Sonntag, 16. Juni 2019

Castello: Sonate concertate in stil moderno (AAM)

Viel ist nicht bekannt über Dario Castello. Er lebte und wirkte in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts in Venedig, und er hat so wenig Spuren hinterlassen, dass er von einigen Musikwissenschaftlern für ein Phantom gehalten wird: Vielleicht ist sein Name ja ein Pseudonym seines Kollegen Claudio Monteverdi? Die Musik von Dario Castello jedenfalls war beliebt und wurde sogar im fernen Amsterdam nachgedruckt. 
Der Organist und Cembalist Richard Egarr beschäftigt sich mit diesen Klängen seit vielen Jahren. „Castello's work still remains some of my favourite music to play, so I was determined eventually to find an opportunity to record all of these sonatas“, schreibt Egarr im Beiheft. Denn nun ist es ihm gelungen, sie mit der Academy of Ancient Music auf CD einzuspielen. Die Sonate concertate in stil moderno, Libro Primo, 1621 erstmals erschienen, bilden den ersten Teil. 
„We used high Venetian pitch (A'=466), which has great implications for all the instruments involved, both technically and sonically“, berichtet der Musiker. „we opted for a pure ¼-comma meantone tuning, a system of pitches commonly used in Castello's time. This adds incredible spice and shocking colour to Castello's often pungent melodic and harmonic turns.“ 
Auch bei der Besetzung folgte die Academy of Ancient Music den Vorgaben des Komponisten: „no recorders here“ - so Egarr - „just violins, cornetto, dulcian, trombone and violetta (a curios edgy-toned small cello-gamba hybrid, tuned an fifth higher than the 'normal' cello). The continuo was simply keyboard (organ or harpsichord) and theorbo.“ 
Das Ergebnis ist überwältigend. Unbedingt anhören, diese CD lohnt sich nämlich nicht nur für Freunde der „Alten“ Musik. Castellos Musik ist so erfrischend, ideenreich und unkonventionell – und musiziert wird ebenfalls hinreißend. 

Samstag, 15. Juni 2019

Czerny: Piano Concerto in D minor (Naxos)

Auch mit dieser CD setzt sich Rosemary Tuck für die Wiederentdeckung des Schaffens von Carl Czerny (1791 bis 1857) ein. In Wien, wo Czerny zur Welt kam, gab es seinerzeit – so berichtet die australische Pianistin im Geleitwort zu dieser Aufnahme – dreimal mehr Klavierlehrer als Ärzte.  
In dieser musikalischen Atmosphäre wuchs Carl Czerny auf, und schon als Zehnjähriger beeindruckte er Ludwig van Beethoven mit seinem Klavierspiel derart, dass ihn dieser als Schüler annahm. Die beiden Musiker blieben lebenslang befreundet. Czerny wirkte als Solist bei den Uraufführungen von zwei Klavierkonzerten seines Lehrers, und er fertigte auch die Klavierfassungen zu Orchesterwerken Beethovens an. 
In späteren Jahren zog Czerny das Komponieren und Unterrichten der Virtuosenlaufbahn vor. Zu seinen Schülern gehören unter anderem Beethovens Neffe, sowie der junge Franz Liszt und Sigismund Thalberg. Bekannt ist Czerny heute in erster Linie als Autor von Unterrichtswerken und gefälligen Stücken für die Hausmusik. 
Im Fun-Zeitalter freilich hat kaum noch ein Klavierschüler Lust, sich durch die Schule der Geläufigkeit hindurchzuackern. Dabei waren die Lehrwerke Czernys einst hoch geschätzt, wie uns ein Brief verrät, den Johannes Brahms 1878 an Clara Schumann schrieb: „Die große Pianoforteschule von Czerny ist wohl der Mühe wert, durchgelesen zu werden.  (..) Der Fingersatz bei Czerny ist höchst sehr zu beachten, überhaupt meine ich, man dürfe heute mehr Respekt vor dem tüchtigen Mann haben.“ 
Czerny schrieb aber nicht nur unkomplizierte Musik, die gut klingt und gut in der Hand liegt. Er hat auch eine ganze Reihe von „seriösen“ Werken komponiert – die aber technisch ziemlich hohe Anforderungen an den Pianisten stellen. Und deshalb sind Czernys Klavierkonzerte musikalische Raritäten, die man live fast nie zu hören bekommt. 
Rosemary Tuck hat für Naxos schon etliche dieser Werke eingespielt. Auf dieser CD erklingen Czernys Erstes Klavierkonzert in d-moll und das stimmungsvolle Introduktion, Variationen und Finale über den Jägerchor aus Webers Oper Euryanthe op. 60 – beides in Weltersteinspielung – und das temperamentvolle Introduzione e Rondo Brillant op. 233, ein geistreiches Bravourstück. 
Die Pianistin musiziert gemeinsam mit dem English Chamber Orchestra unter Leitung von Richard Bonynge; sie spielt virtuos, mit einer atemberaubenden Technik. Ihr Anschlag ist unglaublich differenziert. Eine beeindruckende Aufnahme, die unser Bild von der Wiener Klassik höchst schätzenswert ergänzt. 

Montag, 10. Juni 2019

Bach: Oboe Concertos & Cantatas (Accent)

Einen Blick in die Komponisten- werkstatt Johann Sebastian Bachs wagen die Musiker auf dieser CD. Xenia Löffler hat gemeinsam mit Václav Luks und dem Collegium 1704 die Cembalokonzerte des Thomas- kantors aufmerksam studiert – und dabei festgestellt, dass sich nicht nur das Concerto A-Dur BWV 1055 hervorragend auf der Oboe d'amore spielen lässt. Auch für das Concerto C-Dur BWV 1061 ist eine Besetzung avec plusiers instruments möglich. In diesem Falle wurde der originale Solopart der zwei Cembali auf ein klanglich sehr ansprechendes Concertino aus Oboe und Viola da gamba sowie Violine und Fagott übertragen. Diese Besetzung bietet sich auch deshalb an, fand die Oboistin, weil alle Stimmen in Lage und Umfang zu diesen Instrumenten passen. „Es ist eine große Freude, unseren Beitrag zur Erweiterung des Repertoires (..) hier erstmals präsentieren zu können“, schreibt Xenia Löffler im Beiheft. „Ein besonderer Dank gilt Tim Willis, der mir bei der Umsetzung meiner Idee maßgeblich geholfen hat.“ 
Eingespielt haben die Musiker zudem das Concerto in g-Moll BWV 1056R in der rekonstruierten Version für Oboe, Streicher und Basso continuo, und zwei Solo-Kantaten, in denen der Sopran und die Instrumentalisten gleichermaßen glänzen können. Anna Prohaska singt die Solo-Partie, und auch das Collegium Vocale 1704 ist zu hören – allerdings hat Bach bei diesen Kantaten für den Chor nur schlichte Schlusschoräle geschrieben. Doch wer sich über eine Arie freuen kann, bei der die Sängerin von einem Violinduo oder aber gleich von drei Oboen begleitet wird, der wird hier erfreut lauschen. Ich bin vergnügt mit meinem Glücke BWV 84 und Falsche Welt, dir trau ich nicht! BWV 52 sind musikalische Edelsteine, und dieses Gemeinschaftprojekt der Barockoboistin Xenia Löffler mit dem Collegium 1704 unter Václav Luks bringt sie famos zum Funkeln. 

Sonntag, 9. Juni 2019

Bach: Sonatas & Partitas (Deutsche Grammophon)

Von der Kritik wurde Giuliano Carmignola für seine Interpretation von Bachs Violinkonzerten sehr gelobt. Nun ist seine Einspielung der Sonaten und Partiten BWV 1001–1006 erschienen, vorgetragen auf einer Violine, die Pietro Guarneri 1753 in Venedig geschaffen hat. Der Geiger benutzt zudem einen Bogen, den Emilio Slaviero 2007 nach einem Original des renommierten Bogenbauers Nicolas Léonard Tourte aus dem 18. Jahrhundert angefertigt hat. Es handelt sich übrigens um die erste Aufnahme im umfangreichen Katalog des Labels Deutsche Grammophon, bei der dieser Zyklus auf einem historischen Barockinstrument eingespielt wurde. 
Giuliano Carmignola hat seinen ganz eigenen Zugang zu Bachs berühmten Werken für Violine solo gefunden. Er setzt auf intensive Klangfarben und eine sehr strikte rhythmische Gestaltung, und schafft so eine einzigartige, sehr individuelle Interpretation.

Donnerstag, 6. Juni 2019

Mozart: The Horn Concertos (Genuin)

Frisch und dennoch innig erklingen auf dieser CD aus dem Hause Genuin die vier Hornkonzerte von Wolfgang Amadeus Mozart. Christoph Eß, der Solohornist der Bamberger Sinfoniker, musiziert gemeinsam mit dem bestens aufgelegten Folkwang Kammerorchester Essen unter Leitung seines Chefdirigenten Johannes Klumpp. 
Die Leistung des Hornisten erscheint umso beeindruckender, weil es sich durchweg um Live-Mitschnitte handelt. Mit zumeist kernig-metallischem Ton spielt Eß durchweg brillant und in allen Lagen stets makellos. 
Der Hornist hat sich mit den Noteneditionen kritisch auseinandergesetzt, und spielt in allen Konzerten – auch in KV 417 – Kadenzen seines Mentors und Freundes Michael Höltzel, dem auch die CD gewidmet ist. Bei dem Hornkonzert KV 412 ist nicht nur die übliche Süßmayr-Fassung des Rondos zu hören, sondern zusätzlich auch Mozart revidierte Version in einer Edition von Robert Levin. 
Und als Zugabe gibt es, mit einem Augenzwinkern, die Invitation to a Journey with Mozart and Four Horn Players, eine witzige Hommage des norwegischen Komponisten Trygve Madsen für German Hornsound. Das mittlerweile legendäre Ensemble, dessen Initiator Eß seinerzeit war, jongliert in diesem Werk lustvoll mit den Themen der Hornkonzerte Mozarts, die Madsen mit Humor, aber zugleich durchaus respektvoll verarbeitet hat. Dabei erhält jeder der vier Hornisten auch Gelegenheit, solistisch zu glänzen. 

Dienstag, 4. Juni 2019

Graupner: Concertos & Ouvertures (Accent)

„Ich bin also mit Geschäfften dermaassen überhäuffet, daß ich fast gar nichts anders verrichten kann, und nur immer sorgen muß, mit meiner Composition fertig zu werden, indem ein Sonn- und Fest-Tag dem andern die Hand bietet“, schrieb Christoph Graupner 1740 an seinen einstigen Hamburger Kollegen Johann Mattheson. Zwar hatte der hessische Landgraf Ernst Ludwig – der übrigens sehr gut Cembalo und Laute spielte, und auch selbst komponierte – mittlerweile eingesehen, dass er sich eine Hofoper nicht leisten kann. 
Dennoch blieb für seinen Hofkapellmeister Graupner genug zu tun; in seinem Nachlass, der heute zum Bestand der Hessischen Landes- und Hochschulbibliothek Darmstadt gehört, befinden sich mehr als 1.400 Kirchenkantaten, und dazu eine enorme Menge an Instrumental- kompositionen, beispielsweise 85 Ouvertürensuiten, mehr als 110 Sinfonien und 44 Konzerte. 
Mit dieser Einspielung beteiligt sich nun auch das Ensemble L'arpa festante an der Wiederentdeckung der musikalischen Schätze, die bislang nur zu einem sehr geringen Teil durch Editionen erschlossen sind. Die Musikerinnen und Musiker um den Cembalisten Rien Voskuilen haben für diese Aufnahme zwei Ouvertürensuiten und zwei Concertos des Komponisten ausgewählt. Sie zeigen sehr schön, wie souverän und kreativ Graupner seinerzeit mit den barocken Formen umgegangen ist – und wie modern manche seiner Werke wirken. L'arpa festante musiziert mit Engagement und Finesse, und bringt die Klangeffekte Graupners bestens zur Geltung. 

Montag, 3. Juni 2019

Pleyel: Piano compositions for two and four hands (Hänssler Profil)

Ignaz Joseph Pleyel (1757 bis 1831) war vielseitig interessiert und auch sehr geschäftstüchtig. Über den Lebensweg des erfolgreichen Pianisten, Kapellmeisters, Komponisten, Musikverlegers und Begründers einer Klaviermanufaktur haben wir in diesem Blog bereits an anderer Stelle ausführlich berichtet. 
Von seiner Musik hingegen gibt es zumeist wenig zu berichten, weil sie heutzutage wenig gespielt wird. Ich bin zu der Meinung gelangt, dass Pleyel unterschätzt wird. Und darin bestätigt mich auch diese neue Einspielung aus der Edition Günter Hänssler: Leonore von Stauss und ihr Lehrer Wolfgang Brunner stellen Klaviermusik des Komponisten vor. Dabei scheuen sie, ebenso wie einst Pleyel, das Populäre nicht – und so erklingen neben dem Konzert für zwei Klaviere und Ausschnitten aus dem Receuil de trois pieces pour le Clavecin solo ou Harpe auch drei Sonaten à Quatre Mains, geschickt arrangiert von Pleyel nach drei seiner Violinduos, und eine Folge von Ecossaisen, also Tänzen, die Wolfgang Brunner behutsam für zwei Hammerflügel arrangiert hat. Musiziert wird auf Nachbauten historischer Instrumente, und klanglich sind die beiden Fortepianos wirklich sehr reizvoll. Die Einspielung hat generell Witz und Charme; in den Kadenzen lugt gelegentlich auch die Moderne um die Ecke. Hinreißend! 

Sonntag, 2. Juni 2019

Reinecke: Complete Works for Cello and Piano (Naxos)

Carl Heinrich Carsten Reinecke (1824 bis 1910) gehört zu den bedeutenden Pianisten, Dirigenten und Kompo- nisten der Romantik. Er war befreundet mit zahlreichen Musikerkollegen, wie Robert Schumann, Felix Mendelssohn Bartholdy oder Franz Liszt. 
Seine Ausbildung begann Reinecke bei seinem Vater, einem Musiklehrer; er übte sich im Klavierspiel, komponierte und musizierte zudem auf der Violine. Bereits 1835 gab der Junge in seiner Heimatstadt Altona sein Debüt als Pianist, und ging dann auf Konzertreisen durch ganz Europa. Ein Stipendium des dänischen Königs ermöglichte es Reinecke, in Leipzig zu studieren. 
1847 wurde Carl Reinecke dänischer Hofpianist; allerdings zwang ihn der Krieg 1848, auf diese Stelle zu verzichten. Nach Stationen in Leipzig und Bremen reiste der Musiker mit einer Empfehlung von Franz Liszt an Hector Berlioz nach Paris, wo er konzertierte, und Liszts Töchter Blandine und Cosima unterrichtete. Außerdem traf er Ferdinand Hiller wieder, den er aus Leipzig kannte. 
Dieser war mittlerweile Direktor des Konservatoriums in Köln geworden, und er konnte Reinecke dafür gewinnen, dort Klavierspiel und Komposition zu lehren. Anschließend wirkte Reinecke fünf Jahre lang als städtischer Musikdirektor in Barmen, bis er dann 1859 nach Breslau ging. Doch noch im gleichen Jahr wurde er dann Gewandhauskapellmeister in Leipzig. Dieses Amt hatte er bis 1895 inne; außerdem lehrte er am Leipziger Konservatorium. Dieses leitete er von 1897 bis 1902. 
Die Liste der Schüler Carl Reineckes ist lang und illuster. Er unterrichtete beispielsweise Max Bruch, Edvard Grieg, Isaac Albéniz, Leoš Janáček und Sigfrid Karg-Elert. Mir war er bislang vor allem als Liederkomponist bekannt. Diese CD bietet die Gelegenheit, Reinecke auch als Urheber exquisiter Kammermusik kennenzulernen. Und das lohnt sich. 
Martin Rummel zeigt gemeinsam mit seinem Klavierpartner Roland Krüger, dass die drei Violoncello-Sonaten sowie die Drei Stücke für Violoncello und Klavier op. 146 durchaus einen Platz im Repertoire verdienen. Sie sind über einen Zeitraum von gut 40 Jahren entstanden, und zeichnen sich durch einen Reichtum an herrlichen Melodien ebenso aus wie durch einen anspruchsvollen Klavierpart, der weit mehr ist als eine Begleitung. 
Rummel zelebriert die gesanglichen Passagen mit sattem Ton und großen Bögen, und die virtuosen Teile spielt er mit Eleganz und mit Leichtigkeit, immer im Dialog mit Roland Krüger am Klavier. Den beiden Musizier- partnern, die schon des öfteren auf zu Unrecht wenig gespielte Werke aufmerksam gemacht haben, ist mit dieser Einspielung wieder einmal eine Entdeckung gelungen. 

Donnerstag, 30. Mai 2019

Schumann: Im wunderschönen Monat Mai (Oehms Classics)

Robert Schumann und Heinrich Heine sind sich begegnet: 1828 reiste der Komponist nach Süddeutschland. Er pilgerte in Bayreuth zum Grabe des Dichters Jean Paul, und in München traf er Heine, der soeben eine Stelle als Redakteur bei den „Neuen allgemeinen politischen Annalen“ angenommen hatte. Schumann staunte über dieses Zusammentreffen: „Er drückte mir freundschaftlich die Hand u. führte mich einige Stunden in München herum – dies alles hatte ich mir nicht von einem Menschen eingebildet, der die Reisebilder geschrieben hatte.“ 
Nach diesem Erlebnis wandte sich Schumann noch einmal mit großem Eifer den Büchern des Poeten zu – und als er dann später begann, Lieder zu schreiben, vertonte er viele Gedichte von Heine. Diese Lieder wählte Sebastian Noack für seine erste CD bei Oehms Classics aus – vor allem den Liederkreis op. 24 und die Dichterliebe op. 48. 
Gemeinsam mit seinem Klavierpartner Manuel Lange hat sich der Bariton dabei entschieden, nicht einfach die üblichen Noten aufs Pult zu legen: Max Friedländer, der Herausgeber, hatte seinerzeit nur jene Lieder transponiert, die für die jeweilige Stimmlage unbequem lagen. Das macht durchaus Sinn, zumal damals Liederzyklen nur selten als solche aufgeführt wurden. 
Will man die Liedfolgen aber komplett singen, geht bei Verwendung der gebräuchlichen Notenausgabe Schumanns ursprüngliche Tonarten-Abfolge verloren. Die Effekte, die der Komponist damit einst beabsichtigte, sind bei dieser Einspielung erstmals nachvollziehbar. Denn Noack und Lange haben die Dichterliebe um eine große Sekunde, den Liederkreis op. 24 um eine kleine Terz abwärts transponiert. Und das macht wirklich etwas aus, man staunt. 
Zu dieser Aufnahme ist ansonsten noch anzumerken, dass die beiden Liedpartner sehr hörenswert miteinander musizieren. Noacks wand- lungsfähiger Bariton und Langes beredter Bösendorfer – man freut sich, eine wirklich gelungene Einspielung. Bravi! 

Sonntag, 26. Mai 2019

Vieuxtemps: Works for Viola and Piano (MDG)

„Un violiniste dont la taille égale à peu près celle de son archet“, schrieb der belgische Musikkritiker François-Joseph Fétis, „est venu se faire entendre après M. De Bériot, son maître, dans le 7e concerto de Rode. Cet enfant, dont le nom est Vieuxtemps, possède une sûreté, un aplomb, une justesse vraiment remarquables pour son âge: il est né musicien.“ Zu diesem Zeitpunkt war Henri Vieuxtemps (1820 bis 1881) gerade einmal zwölf Jahre alt. 
Begeisterung löste der Geiger aus, wohin er auch kam – beim Publikum wie bei den Kollegen; in Kassel spielte er Louis Spohr vor, der ihn sehr lobte, und auch Paganini zeigte sich angetan. Schon als 20jähriger präsentierte Vieuxtemps in St. Petersburg mit großem Erfolg sein Violinkonzert Nr. 1. Sechs weitere folgten, dazu zahlreiche Werke für Violine und Klavier, Violine und Orchester oder Violine solo. 
Doch die heimliche Liebe des Violinvirtuosen galt der Viola, für die er einige seiner schönsten Kompositionen schuf. Christian Euler und Paul Rivinius haben einige davon für diese CD ausgewählt. Die Sonate B-Dur op. 36 beispielsweise ist meiner Meinung nach eines der schönsten Werke dieser Gattung überhaupt. Und Euler zeigt, wie wundervoll das gesangliche Spiel, das so typisch für die französisch-belgische Violinschule ist, zur Bratsche passt. 
Brillanz und Klangschönheit – in diesen Werken ist beides gefordert. Vieuxtemps hat generell sowohl den Bratschisten als auch den Pianisten mit dankbaren Partien bedacht; und so treten hier Euler und Rivinius oftmals in einen angeregten Dialog. Mit Leidenschaft und Sensibilität musizieren beide, und bringen so diese elegante Musik ausgezeichnet zur Geltung. Virtuosität und Kantilene sind hier bestens vereint. Unbedingt anhören, es lohnt sich! 

Freitag, 24. Mai 2019

Concertant - Robert Schumann (Berlin Classics)

„Robert Schumann ist einer meiner Herzenskomponisten! Und erstaunlicherweise gibt es bei ihm viele Werke zu entdecken, die auch unter Musikern nahezu unbekannt sind.“ Matthias Kirschnereit beschäftigt sich mit dem Schaffen Schumanns schon lange und sehr intensiv. Und auf dem neuen Album Concertant präsentiert der Pianist nun einige Entdeckungen. 
Dazu gehört ohne Frage das Konzertstück für Klavier und Orchester op. 86, eigentlich komponiert für vier Hörner und Orchester. Wem die Klavierfassung zu verdanken ist, das lässt sich heute nicht mehr mit Sicherheit feststellen. Kirschnereit vermutet, sie könne von Carl Reinecke stammen. Und er hat selbst hier und da noch Anpassungen vorgenommen, „um aus meiner Sicht der Schumannschen Klangsprache noch näher zu kommen“, so der Pianist. „Schumann schwebte mit Opus 86 Großes, Grandioses vor, und ich bin überzeugt, dass sich dieser mitreißende Schwung auch in der Klaviertranskription darstellt, ja dass diese sogar neuartige Facetten dieses Werkes belebt.“ 
Nur zehn Tage vor dem Konzertstück wurde 1849 ein anderes Werk uraufgeführt: Introduktion und Allegro appassionato, op. 92. Es ist „ein Werk aus einem Guss“, so Kirschnereit, stimmungsvoll und getragen von einer poetischen Idee: „Man versteht nicht, dass dieses Stück so selten gespielt wird, es ist mir ein absolutes Rätsel.“ 
Noch weniger bekannt ist das Konzert-Allegro mit Introduktion op. 134. Das war nicht immer so: „Clara Schumann hat das Werk kolossal geschätzt“, berichtet der Pianist. Und wenn nach der Kadenz die Posaunen das Kirchenlied Du meine Seele singe zitieren, dann ist dies für Kirschnereit, der in einem Pastorenhaushalt aufgewachsen ist, ein bewegender Moment: „Ein zutiefst ergreifender und erschütternder Schumann, es ist in meinen Augen ein sehr persönliches Werk.“ 
Erst zum Schluss erklingt Schumanns Klavierkonzert op. 54 – „ein Mittelding zwischen Sinfonie, Konzert und großer Sonate“, wie der Komponist selbst einst dazu äußerte. Entstanden ist es auf Wunsch von Clara Schumann, die das Werk dann auch fast zweihundert Mal im Konzert gespielt hat. Und so wird es auch nicht verblüffen, dass das Hauptthema des Kopfsatzes C-H-A-A lautet, was für „Chiara“ steht, Clara. Dieses Thema bleibt im Vordergrund, selbst die auskomponierte Kadenz gipfelt darin. „Ich betrachte es als großes Glück, mich gemeinsam mit einem so wunderbaren Orchester wie dem Konzerthausorchester Berlin und Jan Willem de Vriend Schumanns Klavierkonzert nähern zu dürfen“, sagt Kirschnereit. „Für uns stand im Fokus, die motorische, die feurige Stringenz dieses Werkes zu verfolgen.“ 

Donnerstag, 23. Mai 2019

Baroque Consolation (Accent)

An der Wende zum 18. Jahrhundert befand sich die Habsburger Monarchie auf dem Höhepunkt ihrer Macht. Wien konkurrierte mit Versailles – doch schaute der Kaiser, wenn es um die Kunst ging, eher nach Italien als nach Frankreich. 
Italienische Musiker, Sänger, Dichter, Maler und Baumeister waren in Wien daher willkommen. In der Oper und bei den Oratorienauffüh- rungen in der Fastenzeit erklangen Werke italienischer Komponisten, in italienischer Sprache. Eine Auswahl geistlicher Arien, wie sie in jener Zeit am Wiener Hof erklungen sind, hat das Ensemble Oltremontano unter Leitung von Wim Becu auf dieser CD zusammengetragen. 
Sarah Van Mol singt, begleitet von Bart Rodyns, Orgel, sowie Veronika Skuplik und Maria Carrasco, Barockvioline. Eine Besonderheit der geistlichen Musik am kaiserlichen Hof war der obligate und vor allem virtuose Einsatz der Posaune. Der exzellente Barockposaunist Wim Becu demonstriert zudem, wie wunderbar dieses Blasinstrument mit der menschlichen Stimme harmoniert. 

Rameau: Le Temple de la Gloire (Philharmonia)

Es war eine Sensation, als im April 2017 in Berkeley die Oper Le Temple de la Gloire von Jean-Philippe Rameau (1683 bis 1764) in der originalen Version aus dem Jahre 1745 erklang. In dieser Fassung ist die Oper, deren Libretto immerhin von Voltaire stammt, seit ihrer Uraufführung nicht mehr zu hören gewesen. 
Die „Ur-Version“ galt als verloren; doch sie wurde in den Beständen der Jean Gray Hargrove Music Library an der University of California in Berkeley aufgespürt. Julien Dubruque von der Université Paris-Sorbonne hat sich damit eingehend wissenschaftlich auseinandergesetzt, und eine Notenedition erstellt. Sie bildet die Grundlage für die Aufführung sowie den Live-Mitschnitt, der das musikalische Geschehen auf zwei CD dokumentiert. 
Entstanden ist das Werk zur Ehre Ludwigs XV., und zur Erinnerung an die Schlacht von Fontenoy im Jahre 841. Mit dem Vertrag von Verdun zerteilten die Nachfolger Karls des Großen das fränkische Reich; es geht also im Kern um die Wurzeln und Ursprünge des Königreichs Frankreich. 
Davon freilich berichtet Rameaus Ballet héroïque nicht direkt. Es geht vielmehr sehr allegorisch-mythologisch zu: Drei Herrscher wollen dem Tempel des Ruhmes betreten, den Apollon errichtet hat, und den die Musen bewachen. Zwei von ihnen scheitern; der Kaiser Trajan jedoch, als Optimus Princeps, hat Erfolg. Im letzten Akt tritt der Ruhm auch persönlich in Erscheinung. 
Im Beiheft wird übrigens berichtet, Voltaire habe im Anschluss an diese Vorstellung, in festlicher Runde, laut die Frage gestellt, ob denn Trajan nun glücklich sei. Betretenes Schweigen und ein frostiger Blick des Königs sollen die Reaktion darauf gewesen sein. --
Macht Rameaus Musik uns heute glücklich? Zu hören sind Philharmonia Baroque Orchestra & Chorale unter der Leitung von Nicholas McGegan. Die Musiker des Orchesters und auch die Chorsänger sind mit dem barocken Gestus bestens vertraut. Leider lässt sich das von den Vokal- solisten nur teilweise sagen; nicht alle Stimmen sind so klangschön, schlank und beweglich, wie man sich das eigentlich erhofft. Man bedauert ein wenig, dass diese Vorstellung nicht als Video-Mitschnitt vorliegt. Die Fotos jedenfalls zeigen, dass La Temple de la Gloire auch ein Fest für das Auge gewesen sein muss. Prächtige Kostüme, Kulissen nach historischem Vorbild und barocke Choreographien leisten zum Gesamteindruck ohne Zweifel einen erheblichen Beitrag. 

Dienstag, 21. Mai 2019

Quadro Nuevo - Volkslied reloaded (Sony)

Herzliche Einladung zum großen Volksliederquiz mit dem Quadro Nuevo! Das mehrfach prämierte Weltmusik-Jazz-Ensemble hat die bekannten Melodien neu arrangiert. Mit vielen Gästen und mit dem Münchner Rundfunkorchester unter der Leitung von Elisabeth Fuchs spielen die Musiker Evergreens wie Am Brunnen vor dem Tore, Der Mond ist aufgegangen, Hoch auf dem gelben Wagen oder Die Gedanken sind frei. Nicht alles, was sie für diese CD ausgewählt haben, ist heute noch wirklich populär. Einige Lieder, wie Ich fahr dahin, Maikäfer flieg oder Wohlauf in Gottes schöne Welt werden sicherlich nur noch die Experten kennen. 
Und wenn Freunde aus anderen Ländern am Lagerfeuer wie selbstver- ständlich ihre Volkslieder anstimmen, kann unsere junge Generation heute wohl ohnehin nur noch Augen und Ohren aufsperren. Denn man singt nicht mehr, man lässt singen – das Smartphone haben die Kids doch immer dabei. 
Ob sie sich für diese kunterbunte Klangwelt erwärmen können, das darf ebenfalls bezweifelt werden. Denn leichte Kost sind die Arrangements des Quadro Nuevo nicht, egal, wie beschwingt sie daherkommen. Wer sich darauf einlässt, der wird aber witzige Ideen finden. So wird in Servus Habibi bayerische Folklore mit orientalischen Klängen gemixt. Und auch das Trinklieder-Medley hat nicht nur Weingeist mitbekommen. Ein musikalischer Spaß für Insider – raffiniert angerichtet und pikant gewürzt. Aber das wird nicht jedem schmecken. 

Hasse - C.P.E. Bach - Hertel: Cello Concertos (Chaconne)

Berliner werden das nicht gern lesen – aber dass die Stadt heute eine Musikmetropole ist, verdankt sie vor allem auch Künstlern aus Sachsen. Als der preußische Kronprinz Friedrich in den späten 1730er Jahren in Rheinsberg seine Hofkapelle gründete, engagierte er bedeutende Musiker aus Dresden und aus Leipzig. Italien schätzte der König ebenfalls – seinen Hofkapellmeister Graun sandte er dorthin, um Sänger für die Hofoper zu engagieren. 
In Dresden war dies schon sehr lange üblich; es wird daher nicht verblüffen, dass die beiden Hofkapellen sich auch im Repertoire sowie in der Aufführungspraxis sehr nahe standen. Zwar bevorzugte der König selbst die Flöte, doch aus dem Umfeld des Hofes sind auch schöne Konzerte für Violoncello überliefert. Vier Kompositionen stellen Alexander Rudin und das Ensemble Musica Viva, besser bekannt als Moskauer Kammerorchester, auf dieser CD vor. 
Das Cellokonzert von Johann Adolph Hasse (1699 bis 1783) entstammt der exquisiten Kollektion des Grafen Rudolf Franz Erwein von Schönborn in Wiesentheid. Die Handschriften der drei anderen Konzerte sind aus der Sammlung von Johann Jakob Westphal, sie befinden sich heute im Brüsseler Konservatorium. Carl Philipp Emanuel Bach (1714 bis 1788), Kammercembalist Friedrich des Großen, schrieb drei Cellokonzerte. Davon ist nur das in a-Moll im Autograph erhalten. Entstanden ist es wahrscheinlich für Ignaz Frantiček Mara, einen böhmischen Violoncello-Virtuosen, der ebenfalls zum Kernpersonal der preußischen Hofmusik gehörte. 
Johann Wilhelm Hertel (1727 bis 1789) war ein Schüler von Franz Benda, dem Konzertmeister der preußischen Hofkapelle. Hertel musizierte später in der Hofkapelle von Strelitz, und wirkte als Hofkomponist in Schwerin. In seinen Werken spiegelt er den in Berlin damals üblichen Stil. Seine beiden Konzerte sind auf dieser CD in Weltersteinspielung zu hören. 
Musikalisch ist das alles originell und sehr gefällig; alle vier Konzerte sind dankbare Werke, in denen das Violoncello so recht singen kann. Und wer das Instrument gerne hört, dem bereiten Alexander Rudin und sein hervorragendes kleines Orchester mit dieser Aufnahme große Freude. Einfach genießen, es lohnt sich! 

Montag, 20. Mai 2019

Blue Hour (Deutsche Grammophon)

Musik für die blaue Stunde präsentiert Andreas Ottensamer auf dieser CD. Um die ganz besondere Stimmung jener kurzen Zeitspanne zwischen dem Sonnenuntergang und der nächtlichen Dunkelheit in Klängen zu vermitteln, wählte der Klarinettist romantische Musik von Johannes Brahms, Carl Maria von Weber und Felix Mendelssohn Bartholdy. 
Kernstück des Albums ist Webers Klarinettenkonzert Nr. 1 in f-Moll. Ottensamer musiziert gemeinsam mit den Berliner Philharmonikern, dirigiert von Mariss Jansons. Man kennt sich, und man schätzt sich – Ottensamer, der einer Klarinettistendynastie entstammt, ist seit 2001 Soloklarinettist des Orchesters. 
Mindestens ebenso interessant sind aber die anderen Stücke des Programmes, die Ottensamer zusammen mit der Pianistin Yuja Wang vorträgt. Schon bei Brahms' Intermezzo in A-Dur, in einem Arrangement von Nicolai Popov, zeigt sich, welch betörende Gesangslinien die Klarinette in den Abendhimmel zu schicken vermag. Diese Sanglichkeit sowie ein faszinierendes Spektrum an Klangfarben fasziniert auch bei Mendelssohns Liedern ohne Worte, die Andreas Ottensamer selbst für Klarinette und Klavier bearbeitet hat – allerdings in einem dynamischen Prozess, wie der Musiker im Beiheft berichtet: „Ich hatte zunächst ein Arrangement gemacht, das von der Struktur her durchaus funktionierte“, so Ottensamer. „Dann habe ich es gemeinsam mit Yuja durchgespielt und geprobt und dabei sind nochmal komplett neue Ideen und Ansätze entstanden. Zum Beispiel dachte ich zunächst bei einer bestimmten Passage, es wäre schön, wenn das Klavier die Melodie übernimmt. Aber als wir das zusammen probten, entschieden wir, diese Linie zusammen unisono zu spielen. An anderer Stelle erwies es sich wiederum als interessanter, wenn Yuja allein übernimmt. Diese Flexibilität ist ein Luxus, den man nur hat, wenn man selbst arrangiert.“ 
Aus den Originalnoten spielte Ottensamer hingegen Brahms' Lied Wie Melodien zieht es mir, den Text stets vor Augen. „Dieser Text ist im wahrsten Sinne des Wortes sehr blumig, es geht um Blüten, Düfte, um den Hauch – was sich ja wunderbar verbindet mit dem Klarinettenton“, so der Musiker. Johannes Brahms ist für Ottensamer ohnehin der romanti- sche Komponist. 
Wie das Klarinettenkonzert, so schrieb Weber seinerzeit auch das Grand Duo für Klarinette und Klavier für den grandiosen Solisten Heinrich Joseph Baermann. Ottensamer sieht darin eine Hommage an die italieni- sche Oper: „Was mir besonders gefällt, ist, dass Weber im Seitenthema des ersten Satzes einen Gassenhauer zitiert. Der Text lautet: 'Ganz ohne Weiber geht die Chose nicht'. Die Melodie ist dieselbe, aber in einem anderen Metrum. Und daran sieht man den Charme, den Weber immer hat, der aber oft untergeht in der Wahrnehmung“, so der Musiker. „Gerade für die Klarinettisten gilt dieses Stück als hochseriöses Kernstück des Repertoires. Da entsteht dann die Gefahr, dass man die Leichtigkeit und den Witz vergisst.“ 
Ottensamer nimmt daher das Werk eher heiter und beschwingt als gewichtig-pathetisch. Gemeinsam mit Yuja Wang schwelgt er in herrlichen Melodielinien, lässt die Töne schweben – und bevor der Zuhörer gar zu sehr in schwärmerische Stimmung gerät, würzen die beiden Musiker ihren Vortrag dann ab und zu auch mit einer winzigen Prise Ironie. Sehr gelungen! 

Haydn: Fantasia in C major, Menuetti, Variationen, Deutsche Tänze (Naxos)

Immer wieder komponierte Joseph Haydn (1732 bis 1809) für gesellige Anlässe Tänze. Auf dieser CD erklingen zwölf Deutsche Tänze, die der Musiker für einen Maskenball der Gesellschaft bildender Künstler in Wien 1792 geschrieben hat. Auf der Veranstaltung, mit der Geld für Witwen und Waisen gesammelt wurde, spielte diese Werke natürlich ein Orchester. Doch die Kaiserin höchstpersönlich bat Haydn um ein Klavierarrangement – dieses ist auf der vorliegenden CD zu hören, gespielt von dem exzellenten ungarischen Pianisten Jenő Jandó. Das Programm umfasst auch noch andere Bearbeitungen, beispielsweise von zwei Märschen, die Haydn für das Derbyshire Volunteer Cavalry Regiment geschrieben hat, eine brillante Fantasia in C-Dur oder 5 Variationen in D-Dur. Zu hören sind zudem weitere Menuette, die wahrscheinlich in den Jahren 1780 und 1784 bei Bällen im Redoutensaal erklungen sind. 

Sonntag, 19. Mai 2019

Bach & Weiss (Audax)

Sylvius Leopold Weiss (1687 bis 1750) war königlicher Kammerlautenist am Hofe August des Starken in Dresden. Johann Sebastian Bach (1685 bis 1750) war Thomaskantor in Leipzig. Die beiden Musiker kannten und schätzten sich; gut dokumentiert ist beispielsweise Weiss' Besuch 1739 bei seinem Kollegen in Leipzig. Begegnet sind sich beide aber möglicherweise schon viel früher: 1719 musizierte Weiss am Köthener Hof, wo Bach bis 1723 als Hofkapellmeister wirkte. 
Weiss war zudem mit Bachs Sohn Wilhelm Friedemann Bach befreundet, der 1733 Organist der Dresdner Sophienkirche wurde, und er unterstützte auch die Bewerbung Carl Philipp Emanuel Bachs als Cembalist am preußischen Hof. Insofern ist es eine ausgezeichnete Idee des Geigers Johannes Pramsohler und des Lautenisten Jadran Duncumb, Werke beider Musiker auf einer CD zu vereinen. 
Im Zentrum dieser Einspielung steht die Suite in A-Dur BWV 1025, die der Musikwissenschaft so manches Rätsel zu lösen gibt. Sie ist in zwei Handschriften überliefert; eine davon hat Bach begonnen, doch dann setzt eine andere Schreiberhand fort. Und am Ende der ersten Seite mit dem Beginn der Cembalo-Stimme ist dann auf einmal der Violinpart notiert; außerdem finden sich wohl Spuren von einem Streichbass, was auf eine Triosonate hindeuten könnte. Eine komplette Version hingegen bietet eine Abschrift, die Carl Philipp Emanuel Bach 1749 angefertigt hat. Der Cembalo-Part dort ist identisch mit einer Suonata in einem Dresdner Notenband, der ansonsten ausschließlich Kompositionen von Weiss enthält. 
„Spielt man jedoch die Lautensonate aus dem Dresdner Manuskript alleine, bleibt sie ein schwer verständliches Werk“, schreiben die beiden Musiker im Geleitwort zu dieser CD. „Es trägt die Markenzeichen von Weiss – mit den idiomatischen Tricks, die er benutzt und seine typischen harmonischen Sequenzen, die ganz anders als jene Bachs klingen. Wenn man sich Sätze wie Courante, Menuet und Sarabande ansieht, überrascht es aber, wie wenig sie von Weiss' üblichem Sinn für Humor und Virtuosität zeigen.“ 
Möglicherweise haben Bach und Weiss diese Suite gemeinsam geschaffen. Wir werden es aufgrund der Quellenlage sicherlich nicht mehr herausfinden, aber wir können uns an diesem Werk erfreuen – zumal dann, wenn es so versiert vorgetragen wird wie von diesen beiden exzellenten Musikern. Pramsohler und Duncumb präsentieren zudem jeweils noch ein weiteres Stück der beiden Komponisten: Von Sylvius Leopold Weiss erklingt die Suite in a-Moll für Laute, und von Bach die Partita II in d-Moll BWV 1004. 
Wer noch mehr Lautenmusik vom Dresdner Hof hören möchte, dem sei an dieser Stelle noch eine weitere CD empfohlen – Jadran Duncumb stellt, ebenfalls bei Audax, Werke von Weiss und von Johann Adolf Hasse (1699 bis 1783) vor. Brillante Lautenmusik, sehr gut gespielt. 

Samstag, 18. Mai 2019

Balladen im Wandel der Zeit (Gramola)

Die Ballade gilt in erster Linie als eine Gattung des romantischen Zeitalters. So sind auch auf dieser CD etliche populäre Kompositionen aus jenen Jahren zu hören, wie Die beiden Grenadiere von Robert Schumann, Der König von Thule oder Erlkönig von Franz Schubert. Der Balladenspezialist Carl Loewe ist mit Prinz Eugen, Odins Meeresritt und Die Uhr vertreten. Robert Holzer, Bass, und sein Klavierpartner Thomas Kerbl haben für ihr Programm aber auch weniger bekannte Vertonungen ausgewählt, wie Prometheus, Grenzen der Menschheit oder Kreuzzug von Schubert oder Verrat von Johannes Brahms. Dazu kommen Raritäen wie Der König von Thule von Heinrich Marschner, Der Feuerreiter von Hugo Wolf und Die Ballade vom Bettelvogt von Wilhelm Weismann. 
Doch wie einen Rahmen platzieren Holzer und Kerbl noch zwei wesentlich ältere Stücke an Anfang und Ende ihrer CD. Hier erklingt auch die Drehleier, die Eberhard Kummer versiert spielt. Damit verweisen die Musiker auf den Ursprung der Ballade, die ja sehr viel älter ist – man darf getrost davon ausgehen, dass schon in grauer Vorzeit wandernde Sänger ihre Verse zu Strophen zusammengefasst und sie so vorgetragen haben. Man darf sich das als eine Art singende Zeitung vorstellen; spektakuläre Geschichten haben die Leute ganz sicher zu allen Zeiten gern angehört. Robert Holzer und Thomas Kerbl erzählen diese souverän; der Sänger singt nicht nur gut, sondern er spricht auch hervorragend, was heutzutage leider keine Selbstverständlichkeit mehr ist. 

Donnerstag, 16. Mai 2019

Haydn: 10 kleine Klavierstücke - 24 Menuetti (Naxos)

Große Musiker erkennt man ohne Frage auch an kleinen Stücken. In diesem Falle gilt das sowohl für den Komponisten Joseph Haydn (1732 bis 1809), der gerade die Miniaturen unglaublich ideenreich gestaltet hat, ebenso wie für den Pianisten, der die kurzen Stücke vorträgt. Jenö Jandó erweist sich einmal mehr als Meister seines Faches. 
Die Liste seiner Veröffentlichungen bei Naxos ist lang; Jandó hat für das Label unter anderem die Klavier- sonaten von Haydn und Beethoven sowie die Klavierkonzerte und
-sonaten von Wolfgang Amadeus Mozart eingespielt. Die Menuette und die anderen kleinen Klavierstücke interpretiert er mit Sorgfalt; an vielen kleinen Details wird deutlich, wie intensiv er sich mit dem Schaffen Haydns beschäftigt hat. So kommen auch Charme und Witz dieser kurzen Werke bestens zu Geltung. Hinreißend! 

Mittwoch, 15. Mai 2019

Reiselust (Genuin)

Louis Spohr (1784 bis 1859) steht im Mittelpunkt dieser CD, die das Eldering Ensemble bei Genuin veröffentlicht hat. Der Violinvirtuose war seinerzeit viel unterwegs und hat dabei eine Menge erlebt. Aus Tagebüchern und Briefen können wir darüber etliches erfahren. So war er 1811 in Beethovens Wohnung bei einer Probe des sogenannten Geistertrios op. 70,1 zugegen. 
Felix Mendelssohn Bartholdy widmete Spohr 1845 sein c-Moll-Klaviertrio op. 66, mit den Choralthemen im vierten Satz; es scheint dem Geiger gefallen zu haben. Seine Frau jedenfalls lobt das Werk sehr, sie notierte zudem in ihrem Tagebuch, dass Spohr es 1846 gemeinsam mit dem Komponisten und dem Cellisten Johann Grabau in Leipzig gespielt hat. 
Die beiden leidenschaftlichen Trios, zwei der ganz großen Werke des Repertoires, komplettiert die heitere Reisesonate. In diesem Duetto für Pianoforte und Violine op. 96 schildert Spohr mit musikalischen Mitteln Eindrücke einer Reise nach Dresden und in die Sächsische Schweiz, die der Geiger 1836 gemeinsam mit seiner Frau Marianne und seiner Tochter Therese unternommen hat. Das ist durchaus wörtlich zu nehmen: Man hört Hufschlag und Postillonsignale, und dann das Orgelspiel und die Gesänge in der katholischen Hofkirche. Auch das nahe Böhmen schickt einen musikalischen Gruß. Die Überschrift des ersten Satzes, Reiselust, steht als Motto auch über der CD. 
Simon Monger, Violine, und Sandra Urba, Piano, haben die Reisesonate hier erstmals nach der neuen Urtextausgabe eingespielt. Die jungen Solisten musizieren sehr engagiert; auch der Klaviertrio-Klang, mit Jeanette Gier am Violoncello, ist schlank, agil und lebendig. Das Eldering Ensemble ist ohne Zweifel eine exzellente Formation, die Freunde der Kammermusik im Blick behalten sollten – es lohnt sich! 

Dienstag, 14. Mai 2019

Nice 'N' Easy - Thomas Quasthoff (Okeh)

Sechs Jahre nach seinem Rückzug von der Bühne und acht Jahre nach seiner letzten Solo-Aufnahme veröffentlichte Thomas Quasthoff ein neues Album. Es ist kein Best-of, kein Liederzyklus und auch keine Arien-Kollektion. Der weltweit gefeierte Bass-Bariton liebt den Jazz – und Nice 'n‘ Easy ist seine erste Produktion in diesem Genre. 
„Ich habe immer Jazz gesungen. Es war immer auch Teil meines musikalischen Lebens“, sagt Thomas Quasthoff. Und jetzt hat er Jazz-Klassiker eingespielt, gemeinsam mit seinen langjährigen musikalischen Partnern Frank Chastenier, Piano, Dieter Ilg, Bass und Wolfgang Haffner, Schlagzeug, sowie der NDR Bigband und als Gast Startrompeter Till Brönner. 
Die musikalische Leitung hat Jörg Achim Keller, der auch die zwölf Stücke arrangiert hat – „Klangzauberei“, schwärmt Quasthoff: „Er weiß genau, welche Farben meine tiefe Stimme zur Unterstützung braucht, und hat viele Holzblasinstrumente eingesetzt. Eine Oboe gibt es üblicherweise nicht in einer Bigband, klassische Waldhörner auch nicht, und eine Tuba sehr selten.“ 
Zu hören sind Songs wie Body and Soul, I’ve Got the World on a String (beide mit Till Brönner) oder Too Close To Comfort, in einer bisher unerreichten Tiefe. „Ich glaube, dass einige Stücke dabei sind, bei denen die Zuhörer aufhorchen werden und sagen: In dieser Lage haben wir das noch nie gehört!“, so Quasthoff. 
Die Stimme des Sängers jedenfalls passt zu diesem Repertoire perfekt. Und Kellers Arrangements führen den Bariton mit dem Jazztrio und der Bigband in einem Sound zusammen, den man gern und ganz entspannt genießt. Die perfekten Klänge für ein Glas Wein an einem schönen Frühlingsabend auf der Terrasse! 

Amor, Fortuna et Morte (Pan Classics)

Auf dieser CD spürt das Ensemble Profeti della Quinta unterschiedli- chen Entwicklungen des italienischen Madrigals nach. Dazu haben sie ein Programm zusammengestellt, das neben Werken von Cipriano de Rore (1515/16 bis 1565) Kompositionen von Luzzasco Luzzaschi (1545 bis 1604), Carlo Gesualdo (1566 bis 1613), Scipione Lacorcia (um 1590 bis 1620), Giovanni Girolamo Kapsber- ger (um 1580 bis 1651) und Claudio Monteverdi (1567 bis 1643) enthält. 
Ori Harmelin, Renaissancelaute und Erzlaute, sorgt mit zwei Instrumentalstücken für eine Atempause im ansonsten recht turbulenten musikalischen Geschehen. Denn die Madrigale jener Zeit erweisen sich als anspruchsvolle Kompositionen, die die Spielräume des theoretisch Zulässigen mitunter ziemlich verwegen ausloten. 

Goldberg - Beyond the Variations (Bridge)

Was hätte dieser Musiker erreichen können, wenn er länger gelebt hätte! Auf dieser CD präsentiert das New Yorker Ensemble Rebel fünf Sonaten für Streicher und Continuo von Johann Gottlieb Goldberg (1727 bis 1756). Die Biographie des Bach-Schülers, der aus Danzig stammte und zunächst bei Hermann Karl Keyserlingk, später dann in der Kapelle des Grafen Brühl angestellt war, ist in diesem Blog an anderer Stelle nachzulesen. 
Die Aufnahme lädt ein auf eine Reise zu den Ursprüngen des Streich- quartettes – Goldberg fand dafür eine clevere, aber dennoch zutiefst barocke Lösung: Er ergänzte die beiden Violinen der damals üblichen Triosonatenbesetzung durch eine Viola, und dem Bass gab er in dem Stimmengeflecht, dass sich strikt am Kontrapunkt orientiert, eine gleichberechtigte statt eine begleitende Funktion. 
Seine Musik aber klingt nicht etwa verzopft-rückwärtsgewandt; Goldberg bietet bei Melodik, Rhythmik und Harmonik so manche Überraschung. Es ist wirklich zu schade, dass so wenig Werke von ihm überliefert sind. Mit dieser beeindruckenden Einspielung machen Jörg-Michael Schwarz und Karen Marie Marmer, Violine, Risa Browder, Viola, John Moran, Violon- cello, und Dongsok Shin, Cembalo, deutlich, welch großartiger Komponist Goldberg war. 

Montag, 13. Mai 2019

Graupner: Duo-Kantaten (Christophorus)

Einmal mehr haben sich Miriam Feuersinger und das Capricornus Consort Basel dem Schaffen Christoph Graupners (1683 bis 1760) zugewandt. Über den Lebensweg des Bach-Zeitgenossen haben wir in diesem Blog bereits an anderer Stelle berichtet. Graupner war Kapell- meister des Landgrafen Ernst Ludwig von Hessen-Darmstadt, und sein Dienstherr liebte insbesondere die Oper – aber er konnte sich leider kein eigenes Opernhaus leisten, so dass die opulenten Melodien und schönen Stimmen an seinem Hofe im Gottesdienst zu hören waren. 
Überliefert sind daher mehr als 1400 Kirchenkantaten aus Graupners Feder, die zumeist noch der Wiederentdeckung harren. Auf dieser CD werden einige von ihnen vorgestellt: Gemeinsam mit dem Countertenor Franz Vitzthum singt Miriam Feuersinger Duo-Kantaten für Sopran und Alt. Die vier ausgewählten Stücke stammen aus den Jahren 1710/11 und 1719/20, und sie verbinden virtuose Gestaltung mit hingebungsvoller Textausdeutung. 
Die beiden Gesangssolisten präsentieren zusammen mit dem Capricornus Consort Graupners anspruchsvolle Musik mit makelloser Technik und verführerischer Eleganz. Und vor jeder Kantate lassen die Instrumenta- listen zudem ein kurzes Stück erklingen, quasi als Sinfonia. Eine traum- schöne Einspielung, die begeistert. 

Sonntag, 5. Mai 2019

Bizet: Piano Works (MDG)

Klaviermusik von Georges Bizet (1838 bis 1875), der ja eigentlich eher als Opernkomponist bekannt ist? Das macht neugierig. 
Auf dieser CD präsentiert Johann Blanchard eine beeindruckende Raritätenauswahl, vom Grande Valse de concert bis zu den sechs Chants du Rhin und von Chasse Fantastique bis zu den Variations Chromatiques de Concert. Auch die Klavierfassung der L'Arlesienne-Suite Nr. 1 und zwei Nocturnes sind zu hören. 
Und wie Blanchard diese Werke spielt, das lässt das Herz eines jeden Musikfreundes höher schlagen. Der Pianist musiziert auf dem von Dabringhaus und Grimm oft eingesetzten Steinway „Manfred Bürki“ aus dem Jahre 1901, und zeigt dabei so ganz nebenbei, was für ein zauber- haftes Instrument dieser Flügel ist. Was für Klänge! Eine hinreißend schöne Einspielung, die man immer wieder anhören möchte. 

Offenbach Colorature (Alpha)

Koloratur-Arien von Jacques Offenbach (1819 bis 1880)? Da fällt dem Musikfreund sofort Les oiseaux dans la charmille ein, jene ebenso brillante wie stupide Arie der Olympia aus Les contes d’Hoffmann
Der Komponist, der ursprünglich Jakob hieß und in Köln zur Welt kam, war der Sohn eines Kantors. 1833 reiste sein Vater Isaac  mit ihm und seinem Bruder Julius nach Paris, um den talentierten Kindern die bestmögliche Ausbildung zu ermögli- chen. Und obwohl Ausländer eigentlich damals nicht am Conservatoire national studieren durften, gelang es Jakob, eine Ausnahmegenehmigung zu erhalten. 
1835 erhielt Jacques, wie er sich nun nannte, eine Anstellung als Cellist an der Opéra-Comique. Er begann zu komponieren, und wirkte bald auch als Kapellmeister. Schaut man in seine Noten aus jener frühen Zeit, so fällt auf, dass die Orchester, für die er komponierte, zwar klein waren – aber es muss an nahezu jedem Theater, und war es noch so unbedeutend, exzellente Sängerinnen gegeben haben. Ihr Rollenfach nannte sich chanteuse d'agilité, chanteuse à roulade oder première chanteuse légère – und ihre Virtuosität muss atemberaubend gewesen sein. 
Auf dieser CD stellt die belgische Sopranistin Jodie Devos eine Auswahl an Koloratur-Arien vor, die Jacques Offenbach für diese Sängerinnen geschrieben hat. Der Komponist nutzte die Koloratur gern als Stilmittel für Komik und Spötterei; man höre nur die Arie der Prinzessin, Je suis nerveuse, aus Le Voyage dans la lune. Ganz großes Kino! Devos beherrscht diese hohe Kunst der Stichelei ebenso souverän wie die großen Bögen, die etwa La Mort m'apparaît souriante aus Orphée aux Enfers verlangt. 
Mit Geschmack, Leichtigkeit und beeindruckender Geschmeidigkeit meistert die junge Sängerin Offenbachs musikalische Höhenflüge. Dabei wird sie durch das Münchner Rundfunkorchester unter Laurent Campel- lone aufs Beste begleitet. Ein schönes Geschenk zum 200. Geburtstag von Jacques Offenbach! 

Samstag, 4. Mai 2019

Seitz: Concertos for Violin and Piano Nos. 6-10 and Op. 25 (Naxos)

Schülerkonzerte von Friedrich Seitz (1848 bis 1918) kennt wohl jeder, der irgendwann Geige spielen gelernt hat. Die Biographie des Musikers ist in diesem Blog an anderer Stelle nachzulesen. Seitz war nicht nur ein gefragter Virtuose, sondern auch ein geschickter Musikpädagoge; er hat noch Geigenschüler unterrichtet, als er selbst auf das Konzertpodium schon verzichtet hatte. 
Mit dieser CD komplettieren die Geigerin Hyejin Chung und der Pianist Warren Lee ihre Gesamt- aufnahme von Seitz' Schüler-Violinkonzerten. Sie stellen höchst unterschiedliche technische Anforderungen, bei steigendem Schwierigkeitsgrad. Musikalisch sind sie ebenfalls interessant gestaltet, und diese Einspielung zeigt, dass sie den jungen Solisten in der Tat alle Möglichkeiten bieten, sich ansprechend zu präsentieren. 
Hyejin Chung und Warren Lee lassen Seitz' Unterrichtswerke wie kleine Juwelen funkeln – mit vielen klanglichen Facetten, sorgsam gestaltet, und mit Charme vorgetragen. Schade, dass diese Edition nun schon komplett ist.

The Golden Age of Shellac (Deutsche Grammophon)

Zu einer Reise in die Schellack-Ära lädt die Deutsche Grammophon ein. Das Label hat anlässlich seines 120jährigen Bestehens in seine Archive geschaut – und dort viele bemerkenswerte Aufnahmen gefunden. Eine kleine Auswahl stellt diese CD vor. Sie reicht von der Klassik bis zum Jazz und macht deutlich, was für eine aufregende Epoche die Zeit zwischen 1897 und den 1940er Jahren doch war. 
Die älteste Aufnahme, aus dem Jahre 1912, lässt uns den italienischen Bariton Titta Ruffo in seiner Paraderolle erleben, dem Figaro aus Rossinis Il barbiere di Siviglia. Aus dem Jahre 1927 stammt eine Aufnahme, bei der Pietro Mascagni die Berliner Staatskapelle dirigiert, die das Intermezzo sinfonico aus Cavalleria rusticana spielt. Das Orchester der Berliner Staatsoper ist zu hören unter der Leitung von Erich Kleiber, mit einem Slawischen Tanz von Antonín Dvořák. 
Der Leipziger Thomanerchor singt einen Choralsatz von Johann Sebastian Bach, geleitet von Karl Straube und an der Orgel begleitet von Helmut Walcha. Auch der Geiger Váša Příhoda, der Pianist Raoul Koczalski und berühmte Sänger wie die Sopranistinnen Erna Berger, Tiana Lemnitz und Erna Sack, die Mozart-Tenöre Koloman von Pataky und Julius Patzak oder Bariton Heinrich Schlusnus sind präsent. 
Otto Reutter singt Ick wundre mir über jarnischt mehr. Johannes Heesters schwärmt Man müsste Klavier spielen können. Und Lale Andersen sowie Louis Armstrong begeistern mit berühmten Jazz-Standards. Alle Tracks stammen von sogenannten Vater- und Mutter-Tonträgern. Sie wurden mit modernster Technik digitalisiert und sorgfältig nachbearbeitet. Faszinierend! 

Lasso - Striggio - Padovano: The Royal Wedding, Munich 1568 (Deutsche Harmonia Mundi)

1568 wurde in München die Hochzeit des bayerischen Erzherzogs Wilhelm V. mit Renata von Lothringen gefeiert. Es war ein großes Fest, das sagenhafte 18 Tage dauerte. Und natürlich kamen zu den Feierlich- keiten der Hochadel und Gesandte aus ganz Europa. 
Dass auch die Hofkapelle dazu mit Außerordentlichem aufwartete, versteht sich wohl von selbst. Hofkapellmeister Orlando di Lasso (1532 bis 1594) komponierte speziell für diesen Anlass Messen und Motetten. Er führte mit seinen Sängern und Musikern aber auch auserlesene Werke von Zeitgenossen auf, wie die Missa à 24 von Annibale Padovano (1527 bis 1575) und die vierzigstimmige Motette Ecce beatam lucem von Alessandro Striggio (1536 bis 1592). Die Klangpracht, die die Hofkapelle aufbieten konnte, muss überwältigend gewesen sein. 
Herzog Albrecht ließ sich diesen Prunk gern etwas kosten – so standen damals neben dem Hofkapellmeister auch zwölf Sängerknaben, gut 40 erwachsene Sänger, zwölf Bläser und Streicher, drei Organisten, ein Kalkant, ein Orgelbauer und ein Kapellmeister in seinen Diensten. Wie sie zur Fürstenhochzeit aufspielten, das hat der Hofsänger Massimo Troiano glücklicherweise ausführlich beschrieben. Er hat aber nur Besetzungsangaben notiert, und dazu einige wenige Namen von Komponisten. 
Musikwissenschaftlern ist es nun gelungen, Musikstücke zu identifizieren, die seinerzeit erklungen sein könnten. Die Forschungsergebnisse sind die Grundlage für diese herrliche CD, auf der das vielfach preisgekrönte Instrumentalensemble Musica Fiata unter seinem Leiter Roland Wilson zusammen mit dem Vokalensemble La Capella Ducale die spektakulären Münchener Hochzeitsmusiken in Ausschnitten präsentiert. Zu hören sind neben einer Missa festiva, vorgetragen von drei Chören, die sich jeweils noch einmal in zwei Gruppen teilten, auch die kompletten Musiken, die das Bankett am Tage der Trauung begleitet haben. Es hatte acht Gänge, man kann sich also vorstellen, wie abwechslungsreich auch die Klänge waren, die die Hofkapelle dazu dargeboten hat. Zwar endete es ursprünglich mit einer Motette von Orlando di Lasso, aber Wilson konnte der Versuchung nicht widerstehen und ersetzte dieses originale Werk durch Striggios berühmtes Ecce beatam lucem, das eigentlich erst zum Abschluss der Feierlichkeiten am 7. März 1568 erklungen ist. 
Neben bekannten Instrumenten wie Violinen, Zink, Flöten, Posaunen und Laute sind auch Instrumente wie Dolzaina und Cornamusa zu hören, die extra für diese Aufnahme rekonstruiert worden sind. Außerdem bricht Wilson mit dem Brauch, die alten Musikstücke in originaler Lage aufzuführen. Denn die Forschung konnte nachweisen, dass in München seinerzeit eigentlich durchweg transponiert wurde. Das hat verblüffende klangliche Effekte, die auf dieser CD zu bestaunen sind. Grandios, unbedingt anhören! 

Freitag, 3. Mai 2019

Scarlatti: Responsories for Holy Week - Holy Saturday (Deutsche Harmonia Mundi)

„Forse Sua Altezza Reale si degnerà di accettare l'offerta di questo debole parto della mia corta abilità nel porre in Musica li Mottetti Sacri, allo stile sodo del Palestrina (..) Se piacerà, li Responsi potranno trovar sostegno nel basso per l'Organo, quantunque le voci in solitudine mi sembrino talvolta più convenienti al dramma del Redentore, che fu senza sostegno, solo e rinnegato.“ So soll sich Alessandro Scarlatti in einem Brief geäußert haben, den er zusammen mit den Noten der Responsorien an den Großherzog der Toskana gesandt haben soll. Für Cosimo III. de' Medici hatte Scarlatti damals bereits mehrfach Opern geschrieben; 1702 war er auch selbst in Florenz, um dort eine Aufführung zu leiten. Und wenn obige Erinnerung, die der Kapellmeister von Santa Maria del Fiore zu Papier gebracht hat, zutrifft, dann könnten die Responsorien erstmals 1708 in Florenz erklungen sein. 
Es sind Werke von großer Ausdruckskraft, als Zyklus durchkomponiert, ungemein emotional. Zu Recht gilt Alessandro Scarlatti (1660 bis 1725) als „Erneuerer der Barockmusik“. Er führte die dreisätzige Sinfonia mit der Abfolge schnell – langsam – schnell ein, die er regelmäßig an den Anfang seiner Opern setzte. Alle anderen italienischen Opernkomponisten übernahmen dies schon sehr bald. Außerdem schrieb Scarlatti Sonate a quattro, und schuf damit quasi den Vorgänger des modernen Streichquartettes. 
Für diese CD wurden die Responsorien für den Karsamstag durch vier Motetten und vier Orgelstücke des Komponisten ergänzt. La Stagione Armonica unter Leitung von Sergio Balestracci gestaltet dieses Programm gemeinsam mit dem Organisten Carlo Steno Rossi. „Emotional packende Musik zu Ostern – mustergültig interpretiert“, wirbt  das Label; ein Urteil, das ich voll bestätigen kann. 

Lassus: Responsories for Holy Week (Toccata Classics)

Noch ein Nachtrag zum Osterfest: Beim Aufräumen fand sich im Regal noch diese CD mit Vokalwerken eines Renaissancemeisters. Orlando di Lasso (1532 bis 1594) gehört zu den wichtigsten Komponisten des 16. Jahrhunderts. Er kam in Mons zur Welt, das sich damals in den spanischen Niederlanden befand, und trat 1544 als Chorknabe in die Dienste des sizilianischen Vizekönigs Ferrante I. Gonzaga. Auf langen Reisen lernte er Italien und die italienische Musik kennen; er lebte in Palermo, Mailand und Neapel, und erhielt bereits in jungen Jahren eine Anstellung an der Lateranbasilika in Rom. 
Diese kündigte er dann 1554, um zu seinen Eltern zurückzukehren. Doch als er zu Hause eintraf, waren diese bereits verstorben. So begleitete di Lasso einen Freund nach England, und ließ sich danach dann erst einmal in Antwerpen nieder. 
1556 wurde di Lasso von Herzog Albrecht V. engagiert. Die Münchner Hofkapelle gehörte damals zu den besten Europas; di Lasso trug dazu bei, diesen Ruf zu mehren. Etliche seiner Werke erschienen im Druck, und sie sorgten sogar in Italien für Aufsehen. Viele versuchten, den Musiker für sich zu gewinnen. Doch weder der französische König noch der Kurfürst von Sachsen waren erfolgreich: Albrechts Nachfolger Wilhelm gelang es, di Lasso in München zu halten, wo er bis ans Ende seiner Tage blieb. 
Etliche seiner Werke sind mittlerweile bei dem Label Toccata Classics erschienen. Die vierstimmigen Fassungen der Responsorien für die Heilige Woche komponierte di Lasso um 1580. Der (professionelle) Chor Ars Cantica unter Leitung von Mario Berrini hat sie für diese Welterstein- spielung nach der neuen kritischen Partitur-Ausgabe eingesungen. Eine exquisite Aufnahme, und ein hervorragender Chorklang. Sehr beeindruckend! 

Porpora / Costanzi: 6 Cello Sonatas (Brilliant Classics)

Über das Violoncello wird gern gesagt, dass es mit seinem warmen, farbenreichen Klang hervorragend in der Lage sei, die menschliche Stimme zu imitieren. Als Solo-Instrument tritt es in der Mitte des 17. Jahrhun- derts erstmals in Erscheinung; hundert Jahre später hatte sich das Cello bereits anstelle der Gambe durchgesetzt. 
Sechs Sonaten aus jenen frühen Tagen stellt Adriano Maria Fazio nun bei Brilliant Classics vor. Entstanden sind sie einst als Gemeinschaftswerk – Nicola Porpora (1686 bis 1768), ungemein erfolgreich vor allem als Opernkomponist und Gesangspäda- goge, schuf sie offenbar zusammen mit Giovanni Battista Costanzi (1704 bis 1778). Dieser wirkte in Rom; er stand in den Diensten des kunst- liebenden Kardinals Pietro Ottoboni, und spielte exzellent Violoncello. Er komponierte auch selbst; Costanzi schrieb Kantaten, Oratorien und andere Kirchenmusik. 
In den sechs Violoncello-Sonaten spiegeln sich sowohl Costanzis Virtuosität als auch die theatralische Sangeskunst der italienischen Barockoper. Adriano Fazio legt nun die erste Gesamteinspielung dieser hochinteressanten Raritäten vor. Der junge Cellist wird dabei von einer international besetzten Continuo-Gruppe begleitet. 

Dienstag, 30. April 2019

Buxtehude: Membra Jesu Nostri (Resonus)

Und noch ein Nachtrag zum Osterfest: Der Kantatenzyklus Membra Jesu nostri patientis sanctissima von Dieterich Buxtehude (1637 bis 1707) ist eine musikalische Meditation über den Anblick des gekreuzigten Heilandes, von den Füßen über die Hände bis zum Gesicht. Die sieben Kantaten beruhen auf einer mittelalterlichen Andachtsdichtung, die Buxtehude allerdings nur auszugsweise verwendet und mit Bibelversen kombiniert. 
Das Werk wurde in jüngster Vergangenheit des öfteren eingespielt. Für diese Aufnahme hat sich das Ensemble Orpheus Britannicus unter Leitung von Andrew Arthur mit dem Gambenconsort Newe Vialles und dem Chapel Choir of Trinity Hall, Cambridge, zusammengefunden. Als Solisten sind Eloise Irving, Charlotte Ives, Daniel Collins, Nicholas Mulroy und Reuben Thomas zu hören. Ausgesprochen klangschön und auch sonst sehr gelungen! 

Bach: St Mark Passion (MDG)

1731, am Karfreitag, wurde in Leipzig die Markus-Passion von Johann Sebastian Bach erstmals aufgeführt. Dies wissen wir, weil uns ein Abdruck des Textes überliefert ist. Er stammt, wie auch das Libretto der Matthäus-Passion, von Christian Friedrich Henrici, bekannter unter seinem Pseudonym Picander. Aus dem Jahre 1744 ist ein weiterer Textdruck vorhanden; ein Vergleich ergibt, dass Bach sein Werk für diese Aufführung überarbeitet und um zwei Arien ergänzt hat. 
Die Texte sind vor allem deshalb für uns heute so interessant, weil von Bachs Markus-Passion keine einzige Note auf uns gekommen ist. Weder die Partitur noch irgendeine Stimme war aufzuspüren. Bekannt ist allerdings, dass Bach etliche seiner Kompositionen mehrfach verwendete; das sogenannte Parodieverfahren wurde seinerzeit viel genutzt. Dabei erhielt eine Arie oder ein Chor einfach einen neuen Text – fertig! 
Die Bach-Forschung hat daher akribisch geprüft, welche Werke des Komponisten zu Picanders Texten passen könnten. Und sie hat festgestellt, dass der Eingangs- und der Schlusschor sowie drei Arien wahrscheinlich in der Trauerode Lass, Fürstin, lass noch einen Strahl BWV 198 zu finden sind. Mit aufmerksamem Blick konnten so vier der acht Arien sowie die meisten Choräle identifiziert werden. 
Es hat zudem etliche Versuche gegeben, die fehlenden Teile zu ergänzen – modern, historisierend oder unter Rückgriff auf originale Musik von Bach und seinen Zeitgenossen. Kirchenmusikdirektor Andreas Fischer, Kantor und Organist an der Hauptkirche St. Katharinen in Hamburg, legt auf dieser Doppel-CD nun seine Version vor. Dieser Fassung liegen durchweg und ausschließlich Kompositionen Bachs zugrunde, auch bei den Rezitativen. 
Sie haben in diesem Passionsoratorium besonderes Gewicht, weil der Gang der Handlung nur selten durch Arien unterbrochen wird. Ähnlich bedeutend sind aber die Choralstrophen; sie beziehen die Gemeinde in das Heilsgeschehen quasi mit ein. Und es sind ziemlich viele – eine dankbare Aufgabe für die Hamburger Cantorey St. Catharinen. 
Für sein Experiment konnte Andreas Fischer zudem das renommierte Ensemble Bell' arte Salzburg gewinnen, das von der Geigerin Annegret Siedel geleitet wird. Der Zuhörer darf sich darüber freuen; man lausche nur den Gambenpartien, die von den Musikern wirklich großartig gespielt werden. Und auch das Solistenquintett ist mit Katherina Müller, Jan Börner, Matthias Bleidorn, Manfred Bittner und Richard Logiewa überzeugend besetzt. 

Montag, 29. April 2019

Schreck: Christus, der Auferstandene (Rondeau)

„Daß ich für Chor schreiben und die Stimmen zu behandeln verstehe, darf ich wohl sagen. Genannte Herren, sowie das Directorium des Kgl. Conservatoriums, an welchem Institut ich seit 5½ Jahr als Theorie- und Compositionslehrer thätig bin, können auch Auskunft geben über meine Bedeutung als Contrapunktist und als praktischer, einer conser- vativen Richtung angehörender, Musiker. Indem ich mich einem hochverehrten Rath empfehle, unterzeichne ich mit größter Ehr- erbietung ergebenst Leipzig, dem 9. Juni 1892. Gustav Schreck, Lehrer am Kgl. Conservatorium der Musik“. So endet das Schreiben, mit dem sich Gustav Schreck (1849 bis 1918) einst beim Rat der Stadt Leipzig um die nach dem Tode von Wilhelm Rust vakante Stelle des Thomaskantors bewarb. 
Der Komponist, geboren im thüringischen Städtchen Zeulenroda, begann seine musikalische Ausbildung beim dortigen Kantor, und besuchte dann Lyceum und Lehrerseminar in Greiz. 1868 ging Schreck zum Musik- studium nach Leipzig; er musste aber feststellen, dass seine Stimme für eine Sängerkarriere nicht stabil genug war. So folgte er 1870 seinem Bruder nach Wyborg in Finnland, wo er als Musiklehrer am deutschen Gymnasium unterrichtete. 1873 kehrte Schreck nach Leipzig zurück, zunächst als freischaffender Musiker und Komponist. 1887 wurde er als Lehrer für Theorie und Komposition an das Konservatorium berufen; 1898 wurde er dann zum Professor. 
Außerdem wurde Schreck 1893 zum Thomaskantor ernannt. Dieses Amt übte er mit großer Ernsthaftigkeit und ebenso großem Erfolg aus. Auch als Mitbegründer der Neuen Bachgesellschaft und als Herausgeber zahlrei- cher Werke Bachs erwarb er sich große Verdienste. 
Sein eigenes Werk aber ist weitgehend in Vergessenheit geraten. Dabei war er dafür einstmals sehr gefeiert worden – vor allem für sein Oratorium Christus, der Auferstandene op. 26, uraufgeführt 1892 im Leipziger Gewandhaus, erhielt Schreck viel Beifall. Den Text dazu schrieb seine Frau Emmy; die Handlung erstreckt sich von der Auferstehung bis zur Himmelfahrt Christi. Es handelt sich dabei um ein großformatiges Werk, mit enorm vielen Solo-Partien, beeindruckenden Chören und einem ausdrucksvollen Orchesterpart. 
Wiederentdeckt wurde es nun von Fabian Enders, der das Opus mit dem von ihm geleiteten Sächsischen Kammerchor – in dem ehemalige Thomaner sowie Studierende der beiden sächsischen Musikhochschulen singen – und dem Philharmonischen Orchester des Staatstheaters Cottbus im vergangenen Jahr erstmals wieder aufgeführt hat. Der Live-Mitschnitt aus der Leipziger Thomaskirche, zugleich Weltersteinspielung, wurde nun durch das Leipziger Label Rondeau veröffentlicht. Überraschung! Das noch solche Schätze in den Archiven schlummern, verblüfft immer wieder. 

Sonntag, 28. April 2019

Loewe: Das Sühnopfer des Neuen Bundes (Oehms Classics)

Wer Lust hat, zum Osterfest einmal nicht Bachs Matthäuspassion anzuhören, und wer eine große Portion romantisches Pathos verkraftet, dem sei an dieser Stelle Carl Loewes Passionsoratorium Das Sühnopfer des neuen Bundes empfohlen. 
Der Komponist ist heute vor allem für seine großartigen Balladen- vertonungen bekannt. Er hat mehr als 500 Lieder komponiert, und außerdem 17 Oratorien, etliche Kantaten, sechs Opern, diverse Kammermusik sowie je zwei Sinfonien und Klavierkonzerte, die leider alle in Vergessenheit geraten sind. Diese Einspielung mit den Arcis-Vocalisten München sowie dem Barock- orchester L'arpa festante unter der Leitung von Thomas Gropper zeigt, dass sich eine Sichtung dieser Notenbestände durchaus lohnen könnte. 
Johann Carl Gottfried Loewe (1796 bis 1869) war der Sohn eines Kantors. Er stammte aus Löbejün bei Magdeburg, und ging zunächst in Köthen zur Schule. Dank eines Stipendiums konnte der höchst begabte Knabe seine Ausbildung 1809 an der Latina der Franckeschen Stiftungen in Halle/Saale fortsetzen. Er sang als Sopranist im Stadtsingechor, und war auch ein gefragter Solist. Daniel Gottlob Türk und Johann Friedrich Reichardt gehörten zu seinen Lehrern. 
1816 bewarb sich Loewe um die Organistenstelle an der Marktkirche, die er aber nicht bekam. So begann er dann ein Jahr später, nach bestandener Reifeprüfung, ein Theologiestudium an der Universität der Saalestadt. Außerdem wirkte er auch weiterhin als Sänger, und komponierte. 1820 erfuhr Loewe, dass für die Stettiner Hauptkirche St. Jacobi ein Kantor gesucht wird. Auf Wunsch des dortigen Magistrats reiste der junge Musiker zunächst nach Berlin, wo Carl Friedrich Zelter, Leiter der Singakademie und Berater der preußischen Regierung in musikalischen Angelegenheiten, Loewes Eignung prüfte. Das Zeugnis fiel offenbar positiv aus – Loewe erhielt die Stelle, und blieb in Stettin sagenhafte 46 Jahre lang. Der Musiker war dort nicht nur Kantor und Organist, er unterrichtete auch am Gymnasium und am Lehrerbildungsseminar und war städtischer Musikdirektor. Außerdem gründete er den Pommerschen Chorverband, und organisierte zahlreiche Musikfeste. In den Ferien ging er auf Konzertreisen; er war ein exzellenter Tenor und auch ein begnadeter Pianist. 1837 wurde Loewe Ehrendoktor der Universität Greifwald, und Mitglied der Berliner Akademie der Künste. 
1864 erlitt Loewe einen Schlaganfall, und wurde in Kiel von seinen Töchtern gepflegt.  Als er dann nach seiner Genesung den Dienst in Stettin wieder antreten wollte, forderte ihn der Magistrat auf, in den Ruhestand zu treten. Und so kehrte Loewe 1866 nach Kiel zurück, wo er seine letzten Lebensjahre verbrachte. In Kiel ist er auch begraben, doch sein Herz wurde in einem Pfeiler unter „seiner“ Orgel in Stettin beigesetzt. Eine Gedenktafel erinnert dort noch heute an den großen Musiker. 
Das Libretto für Das Sühnopfer des neuen Bundes lieferte Wilhelm Telschow, eigentlich ein Experte für Buchhaltung und kaufmännische Rechnen. Es ist eine Kombination aus Bibelzitaten, Psalmtexten, Choralstrophen und freier Dichtung. Die Bibelworte hat Telschow sprachlich meist vereinfacht; die Rede Jesu allerdings ließ er unangetastet. Ansonsten fällt die betont schlichte Sprache auf, für die sich der Dichter entschied. 
Die Musik hingegen ist kunstvoll; Loewe zeigt in seiner Kirchenmusik, neben seiner Bach-Verehrung, Sinn für Dramatik. Doch auch die Gefühle jener Menschen, die Christus auf dem Wege vom Hause Simonis, wo eine Frau Jesus mit duftendem Wasser übergossen hat, über Gefangennahme und Kreuzigung bis zur Grablegung begleiten, spiegelt er ausdrucksvoll in seinem Werk. 
Monika Mauch, Ulrike Malotta, Georg Poplutz und Andreas Burkhart als Solisten sowie die Arcis-Vokalisten und das Barockorchester L'arpa festante stellen das Oratorium höchst ansprechend vor. Wer eine andere Facette des Balladenspezialisten Loewe kennenlernen möchte, der sollte diese Doppel-CD unbedingt anhören. Eine Entdeckung, nicht nur für Freunde sakraler Chormusik. 

Donnerstag, 25. April 2019

Bach: Matthäuspassion (Naxos)

Pünktlich zum Osterfest veröffent- lichten Bachchor und Bachorchester Mainz ihre Interpretation der Matthäuspassion von Johann Sebastian Bach. Ralf Otto, der den Chor seit 32 Jahren leitet, setzt einmal mehr auf das Motto: „Histo- risch informiert, aber zeitgemäß interpretiert.“ 
Das Ergebnis begeistert. Und so verwundert es auch nicht, dass für die Einspielung renommierte Solisten gewonnen werden konnten, allen voran Georg Poplutz in der Partie des Evangelisten. Die Jesus-Worte singt Matthias Winckhler. Bei den Arien achtet Otto sehr genau darauf, welchem Chor sie zugeordnet sind. Daher sind die Solisten in allen vier Stimmlagen doppelt besetzt – was für ein Luxus! 
Auch sonst achtet Ralf Otto wenig auf Aufführungstraditionen, und umso genauer auf die Noten. Das führt dann dazu, dass auch bei dieser Aufnahme viele Details wahrnehmbar werden, die sonst oft nicht zu hören sind. Auch die Tempi, die Otto wählt, sorgen da für so manche Überraschung. 
Hier wird Text ausgelegt mit musikalischen Mitteln. Man höre nur, wie der Chor die Choräle singt – die Wirkung ist verblüffend. Vielfach verzichtet Otto auf Rasanz, und setzt statt dessen auf Ausdruck und Klarheit. Das bekommt beispielsweise dem Eingangschor ausgezeichnet, dem man die Klage in diesem Falle tatsächlich abnimmt. Transparenz bieten aber nicht nur die Chöre, sondern auch die Musiker des Orchesters. Mit ihrem Spiel unterstreichen sie die Aussage der Vokalisten. So sollte es sein; einmal mehr setzen Bachchor und Bachorchester mit dieser Aufnahme Maßstäbe.