Sonntag, 28. Juli 2019

Albrecht Mayer - Longing for Paradise (Deutsche Grammophon)

Der Traum von einer harmonischen Welt kennzeichnet alle Werke, die Albrecht Mayer für seine jüngste Einspielung ausgesucht hat: „Wie reagiert man als emotionaler, fühlend-romantischer Komponist, wenn man mit der Kriegssituation und einer zerstörten Heimat konfrontiert wird?“, fragt sich der Oboist. „Dieser Gedanke und die damit verbundene Sehnsucht nach Schönheit vereint alle Stücke auf diesem Album.
Die Musik, die Mayer auf dieser CD zusammengetragen hat, ist alles andere als leichtgewichtig. So schrieb Richard Strauss (1864 bis 1949) kurz nach Ende des Zweiten Weltkriegs sein einziges Oboenkonzert, „ein Stück voller Schönheiten, vielleicht eine Ahnung vom Paradies“, begeistert sich Mayer. Der Komponist selbst nannte das Werk eine „Werkstattarbeit“, geschrieben, „damit das vom Taktstock befreite rechte Handgelenk nicht vorzeitig einschläft“
Die Nachkriegssituation spiegelt das Konzert für Oboe und kleines Orchester eher indirekt: „Das ist eines der wenigen Stücke von Strauss, bei denen ich nirgends den Ansatz einer Doppelbödigkeit erkennen kann“, meint Mayer. „Vielmehr verlangt dieses Stück ein Höchstmaß an Mühelosigkeit, womöglich schwebte Strauss selbst beim Komponieren so etwas wie die reine Fülle des Wohllauts vor.“ 
Albrecht Mayer spielt dieses Konzert, das von Anfang bis Ende höchste Anforderungen an den Solisten stellt, mit einem wunderschönen, runden Ton, herrlicher Kantilene und geradezu magischer Schwerelosigkeit. Er lässt den Hörer zu keinem Zeitpunkt daran denken, dass es sich dabei um eines der anspruchsvollsten Werke der gesamten Oboen-Literatur handelt. 
In den Bamberger Symphonikern unter Jakub Hrůša steht dem Oboisten dabei ein erstklassiges Orchester als Musizierpartner zur Seite. Man kennt sich, und man schätzt sich: Mayer begann dort seinerzeit 1990 als Solo-Oboist seine Karriere. 
An den Anfang seines Programmes, vor das Strauss-Konzert, stellte Mayer Edward Elgars (1857 bis 1934) Soliloquy. Dabei handelt es sich um eine Elegie, die lange Fragment geblieben ist. Erst 1967 erklang sie in einer vervollständigten Fassung von Gordon Jacob erstmals öffentlich – gespielt von Léon Goossens. 
Für diesen Oboenvirtuosen schrieb sein Bruder Eugène Goossens (1893 bis 1962) ein ebenfalls höchst anspruchsvolles Konzert, das Mayer am Schluss seiner CD platzierte. „Man stelle sich vor, Strawinksy hätte ein Konzert für Oboe geschrieben, mit einer Prise britischen Humors gewürzt und um einige regionale Klangzutaten ergänzt“, so beschreibt der Oboist diese Musik. 
Mein ganz persönlicher Favorit aber, neben dem Strauss-Konzert, ist die Neubearbeitung von Maurice Ravels (1875 bis 1937) Le Tombeau de Couperin für Oboe und Orchester. Das Arrangement stammt von Joachim Schmeißer, und es ist unglaublich gut. Ravel nutzte die Tradition, verstorbenen Musikern ein Tombeau, eine Trauermusik, zu schreiben. Doch in dem Stück geht es nur vordergründig um Couperin und die Musik des 18. Jahrhunderts. Denn Ravel schrieb es nach seiner Entlassung aus dem Kriegsdienst; und jeder Satz ist einem gefallenen Kameraden gewidmet. 

Samstag, 27. Juli 2019

Toccata - Elisa Netzer (Naxos)

Harfe und Toccata? Sachen gibt es! Das ist eigentlich ein genuin barockes Genre, eine auskomponierte Improvisation; gespielt wurden Toccaten ursprünglich auf der Laute oder mit Tasteninstrumenten. In der Romantik sowie in der Orgelmusik des 20. Jahrhunderts interpretierten dann Komponisten die alte Form neu. 
Doch die allermeisten dieser Werke wurden für Cembalo, Orgel oder Klavier geschrieben. Elisa Netzer zeigt auf dieser CD, dass man dieses anspruchsvolle Repertoire durchaus auch auf der Harfe spielen kann. Auf ihrem Debütalbum bei Naxos geht die Schweizerin auf Entdeckungsreise quer durch die Musikgeschichte – von Alessandro Scarlatti bis hin zu Stephan Hodel, der sein faszinierendes Toccare für Harfe solo eigens für Elisa Netzer geschrieben hat. 
Die Musikauswahl der Harfenistin ist ausgesprochen originell; das Album bietet neben Klassikern, die für Harfe bearbeitet wurden, wie zwei Stücken aus Aram Chatschaturjans Kinderalbum oder Toccata y Fuga op. 50 von Joaquín Turina, auch tatsächlich Harfenmusik wie eine Toccata des israelischen Komponisten Ami Maayani oder Werke von Nino Rota, der Sarabande e Toccata 1945 ebenfalls originär für Harfe komponierte. 
So ermöglicht diese CD gar manche Entdeckung – die größte Entdeckung allerdings ist die Solistin selbst. Denn Elisa Netzer erweist sich als eine Harfenvirtuosin allererster Klasse. Von der jungen Musikerin, die ihr Debüt 2017 beim renommierten Lucerne Festival gab und seitdem weltweit auftritt, wird man hoffentlich noch viel hören! 

Mittwoch, 24. Juli 2019

Vanhal: Missa solemnis - Stabat Mater (Orfeo)

Schön wie eine römische Statue sind die Werke Johann Baptist Wanhals (1739 bis 1813), die hier auf zwei CD anzuhören sind. Der Komponist kam in Böhmen als Sohn eines Bauern zur Welt; seine musikalische Begabung wurde aber früh entdeckt und durch die Gräfin Schaffgotsch gefördert. So kam Wanhal 1760/61 nach Wien, wo möglicherweise Carl Ditters von Dittersdorf sein Lehrer wurde. 
Als Musiklehrer war Wanhal bald sehr erfolgreich, so dass er sich aus der Leibeigenschaft freikaufen konnte. Und als im Jahr 1769 Baron Riesch aus Dresden nach Wien kam, weil er einen Kapellmeister suchte, war er von den Fähigkeiten des jungen Musikers so beeindruckt, dass er diesem einen Studienaufenthalt in Italien finanzierte. 
Allerdings scheint Wanhal nach seiner Rückkehr eine Zeitlang geistig nicht ganz auf der Höhe gewesen zu sein. Es wird berichtet, der Komponist habe weltliche Werke verbrannt und sich der geistlichen Musik zugewandt. In dieser Situation unterstützte ihn über einige Jahre Graf Ladislaus Erdödy, der ihn in seinen Haushalt aufnahm und es dem Musiker ermöglichte, wieder zu sich zu finden. 
In Wien etablierte sich Wanhal dann rasch wieder als ein gesuchter Komponist, und vor allem als überaus erfolgreicher Musikpädagoge. Sein wohl bekanntester Schüler war Ignaz Pleyel. Und sein Freundeskreis scheint ebenfalls beträchtlich gewesen zu sein – mit Haydn, Mozart und Dittersdorf jedenfalls musizierte er gemeinsam in dem wohl erlesensten Streichquartett der Musikgeschichte. 
Wanhal komponierte zahlreiche Sinfonien und Konzerte sowie große Mengen geistlicher Musik. Und weil er in den späteren Jahren als freischaffender Musiker lebte, ohne Anstellung oder einen vermögenden Gönner, konzentrierte er sich dann offenbar auf Kammer- und Klaviermusik – Werke, die Musikverleger gerne druckten, weil es dafür ein breites Interesse gab. 
Für diese Doppel-CD ausgewählt wurden die Missa Solemnis Es-Dur, ein opulentes Werk mit höchst anspruchsvollen Arien, sowie das Stabat Mater f-Moll, mit dem üblichen Wechsel zwischen Chor und Gesangssolisten. Auch bei dieser Komposition zeigt sich Wanhals überragende Fähigkeit, Melodien zu erfinden. 
Komplettiert wird die Aufnahme durch eine Sinfonie D-Dur, die nicht nur mit ihrem abschließenden Menuetto schon an Beethoven denken lässt. Als Sinfoniker scheint sich Wanhal nicht zuletzt durch Experimentierfreude auszuzeichnen. Neugierig jedenfalls macht die Einspielung, die bereits in den 90er Jahren entstanden ist – und der Prager Kammerchor sowie die Virtuosi di Praga bzw. das Prager Kammerorchester sowie erstklassige Solisten unter Leitung von Václav Neumann machen die beiden CD ebenfalls zu einem Hörvergnügen. Bravi! 

Freitag, 19. Juli 2019

Musorgskij: Bilder einer Ausstellung (Oehms)

Und gleich noch ein russisches Programm: Das Gürzenich-Orchester Köln hat mit seinem Ehrendirigenten Dmitri Kitajenko Modest Mussorgskis Bilder einer Ausstellung eingespielt. Der vertonte Rundgang durch eine virtuelle Galerie, mit dem der Komponist an die Bilder und an die Persönlichkeit seines Freundes Viktor Hartmann (1834 bis 1873) erinnert, gehört zu den bekanntesten Werken überhaupt. Er erklingt hier in der Orchestrierung durch Maurice Ravel; die Einspielung überrascht durch einen Farbenreichtum, wie er selten zu erleben ist. Und mit Klangfarben geht es in dem Programm dann gleich weiter. 
Einem Bilderbogen ähnelt auch Die Legende von der unsichtbaren Stadt Kitesch, eine Suite, die Maximilian Steinberg auf der Grundlage der gleichnamigen Oper seines Lehrers und Schwiegervaters Nikolai Rimski-Korsakow eingerichtet hat. Die Musik erzählt die Geschichte der Einsiedlerin Fewronia, die sich in den Prinzen Wselowod verliebt, der sich als Jäger in ihren Wald verirrt hat. Das Glück des jungen Paares aber wird durch die Tataren zerstört. 
In Pastellfarben hingegen erleben wir das letzte Orchesterbild, Der verzauberte See von Anatoli Ljadow. Flöten, Harfe und Celesta illustrieren sein geheimnisvolles Wellenspiel, das sanfte Plätschern und Glitzern der Wogen, aber auch die gefährliche Tiefe. Vom ersten bis zum letzten Ton spürt man, wie eng das Gürzenich-Orchester und Kitajenko einander verbunden sind. Den Musikern gelingt es unter seiner Leitung, das jeweilige Farbenspiel und die Stimmungen der sehr unterschiedlichen Stücke höchst differenziert hörbar werden zu lassen. Großartig! 

Donnerstag, 18. Juli 2019

Russisch Grün (Gramola)

Haben Sie schon einmal Musik von Efim Jourist gehört? Diesen Namen sollten sich insbesondere Tango-Fans merken. Die österreichischen Salonisten um den Violinisten Peter Gillmayr haben auf einer CD russische Tänze zusammengestellt. Und für diesen Komponisten formierten sie eigens ein weiteres Ensemble – Tango de Salón, mit Peter Gillmayr, Violine, Andrej Serkow, Bajan, Guntram Zauner, Gitarre, und Roland Wiesinger, Kontrabass. 
Erstaunt nimmt man zur Kenntnis, dass der ukrainische Bajan-Virtuose, geboren 1947 in Kamjanez-Podilskyj, erstklassige russische Konzert-Tangos geschaffen hat. Mit seinem Knopfakkordeon und dem Efim Jourist Quartett hat er diese ausdrucksstarken Stücke auch in Deutschland gespielt; dort lebte er seit 1992 mit seiner Familie, und er starb in Hamburg, viel zu früh, an seinem 60. Geburtstag. Seine Werke sind übrigens im Musikverlag Sikorski erschienen, und seine Aufnahmen bekommt man hier
Ich jedenfalls finde seine Musik, die ganz selbstverständlich westliche und russische Traditionen verbindet, ausgesprochen hörenswert. Herzlichen Dank an die Musiker um Gillmayr – das war für mich eine Entdeckung! 
Ansonsten haben die österreichischen Salonisten in ihrem Programm unter dem Titel Russisch Grün so manchen Ohrwurm eingespielt; die charmanten Arrangements dafür schrieben Gerrit Wunder und Uwe Rössler. Gekonnt mischen sie volkstümliche und sogenannte „ernste“ Musik. Musiziert wird mit Temperament, und mitunter auch mit einem Augenzwinkern. 
Bekannte Melodien wie der Walzer Nr. 2 aus der Suite für Varieté-Orchester von Dmitri Schostakowitsch oder Sätze aus dem Ballett Romeo und Julia von Sergej Prokofieff stehen neben russischen Tänzen von Komponisten wie Alexej Kozlov oder Anatoli Novikov, und traditionellen Klängen wie Schwarze Augen oder Moskauer Nächte. Und natürlich darf auch der Tanz der Zuckerfee aus dem Nussknacker von Pjotr Iljitsch Tschaikowski nicht fehlen. 

Dienstag, 9. Juli 2019

Raphaela Gromes - Offenbach (Sony)

In diesem Jahr feiert die Musikwelt den 200. Geburtstag des Komponisten Jaques Offenbach (1819 bis 1880). Über den Lebensweg des Jubilars, der in Köln als Jakob Offenbach zur Welt kam, wurde in diesem Blog bereits an anderer Stelle berichtet. Bevor der Musiker für die Bühne komponierte, hatte er selbst bereits eine ziemlich erfolgreiche Karriere als Cellist: „Er ist groß, mager und außerordenlich bleich“, so schrieb die Pariser Zeitschrift L'Artiste im Jahre 1843 über Offenbach. „Wenn sein Bogen die Saiten vibrieren lässt, dann scheint sich zwischen dem Künstler und seinem Instrument eine jener geheimnisvollen Beziehungen anzubahnen, von denen Hoffmann so wundervoll erzählt hat. Mit seinen langen Haaren, seinem schmalen Wuchs und seiner geistvollen Stirn könnte man ihn für eine Gestalt aus den phantastischen Erzählungen Hoffmanns halten. Mit einem Wort, er wird der Liszt des Violoncellos sein, oder vielmehr, er ist es schon.“ 
Und so ist es überaus erfreulich, dass Raphaela Gromes nun zum Jubiläum ein Album vorlegt, das uns Jacques Offenbach als Cellisten zeigt. Denn wenn man diese exquisite Musik hört, dann fragt man sich, warum diese Kompositionen nicht sehr viel bekannter sind. Kaum zu glauben – doch die letzte größere Einspielung mit Stücken des Komponisten für Cello und Klavier erschien vor sagenhaften 40 Jahren! 
Seitdem sind einige Manuskripte wiederentdeckt worden, so dass Raphaela Gromes mit ihrem langjährigen Klavierpartner Julian Riem auf dieser CD eine virtuose, von Offenbach noch in Köln komponierte Tarantelle in Weltersteinspielung präsentieren kann. 
Zu den ausgewählten Werken des Komponisten für Cello und Klavier gehören zudem Danse bohémienne, Deux Âmes au ciel, Introduction et valse mélancolique, Rêverie au bord de la mer, La Course en traîneau sowie die Elegie Les Larmes de Jacqueline. Offenbachs Musik beeindruckt mit Esprit, melodischer Schönheit und Raffinesse. Sie klingt, für mein Empfinden, eher nach Rossini als nach Liszt. 
An den Solisten stellen diese teilweise enorm anspruchsvollen Stücke hohe Anforderungen. Raphaela Gromes musiziert mit schönem Ton, mit Ausdruck und Spielfreude, dass es eine Freude ist. Und gemeinsam mit ihrem langjährigen Mentor, dem Münchner Cello-Professor Wen-Sinn Yang, spielt die junge Cellistin auch eines von Offenbachs 36 Violoncello-Duos: Op. 54, Nr. 3 in E-Dur, ein ziemlich kapriziöses Stück – brillant und sehr reizvoll. Wer es weniger ausgefallen mag, der wird sich freuen, wenn ganz am Schluss Offenbachs wohl berühmteste Melodie erklingt, die Barcarolle aus der Oper Hoffmanns Erzählungen, in einem neuen Arrangement für zwei Violoncelli und Klavier von Julian Riem. Hinreißend! Bravi! 

Sonntag, 7. Juli 2019

L'Histoire de la romance russe (Hänssler Profil)

Ein durch und durch russisches Genre ist die Romanze. Dabei handelt es sich um ein Kunstlied, das oftmals, aber nicht zwingend, die romantische Liebe besingt. Die ersten Romanzen imitierten westeuropäische Vorbilder, und sie haben auch einen Text in italienischer oder französischer Sprache. Doch bald wurde die Romanze zum Liebling der russischen Salons – und auf dieser CD stellt das Dashkova Ensemble eine kleine Auswahl aus der Fülle dieses sehr speziellen Repertoires vor. 
Zu hören sind Werke aus dem 18. und 19. Jahrhundert – beispielsweise von den „drei Alexandern“, Alexander Alexandrowitsch Aljabjew (1789 bis 1851), Alexander Jegorowitsch Warlamow (1801 bis 1848) und Alexander Lwowitsch Guriljow (1803 bis 1858), berühmten russischen Liedkomponisten. Die Texte und Melodien sind oft volksliedhaft gehalten; und viele dieser Lieder wurden so populär, dass man sie auch beinahe für ein Volkslied hält. Ein gutes Beispiel dafür ist Warlamows Der rote Sarafan. Bekannt ist auch Die Nachtigall, eine Romanze Aljabjews, die viele Komponisten sehr schätzten. Tschaikowski liebte diese Melodie, und Kollegen wie Glinka oder Liszt schrieben Variationen darüber. 
Die meisten Romanzen wurden für Gesang und Klavier geschrieben. Das Tasteninstrument imitiert mit seinen Figuren dabei häufig eine Gitarre – und so begleitet Oleg Timofejew die Stücke auf dieser CD auch auf der siebensaitigen russischen Gitarre. Der Musiker hat zudem einige Werke herausgesucht, die dieses Traditionsinstrument und sein Repertoire exemplarisch vorstellen. 
Gesungen werden die Romanzen von der deutschen Mezzosopranistin Anna Bineta Diouf, die der russischen Sprache und Kultur leidenschaftlich verbunden ist. Man darf gespannt sein, welche musikalischen Schätze das Duo bei seinen kommenden Aufnahmen präsentieren wird. 

Samstag, 6. Juli 2019

Mozart: Piano Quartets K. 493 & K. 478 (Challenge)

Gleich drei Mitglieder der Familie Kuijken musizieren im gleichnamigen Quartett: Veronika Kuijken ist am Klavier zu hören, ihr Vater Sigiswald Kuijken spielt Violine und ihre Schwester Sara Kuijken Viola. Michel Boulanger übernahm den Violoncello-Part; lange Jahre saß hier Wieland Kuijken am Pult, doch der Bruder und Onkel musste nun altersbedingt passen. 
Subtil, perfekt aufeinander abgestimmt und mit wunderbarer Kantilene interpretiert das Kuijken-Quartett die Klavierquartette KV 493 und 478 von Wolfgang Amadeus Mozart. „Die beiden Klavierquartette, entstanden 1785 und 1786, sind allumfassend; sie verbinden den Reiz eines Miniatur-Klavierkonzertes einerseits und das Geheimnis und die Intimität der himmlischsten Kammermusik andererseits. Mozart schuf diese Gattung praktisch neu“, schreibt Veronika Kuijken im Beiheft der CD. „Seine Behandlung dieser vier Instrumente als gleichwertige Partner hatte es in der Tat zu seiner Zeit so noch nicht gegeben. Die Stille, (..) die ich im langsamen Satz des zweiten Klavierquartetts erfahre, ist wie Balsam, während mich die intensive Ausdruckskraft der beiden ersten Sätze sprachlos macht.“ Auch der Zuhörer erfreut sich an dem sensiblen Spiel der vier Musiker – das Album bietet Mozart so recht zum Genießen. 

Sonntag, 30. Juni 2019

Brahms: Ein deutsches Requiem (Capriccio)

Wiederentdeckung einer älteren Aufnahme, die ich persönlich hoch schätze: Capriccio hat eine Interpretation von Brahms Ein deutsches Requiem wieder veröffentlicht, die Herbert Kegel 1985 mit dem damaligen Rundfunkchor und Rundfunk-Sinfonieorchester Leipzig eingespielt hat. Solisten waren Mari Anne Häggander und Siegfried Lorenz. 
Es ist dies eine kantige, schwermütige, mitunter auch schroffe Interpretation; zu Brahms' Werk aber passt diese Lesart in ihrer Konsequenz ausgezeichnet. Die beiden Leipziger Ensembles haben unter der Leitung ihres langjährigen Chefdirigenten eine grandiose Einspielung erarbeitet, die wohl für alle Zeit Maßstäbe setzt. Für den Kapellmeister freilich, der hier im Zenit seines Schaffens zu erleben ist, war es eine bittere Zeit: 1985 wurde Herbert Kegel in Dresden, gegen seinen Willen und seine Ambitionen, in Rente geschickt. Fünf Jahre später schied er aus dem Leben. 

Prologue (Pentatone)

Ein ganz besonderes Konzept hat sich Francesca Aspromonte für ihr Debütalbum bei dem Label Pentatone überlegt: Die junge italienische Sopranistin konzentriert sich auf Prologe, die einst, in der frühen Barockoper, wie ein Vorwort der eigentlichen Handlung vorangestellt waren. 
In diesen Eröffnungszenen betritt eine allegorische Figur die Bühne und bereitet das Publikum auf das kommende musikalische Drama vor. Mitunter verweist sie auch auf den Anlass, dem das Werk gewidmet ist – beispielsweise eine Hochzeit, die Geburt eines Thronfolgers oder der Geburtstag eines Fürsten. Und natürlich berichtet sie über sich selbst, sie singt von Gott und der Welt, und verblüffend oft auch über die Szenerie und über das Wetter. 
„Auf dieser CD beginnt eine Oper niemals richtig, denn mit jedem neuen Track stellen wir eine neue Begrüßung und einen neuen Anfang vor“, schreibt Francesca Aspromonte im Beiheft, das übrigens mit viel Sorgfalt zusammengestellt ist. „Doch dann steigen diese allegorischen Figuren von ihrem Sockel hinab, verlassen die Bühne, reichen ihre Hand dem Hörer, der auf dem Sofa liegt, und flüstern ihm ins Ohr, woher sie kommen ... welche Farbe das Haar der Königin hat … wie schön und sternenklar der Himmel der Mitsommernacht ist … in Venedig.“ 
In Claudio Monteverdis L'Orfeo, einer der ersten Opern überhaupt, betritt zum Prolog La Musica höchstpersönlich die Bühne. Auch Amor, Venus, die Harmonie, die Stadt Rom oder La Gloria Austriaca, der Ruhm Österreichs, gehören zum ziemlich bunten Reigen jener Figuren, die Textdichter und Komponisten einst aufboten, um das Publikum auf ihre Oper einzustimmen. 
Gemeinsam mit Enrico Onofri, dem Leiter des Ensembles Il pomo d’oro, hat Francesca Aspromonte für dieses Album Prologe von Claudio Monteverdi, Giulio Caccini, Francesco Cavalli, Stefano Landi, Luigi Rossi, Pietro Antonio Cesti, Alessandro Stradella und Alessandro Scarlatti ausgewählt. Mit ihren Prologen haben diese Komponisten Miniaturen geschaffen, auf die die Musiker nun zu Recht verweisen. Denn sie sind eine Welt für sich, deren Entdeckung sich lohnt – kleine Opern vor der Oper, und oftmals auch Opern über Oper. Sehr beachtlich, und von Francesca Aspromonte gemeinsam mit Il pomo d’oro auch sehr ansprechend präsentiert. Musikgeschichte kann so unterhaltsam sein! 

Mozart: Horn Concertos 1 - 4 (Berlin Classics)

Und noch einmal Mozarts Hornkonzerte: Er könne sich noch gut an seine erste Begegnung mit diesen Werken erinnern, sagt Felix Klieser: „Als Neunjähriger bekam ich von meinem ersten Hornlehrer eine CD der vier Konzerte geschenkt. Es war eine Aufnahme des großen Hornisten Hermann Baumann mit dem St. Paul Chamber Orchestra unter der Leitung von Pinchas Zukerman. 
Keinen dieser Namen hatte ich je zuvor gehört und es war wohl auch das erste Mal, dass ich überhaupt erlebte, wie ein Horn mit Orchester klingt.“ Zutiefst beeindruckt, bat Klieser seinen Lehrer, eines dieser Stücke erlernen zu dürfen. 
Seitdem begleiten Mozarts Konzerte den jungen Hornisten durch sein Leben – und nun, 18 Jahre später, hat er diese Werke, die zum Kernrepertoire eines jeden Hornisten zählen, selbst auf CD eingespielt. 
Dabei verzichtete Klieser auf vordergründige Effekte; er interpretiert Mozarts Musik zwar mit Temperament, aber auch stets elegant und ausgewogen. Man spürt, dass er sich intensiv und sehr respektvoll mit diesen Kompositionen beschäftigt hat. Und die renommierte Camerata Salzburg, mit  Konzertmeister Gregory Ahss, ist dem Hornisten ein exquisiter Partner. 

Freitag, 28. Juni 2019

25. Festliche Operngala für die Deutsche Aids-Stiftung (Naxos)

Aus aller Welt stammen die Sängerinnen und Sänger, die alljährlich im Berlin zu einer ganz besonderen Veranstaltung auftreten: Spenden sammeln und Gutes tun, lautet das Motto der Festlichen Operngala für die Deutsche Aids-Stiftung, die nunmehr zum 25. Male in der Deutschen Oper Berlin stattgefunden hat. 
Auch in diesem Jahr wieder hat das Label Naxos einen Mitschnitt veröffentlicht, um dieses Anliegen zu unterstützen. Die Liste der Mitwirkenden ist lang, die Stimmen sind imposant, und das Programm wurde auch diesmal wieder mit Liebe zusammengestellt: Vom Blütenduett aus Léo Delibes Oper Lakme über das berühmte Casta diva aus Vincenco Bellinis Norma bis zum ebenso populären Dein ist mein ganzes Herz aus Franz Lehárs Operette Das Land des Lächelns bietet die Operngala viel Abwechslung. Man staunt immer wieder, aber es wird auch im 25. Jahr nicht langweilig, die beiden CD anzuhören. 
Das liegt natürlich auch mit an Moderator Max Raabe, der mit lakonisch-launigen Anmerkungen durch das Geschehen führt. Einen gewichtigen Part haben zudem einmal mehr Chor und Orchester der Deutschen Oper Berlin unter der Leitung von Enrique Mazzola. Das Orchester eröffnet das Programm mit der Ouvertüre aus Leichte Kavallerie von Franz von Suppé, und es setzt mit dem Radetzky-Marsch von Johann Strauss auch schwungvoll den Schlusspunkt. Und der Chor der Deutschen Oper hat ebenfalls Gelegenheit, sich stimmstark zu präsentieren. Wer die Doppel-CD erwirbt, der kann nicht nur einen exzellenten Opernabend genießen, er unterstützt damit auch die Arbeit der Deutschen Aids-Stiftung. 

Donnerstag, 27. Juni 2019

Bach: Sonatas & Partitas - Nathan Milstein (Deutsche Grammophon)

Diese Aufnahme ist eine Legende: 1973 spielte Nathan Milstein Johann Sebastian Bachs Sonaten und Partiten für Violine solo für die Deutsche Grammophon ein. Das war ein Ereignis; die Einspielung wurde 1975 mit einem Grammy ausgezeichnet, und sie hat bis heute Referenzstatus. 
Nathan Milstein (1904 bis 1992) gilt als einer der besten Geiger seines Jahrhunderts. Er wuchs in Odessa auf, und erhielt schon als Vierjähriger Violinunterricht. Sein erster und wohl wichtigster Lehrer war Pjotr Stoljarski; dieser unterrichtete übrigens auch Leonid Kogan und David Oistrach. 1916 wurde Milstein dann Schüler von Leopold Auer am St. Petersburger Konservatorium. 
1921 begegnete Milstein bei einem Konzert in Kiew Vladimir Horowitz und seiner Schwester Regina. Sie luden ihn zu sich nach Hause ein – der Beginn einer lebenslangen Freundschaft: „I came for tea and stayed three years“, meinte Milstein dazu später. Gemeinsam mit Horowitz ging Milstein auf Konzertreisen, zunächst durch die Sowjetunion, bald auch durch Westeuropa. Zum engsten Freundeskreis gehörte auch der Cellist Gregor Piatigorsky. 
1929 gab der Geiger sein Debüt in den USA, mit Leopold Stokowski und dem Philadelphia Orchestra. Er ließ sich in New York nieder, und wurde amerikanischer Staatsbürger. In späteren Jahren lebte Milstein in London. Dort starb der Musiker dann auch, wenige Tage vor seinem 89. Geburtstag erlag er einem Herzinfarkt. Er hatte bis ins hohe Alter Konzerte gegeben und Studierende unterrichtet, und war für sein Wirken mit einer Vielzahl von Auszeichnungen geehrt worden. 
Sein letztes Recital spielte Nathan Milstein im Juli 1986 in Stockholm. Kurz darauf brach er sich bei einem Sturz die linke Hand, was seiner Karriere ein Ende setzte. Aber auf Youtube kann man dieses Konzert anschauen, und man wird fasziniert feststellen, dass Milstein mit 82 Jahren noch immer eine brillante Technik hatte, und eine enorme künstlerische Ausstrahlung. Der Geiger legte größten Wert auf einen klaren, kraftvollen Ton und auf ein absolut präzises, konzentriertes, klanglich fein austariertes Spiel. 
Das gilt auch für Bachs Sonaten und Partiten, die Milstein mit einem schönen sonoren Ton und höchst differenziert vorträgt. Wer die Aufnahme noch nicht kennt, der hat jetzt sogar die Chance, ein Exemplar zu erwerben. Denn die Deutsche Grammophon hat jüngst eine (limitierte) Drei-LP-Ausgabe im Design der Originalveröffentlichung vorgestellt. Die Box enthält nicht nur die drei Schallplatten sowie einen Download-Code, sondern auch ein umfangreiches Beiheft und Faksimiles der Aufnahmeprotokolle. Durch audiophiles Half-speed-Remastering, exzellent ausgeführt von den Emil Berliner Studios, und 180g Vinyl Pressing bietet diese Edition zudem eine herausragende Klangqualität. 

Montag, 24. Juni 2019

Voices of Armenia - Geghard Ensemble (KuK)

Fremd und doch vertraut klingen die Gesänge auf dieser CD, kraftvoll und konzentriert. Das Geghard Vokalensemble besteht aus acht Sängerinnen, und es gestaltet sonntags die Heilige Liturgie im Felsenkloster Geghard im Osten Armeniens. 
Gegründet wurde das Ensemble 2001 von der Sängerin und Dirigentin Anahit Papayan. Künstlerischer Leiter ist Dr. Mher Navoyan, Experte für Musik des Mittelalters und Professor am Konservatorium von Eriwan. Das Repertoire des Geghard Vokalensembles umfasst aber nicht nur Melodien aus der Zeit vom vierten bis zum 15. Jahrhundert. Die Sängerinnen überzeugen ebenso mit Chor-Arrangements armenischer Volks- oder geistlicher Lieder, modernen armenischen Kompositionen sowie Musik europäischer Komponisten.  Sie sind allesamt Profis, mit faszinierenden Stimmen. 
Um geistliche und Volksmusik aus Armenien einem Publikum außerhalb der Heimat vorzustellen, geht der Chor auf Tourneen und gibt auch im Ausland Konzerte. Mit einem beeindruckenden Programm waren die acht stimmgewaltigen Damen im Juni 2018 zu Gast im Kloster Maulbronn. 
Das war ein musikalisches Ereignis, wie der Mitschnitt deutlich macht, der glücklicherweise von Josef-Stefan Kindler und Andreas Otto Grimminger aufgezeichnet und bei ihrem Label K&K veröffentlicht wurde. Es ist übrigens zugleich der Gruß einer bedeutenden Kulturregion an eine andere: Wie das Kloster in Maulbronn, so gehört auch das Felsenkloster Geghard zum Unesco-Welterbe. 

Freitag, 21. Juni 2019

Baroque Journey - Lucie Horsch (Decca)

Lucie Horsch gehört ohne Zweifel zu den Stars im Blockflötenuniversum. Die Niederländerin, gerade einmal 19 Jahre alt, beeindruckt nicht nur durch unglaublich flinke Finger und ihre brillante Technik. Auch ihr musikalisches Gestaltungsvermögen ist erstklassig, wie die vorliegende CD beweist. 
Das Album lädt die Zuhörer ein zu einer Rundreise durch Europa im Zeitalter des Barock. Die Flötistin startet diese virtuelle Tour in Utrecht, mit einer Melodie aus Jacob van Eycks berühmter Sammlung Der Fluyten Lust-hof. Die Reise führt dann über Deutschland – wo die Musikerin auch Georg Friedrich Händel verortet –, über Italien und Frankreich bis nach England, und von dort wieder zurück in die Niederlande. 
Begleitet wird die junge Solistin auf ihrem virtuosen Ausflug in die Musikgeschichte höchst souverän von der Academy of Ancient Music, der Flötistin Charlotte Barbour-Condini sowie dem Lautenisten Thomas Dunford. Zu hören sind neben bekannten Melodien wie Dido's Lament von Henry Purcell, Händels berühmtem Arrival of the Queen of Sheba, der Erbarme-dich-Arie aus der Matthäuspassion, dem Konzert BWV 1059R und der Badinerie von Johann Sebastian Bach oder van Eycks Engels Nachtegaeltje auch Entdeckungen, wie die Welterstaufnahme eines Konzertes von Jaques-Christoph Naudot. 

Donnerstag, 20. Juni 2019

Rossini: Péchés de Vieillesse (MDG)

Halb Europa feierte die Musik Richard Wagners – und Gioacchino Rossini scherte sich überhaupt nicht darum. Der Komponist hatte sich schon nach der Uraufführung seiner Oper Guillaume Tell im Jahre 1829 in das Privatleben zurückgezogen. Da war er gerade einmal 37 Jahre alt, hatte bereits 39 Opern komponiert, und damit triumphale Erfolge erlebt. Das Publikum bedauerte dies durch- aus: „Die Schwäne singen am Ende ihres Lebens“, so schrieb Heinrich Heine 1836, „Rossini aber hat in der Mitte zu singen aufgehört.“ 
Die neuen Entwicklungen am Musiktheater interessierten den Kompo- nisten offenbar wenig; er hatte genug mit seiner angegriffenen Gesundheit zu kämpfen, und schrieb nie wieder eine Oper. In seinen letzten Lebensjahren, nach seiner Genesung, schuf er kaum noch Musik für die Öffentlichkeit. Doch er komponierte eine Vielzahl kleiner Stücke zum rein privaten Gebrauch, die er Péchés de vieillesse nannte, Sünden des Alters. 
Ab 1855 wohnte Rossini gemeinsam mit seiner zweiten Ehefrau Olympe Pélissier in Paris – und das Paar führte einen gefragten Salon. Tout-Paris traf sich dort zum musikalischen Samedi Soir, und bei dieser Gelegenheit erklangen auch die „Alterssünden“. Und davon gibt es nicht gerade wenige: Es sind immerhin 13 Notenbände mit Vokal-, Chor- und Kammermusik sowie über einhundert Klavierstücken, die der „pianiste de 4ème classe (sans rivauxs)“, so Rossini über Rossini, zu Papier brachte und auch den „Pianisten der vierten Klasse“ widmete. 
Stefan Irmer hat sich diesem Repertoire zugewandt und die Klaviermusik aus den Péchés de vieillesse im Verlaufe mehrerer Jahre komplett auf acht CD eingespielt. Der Pianist präsentiert die „Morceaux Semicomique“ ebenso sorgsam wie hintergründig, mit Sinn für Ironie und Doppel- bödigkeiten sowie mit viel Humor und Elan. 
Das Label Dabringhaus und Grimm hat nun sämtliche Aufnahmen dieser nur scheinbar leichtgewichtigen Werke in einer liebevoll gestalteten Box noch einmal zusammengefasst.  Der Zuhörer erhält damit die Chance, einen gewichtigen Teil des Schaffens Rossinis kennenzulernen. Man erlebt den Komponisten als einen witzigen, engagierten, scharfsinnigen und auch hochpolitischen Kommentator jener Zeit. Grandios! 

Mittwoch, 19. Juni 2019

Neukomm: Missa Solemnis (Accent)

Sigismund Ritter von Neukomm (1778 bis 1858) hat eine beein- druckende Lebensgeschichte, die in diesem Blog bereits an anderer Stelle ausführlich nachzulesen ist. In seinen 80 Lebensjahren hat Neukomm nicht nur über 1300 Kompositionen geschaffen. Er war zudem in vielen Ländern tätig; seine Reisen führten ihn durch ganz Europa, bis nach St. Petersburg, dazu nach Afrika, und von 1816 bis 1821 wirkte er sogar in Rio de Janeiro, Brasilien. 
Dort wurde 1818 wurde der Prinzregent João VI. zum König von Portugal, Brasilien und der Algarve ausgerufen – und Neukomm schrieb eine Missa Solemnis für diese Zeremonie. Der Kronprinz war 1807, auf dem Höhepunkt der Napoleonischen Kriege, aus Lissabon nach Rio de Janeiro geflohen. 1821 aber musste er aufgrund von Unruhen aus Brasilien zurück nach Portugal flüchten; sie führten wenig später zur Unabhängigkeit den südamerikanischen Landes. Neukomm hatte dies ebenfalls erkannt und Brasilien bereits zehn Tage vor dem König verlassen. 
Musikalisch war die Zeit in Südamerika für Neukomm sehr spannend. So sammelte er Volkslieder, sogenannte Modinhas, und integrierte brasilianische Motive in seine Kompositionen. Davon freilich ist in der Messe noch nichts zu spüren; sie klingt nach Wien. Und auch wenn Neukomm ein Schüler Haydns war und Mozart sehr verehrte, so findet er doch zu einer sehr eigenen Klangsprache. 
Das Werk wird von einem erstklassigen Solistenquartett, vom Chœur de Chambre de Namur sowie dem phantastischen Kammerorchester La Grande Écurie et la Chambre du Roy unter Leitung von Jean-Claude Malgoire großartig vorgestellt. Malgoire setzt mit dieser Einspielung sein Engagement für die Wiederentdeckung des Komponisten Neukomm fort. Und das lohnt sich absolut, wie auch das zweite Werk auf der zweiten CD zeigt. 
Die Missa pro Defunctis tribus similibus vocibus, erstmals veröffentlicht 1838, besteht aus vier Teilen. Neukomm hat ziemlich ausführlich beschrieben, wie das Werk aufgeführt werden soll. Requiem und De profundis waren für den Gottesdienst bestimmt; Miserere und Trauermarsch sollten bei der Prozession erklingen, mit der der Leichnam anschließend aus der Kirche zum Friedhof gebracht wird. 
Die Musik ist würdevoll, und ausgesprochen beeindruckend. Für die Aufführung ist ein stark besetzer Männerchor erforderlich, Malgoire hat in Cantaréunion, Ensemble vocal de l'Océan Indien, die perfekte Besetzung gefunden. 

Dienstag, 18. Juni 2019

Rossini: Ricciardo e Zoraide (Naxos)

Seit mehr als 25 Jahren gibt es in Bad Wildbad ein Musikfestival, das enorme Mengen an Musikfreunden in das beschauliche Schwarzwald-Städtchen lockt: „Rossini in Wildbad“ ist ein Ereignis – und diese CD macht deutlich, warum eine derart kleine Stadt zu einem Pilgerort für alle Opernfans werden kann. 
Im Jahre 2013 stand Ricciardo e Zoraide auf dem Programm, eine Oper von Gioachino Rossini (1792 bis 1868), die 1818 am Teatro San Carlo in Neapel uraufgeführt worden ist, und vom Publikum damals gefeiert wurde. Warum sie heute eher unbekannt ist, das gehört zu den Rätseln der Musikgeschichte. Denn diese Oper, die auf dem Epos Ricciardetto von Niccolò Forteguerri (1674 bis 1735) beruht, hat eigentlich alles, was das Genre so attraktiv macht – große Gefühle, großes Drama, und auch großartige Musik. Das zeigt sich schon bei der Ouvertüre, mit der José Miguel Pérez-Sierra mit den Virtuosi Brunensis wahre Klang-Panoramen entstehen lässt. 
Die Handlung der Oper ist eine Rittergeschichte, mit einer gehörigen Portion Turbulenzen, Liebe und Verrat – und natürlich einem guten Ende. Doch vorher gibt es jede Menge Rossini vom Allerfeinsten, serviert von einem sehr soliden Sängerensemble sowie dem Chor Camerata Bach aus dem polnischen Poznań. Ricciardo e Zoraide erweist sich als eine der originellsten Opern Rossinis; und vielleicht findet sie ja tatsächlich den Weg zurück in das Repertoire. Es würde sich lohnen. 

Bach - Benjamin Appl (Sony)

Eine schöne Stimme, kernig, aber zugleich wandelbar, und dazu allerbeste Textverständlichkeit – Benjamin Appl ist ein ein junger Sänger, der aufhorchen lässt. Appl singen zu hören, das ist eine Freude. Auf dieser CD präsentiert der Bariton gemeinsam mit dem renommierten Concerto Köln ein Programm mit Bach-Arien. 
Die Werke des Thomaskantors schätzt Appl schon seit vielen Jahren; denn seine Sängerlaufbahn begann er einst als Chorknabe bei den Regensburger Domspatzen. „Zur Vorbereitung auf dieses Album (..) war es mir wichtig, zurückzudenken, zu ergründen, zurück zu fühlen, was diese Musik für mich persönlich verkörpert“, schreibt Appl im Begleitheft. Denn Bachs Kompositionen sind eine Herausforderung: „Wenn es nur immer so einfach wäre, wie Bach selbst einräumte: ,Alles was man tun muss, ist die richtige Taste zum richtigen Zeitpunkt zu treffen.'“ 
Für einen Sänger ist das noch ein wenig komplexer. Doch Appl trifft nicht nur im Wortsinne stets den richtigen Ton. Der junge Bariton gestaltet ausgesprochen souverän – was nicht nur für das jeweilige Stück gilt, sondern auch für das komplette Programm. Auf dieser CD kombiniert er bekannte Arien, wie Mache dich, mein Herze, rein oder Gebt mir meinen Jesum wieder aus der Matthäuspassion, mit weniger populären, wobei er auch die weltlichen Kantaten stets mit im Blick hat. Und  Concerto Köln ist dem Sänger nicht nur ein erstklassiger Begleiter. Mit einer geschickten Auswahl verschiedener Sinfonien aus verschiedenen Kantaten zeigt das Ensemble, wie abwechslungsreich Bach diese Eingangssätze einst angelegt hat. Und natürlich bietet dies auch den Instrumentalisten Gelegenheit, zu glänzen. Rundum gelungen! 

Sonntag, 16. Juni 2019

Castello: Sonate concertate in stil moderno (AAM)

Viel ist nicht bekannt über Dario Castello. Er lebte und wirkte in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts in Venedig, und er hat so wenig Spuren hinterlassen, dass er von einigen Musikwissenschaftlern für ein Phantom gehalten wird: Vielleicht ist sein Name ja ein Pseudonym seines Kollegen Claudio Monteverdi? Die Musik von Dario Castello jedenfalls war beliebt und wurde sogar im fernen Amsterdam nachgedruckt. 
Der Organist und Cembalist Richard Egarr beschäftigt sich mit diesen Klängen seit vielen Jahren. „Castello's work still remains some of my favourite music to play, so I was determined eventually to find an opportunity to record all of these sonatas“, schreibt Egarr im Beiheft. Denn nun ist es ihm gelungen, sie mit der Academy of Ancient Music auf CD einzuspielen. Die Sonate concertate in stil moderno, Libro Primo, 1621 erstmals erschienen, bilden den ersten Teil. 
„We used high Venetian pitch (A'=466), which has great implications for all the instruments involved, both technically and sonically“, berichtet der Musiker. „we opted for a pure ¼-comma meantone tuning, a system of pitches commonly used in Castello's time. This adds incredible spice and shocking colour to Castello's often pungent melodic and harmonic turns.“ 
Auch bei der Besetzung folgte die Academy of Ancient Music den Vorgaben des Komponisten: „no recorders here“ - so Egarr - „just violins, cornetto, dulcian, trombone and violetta (a curios edgy-toned small cello-gamba hybrid, tuned an fifth higher than the 'normal' cello). The continuo was simply keyboard (organ or harpsichord) and theorbo.“ 
Das Ergebnis ist überwältigend. Unbedingt anhören, diese CD lohnt sich nämlich nicht nur für Freunde der „Alten“ Musik. Castellos Musik ist so erfrischend, ideenreich und unkonventionell – und musiziert wird ebenfalls hinreißend. 

Samstag, 15. Juni 2019

Czerny: Piano Concerto in D minor (Naxos)

Auch mit dieser CD setzt sich Rosemary Tuck für die Wiederentdeckung des Schaffens von Carl Czerny (1791 bis 1857) ein. In Wien, wo Czerny zur Welt kam, gab es seinerzeit – so berichtet die australische Pianistin im Geleitwort zu dieser Aufnahme – dreimal mehr Klavierlehrer als Ärzte.  
In dieser musikalischen Atmosphäre wuchs Carl Czerny auf, und schon als Zehnjähriger beeindruckte er Ludwig van Beethoven mit seinem Klavierspiel derart, dass ihn dieser als Schüler annahm. Die beiden Musiker blieben lebenslang befreundet. Czerny wirkte als Solist bei den Uraufführungen von zwei Klavierkonzerten seines Lehrers, und er fertigte auch die Klavierfassungen zu Orchesterwerken Beethovens an. 
In späteren Jahren zog Czerny das Komponieren und Unterrichten der Virtuosenlaufbahn vor. Zu seinen Schülern gehören unter anderem Beethovens Neffe, sowie der junge Franz Liszt und Sigismund Thalberg. Bekannt ist Czerny heute in erster Linie als Autor von Unterrichtswerken und gefälligen Stücken für die Hausmusik. 
Im Fun-Zeitalter freilich hat kaum noch ein Klavierschüler Lust, sich durch die Schule der Geläufigkeit hindurchzuackern. Dabei waren die Lehrwerke Czernys einst hoch geschätzt, wie uns ein Brief verrät, den Johannes Brahms 1878 an Clara Schumann schrieb: „Die große Pianoforteschule von Czerny ist wohl der Mühe wert, durchgelesen zu werden.  (..) Der Fingersatz bei Czerny ist höchst sehr zu beachten, überhaupt meine ich, man dürfe heute mehr Respekt vor dem tüchtigen Mann haben.“ 
Czerny schrieb aber nicht nur unkomplizierte Musik, die gut klingt und gut in der Hand liegt. Er hat auch eine ganze Reihe von „seriösen“ Werken komponiert – die aber technisch ziemlich hohe Anforderungen an den Pianisten stellen. Und deshalb sind Czernys Klavierkonzerte musikalische Raritäten, die man live fast nie zu hören bekommt. 
Rosemary Tuck hat für Naxos schon etliche dieser Werke eingespielt. Auf dieser CD erklingen Czernys Erstes Klavierkonzert in d-moll und das stimmungsvolle Introduktion, Variationen und Finale über den Jägerchor aus Webers Oper Euryanthe op. 60 – beides in Weltersteinspielung – und das temperamentvolle Introduzione e Rondo Brillant op. 233, ein geistreiches Bravourstück. 
Die Pianistin musiziert gemeinsam mit dem English Chamber Orchestra unter Leitung von Richard Bonynge; sie spielt virtuos, mit einer atemberaubenden Technik. Ihr Anschlag ist unglaublich differenziert. Eine beeindruckende Aufnahme, die unser Bild von der Wiener Klassik höchst schätzenswert ergänzt. 

Montag, 10. Juni 2019

Bach: Oboe Concertos & Cantatas (Accent)

Einen Blick in die Komponisten- werkstatt Johann Sebastian Bachs wagen die Musiker auf dieser CD. Xenia Löffler hat gemeinsam mit Václav Luks und dem Collegium 1704 die Cembalokonzerte des Thomas- kantors aufmerksam studiert – und dabei festgestellt, dass sich nicht nur das Concerto A-Dur BWV 1055 hervorragend auf der Oboe d'amore spielen lässt. Auch für das Concerto C-Dur BWV 1061 ist eine Besetzung avec plusiers instruments möglich. In diesem Falle wurde der originale Solopart der zwei Cembali auf ein klanglich sehr ansprechendes Concertino aus Oboe und Viola da gamba sowie Violine und Fagott übertragen. Diese Besetzung bietet sich auch deshalb an, fand die Oboistin, weil alle Stimmen in Lage und Umfang zu diesen Instrumenten passen. „Es ist eine große Freude, unseren Beitrag zur Erweiterung des Repertoires (..) hier erstmals präsentieren zu können“, schreibt Xenia Löffler im Beiheft. „Ein besonderer Dank gilt Tim Willis, der mir bei der Umsetzung meiner Idee maßgeblich geholfen hat.“ 
Eingespielt haben die Musiker zudem das Concerto in g-Moll BWV 1056R in der rekonstruierten Version für Oboe, Streicher und Basso continuo, und zwei Solo-Kantaten, in denen der Sopran und die Instrumentalisten gleichermaßen glänzen können. Anna Prohaska singt die Solo-Partie, und auch das Collegium Vocale 1704 ist zu hören – allerdings hat Bach bei diesen Kantaten für den Chor nur schlichte Schlusschoräle geschrieben. Doch wer sich über eine Arie freuen kann, bei der die Sängerin von einem Violinduo oder aber gleich von drei Oboen begleitet wird, der wird hier erfreut lauschen. Ich bin vergnügt mit meinem Glücke BWV 84 und Falsche Welt, dir trau ich nicht! BWV 52 sind musikalische Edelsteine, und dieses Gemeinschaftprojekt der Barockoboistin Xenia Löffler mit dem Collegium 1704 unter Václav Luks bringt sie famos zum Funkeln. 

Sonntag, 9. Juni 2019

Bach: Sonatas & Partitas (Deutsche Grammophon)

Von der Kritik wurde Giuliano Carmignola für seine Interpretation von Bachs Violinkonzerten sehr gelobt. Nun ist seine Einspielung der Sonaten und Partiten BWV 1001–1006 erschienen, vorgetragen auf einer Violine, die Pietro Guarneri 1753 in Venedig geschaffen hat. Der Geiger benutzt zudem einen Bogen, den Emilio Slaviero 2007 nach einem Original des renommierten Bogenbauers Nicolas Léonard Tourte aus dem 18. Jahrhundert angefertigt hat. Es handelt sich übrigens um die erste Aufnahme im umfangreichen Katalog des Labels Deutsche Grammophon, bei der dieser Zyklus auf einem historischen Barockinstrument eingespielt wurde. 
Giuliano Carmignola hat seinen ganz eigenen Zugang zu Bachs berühmten Werken für Violine solo gefunden. Er setzt auf intensive Klangfarben und eine sehr strikte rhythmische Gestaltung, und schafft so eine einzigartige, sehr individuelle Interpretation.

Donnerstag, 6. Juni 2019

Mozart: The Horn Concertos (Genuin)

Frisch und dennoch innig erklingen auf dieser CD aus dem Hause Genuin die vier Hornkonzerte von Wolfgang Amadeus Mozart. Christoph Eß, der Solohornist der Bamberger Sinfoniker, musiziert gemeinsam mit dem bestens aufgelegten Folkwang Kammerorchester Essen unter Leitung seines Chefdirigenten Johannes Klumpp. 
Die Leistung des Hornisten erscheint umso beeindruckender, weil es sich durchweg um Live-Mitschnitte handelt. Mit zumeist kernig-metallischem Ton spielt Eß durchweg brillant und in allen Lagen stets makellos. 
Der Hornist hat sich mit den Noteneditionen kritisch auseinandergesetzt, und spielt in allen Konzerten – auch in KV 417 – Kadenzen seines Mentors und Freundes Michael Höltzel, dem auch die CD gewidmet ist. Bei dem Hornkonzert KV 412 ist nicht nur die übliche Süßmayr-Fassung des Rondos zu hören, sondern zusätzlich auch Mozart revidierte Version in einer Edition von Robert Levin. 
Und als Zugabe gibt es, mit einem Augenzwinkern, die Invitation to a Journey with Mozart and Four Horn Players, eine witzige Hommage des norwegischen Komponisten Trygve Madsen für German Hornsound. Das mittlerweile legendäre Ensemble, dessen Initiator Eß seinerzeit war, jongliert in diesem Werk lustvoll mit den Themen der Hornkonzerte Mozarts, die Madsen mit Humor, aber zugleich durchaus respektvoll verarbeitet hat. Dabei erhält jeder der vier Hornisten auch Gelegenheit, solistisch zu glänzen. 

Dienstag, 4. Juni 2019

Graupner: Concertos & Ouvertures (Accent)

„Ich bin also mit Geschäfften dermaassen überhäuffet, daß ich fast gar nichts anders verrichten kann, und nur immer sorgen muß, mit meiner Composition fertig zu werden, indem ein Sonn- und Fest-Tag dem andern die Hand bietet“, schrieb Christoph Graupner 1740 an seinen einstigen Hamburger Kollegen Johann Mattheson. Zwar hatte der hessische Landgraf Ernst Ludwig – der übrigens sehr gut Cembalo und Laute spielte, und auch selbst komponierte – mittlerweile eingesehen, dass er sich eine Hofoper nicht leisten kann. 
Dennoch blieb für seinen Hofkapellmeister Graupner genug zu tun; in seinem Nachlass, der heute zum Bestand der Hessischen Landes- und Hochschulbibliothek Darmstadt gehört, befinden sich mehr als 1.400 Kirchenkantaten, und dazu eine enorme Menge an Instrumental- kompositionen, beispielsweise 85 Ouvertürensuiten, mehr als 110 Sinfonien und 44 Konzerte. 
Mit dieser Einspielung beteiligt sich nun auch das Ensemble L'arpa festante an der Wiederentdeckung der musikalischen Schätze, die bislang nur zu einem sehr geringen Teil durch Editionen erschlossen sind. Die Musikerinnen und Musiker um den Cembalisten Rien Voskuilen haben für diese Aufnahme zwei Ouvertürensuiten und zwei Concertos des Komponisten ausgewählt. Sie zeigen sehr schön, wie souverän und kreativ Graupner seinerzeit mit den barocken Formen umgegangen ist – und wie modern manche seiner Werke wirken. L'arpa festante musiziert mit Engagement und Finesse, und bringt die Klangeffekte Graupners bestens zur Geltung. 

Montag, 3. Juni 2019

Pleyel: Piano compositions for two and four hands (Hänssler Profil)

Ignaz Joseph Pleyel (1757 bis 1831) war vielseitig interessiert und auch sehr geschäftstüchtig. Über den Lebensweg des erfolgreichen Pianisten, Kapellmeisters, Komponisten, Musikverlegers und Begründers einer Klaviermanufaktur haben wir in diesem Blog bereits an anderer Stelle ausführlich berichtet. 
Von seiner Musik hingegen gibt es zumeist wenig zu berichten, weil sie heutzutage wenig gespielt wird. Ich bin zu der Meinung gelangt, dass Pleyel unterschätzt wird. Und darin bestätigt mich auch diese neue Einspielung aus der Edition Günter Hänssler: Leonore von Stauss und ihr Lehrer Wolfgang Brunner stellen Klaviermusik des Komponisten vor. Dabei scheuen sie, ebenso wie einst Pleyel, das Populäre nicht – und so erklingen neben dem Konzert für zwei Klaviere und Ausschnitten aus dem Receuil de trois pieces pour le Clavecin solo ou Harpe auch drei Sonaten à Quatre Mains, geschickt arrangiert von Pleyel nach drei seiner Violinduos, und eine Folge von Ecossaisen, also Tänzen, die Wolfgang Brunner behutsam für zwei Hammerflügel arrangiert hat. Musiziert wird auf Nachbauten historischer Instrumente, und klanglich sind die beiden Fortepianos wirklich sehr reizvoll. Die Einspielung hat generell Witz und Charme; in den Kadenzen lugt gelegentlich auch die Moderne um die Ecke. Hinreißend! 

Sonntag, 2. Juni 2019

Reinecke: Complete Works for Cello and Piano (Naxos)

Carl Heinrich Carsten Reinecke (1824 bis 1910) gehört zu den bedeutenden Pianisten, Dirigenten und Kompo- nisten der Romantik. Er war befreundet mit zahlreichen Musikerkollegen, wie Robert Schumann, Felix Mendelssohn Bartholdy oder Franz Liszt. 
Seine Ausbildung begann Reinecke bei seinem Vater, einem Musiklehrer; er übte sich im Klavierspiel, komponierte und musizierte zudem auf der Violine. Bereits 1835 gab der Junge in seiner Heimatstadt Altona sein Debüt als Pianist, und ging dann auf Konzertreisen durch ganz Europa. Ein Stipendium des dänischen Königs ermöglichte es Reinecke, in Leipzig zu studieren. 
1847 wurde Carl Reinecke dänischer Hofpianist; allerdings zwang ihn der Krieg 1848, auf diese Stelle zu verzichten. Nach Stationen in Leipzig und Bremen reiste der Musiker mit einer Empfehlung von Franz Liszt an Hector Berlioz nach Paris, wo er konzertierte, und Liszts Töchter Blandine und Cosima unterrichtete. Außerdem traf er Ferdinand Hiller wieder, den er aus Leipzig kannte. 
Dieser war mittlerweile Direktor des Konservatoriums in Köln geworden, und er konnte Reinecke dafür gewinnen, dort Klavierspiel und Komposition zu lehren. Anschließend wirkte Reinecke fünf Jahre lang als städtischer Musikdirektor in Barmen, bis er dann 1859 nach Breslau ging. Doch noch im gleichen Jahr wurde er dann Gewandhauskapellmeister in Leipzig. Dieses Amt hatte er bis 1895 inne; außerdem lehrte er am Leipziger Konservatorium. Dieses leitete er von 1897 bis 1902. 
Die Liste der Schüler Carl Reineckes ist lang und illuster. Er unterrichtete beispielsweise Max Bruch, Edvard Grieg, Isaac Albéniz, Leoš Janáček und Sigfrid Karg-Elert. Mir war er bislang vor allem als Liederkomponist bekannt. Diese CD bietet die Gelegenheit, Reinecke auch als Urheber exquisiter Kammermusik kennenzulernen. Und das lohnt sich. 
Martin Rummel zeigt gemeinsam mit seinem Klavierpartner Roland Krüger, dass die drei Violoncello-Sonaten sowie die Drei Stücke für Violoncello und Klavier op. 146 durchaus einen Platz im Repertoire verdienen. Sie sind über einen Zeitraum von gut 40 Jahren entstanden, und zeichnen sich durch einen Reichtum an herrlichen Melodien ebenso aus wie durch einen anspruchsvollen Klavierpart, der weit mehr ist als eine Begleitung. 
Rummel zelebriert die gesanglichen Passagen mit sattem Ton und großen Bögen, und die virtuosen Teile spielt er mit Eleganz und mit Leichtigkeit, immer im Dialog mit Roland Krüger am Klavier. Den beiden Musizier- partnern, die schon des öfteren auf zu Unrecht wenig gespielte Werke aufmerksam gemacht haben, ist mit dieser Einspielung wieder einmal eine Entdeckung gelungen. 

Donnerstag, 30. Mai 2019

Schumann: Im wunderschönen Monat Mai (Oehms Classics)

Robert Schumann und Heinrich Heine sind sich begegnet: 1828 reiste der Komponist nach Süddeutschland. Er pilgerte in Bayreuth zum Grabe des Dichters Jean Paul, und in München traf er Heine, der soeben eine Stelle als Redakteur bei den „Neuen allgemeinen politischen Annalen“ angenommen hatte. Schumann staunte über dieses Zusammentreffen: „Er drückte mir freundschaftlich die Hand u. führte mich einige Stunden in München herum – dies alles hatte ich mir nicht von einem Menschen eingebildet, der die Reisebilder geschrieben hatte.“ 
Nach diesem Erlebnis wandte sich Schumann noch einmal mit großem Eifer den Büchern des Poeten zu – und als er dann später begann, Lieder zu schreiben, vertonte er viele Gedichte von Heine. Diese Lieder wählte Sebastian Noack für seine erste CD bei Oehms Classics aus – vor allem den Liederkreis op. 24 und die Dichterliebe op. 48. 
Gemeinsam mit seinem Klavierpartner Manuel Lange hat sich der Bariton dabei entschieden, nicht einfach die üblichen Noten aufs Pult zu legen: Max Friedländer, der Herausgeber, hatte seinerzeit nur jene Lieder transponiert, die für die jeweilige Stimmlage unbequem lagen. Das macht durchaus Sinn, zumal damals Liederzyklen nur selten als solche aufgeführt wurden. 
Will man die Liedfolgen aber komplett singen, geht bei Verwendung der gebräuchlichen Notenausgabe Schumanns ursprüngliche Tonarten-Abfolge verloren. Die Effekte, die der Komponist damit einst beabsichtigte, sind bei dieser Einspielung erstmals nachvollziehbar. Denn Noack und Lange haben die Dichterliebe um eine große Sekunde, den Liederkreis op. 24 um eine kleine Terz abwärts transponiert. Und das macht wirklich etwas aus, man staunt. 
Zu dieser Aufnahme ist ansonsten noch anzumerken, dass die beiden Liedpartner sehr hörenswert miteinander musizieren. Noacks wand- lungsfähiger Bariton und Langes beredter Bösendorfer – man freut sich, eine wirklich gelungene Einspielung. Bravi! 

Sonntag, 26. Mai 2019

Vieuxtemps: Works for Viola and Piano (MDG)

„Un violiniste dont la taille égale à peu près celle de son archet“, schrieb der belgische Musikkritiker François-Joseph Fétis, „est venu se faire entendre après M. De Bériot, son maître, dans le 7e concerto de Rode. Cet enfant, dont le nom est Vieuxtemps, possède une sûreté, un aplomb, une justesse vraiment remarquables pour son âge: il est né musicien.“ Zu diesem Zeitpunkt war Henri Vieuxtemps (1820 bis 1881) gerade einmal zwölf Jahre alt. 
Begeisterung löste der Geiger aus, wohin er auch kam – beim Publikum wie bei den Kollegen; in Kassel spielte er Louis Spohr vor, der ihn sehr lobte, und auch Paganini zeigte sich angetan. Schon als 20jähriger präsentierte Vieuxtemps in St. Petersburg mit großem Erfolg sein Violinkonzert Nr. 1. Sechs weitere folgten, dazu zahlreiche Werke für Violine und Klavier, Violine und Orchester oder Violine solo. 
Doch die heimliche Liebe des Violinvirtuosen galt der Viola, für die er einige seiner schönsten Kompositionen schuf. Christian Euler und Paul Rivinius haben einige davon für diese CD ausgewählt. Die Sonate B-Dur op. 36 beispielsweise ist meiner Meinung nach eines der schönsten Werke dieser Gattung überhaupt. Und Euler zeigt, wie wundervoll das gesangliche Spiel, das so typisch für die französisch-belgische Violinschule ist, zur Bratsche passt. 
Brillanz und Klangschönheit – in diesen Werken ist beides gefordert. Vieuxtemps hat generell sowohl den Bratschisten als auch den Pianisten mit dankbaren Partien bedacht; und so treten hier Euler und Rivinius oftmals in einen angeregten Dialog. Mit Leidenschaft und Sensibilität musizieren beide, und bringen so diese elegante Musik ausgezeichnet zur Geltung. Virtuosität und Kantilene sind hier bestens vereint. Unbedingt anhören, es lohnt sich! 

Freitag, 24. Mai 2019

Concertant - Robert Schumann (Berlin Classics)

„Robert Schumann ist einer meiner Herzenskomponisten! Und erstaunlicherweise gibt es bei ihm viele Werke zu entdecken, die auch unter Musikern nahezu unbekannt sind.“ Matthias Kirschnereit beschäftigt sich mit dem Schaffen Schumanns schon lange und sehr intensiv. Und auf dem neuen Album Concertant präsentiert der Pianist nun einige Entdeckungen. 
Dazu gehört ohne Frage das Konzertstück für Klavier und Orchester op. 86, eigentlich komponiert für vier Hörner und Orchester. Wem die Klavierfassung zu verdanken ist, das lässt sich heute nicht mehr mit Sicherheit feststellen. Kirschnereit vermutet, sie könne von Carl Reinecke stammen. Und er hat selbst hier und da noch Anpassungen vorgenommen, „um aus meiner Sicht der Schumannschen Klangsprache noch näher zu kommen“, so der Pianist. „Schumann schwebte mit Opus 86 Großes, Grandioses vor, und ich bin überzeugt, dass sich dieser mitreißende Schwung auch in der Klaviertranskription darstellt, ja dass diese sogar neuartige Facetten dieses Werkes belebt.“ 
Nur zehn Tage vor dem Konzertstück wurde 1849 ein anderes Werk uraufgeführt: Introduktion und Allegro appassionato, op. 92. Es ist „ein Werk aus einem Guss“, so Kirschnereit, stimmungsvoll und getragen von einer poetischen Idee: „Man versteht nicht, dass dieses Stück so selten gespielt wird, es ist mir ein absolutes Rätsel.“ 
Noch weniger bekannt ist das Konzert-Allegro mit Introduktion op. 134. Das war nicht immer so: „Clara Schumann hat das Werk kolossal geschätzt“, berichtet der Pianist. Und wenn nach der Kadenz die Posaunen das Kirchenlied Du meine Seele singe zitieren, dann ist dies für Kirschnereit, der in einem Pastorenhaushalt aufgewachsen ist, ein bewegender Moment: „Ein zutiefst ergreifender und erschütternder Schumann, es ist in meinen Augen ein sehr persönliches Werk.“ 
Erst zum Schluss erklingt Schumanns Klavierkonzert op. 54 – „ein Mittelding zwischen Sinfonie, Konzert und großer Sonate“, wie der Komponist selbst einst dazu äußerte. Entstanden ist es auf Wunsch von Clara Schumann, die das Werk dann auch fast zweihundert Mal im Konzert gespielt hat. Und so wird es auch nicht verblüffen, dass das Hauptthema des Kopfsatzes C-H-A-A lautet, was für „Chiara“ steht, Clara. Dieses Thema bleibt im Vordergrund, selbst die auskomponierte Kadenz gipfelt darin. „Ich betrachte es als großes Glück, mich gemeinsam mit einem so wunderbaren Orchester wie dem Konzerthausorchester Berlin und Jan Willem de Vriend Schumanns Klavierkonzert nähern zu dürfen“, sagt Kirschnereit. „Für uns stand im Fokus, die motorische, die feurige Stringenz dieses Werkes zu verfolgen.“ 

Donnerstag, 23. Mai 2019

Baroque Consolation (Accent)

An der Wende zum 18. Jahrhundert befand sich die Habsburger Monarchie auf dem Höhepunkt ihrer Macht. Wien konkurrierte mit Versailles – doch schaute der Kaiser, wenn es um die Kunst ging, eher nach Italien als nach Frankreich. 
Italienische Musiker, Sänger, Dichter, Maler und Baumeister waren in Wien daher willkommen. In der Oper und bei den Oratorienauffüh- rungen in der Fastenzeit erklangen Werke italienischer Komponisten, in italienischer Sprache. Eine Auswahl geistlicher Arien, wie sie in jener Zeit am Wiener Hof erklungen sind, hat das Ensemble Oltremontano unter Leitung von Wim Becu auf dieser CD zusammengetragen. 
Sarah Van Mol singt, begleitet von Bart Rodyns, Orgel, sowie Veronika Skuplik und Maria Carrasco, Barockvioline. Eine Besonderheit der geistlichen Musik am kaiserlichen Hof war der obligate und vor allem virtuose Einsatz der Posaune. Der exzellente Barockposaunist Wim Becu demonstriert zudem, wie wunderbar dieses Blasinstrument mit der menschlichen Stimme harmoniert. 

Rameau: Le Temple de la Gloire (Philharmonia)

Es war eine Sensation, als im April 2017 in Berkeley die Oper Le Temple de la Gloire von Jean-Philippe Rameau (1683 bis 1764) in der originalen Version aus dem Jahre 1745 erklang. In dieser Fassung ist die Oper, deren Libretto immerhin von Voltaire stammt, seit ihrer Uraufführung nicht mehr zu hören gewesen. 
Die „Ur-Version“ galt als verloren; doch sie wurde in den Beständen der Jean Gray Hargrove Music Library an der University of California in Berkeley aufgespürt. Julien Dubruque von der Université Paris-Sorbonne hat sich damit eingehend wissenschaftlich auseinandergesetzt, und eine Notenedition erstellt. Sie bildet die Grundlage für die Aufführung sowie den Live-Mitschnitt, der das musikalische Geschehen auf zwei CD dokumentiert. 
Entstanden ist das Werk zur Ehre Ludwigs XV., und zur Erinnerung an die Schlacht von Fontenoy im Jahre 841. Mit dem Vertrag von Verdun zerteilten die Nachfolger Karls des Großen das fränkische Reich; es geht also im Kern um die Wurzeln und Ursprünge des Königreichs Frankreich. 
Davon freilich berichtet Rameaus Ballet héroïque nicht direkt. Es geht vielmehr sehr allegorisch-mythologisch zu: Drei Herrscher wollen dem Tempel des Ruhmes betreten, den Apollon errichtet hat, und den die Musen bewachen. Zwei von ihnen scheitern; der Kaiser Trajan jedoch, als Optimus Princeps, hat Erfolg. Im letzten Akt tritt der Ruhm auch persönlich in Erscheinung. 
Im Beiheft wird übrigens berichtet, Voltaire habe im Anschluss an diese Vorstellung, in festlicher Runde, laut die Frage gestellt, ob denn Trajan nun glücklich sei. Betretenes Schweigen und ein frostiger Blick des Königs sollen die Reaktion darauf gewesen sein. --
Macht Rameaus Musik uns heute glücklich? Zu hören sind Philharmonia Baroque Orchestra & Chorale unter der Leitung von Nicholas McGegan. Die Musiker des Orchesters und auch die Chorsänger sind mit dem barocken Gestus bestens vertraut. Leider lässt sich das von den Vokal- solisten nur teilweise sagen; nicht alle Stimmen sind so klangschön, schlank und beweglich, wie man sich das eigentlich erhofft. Man bedauert ein wenig, dass diese Vorstellung nicht als Video-Mitschnitt vorliegt. Die Fotos jedenfalls zeigen, dass La Temple de la Gloire auch ein Fest für das Auge gewesen sein muss. Prächtige Kostüme, Kulissen nach historischem Vorbild und barocke Choreographien leisten zum Gesamteindruck ohne Zweifel einen erheblichen Beitrag. 

Dienstag, 21. Mai 2019

Quadro Nuevo - Volkslied reloaded (Sony)

Herzliche Einladung zum großen Volksliederquiz mit dem Quadro Nuevo! Das mehrfach prämierte Weltmusik-Jazz-Ensemble hat die bekannten Melodien neu arrangiert. Mit vielen Gästen und mit dem Münchner Rundfunkorchester unter der Leitung von Elisabeth Fuchs spielen die Musiker Evergreens wie Am Brunnen vor dem Tore, Der Mond ist aufgegangen, Hoch auf dem gelben Wagen oder Die Gedanken sind frei. Nicht alles, was sie für diese CD ausgewählt haben, ist heute noch wirklich populär. Einige Lieder, wie Ich fahr dahin, Maikäfer flieg oder Wohlauf in Gottes schöne Welt werden sicherlich nur noch die Experten kennen. 
Und wenn Freunde aus anderen Ländern am Lagerfeuer wie selbstver- ständlich ihre Volkslieder anstimmen, kann unsere junge Generation heute wohl ohnehin nur noch Augen und Ohren aufsperren. Denn man singt nicht mehr, man lässt singen – das Smartphone haben die Kids doch immer dabei. 
Ob sie sich für diese kunterbunte Klangwelt erwärmen können, das darf ebenfalls bezweifelt werden. Denn leichte Kost sind die Arrangements des Quadro Nuevo nicht, egal, wie beschwingt sie daherkommen. Wer sich darauf einlässt, der wird aber witzige Ideen finden. So wird in Servus Habibi bayerische Folklore mit orientalischen Klängen gemixt. Und auch das Trinklieder-Medley hat nicht nur Weingeist mitbekommen. Ein musikalischer Spaß für Insider – raffiniert angerichtet und pikant gewürzt. Aber das wird nicht jedem schmecken. 

Hasse - C.P.E. Bach - Hertel: Cello Concertos (Chaconne)

Berliner werden das nicht gern lesen – aber dass die Stadt heute eine Musikmetropole ist, verdankt sie vor allem auch Künstlern aus Sachsen. Als der preußische Kronprinz Friedrich in den späten 1730er Jahren in Rheinsberg seine Hofkapelle gründete, engagierte er bedeutende Musiker aus Dresden und aus Leipzig. Italien schätzte der König ebenfalls – seinen Hofkapellmeister Graun sandte er dorthin, um Sänger für die Hofoper zu engagieren. 
In Dresden war dies schon sehr lange üblich; es wird daher nicht verblüffen, dass die beiden Hofkapellen sich auch im Repertoire sowie in der Aufführungspraxis sehr nahe standen. Zwar bevorzugte der König selbst die Flöte, doch aus dem Umfeld des Hofes sind auch schöne Konzerte für Violoncello überliefert. Vier Kompositionen stellen Alexander Rudin und das Ensemble Musica Viva, besser bekannt als Moskauer Kammerorchester, auf dieser CD vor. 
Das Cellokonzert von Johann Adolph Hasse (1699 bis 1783) entstammt der exquisiten Kollektion des Grafen Rudolf Franz Erwein von Schönborn in Wiesentheid. Die Handschriften der drei anderen Konzerte sind aus der Sammlung von Johann Jakob Westphal, sie befinden sich heute im Brüsseler Konservatorium. Carl Philipp Emanuel Bach (1714 bis 1788), Kammercembalist Friedrich des Großen, schrieb drei Cellokonzerte. Davon ist nur das in a-Moll im Autograph erhalten. Entstanden ist es wahrscheinlich für Ignaz Frantiček Mara, einen böhmischen Violoncello-Virtuosen, der ebenfalls zum Kernpersonal der preußischen Hofmusik gehörte. 
Johann Wilhelm Hertel (1727 bis 1789) war ein Schüler von Franz Benda, dem Konzertmeister der preußischen Hofkapelle. Hertel musizierte später in der Hofkapelle von Strelitz, und wirkte als Hofkomponist in Schwerin. In seinen Werken spiegelt er den in Berlin damals üblichen Stil. Seine beiden Konzerte sind auf dieser CD in Weltersteinspielung zu hören. 
Musikalisch ist das alles originell und sehr gefällig; alle vier Konzerte sind dankbare Werke, in denen das Violoncello so recht singen kann. Und wer das Instrument gerne hört, dem bereiten Alexander Rudin und sein hervorragendes kleines Orchester mit dieser Aufnahme große Freude. Einfach genießen, es lohnt sich! 

Montag, 20. Mai 2019

Blue Hour (Deutsche Grammophon)

Musik für die blaue Stunde präsentiert Andreas Ottensamer auf dieser CD. Um die ganz besondere Stimmung jener kurzen Zeitspanne zwischen dem Sonnenuntergang und der nächtlichen Dunkelheit in Klängen zu vermitteln, wählte der Klarinettist romantische Musik von Johannes Brahms, Carl Maria von Weber und Felix Mendelssohn Bartholdy. 
Kernstück des Albums ist Webers Klarinettenkonzert Nr. 1 in f-Moll. Ottensamer musiziert gemeinsam mit den Berliner Philharmonikern, dirigiert von Mariss Jansons. Man kennt sich, und man schätzt sich – Ottensamer, der einer Klarinettistendynastie entstammt, ist seit 2001 Soloklarinettist des Orchesters. 
Mindestens ebenso interessant sind aber die anderen Stücke des Programmes, die Ottensamer zusammen mit der Pianistin Yuja Wang vorträgt. Schon bei Brahms' Intermezzo in A-Dur, in einem Arrangement von Nicolai Popov, zeigt sich, welch betörende Gesangslinien die Klarinette in den Abendhimmel zu schicken vermag. Diese Sanglichkeit sowie ein faszinierendes Spektrum an Klangfarben fasziniert auch bei Mendelssohns Liedern ohne Worte, die Andreas Ottensamer selbst für Klarinette und Klavier bearbeitet hat – allerdings in einem dynamischen Prozess, wie der Musiker im Beiheft berichtet: „Ich hatte zunächst ein Arrangement gemacht, das von der Struktur her durchaus funktionierte“, so Ottensamer. „Dann habe ich es gemeinsam mit Yuja durchgespielt und geprobt und dabei sind nochmal komplett neue Ideen und Ansätze entstanden. Zum Beispiel dachte ich zunächst bei einer bestimmten Passage, es wäre schön, wenn das Klavier die Melodie übernimmt. Aber als wir das zusammen probten, entschieden wir, diese Linie zusammen unisono zu spielen. An anderer Stelle erwies es sich wiederum als interessanter, wenn Yuja allein übernimmt. Diese Flexibilität ist ein Luxus, den man nur hat, wenn man selbst arrangiert.“ 
Aus den Originalnoten spielte Ottensamer hingegen Brahms' Lied Wie Melodien zieht es mir, den Text stets vor Augen. „Dieser Text ist im wahrsten Sinne des Wortes sehr blumig, es geht um Blüten, Düfte, um den Hauch – was sich ja wunderbar verbindet mit dem Klarinettenton“, so der Musiker. Johannes Brahms ist für Ottensamer ohnehin der romanti- sche Komponist. 
Wie das Klarinettenkonzert, so schrieb Weber seinerzeit auch das Grand Duo für Klarinette und Klavier für den grandiosen Solisten Heinrich Joseph Baermann. Ottensamer sieht darin eine Hommage an die italieni- sche Oper: „Was mir besonders gefällt, ist, dass Weber im Seitenthema des ersten Satzes einen Gassenhauer zitiert. Der Text lautet: 'Ganz ohne Weiber geht die Chose nicht'. Die Melodie ist dieselbe, aber in einem anderen Metrum. Und daran sieht man den Charme, den Weber immer hat, der aber oft untergeht in der Wahrnehmung“, so der Musiker. „Gerade für die Klarinettisten gilt dieses Stück als hochseriöses Kernstück des Repertoires. Da entsteht dann die Gefahr, dass man die Leichtigkeit und den Witz vergisst.“ 
Ottensamer nimmt daher das Werk eher heiter und beschwingt als gewichtig-pathetisch. Gemeinsam mit Yuja Wang schwelgt er in herrlichen Melodielinien, lässt die Töne schweben – und bevor der Zuhörer gar zu sehr in schwärmerische Stimmung gerät, würzen die beiden Musiker ihren Vortrag dann ab und zu auch mit einer winzigen Prise Ironie. Sehr gelungen! 

Haydn: Fantasia in C major, Menuetti, Variationen, Deutsche Tänze (Naxos)

Immer wieder komponierte Joseph Haydn (1732 bis 1809) für gesellige Anlässe Tänze. Auf dieser CD erklingen zwölf Deutsche Tänze, die der Musiker für einen Maskenball der Gesellschaft bildender Künstler in Wien 1792 geschrieben hat. Auf der Veranstaltung, mit der Geld für Witwen und Waisen gesammelt wurde, spielte diese Werke natürlich ein Orchester. Doch die Kaiserin höchstpersönlich bat Haydn um ein Klavierarrangement – dieses ist auf der vorliegenden CD zu hören, gespielt von dem exzellenten ungarischen Pianisten Jenő Jandó. Das Programm umfasst auch noch andere Bearbeitungen, beispielsweise von zwei Märschen, die Haydn für das Derbyshire Volunteer Cavalry Regiment geschrieben hat, eine brillante Fantasia in C-Dur oder 5 Variationen in D-Dur. Zu hören sind zudem weitere Menuette, die wahrscheinlich in den Jahren 1780 und 1784 bei Bällen im Redoutensaal erklungen sind.