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Montag, 21. Oktober 2019

Mussorgsky Tchaikovsky Pictures (Berlin Classics)

Kann man Modest Mussorgskis Bilder einer Ausstellung auf einem Akkordeon spielen? Und ob! Nikola Djoric zeigt, wie wunderbar das geht. Der Akkordeonist hält eine ganze Klangwelt zwischen seinen Händen: „Die Polyphonie einer Orgel, das singende Phrasieren einer Klari- nette, die dynamischen Nuancen eines Streichers, alles in einem vereint“, so schwärmt er von seinem Instrument. „Große Akkorde, die sich über drei Oktaven ausbreiten, sind wegen der Knopf-Tastatur mit nur einer Hand spielbar.“  
Mit dem Knopfakkordeon kann Djoric daher Klavierkompositionen von Modest Mussorgski und Pjotr Iljitsch Tschaikowski ohne weitere Bearbeitung vortragen: „Ich spiele genau das, was in den Originalnoten steht.“ Und der Zuhörer staunt über den orchestralen Klang, und das erstaunliche Farbspektrum, das Djoric dabei aufbieten kann. Die Bilder einer Ausstellung wirken so russisch und zugleich so präsent, wie noch nie. Es ist, als stünde man selbst vor Hartmanns Bildern. Faszinierend. Und auch Tschaikowskis wenig bekanntes Kinderalbum wird man erfreut entdecken. Das Beiheft übrigens bietet, als Zugabe, eine kurze Geschichte des Akkordeons – rundum interessant. Mit dieser Einspielung ist Berlin Classics wirklich ein Coup gelungen. 

Donnerstag, 23. Mai 2013

Bach: Partitas 2 & 4 - Wolfgang Dimetrik (Gramola)

Erneut legt der Ausnahme-Akkordeonist Wolfgang Dimetrik eine Aufnahme mit Werken von Johann Sebastian Bach vor. Nach den Englischen Suiten widmet er sich nunmehr Teil I der Clavir-Übung, speziell den Partiten Nummer 2 und 4 – und, sozusagen als Mittel- und Angelpunkt der CD, obendrein dem Choralvorspiel Wachet auf, ruft uns die Stimme BWV 140.
Zu allen Zeiten sind Werke Bachs für andere Instrumente bearbeitet worden. Bach selbst hat dafür einige Beispiele vorgelegt. Das Akkor- deon freilich existierte zu Bachs Zeiten noch nicht, seine Geschichte begann erst zu Beginn des 19. Jahrhunderts, vermutlich in Wien. Es war rasch in ganz Europa verbreitet. Doch erst in jüngster Vergan- genheit erhielt das Instrument auch in der "E-Musik" seinen Platz auf dem Konzertpodium.
Wolfgang Dimetrik gehört zu den Pionieren, die den Weg dafür bereitet haben. Er spielt brillant. Und wer nach den Spuren der akkordeonspezifischen Bearbeitung sucht, der muss gut zuhören: Dimetrik spielt Bachs Musik auf „seinem“ Instrument so, dass er möglichst wenig am Original verändert. Es ist kaum zu glauben, aber dem Virtuosen gelingt das ausgezeichnet. Seine Version der Engli- schen Suiten fand ich klanglich nicht so gelungen, aber Bachs Choralvorspiel sowie die gewählten Abschnitte aus Teil I der Clavir-Übung entfalten in seiner Interpretation einen geradezu hypnoti- schen Sog. So hat noch keiner die Partiten gespielt – unbedingt an- hören, es lohnt sich!

Dienstag, 3. Januar 2012

Rameau: Pièces de Clavecin; Chassot (Genuin)

"Schon immer hat mich der Klang des Akkordeons fasziniert", sagt Viviane Chassot. "Allerdings gefiel mir die Musik, die darauf gespielt wurde, überhaupt nicht. Als ich entdeckte, dass es möglich ist, auf dem Akkordeon auch klassische Musik zu spielen, schien der Weg klar." Denn mittlerweile hat das Akkordeon auch seinen Raum an den Musikhochschulen und auf dem Konzertpodium erobert. 
Viviane Chassot hat in Bern bei Teodoro Anzelotti studiert; sie hat etliche Preise gewonnen, und ist eine gefragte Solistin. Nach ihrem Debüt bei Genuin, das sie mit So- naten von Joseph Haydn bestritten hat, wählte sie nun für diese CD einige der Pièces de Clavecin aus dem reichen Werk von Jean-Phi- lippe Rameau (1683 bis1744). "Vitalität, verspielte Leichtigkeit und Witz, aber auch die tiefe Ernsthaftigkeit lyrisch angelegter Sätze machen die Suiten abwechslungsreich und lassen sehr viel Spiel- freiheit und Fantasie zu", erläutert Chassot. "Dank dem breiten klanglichen und dynamischen Spektrum des Akkordeons lassen sich die verschiedenen Affekte sehr gut umsetzen. Wie es Rameau gelingt, in kürzester Zeit die verschiedensten Szenen, Bilder, Stimmungen und Charaktere zu skizzieren und auf den Punkt zu bringen, fasziniert mich." 
Rameaus Stücke sind Kabinettstückchen, Miniaturen, die beispiels- weise einen Hühnerhof lautmalerisch imitieren - und unversehens zu einem musikalischen Bild der Eitelkeit werden. Hörbar wird aber auch, dass dieses Laster den Menschen aus dem seelischen Gleich- gewicht bringt; diese Musik ist sprunghaft, unausgeglichen und voller Unruhe. Chassot hat sich für Les Cyclopes, Le Rappel des Oiseaux und Les Soupirs aus den Pièces de Clavecin von 1724 entschieden, und für die Suite in g-Moll/G-Dur, zu der unter anderem das berühmte L'En- harmonique gehört, und eine Suite in a-Moll/A-Dur aus den Nouvel- les Suites de Pièces de Clavecin von 1728. 
Auch wenn diese Werke ursprünglich für Cembalo entstanden sind, gelingt es der Musikerin ausgezeichnet, sie auf das Akkordeon zu übertragen. Dabei löst sie sich von der Vorstellung, das Original penibel umsetzen zu müssen. "Wichtig ist mir bei der Interpretation dieser Stücke der Kompromiss zwischen stilgerechter historischer Aufführungspraxis und den spezifischen klanglichen Möglichkeiten des Akkordeons", unterstreicht Chassot. "Die Flüchtigkeit eines Kielflügels wird auf dem Akkordeon zwar nie hörbar sein, da die Tonerzeugung nicht so unmittelbar stattfindet wie auf dem Cembalo. Dennoch kann auch der Klang des Akkordeons auf berührende Weise fragil sein." 
Der Hörer dieser CD wird dies erfreut bestätigen. Man staunt darüber, welche Lösungen die Akkordeonistin jeweils gefunden hat, das Klang- bild des Cembalos adäquat auf ihr Instrument zu übertragen. Ihr Spiel ist brillant, und ihr Umgang mit dem Instrument ist blitzgescheit - das macht die Aufnahme zu einem absoluten Hörvergnügen. Brava! 

Sonntag, 15. August 2010

Bach: Minor Music - Wolfgang Dimetrik (Gramola)

Das Akkordeon wird gern als Schifferklavier belächelt - und offenbar leiden die Virtuosen an diesem Instrument unter dem proletarischen Ruf, der damit verbunden ist.
Anders ist es kaum zu erklären, dass gerade in jüngster Vergan- genheit etliche Akkordeonisten Werke Johann Sebastian Bachs eingespielt haben - über den Beethoven einst gesagt haben soll: "Nicht Bach, Meer sollte er heißen." Bach ist, zumal in Deutschland, für etliche Musiker wie für einen nicht geringen Teil des Publikums der Inbegriff höchster Kunst, Reinheit und Vollendung.
Sich dieser Tiefe zu nähern, das birgt freilich auch das Risiko des Scheiterns. Wolfgang Dimetrik wählte für seine Annäherung an Bach die Englischen Suiten BWV 807, 808 und 810. Da sie ursprünglich für Cembalo komponiert wurden, und keine Version speziell für sein Instrument existiert, hat er sich die Stücke anhand der Urtext-Aus- gabe erarbeitet, wie das Beiheft mitteilt.
Änderungen des Notentextes scheinen für das Akkordeon kaum erforderlich gewesen zu sein; mir jedenfalls erscheinen die Abwei- chungen minimal. Und Dimetrik beherrscht sein Instrument in der Tat virtuos. Dennoch vermag das Ergebnis nicht zu überzeugen; die Klangfarben, die das Akkordeon einbringt, bereichern diese Werke Bachs nicht wirklich. Auch bei wiederholtem Hören will mir diese CD nicht gefallen - tut mir leid, aber ich kann diese Aufnahme nicht empfehlen.