Montag, 2. August 2021

Fasch: Works for Keyboard (Audax)

 


Mit diesem Album wendet sich der Cembalist Philippe Grisvard dem Werk eines Kollegen zu: Carl Friedrich Christian Fasch (1736 bis 1800) ist selbst Musikhistorikern heute nur noch deshalb ein Begriff, weil er 1791 die „Singe-Academie zu Berlin“ gegründet hat. Nach seinem Tode übernahm sein Freund und Schüler Carl Friedrich Zelter die Leitung dieser ältesten heute noch existierenden gemischten Chorvereinigung. 

Carl Fasch war jedoch nicht nur ein versierter Chorleiter, sondern in erster Linie auch ein bedeutender Musiker und Komponist. Das Licht der Welt erblickte er in Zerbst, wo er bei seinem Vater, dem Bach-Schüler und Hofkapellmeister Johann Friedrich Fasch, ersten Musikunterricht erhielt. Als 14jähriger ging Carl Fasch dann nach Neustrelitz, um beim dortigen Konzertmeister Johann Christian Hertel seine Fertigkeiten im Violinspiel zu erweitern. Ein Jahr später wurde Fasch bereits Mitglied der Herzoglichen Hofkapelle. 

1756 wechselte er auf Empfehlung Franz Bendas an den preußischen Hof. Fasch wurde, ebenso wie Carl Philipp Emanuel Bach, Hofcembalist von Friedrich II. Zu seinen Aufgaben gehörte es, den flötespielenden König zu begleiten; allerdings hatte diese Glanzzeit bald ein Ende, denn das Ausbrechen des Siebenjährigen Krieges ließ die Musik verstummen. 

Unterbeschäftigt blieb Fasch auch nach dem Ende der Feldzüge. Obwohl der Monarch in seinen letzten Lebensjahren die Musik weitgehend aufgegeben hatte, verweigerte er Fasch die Entlassung. Nach dem Tode Friedrichs des Großen beließ dann sein Nachfolger Wilhelm II. Carl Fasch in Amt und Würden. Da hatte der Musiker allerdings bereits begonnen, sich mit Chormusik zu beschäftigen. 

Leider hat Fasch damals die meisten seiner Werke ins Feuer befördert. Dies trug natürlich dazu bei, dass sein Schaffen in Vergessenheit geriet. Philippe Grisvard ist nun angetreten, um dem verkannten Musiker Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Dazu hat er in Archiven nach Kompositionen des Meisters gesucht, und auch etliche Werke gefunden, die er nun auf dieser CD in Weltersteinspielungen vorstellt. 

Die Sonaten, Variationen und Charakterstücke, die Grisvard aufspüren konnte, zeigen uns Fasch als einen originellen Kopf, der aktuelle Strömungen zwar aufgreift, aber sie in eine eigene musikalische Welt integriert. Zu erwähnen ist außerdem, dass Grisvard Faschs Musik stilsicher auf einem Hammerklavier aus dem Jahre 1790 interpretiert, das dem Augsburger Instrumentenbauer Johann André Stein zugeschrieben wird. Das klangschöne Fortepiano befindet sich in der Sammlung Neumeyer-Junghanns-Tracey im Schloss Bad Krozingen. 


Popper: Cello Concertos (Naxos)


 David Popper (1843 bis 1913) gehörte zu den großen Cello-Virtuosen seiner Zeit. Über den Lebensweg des Musikers wurde in diesem Blog bereits an anderer Stelle ausführlich berichtet; er stammte aus Prag, wo er auch am Konservatorium bei dem Cellisten August Julius Goltermann studierte. 1868 wurde Popper Solocellist der Wiener Hofoper, empfohlen durch Hans von Bülow. Doch diese Stelle gab er schon fünf Jahre später wieder auf, weil er sich auf seine Konzertreisen konzentrieren wollte. 

Popper hat, wie seinerzeit üblich, auch komponiert. Ein fester Bestandteil des Repertoires angehender Cellisten sind allerdings weniger seine Konzerte als vielmehr seine teilweise höchst anspruchsvollen Etüden. Insbesondere mit der Hohen Schule des Violoncellospiels reagierte der Musiker auf die Weiterentwicklung der Spieltechnik nach der Einführung des Stachels. David Popper hat immer auch Schüler unterrichtet; er war ein gesuchter Musikpädagoge, und 1896 wurde er Professor an der Musikakademie in Budapest. 

Die vier Violoncello-Konzerte von David Popper sind leider selten zu hören. Martin Rummel, der sich schon seit etlichen Jahren intensiv mit dem Schaffen seines berühmten Kollegen auseinandersetzt, hat diese Werke für Naxos eingespielt. In seinem Spiel kombiniert er Eleganz und Kraft mit der notwendigen Virtuosität – scheinbar mühelos bewältigt Rummel all die technischen Parade-Effekte, die Popper einst in seine Konzertsätze einbaute. Ob Flageolett-Passagen oder Mehrfachgriffe, jeder Ton sitzt perfekt; und der Solist musiziert stets mit schönem Ton und beeindruckendem Ausdruck. 

Bei den drei ersten Cellokonzerten wird Martin Rummel vom Czech Chamber Philharmonic Orchestra Pardubice unter Leitung von Tecwyn Evans begleitet. Beim vierten Cellokonzert in h-Moll op. 72 entschied er sich für die Klavierversion, und musiziert gemeinsam mit Mari Kato. 

Dienstag, 27. Juli 2021

Carl Loewe und die Orgel (Querstand)


 Johann Carl Gottfried Loewe (1796 bis 1869) ist heutzutage nahezu ausschließlich als Meister der Ballade bekannt. Dass der „norddeutsche Schubert“ auch brillant Orgel spielte, liegt nahe – immerhin war Loewe 46 Jahre lang als Kantor und Organist an der Stettiner Jakobikirche tätig. Wie wichtig dem Musiker dieses Instrument war, wird auch daraus ersichtlich, dass er in seinem Testament verfügte, sein Herz solle bei seiner Orgel ruhen. 

Mit dem Orgelklang wuchs Loewe auf – sein Vater wirkte als Kantor und Organist in dem Städtchen Löbejün, nördlich von Halle/Saale, und er war auch der erste Lehrer des Knaben. Die Orgel aber, die auf diesem Album zu hören ist, hat Carl Loewe selbst nicht gespielt, denn sie wurde erst 1901 von der Orgelbauanstalt Wilhelm Rühlmann aus Zörbig in der Stadtkirche St. Petri errichtet. Sie ersetzte das Renaissance-Instrument von David Beck aus dem Jahre 1591, an dem Loewe einst seinen ersten Orgelunterricht erhielt. 

Die Rühlmann-Orgel verfügt über insgesamt 22 Register auf zwei Manualen und Pedal, mit einer pneumatischen Traktur auf Kegelladen. Sie zeichnet sich durch einen warmen, grundtönigen Klang aus, und folgt in ihrer Disposition den Idealen der Spätromantik. 2018 wurde das Instrument saniert. So erweist sich die Orgel in Loewes Geburtsort Löbejün als der perfekte Instrument für diese Einspielung. 

Irénée Peyrot, Kantor und Organist an der Marktkirche Halle/Saale – wo Loewe einst seine Ausbildung an der Latina, beim städtischen Musikdirektor Daniel Gottlob Türk und im Stadtsingechor fortsetzte – stellt auf diesem Album Orgelwerke vor, die uns den Organisten Loewe greifbar machen. Viel ist es leider nicht, was an Originalen überliefert worden ist; es finden sich lediglich einige wenige Choralvorspiele, die Loewe im „Musikalischen Gottesdienst“ einst als Übungsstücke und Vorbilder für seine Schüler notierte. 

Das Orgelspiel Loewes, von Zeitgenossen gerühmt, ist ansonsten verklungen, ohne dass Stücke notiert wurden. Um das Bild abzurunden, hat Peyrot für dieses Album daher auch Klaviermusik, einige Balladen sowie Chorsätze aus Oratorien mit herangezogen, und für Orgel bearbeitet. Er präsentiert Loewes Musik sehr ansprechend, und erstellt zugleich mit viel Feingefühl ein Porträt der Rühlmann-Orgel. Instrument und Repertoire harmonieren ausgezeichnet. Das Ergebnis ist für mich eine der schönsten Orgel-CD des Jahres. Unbedingt anhören, lohnt sich! 

Montag, 26. Juli 2021

Handel: Messiah (Accentus)


 Noch immer gehört Händels Messias zu den Hits des Repertoires. Das Oratorium erfreut sich beim Publikum und bei Musikern weltweit nach wie vor einer ungebrochenen Popularität; auch Einspielungen gibt es davon massenhaft. Dennoch hat Hans-Christoph Rademann mit Chor und Orchester der Gaechinger Cantorey der langen Reihe von Schallplatten und CD eine eigene Interpretation hinzugefügt. Anders als heute gebräuchlich, entschied sich der Dirigent für die Version des vielfach umgearbeiteten Werkes, die einst 1742 bei der Uraufführung in Dublin erklungen ist. 

Die großen Chöre Georg Friedrich Händels lässt er von einer kleinen Besetzung singen – gerade einmal fünf Sängerinnen und Sänger gehören jeder Stimmgruppe der Gaechinger Cantorey an; nur beim Bass, dem Fundament des Chorklanges, sind es sieben. Statt Wucht haben die Chöre bei Rademann ganz klare Strukturen. Jede Verzierung ist sauber ausgeführt, und auch die rasantesten Koloraturen fließen synchron, dass man nur staunen kann. Die Tempi sind zumeist flott, und auch die Rhythmen sind klar herausgearbeitet, was mitunter beinahe tänzerisch wirkt. 

Für die Arien konnte Rademann ein ebenso exzellentes Solistenquartett aufbieten. Es singen Dorothee Mields, Benno Schachtner, Benedikt Kristjánsson und Tobias Berndt. Auch hier ist nichts dem Zufall überlassen; Rademanns Interpretation steht dem Belcanto allerdings wahrscheinlich näher, als das Puristen der „Alten“ Musik gefallen wird. Mich überzeugt seine Lesart. So erscheinen die Arien oftmals von großer Innigkeit, was mich sehr berührt hat. Diese Aufnahme ist insgesamt ausgesprochen hörenswert, meine unbedingte Empfehlung! 


Sonntag, 25. Juli 2021

Markus Becker - Solitude. Haydn Piano Works II (Avi-Music)


 Zum zweiten Male hat sich Markus Becker dem Werk von Joseph Haydn zugewandt. Dieses Album zeigt uns den Musiker erneut in einer geradezu philosophischen Tiefe. Dazu hat sicherlich auch die lang andauernde Generalpause angesichts des Corona-Virus mit beigetragen: „Die Zeit ohne Konzerte in den Wochen vor der Aufnahme, der Lockdown über halb Europa, das Verschwinden des öffentlichen Lebens und der Rückzug ins Private – das hat die Sinne geschärfte für Nuancen und kleinste Farbstufen, für das Hören nach Innen.“ 

Für das Album hat Becker die Sonaten in c-Moll und in g-Moll, Hob. XVI:20 und 44, sowie die 12 Variationen Es-Dur Hob. XVII:3 und das Andante con variazioni Hob. XVII:6 ausgewählt, die besonders die ruhig-introvertierte Seite des Komponisten zeigen. Das freilich ist nur die Fassade, hinter der es durchaus sehr lebendig und vor allem auch farbenreich zugeht. 

In seiner Abgeschiedenheit („Solitude“), fernab von Wien, hat Haydn ein ganzes Kaleidoskop von Ausdrucksmöglichkeiten gefunden. „Ganz allgemein gesagt ist Haydn für mich der Komponist der Möglichkeiten, des Konjunktivs“, erläutert Becker: „Seine Musik kann ruhig fließen und gleichzeitig dramatisch sein, komisch und ernst, vorwärtsdrängend und rückblickend. Es sind Melancholie, Humor und Ambivalenzen, die seine Musik für mich zum Lebensmodell machen.“ 

Diese Nähe hört man auch. Niemand sonst spielt diese Werke derart feinsinnig und luzide. Es ist faszinierend; ich freue mich schon jetzt auf eine Fortsetzung. 


Samstag, 24. Juli 2021

Mendelssohn Bartholdy: Te Deum (Hänssler Classic)

 


Was für ein Chorklang! Wenn Frieder Bernius mit dem Kammerchor Stuttgart das Te Deum von Felix Mendelssohn Bartholdy aufführt, dann ist man beinahe geneigt zu vergessen, dass diese Vokalmusik einst nicht für einige wenige professionell trainierte Sänger, sondern für stimmgewaltige Massen von Amateuren komponiert worden ist. 

Dass diese Werke seinerzeit nicht von Profis, sondern von ambitionierten Laien – die Singakademie Berlin hatte zu Mendelssohns Zeiten mehr als 200 Mitglieder! – gesungen worden sind, lässt uns heute nur noch staunen. Dennoch entscheidet sich Bernius gegen einen derartigen Riesenchor; er vertraut nicht nur das Te Deum, sondern auch noch Mendelssohns Hora est und Ave Maria „seinem“ Kammerchor Stuttgart an. 

Eine gute Entscheidung, denn die kleine Besetzung lässt die Polyphonie dieser selten aufgeführten geistlichen Werke in einer Klarheit hervortreten, die begeistert. Es ist herrliche Musik, und sie wird hier in geradezu transzendenter Schönheit zelebriert. Ich habe jede Sekunde dieser Aufnahme genossen. Unbedingt anhören, lohnt sich! 


Freitag, 23. Juli 2021

Händel: Orlando (Pan Classics)


 Zahlreiche Opernkomponisten inspirierte einstmals das Versepos „Orlando furioso“ von Ludovico Ariosto. Georg Friedrich Händel schrieb sogar gleich drei Opern, die darauf basieren. 
Orlando schildert die Geschichte um den Ritter Roland, den seine Liebe zur chinesischen Prinzessin Angelica um den Verstand bringt. Denn sie zieht es nicht zu ihm, sondern zu dem maurischen Prinzen Medoro. In diesen wiederum ist die Schäferin Dorinda verliebt – man ahnt schon, das gibt Kuddelmuddel, und nur der Zauberer Zoroastro vermag ein böses Ende zu verhindern. 
Die unkonventionellen musikalischen Lösungen, mit denen der Komponist die aus den Fugen geratene Welt des Titelhelden darstellt, faszinieren heute sowohl das Publikum als auch die Sänger. Das Londoner Publikum hingegen und der Kastrat Senesino, der bei der Uraufführung 1733 die Titelrolle gesungen hat, zeigten sich irritiert. 
Denn der Komponist hat für seinen Bühnenstar zwar eine irrwitzige Wahnsinnsszene geschrieben. Aber Senesino wird darüber nicht sehr erfreut gewesen sein; er wird sicherlich Gelegenheiten vermisst haben, in den üblichen Da-capo-Arien eines primo uomo mit kreativen Variationen und Auszierungen seine Virtuosität zu demonstrieren. Generell folgt Händel in seinem Werk nur sehr bedingt den Konventionen der Opera seria. 
Seine Experimentierlust allerdings bereitet auch heute noch Freude: Diese Einspielung mit dem Ensemble La Grand Écurie et la Chambre du Roy unter Leitung von Jean-Claude Malgoire aus dem Jahr 2008 hat enorm viel Schwung, und interpretiert Händels hinreißende Arien mit gebührender Theatralik. 

Montag, 12. Juli 2021

Rinck: Chamber Music (MDG)


 Es muss nicht immer Beethoven sein: Auch Johann Christian Heinrich Rinck (1770 bis 1846) gehörte im vergangenen Jahr zu den Jubilaren. Dieser Name freilich wird heute kaum noch jemandem etwas sagen. Chorsängern wird vielleicht das Lied Abend wird es wieder einfallen, das Rinck nach einem Text Hoffmann von Fallerslebens geschrieben hat. Organisten kennen möglicherweise seine sechsbändige Praktische Orgelschule op. 55, die weltweit verbreitet und sehr populär war. 

Das Trio Parnassus hat sich nun Rincks Kammermusik zugewandt, und die erste CD, die bei Dabringhaus und Grimm veröffentlicht worden ist, macht deutlich, dass der Komponist aus gutem Grunde zu Lebzeiten hochgeschätzt war. Johann Christian Heinrich Rinck stammte aus dem thüringischen Elgersburg bei Ilmenau, und wurde 1786 in Erfurt Schüler von Johann Christian Kittel. 1790 trat er seine erste Anstellung an als Stadtorganist in Gießen; 1803 wurde er dort Universitätsmusikdirektor. 1805 wechselte er nach Darmstadt, wo er zunächst als Stadtorganist, Kantor und Musiklehrer am Gymnasium wirkte. 

Schon bald wurde er zudem Mitglied der Hofkapelle, 1813 Hoforganist und 1817 Kammermusikus des Großherzogs Ludwig I. von Hessen-Darmstadt. Rinck galt als einer der bedeutenden Orgelvirtuosen seiner Zeit, und auch als Orgelsachverständiger und Komponist gehörte er zu den herausragenden Persönlichkeiten der Kirchenmusikgeschichte des 19. Jahrhunderts. 

Als Enkelschüler von Johann Sebastian Bach verstand er sich selbstverständlich auf die Traditionen der barocken Polyphonie, und er verschmolz sie mit der Eleganz der Klassik und der Individualität der Frühromantik. Damit schuf er einen beeindruckenden persönlichen Stil – auch wenn er seine Werke bescheiden als Kompositionen „für meine Schüler“ ansah. 

Das Trio Parnassus präsentiert nun Rincks Kammermusik. Die Stücke, die sehr unterschiedlich sind, werden von Julia Galić, Violine, Michael Groß, Violoncello und Johann Blanchard, Piano, elegant und stilsicher vorgestellt. Es sind nicht durchweg Triosonaten. So gibt es auf Volume 1 eine Sonate très facile für Violine und Piano. Volume 2 enthält auch ein Trio für Flöte, Violoncello und Klavier, was die Musiker gemeinsam mit der fabelhaften Helen Dabringhaus an der Flöte klangschön vortragen. 

Die Aufnahmen, wie stets bei MDG auch von erstklassiger technischer Qualität, machen sehr neugierig auf jenes Repertoire, das von Musikhistorikern lange als „minderwertig“ aussortiert worden ist. Es ist immer wieder erfreulich, welche Trouvaillen zum Vorschein kommen, wenn engagierte Musiker sich nicht von Vorurteilen blenden lassen, sondern aufmerksam in die alten Noten schauen. Mehr davon, und: Bravi! 


Samstag, 10. Juli 2021

Telemann: Miriways (Pentatone)


 Für seine Oper Miriways (1728) wählte Georg Philipp Telemann (1681 bis 1767) als Schauplatz die Provinz Kandahar. Sie gehörte einst zu Persien, was aber 1722 auf einem Schlachtfeld bei Isfahan von den Afghanen besiegt worden war. Zeitungen in ganz Europa berichteten darüber, und die Leser zeigten sich fasziniert. 

Der Orient erschien verlockend, und das Exotische war in Mode – also wurde es auch auf die Opernbühne gebracht. Johann Samuel Müller, eigentlich Lehrer, aber auch ein gefragter Textdichter, nutzte das Geschehen im fernen Osten als Grundlage für ein Libretto, und Telemann schuf dazu eine Musik, die so fernöstlich klingt, wie es seinerzeit in Hamburg die Phantasie hergab. 

Auch Bühne und Kostüme waren sicherlich dementsprechend gestaltet – und Telemanns Oper um Miriways, den Fürsten von Candahar, Sophi, den Sohn des abgesetzten Schahs, und allerlei Intrigen, Ränke und Liebschaften am Hofe war damals ganz sicher ein Erfolg. Heute ist das Werk selten zu hören, was eigentlich schade ist, denn es hat schöne Melodien zu bieten, dazu interessante Charaktere, und die Handlung, in der es um Liebe, Pflicht und Wahrhaftigkeit geht, kann auch heute noch den Geist der Aufklärung verbreiten – denn darum geht es, und mag das Gewand noch so exotisch sein. 

Zum Telemann Festival Hamburg 2017 wurde Telemanns Werk in der Elbmetropole aufgeführt. Auf zwei CD präsentiert Pentatone nun einen Mitschnitt des Konzertes mit der Akademie für Alte Musik Berlin unter der Leitung von Bernard Labadie, aufgezeichnet durch den NDR in der Laeiszhalle. Es muss ein Ereignis gewesen sein; denn das Ensemble beeindruckt mit farbenreichem, ausdrucksstarkem Musizieren, und die Sänger sind ebenfalls hervorragend. Zu hören sind unter anderem André Morsch (Miriways), Robin Johannsen (Sophi), Sophie Karthäuser (Bemira), Lydia Teuscher (Nisibis) und Michael Nagy (Murzah). Vom ersten bis zum letzten Ton barockes Hörvergnügen, grandios! Bravi! 


Serenades (Deutsche Grammophon)

 

Das Zürcher Kammerorchester aus Anlass seines 75jährigen Bestehens eine Auswahl von beliebten Meisterwerken für kleine Orchesterbesetzung zusammengestellt. Hervorgegangen ist es aus einer losen Formation von Musikfreunden um den Musikstudenten Edmond de Stoutz, die sich in den 40er Jahren trafen, um gemeinsam ihrer Leidenschaft für Kammermusik zu frönen. 

Schließlich wurde daraus ein Kammerorchester, das 1945 in Zürich sein erstes öffentliches Konzert gab. Seit 2016 leitet Daniel Hope das Orchester. Seitdem spielen die Musiker zumeist ohne Dirigenten; Hope leitet das Ensemble, als primus inter pares, quasi vom Konzertmeisterpult aus. 

Das kollegiale Musizieren prägt auch diese Aufnahme mit drei weltberühmten Streicherserenaden: Die Serenade für Streicher C-Dur von Pjotr Iljitsch Tschaikowski, die Serenade für Streicher e-Moll von Edward Elgar, und Mozarts berühmte Kleine Nachtmusik sind ein schönes Geschenk an das Publikum zum Orchesterjubiläum. 


Bach: Eternity / Praise (Deutsche Harmonia Mundi)

 


Nach den Lutherkantaten, denen sich Christoph Spering mit seinen Ensembles Chorus Musicus Köln und Das Neue Orchester zum Reformationsjahr 2017 zugewandt hatte, sind mittlerweile bei der Deutschen Harmonia Mundi die beiden nächsten Doppel-CD mit Kompositionen Johann Sebastian Bachs aus dem Choralkantaten-Jahrgang 1724/25 erschienen. 

Eternity enthält O Ewigkeit, du Donnerwort BWV 20, Wer nur den lieben Gott lässt walten BWV 93, Ach Gott, wie manches Herzeleid BWV 3, Meine Seele erhebt den Herrn BWV 10, Du Friedefürst, Herr Jesu Christ BWV 116 und Meinen Jesum lass ich nicht BWV124. Das neuere Album mit dem Titel Praise fasst auf ebenfalls zwei CD die Kantaten Lobe den Herren, den mächtigen König BWV 137, Wachet auf, ruft uns die Stimme BWV 140, Ach wie flüchtig, ach wie nichtig BWV 26, Jesu, nun sei gepreiset BWV 41, Mache dich, mein Geist bereit BWV 115, und Christus, der ist mein Leben BWV 95 zusammen. 

Bach-Einspielungen gibt es viele. Diese hier kann mit exzellenten Solisten begeistern. Zu hören sind Dorothee Mields, Sopran, Olivia Vermeulen, Alt, Georg Poplutz und Benedikt Kristjánsson, Tenor, sowie Daniel Ochoa und Tobias Berndt, Bass. Textausdeutung ist allerdings nicht die Stärke dieser Aufnahme; Spering verzichtet darauf, die rhetorischen Qualitäten der Musik herauszuarbeiten. Ich hatte mir mehr erhofft; schade! 


Freitag, 9. Juli 2021

Paul Badura-Skoda - Franz Schubert (Arcana)

 


Sämtliche Klaviersonaten von Franz Schubert (1787 bis 1828), eingespielt von Paul Badura-Skoda (1927 bis 2019), bringt eine schön gestaltete CD-Box des Labels Arcana dem Klassikfreund ins Haus. Man ist beinahe geneigt, dies als musikalisches Vermächtnis des legendären Tastenkönners zu betrachten. Denn diese Aufnahmen aus den Jahren 1991 bis 1996 sind einzigartig, ja, magisch; niemand spielt Schubert so sensibel wie Badura-Skoda. 

Es gibt ohnehin kaum einen anderen Pianisten, der sich so vehement für das Werk von Franz Schubert eingesetzt hat. Der österreichische Klaviervirtuose war Schuberts Musik zeitlebens besonders verbunden. Immer wieder hat er sich intensiv mit den Kompositionen seines Landsmannes auseinandergesetzt. 

Dazu hat Badura-Skoda die verfügbaren Quellen mit Sorgfalt studiert; Einblick in seine Erkenntnisse gibt der Pianist in dem umfangreichen und hochinteressanten Beiheft zu dieser CD-Box (Texte leider ausschließlich in Englisch). Denn er schrieb zu jeder Sonate Anmerkungen nieder, die neben vielen Fakten immer auch seine ganz persönliche Sicht auf das Werk spiegeln. Seine Expertise und sein Mut waren so groß, dass er es wagte, einige fragmentarisch hinterlassene Sonatensätze zu komplettieren. Über das Ergebnis kann man nur staunen. 

Außerdem legte Paul Badura-Skoda großen Wert darauf, mit seinen Interpretationen die Klangwelt zu erschließen, die Schubert seinerzeit umgab. Deshalb nutzte er für diese Gesamteinspielung ausschließlich Instrumente, die der Komponist gekannt und geschätzt hat – zu hören sind Hammerklaviere von Donath Schöfftos (Wien, um 1810), Georg Hasska (Wien, um 1815), Conrad Graf (Wien, 1823/1826) sowie Johann Michael Schweighofer (Wien, um 1846). Das besondere Klangbild der historischen „Fortepianos“ lässt Schuberts Werke ungewohnt und neu klingen. 

So wirken beispielsweise die Bässe viel klarer, und Details werden hörbar, die der moderne Konzertflügel mit seinem ausgeglichenen Klang weit weniger deutlich werden lässt. Eine Offenbarung! Denn bei aller Noblesse haben Badura-Skodas Interpretationen stets auch Tiefe. Schubert bleibt selbst in größter Heiterkeit und Ausgelassenheit seltsam melancholisch; inmitten all der beschwingten Ländler und der schönen Melodien lauert finster der Abgrund. Wenn ich mich für eine Einspielung entscheiden müsste, dann wäre es ganz klar diese. 


Dienstag, 6. Juli 2021

Legnani: Guitar Works (Naxos)


 Luigi Rinaldo Legnani (1790 bis 1877) war nicht nur ein bedeutender Gitarrenvirtuose und Instrumentenbauer. Auch seine Kompositionen haben Maßstäbe gesetzt. 

Der Musiker, der aus Ferrara stammte, begann seine Karriere als Opernsänger. Doch schon bald konzentrierte er sich auf die Gitarre – und er gab Konzerte in vielen Musikmetropolen, ähnlich wie sein Kollege Paganini, mit dem er befreundet war. Die beiden Musiker sind sogar gemeinsam aufgetreten. Seinen Abschied als reisender Virtuose gab Legnani schließlich im Jahre 1850, und zog sich nach Ravenna zurück, wo er noch 27 Jahre lang kreativ Instrumente baute. 

Luigi Legnani hat ca. 260 Werke komponiert. Sie sind technisch meist sehr anspruchsvoll. Der italienische Gitarrist Marcello Fantoni präsentiert bei Naxos eine Auswahl daraus; verblüffenderweise als Weltersteinspielungen. Dabei haben es Stücke wie Terremoto con variazioni op. 1 (in der Tat, „Erdbeben mit Variationen“!), das virtuose Gran Capriccio op. 6 oder das Rondeau pour la guitarre op. 11 mit seinem herrlichen Thema durchaus nicht verdient, im Notenschrank zu verstauben. Marcello Fantoni zeigt, dass es sich um faszinierende Gitarrenmusik handelt, die wieder ihren Platz im Repertoire bekommen sollte. Der Gitarrist musiziert brillant, es ist eine Freude, ihm zuzuhören. 


Venturini: Concerti (Audite)


 Italienische und französische Stilelemente kombinierte Francesco Venturini (um 1675 bis 1745) in seiner Musik. Seine Concerti sind eine echte Entdeckung – voll Anmut und Eleganz, virtuos und farbenreich. Der Komponist, der wohl aus Brüssel stammte, wurde 1698 als Violinist Mitglied der kurfürstlichen Kapelle in Hannover. 1713 wurde er maestro dei concerti, und schließlich Hofkapellmeister. 
Venturinis Wirken in Hannover, wo die Dienstherrschaft größten Wert auf eine repräsentative Hofmusik legte, wurde lediglich 1718/19 kurz unterbrochen, weil ihn Herzog Friedrich II. mit der Neuaufstellung der Gothaer Hofkapelle beauftragte. Dass Venturini zu Lebzeiten hohes Renommee genoss, zeigt sich auch daran, dass seine zwölf Concerti op. 1 von dem bedeutenden Musikverleger Estienne Roger in Amsterdam gedruckt worden sind. 
Für diese CD hat das Ensemble La festa musicale drei dieser Concerti di camera ausgewählt. Komplettiert wird dieses reizvolle Programm durch eine Ouverture à 5 in e-Moll und ein Concerto à 6 in A-Dur aus schwedischen Sammlungen; letztere sowie das Concerto op. 1/2 erklingen in Weltersteinspielungen. Venturinis anspruchsvolle Musik dürfte nicht nur den Zuhörenden, sondern auch den Ausführenden Vergnügen bereiten. 
Barockmusik ist oftmals rhythmisch beschwingt und kreativ besetzt. So verwendet Venturini als konzertierende Soloinstrumente nicht nur jeweils ein oder zwei Oboen, Blockflöten und Violinen, sondern auch zwei Fagotte und zwei Celli oder auch Oboe, zwei Blockflöten und Violine. Außerdem bieten die Stücke viel Abwechslung. 
Das sorgt bei den Musikern für Spielfreude – und das norddeutsche Barockensemble La festa musicale zeigt Temperament. Durch den Einsatz zusätzlicher Instrumente steigern die Musiker den Farbenreichtum noch. Das war zu Venturinis Zeiten üblich; eine Partitur aus der Barockzeit ähnelt ohnehin eher einer Skizze, die jeweils von den Interpreten individuell ausgestaltet wird. Aufgefallen ist mir besonders der berückend schöne Ton der Holzbläser. 
La festa musicale spielt munter und lebendig, doch dies geht nicht zu Lasten der Präzision. Es wird durchweg sauber phrasiert, und perfekt artikuliert. „Wir sind alle in der historischen Aufführungspraxis ausgebildet“, meint Christoph Harer, Cellist und Ensemblesprecher, „aber wir wollen trotzdem keine Musik fürs Museum machen.“ Das gelingt bei dieser Produktion vorzüglich – was für ein Fest! 

Sonntag, 4. Juli 2021

Beethoven Unknown (Berlin Classics)


 Es ist immer wieder faszinierend, was geschehen kann, wenn große Künstler auf Entdeckungen aus sind, und sich abseits vom Standardrepertoire mit wenig bekannten Werken auseinandersetzen. So hat sich Matthias Kirschnereit zum Beethoven-Jubiläum nicht etwa die Hammerklaviersonate, sondern die Miniaturen des Komponisten auf das Notenpult gestellt. 

Das erweist sich als ein durchaus lohnendes Unterfangen, wie diese Aufnahme zeigt, die ich die Ehre habe, im 3.000 Notat in diesem Blog vorzustellen: „Es geht mir bei diesem Album darum, Werke von Beethoven, die vielfach nicht im allgemeinen Fokus stehen, in (hoffentlich!) neuem Glanze erscheinen zu lassen. Darunter auch Stücke, die nicht unbedingt zum Ziel haben, die Welt zu verändern“, schreibt der Pianist. „Ich bin kein Archäologe, der auf Dachböden stöbert oder in Bibliotheken und Archiven noch nicht Veröffentlichtes sucht und findet. Alles ist längst verlegt; das habe ich durch meine intensive Zusammenarbeit mit dem Henle-Verlag und der Wiener Urtext Edition bestätigt gefunden. Dann habe ich mich an die Zusammenstellung gemacht – und kam aus dem Staunen nicht heraus.“ 

Denn auch kleine Stücke können Meisterwerke sein. Kirschnereit interpretiert sie mit Sorgfalt, und er zeigt so, wieviel Poesie in ihnen steckt. Die Anmerkungen machen deutlich, dass in diesen kurzen Stücken auch sehr viel privater Beethoven aufzufinden ist. Hochspannend! Ich finde, dies ist eine der schönsten Einspielungen zum Beethovenjahr. 


Mozart - Albrecht Mayer (Deutsche Grammophon)

 

Albrecht Mayer spielt Mozart – und mit dieser CD erfüllt er sich einen Herzenswunsch, der ihn schon etliche Jahre begleitet. Dennoch hat er sich mit dieser Aufnahme ganz bewusst Zeit gelassen, berichtet der Oboist: „Obwohl ich die meisten der Stücke auf diesem Album schon seit meiner frühen Jugend in mir trage, fühle ich mich doch erst jetzt wirklich reif für ihre absolute Gefühlstiefe.“ 

Aus dem großen Schatz der Melodien des Komponisten hat Mayer seine Favoriten mit Sorgfalt ausgewählt, und präsentiert auf dieser CD nun sechs Arrangements für Oboe, Oboe d’amore oder Englischhorn sowie eine eigens in Auftrag gegebene vervollständigte Version des Oboenkonzerts in F-Dur KV 293. 

An dieses Experiment wagte er sich gemeinsam mit dem befreundeten Schweizer Komponisten Gotthard Odermatt, der das im Original lediglich 61 Takte umfassende Fragment – 50 Takte Orchester, und elf Takte Solostimme – ergänzt und so ein gut elfminütiges Konzertstück im Stile Mozarts sensibel nachempfunden hat.

Auch Matthias Spindler hat mit seinen Bearbeitungen dazu beigetragen, das Oboen-Repertoire kreativ zu erweitern. So sind neben dem bekannten Ave verum corpus KV 618 und der Solo-Motette Exsultate, jubilate KV 165 auch zwei Konzertarien Mozarts in neuen Arrangements zu hören. Das Konzert für Flöte und Harfe in C-Dur KV 299 wurde zu einem Konzert für Oboe und Cembalo in B-Dur, und das Rondo in C-Dur KV 373, ursprünglich für Violine und Orchester, komplettiert das Programm, das Albrecht Mayer gemeinsam mit der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen und Vital Julian Frey, Cembalo/Orgel/Hammerflügel, eingespielt hat. 

Einmal mehr begeistert der Oboist durch musikalisches Feingefühl, technische Perfektion, enormes Ausdrucksvermögen und durch einen herrlichen, beseelten Ton. Er gestaltet wunderbare Melodiebögen, und findet nicht nur in den Kadenzen Gelegenheit, auch seine Virtuosität unter Beweis zu stellen. Bravi! 


Samstag, 3. Juli 2021

Starry night (Berlin Classics)


 Klänge von überirdischer Schönheit – das ist für das Signum Saxophone Quartet offenbar musikalischer Alltag. Gemeinsam mit dem Schlagzeuger Alexej Gerassimez erkunden die vier Bläser den Kosmos – und sie entdecken dabei höchst interessante Werke, von Claude Debussys Clair de Lune über Gustav Holsts Die Planeten bis hin zu Melodien von John Williams. Auch zwei gänzlich neue Stücke, Rebirth von Alexej Gerassimez und Connectome von John Psathas, loten Möglichkeiten aus, die sich aus der Kombination von Percussion und Saxophon-Sound ergeben. Great! 


Light for the World (Decca)

 

Sie tragen Habit und Schleier, und sie haben sich einem Leben in Armut, Demut und Kontemplation verschrieben – The Poor Clares of Arundel gehören zum Orden der Klarissen, gegründet einst von der heiligen Klara von Assisi. 

Der Konvent besteht aus ca. 20 Nonnen, die abgeschieden auf dem Land in der Grafschaft Sussex leben. Ihren Lebensunterhalt verdienen sie sich, indem sie Ikonen malen, Holz gestalten, Kerzen herstellen oder liturgische Gewänder. 

Diese freundlichen, zumeist älteren Damen haben nun bei Decca ein Album mit Melodien veröffentlicht, die ihren Alltag begleiten. "As you listen, we hope the words and music will linger in your hearts and minds, and be a source of blessing", schreiben sie im Beiheft. Danke, das ist wirklich sehr nett. Warum man allerdings immer wieder versuchen muss, gregorianische Gesänge „dezent mit atmosphärischen Klängen“ zu unterlegen, ist mir ein Rätsel. 


Buxtehude: Early Organ Works (MDG)

 

Harald Vogel, Professor an der Hochschule für Künste Bremen, ist mit der norddeutschen Orgelmusik und auch mit der Orgellandschaft vertraut wie kaum ein anderer. Er hat zahlreiche Aufnahmen eingespielt, Orgelwerke wichtiger Komponisten ediert, als Orgelsachverständiger Kirchgemeinden bei der Erhaltung und Restaurierung ihrer Instrumente unterstützt, Neubauprojekte begleitet, und vieles mehr. Die Liste seiner Schüler ist lang und 2018 ehrte die Hansestadt Lübeck Harald Vogel mit dem Buxtehude-Preis – eine Auszeichnung mit Symbolkraft, denn in jenem Jahr jährt sich der Dienstantritt Dieterich Buxtehudes an der Lübecker Marienkirche zum 350. Male. 

In der Tat hat sich Harald Vogel wie kein zweiter um das historische Orgelspiel und ganz speziell um das Werk Buxtehudes verdient gemacht. So hat er für MDG auf 17 historischen Orgeln eine Gesamtaufnahme der Kompositionen des großen norddeutschen Organisten eingespielt. 

Die frühesten Überlieferungen der Orgelwerke Buxtehudes finden sich im Codex E. B., entstanden 1688 in Dresden. Diese Handschrift enthält sowohl Werke aus der italienisch-süddeutschen als auch der norddeutschen Orgeltradition. MDG fasste, passend zur Preisverleihung, seinerzeit sämtliche Buxtehude-Werke aus dem Codex auf einer CD zusammen. Dabei erklingt, als Rarität, die Ersteinspielung einer Sonate mit obligater Gambe, entstanden als Musik zur Kommunion. Sie wird von dem renommierten Gambisten Thomas Fritzsch gemeinsam mit Vogel gespielt. 

Das eigentlich spannende aber an dieser Neuedition ist die Vielfalt der Orgeln: Nacheinander erklingen Instrumente, die Buxtehude selbst gespielt hat, wie die Orgeln in Torrlösa, Helsingör, Hamburg-St. Jacobi und Lübeck-St. Jacobi, sowie weitere Orgeln, die Buxtehude möglicherweise besucht hat, im Dom zu Roskilde sowie in Pilsum, Norden-St. Ludgeri und die rekonstruierte Orgel im Herrenhaus Damp. Zu erleben sind die unterschiedlichsten Stimmungen und Register. Damit vermittelt die CD einen Eindruck von der farbenreichen Klangwelt, in der sich Buxtehude einst bewegte. Hochinteressant! 


Freitag, 2. Juli 2021

Ensemble Nobiles - vollxlied (Discors)


 Es kommt selten vor, aber es gibt Vokalformationen, die sind wie ein guter Wein: Mit jedem Jahr werden sie besser. Dieses Phänomen jedenfalls ist bei dem Leipziger Ensemble Nobiles zu beobachten. Ihr neues Album heißt „vollxlied – Made in Germany“, und es ist, soviel sei gleich verraten, dem Herrenquintett gut gelungen. 

Zwar distanzieren die Gesangsprofis sich mit dem Titel, ein wenig ironisch, von dem Repertoire, das sie für ihr jüngstes Album ausgewählt haben. Doch musikalisch haben Paul Heller, Countertenor, Christian Pohlers, Tenor, Benjamin Mahns-Mardy, Bariton, Lukas Lomtscher, Bassbariton und Lucas Heller, Bass, einmal mehr viel zu bieten. 

Das beginnt bei der stimmlichen Qualität und auch Bandbreite, die den fünf Herren zur Verfügung steht. Und es endet noch nicht bei der Liedauswahl, die dramaturgisch geschickt aufeinander folgt und zudem viel Abwechslung bietet. Denn die Chorsätze reichen von Friedrich Silcher bis Max Reger, und auch die Ensemblemitglieder selbst haben mit schöner Stilsicherheit (und manchmal auch Witz) so manche Bearbeitung beigetragen. Sehr hörenswert! 


Schubert: Works for Piano Duo (Genuin)

 


Musik von Franz Schubert (1797 bis 1828) präsentiert das Duo Lontano auf dieser CD. Babette Hierholzer und Jürgen Appell haben dafür ein hochinteressantes Programm zusammengestellt. Kurioserweise ist nur das letzte Stück, die Fantasie f-Moll D 940 original für Klavierduo entstanden. Es ist ein großartiges Werk, das zu den schönsten Stücken gehört, die jemals für Klavier zu vier Händen entstanden sind. 

Ein berühmtes Streichquartett steht am Anfang und auch im Mittelpunkt dieses Albums: Das d-Moll-Quartett D 810 Der Tod und das Mädchen hat kein geringerer als Robert Franz (1815 bis 1892) für Klavierduo bearbeitet. Die Transkription lässt erkennen, wie sehr Schubert beim Komponieren vom Klavier aus gedacht hat – und die beiden Pianisten musizieren mit dem gebührenden Ausdruck. Sehr beeindruckend. 

Zwischen diesen beiden Großwerken erklingt das Notturno Es-Dur D 897, wahrscheinlich ursprünglich ein Bestandteil des Klaviertrios D 898. Die Version für Klavier vierhändig, die das Duo Lontano für diese Einspielung ausgewählt hat, stammt von Josef von Gahy (1793 bis 1864). Der Wiener Hofbeamte war mit Schubert befreundet, und musizierte gemeinsam mit ihm als sein Klavierpartner auf den „Schubertiaden“. Bei seiner Transkription integrierte er die beiden Streicher auf geniale Weise in den Klavierpart, den er dafür neu strukturierte. 

Indem er sich streng an Schuberts Original orientierte, schuf er ein eigenständiges Werk, das dem Vorbild aufs Schönste gerecht wird. Vielen Dank an das Duo Lontano, das auch auf dieser CD wieder mit seinen Entdeckungen begeistert. 


Donnerstag, 1. Juli 2021

Carnival of the Animals (Decca)


 Der britische Cellist Sheku Kanneh-Mason sowie seine Schwester Isata Kanneh-Mason, eine exzellente Pianistin, sind bereits mit Solo-Alben präsent. Nun laden die beiden jungen Musiker gemeinsam mit ihren ebenfalls sehr talentierten Geschwistern zum Karneval der Tiere ein. 

The Kanneh-Masons sind ein Phänomen; alle sieben Kinder musizieren sehr hörenswert: Animata und Braimah spielen Violine, Mariatu und Sheku Violoncello, Isata, Jeneba und Konya Klavier. Die fünf älteren Kanneh-Mason-Geschwister bilden zusammen mit Gastmusikern das Karneval-der-Tiere-Ensemble. Für die Aufnahme wurde dieses Familienorchester noch durch einige Profis verstärkt – das bringt neben Viola und Kontrabass auch so exotische Klänge wie Xylophon und Glasharmonika mit ins Spiel, was schöne Klangeffekte ermöglicht. 

Michael Morpurgo hat zu der beliebten Musik von Camille Saint-Saëns launige Verse geschrieben, die er gemeinsam mit der Schauspielerin Olivia Colman auch gleich selbst vorgetragen hat. Und weil’s so schön war, folgt auf der CD noch eine zweite Geschichte für alle Kinder, die im Englisch-Unterricht sehr gut aufgepasst haben: Morpurgos Grandpa Christmas, begleitet durch populäre klassische Musik wie Rimski-Korsakows Hummelflug, Tschaikowskis Tanz der Zuckerfee oder Eric Whitacres The Seal Lullaby, das in einer neuen Bearbeitung von allen sieben Kanneh-Mason-Geschwistern gespielt wird. 

Die Rolle des Großvaters spricht erneut der Autor selbst, und er klingt wirklich sehr sympathisch-großväterlich; als Enkelin ist Mariatu Kanneh-Mason zu hören, mit elf Jahren die jüngste der Geschwister. Sie können aber nicht nur klassisch-brav, wie Bob Marleys Redemption Song beweist, den The Kanneh-Masons zum Abschluss als Bonus in einem eigenen Arrangement spielen. Aufgenommen wurde das Album in den Londoner Abbey Road Studios. 


Dienstag, 29. Juni 2021

Tchaikovsky: Sleeping Beauty (Sony)


 Konzerte des Baltic Sea Philharmonic sind stets ein Ereignis. Gegründet wurde dieses ganz besondere Orchester 2008 für das Usedom Musikfestival. Die jungen Musiker unter Leitung von Kristjan Järvi musizieren mit einer Leidenschaft und Präsenz, die allein schon ausreichen würde, das Publikum mitzureißen. Sie kommen aus allen Ländern, die an die Ostsee angrenzen, von Norwegen bis Russland, und sie spielen alle Programme auswendig. 

Obwohl eine CD natürlich ´nicht das perfekte Medium für die Multimedia-Show ist, die das Baltic Sea Philharmonic in seinen Konzerten üblicherweise bietet, können auch die Einspielungen des Orchesters überzeugen. Jüngstes Projekt: Sleeping Beauty; der Titel wirkt fast wie ein ironischer Kommentar zur aktuellen Situation der Musikszene. Doch das konnte im März 2019, als dieser Mitschnitt in St. Petersburg aufgezeichnet wurde, natürlich noch niemand ahnen. 

Es geht also um Peter Tschaikowskis Dornröschen, im Original mit einer Spieldauer von fast drei Stunden. Järvi hat die Ballettmusik zu einer Dramatic Symphony zusammengefasst, wobei sein Arrangement die Magie der bekannten Szenen und Tänze nicht beschädigt. So kommen die Fliederfee und Prinzessin Aurora ebenso zu ihrem Recht wie die böse Fee Carabosse und Prinz Desiré sowie die vielen Märchenfiguren, die durch den dritten Akt tanzen. Dennoch ist es Järvi gelungen, die Musik zu einer etwa 70-minütigen Fassung zu verdichten. 

Dieses umfangreiche Stück ohne Noten aufzuführen, das war für die Musiker mit Sicherheit keine geringe Herausforderung. „Die Aufführung aus dem Gedächtnis hat unsere Beziehung zu Tschaikowskys Musik verändert“, berichtet Marzena Malinowska, Stimmgruppenführerin der Bratschen. „Wenn man als Musiker Ballettstücke oder Opern spielt, dann ist man meistens im Orchestergraben versteckt und die Stars der Show sind die Tänzer oder die Sänger, die die Geschichte auf der Bühne erzählen und lebendig machen.“ Bei den Aufführungen mit dem Baltic Sea Philharmonic aber sind die Musiker die Stars. „In diesem Moment fühlt man sich unglaublich verbunden miteinander und mit dem Publikum“, so Malinowska. „Man spürt die Kraft des Publikums, man fühlt die Kreativität, Energie und Einzigartigkeit.“ Das macht einen Unterschied, der auch zu hören ist. 


Montag, 28. Juni 2021

Carl Loewe: Piano Music, Volume two (Toccata Classics)


 Carl Loewe (1796 bis 1869) galt zu Lebzeiten als „norddeutscher Schubert“. Heute ist der Komponist nur noch Kennern und Liebhabern des Kunstlieds aufgrund seiner berühmten Balladen ein Begriff. 

Dass er auch ein beachtliches Klavierwerk geschaffen hat, das beweist Linda Nicholson mit einer Reihe von Aufnahmen, die britische das Label Toccata Classics nun in Co-Produktion mit dem WDR veröffentlicht. 

Auf diesem Album, es ist das zweite der Reihe, wurden vier Stücke zusammengefasst, die deutlich werden lassen, dass Loewe zu den wichtigsten Komponisten der Romantik gehört – durchaus an die Seite von Koryphäen wie Franz Liszt, Johannes Brahms oder Edvard Grieg. 

Zu hören sind Frühling. Eine Tondichtung in Sonatenform op. 47, Biblische Bilder op. 96, die Grande Sonate Brillante in Es-Dur op. 41 und die Abendfantasie op. 11, letztere in Erstaufnahme. Linda Nicholson spielt diese Werke stilsicher auf einem herrlichen Originalinstrument von Erard aus dem Jahre 1839, das sich im Besitz des WDR befindet. Was für ein Klang!  


Schöne, strahlende Welt - Peter Schreier (Berlin Classics)


 Auf diesem Album präsentiert sich Peter Schreier einmal nicht als Evangelist, als Tamino oder Belmonte. Der berühmte Dresdner Tenor hat sich an jene musikalische Schatzkiste herangewagt, die üblicherweise mit einem gewissen Naserümpfen der Unterhaltung zugerechnet wird – und er balanciert dabei stilsicher auf der Kante zwischen Kitsch und Kunst: Wer kann, der kann! 

Mit seiner phantastischen Stimme veredelte Schreier diesen krassen Mix aus Schlager und Operette. Wenn er Kálmáns Grüß mir die süßen, die reizenden Frauen anstimmt, dann sehnt sich wohl jeder nach Wien. O sole mio lässt das Publikum von Venedig träumen. 

Und bei Granada zückt dann das Große Rundfunkorchester Berlin unter Robert Hanell die Kastagnetten. Die Aufnahme betört auch sonst mit leinwandbreitem Sound – warum also im Schlosspark schwitzen, wenn man ganz entspannt zu Hause solche Spitzentöne genießen kann? 

Herzlichen Dank an Berlin Classics, die diese bunte Wundertüte aus dem Jahre 1977 im Archiv aufgespürt und, sorgsam remastert, wieder auf CD gebracht hat. 


Avi Avital - Art of the Mandolin (Deutsche Grammophon)


 Manchmal sind die Wege des Lebens seltsam verschlungen, aber gerade dann führen sie oftmals zum Ziel. Eine solche Geschichte berichtet Avi Avital im Beiheft seines aktuellen Albums. Sie hat mich sehr beeindruckt, weil sie zeigt, welch faszinierende Wirkungen der Zufall haben kann. 

Ein solcher Zufall nämlich war es, dass der Geiger Simcha Nathanson nach seiner Übersiedelung aus der Sowjetunion in seiner neuen Heimat Beer Sheva im Keller der Musikschule einige Mandolinen fand. Als Geigenlehrer wurde er dort nicht gebraucht. Aber dem begnadeten Pädagogen gelang es, ein exzellentes Jugend-Mandolinenorchester aufzubauen. Dort musizierte in jungen Jahren auch Avi Avital,. Und weil die Mandoline wie eine Violine gestimmt ist, gab es auch keine Probleme, geeignete Literatur zu finden: Nathanson legte seinen Schülern einfach Geigenmusik aufs Pult. 

Da die Mandoline zwar populär ist, aber in der Klassikwelt eher nicht so verbreitet, hat Avital im Konzert jahrelang vor allem Arrangements gespielt. Für diese CD aber hat der Mandolinenvirtuose nun erstmals ein Programm zusammengestellt, das ausschließlich aus Originalkompositionen besteht. Es reicht von Antonia Vivaldis höchst reizvollem Konzert für zwei Mandolinen, Streicher und Basso continuo RV 532 über die Sonata a tre für Mandoline, Gitarre und Cembalo von Paul Ben-Haim (1897 bis 1984) bis zu einem Prelude for Solo Mandolin von Giovanni Sollima (*1962). 

Zu hören sind zudem das Adagio ma non troppo in Es-Dur für Mandoline und Harfe von Ludwig van Beethoven (1770 bis 1827), Death is a Friend of Ours von David Bruce (*1970), die Sonate für Mandoline und Basso sontinuo K 89 von Domenico Scarlatti (1685 bis 1757) und Carillon, Récitatif, Masque für Mandoline, Gitarre und Harfe von Hans Werner Henze (1926 bis 2012). 

„I have created this album to paint a portait of the mandolin as I have never done before“, berichtet Avi Avital im Beiheft. „To tell a story – an unfinished story – of an instrument at once familiar and unknown.“ Im Zusammenspiel mit dem Venice Baroque Orchestra sowie Alon Sariel, Mandoline, Anneleen Lenaerts, Harfe, Sean Shibe, Gitarre, Yizhar Karshon, Cembalo, Patrick Sepec, Violoncello und Ophira Zakai, Theorbe, zeigt der Musiker, dass die Mandoline kein Kuriosum ist, sondern ein interessantes Instrument, das mit seinem charakteristischen Klang eine ganz besondere Farbe einbringt. Das Album vermag zu überzeugen, bravi! 


Sonntag, 27. Juni 2021

Royal. Stefan Koim (Musicaphon)


 Königliche Klänge stehen im Mittelpunkt der zweiten CD von Stefan Koim. Der Gitarrist, der unüberhörbar ein Faible für spanische Spieltechnik hat, kombiniert auf diesem Album die berückende Musik des Renaissance-Lautenisten John Dowland (1536 bis 1626) mit bedeutenden Werken aus der Gegenwart. 

So stehen drei Lautenfantasien Dowlands neben dem Nocturnal after John Dowland op. 70 von Benjamin Britten (1913 bis 1976), acht Variationen über Come, heavy Sleep – wobei das Thema in diesem Falle erst ganz zum Schluss erklingt. 

Auf drei Tänze Dowlands folgt dann eine Komposition von Hans Werner Henze (1926 bis 2012): Royal Winter Music nimmt Bezug auf Figuren von William Shakespeare, und ebenfalls auf Dowlands Lautenmusik. Die Second Sonata on Shakespearean characters lässt Junker Bleichenwang, den Weber Bottom aus dem Sommernachtstraum (der trotz Eselskopf glücklich in Titanias Armen liegt) und die dem Wahnsinn verfallene Lady Macbeth auftreten. „die in diesem stück auftretenden dramatis personae treten durch den klang der gitarre hindurch wie durch einen theatervorhang“, schrieb Henze dazu. „mit ihren masken, ihren stimmen und gesten sprechen sie zu uns von großen leidenschaften, von zärtlichkeiten, traurigem, komischem, seltsamen dingen im leben der menschen, dahinein mischen sich flüsternd die stimmen der geister.“ 

Koim befreit sie aus den Buchseiten und bringt sie in unsere Zimmer. Sein Spiel ist magisch, dramatisch, ungemein lebendig. Alles wirkt schlüssig und unangestrengt, technische Komplexität scheint es für ihn nicht zu geben. Grandios. 


Cole Porter - A Celebration (SWR Music)

 

Diesen Komponisten zu feiern, ist zweifellos eine hervorragende Idee. Doch was heißt Komponist – Cole Albert Porter (1891 bis 1964) war ein Multitalent. Notfalls schrieb er seine Lieder komplett selbst. Und was für Lieder! 

Wann immer ich diese CD in den Player lege, geht die Sonne auf, und der Tag beginnt zu swingen; wer diese Melodien anhören kann, ohne gute Laune zu bekommen, der muss fürwahr aus Holz sein. Porters Melodien beeindrucken mit Leichtigkeit, Eleganz und Drive. Viele seiner Songs wurden zu Evergreens, und seine Texte sind ebenfalls eine Klasse für sich. 

Auch die Sänger schätzen diese Lieder – so hat Ella Fitzgerald Cole Porter gleich zwei Alben gewidmet. Louis Armstrong und Frank Sinatra haben seine Songs ebenfalls gern gesungen. Etliche Melodien von Cole Porter wurden zu Jazz-Klassikern. Kann eine klassisch ausgebildete Sopranistin diesen Repertoireschätzen gerecht werden? 

Juliane Banse gelingt dies wunderbar. Die Sängerin macht kleine Opernrollen daraus, und gestaltet diese mit hörbarem Vergnügen – ironisch, munter swingend, mitunter auch energisch, und Banse kann durchaus auch lasziv. 

Der Arrangeur, Komponist, Chorleiter und Kirchenmusiker Lars J. Lange hat die Melodien des Amerikaners liebevoll und mit Witz für Orchester arrangiert. Und die Deutsche Radio Philharmonie, dirigiert von Dorian Wilson, musiziert mit  Leidenschaft. Bravi! 


Samstag, 22. Mai 2021

Bill Evans On The Organ (MDG)

 

Lässt sich Musik eines Jazzpianisten auch auf der Orgel spielen? David Schollmeyer, Kantor und Organist an der Bürgermeister-Smidt-Gedächtniskirche in Bremerhaven, stellt mit der vorliegenden Aufnahme unter Beweis, dass es mitunter funktioniert – und, wenn es um Stücke von Bill Evans geht, sogar ganz ausgezeichnet. 

Für seine Einspielung hat Schollmeyer Musik aus allen Schaffensphasen des legendären Jazzpianisten ausgewählt, darunter auch fünf Jazz-Walzer. Er bringt zudem das Kunststück fertig, mit diesem Programm zugleich ein beeindruckendes Porträt der Beckerath-Orgel zu verbinden – ein echter audiophiler Ohrenschmaus für jazzferne Orgelfreunde ebenso wie für orgelferne Jazzfreunde, wirbt das Label Dabringhaus und Grimm. 

Dieser Einschätzung kann ich mich an dieser Stelle anschließen. Denn auch die technische Qualität der Aufnahme von Werner Dabringhaus und Reimund Grimm sowie Tonmeister Holger Schlegel ist einmal mehr berückend; die Super Audio CD vermittelt tatsächlich den Eindruck, dass man sich in der Kirche befindet. Faszinierend! Das wollte ich an dieser Stelle noch ganz besonders hervorheben. Rundum gelungen. 


Romantic Music for Oboe, Bassoon and Organ (Brillant Classics)

 

Experimentierfreudig waren Komponisten auch im 19. Jahrhundert. Den Beweis dafür tritt das Trio Andrea Palladio auf dieser CD an, aufgenommen im Dom von Malo in Vicenza. Zu hören sind Michele Antonello, Oboe, Steno Boesso, Fagott, und Enrico Zanovello an der Giovanni Lorenzi Orgel aus dem Jahre 1878 – eine seltene Instrumentenkonstellation, die sich allerdings als höchst attraktiv erweist. 

Als besondere Entdeckung präsentieren die Musiker ein virtuoses Capriccio per fagotto e organo von Giuseppe Verdi (1813 bis 1901) in Weltersteinspielung. Doch auch die Werke seiner Zeitgenossen Théodore Lalliet (1837 bis 1892), Heinrich Molbe (1835 bis 1915), Carl Friedemann (1862 bis 1952), Stanislas Verroust (1814 bis 1863) und Eugène Jancourt (1815 bis 1901) sind überaus originell, und man fragt sich, wie es möglich sein kann, dass Werke von einer solchen Qualität derart in Vergessenheit geraten. Unbedingt anhören, lohnt sich! 


Freitag, 21. Mai 2021

Trio Viaggio - Frouwentränen (Perfect Noise)


 Liebe und Leid, Verehrung und Verbannung stehen im Mittelpunkt dieses Albums des Trio Viaggio. Annette John, Barbara Heindlmeier und Tanja Ofterdinger haben ein schönes Programm zusammengestellt, das vom 15. Jahrhundert bis in die Gegenwart und von Guillaume Dufay über John Playford und Joseph Bodin de Boismortier bis zu Johann Mattheson reicht. 

Das Trio Viaggio stellt auch zwei zeitgenössischer Werke vor, die eigens für das Blockflötentrio geschaffen worden sind – Komposition Nr. 76 (Madrigal) von Erwin Koch-Raphael (*1949) und Ahínnu von Samir Odeh Tamimi (*1970). 

Der Titel des Albums täuscht – es geht keineswegs nur um Jammer und Klage. Die meisten Stücke auf der CD wirken recht beschwingt. So gelingt es den Musikerinnen bereits bei den beiden Playford-Tänzen, aus einer kurzen einstimmigen Melodie ein Arrangement zu erschaffen, das die Füße zucken und die Seele tanzen lässt. Magisch! 


beyond words - Felix Klieser (Berlin Classics)

 

Dass Musik, die ursprünglich für Sängerinnen und Sänger geschrieben worden ist, auch als Sprache ohne Worte funktioniert, beweist Felix Klieser mit diesem Album. Dazu hat der Hornist bekannte Melodien von Bach, Vivaldi, Händel und Gluck ausgewählt. Gemeinsam mit dem Ensemble Chaarts Chamber Artists aus der Schweiz erkundet Klieser die Stücke, und gestaltet jeweils ganz unterschiedliche musikalische Welten. 

In Händels berühmtem Halleluja oder in Vivaldis Gloria übernimmt er den Part des Chores, klar vom Orchester abgesetzt. In vielen Arien, am schönsten sicherlich in Bachs Erbarme dich aus der Matthäus-Passion, tritt er in einen spannungsvollen Dialog mit dem Orchester – und gelegentlich wird er auch ein Teil davon. 

Farbenreich und außerordentlich einfühlsam spürt Felix Klieser dem musikalischen Gehalt der Kompositionen nach; er kombiniert barocken Affekt und romantischen Hornklang. Eine interessante Kombination, und ein Album zum Träumen und Schwelgen. Barock-Puristen freilich wird diese CD eher nicht begeistern. 

Donnerstag, 20. Mai 2021

Vivaldi x2 (Avie Records)

 


 Barockmusik ist oft zugleich Experimentalmusik – neue Formen, neue Instrumente und jede Menge spannende Klangfarben waren zu erkunden, und die Komponisten waren dabei sehr erfindungsreich: Warum ein Violinkonzert schreiben, wenn man auch eines für zwei Hörner, zwei Oboen, Fagott, Violine und Violoncello komponieren kann? 

Im Werk von Antonio Vivaldi (1678 bis 1741) finden sich dafür viele schöne Beispiele, und auf dieser CD präsentiert das Ensemble La Serenissima um Konzertmeister Adrian Chandler eine abwechslungsreiche Auswahl von – mindestens – Doppelkonzerten. Musiziert wird brillant und mit Esprit. Viel Vergnügen! 

Dienstag, 18. Mai 2021

A Dream (Genuin)

 


Noch vor hundert Jahren war es selbstverständlich, dass Virtuosen im Konzert eigene Werke spielten. Pianisten glänzten gern auch mit Improvisationen über populäre Melodien oder Phantasien über besonders anspruchsvolle Stücke von bekannten Kollegen. Damit boten sie einem sachkundigen Publikum anspruchsvolle Unterhaltung, und sie konnten unter Beweis stellen, dass sie nicht nur über eine exzellente Technik verfügten, sondern vor allem auch selbst kreativ waren. 

Improvisation auf einem hohen musikalischen Niveau darf man heutzutage wohl nur noch von Jazzpianisten und von Kirchenmusikern erwarten; dort ist das Improvisieren nach wie vor Bestandteil der Ausbildung. Unter klassisch trainierten Pianisten hingegen gilt es bereits als spektakulär, im Konzert eine eigene Kadenz zu spielen. 

Jürgen Geiger beweist auf seiner aktuellen CD bei Genuin, dass die Kombination aus Klavier und Kirchenmusik durchaus produktiv sein kann. Er hat eine Auswahl virtuoser Klavierliteratur in romantischer Tradition zusammengestellt, die auch Salon-Pièces durchaus nicht verschmäht. (Was unseren Vorvätern Vergnügen bereitet hat - warum soll dies heute eigentlich auf dem Konzertpodium nur noch sehr am Rande, als Zugabe, gespielt werden?) Nicht wenige dieser Werke hat Jürgen Geiger selbst, ganz in der Tradition der alten Virtuosen, bearbeitet. Und einige hat er gänzlich selbst komponiert. 

So erklingt Geigers Musik in einer Reihe mit Stücken von Franz Liszt oder von Leopold Godowsky und Vladimir Horowitz. Der Pianist musiziert mit überragender Technik, Gespür für Klang und Sinn für Dramatik. Ganz großes Kino. 


Sonntag, 16. Mai 2021

Fremde Heimat (Oehms Classics)


 Das Wandern und der Wanderer sind zentrale Sujets der deutschen Romantik. Der Reiz der großen weiten Welt, die Entdeckungslust und der Verlust von Heimat – das sind Erfahrungen, die nicht nur die Dichter, sondern auch Komponisten zu großartigen Werken bewegt haben. Rafael Fingerlos hat eine Liedauswahl zusammengestellt, die vom frohen Aufbruch über die Begegnung mit der Fremde bis hin zur Entfremdung vom Beschreiten des Lebensweges erzählt. 
Die CD macht deutlich, dass abseits von Schuberts Winterreise viel zu entdecken ist. Rafael Fingerlos gelingen zudem sensible, tiefgreifende Liedinterpretationen – und Sascha El Mouissi begleitet den Bariton feinfühlig am Klavier. 

Samstag, 15. Mai 2021

Songbook (Sony)

 


Gitarre und Violoncello? Diese CD beweist, dass es sich dabei um eine überaus reizvolle Kombination handelt. Jan Vogler, ein exquisiter Cellist, musiziert gemeinsam mit dem finnischen Gitarristen Ismo Eskelinen – man lauscht, staunt und fragt sich, warum diese Besetzung eigentlich derart ungebräuchlich ist. 

Denn klanglich harmonieren die beiden Instrumente ausgezeichnet, und auch im Ausdruck bieten sie viele Möglichkeiten: Sowohl Gitarre als auch Violoncello können fein nuanciert große Melodiebögen spannen; sie können aber auch rhythmische Impulse setzen, oder sich hart und schneidend behaupten. 

„Die Gitarre verleiht der Musik eine wunderbare Struktur und läuft – anders als es beim ungleich mächtigeren Klavier gelegentlich der Falle sein kann – nie Gefahr, das Cello mit seinem singenden Charakter zuzudecken“, erläutert Jan Vogler. „Manchmal geht die Gitarre in Führungsposition und forciert die rhythmische Komponente, so dass die melodiösen Linien dadurch auch mal in den Hintergrund treten. Dieses Dialogische und die natürliche, organische komplementäre Ergänzung beider Instrumente, das hat mich sehr gereizt.“ 

Die beiden Virtuosen eröffnen das Album mit einem Cantabile von Niccolò Paganini, komponiert ursprünglich für Geige und Gitarre. „Ich habe so wenig wie möglich geändert“, so Vogler. „Ich spiele lediglich eine Oktave tiefer.“ Auch sonst bietet diese CD Überraschendes – von Astor Piazzollas Histoire du Tango über Werke von Manuel de Falla, Maurice Ravel, Heitor Villa-Lobos bis hin zu den wundervollen Drei Nocturnes von Friedrich Burgmüller. Diese Werke für Violoncello und Gitarre, erschienen 1840, betrachtet Vogler als „einen Glücksgriff“ – der Komponist habe „die klanglichen Möglichkeiten im Zusammenspiel beider Instrumente genau erkannt und nutzt sie im besten Sinne aus.“ 

Ein Originalwerk ist auch die Sonate des Brasilianers Radamés Gnattali. Alles andere sind Bearbeitungen – aber diese sind hervorragend: „Bei den hier ausgewählten Tangos wirkt die Musik ganz anders als mit Flöte oder Geige“, unterstreicht Vogler, „gerade was die dunklen Qualitäten, die tiefrote Glut oder das Verruchte von Piazzollas Musik betrifft.“ Das kann nur bestätigt werden. 

Doch meine ganz persönlichen Lieblingsstücke auf der CD sind Moon River von Henri Mancini, und last but not least Gymnopédie No. 1 von Erik Satie. Das Hörvergnügen wird noch durch die ausgezeichnete technische Qualität der Aufnahmen verstärkt. Rundum ein Genuss! Unbedingt anhören. 


Piano Lessons - Christoph Eschenbach (Deutsche Grammophon)


 Einen großen Musiker erkennt man oft daran, dass er auch scheinbar simple Stücke mit derselben Sorgfalt spielt wie die Virtuosenliteratur. Ein Beispiel dafür bietet diese faszinierende Box, in der auf 16 CD so ziemlich alles zu hören ist, was ein Klavierschüler üblicherweise im Unterricht übt. 

Die Box enthält zahlreiche Klassiker der Klavierpädagogik, von Ferdinand Beyers Vorschule im Klavierspiel über Johann Sebastian Bachs Inventionen, Wolfgang Amadeus Mozarts Sonata facile bis hin zu Ludwig van Beethovens berühmter Mondscheinsonate oder den Liedern ohne Worte von Felix Mendelssohn Bartholdy. 

Burgmüller, Czerny, Clementi, Diabelli – Christoph Eschenbach zeigt mit seinen Interpretationen, dass selbst Etüden und Sonatinen sehr viel Spaß machen können. Der Pianist, heute Chefdirigent des Berliner Konzerthausorchesters, hat diese Kollektion Mitte der 1970er Jahre eingespielt. Sie war bisher aber nur als Japan-Import erhältlich. 

Umso mehr freut man sich darüber, dass diese liebevollen Interpretationen nun für jedermann verfügbar sind. Die Sammlung bietet Musikfreunden fast 17 Stunden Hörvergnügen, und allen Klavierschülern vielfältige Anregungen – denn sämtliche Noten sind über die bekannte Noten-App Tomplay Sheet Music zugänglich, und als Bonus liegt der Box ein Zugangscode bei. Super! 


Dienstag, 16. Februar 2021

Handel: Serse (Deutsche Grammophon)

 


Ein exzellentes Sängerensemble, Sinn für dramatische Effekte und dazu ein Faible für die Sinnlichkeit barocker Klangwelten – das bietet diese Neueinspielung der Oper Serse von Georg Friedrich Händel. Die Titelrolle singt Franco Fagioli. Und wie! Vom populären Ombra mai fu bis hin zur nicht minder berühmten Wutarie Crude furie gibt der argentinische Countertenor der ganzen Palette an Affekten musikalischen Ausdruck. Franco Fagioli lässt uns Händels barockes Spektakel neu hören. Und auch das italienische Barockensemble Il Pomo d’Oro trägt unter Leitung von Maxim Emelyanchev zum Hörvergnügen bei. Hinreißend! 

Bach & Piazzolla (Berlin Classics)


 Bach und Piazzolla kombiniert Nikola Djoric miteinander auf einem Album. Der serbische, in Österreich lebende Akkordeonist hat gemeinsam mit dem Kurpfälzischen Kammerorchester unter der Leitung von Hans-Peter Hoffmann sowohl Bachs Cembalokonzerte BWV 1058 und 1052 als auch Piazzollas bekanntes Konzert für Bandoneon „Aconcagua“ eingespielt. Dabei legt er besonderen Wert auf die Feststellung, dass alle Werke originalgetreu auf seinem Konzertakkordeon erklingen – jede einzelne Note ist an ihrem Platz. 

„Das Instrument bietet mit seiner Fähigkeit zum Singen und seiner Komplexität einen unvergleichlichen Reiz“, erläutert der Akkordeonvirtuose. „Stellen Sie sich vor: Ein Blasinstrument, das beim Ein- und Ausatmen polyphon spielt und den Klang in der Luft entstehen lässt; ein Tasteninstrument, das Töne wie Streicher mit dem Bogen phrasieren kann, mit zwei unterschiedlichen Manualen, über 500 Tönen, 20 Klangregistern und einem Musiker, der mit allen zehn Fingern spielt und frei atmen kann – das ist das Knopfakkordeon, es singt und atmet.“ 

Dieses „Atmen“ bekommt vor allem Bachs Cembalokonzerten ausgezeichnet, die im Original oftmals etwas hektisch klingen. Das Akkordeon bringt einerseits Farbe, andererseits wirkt auch die Phrasierung auf einmal ganz neu und interessant. Unbedingt anhören, es lohnt sich! 


Eight Seasons Evolution - The Twiolins (Solo Musica)


Eigentlich hatten sich die Twiolins vorgenommen, ausschließlich Originalkompositionen für Violinduo zu spielen. Und damit viele attraktive Stücke neu entstehen, die sowohl die Virtuosen als auch das Publikum begeistern, hatten Marie-Luise und Christoph Dingler sogar einen Kompositionswettbewerb ins Leben gerufen. 
Doch im Repertoire gibt es natürlich ebenfalls Werke, die Musiker herausfordern. Inspiriert durch Gidon Kremer, der sich immer wieder mit Kompositionen von Astor Piazzolla auseinandergesetzt hat, haben die Twiolins nun ihre eigenen „Eight Seasons“ kreiert. Dazu hat Christoph Dingler die wohl berühmtesten Violinkonzerte überhaupt, die Vier Jahreszeiten von Antonio Vivaldi, für Violinduo bearbeitet. 
Ich habe mir die Noten angeschaut – und bin hin und weg. Wie er die Solopartie und die diversen Orchesterstimmen auf zwei Geigen verteilt hat, das ist nicht nur hörens-, sondern vor allem auch sehenswert. Denn es geht fair zu; es sind wirklich zwei gleichberechtigte Duo-Stimmen entstanden. 
Spieltechnisch wird das dann allerdings recht anspruchsvoll; doch auf der CD ist davon nichts zu spüren. Marie-Luise und Christoph Dingler musizieren grandios. Es sind nicht zwei Solisten zu erleben, die gemeinsam auftreten, sondern tatsächlich ein Duo, das wie aus einem Gedanken agiert. Die Geschwister spielen seit vielen Jahren in dieser Formation, und sie haben dabei eine Reife entwickelt, die sehr beeindruckt. Mittlerweile haben die Twiolins sogar einen unverwechselbaren, typischen Klang. 
Das Konzept dieses Programms ist einzigartig: Nach jedem Satz aus Vivaldis Vier Jahreszeiten erklingt ein Stück von Astor Piazzolla. So entsteht ein Dialog mit ganz eigenen Reizen. Barockmusik und Tango – das passt erstaunlich gut zueinander. Besonders wahrnehmbar wird dies beim Herbst, wo die Jahrhunderte scheinbar ineinander fließen. Und was sind schon Genregrenzen, wenn es um Musik einer solchen Qualität geht? 

Sonntag, 24. Januar 2021

Berlin! Organ Works by Berlin Composers (MDG)

 


Wenn es um Orgelmusik von Berliner Komponisten des 19. Jahrhunderts geht, dann ist Andreas Sieling ohne Zweifel Experte. Der Kirchenmusiker schrieb seine Promotion über August Wilhelm Bach (1796 bis 1869), der einst an der Berliner Marienkirche wirkte, Orgellehrer von Felix Mendelssohn Bartholdy war, und kein Angehöriger der berühmten Musikerfamilie. 

Für diese CD hat er allerdings Werke von anderen Berliner Organisten ausgewählt – eingebettet in drei Präludien und Fugen op. 37 von Felix Mendelssohn Bartholdy erklingen Kompositionen von Otto Dienel (1839 bis 1905), Franz Wagner (1870 bis 1929), August Haupt (1810 bis 1891) sowie Philipp Rüfer (1844 bis 1919). 

Es sind einige Raritäten darunter, wie die Konzertfuge des Orgelvirtuosen August Haupt, die bisher noch gar nicht in einer Aufnahme vorlag. Auch die Orgelsonate in g-Moll op. 16 von Philipp Rüfer erklingt in Weltersteinspielung. 

Sieling ist seit 2005 Domorganist in der Hauptstadt, und am Berliner Dom steht ihm mit der großen Orgel von Wilhelm Sauer, die 1905 mit dem Gebäude eingeweiht worden ist, das perfekte Instrument für diese Musik zur Verfügung. Seinerzeit war diese Orgel mit 7.269 Pfeifen und 113 Registern, die sich auf vier Manuale und Pedal verteilen, die größte in Deutschland. Das spätromantische Instrument, errichtet damals als Bravourstück der modernsten technischen und musikalischen Möglichkeiten der deutschen Orgelbaukunst, folgt dem Orchesterklang als Klangideal. Die größte Orgel des bedeutenden Orgelbauers ist glücklicherweise trotz aller Bombenschäden am Gebäude so gut erhalten geblieben, dass sie restauriert und dabei wieder in den Originalzustand gebracht werden konnte. 

Seit 1993 ist sie wieder spielbar, und Sieling verdeutlicht mit dieser Einspielung, welch überwältigende Nuancen und welche Vielfalt an Farben das Instrument ermöglicht. Für jedes der höchst unterschiedlichen Werke findet er den passenden Klang, und die Aufnahme erfasst zudem die Akustik des Doms so prägnant, dass man meint, im Kirchengestühl zu sitzen. Auf die Spitze getrieben wird dies bei der Zugabe – dabei sind die Türen geöffnet, und die Geräusche der Stadt mischen sich mit der Musik. Keine Frage: Das ist Berlin! 


Cembaless - Passacaglia della Vita (Naxos)


 Dass historische Klänge unglaublich modern wirken können, beweist das Ensemble Cembaless mit seinem Debüt bei Naxos: Passacaglia della Vita feiert die vielen Facetten des Lebens – Verführung und Liebeskummer, Verrat und Vergänglichkeit, aber auch Lebensfreude, Witz und Humor. Die Stücke, die die jungen Musiker vorstellen, sind geprägt vom sogenannten Ostinato, einer Bassfigur, die ständig wiederholt wird. Das lädt zum Improvisieren ein – und man staunt, wie stark diese „Alte“ Musik doch durch Pattern geprägt wird, die so gar nicht altertümlich wirken. 

Elisabeth von Stritzky, Sopran, Annabell Opelt und David Hanke, Blockflöten, Shen-Ju Chang, Viola da gamba, Stefan Koim, Barockgitarre und Erzlaute, Robbert Vermeulen, Theorbe und Syavash Rastani, mit diversem orientalischen Schlagwerk, haben ein abwechslungsreiches Programm zusammengestellt, das sie hinreißend präsentieren. Sie zeigen, wie lebendig man mit historischen Instrumenten musizieren kann – unbedingt anhören, absolut faszinierend! 


Samstag, 16. Januar 2021

Masterpieces Among Peers (Tyxart)


 Zwei Spätwerke kombiniert das Namirovsky-Lark-Pae Trio auf diesem Album: Es erklingen die überarbeitete Version des Klaviertrios Nr. 1 op. 8 von Johannes Brahms (1833 bis 1897) und das Klaviertrio Nr. 2, H. 178 von Frank Bridge (1879 bis 1941). 

Diese Zusammenstellung „mag auf den ersten Blick als eine seltsame Wahl erscheinen“, räumt Misha Namirovsky ein. Doch das Anliegen des Pianisten ist es, gemeinsam mit Tessa Lark, Violine, und Deborah Pae, Violoncello, sowohl das Publikum als auch die Musikerkollegen auf Bridges Komposition aufmerksam zu machen. 

Deshalb stellt das Ensemble bei seinem CD-Debüt sein Klaviertrio neben Brahms‘ beliebtes und bekanntes Werk. Die Aufnahme vermag in jeder Hinsicht zu überzeugen.