schau stellen muss. 
Seine musikalischen Interessen sind weit gespannt. So finden sich in dieser Box Aufnahmen etlicher bedeutender Violinkonzerte, von Felix Mendelssohn Bartholdy bis zu Karol Szymanowski, von Johannes Brahms bis zu Karl Goldmark und von Antonio Vivaldi bis Erich Korngold. Auch das Violinkonzert von Peter Tschaikowski und die Romanze op. 11 von Antonín Dvořák sind zu hören. 
Die drei Violinsonaten op. 30 von Ludwig van Beethoven hat Benjamin Schmid gemeinsam mit Alfredo Perl eingespielt, und ausgewählte Sonaten für Klavier und Violine von Wolfgang Amadeus Mozart zusammen mit seiner Frau, der Pianistin Ariane Haering. 
Zwei bislang unveröffentlichte Aufnahmen verweisen auf die Favoriten des Jubilars: My Favourite Paganini und Bach: Reflected. Große Bedeutung für den Violinisten haben insbesondere die Werke Johann Sebastian Bachs, die in der Box umfassend vertreten sind, wobei Schmid die Sonaten und Partiten für Violine solo durch die 6 Sonaten für Solovioline op. 27 von Eugène Ysaÿe kontrastiert. Außerdem schätzt Schmid die Musik von Niccolò Paganini, die er gern in den legendären Arrangements von Fritz Kreisler vorträgt. 
Kreislers Virtuosenstücke nimmt der Geiger auch als Anlass und Ausgangspunkt zu einem inspiriert beswingten Ausflug in Richtung Jazz. Auch Bach: Reflected zeigt, dass sich der Geiger in der Welt der Improvisation durchaus zu Hause fühlt. Und Hommage à Grappelli führt direkt in die Tradition der großen Vorbilder Stephane Grapelli und Django Reinhardt. Benjamin Schmid erweist sich auch im Reich der eher jazzigen Klänge als ein Souverän. Wir gratulieren!