Dienstag, 19. Juni 2018

Salterio italiano (Christophorus)

Die italienische Variante des Hack- brettes erkundet Franziska Fleisch- anderl mit Leidenschaft – und diese CD beweist, dass die junge Musikerin das rare Instrument mittlerweile virtuos beherrscht. Einmal mehr zeigt sie mit ihrem Ensemble Il Dolce Conforto, dass das Salterio klanglich durchaus überraschende Stärken hat. 
Anhand von einer Vielzahl von Quellen hat Fleischanderl die Spieltechniken rekonstruiert, die für das Salterio einst verwendet worden sind. Noch im 18. Jahrhundert erfreute es sich besonders in der Adelsgesellschaft ganz enormer Beliebt- heit. Doch für das Zeitalter der Virtuosenmusik war es wahrscheinlich zu leise, und so geriet das Instrument bald aus der Mode. Heute ist das Salterio vollkommen aus dem Gebrauch. 
Die junge Musikerin hat daher sehr viel Zeit und Energie daran gesetzt, herauszufinden, wie es einst gespielt wurde. Im Beiheft kann man lesen, dass es Fleischanderl sogar gelungen ist, in einem Musikinstrumenten- museum originale Schlägel aufzuspüren, die sie dann nachbauen ließ. 
Für diese CD hat sie ein Programm zusammengestellt, das es gestattet, die erstaunlich umfangreiche Palette an Klangfarben, die das Salterio bietet, so recht zu genießen. Mit den Fingern oder den Fingernägeln pizzicato in unterschiedlicher Weise gezupft, mit verschiedenen Schlägeln battuto gespielt – es ist verblüffend, aber das Instrument klingt wirklich jedesmal anders. 
Wie schon bei der erfolgreichen CD Sacred Salterio mit der Sopranistin Miriam Feuersinger ist auch auf diesem Album eine erstklassige Sängerin zu hören. Beteiligt ist diesmal die italienische Mezzosopranistin Romina Basso, die mit einer hinreißenden tiefen Stimme und ihrer exzellenten Technik überzeugt. 

Ghosts - Chopin Preludes Op. 28 (Challenge)

Nino Gvetadze hat für Challenge Classics Werke von Frédéric Chopin (1810 bis 1849) eingespielt. Ausgewählt hat sie dafür neben den Préludes op. 28 die Étude in es-Moll op. 10 Nr. 6, drei Walzer sowie das Scherzo Nr. 2 in b-Moll op. 31. 
Die Préludes deutet sie als klingende autobiographische Zeugnisse: „Trough the medium of these works, he revealed his deepest fears and sorrows, but also the beauty and integrity of his heart“, schreibt die georgische Pianistin in einem Geleitwort, das im Beiheft nachzulesen ist. 
Ihr Programm sieht sie als eine „Geisterreise“; mich würde allerdings etwas weniger Poesie im geschriebenen Text und dafür mehr im Klavierspiel sehr erfreuen. Sobald der Notentext etwas dichter wird, vermisse ich bei dieser Einspielung Klarheit und Struktur. Insbesondere die linke Hand liefert für mein Empfinden zuviel Geisterschweben im Ungefähren. Schade! 

Donnerstag, 14. Juni 2018

Prokofiev: Childhood Manuscripts (Naxos)

Diese CD ermöglicht einen Blick in die Kinderstube eines großen Komponisten: Schon in jungen Jahren schuf Sergej Prokofjew (1891 bis 1953) etliche Werke, die er Pesenki nannte, kleine Lieder. Auch einen renommierten Lehrer hatte das begabte Kind. Als er neun Jahre alt war, hatten seine Eltern den kleinen Serjosha bei einem Besuch in Moskau Sergej Tanejew vorgestellt. Der Komponist empfahl ihnen, einen Musiklehrer für den Knaben anzustellen – und so engagierten die Prokofjews Reinhold Glière, der im Sommer 1902 die musikalische Ausbildung des talentierten Jungen übernahm. Dieser lernte fleißig. 1904, da war er gerade einmal 13 Jahre alt, wurde Sergej Student am Konservatorium in St. Petersburg. 1908 trat der junge Musiker erstmals öffentlich auf. 1914 schloss er das Studium ab, nachdem er sein erstes Klavierkonzert vorgestellt hatte. 
Alexandre Dossin hat eine Auswahl kleiner Klavierstücke zusammen- gestellt, die es dem Hörer ermöglicht, die Entwicklung des Musikers in seinen frühen Jahren zu beobachten. Man kann die Fortschritte verfolgen, die der kleine Serjosha auf dem Klavier macht, und den Zuwachs an musikalischer Phantasie und kompositorischer Kompetenz. 
Die Old Grandmother's Tales op. 31 schrieb Prokofjew 1918 in New York, heftig vom Heimweh befallen, was man auch hört. Auch die Sechs Stücke op. 52, aus dem Jahre 1931 beruhen auf früheren Kompositionen, wie dem Ballett Der verlorene Sohn, und runden so den Eindruck ab, den Dossin vom Frühwerk des Komponisten vermittelt. Der Pianist, der aus Brasilien stammt und am Moskauer Konservatorium studiert hat, überzeugt durch seine außerordentlich differenzierte Gestaltung der sehr unterschiedlichen Werke. 

Mittwoch, 13. Juni 2018

Bach Tripl3s (Raumklang)

Vor langer, langer Zeit, da galt die Musik als eine Wissenschaft. Sie gehörte, ergänzend zum Trivium – Grammatik, Dialektik und Rhetorik – zum Lehrstoff im Studium an der sogenannten Artistenfakultät. Dort wurde nicht etwa Zirkuskunst unterrichtet, sondern die septem artes liberales, die sieben freien Künste – was die Grundlage schuf für ein weiterführendes Studium an einer der drei „höheren“ Fakultäten, in den Bereichen Theologie, Jurisprudenz oder Medizin. 
Das sprachlich orientierte Trivium endete mit dem Abschluss als Bakkalaureus; darauf folgte das mathema- tisch ausgerichtete Quadrivium, das zum Magister führte. Dies war zugleich die Voraussetzung für den Einstieg in den Beruf des Lehrers. Zum Quadrivium gehörten – gelehrt wurde übrigens europaweit ausschließlich in lateinischer Sprache – Arithmetik, Geometrie, was auch Geographie und Naturgeschichte mit einschloss, also die Vorläufer unserer heutigen Natur- wissenschaften, sowie Musik und Astronomie/Astrologie. 
Musik galt also als mathematische Kunst; und so wird es nicht verblüffen, dass Komponisten bis zur Barockzeit ganz selbstverständlich nicht nur in Regeln, sondern auch in Zahlen dachten. Das Verständnis dafür freilich ging in späteren Jahrhunderten verloren; Musikforscher bemühen sich heute darum, dieses Wissen wieder zu erschließen. 
Johann Sebastian Bach gehörte zu den letzten jener Komponisten, die in ihren Werken auf eine Zahlensymbolik setzten, die für uns heute oftmals im Verborgenen liegt. Einiges ist aber auch offensichtlich: Für Bach verwies beispielsweise die Zahl 3 ganz sicher auf die Dreieinigkeit von Vater, Sohn und heiligem Geist. Eine beliebte barocke Form war die Triosonate; Bach komponierte aber gern auch für drei Solostimmen und Basso continuo. 
Beispiele dafür hat das Barockensemble Harmony of Nations auf dieser CD zusammengetragen. So ist das Konzert für Cembalo, zwei Blockflöten, zwei Violinen, Viola und Basso continuo BWV 1057 eine interessante Bearbei- tung des vierten Brandenburgischen Konzertes BWV 1049, bei der Bach den ursprünglichen Violinpart, im Mittelsatz auch alle drei Solostimmen, dem Cembalo zugewiesen hat. 
Die Concerti für drei Cembali BWV 1063 und 1064 hingegen erklingen auf dieser CD in der Version für drei Violinen. Bei dem dritten Brandenburgi- schen Konzert, das ebenfalls auf dem Programm steht, wird die Idee dreier Soloinstrumente auf die Spitze getrieben, denn jede der drei Streicher- gruppen – Violinen, Violen und Violoncelli – wird in drei eigenständigen Stimmen eingesetzt. 
Die Geiger teilen sich übrigens in die Soli. Harmony of the Nations musiziert schwungvoll, aber zugleich fein ziseliert und ausgewogen, mit durchweg exzellenter Technik und Gespür für musikalische Strukturen. Mein ganz persönliches Lieblingsstück auf dieser CD ist die Ouvertüre BWV 1069, in der Frühfassung ohne Pauken und Trompeten, die ganz am Anfang zu hören ist. So betont französisch wird diese Orchestersuite selten gespielt. Sehr geschmackvoll und erlesen! 

Sonntag, 10. Juni 2018

Molters Miniatur-Opern (Hänssler Profil)

Die Hof-Capelle Carlsruhe hat sich zusammengefunden, um die Musik des dortigen Hofes in verschiedenen Besetzungen und mit historischen Instrumenten wieder zur Aufführung zu bringen. Diese Werke sind oftmals nur als Manuskripte überliefert. Insbesondere in der Badischen Landesbibliothek befinden sich reiche Bestände an Kompositionen, die seit ihrer Entstehungszeit nicht mehr erklungen sind. 
Die vorliegende CD bietet Musik aus dem 18. Jahrhundert. Als Hofkapell- meister in Karlsruhe wirkten damals Johann Melchior Molter (1696 bis 1765) und, nach dessen Tod, Giacinto Schiatti († 1777). Er stammte aus Ferrara und war unter Molter zunächst Konzertmeister in Karlsruhe. Nachfolger Schiattis wurde 1778 Joseph Alois Schmittbaur (1718 bis 1809). 
Sie alle sind mit Werken vertreten. Ergänzt wird das Programm durch Kompositionen von Sebastian Bodinus (1700 bis 1759) und Friedrich Schwindl (1737 bis 1786), beide ebenfalls Konzertmeister am markgräf- lichen Hof. Stilistisch reicht die Bandbreite von spätbarock-empfindsamen Klängen bis hin zu Schmittbaurs exquisit kraftvoller Symphonia G-Dur für Streicher, die schon sehr nach Klassik klingt. Auch Schwindls Quartett D-Dur für zwei Violinen, Viola und Basso continuo erweist sich als echte Entdeckung. Etliche Werke auf dieser CD sind in Weltersteinspielung zu hören. 
Molter weilte zweimal in Italien – was man insbesondere seiner Violinsonate auch deutlich anhört. Er ist auf dieser CD zudem mit drei Cantaten für Sopran und Streicher vertreten, beinahe schon kleine Kammeropern, bestehend aus zwei Arien, die ein Rezitativ einrahmen. Sie werden auf dieser CD gesungen von Julia Mende. Die Texte, in denen es stets um mehr oder minder glückliche Liebe geht, sind durchaus kunstvoll und anspruchsvoll vertont. 
Auch wenn die Karlsruher Hofkapelle, so berichtet das Beiheft, einst bis zu 40 Musiker umfasste, wurde die Kammermusik bei Hofe offenbar besonders geschätzt. Teure Stars aus dem Ausland haben die Markgrafen von Baden-Durlach hingegen nur selten engagiert; so haben sie auch auf Kastraten verzichtet. Auch bei dieser Aufnahme ist das Ensemble mit fünf Streichern und Cembalo nicht allzu üppig besetzt. Man staunt, über wieviel Durchsetzungsvermögen diese kleine Besetzung trotzdem verfügt. Und man freut sich über die Sorgfalt, mit der die Hof-Capelle Carlsruhe ein Repertoire präsentiert, dass bislang garantiert nur Insider kannten. Sehr hörenswert! 

Freitag, 8. Juni 2018

Baroque Twitter (Deutsche Harmonia Mundi)

Nein, es geht ausnahmsweise einmal nicht um Mobiltelefone und Kurz- nachrichten. Die Imitation von Vogelgesängen gehört vielmehr zu den beliebten Sujets der Barockzeit. Dass es aber derart viele barocke Arien und Konzerte gibt, die vom Gezwitscher geprägt sind, das ist wirklich erstaunlich. 
In diesem Blog haben wir bereits mehrfach Alben vorgestellt, die sich den kunstvoll imitierten Vogel- gesängen widmen. Nuria Rial und Maurice Steger haben nun gemeinsam mit dem Kammer- orchester Basel eine CD eingespielt, die zu weiteren Entdeckungen einlädt. Die spanische Sängerin und der Flötenvirtuose begeistern mit einem sorgsam zusammengestellten Programm, das neben einigen bekannten Werken auch etliche Kostbarkeiten enthält, die bislang in Archiven geschlummert haben. 
So erklingen neben Arien von Andrea Stefano Fiorè, Leonardo Vinci, Francesco Gasparini, Pietro Torri, Tomaso Albinoni, Johann Adolf Hasse, Antonio Vivaldi und Alessandro Scarlatti – teils mit, teils ohne Flötenpart – auch Sonaten und Konzerte von Francesco Mancini, Charles Dieupart und Antonio Vivaldi. 
Der schlanke, bewegliche Sopran von Nuria Rial harmoniert dabei aufs Beste mit dem Klang von Stegers Blockflöten. Und das Kammerorchester Basel, geleitet von seinem Konzertmeister Stefano Barneschi, ist den beiden Solisten ein kongenialer Partner. Hinreißend! 

Donnerstag, 7. Juni 2018

Caldara: Missa dolorosa - Crucifixus - Motets (Brilliant Classics)

Das zentrale Werk auf dieser CD ist die Missa Dolorosa von Antonio Caldara (1670 bis 1736). Der Komponist, aufgewachsen in Venedig, wirkte als Kapellmeister unter anderem in Mantua und Rom. Die letzten 20 Jahre seines Lebens verbrachte er in Wien, wo er als Vizekapellmeister am Hofe des Kaisers Karl VI. tätig war, und Ruhm und Wohlstand erwarb. Für die Hofkapelle komponierte Caldara eine enorme Anzahl von Werken, die in den letzten Jahren zunehmend wieder erschlossen werden. 
So darf der neugierige Hörer immer wieder Kompositionen neu entdecken, die bislang auf CD noch nicht verfügbar waren. Das gilt auch für die vorliegenden Aufnahmen – obwohl Brilliant Classics dies nicht explizit mitteilt. Aufgezeichnet wurden sie über einen verblüffend langen Zeitraum – vom Jahre 2000 bis 2015. Dennoch muss man sagen, dass der Anspruch, mit dem die Vokalisten und Instrumentalisten von La Silva unter der Leitung von Nanneke Schaap sich mit Caldaras Werken beschäftigen, durch die Interpretationen letztendlich nicht in befriedigender Weise eingelöst wird. 
Diese Werke darf man nicht unterschätzen. Die prunkvolle Missa Dolorosa, 1735 uraufgeführt, das sechzehnstimmige (!) Crucifixus oder aber die eher intimen Motetten sind für die kaiserliche Hofkapelle entstanden. Dort müssen insbesondere auch exquisite Sänger verfügbar gewesen sein – eine Ressource, mit der das niederländisch-italienische Ensemble nur sehr begrenzt aufwarten kann. Schade! 

Knüpfer: Geistliche Konzerte (Christophorus)

Sebastian Knüpfer (1633 bis 1676), der Nachfolger von Johann Rosenmüller im Amt des Thomaskantors, stammte aus Böhmen. Als Sohn eines Kantors und Organisten kam er in Asch zur Welt, und wurde 1646 ans Gymnasium nach Regensburg gesandt, um dort seine Ausbildung fortzusetzen. 
Als Schüler erlebte Knüpfer den Reichstag 1653/54 in Regensburg, der mit zwei Krönungen und einer unglaublichen Prachtentfaltung verbunden war. Mit dem kaiserlichen Hofstaat reisten auch die Musiker der Wiener Hofkapelle an. 
Sowohl der Adel als auch das vermögende Bürgertum ließ singen und aufspielen, was in der Musikwelt Rang und Namen hatte. Dieses Erlebnis hat Knüpfer ganz sicher geprägt. Und ein wenig von dieser Klangpracht brachte er auch mit nach Leipzig, wo er dann drei Jahre studierte; seinen Lebensunterhalt verdiente er derweil als Sänger an der Thomaskirche und indem er Musikschüler unterrichte. 
Damit muss er sich einen erstklassigen Ruf erarbeitet haben. Denn nach dem Tode des Thomaskantors Tobias Michel und nach der Flucht Rosenmüllers – der eines unmoralischen Lebenswandels bezichtigt wurde – wählte der Stadtrat im Jahre 1657 Knüpfer zum Thomaskantor, obwohl es durchaus renommierte Bewerber um dieses Amt gab. 
Der bekannteste Schüler des Musikers war übrigens Friedrich Wilhelm Zachow. Dieser wurde Organist an der Marktkirche in Halle/Saale, und Händels Lehrer. 
Die Werke Knüpfers, obwohl bedeutend, sind heute kaum noch zu hören. Arno Paduch zeigt mit seinem Johann Rosenmüller Ensemble, dass dies durchaus ein Verlust ist. Er hat für diese CD acht geistliche Konzerte des Komponisten ausgewählt, die fast durchweg in Ersteinspielung erklingen – makellos vorgetragen von exzellenten Sängern und brillanten Instrumen- talisten. Es sind Werke, die noch heute beeindrucken. 
So schuf Knüpfer in Herr, hilf uns, wir verderben mit den Mitteln der Musik eine dramatische Sturmszene, die die Zwischenrufe der verzweifelten Jünger ungemein glaubhaft wirken lässt. Andere Werke bieten eine geradezu venezianische Klangpracht auf, obwohl die Sängerbesetzung vergleichsweise knapp gehalten ist. Mit Hilfe von einigen wenigen Streichern, Bläsern und Continuo-Gruppe erreicht Knüpfer, der selbst nie in Italien war, ganz erstaunliche Effekte. Erstaunlich ist aber auch, auf welchem Niveau schon zu Knüpfers Zeiten in Leipzig musiziert wurde.