Samstag, 20. Januar 2018

Abel: Symphonies op. 7 (cpo)

Eine Sinfonie von Carl Friedrich Abel (1723 bis 1787) wurde lange für ein Werk von Wolfgang Amadeus Mozart (1756 bis 1791) gehalten. Der Achtjährige hatte sie 1764 bei seinem Aufenthalt in London eigenhändig kopiert, um sich zu üben und daran zu lernen. Insbesondere der Mittelsatz dieser Sinfonie scheint das Wunderkind tief beeindruckt zu haben. 
Michael Schneider spürt mit seinem Ensemble La Stagione Frankfurt solch musikalischen Verwandt- schaften nach. Die Auseinander- setzung mit dem Schaffen Abels führt in ein interessantes Kapitel der Musikgeschichte: Ursprünglich waren Sinfonien Vorspiele, Ouvertüren, die die Aufmerksamkeit des Publikums erwecken und auf ein nachfol- gendes, gewichtiges Werk lenken sollten. Zum Ende des 18. Jahrhunderts aber wurde die Sinfonie zu einem selbständigen und höchst bedeutenden Genre; bereits in der Wiener Klassik erlebte sie  in der erneuerten Form eine erste Blütezeit. 
Die vorliegende Aufnahme mit den sechs Sinfonien op. VII führt uns zu den Anfängen dieser Entwicklung: „Was Abels Sinfonien so unver- wechselbar macht unter denen seiner Zeitgenossen, sind also nicht deren Kopfsätze in (später so genannter) Sonatenform, auch nicht seine Finalsätze, die ausnahmslos und meist in Rondoform geradezu volkstümliche Tänze wie schnelle Kontretänze oder Menuette darstellen: es sind vielmehr seine langsamen Mittelsätze, die – zumeist als Andante bezeichnet und häufig in ,sempre piano'-Dynamik – eine neue und durchaus eigene Musiksprache sprechen“, schreibt Michael Schneider im Beiheft zu dieser CD. „Und von diesen sind es auch nicht in erster Linie jene galanten oder empfindsamen Beispiele wie die aus den Sinfonien G-Dur oder C-Dur , sondern die geradezu ,hymnischen' liedartigen Sätze für Streicher alleine wie die aus den in Sinfonien B-Dur und F-Dur.“ 
Die Musiker von La Stagione Frankfurt verstehen ihr Metier, und sie präsentieren Abels Sinfonien hinreißend. Dabei betont Schneider besonders die Tatsache, dass diese Werke kontinentale und englische Traditionen verbinden. Falls sich aber nun jemand für Musikgeschichte nicht interessiert – man kann diese Einspielung auch einfach so genießen. Es lohnt sich! 

Freitag, 19. Januar 2018

24. Festliche Operngala für die Deutsche Aids-Stiftung (Naxos)

Eine Auswahl schöner Stimmen bietet alljährlich im Spätherbst die Deutsche Oper Berlin für ein ganz besonderes Benefiz-Event auf: Die Festliche Operngala sammelt Spenden für die Deutsche Aids-Stiftung – 2017 schon zum 24. Male. Und erneut hat  Naxos den Live-Mitschnitt umgehend auf zwei CD veröffentlicht. Wer sie erwirbt, der leistet gleichzeitig einen Beitrag zur Spendensumme. 
Eröffnet wurde die Operngala am 4. November 2017 durch das Orchester der Deutschen Oper Berlin unter Leitung von Giacomo Sagripanti; es erklingt allerdings die Ouvertüre zu Nabucco von Giuseppe Verdi und nicht, wie es auf dem Cover zu lesen ist, La gazza ladra von Giacomo Rossini. Das bleibt aber die einzige Panne, die zu vermelden ist. 
Die Liste der Mitwirkenden ist, wie üblich, lang. Zu hören sind Sofia Fomina, Salome Jicia, Alisa Kolosova, Lisette Oropesa, Annika Schlicht, Golda Schultz, Iván Ayón Rivas, Thomas Blondelle, Ismael Jordi, Vitalij Kowaljow, Thomas Lehman, Jorge De León, Christoph Pohl und Alexander Vinogradov, und natürlich der Chor der Deutschen Oper Berlin. 
Die Moderation übernahm einmal mehr Max Raabe. Er fasst zwischen den einzelnen Stücken die Opernhandlungen in wenigen Sätzen zusammen, und sorgt damit immer wieder für Lacher im Publikum. Oper ist halt eine ernste Angelegenheit – aber nicht nur. 

Telemann's Poland (Ayros)

Noch ein Nachtrag zum Telemann-Jubiläumsjahr 2017 – und zwar ein bedeutender. Denn auf dieser CD spürt das Orkiestra Czasów Zarazy, geleitet von Paweł Iwaszkiewicz, musikalischen Einflüssen nach, die zwar immer wieder benannt werden, aber bislang noch nie mit einer entsprechenden Einspielung dokumentiert wurden. 
Georg Philipp Telemann (1681 bis 1767) widmete 1739 in seiner Autobiographie, die er für Johann Matthesons „Grundlage einer Ehrenpforte“ (Hamburg 1740) zu Papier brachte, einen ganzen Abschnitt den Jahren 1705 bis 1708, die er als Kapellmeister im Dienste des Reichsgrafen Erdmann II. von Promnitz in Sorau verbrachte. „Als der Hof sich ein halbes Jahr lang nach Plesse, einer oberschlesischen, promnitzischen Standesherrschafft, begab, lernete ich so wohl daselbst, als in Krakau, die polnische und hanakische Musik, in ihrer wahren barbarischen Schönheit kennen“, berichtet Telemann. „Sie bestund, in gemeinen Wirtshäusern, aus einer um den Leib geschnalleten Geige, die eine Terzie höher gestimmet war, als sonst gewöhnlich, und also ein halbes dutzend andre überschreien konnte; aus einem polnischen Bocke; aus einer Quintposaune, und aus einem Regal. An ansehnlichen Oertern aber blieb das Regal weg; die beiden erstern hingegen wurden verstärckt: wie ich denn einst 36. Böcke und 8. Geigen beisammen gefunden habe. 
Man sollte kaum glauben, was dergleichen Bockpfeiffer oder Geiger für wunderbare Einfälle haben, wenn sie, so offt die Tantzenden ruhen, fantaisiren. Ein Aufmerckender könnte von ihnen, in 8. Tagen, Gedancken für ein gantzes Leben erschnappen. Gnug, in dieser Musik steckt überaus viel gutes; wenn behörig damit umgegangen wird. Ich habe, nach der Zeit, verschiedene große Concerte und Trii in dieser Art geschrieben, die ich in einen italiänischen Rock, mit abgewechselten Adagi und Allegri, eingekleidet.“ 
Zitiert wird dies gern, aber konkret im Notenbestand auf die Spurensuche gegangen ist bislang niemand. Wie sehr die Inspiration durch die polnischen Klänge Telemanns Musik tatsächlich beeinflusst hat, zeigt nun dieses CD-Projekt. Seine Grundlage ist ein Manuskript, das 1987 in der Rostocker Universitätsbibliothek entdeckt wurde. Es besteht aus zwei Stimmbüchern, für Violine und Fagott, und trägt den Titel Danse Polonié de Tellemann. Die Handschrift wurde unter TWV 45 in das Werkver- zeichnis des Komponisten aufgenommen. Und das war es dann auch schon, weil das musikalische Material zunächst keinen attraktiven Eindruck machte. 
„Neugierig auf die bislang unbekannte Quelle der polnischen Musik sind wir zum Schluss gekommen, der Sache nachzugehen und die Musikidee zu rekonstruieren, die dieser Handschrift zugrunde gelegt wurde“, schreibt Maciej Kaziński im Beiheft. Die Musiker lesen Telemanns Noten als Skizze, als Notat von Tanzthemen – und sie entschieden sich für eine Besetzung, wie sie Telemann beschrieben hat. 
Zu hören sind Paweł Iwaszkiewicz, Dudelsack („Bock“), Olena Yeremienko, Violine, Witold Broda, Fiedel, Piotr Wawreniuk, Posaune, Maciej Kaziński, Violone, und Mirosław Feldgebel, Regal: Die klassisch ausgebildeten Musiker spielen zusammen mit Musikanten, die wiederum ihre traditionellen Instrumenten ebenfalls virtuos beherrschen, und dazu sehr lebendig und witzig improvisieren. 
Das Ergebnis ist einzigartig und wirklich hinreißend. Es sind nicht nur die Klangeffekte, die nachvollziehen lassen, warum Telemann einst von dem, was er da in den polnischen Wirtshäusern und auf den Tanzböden erlauschte, derart fasziniert war. Großartig! Dies ist ohne Zweifel eine der interessantesten und auch der schönsten Einspielungen zum Telemann-Jubiläum – unbedingt anhören! 

Donnerstag, 18. Januar 2018

Richter: Sinfonias, Sonatas & Oboe Concertos (Christophorus)

Franz Xaver Richter (1709 bis 1789) stammte aus Mähren und wirkte zunächst als Bassist. 1740 wurde er erst Vizekapellmeister und später auch Kapellmeister am Hofe des Kemptener Fürstabtes; 1746 erhielt er eine Anstellung in der berühmten Mannheimer Hofkapelle des Kurfürsten Karl Theodor, wo er es immerhin bis zum Cammercompo- siteur brachte. 1769 wurde Richter dann Kapellmeister des Straßburger Münsters – was damals ein bedeutendes Amt darstellte; die Kapelle dort war die zweitgrößte in Frankreich. Soweit die trockenen Fakten. 
Die vorliegende CD zeigt uns Richter als einen Komponisten, der vielerlei Einflüsse in sein Schaffen integrierte. In seinen Werken spiegeln sich italienische Vorbilder, herausragendes kontrapunktisches Können, frühklassische Klarheit und Eleganz, Vergnügen an der Kantilene, und auch so manche musikalische Innovation, die wir heute der Mannheimer Schule zurechnen. 
Zu hören sind drei Sinfonien, zwei Triosonaten und ein faszinierendes Oboenkonzert, das einen dauerhaften Platz im Repertoire durchaus verdient hätte. Das Capricornus Consort Basel präsentiert Richters Musik inspiriert und mit sehr viel Charme. Den Oboenpart spielt Xenia Löffler mit Präzision und wunderbarem Ausdruck. Wenn es um die historische Aufführungspraxis geht, ist diese Musikerin derzeit unübertrefflich. 

Montag, 15. Januar 2018

Arve Tellefsen plays Ole Bull (Simax)

Ole Bornemann Bull (1810 bis 1880) und Edvard Grieg waren die ersten Musiker aus Norwegen, die weltweit berühmt wurden. Bereits im Kindesalter glänzte Ole Bull mit seinem Geigenspiel. Dennoch sollte er Pfarrer werden, aber die Eignungs- prüfung zum Theologiestudium bestand er nicht – und so wurde letztendlich doch die Musik sein Lebensinhalt. 
Als Geiger kam er weit herum. So hörte er 1831 in Paris Niccolò Paganini, was ihn sehr beeindruckte (und wohl auch dazu motivierte, seine Technik zu verbessern). Auch den deutschen Violinvirtuosen Louis Spohr besuchte Bull; Konzertreisen führten ihn nach Irland und England sowie in die USA.  
Der norwegische Geiger Arve Tellefsen engagiert sich seit vielen Jahren, um das Schaffen seines Landsmannes wieder einer größeren musikali- schen Öffentlichkeit nahezubringen. So hat er zum 200. Geburtstag von Ole Bull im Jahre 2010 eine CD mit Werken des Jubilars eingespielt. 
Das Programm enthält einige Stücke für Violine und Orchester; hier ist Tellefsen zusammen mit dem Trondheim Symphony Orchestra unter Leitung von Eivind Aadland sowie mit einem Streicherensemble zu hören. So erklingen das Nocturne for fiolin og orkester aus dem Jahr 1842 oder das Adagio Sostenuto, der zweite Satz aus Bulls Violinkonzert in e-Moll, entstanden 1840/41. 
Im Jahre 1873 trat Ole Bull gemeinsam mit dem Pianisten Edvard Grieg in Boston auf. Tellefsen hat für diese CD zwei Stücke von Grieg herausge- sucht, die damals auf dem Programm standen. Und er hat eine Vielzahl kleinerer Stücke zusammengetragen, um dem Hörer einen Eindruck von jenem speziellen Klang zu geben, der Bulls Werken offenbar zu eigen ist: Bulls Musik ist ausgesprochen virtuos, und melodiös-melancholisch. Es sind romantische Miniaturen von einem ganz eigenen Charakter – und man kann Tellefsen gar nicht dankbar genug dafür sein, dass er auf diese musikalischen Schätze aufmerksam macht. 

Samstag, 13. Januar 2018

Handel: Works for Keyboard (Audax)

In vielen Anekdoten wird beschrie- ben, wie Georg Friedrich Händel (1685 bis 1759) das Publikum durch sein Spiel an Tasteninstrumenten begeisterte. So soll Domenico Scarlatti, als er den Musikerkollegen beim Karneval in Venedig, verborgen hinter einer Maske, auf einem Cembalo spielen hörte, ausgerufen haben, dies sei entweder der Sachse oder der Teufel. 
Für sein erstes Soloalbum hat Philippe Grisvard das Cembalo-Werk Händels erkundet. Auf der CD zeigt er, dass dieses Œuvre erstaunlich viele Facetten hat. Dazu kombiniert er Händels Kompositionen mit Musikstücken wichtiger Wegbegleiter: Friedrich Wilhelm Zachow (1663 bis 1712), Organist der Marienkirche in Halle/Saale, war Händels Lehrer. Und die Werke Johann Kriegers (1651 bis 1735) hat Händel in seiner Jugend ebenso sorgfältig studiert wie etwa die Musik von Pachelbel oder Strungk. Grisvard zeigt durch die geschickte Kombination von Musik- stücken, wie dieses Umfeld das Schaffen Händels geprägt hat. 
Johann Mattheson (1681 bis 1764) war dann in Hamburg ein Weggefährte und Rivale des Komponisten. Und William Babell (1690 bis 1723) hat 1717 in seinen Suits of the most celebrated lessons collected and fitted to the harpsichord or the spinnet Ausschnitte aus Opern unter anderem von Händel in einer Art und Weise veröffentlicht, die vermuten lässt, dass diese Sammlung auch Einblick in die Verzierungs- und Improvisations- praxis des Meisters gewährt. 
Außerdem nutzt Philippe Grisvard die beiden Kollektionen, die John Ward als Raubkopien gedruckt hat, sowie Händels eigene Veröffentlichungen, die eine finale Fassung der illegal verbreiteten Werke anbieten. Inspiriert zeigt sich der Cembalist zudem von einer Fassung der acht Suiten und der sechs Fugen Händels, die der Wiener Organist Gottlieb Muffat 1736 ediert hat, „mises dans une autre applicature pour la facilité de la main“
Doch diese Angabe trügt, wie Grisvard einräumt, „car s'il vrai que Muffat e tenté de rendre la lecture des pièces plus aisée et de contrebalancer certains défauts de clarté dûs sans doute à la hâte dans laquelle Handel avait préparé son édition, la profusion d'agréments qu'il ajoute au texte original redouble le niveau de difficulté des pièces, et remet sérieusement en cause le type de tempo que l'on imaginerait ordinairement aujourd'hui pour certains de ces mouvements. Vette interprétation des huit grandes suites est une autre source majeure sur la pratique de l'ornementation: Muffat a choisi de noter à la française les ornements là oû Handel les avait laissés à la discrétion de l'exécutant.“ Grisvard betont, dass diese Lesart vermutlich dem sehr nahe kommt, was Händel selber spielte. 
Dennoch entschied er sich bei dieser Auswahl gegen Muffats Version: „J'ose espérer qu'un jour, un claveciniste plus téméraire que moi consacrera un disque entier à ce cycle de Muffat, trop longtemps resté dans l'ombre...“ Grisvard musiziert zupackend, frisch und munter; mitunter wünscht man sich ein wenig mehr Eleganz. Aber insgesamt ist dieses Album mit seinen vielen Querverweisen sehr interessant und ausgesprochen abwechslungsreich. 

Donnerstag, 11. Januar 2018

Popper: High School of Violoncello Playing op. 73 (Paladino Music)

Wenn man diese Aufnahmen hört, dann will man es kaum glauben: Was Martin Rummel hier spielt, das sind Etüden – und zwar hochgradig vertrackte. David Popper (1843 bis 1913) gehört zu den besten Cellisten aller Zeiten. Er begann seine Karriere als Orchestermusiker; 1868 wurde er Solocellist der Wiener Philharmoniker. Doch schon bald waren seine Konzertverpflichtungen so umfangreich, dass er diese Stelle wieder aufgab. 
Auch als Komponist war Popper sehr erfolgreich; doch nachdem er dann an die Königliche Akademie für Musik in Budapest berufen wurde, konzentrierte er sich vor allem darauf, seine Studenten zu unterrichten, und sie bestmöglich auf das Berufsleben vorzubereiten. Zu diesem Zweck schrieb er in den Jahren 1901 bis 1905 jene 40 Etüden, die dann als Hohe Schule des Violoncellospiels op. 73 bekannt geworden sind. 
„Sie sind die erste Sammlung von Etüden für unser Instrument,die den neuen Anforderungen des Repertoires und der konstanten Verbesserung der Spieltechnik in jener Zeit gerecht werden“, erläutert Rummel, der übrigens auch die Neuausgabe dieser Werke bei Bärenreiter als Herausgeber betreut hat. „Die Großtat besteht aus meiner Sicht darin, sich in jeder Etüde auf ein oder zwei technische Schwierigkeiten zu konzentrieren (..) Dieselbe kompositorische und instrumentale Geschicklichkeit, die Popper in vielen seiner für das Konzertleben geschriebenen Stücke zur Erzeugung von musikalischen oder virtuosen Effekten beweist, nützt er in der Hohen Schule des Violoncellospiels an vielen Stellen, alles möglichst vertrackt oder unbequem zu schreiben – lediglich das Ziel im Auge, den Spieler möglichst umfassend mit allen denkbaren Schwierigkeiten, die weniger celloerfahrene Komponisten ausbrüten könnten, zu konfrontieren.“ 

Dienstag, 9. Januar 2018

Alessandro Scarlatti Collection (Brilliant Classics)

Eine dicke Box mit Werken von Alessandro Scarlatti (1660 bis 1725) veröffentlicht dieser Tage Brilliant Classics. Der Neapolitaner war einer der wichtigsten und erfolgreichsten Vokalmusik-Komponisten des ausgehenden Barocks – Grund genug, in diesem Blog endlich einmal ausführlicher über ihn zu berichten. 
Scarlatti, der einer Musikerdynastie entstammte, kam auf Sizilien zur Welt. 1672 zog die Familie um nach Rom; dort erhielt Alessandro 1678 erstmals eine Anstellung als Kirchenkapellmeister, und heiratete. Ein Jahr später erklang im Palazzo Bernini seine erste Oper, und auch mit seinen Solokantaten begeisterte Scarlatti den römischen Adel. Königin Christine von Schweden, die in Rom lebte, ernannte ihn zu ihrem Hof- kapellmeister. 1683/84 wurde er Kapellmeister am Hofe des Vizekönigs in Neapel, wo er bis 1702 wirkte. Für diesen sowie für verschiedene andere Gönner komponierte er unter anderem etwa 40 Opern, und dazu eine Vielzahl anderer Musikstücke. 
1703 kehrte er nach Rom zurück; zu diesem Zeitpunkt waren Opern- aufführungen in der Heiligen Stadt bereits vom Papst verboten worden. Und so widmete sich Scarlatti in Rom in erster Linie der geistlichen Musik. Im Karneval 1707 versuchte der Komponist aber, mit zwei Opern das Publikum in Venedig zu begeistern. Dabei verwendete er französische Vorbilder, was beim Publikum wenig Begeisterung auslöste. 
Ab 1708 regierten nicht mehr die Spanier, sondern die Österreicher als Vizekönige in Neapel, und Scarlatti wurde erneut Hofkapellmeister. Von 1717 bis 1722 hielt sich der Komponist wohl überwiegend in Rom auf; seinen Lebensabend allerdings verbrachte er in Neapel. Scarlatti hatte neun Söhne; der bekannteste davon ist sicherlich Domenico Scarlatti, ebenfalls Komponist und Cembalist. 
Zu Lebzeiten war Scarlatti berühmt insbesondere für seine Opern; im Laufe seines Lebens schuf er mehr als hundert dieser Werke. In dieser Box sind sie nicht mit enthalten. Die 30 CD bieten ansonsten einen umfassenden Überblick über das Schaffen des Komponisten. So sind allein auf sechs CD Werke für Tasteninstrumente zu finden, eingespielt auf Cembalo und Orgel von Francesco Tasini. Umfangreich vertreten sind auch die Oratorien Scarlattis; zu hören sind hier teilweise namhafte Solisten und Ensembles, wie der Nederlands Kamerkoor unter Harry van der Kamp, La Stagione unter Michael Schneider, oder das Alessandro Stradella Consort unter Estévan Velardi. Letzteres überrascht sogar mit mehreren Weltersteinspielungen, was man in einer solchen Sammelbox eher nicht vermutet hätte. 
Einspielungen der Geistlichen Konzerte op. 2 und einer Auswahl an Kammerkantaten runden das Angebot an Vokalmusik ab. Wenn man bedenkte, dass Scarlatti fast 800 derartiger Kantaten geschrieben hat, dann ahnt man, wie vieles da in Zukunft noch zu entdecken sein wird. 
Das Ensemble Insieme Strumentale di Roma unter Giorgio Basso kombiniert auf seiner CD zwei Kantaten, gesungen von der Altistin Gabriella Martellacci, mit zwei Flötenkonzerten und zwei Sonate a quattro. Letztere gelten als Vorläufer des Streichquartettes. Auf den beiden ersten CD erklingen zudem die zwölf Sinfonie di concerto grosso (1715). Zu hören ist hier die Capella Tiberina. 

Cantata per Flauto (Tyxart)

„Singen ist das Fundament zur Music in allen Dingen. Wer die Composition ergreifft / muß in seinen Sätzen singen. Wer auf Instrumenten spielt / muß des Singens kündig seyn. Also präge man das Singen jungen Leuten fleißig ein“, reimte einst Georg Philipp Telemann. Über Jahrhunderte betonten Musiker wie Musiktheoretiker, dass auch für Instrumentalisten die Imitation der menschlichen Stimme das Ideal darstellt.
Auf dieser CD singt nun Tabea Debus mit ihren Blockflöten. Das ist durchaus wörtlich zu verstehen. So beginnt die CD mit einer Cantata per Flauto von Johann Adolph Hasse (1699 bis 1783). Dieser beherrscht es in der Tat großartig, seine Stücke sanglich zu gestalten – kein Wunder, denn er war mit Faustina Bordoni verheiratet, einer berühmten Opernsängerin, für die Hasse auch komponierte.
Zwei Stücke von Adam Jarzębski erweisen sich als Diminuitionen, kunst- volle Auszierungen von Gesangsstücken. Außerdem bietet das Programm Variationen über ein Lied des englischen Lautenisten John Dowland von Jacob van Eyck, Konzerte von Domenico Natale Sarro und Georg Philipp Telemann, An Evening Hymn von Henry Purcell sowie zwei zeitgenössische Kompositionen von Calliope Tsoupaki und Thorsten Töpp. Diese lassen dann auch die Musiker singen.
Die junge Blockflötistin Tabea Debus musizierte bei diesem Aufnahme- projekt gemeinsam mit Hongxia Cui, Katrin Ebert, Kerstin Fahr, Barock- violine, Johanna Brückner, Barockviola, Lea Rahel Bader, Barockcello und Viola da gamba, Niklas Sprenger, Kontrabass, Kohei Ota, Theorbe und Barockgitarre sowie Johannes Lang, Cembalo und Orgel. Schon an dieser umfangreichen Liste ist zu ersehen, dass dieses Ensemble weit mehr leistet, als nur einen Continuo-Part. Sie machen diese CD ausgesprochen abwechslungs- und farbenreich; allerdings wünscht man sich gelegentlich etwas mehr Sensibilität von begleitenden Streichern, damit die Flöte gebührend zur Geltung kommt. 

Montag, 8. Januar 2018

Seitz: Concertos for Violin and Piano Nos. 1-5 (Naxos)

Friedrich Seitz (1848 bis 1918), Sohn eines Landwirtes aus Günthersleben bei Gotha, erlernte das Geigenspiel in Sondershausen bei Karl Wilhelm Uhlrich und in Dresden bei Hofkon- zertmeister Johann Christoph Lauterbach. 1869 begann er seine Laufbahn als Geiger am Sonders- häuser Hoforchester – das damals von Max Bruch geleitet wurde. 
1876 wurde er Konzertmeister in Magdeburg, wo er auch eine Musik- schule gründete. Ab 1884 war er zudem Dirigent des Dessauer Hoforchesters. 
Seitz gehört außerdem zu den prägenden Persönlichkeiten in der Geschichte der Bayreuther Festspiele nach Richard Wagner: Ab 1888 wirkte er als Konzertmeister des Festspielorchesters auf dem grünen Hügel. Auch als reisender Violinvirtuose war der Musiker sehr gefragt. 1908 trat er schließlich wegen eines Nervenleidens in den Ruhestand, wobei er auch weiterhin komponierte und Violinunterricht gab. Seine bekannteste Geigenschülerin war übrigens Filmdiva Marlene Dietrich. 
Für den Unterricht schrieb Friedrich Seitz eine ganze Reihe von Konzerten für Violine und Klavier. Sie werden noch heute von Violinpädagogen rege genutzt, denn sie bieten schöne Melodien, und solistische Aufgaben von höchst unterschiedlichem Schwierigkeitsgrad. So kann der Lehrende seinem Geigenschüler aus den Seitz-Konzerten immer wieder ein Pensum zuweisen, dass zu dessen Leistungsstand gewissermaßen maßgeschneidert passt. 
Wer Geige spielen gelernt hat, der kennt daher üblicherweise Seitz' Schülerkonzerte – und sie sind der Grund dafür, dass der Name dieses Geigers noch heute präsent ist. Wie charmant diese Werke klingen können, wenn sie Könner spielen, das zeigt eine Einspielung aus dem Hause Naxos: Geigerin Hyejin Chung stellt auf dieser CD gemeinsam mit dem Pianisten Warren Lee die ersten fünf Seitz-Konzerte vor, und sie präsentiert die kleinen Kostbarkeiten liebevoll und mit schönem Ton. 

Go East! (Cavi-Music)

Zunächst waren da die Acht Walzer op. 6 von Paul Hindemith, berichten Gülru Ensari und Herbert Schuch. Das türkisch-deutsche Duo, auch außermusikalisch ein Paar, spielte diese Stücke eine Weile morgens, vor dem eigentlichen Üben, vierhändig vom Blatt. Und die beiden Pianisten fanden die Nähe dieser frühen Werke Hindemiths zu den Walzern op. 39 von Johannes Brahms verblüffend. 
So entstand die Idee, diese Walzer für eine CD einzuspielen – Brahms und Hindemith sorgsam miteinander verflochten; so kann man beim Zuhören den Ähnlichkeiten nachsinnen. „Wir haben lange experimentiert, bis wir mit der Reihenfolge zufrieden waren“, erläutert Gülru Ensari. Wir wollten auch den reizvollen Kontrast ausspielen, den es zwischen der ungebrochenen Natürlichkeit des Walzers bei Brahms und dessen ironischer Verwandlung bei bei Hindemith gibt. Das sieht man ganz deutlich im Notenbild. Da steht dann ,viel langsamer spielen' oder ,großes Ritardando'.“ 
Ergänzt haben die beiden Pianisten ihr Programm durch zwei türkische Tänze, die Özkan Manav eigens für sie komponiert hat, und durch Le Sacre du printemps in der Fassung für Klavier zu vier Händen von Igor Strawinsky. 
Somit zieht sich die Blickrichtung nach Osten wie ein Roter Faden durch das Programm: Brahms und Hindemith ließen sich bei ihren Walzern von ungarischen Volksweisen inspirieren. Die beiden Stücke von Özkan Manav beruhen ebenfalls auf Volksliedern. Und Strawinsky, der in Paris lebte, verwendete für seine Ballettmusik Melodien aus seiner russischen Heimat. 
Ensari und Schuch spielen dieses Werk tatsächlich vierhändig, auf einem Klavier – auch wenn Klavierduos üblicherweise zwei Instrumente verwenden. „Ich mag aber diese Nähe auf 88 tasten, wir spüren sofort jede rhythmische Verzögerung des anderen und können uns darauf einstellen“, erläutert die Pianistin. „Und es ist unglaublich, sich vorzustellen, dass vor über 100 Jahren Strawinsky und Debussy in einem Privatkonzert auch an einem Flügel dieses Stück zum ersten Mal aufgeführt haben.“ 
Gülru Ensari und Herbert Schuch haben die ursprüngliche Version allerdings noch kräftig aufgepeppt – so haben sie an etlichen Stellen zusätzliche Orchesterstimmen integriert, und sie spielen auch Stichnoten mit. Außerdem haben sie mit Tamburin und Guiro nachgeholfen, „weil es überlagernde rhythmische Strukturen mit sehr besonderen Klangfarben gibt, die auf dem Klavier so gar nicht darstellbar sind“, so Schuch. 
Das Ergebnis ist dann wirklich ein Kracher. So radikal, so rhythmus- betont-archaisch und zugleich so detailreich habe ich Le Sacre du printemps auf dem Klavier noch nicht gehört. Die beiden Pianisten musizieren, als ob sie außer den Noten auch noch gegenseitig ihre Gedanken lesen könnten – genial! und wirklich große Klavierkunst. 

Samstag, 6. Januar 2018

Tesori d'Italia (Deutsche Grammophon)

„Tesori d’Italia“ suchte Albrecht Mayer für seine aktuelle CD. Und dafür musste der Solo-Oboist der Berliner Philharmoniker nicht einmal weit reisen. Denn die begehrten Schätze aus Italien fand er in Dresden, einer Stadt, die nicht umsonst Elbflorenz genannt wird. 
Sie ist aber nicht nur durch italienische Architekten dazu geworden, sondern auch dank einer Vielzahl italienischer Künstler, die im Umkreis des sächsischen Hofes wirkten. So engagierten die sächsischen Kurfürsten für Oper und Hofkapelle gern Virtuosen aus dem Süden. Begabte deutsche Musiker hingegen schickten sie nach Italien, wo sie von den besten Meistern lernen sollten – ein Modell, das über Generationen hinweg ausgezeichnet funktionierte, von Heinrich Schütz bis zu dem Geiger Johann Georg Pisendel. 
Dieser studierte bei Antonio Vivaldi, und aus Italien brachte er nicht nur viele Noten, sondern auch gute Kontakte mit, von denen die Hofmusik sehr profitierte. Die Notensammlung des legendären Konzertmeisters der Dresdner Hofkapelle befindet sich heute in den Beständen der Sächsischen Landes- und Universitätsbibliothek. Sie wurde überliefert, weil sie einst in einem Schrank eingeschlossen und vergessen worden ist. Heute werden die Bestände aus diesem „Schranck No: II“ durch Musikhistoriker ebenso gern genutzt wie durch Musiker. 
Albrecht Mayer hat dort eine Abschrift des Oboenkonzertes in C-Dur RV 450 von Antonio Vivaldi gefunden, sowie ein Oboenkonzert in a-Moll von Domenico Elmi (um 1676 bis 1744), das hier in Weltersteinspielung erklingt. Aus „Schranck No: II“ stammt zudem das Oboenkonzert in Es-Dur von Giovanni Alberto Ristori (1692 bis 1753), einem Organisten, Kapellmeister und Komponisten, der ebenfalls am Dresdner Hof wirkte. 
Giuseppe Sammartini (1695 bis 1750) war der Sohn eines französischen Oboenvirtuosen, und spielte auch selbst dieses Instrument hervorragend. Er wurde in Italien geboren, ging aber später nach London, wo er unter anderem in Händels Opernorchester musizierte, und hoch angesehen war. Mayer hat für seine CD gleich drei Oboenkonzerte von Sammartini ausgewählt. In Weltersteinspielung zu hören ist das Konzert in C-Dur op. 8 Nr. 4. 
Außerdem erklingt das Oboenkonzert in g-Moll op. 8 Nr. 5 sowie ein weiteres Konzert in C-Dur ohne Opuszahl. Es ist „in einer Abschrift aus dem 18. Jahrhundert erhalten, die sich der musikliebende schwedische Baron Patrick Alströmer (..) für seine private Notenbibliothek anfertigen ließ“, berichtet Mayer in einem ausführlichen Text im Beiheft. Die beiden anderen Konzerte befinden sich in den Beständen der British Library. Und die Edition des Vivaldi-Konzertes, die für diese Einspielung verwendet wurde, beruht auf einem Manuskript, das in der Biblioteca nazionale universitaria di Torino aufbewahrt wird. 
An der weiten Verbreitung dieser Musikstücke kann man noch heute erkennen, wie sehr die Werke italienischer Komponisten seinerzeit in ganz Europa geschätzt und begehrt wurden. Mayer hat eine Auswahl derartiger musikalische Kostbarkeiten zusammengestellt, die man auch heute noch gern hört. „Um dabei intensiv in das spezielle Flair Italiens eintauchen zu können, suchte ich mir als meine Wegbegleiter Musiker, die die Welt kennen, aber italienisch denken, lachen und fühlen“, schreibt der Oboist – „und ich fand sie mit I Musici di Roma, jenem Ensemble, das schon in meiner Kindheit eine Instanz auf dem Gebiet des italienischen Barock- repertoires war.“ 
Nun hat sich aber seitdem die Welt weiter gedreht, und wer Barockmusik als solche hören möchte, der wird heute wohl kaum noch dieses Ensemble dafür wählen. Wer allerdings italienische Lebensfreude und Musizierlust erleben möchte, und wer bei der Oboe insbesondere musikalischen Aus- druck und schöne Töne schätzt, der wird diese CD lieben. Denn Albrecht Mayer ist wirklich ein vortrefflicher Oboist. 

Brescianello: Concerti à 3 (Coviello Classics)

Giuseppe Antonio Brescianello (um 1690 bis 1758) kam im Jahr 1715 im Gefolge der Kurfürstin aus Venedig an den Münchner Hof. Belegt ist zudem, dass er nach gut einem Jahr als Director Musices an den württembergischen Hof wechselte, wo er zunächst für die fürstliche Kammermusik zuständig war. In Stuttgart verbrachte er den Rest seines Lebens. 
Allerdings wollte der ehrgeizige junge Violinvirtuose schon bald auch Hof- kapellmeister werden. Das Problem: Es gab bereits einen Kapellmeister, und so sah der Herzog wenig Anlass, den Italiener zu befördern. Doch dann kam 1719 auch noch Reinhard Keiser nach Stuttgart, ein gefeierter Opernkomponist, der ebenfalls eine solche Anstellung zu erringen trachtete. 
Dass dies zu Auseinandersetzungen führte, kann man sich leicht vorstellen. Die Streitigkeiten beendete Herzog Eberhard Ludwig, indem er im Februar 1721 Brescianello zum Oberkapellmeister ernannte. Keiser kehrte nach Hamburg zurück. Und unter Brescianello soll die württembergische Hofmusik eine künstlerische Blütezeit erlebt haben. 
Das Ensemble Der musikalische Garten, hervorgegangen aus der Schola Cantorum Basiliensis, einer höchst renommierten Ausbildungsstätte im Bereich der „Alten“ Musik, hat sich auf die Spurensuche begeben und Werke gefunden, die man auch heute noch mit Vergnügen anhört. So sind in der Bibliothek des Conservatorio Statale di Musica Luigi Cherubini in Florenz 12 Concerti à 3 von Brescianello überliefert, von denen auf dieser CD die ersten sechs erklingen. 
Heiter und elegant spielen Germán Echeverri Chamorro und Karoline Echeverri Klemm, Violine, Annekatrin Beller, Violoncello, und Daniela Niedhammer, Cembalo, diese Werke, die durchweg dem Muster der italienischen Sonata da chiesa folgen. Aus heutiger Sicht sind es Triosonaten, bei denen meistens die beiden Geigen miteinander wetteifern – nur die Sonata seconda ähnelt eher einem Solokonzert; dort gibt es sogar eine Kadenz für die erste Geige. Auffällig ist zudem, dass die Bassstimme oftmals ebenfalls recht anspruchsvoll gestaltet ist, sie reicht über eine reine Begleitstimme weit hinaus. 
So erweist sich diese Einspielung erneut als ein hübscher Farbtupfer in der Kollektion des Musikalischen Gartens; auf weitere Blütenlesen dieses Ensembles darf man gespannt bleiben. 

Freitag, 5. Januar 2018

Goldberg Variations - Aulos Quartett (MDG)

Die sogenannten Goldberg-Variatio- nen BWV 988 gehören zu den bekanntesten Werken von Johann Sebastian Bach (1685 bis 1750) überhaupt. Experten vermuten, dass die Clavier Übung bestehend in einer Aria mit verschiedenen Veraende- rungen vors Clavicimbal mit 2 Manualen, so der tatsächliche Titel, eigentlich der vierte Teil von Bachs Tastenmusik-Kompendium Clavier Übung ist. 
Weil diese Komposition so beliebt, aber auf einem modernen (ein- manualigen) Klavier gar nicht so einfach zu spielen ist, existieren mittlerweile zahlreiche Bearbeitungen. Eine besonders reizvolle stellt das Züricher Aulos Quartett auf einer CD vor, die bei Dabringhaus und Grimm erschienen ist. Sie stammt von Martin Gebhardt, und beruht ihrerseits auf einer Fassung für zwei Klaviere von Josef Gabriel Rheinberger aus dem Jahre 1883. Dieser „beabsichtigte mit seiner Arbeit eine weitere Verbreitung des Werkes, sowie dessen Aufführung im grossen Konzertsaal“, schreibt der Oboist im Beiheft. „Aus diesem Anlass hatte er zwei- und dreistimmige Passagen gleichermassen behutsam wie kunstvoll ergänzt.“ 
Diese Idee wurde durch das Aulos Quartett klug genutzt: Die Aufteilung der Stimmen auf vier Instrumente – Martin Gebhardt, Oboe, Roswitha Kilian, Violine, Miriam Moser, Tenor-Oboe und Rebecca Firth, Violoncello – erweist sich als ein Kunstkniff, der ganz erstaunlich zur Wahrnehm- barkeit der kontrapunktischen Strukturen beiträgt. Auch die gemischte Besetzung mit Streichern und Bläsern sorgt für Transparenz. Die beiden Oboen, vor allem auch die in der tiefen Lage, sorgen zudem für einen äußerst interessanten, farbenreichen Gesamtklang. Sehr hörenswert! 

Telemann: Trio Sonatas (Berlin Classics)

Und noch ein Nachtrag zum Thema Telemann: Blockflötist Erik Bosgraaf hat jüngst bei Berlin Classics eine CD mit Triosonaten des Komponisten veröffentlicht. Auch wenn das Repertoire des niederländischen Musikers vom Mittelalter bis in die Gegenwart reicht, schätzt der Flötenvirtuose doch die Werke von Georg Philipp Telemann ganz besonders: „Kein anderer Barockkomponist dieses Kalibers gibt mir so ein Gefühl von Freiheit. Telemann lädt einen ein.“ 
Und so hat Bosgraaf mittlerweile zahlreiche Musikstücke seines Favoriten auf CD eingespielt – von den Solo-Fantasien über die Sonaten mit Basso continuo, die Suiten und die Konzerte für Solo-Blockflöte und bis hin zu den Doppelkonzerten. Der Flötist spielt diese Musik lebhaft, klar strukturiert und anmutig. Das gilt auch für seine neueste Aufnahme, die im Haydnsaal des Schlosses Eszterházy im ungarischen Fertöd entstanden ist. Dabei arbeitete Bosgraaf  mit dem exzellenten Geiger Dmitry Sinkovsky („Telemann ist immer gut. Dieser Mann hat niemals eine schlechte Note geschrieben.“), dem Cellisten Balázs Máté und der Cembalistin Alexandra Koreneva zusammen, einer Spezialistin für historische Aufführungspraxis. Sie alle musizieren sehr inspiriert, es ist wirklich eine Freude. 

Donnerstag, 4. Januar 2018

Telemann at Café Zimmermann (Winter & Winter)

Ein Nachtrag zum Telemann-Jubil- äumsjahr 2017: Das Schweizer Ensemble Die Freitagsakademie hat eine sehr schöne CD im Gedenken an Georg Philipp Telemann (1681 bis 1767) veröffentlicht. Die Einspielung, erschienen bei dem Label Winter & Winter, soll an das Café Zimmer- mann in Leipzig erinnern. Denn an der Pleiße hat Telemann mit seinem aus Studenten bestehenden Colle- gium Musicum seine überaus erfolg- reiche Musikerlaufbahn begonnen. 
Nach drei Jahren freilich war die Studienzeit Telemanns vorbei: 1704 erhielt der junge Musiker, der eigentlich Jurist werden sollte, seine erste Anstellung als Hofkapellmeister des Grafen von Promnitz, in Sorau in der Niederlausitz. Die Freitagsakademie präsentiert ein etwas oboenlastiges, aber ansonsten außerordentlich hörenswertes Programm aus zwei Ouverture-Suiten, einer Sonate, einer Triosonate und einem bezaubern- den Konzert für Oboe d'amore. Die Musiker zeigen einmal mehr, dass Telemann heute noch immer der am stärksten unterschätzte Komponist der Barockzeit ist. 

Wagner: Der Ring ohne Worte (Oehms Classics)

Dass Hansjörg Albrecht für diese Aufnahme die Staatskapelle Weimar als Partner gewählt hat, hat gleich mehrere Gründe. Da wäre zum einen die Beziehung zwischen Franz Liszt und Richard Wagner, die dem Residenzstädtchen seinerzeit gleich mehrere Uraufführungen Wagner- scher Werke bescherte, und im Beiheft von Dr. Eva Gesine Baur ebenso amüsant wie detailliert beschrieben wird. Wussten Sie schon, beispielsweise, dass das Festspiel- haus eigentlich im Weimarer Park an der Ilm entstehen sollte? 
Da ist zum anderen die Staatskapelle Weimar selbst, ein bedeutendes thüringisches Orchester mit einer Tradition, die bis in das Jahr 1491 zurückreicht. Hansjörg Albrecht hat mit diesem Klangkörper bereits bei seiner Einspielung von Orchesterliedern Walter Braunfels' zusammen- gearbeitet. 
Seine ganz persönliche Auseinandersetzung mit Richard Wagners Ring des Nibelungen reicht allerdings weiter zurück. So wurde 2006, ebenfalls bei Oehms Classics, Der Ring als Orgeltranskription veröffentlicht – von Albrecht gespielt auf den beiden Instrumenten der Kirche St. Nikolai in Kiel. Auch andere Werke, die eigentlich für Orchester komponiert wurden, hat der Dirigent und Konzertorganist in Form von Orgeltranskriptionen präsentiert. 
Der Ring ohne Worte wurde am 9. und 10. Oktber 2016 als Live-Mitschnitt in der Neuen Weimarhalle aufgezeichnet. Die Symphonische Dichtung mit Orchesterszenen aus dem Ring des Nibelungen erklang in der Version von Lorin Maazel. Der Maestro komprimierte in seiner Fassung das beinahe 15 Stunden lange Original Wagners auf gut 70 Minuten Spieldauer. Dabei folgte er strikt dem Ablauf des Geschehens, vom Rheingold-Vorspiel bis zum Finale der Götterdämmerung, und fügte wichtige Szenen aneinander, ohne auch nur einen Takt hinzuzufügen. Die Gesangspartien wird man nicht vermissen; die Figuren werden durch Instrumente angedeutet – Sieglinde beispielsweise durch die Flöte, Fafner durch die Bassklarinette. 
Wer nun aber ein Spiel mit Klangfarben erwartet, wie man das von den Orgeltranskriptionen kennt, der wird enttäuscht. Denn Albrecht dirigiert erstaunlich zurückhaltend. Ihn interessiert Substanz, nicht Bombast. So ist diese Einspielung eher puristisch als dramatisch geraten. Langweilig freilich ist das nicht. 

Mittwoch, 3. Januar 2018

Franck: Offertoires & Pièces posthumes (Aeolus)

Noch einmal Orgelmusik von César Franck – diesmal allerdings eingespielt an einer großen französischen romantischen Orgel: Elke Völker widmet sich auf dieser CD ausgewählten Frühwerken des belgischen Wahl-Franzosen. Es handelt sich dabei um weniger bekannte Stücke, die aber belegen, wie aus einem exzellenten Pianisten innerhalb von zwei Jahrzehnten ein versierter Organist wurde, der die Entwicklung der Orgelmusik entscheidend mit beeinflusste. 
Zugleich stellt die Organistin ein Instrument vor, das auf Aufnahmen eher selten zu hören ist: Die Orgel der neogotischen Basilika Notre-Dame in Bonsecours, nördlich von Rouen, wurde 1857 durch Aristide-Cavaillé-Coll errichtet. Der Orgelbauer ergänzte das Instrument 1879 durch ein selbstständiges Pedal mit vier Registern. In späteren Jahren erfolgten weitere Veränderungen, die der Orgel einen deutlich sinfonischeren Charakter gaben und das Instrument erneut erweiterten. Seit 1997 steht die Orgel unter Denkmalschutz; 1999/2000 wurde sie restauriert, und ist heute wieder in dem Zustand, den Cavaillé-Coll in den Jahren 1888/89 hergestellt hatte, mit 29 Registern auf drei Manualen - von denen eines ein Koppelmanual ist - und Pedal. Allerdings wurde dabei der erweiterte Tonumfang aus dem 20. Jahrhundert beibehalten. Ein grandioses Instrument, und eine großartige Einspielung! Elke Völker musiziert sehr hörenswert, und auch technisch ist die Aufnahme exzellent. 

Dienstag, 2. Januar 2018

Images and Mirrors (Genuin)

Nachtrag in Sachen Sächsische Bläserphilharmonie: Auf der siebenten CD des Ensembles bei Genuin ist Musik zu entdecken, die sich durch Hintergründigkeit auszeichnet. Unter der Leitung von Thomas Clamor spielt das einzige zivile professionelle Blasorchester Deutschlands Werke, die teilweise mit Witz überraschen, und teilweise mit Tiefe. 
So beginnt die CD mit einem Marsch von Paul Hindemith (1895 bis 1963), der in seiner Suite Symphonic Metamorphosis kleine Stücke des Freischütz-Komponisten Carl Maria von Weber aufgreift und zu einem der glanzvollsten Orchesterwerke des 20. Jahrhunderts umformt. Der Marsch ist das brillante Finale. 
Vom schlichten Ländler bis zum Jazz-Funkrock und vom Bierzeltvergnü- gen bis zum derben Unwetter reicht das wohl aberwitzigste Violoncello- konzert der Musikgeschichte, geschaffen für das Streichinstrument und ein Bläserensemble von Friedrich Gulda (1930 bis 2000). Es handelt sich dabei um eine Ansammlung von Imitaten und Zitaten; ein alpenglühender Spaß, von Gulda geschaffen einst nicht ohne Hintersinn für den jungen Heinrich Schiff. Peter Bruns wagt sich an den Solopart dieses Werkes. Er nimmt die Brüche an, die das Konzert wie ein Kaleidoskop wirken lassen – und vergleicht man diese mit den vielen bereits verfügbaren Einspielun- gen, dann begeistert sie durch ihrer Verspieltheit und Heiterkeit.  
Ist dieser Kracher, beim Publikum übrigens sehr beliebt, absolviert, dann folgt wie zur Belohnung die wohl schönste Kantilene von Heitor Villa-Lobos (1887 bis 1959), die Nr.5 aus den Bachianas Brasileiras, in einem Arrangement für Cello und Saxophonquartett. Hier musiziert Peter Bruns mit dem Saxophon-Ensemble clair-obscur. Diesem Quartett ist auch Jeu de Cartes gewidmet, eine Suite von Bart Picqueur (*1972), die auf dieser CD in Weltersteinspielung zu hören ist. Das Saxophonquartett ergänzt dabei den Klang der Sächsischen Bläserphilharmonie um interessante Farben – und glänzt natürlich auch solistisch. 

Montag, 1. Januar 2018

Chopin: Valses (Gramola)

Frédéric Chopin gilt neben Johann Strauss (Vater) und Joseph Lanner als einer der „Väter“ des modernen Walzers. Während die Melodien der beiden Wiener Komponisten in erster Linie das tanzende Publikum auf Bällen unterhalten sollten, ent- zückten Chopins Werke allerdings die Zuhörer in den Pariser Salons. 
Der bulgarische Pianist Martin Ivanov, geboren 1990 in Plovdiv, hat für sein Debüt-Album eine Auswahl dieser Perlen der Klavierliteratur zusammengestellt. Neben den heiteren und brillanten Walzern in Dur-Tonarten berücksichtigte er auch fünf Werke in Moll-Tonarten, die stärker durch die für Chopin charakteristische Melancholie geprägt sind. 
Das aber sollte grundsätzlich nichts daran ändern, dass diese Stücke in erster Linie Walzer sind, und auch als solche gespielt werden müssen. Bei aller Virtuosität sollte doch der Tanz erkennbar bleiben; und ein Rubato setzt ein Grundtempo voraus. Es vollends gefühlig verschwimmen zu lassen, wird dem Werk Chopins meiner Ansicht nach nicht gerecht. Tut mir leid, aber diese Einspielung zeigt mir zu viel Streben nach Ausdruck und Originalität, und zu wenig Ringen um die musikalische Substanz. Meinen Geschmack trifft Ivanov nicht. 

Voice of the Soul (Sony)

Immerhin vier Weltersteinspielungen kann Marion Treupel-Franck auf dieser CD vorweisen. Die Flötistin hat das Schaffen von Jean Daniel Braun (vor 1728 bis um 1740) erkundet. Es wird angenommen, dass er aus Deutschland stammte; über seinen Lebensweg ist aber nur wenig bekannt: Als 1728 sein Opus 1 im Druck erschien, war Braun Mitglied der Hofkapelle des Herzogs von Épernon. Spätere Veröffentlichungen benennen Adressen in Paris, bei denen sie „chez l'auteur“ bezogen werden können. Bis 1740 ließ er etliche seiner Werke drucken, so vier Bände mit Sonates pour la Flûte traversière, et Basse, zudem ein Band mit Triosonaten op. 3 sowie Différentes pièces pour flûte traversière sans basse op. 4. 
Da Brauns Opus 6 für zwei Fagotte komponiert wurde, wird zudem vermutet, dass er selbst beide Instrumente spielte. Darauf weist auch sein letzter Sonatenband, ohne Opuszahl erschienen 1740, hin, bei dem es sich wohl um ein Lehrwerk handelt. Es gibt zudem einen „Mr. Braun“, der seit 1728 an der Oper sowie der Académie Royale de Musique in Paris als Oboist wirkte, und der 1749 gestorben ist. Der Gedanke liegt nahe, dass dieser Musiker Jean Daniel Braun gewesen sein könnte – doch muss dies bis auf weiteres Spekulation bleiben. 
Greifbar aber sind die Werke von Jean Daniel Braun. Zur Vorbereitung dieser Aufnahme hat Marion Treupel-Franck in verschiedenen Archiven das überlieferte Notenmaterial gesichtet, um interessante Werke des Komponisten aufzuspüren. Das ist ihr tatsächlich geglückt, wie diese CD beweist. Der Zuhörer kann sich aber nicht nur an vortrefflicher Musik im galanten Stil erfreuen; auch die Einspielung lässt keine Wünsche offen. Auf historischen Instrumenten oder ihren Nachbauten musizieren mit der Flötistin renommierte Kollegen: Sergio Azzolini, Fagott, Axel Wolf, Gitarre und Laute, und Francesco Galligioni, Viola da gamba und Violoncello.