Samstag, 3. Juli 2010

Chopin: Waltzes; Lipatti (EMI Classics)

Dinu Lipatti ist eine Pianisten- legende. Für Yehudi Menuhin war er die "Verkörperung eines Geistesreiches, unberührt von allem Schmerz und Leid"; Alfred Cortot fand sein Spiel vollkommen, und die wie Lipatti aus Rumanien stammende Clara Haskil - er nann- te sie "liebe Clarinette" - schrieb launig: "Wie ich Dich um Dein Talent beneide. Der Teufel soll es holen. Warum musst Du so viel Talent haben und ich so wenig? Ist das Gerechtigkeit auf Erden?"
Entsprechend neugierig war ich auf diese CD. Sie enthält mit der Bar- carolle op. 60 und dem Nocturne Des-Dur op. 27 Nr. 2 zwei Stücke jener ersten Aufnahme, die Lipatti für EMI 1947 im legendären No. 3 Studio, Abbey Road, in London einspielte. Die Walzer aber sowie die cis-Moll-Mazurka op. 50 Nr. 3 wurden im Juli 1950 in der Schweiz aufgezeichnet. Die Tatsache, dass sich die Aufnahmen über erstaun- lich viele Tage hinzogen, gibt ein deutliches Zeugnis vom schlechten Gesundheitszustand des Pianisten, der an Morbus Hodkin erkrankt war. 
Im September 1950 spielte Dinu Lipatti Chopins Walzer letztmalig in einem Konzert in Besancon - und musste abbrechen, weil seine Kraft nicht mehr ausreichte. Mit Bachs Choral "Jesu bleibet meine Freude" verabschiedete er sich von seinem Publikum. Im Dezember 1950 starb der Pianist.
Lipattis Stil ist unverwechselbar. Man vermeint stets einen Hauch Unruhe und Melancholie zu spüren; sie überlagert selbst Lipattis Witz und Charme. Ein beeindruckendes Dokument - aber eines wird auch nach wenigen Takten klar: Heute würde niemand mehr so spielen.

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