Dienstag, 1. Dezember 2015

Bach: The Organ Toccatas (MDG)

Fünf Orgeln besitzt die Hamburger Hauptkirche St. Michaelis: Die Marcussen-Orgel auf der Konzert- empore im Norden, die Steinmeyer-Orgel auf der Westempore, unmittelbar darüber im Dachboden ein neues Fernwerk, seit 2010 die Carl-Philipp-Emanuel-Bach-Orgel auf der Südempore sowie die Felix-Mendelssohn-Bartholdy-Orgel in der Krypta, 1917 errichtet von Johannes Strebel. 
Die Kirche, liebevoll „Michel“ genannt, beherbergte auch in früheren Jahrhunderten bedeutende Orgeln. Dort befanden sich Instrumente von Arp Schnitger (bis 1750), Zacharias Hildebrandt (bis 1906) und schließlich bis 1945 eine Walcker-Orgel, die bei ihrer Einweihung 1912 die größte Kirchenorgel der Welt war. Sie wurden jeweils bei Bränden bzw. durch Bomben zerstört. Als die Gemeinde nach der Jahrtausendwende das Kirchengebäude restaurieren ließ, wurden auch die Orgeln mit einbezogen. Beauftragt wurden die beiden Orgelbauwerkstätten Freiburger Orgelbau Hartwig und Tilmann Späth sowie Orgelbau Klais Bonn, die dieses große Projekt gemeinsam über- nahmen. 
Die neobarocke Große Orgel von Steinmeyer aus dem Jahre 1962 mit ihren 86 Registern, verteilt auf fünf Manuale und Pedal, wurde als Klangdenkmal in ihrer Disposition erhalten. Allerdings gab es Veränderungen im techni- schen Bereich. So wurde das mechanische System, das die Verbindung von der Tastatur zu den Ventilen darstellt, die sogenannte Traktur, erneuert. Dabei wurden desolate „moderne“ Bauteile durch die jahrhundertelang bewährte, solide mechanische Traktur ersetzt. 
Die sogenannte Konzertorgel ist ein Instrument der dänischen Orgelbau- firma Marcussen & Son aus dem Jahre 1914. Es verfügte seinerzeit über
42 Register, verteilt auf zwei Manuale und Pedal. In den 50er Jahren wurde es durch die Firma Walcker stark verändert. Da noch genug Original- substanz vorhanden war, wurde diese Orgel bei der Restaurierung auf den Anfangszustand zurückgeführt. Dabei wurde auch der ursprüngliche pneumatische Spieltisch rekonstruiert, ebenso wie einige fehlende Register der Originaldisposition. Die Orgel erhielt zudem ihren hochromantischen, orchestralen Klang zurück. 

Die Walcker-Orgel besaß einst ein Fernwerk. Es befand sich auf dem Dachboden und schickte über einen Schallkanal und ein Schallgitter in der Kuppel Klänge im Pianissimo in den Kirchenraum. Orgelbau Klais hat 2009 ein neues Fernwerk errichtet, das an das Original erinnert, es aber nicht kopiert. Und weil eine Anbindung dieses Fernwerkes an die Instrumente im Kirchenraum nicht erfolgen sollte, wurde zusätzlich ein fünfmanualiger Zentralspieltisch auf der Konzertempore geschaffen, von dem aus alle drei Orgeln gespielt werden können. Er funktioniert elektro- nisch, was dem Organisten enorme Möglichkeiten eröffnet. 
Auf der oberen Galerie der Südempore hat Orgelbau Freiburg 2010 ein gänzlich neues Instrument eingebaut. Diese eher kleine Orgel, gewidmet Carl Philipp Emanuel Bach, ersetzt eine Chororgel aus den 60er Jahren. Sie wurde geschaffen, um kammermusikalische Werke insbesondere auch aus Renaissance und Barock aufführen zu können. Sie ist nicht vom Zentralspieltisch aus spielbar. 
Diese vier Orgeln im Hamburger Michel erklingen auf einer CD, die Kirchenmusikdirektor Christoph Schoener bei Dabringhaus und Grimm eingespielt hat. Er musiziert die Orgeltoccaten von Johann Sebastian Bach und vermittelt damit, nicht zuletzt dank der raffinierten 2222+-Aufnahme von Tonmeister Werner Dabringhaus, einen lebendigen 3D-Klangeindruck der restaurierten und der neuen Instrumente. Hier ist klar im Vorteil, wer Musik in 222-Wiedergabe hören kann. Bei der berühmten d-Moll-Toccata – Spötter nennen sie „die Epidemische“ – erklingen sogar alle drei vom Zentralspieltisch aus spielbaren Instrumente. Zwar wird man zunächst stutzen, wenn man Bach-Aufnahmen aus historisch informierter Auffüh- rungspraxis im Ohr hat. Doch allerspätestens Schoeners Interpretation der „Dorischen“ versöhnt mit diesem außergewöhnlichen Orgelporträt. Dieses Werk erinnert mich, so wie Schoener es spielt, an etlichen Stellen ungemein an Mendelssohns zweite Orgelsonate. Kuriosität am Rande: Die Mendelssohn-Orgel, eine kleine romantische Orgel mit sieben Registern, zwei Manualen und Pedal befindet sich in der Krypta, unter dem Kirchen- fußboden. Sie ist auf dieser CD nicht zu hören. 

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