Sonntag, 17. November 2019

Triumvirat (Querstand)

Johann Schenck, August Kühnel und Conrad Höffler waren einst berühmte Gambenvirtuosen. Dass ihre Namen heute nur noch Insidern ein Begriff sind, hat seinen Grund wohl darin, dass sie nicht am Hofe des Sonnenkönigs wirkten, sondern an diversen deutschen Höfen. Auf dieser CD zeigt Juliane Laake mit ihrem Ensemble Art d’Echo, dass sie dennoch an Kunstfertigkeit ihren französischen Kollegen in nichts nachstanden. 
August Kühnel (1645 bis um 1700), Sohn eines mecklenburgischen Kammermusikers, erhielt seine erste Anstellung bereits im Alter von 16 Jahren am Hofe des Herzogs Moritz von Sachsen-Zeitz. 1665 reiste er nach Frankreich, und nach dem Tode seines Dienstherrn im Jahre 1681 ging Kühnel nach England. 1682 und 1685 musizierte er in London, wo er als Barytonspieler großen Erfolg hatte. In Deutschland trat er als Virtuose in Darmstadt, Dresden , Weimar und München in Erscheinung. 1695 wurde Kühnel Kapellmeister am Hofe des Landgrafen zu Hessen-Kassel; 1698 veröffentlichte er dort seine 14 Sonate ò Partite ad una o due viole da gamba, con il basso continuo. Damit verliert sich dann seine Spur. 
Conrad Höffler (1647 bis 1696) wuchs gemeinsam mit Johann Philipp Krieger in Nürnberg auf, wo er auch eine Ausbildung bei dem Gambisten Gabriel Schütz absolvierte. Höffler wirkte in Bayreuth und Ansbach; 1676 wechselte er an den Hof des Herzogs zu Sachsen-Weißenfels, wo er bis an sein Lebensende blieb. 1695 veröffentlichte Höffler unter dem Titel Primitiæ chelicæ eine Sammlung von zwölf Suiten für Viola da gamba und Basso continuo. 
Über den Lebensweg von Johann Schenck (1660 bis nach 1712) wurde in diesem Blog bereits an anderer Stelle ausführlich berichtet; er wirkte am Hofe des Kurfürsten Johann Wilhelm von der Pfalz, und war als Musiker offenbar ebenso begabt wie als Diplomat, was ihm sowohl Reputation als auch Wohlstand einbrachte. So war Schenck in der Lage, seine Kompositionen drucken zu lassen. 
Juliane Laake hat aus dem Schaffen dieser drei bedeutenden Gambenvirtuosen Werke ausgewählt, die den hohen Rang dieser Meister bestätigen. Die Musik, die sie mit ihrem Ensemble Art d’Echo inspiriert vorträgt, begeistert durch Eleganz und Esprit – und die Einspielung ist zugleich ein hinreißendes Plädoyer für das Stöbern in alten Notenbeständen! Auch in der Musikgeschichte gibt es abseits ausgetretener Pfade offenbar doch noch viel Lohnendes zu entdecken...

Samstag, 16. November 2019

Mayr: Stabat mater in F minor (Naxos)

Mit dem zweiten Teil der Motetten sowie dem Stabat mater in f-Moll und zwei kleineren Kompositionen, Eja mater in F-Dur und Ave maris stella in G-Dur, setzt das Label Naxos sich erneut für die Wiederentdeckung des Schaffens von Johann Simon Mayr (1763 bis 1845). Über den Lebensweg dieses Komponisten wurde in diesem Blog bereits an anderer Stelle berichtet. 
Mayr stammte aus Bayern, doch in die Musikgeschichte ging er schließlich nach seiner Auswanderung nach Italien als einer der produktivsten Komponisten der Belcanto-Ära ein. Er schrieb aber nicht nur enorm viele Opern, sondern auch eine Vielzahl geistlicher Werke – und diese beiden CD machen einmal mehr deutlich, dass Giovanni Simone Mayr sehr zu Unrecht so wenig bekannt ist. 
Franz Hauk setzt sich seit Jahren mit großem Engagement für die Wiederentdeckung seines Werkes ein. Hauk ist es beispielsweise gelungen, aus zwei unvollständigen Manuskriptfassungen Mayrs Stabat Mater zu rekonstruieren. Es wurde 2014 in Ingolstadt erstmals wieder aufgeführt, und wird hier als Weltersteinspielung veröffentlicht. Das ist großartige Kirchenmusik, hinreißend, effektvoll. Und auch die Motetten sind von enormem melodischen Reichtum. Man staunt immer wieder über neue Ideen, die der Komponist auch beim vierten Salve Regina noch zu Papier brachte. Ganz erstaunlich! 

Händel: Concerti grossi op. 3 (Hänssler Classic)

„Der Fetisch ,Originalinstrument' hat ausgedient, nicht aber der profund gebildete Fachmann, der ein Orchester in die Tiefendimension der Kompositionen führt. Denn nicht das Instrument macht die Musik, sondern der Kopf!“ Reinhard Goebel ist ein Freund klarer Worte, und klarer Strukturen. Im Beiheft zu dieser CD gibt er einmal mehr eine fundierte Werkseinführung, und seine überlegene Repertoire-Kenntnis kommt natürlich dann auch der Einspielung zugute: Mit Händels Concerti grossi op. 3 beginnt bei Hänssler Classic eine Serie von Neuaufnahmen barocker Musik. Die Berliner Barock Solisten zeigen unter Leitung von Reinhard Goebel, dass auch scheinbar gut bekannte Werke durchaus noch neue Facetten offenbaren können. 

Dienstag, 12. November 2019

Bach: Concertos for Organ and Strings (Ramée)

Wenn Konzerte für Orgel und Orchester von Johann Sebastian Bach überliefert wären – wie würden diese wohl klingen? Eine Antwort auf diese Frage geben Bart Jacobs und das Ensemble Les Muffatti auf der vorliegenden CD – und das gar nicht so spekulativ, wie zunächst vermutet. 
Zwar sind heute nur noch Bachs Konzerte für Orgel solo bekannt, hauptsächlich nach Werken von Antonio Vivaldi. Bekannt ist zudem, dass er in Leipzig, und zwar mit dem studentischen Collegium musicum, im Zimmermannischen Kaffeehaus diverse Cembalokonzerte aufgeführt hat. In Dresden spielte Bach 1725 auf der neuen Silbermann-Orgel in der Sophienkirche und beeindruckte das Publikum dabei mit „diversen Concerten mit unterlauffender Doucen Instrumental-Music“, so ein zeitgenössischer Zeitungsbericht. 
Musikwissenschaftler vermuten, dass er dabei Musik vorgetragen hat, die er dann auch in seinen Kirchenkantaten verwendete. Denn unter den Kantaten aus dem Jahre 1726 finden sich auffällig viele Werke mit obligater Orgel. Es wird angenommen, dass Bach in den Sinfonie Sätze von Instrumentalkonzerten bearbeitet hat aus seiner Weimarer und Köthener Zeit, die nicht überliefert sind; einige davon verwendete er später erneut für seine Cembalokonzerte. 
Bart Jacobs hat nun dieses Material genutzt, um dreisätzige Konzerte für Orgel und Streicher hypothetisch zu rekonstruieren. Er zeigt außerdem anhand von drei Sinfonie, wie gut sie sich mit Orgel und Orchester aufführen lassen. Dazu hat er Bachs Arrangements mit großer Sorgfalt studiert, und seiner eigenen Arbeit zugrunde gelegt. 
Das Ergebnis ist rundum überzeugend. Wenn man nicht wüsste, dass es sich um eine Rekonstruktion handelt, würde man die Werke ohne weiteres Bach zuschreiben.  Musiziert wird ebenfalls sehr schön. Die Thomas-Orgel in der Liebfrauen- und Sankt-Leodegar-Kirche zu Bornem in Belgien – ein modernes Instrument, nachempfunden der Silbermann-Orgel im sächsischen Rötha – bietet dem Organisten ausreichend Klangvarianten zum Konzertieren. Und Les Muffatti sind Bart Jacobs ein exzellenter Partner. Aufnahme und Beiheft sind, wie stets bei Ramée, ebenfalls vorbildlich. Wer Bachs Musik schätzt, der sollte diese CD unbedingt anhören, es lohnt sich! 

Sonntag, 3. November 2019

Sonatas for two violins (Audax)

Zwei Geigen sind fast schon ein Orchester – den Bass jedenfalls vermisst man nicht bei den virtuosen Musikstücken, die Johannes Pramsohler und Roldán Bernabé auf dieser CD vorstellen. Das Programm führt uns in das 18. Jahrhundert, nach Frankreich, und das meinte damals: Paris. Wer es als Musiker zu etwas bringen wollte, den zog es in die Hauptstadt – und hervorragende Geiger scheint es damals etliche gegeben zu haben. 
Pramsohler und Bernabé haben aus einem umfangreichen Bestand an Kompositionen à deux violons sans basse eine spektakuläre Auswahl zusammengestellt. Sie spielen Musik von Louis-Gabriel Guillemain (1705 bis 1770), Jean-Pierre Guignon (1702 bis 1774), Jean-Marie Leclair (1697 bis 1764) und Étienne Mangean (um 1710 bis vermutlich 1756), die sehr zu Unrecht in Vergessenheit geraten ist. 
Diese Stücke bezaubern durch Eleganz und Charme, sie bieten den beiden Solisten aber auch hinreichend Gelegenheit, ihre Virtuosität unter Beweis zu stellen. Denn technisch sind diese Kompositionen höchst anspruchsvoll, die Herausforderungen sind enorm. Und zwar für jeden der beiden Duo-Partner. „Die Rollenverteilung ist in den meisten Werken dieselbe“, schreibt Pramsohler: „Beide Geiger sind gleichberechtigt. Jeder ,darf' mal Melodie und jeder ,muss' mal Bass machen. Oft – vor allem beim französischen Meister des Kontrapunkts Leclair – sind die Stimmen auf so intelligente Weise ineinander verflochten, dass man als Zuhörer Mühe hat, die beiden Spieler auseinanderzuhalten.“ 
Das Ergebnis aber ist hinreißend: „Man glaubt es kaum, wieviel Klang ohne ein Bassinstrument entstehen kann“, stellt Johannes Pramsohler fest – und der Zuhörer wird zudem staunend feststellen, wie abwechslungs- reich man auf zwei Geigen musizieren kann. C'est très magnifique – bravi!

Donnerstag, 31. Oktober 2019

Byrd: Cantiones Sacrae (CRD)

William Byrd (um 1540 bis 1623) war nicht nur ein Zeitgenosse von William Shakespeare; seine Werke waren ebenso populär wie die des Dichters, und sein Lebensweg erscheint aus heutiger Sicht ähnlich rätselhaft. Er war zunächst Organist der Lincoln Cathedral, und er wirkte ab 1572, gemeinsam mit Thomas Tallis, als Organist der Chapel Royal in London. Thomas Morley war einer seiner Schüler. 
William Byrd schrieb Madrigale ebenso wie Motetten; auch Musikstücke für Virginal sowie für Streicher und andere Instrumentalisten sind erhalten geblieben. Etwa 500 seiner Kompositionen sind überliefert; den größten Anteil hat dabei die Kirchenmusik. 
Die vorliegende Box bietet auf insgesamt drei CD eine Werkauswahl aus drei seiner bedeutenden Notendrucke: Cantiones, quae ab argumento sacrae vocantur aus dem Jahre 1575, Liber Primus Sacrarum Cantionum von 1589 und Liber Secundus Sacrarum Cantionum von 1591. Zu hören ist The Choir of New College Oxford, in dem sich unter Leitung von Edward Higginbottom Generationen von Studenten mit den Motteten Byrds beschäftigt haben. Auf jeder der drei CD ist eine andere Besetzung zu hören; dennoch bleibt der Chorklang erstaunlich konstant – und Byrds Musik ist noch heute ein Ereignis.

Mittwoch, 30. Oktober 2019

Baermann: Music for Clarinet and Piano (Brilliant Classics)

Heinrich Joseph Baermann (1784 bis 1847) und sein Sohn Carl Baermann (1810 bis 1885) zählen zu den bedeutendsten Klarinettisten der Musikgeschichte. 
Heinrich Baermann wirkte zunächst in Preußen am Hof von Prinz Louis Ferdinand; später wechselte er an den Hof von König Max Joseph in München. Konzertreisen quer durch Europa machten Heinrich Baermann berühmt. 
Seiner Freundschaft mit Felix Mendelssohn Bartholdy verdanken wir grandiose Werke, die noch heute von Klarinettisten mit Begeisterung gespielt werden. Wie viele Virtuosen seiner Zeit, komponierte Heinrich Baermann aber auch selbst. 
Baermanns wichtigster Schüler war sein Sohn Carl, der ab 1827 ebenfalls in der Münchner Hofkapelle musizierte, und nicht nur als Solist, sondern auch als Musikpädagoge sehr erfolgreich war. Seine Vollständige Clarinettenschule ist bis heute im Gebrauch, und seine Kompositionen stehen hinter denen seines Vaters nicht zurück, wie die vorliegende CD beweist. 
Der italienische Klarinettist Dario Zingales – gefragter Solist, Mitglied der Bläserphilharmonie Mozarteum und Lehrer am Mozarteum Salzburg – spielt gemeinsam mit dem Pianisten Florian Podgoreanu Werke von Vater und Sohn Baermann für Klarinette und Klavier. So bearbeitete Carl Baermann sechs Lieder von Franz Schubert für sein geliebtes Rohrblatt- instrument. Dario Zingales hat zudem sechs Weltersteinspielungen für das Programm ausgesucht, in dem er mit sanglichem Spiel die Vorzüge der Klarinette gekonnt zur Geltung bringt. 

Across The Lake (Genuin)

Sie kommen längst nicht mehr nur vom Bodensee, und sie haben eine gemeinsame Leidenschaft: Das Ensemble Lake Brass, gegründet 2010 als Hornquartett, ist heute mit zwölf Hörnern, zwei Tenorhörnern, Tuba und drei Schlagzeugern üppig besetzt. Seit 2017 wird Lake Brass von Norbert Stertz, Professor für Horn an der Hochschule für Musik Detmold, geleitet. Und die Musiker stammen aus vielen verschiedenen Ländern. Auf ihrer ersten CD bei Genuin präsentieren sie einen satten Blechbläsersound mit imposantem Fundament. Was für eine Tiefblechgruppe! 
Das Programm ist abwechslungsreich. Zu hören ist Filmmusik von Hans Zimmer, Steve Jablonsky, Trevor Jones, John Powell und John Williams, dazu Sinfonisches von Gustav Mahler, Kammermusik von Dmitri Schostakowitsch, Felix Mendelssohn Bartholdys berühmter Chor Abschied vom Walde in einem Arrangement für Lake Brass, und auch zwei Premieren sind dabei: Die Bodensee Fantasie von Kerry Turner und Zerberus von Alexander Reuber, speziell für das Ensemble geschrieben, erklingen in Weltersteinspielung. Man staunt einmal mehr darüber, wie nuancen- und farbenreich Blechbläser musizieren können. Es ist herrlich, der Sound ist großartig, das kann man mit Worten gar nicht erfassen. Wer den Hörnerklang liebt, der sollte sich diese CD auf gar keinen Fall entgehen lassen. 

Montag, 28. Oktober 2019

Freimaurermusik (Berlin Classics)

Die Aura des Geheimnisvollen begleitet die Freimaurerei von ihren Anfängen bis in die Gegenwart. Bekannt ist, dass viele Logen die Musik schätzten und förderten. Weit weniger bekannt ist die Tatsache, dass offenbar von den Freimaurern selbst auch gesungen wurde. Der Musik, die Logenbrüder dafür schufen, widmet sich das Ensemble Vocal Concert Dresden unter Leitung von Peter Kopp auf der vorliegenden CD. Die Herren des renommierten Kammerchores werden dabei vom Dresdner Instrumental-Concert auf zeitgenössischen Instrumenten stilecht begleitet; so erklingt beispielsweise ein Hammerklavier anstelle eines modernen Flügels. Das sorgt für ein faszinierendes Flair, und auch die Sänger schaffen es, so schlicht zu singen, dass man vermeint, tatsächlich Freimaurer zu hören. Die meisten der eingespielten Werke sind zudem außerhalb der Zeremonien, für die sie seinerzeit entstanden sind, noch nie erklungen. 

Mireille Mathieu - Mes Classiques (Sony)

Wohl jeder Klassikfreund hat seine Lieblingsmelodien, und mitunter lässt man sich vielleicht auch dazu hinreißen, laut mit dem Orchester mitzusingen. Doch während Sie und ich das in den heimischen vier Wänden tun, möglicherweise beim Putzen oder aber unter der Dusche, hat ein Weltstar ein Album daraus gemacht: Mit „Mes Classiques“ erfüllt sich Mireille Mathieu einen Lebenstraum und zollt ihren liebsten klassischen Werken Tribut. Sie wählte bekannte Melodien von Komponisten wie Tschaikowsky, Mozart, Brahms, Schubert, Fauré und Händel aus und ließ sie von Textern und Arrangeuren zu Liedern umarbeiten. 
Wer also schon immer einmal hören wollte, wie Mireille Mathieu, mit ihrer charakteristischen Stimme, das Thema aus Tschaikowskis erstem Klavierkonzert, César Francks Panis Angelicus oder aber Händels berühmte Arie Lascia ch'io pianga anstimmt, dem sei dieses Album empfohlen. Wir lauschen respektvoll (gesungen wird immerhin in sieben verschiedenen Sprachen!) und freuen uns über das Beiheft mit vielen Fotos, die die Sängerin in großer Robe in der Prager Burg zeigen. 

Freitag, 25. Oktober 2019

Böddecker: Sacra Partitura (Christophoris)

Im Jahre 1652 wurde Philipp Friedrich Böddecker (1607 bis 1683) Organist an der Stiftskirche Stuttgart, Württembergs wichtigstem Gotteshaus, Grablege der im benachbarten Schloss residierenden Herzöge. Schon sein Vater Joachim Böddecker war über anderthalb Jahrzehnte Leiter der Stiftsmusik gewesen; er hatte gemeinsam mit dem Stiftsorganisten Johann Ulrich Steigleder seinen Sohn auch ausgebildet, so dass dieser ab 1621 verschiedene Aufgaben übernehmen konnte. Philipp Friedrich Böddecker war zunächst Organist und Gesangslehrer im elsässischen Buchsweiler, dann ab 1629 Organist und Fagottist bei Hofe in Darmstadt sowie zeitweise Mitglied der markgräflich badischen Hofkapelle in Durlach. 
1632 sollte Böddecker dann Organist an der Frankfurter Barfüßerkirche werden – doch erst 1638 ließ ihn der Landgraf aus Darmstadt gehen. Und schon 1643 erhielt der Musiker den ehrenvollen Ruf als Organist an das Straßburger Münster; fünf Jahre später wurde er dort zusätzlich Universitätsorganist und Universitätsmusikdirektor. In Straßburg komponierte er auch die Sacra Partitura, die er Württembergs musikliebender Herzogin Sibylla widmete. Auf dieser CD präsentiert das Ensemble I Sonatori eine Auswahl aus dieser Sammlung, die neben zwölf Motetten und für Solostimme auch zwei Solo-Sonaten enthält. 
Die kleine Besetzung nimmt noch Rücksicht auf knappe Ressourcen, denn auch in den Jahren nach dem Dreißigjährigen Krieg mussten viele Kantoreien und Kapellen mit beschränkten Möglichkeiten auskommen. Dennoch ist die Musik, die damals komponiert wurde, alles andere als eine Verlegenheitslösung – man denke nur an den Dresdner Hofkapellmeister Heinrich Schütz und seine Kleinen Geistlichen Konzerte. Auch Böddecker verwendet für seine Werke einen modernen, an italienische Vorbilder anknüpfenden Stil. In den Motetten der Sacra Partitura verbindet er meisterhaft kontrapunktische Stimmführung, subtile Textauslegung mit den Mitteln der Musik, und den Generalbass als Fundament. 
Komplettiert wird das Programm durch Instrumentalwerke von Johann Ulrich Steigleder und Samuel Friedrich Capricornus. Und die Frühbarock-Spezialisten des Ensembles I Sonatori – Tenor Knut Schoch, Christa Kittel, Violine, Ursula Bruckdorfer, Bassdulzian, Isolde Kittel-Zerer, Truhenorgel und Cembalo, sowie Barbara Messmer, Viola da gamba, musizieren mit Leidenschaft. Sehr hörenswert! 

War & Peace - 1618:1918 (Deutsche Harmonia Mundi)

Andreas Hammerschmidt neben Friedrich Hollaender, Samuel Scheidt und Heinrich Schütz neben Hanns Eisler – auf dieser Doppel-CD bringt die Lautten Compagney höchst unterschiedliche Musikstücke zusammen. Zwei Jahreszahlen verbinden die Zeithorizonte: 1618 begann der Dreißigjährige Krieg, und 1918 endete der Erste Weltkrieg. Beide verwüsteten ganze Regionen Europas und brachten die Menschen in Not und Elend. 
„Angst“, „Katastrophe“, „Vergäng- lichkeit“ und „Sehnsucht“ stehen als Überschriften über den vier Kapiteln, in denen die Musiker um Wolfgang Katschner sowohl Barockmusik als auch Klänge aus dem frühen 20. Jahrhundert miteinander kombiniert haben. Sopranistin Dorothee Mields gibt sowohl den Klageliedern als auch der Hoffnung auf Frieden und auf ein friedvolles Leben Stimme. Sie singt ergreifend und berührend, wobei mir ihr engelsreiner Gesang freilich besser zu den barocken Melodien zu passen scheint als zu den doch oft recht ruppigen Liedern aus dem Berlin der 20er Jahre. Großartig sind die Arrangements von Bo Wiget und Ensembleleiter Wolfgang Katschner. Eisler, Hollaender und Satie in frühbarockem Klanggewand - das ist sehr spannend. 

Dienstag, 22. Oktober 2019

Maddalena and the Prince (Deutsche Grammophon)

„Sehr verehrtes Publikum“, so schreibt Maddalena Del Gobbo im Beiheft zu dieser CD, „tauchen Sie mit mir ein in die Welt von Fürst Nikolaus I. Esterházy, genannt der 'Prachtliebende', und seiner geliebten Musik.“ 
Der Fürst war Dienstherr bedeuten- der Musiker.  Und er war selbst ein begeisterter Instrumentalist. Joseph Haydn, sein Hofkapellmeister, komponierte mehr als 150 Werke für ihn; eine große Zahl davon ist überliefert. 
Wie gut Fürst Nikolaus das Baryton spielte, davon also vermittelt diese CD eine Ahnung. Auch dieses Instrument ist prachtvoll, findet Maddalena Del Gobbo: „Sechs gestrichene (Darm-)Saiten, neun oder mehr Resonanzsaiten (aus Metall), geschnitzte Köpfe, feinste Verzierungen und ein Klang, der edel und anmutig ist.“ 
So ist die Einspielung ein Fest für alle, die den Klang der tiefen Streicher lieben. Denn neben dem Baryton und der Viola da gamba, virtuos präsentiert von Maddalena Del Gobbo, erklingen Viola und Violoncello, gespielt von Robert Bauerstatter und David Pennetzdorfer.  
Diese Besetzung ist zugleich ein wunderbares Beispiel für die Wende vom Barock zur Klassik, erläuert die Solistin: „Ein barockes Instrument wie das Baryton begegnet einer Viola und einem Violoncello, sozusagen den Vertretern der Klassik und der späteren Romantik. Aber diese Begegnung ist trotzdem unglaublich harmonisch.“ Galante Musik, voll Noblesse und Grazie. 
Dieses Repertoire verdient es durchaus, wiederentdeckt zu werden. So erklingt eine außergewöhnlich anspruchsvolle Sonate von Franz Xaver Hammer (1741 bis 1817), offenbar ein Barytonvirtuose. Hier musiziert Maddalena Del Gobbo gemeinsam mit Ewald Donhoffer, Cembalo.  Entstanden ist die zauberhafte Aufnahme an historischer Stätte – im Haydnsaal des Schlosses Esterházy in Eisenstadt. 

Favorites (Tyxart)

Georg Philipp Telemann war nicht nur als Komponist sehr kreativ. Auch als Geschäftsmann war er recht erfolgreich. So bot er regelmäßig seine Werke jedem Interessenten zur Subskription an: Musikverlag im Abonnement. Wie man aus den Subskriptionslisten erfahren kann, nutzten dieses Angebot musikalisch gebildete Laien ebenso gerne wie Telemanns Kollegen. Mit vielen von ihnen stand der Musiker ohnehin in regem Austausch. 
Mit ihrer neuen CD bei Tyxart gibt Tabea Debus Einblick in das Netzwerk, das Telemann seinerzeit pflegte. Für diese Einspielung kombinierte sie daher Werke Telemanns und seiner Zeitgenossen. Die junge Blockflötistin greift dabei nicht nur auf originale Werke des Komponisten für das Instrument zurück, sondern stellt auch eigene Arrangements nach Werken von Bach, Händel, Blavet und Telemann vor. Engagiert begleiten sie bei diesem Spaziergang durch die Musikgeschichte Claudia Norz und Henry Tong, Violine, Jordan Bowron, Viola, Jonathan Rees, Violoncello und Viola da gamba sowie Tom Forster, Cembalo. Sehr gelungen! 

Mozart : Salieri - Rivalry? (Sony)

Mozart und Salieri, zwei große Komponisten, als Rivalen, ja Feinde – das wäre eine Geschichte, so ganz nach dem Geschmack der Boulevardpresse! Auch für ein Drama ergibt dies einen famosen Plot, wie jeder weiß, der Milos Formans genialen Film Amadeus gesehen hat, nach dem gleichnamigen Theaterstück von Peter Shaffer. 
Antonio Salieri (1750 bis 1825) war in Wien als Hofkapellmeister bereits etabliert, als Wolfgang Amadeus Mozart (1756 bis 1791) dort antrat, um sich als freischaffender Musiker zu behaupten. Fakt ist: Salieri ließ Mozarts Werke aufführen; er selbst dirigierte 1791 die Uraufführung von Mozarts g-Moll-Sinfonie KV 550, und nach Mozarts Tod übernahm er die Ausbildung seines jüngsten Sohnes Franz Xaver Wolfgang. 
Das Interesse an neuer Musik beim Publikum in Wien und auch Prag jedenfalls dürfte groß genug gewesen sein, um Musikerpersönlichkeiten Raum zu bieten, wenn sie nur Qualität hatten. Und Salieri wird von all seinen Zeitgenossen übereinstimmend als äußerst liebenswürdig und kollegial geschildert. Alles andere ist wohl ins Reich der Legende zu verweisen. 
Auf dieser Doppel-CD hat das Prague Sinfonia Orchestra unter der Leitung von Christian Benda eine Auswahl aus dem Werk beider Komponisten so geschickt zusammengestellt, dass Gemeinsamkeiten und Unterschiede klar erkennbar werden. 
Besonders spannend ist in diesem Zusammenhang die Kantate Per la ricuperata salute di Ofelia aus dem Jahre 1785, Sie entstand als eine Gemeinschaftskomposition von Salieri, Mozart und einem weiteren Musiker, der sich hinter dem Pseudonym „Cornetti“ verbarg und bis zum heutigen Tag nicht sicher identifiziert werden konnte, auf einen Text von Lorenzo da Ponte. Die Existenz des Werkes war nur durch zeitgenössische Zeitungsannoncen belegt, in denen das Werk vom Wiener Verlag Artaria beworben wurde. Sowohl der Text als auch die Musik galten als ver- schollen. Doch dem Musikwissenschaftler Timo Jouko Herrmann gelang es im Dezember 2015, in den Beständen der Prager Nationalbibliothek eine bei Joseph von Kurzböck gedruckte Ausgabe aufzuspüren. 
Das ursprünglich für Sopran und Tasteninstrument geschriebene Werk erklingt nun also in Weltersteinspielung, und zwar in einer von Christian Benda erstellten Orchesterversion. Es singt Dagmar Williams vom Philharmonischen Chor Prag. 
Die mitreißend musizierte Aufnahme gibt jedem Zuhörer die Möglichkeit, selbst zu vergleichen. Und man wird sehr bald feststellen, was seinerzeit die übliche Praxis war – und wie krass Mozart oftmals davon abwich. 

Montag, 21. Oktober 2019

When Breath Becomes Sound (Genuin)

Lingjia Liang, Alena Wilsdorf, Simo Lu und Franziska Föllmer haben sich beim Studium an der Robert Schumann Hochschule Düsseldorf kennengelernt. 2014 gründeten die drei Flötistinnen und der Flötist dann das Ensemble Tetrachord, das mittlerweile in vielen Wettbewerben Preise erringen konnte. 
Mit seinem CD-Debüt bei Genuin kann das Quartett gleich mehrfach überraschen.  Denn die Flötenklänge kommen daher wie federleichte Schönwetterwölkchen. Das e-Moll-Flötenquartett von Friedrich Kuhlau beispielsweise habe ich noch nie so virtuos und so grandios locker gehört. Und die Deux Esquizzes von Eugéne Bozza wirken so ätherisch wie manch ein impressionistisches Gemälde. Verblüffend geht es weiter, bis zum dem abschließenden, ebenfalls erstklassig musizierten Andante für ein Walze in eine kleine Orgel von Wolfgang Amadeus Mozart. Eine rundum gelungene Einspielung. Auf die kommenden Programme dieses Ensembles darf man sich freuen. 

Mussorgsky Tchaikovsky Pictures (Berlin Classics)

Kann man Modest Mussorgskis Bilder einer Ausstellung auf einem Akkordeon spielen? Und ob! Nikola Djoric zeigt, wie wunderbar das geht. Der Akkordeonist hält eine ganze Klangwelt zwischen seinen Händen: „Die Polyphonie einer Orgel, das singende Phrasieren einer Klari- nette, die dynamischen Nuancen eines Streichers, alles in einem vereint“, so schwärmt er von seinem Instrument. „Große Akkorde, die sich über drei Oktaven ausbreiten, sind wegen der Knopf-Tastatur mit nur einer Hand spielbar.“  
Mit dem Knopfakkordeon kann Djoric daher Klavierkompositionen von Modest Mussorgski und Pjotr Iljitsch Tschaikowski ohne weitere Bearbeitung vortragen: „Ich spiele genau das, was in den Originalnoten steht.“ Und der Zuhörer staunt über den orchestralen Klang, und das erstaunliche Farbspektrum, das Djoric dabei aufbieten kann. Die Bilder einer Ausstellung wirken so russisch und zugleich so präsent, wie noch nie. Es ist, als stünde man selbst vor Hartmanns Bildern. Faszinierend. Und auch Tschaikowskis wenig bekanntes Kinderalbum wird man erfreut entdecken. Das Beiheft übrigens bietet, als Zugabe, eine kurze Geschichte des Akkordeons – rundum interessant. Mit dieser Einspielung ist Berlin Classics wirklich ein Coup gelungen. 

Mozart: Piano Concertos Nos. 23 and 24 (Naxos)

Konzerte neu zu arrangieren, das hat in der Musikgeschichte eine lange Tradition. Erinnert sei beispielsweise an Orgelversionen italienischer Konzerte, wie sie Johann Gottfried Walther oder Johann Sebastian Bach schufen. Ignaz Lachner (1807 bis 1895) befindet sich also in bester Gesellschaft, wenn er den Orchesterpart von Wolfgang Amadeus Mozarts Klavierkonzerten für Streichquintett neu arrangiert. 
Mit gehöriger Neugier lauscht man also dieser Einspielung. Und mit großer Neugier hat auch der Solist die Bearbeitungen studiert: „Mozart's piano concertos are like miniature operas“, meint Alon Goldstein. „The pianist who is responsible for multiple characters – Don Giovanni or Figaro, Susanna or Donna Anna, the Count, or even Antonio the gardener – is conversing with the strings or the woodwinds, each of whom represents a character in the story. When playing with full orchestra, the pianist's dialogue with the woodwinds is done while sitting at some distance from one another while they are all looking at the conductor. Having such a close arrangement as we had making this recording, makes the storytelling, the conversation between the characters / instruments much more intimate and intense.“ 
Lachners geniales Arrangement gibt Mozarts Klavierkonzert eine Klarheit und Direktheit, die begeistert – zumal dann, wenn erstklassige Kammermusiker die Partner des Pianisten sind. Das elegante Klavierspiel Alon Goldsteins wird durch das sensibel musizierende Fine Arts Quartet, zum Quintett komplettiert durch den Kontrabassisten Alexander Bickard, bestens ergänzt. Mozarts Musik erklingt hier in einer Klarheit und Transparenz, die begeistert. Großartig! 

Sonntag, 13. Oktober 2019

Schubert: Klaviermusik zu vier Händen (Gramola)

Dieses CD-Doppel gibt Zeugnis von einer großen Freundschaft: Paul Badura-Skoda und Jörg Demus musizierten jahrzehntelang immer wieder gemeinsam als Klavierduo. Gern haben die erfolgreichen Pianisten, jeder mit einer beeindruckenden Karriere, Klaviermusik zu vier Händen von Franz Schubert gespielt. Hier sind zwei Mitschnitte von Konzerten zu hören, die sie 1978 in Wien und 2007 in Paris gegeben haben. Und selbst wenn es sich um Ländler oder Märsche handelt – Paul Badura-Skoda und Jörg Demus gestalten wunderbar, und ihre Musizierfreude begeistert. 
Da wird es einem ganz wehmütig ums Herz: „So was wie uns zwei gibt's nimmer“, meint auch Jörg Demus: „zwei lernbegierige, für alles Schöne und Gute offene junge Wiener Musiker, die ihrem Liebling Schubert mit all ihren vier Händen dienen wollen im wohl schönsten Kammermusiksaal der Welt, welchen Brahms so sehr liebte, dass man ihn später Brahms-Saal nannte, im ehrwürdigen Haus der Gesellschaft der Musikfreunde, auf dem wienerischsten aller Klaviere, dem Bösendorfer mit dem singenden, geradezu schubertischen Diskant.“ Man lausche also andächtig; wie gut, dass man so einen Wimpernschlag der Musikgeschichte am Lautsprecher nachvollziehen kann...

Montag, 7. Oktober 2019

Kur-Concert in Meran (Fra Bernardo)

Diese CD entführt uns in die gute alte Zeit: Um 1900 trafen sich in dem idyllisch gelegenen Meran die Reichen und der Adel. Sie reisten zur Kur oder einfach zur Erholung nach Südtirol, und die Stadt bemühte sich natürlich, diese Gäste auch gut zu unterhalten. Das „Curorchester“ in Meran war, nach dem in Karlsbad, eines der ältesten in Europa. 
Es spielte auch im Theater, wo vor allem Operetten aufgeführt wurden – und zwar stets die aktuellen Stücke, kurz nach der Uraufführung in Wien. Und so kamen auch Komponisten wie Franz Léhar oder Leo Fall nach Meran, um ihre Werke zu dirigieren. 
Heute gibt es in Meran längst kein Kurorchester mehr. Aus Kurgästen, die mehrere Wochen blieben und neben ihren Behandlungen gern auch Konzert und Theater genossen, sind Touristen geworden – Instagram statt High Society. 
Das Notenarchiv des Kurorchesters aber ist noch vorhanden. Auf dieser CD zeigt Philipp von Steinaecker mit seiner Musica Saeculorum, welches Repertoire von diesem Ensemble um die Jahrhundertwende gespielt worden ist. Neben allerlei Tänzen, vor allem der Familie Strauss, erklingen beispielsweise auch zwei Fantasien mit Melodien aus Richard Strauss' Opern Ariadne auf Naxos und Elektra oder der Karfreitagszauber aus Richard Wagners Parsifal. Sopranistin Laura Giordano singt zudem eine Arie der Musetta aus Giacomo Puccinis Oper La Bohème
Wer ein solches Programm bewältigt – und bei mehr als 400 Auftritten pro Jahr war seinerzeit ganz sicher wenig Zeit für Proben – der muss ohne Zweifel ein exzellenter Musiker sein. Entsprechend hoch muss die Qualität des Kurorchesters einst gewesen sein. Das Ensemble Musica Saeculorum tritt da also in große Fußstapfen, und es musiziert ebenfalls höchst hörenswert. 
Für diese Einspielung wurde das originale Stimmenmaterial der Kurmusik Meran verwendet. Und es ist erstaunlich, was für Klangfarben so ein Salonorchester mit einer Handvoll Streichern, Flöte, Oboe, Klarinette, Posaune und Schlagwerk sowie Harmonium und Klavier als Fundament erzeugen kann. Ungewohnt, aber vom ersten bis zum letzten Ton faszinierend. 

Sonntag, 6. Oktober 2019

Rheinberger: Liederbuch für Kinder (Ars Produktion)

Dass Josef Gabriel Rheinberger (1839 bis 1901) nicht nur Orgelmusik und geistliche Chorwerke geschaffen hat, sondern unter anderem auch eine Menge Lieder für die Solostimme, das ist wenig bekannt. Clemens Morgenthaler, Professor für Gesang am Vorarlberger Landeskonservatorium Feldkirch, will dies ändern. Der Bassbariton, der auch an der Musikhochschule Trossingen unterrichtet, hat mit Studierenden daher Rheinbergers Liederbuch für Kinder op. 152 erarbeitet und eingespielt. 
Die 30 Lieder sind im Dezember 1887 entstanden. Sie schildern in schlichter Form Situationen und Begebenheiten, wie sie Kinder erleben, vom Aufstehen am Morgen bis zum nicht immer konfliktfreien Kinderspiel. Verse und Melodie sind deshalb einfach gehalten. Philipp Heiß verdeutlicht am Klavier oftmals mit Klangmalerei Stimmung und Umfeld; so hört man Vogelgesang oder etwa das Drehen eines Spinnrades. 
Für die Sängerinnen Julia Großsteiner, Petra Tschabrun, Eva-Maria Heinzle, Lea Müller, Victoria Türtscher, Anna Welte, Mirjam Fässler und Sarah-Lena Eitrich war diese Weltersteinspielung keine einfache Aufgabe. Denn diese Lieder mit ihrer kindlich-naiven Gestaltung fordern Schlichtheit und Eindringlichkeit statt vordergründiger sängerischer Brillanz. Die Studierenden müssen mit schlanker Stimme singen, quasi kindlich, um den Zauber wirken zu lassen, der in der Tat auf diesen Melodien liegt. Es ist faszinierend, wie unterschiedlich sie Rheinbergers Lieder erfassen und gestalten. 
Die freundlichen Weisen könnte man sich gut auch von noch jüngeren Stimmen gesungen vorstellen. So müssten sie hinreißend klingen, wenn sie von den geschulten Stimmen des Chornachwuchses beispielsweise des Rundfunkkinderchores Leipzig gesungen werden. 

Mittwoch, 2. Oktober 2019

Telemann: Sacred Cantatas (Deutsche Harmonia Mundi)

Und gleich noch einmal eine Einladung zu Entdeckungen im umfangreichen Schaffen  Georg Philipp Telemanns (1681 bis 1767): Das Kammerorchester L'arpa festante unter Leitung von Rien Voskuilen hat für diese Aufnahme mit dem renommierten Bassbariton Klaus Mertens geistliche Kantaten in Archiven aufgespürt, teilweise rekonstruiert und auf historischen Instrumenten eingespielt. Sage niemand, es sei schon alles publiziert und verfügbar – diese CD präsentiert fünf Weltersteinspielungen! 
Zu hören sind die Kantaten All's Glück und Ungelücke, die Kommunion- kantaten Fliehet hin, ihr bösen Tage und Soll ich nicht von Jammer sagen sowie die Kantaten Vater unser im Himmelreich und Herr erhöre meine Stimme. Komplettiert wird das Programm durch zwei Quartette

Telemann: Ouverture et Concerti pour Darmstadt (Alpha)

In Darmstadt befand sich seinerzeit eine zwar kleine, aber dennoch erstklassige Hofkapelle. Geleitet wurde sie von Christoph Graupner, der für seine Musiker im Laufe seines langen Berufslebens nicht nur unglaublich viele (und hinreißend schöne!) Werke selbst komponiert hat. Der Hofkapellmeister stand zudem weithin mit Musikerkollegen in regem Austausch. Und deshalb verfügt die Universitäts- und Landesbibliothek der Technischen Universität Darmstadt heute über die bei weitem größte Sammlung von Kompositionen Georg Philipp Telemanns. 
Aus dieser Schatzkammer schöpfte das Ensemble Les Ambassadeurs unter Leitung von Alexis Kossenko. Die ausgewählten Werke lassen ahnen, wie exquisit am Hofe des Landgrafen musiziert wurde – der Flötist Alexis Kossenko stellt natürlich die Flötenkonzerte in den Mittelpunkt. Doch auch Zefira Valova, Violine, Gilles Vanssons und Laura Duthuillé, Oboen, und ganz besonders Pierre-Yves und Jean-François Madeuf, Naturhorn, bewältigen ihre virtuosen Solopartien exzellent. Das Ensemble Les Ambassadeurs beeindruckt generell mit seinem farbenreichen und schwungvollen Spiel. Telemann ist doch immer wieder für eine Überraschung gut! 

Freitag, 27. September 2019

Sommernachtskonzert 2019 (Sony)

Das Sommernachtskonzert der Wiener Philharmoniker lockt alljährlich bis zu 100.000 Besucher in den festlich beleuchteten Park von Schloss Schönbrunn. In diesem Jahr musizierte das Orchester unter Leitung von Gustavo Dudamel. „Rhapsody in Blue“ lautete das Motto des Programmes – und da verwundert es nicht, dass faktisch alle Stücke irgend etwas mit Amerika zu tun hatten. Zugleich haben etliche von ihnen einen Bezug zur Wiener Musiktradition. 
Das Programm beginnt mit Leonard Bernsteins schwungvoller Ouvertüre zu Candide. Der Komponist, Ehrenmitglied der Wiener Philharmoniker, dirigierte sie in Wien sogar einmal selbst – beim Philharmonikerball 1978. Den Jubilee Waltz schrieb Johann Strauss 1872, als er in die USA reiste, um in Boston seine Musik beim World's Peace Jubilee zu dirigieren. 1893 reiste auch Carl Michael Ziehrer in die USA. In Chicago musizierte er mit seinem 60köpfigen Orchester in „Old Vienna“, einem Kulissendorf, in dem auch Händler und Gastronomen Spezialitäten aus dem Österreich anboten. Als Referenz an das Publikum schrieb Ziehrer den Sternenbanner-Marsch, in dem er populäre amerikanische Melodien jener Zeit verarbeitete. 
Die Idee zu The Stars and Stripes Forever hatte John Philipp Sousa auf der Rückreise von einem Urlaub in Europa 1896. Das Stück kann man getrost als amerikanischen Nationalmarsch ansehen. Etwas aus dem ansonsten recht beschwingten Rahmen fällt das berühmte Adagio von Samuel Barber. Er war der erste amerikanische Komponist, dessen Musik die Wiener Philharmoniker seinerzeit spielten – und die New Yorker Uraufführung dieses Stückes dirigierte einst 1938 Arturo Toscanini; seine Zusammenarbeit mit den Wiener Philharmonikern hatte dieser allerdings nach dem deutschen Einmarsch beendet. 
George Gershwin, auf dieser CD vertreten mit der Rhapsodie in Blue, arbeitete am Broadway eng mit Max Steiner zusammen. Der gebürtige Wiener schuf die Musik für über 300 Filme, zu hören ist hier die Casablanca-Suite
Böhmische und amerikanische Musiktraditionen verknüpfte Antonín Dvořák in seiner Symphonie Nr. 9 „Aus der Neuen Welt“. Der Komponist wirkte mehrere Jahre als Leiter eines Konservatoriums in den USA. Sein Werk wurde 1896 erstmals von den Wiener Philharmonikern aufgeführt. Dvořák war dem Orchester verbunden, und er hat es auch mehrfach dirigiert. 
Als Zugabe erklingt der Hoe-Down aus Aaron Coplands Ballett Rodeo, schwungvoll präsentiert von den Musikern. In diesem Konzert führte Gustavo Dudamel zwei sehr unterschiedliche musikalische Traditions- linien gekonnt zusammen, und zeigte, wie viele Berührungspunkte es doch gibt. Bei der Rhapsodie in Blue war Yuja Wang die grandiose Solistin. In der magischen Atmosphäre des wohl größten Klassik-Open-Airs konnte das Publikum somit ein ebenso unterhaltsames wie stimmungsvolles Konzert genießen. 

Freitag, 30. August 2019

Händel: Concerti grossi Op. 6 (Pentatone)

Die ersten sechs Concerti grossi op. 6 von Georg Friedrich Händel (1685 bis 1759) hat die Akademie für Alte Musik Berlin unter der Leitung ihres Konzertmeisters Bernhard Forck neu eingespielt. Diese zweite CD des renommierten Ensembles bei Pentatone ist zugleich der Auftakt zu einer Händel-Trilogie. Denn die zweite Hälfte der Concerti grossi op. 6 sowie die Concerti grossi op. 3 sollen nachfolgend die Reihe komplettieren. 
Darauf kann man sich freuen, denn schon die erste Aufnahme ist exquisit. Das 1982 gegründete Originalklang-Ensemble bietet nicht nur langjährige Erfahrung, sondern auch ein hinreißendes Zusammenspiel mit sagenhafter Präzision und einem fein ausbalancierten Orchesterklang. Von Routine keine Spur – die Einspielung klingt frisch, klar strukturiert, und begeistert durch viele kleine Details. Auch klangtechnisch ist diese CD erstklassig. Meine unbedingte Empfehlung! 

Across the Stars (Deutsche Grammophon)

Gestern war ich auf der Autobahn unterwegs, in der Dämmerung, ringsum am Horizont Wetter- leuchten, und dazu habe ich diese CD angehört. Great! Wer hätte das gedacht – aber dies ist ohne Zweifel mein ganz persönliches Album des Jahres. 
Ganz ehrlich: Anne-Sophie Mutter gehörte bislang nicht zu meinen Favoriten. Doch die anfängliche Skepsis wich bald purer Begeisterung. Denn die Geigerin kann Moderne. Die Aufnahme bietet eine breit gefächerte Auswahl von John Williams’ berühmten Filmthemen, vom Komponisten höchstpersönlich neu arrangiert und auch selbst dirigiert. Eingespielt wurde sie in Culver City in Kalifornien, im großen Aufnahmesaal der Sony Pictures Studios – dort, wo üblicherweise Filmmusiken für Hollywood aufgezeichnet werden, und von Musikern, die dafür üblicherweise engagiert werden. 
Schon vor Jahren bat Anne-Sophie Mutter John Williams, ein Stück für sie zu schreiben, und sie äußerte zudem den Wunsch, auch ausgewählte Filmmusiken zu spielen. „In discussing this idea, we both realized that I had adapted only one or two of these pieces for solo violin and orchestra, and that the remainder of the chosen material would have to be new developed and orchestrated to complete her album. Because the opportunity to write for a great virtuoso always presents an energizing and exciting opportunity, I set about this project with great enthusiasm“, sagt John Williams.  „Working with Anne-Sophie on this recording has been a pure inspiration. She has brought vibrant life to these familiar themes in new and unexpected ways, which has been a great joy for me as a composer.“ 
Links neben John Williams Dirigentenpult, wie im Konzert, aber im Meister-Yoda-T-Shirt, musizierte Anne-Sophie Mutter. „Ich bin nicht einfach nur ein Fan“, meint die Geigerin. „Ich bewundere die Musik von John Williams, auch seine klassischen Filmmusiken. Von seinem Orchestersatz lerne ich unglaublich viel über Ausdruck und musikalische Farben. Es ist für mich ein echtes Abenteuer, hier den richtigen Ton, die richtige Nuance zu suchen und zu finden.“ 
Man muss aber feststellen, dass genau dies Anne-Sophie Mutter bewundernswert gelungen ist. Sie musiziert mit beeindruckender Leidenschaft und unglaublich ausdrucksstark. Es ist wie ein Sprung in die Zukunft: Immer wieder entdeckt der Hörer neue Facetten, neue Klangfarben, einen mutigen Strich. 
Die Geigerin nutzt ihre brillante Technik, um Williams' Musik bis in die feinste Schattierung perfekt zu gestalten. Man höre nur Night Journeys aus Dracula – was für ein Drama! Kein Violinkonzert könnte aufregender sein, keine Sonate mehr bewegen. Und die ganze Aufnahme strahlt eine Musizierfreude aus, es ist einfach grandios. Bravi, bravi, bravi! 

Mittwoch, 28. August 2019

Bach's Family - Choral Motets (Hänssler Classic)

Mit seinen vielen Schülern, zu denen auch seine Söhne gehörten, hat Johann Sebastian Bach das Musikleben seiner Zeit wohl mehr geprägt als durch seine Werke. Auf dieser CD sind Choralmotetten aus diesem Umfeld zu hören, bestens interpretiert vom Stuttgarter Kammerchor unter Leitung von Frieder Bernius. 
Zwei der dafür ausgewählten Werke stammen von Johann Christoph Friedrich Bach (1732 bis 1795). Der zweitjüngste Bach-Sohn galt an den Tasten als der „stärkste Spieler“ der jüngeren Generation – was kein geringerer als sein Bruder Wilhelm Friedemann Bach festgestellt hat, der ja bekanntermaßen ebenfalls ein Virtuose an Orgel und Cembalo war. Dennoch ist Johann Christoph Friedrich Bach, der zeitlebens als Kammermusiker am Hofe des Grafen Wilhelm von Schaumburg-Lippe in Bückeburg wirkte, eher wenig bekannt. 
Das gilt auch für Johann Christoph Altnickol (1719 bis 1759). Er stammte aus der Oberlausitz; 1744 kam er zum Studium nach Leipzig, und wurde bald darauf auch Bachs Schüler und Assistent. So wurde er zwar kein Pfarrer, aber Organist an der Stadtkirche St. Wenzel in Naumburg, und Bachs Schwiegersohn. 

Spohr: Violin Duets (Naxos)

Zwei britische Geiger spielen Violinduos von Louis Spohr (1784 bis 1859): Jameson Cooper und James Dickenson musizieren in namhaften Streichquartetten; beide unterrichten auch. Spohr, der wichtigste deutsche Violinvirtuose seiner Zeit, schrieb schon als Jugendlicher die ersten Duos für sein Instrument. Dabei handelt es sich zunächst um brillante Konzertstücke, die er gemeinsam mit seinem Lehrer präsentierte. 
So ist auf dieser CD das dritte jener Violinduos WoO 21 zu hören, die Spohr als Zwölfjähriger zu Papier brachte – und das merkt man auch. Im Kontrast dazu erklingen die Duos op. 67, routiniert und aus dem Jahre 1824. „Ihrer lieben Frau meinen schönen Dank, daß sie Sie zur Composition eines Heftes Duetten angehalten hat“, schrieb der Musikverleger Carl Friedrich Peters damals, und bat: „machen Sie solche nur nicht so grausam schwer, denn sonst schießen wir wieder neben den Zweck, zu welchem ich die Duetten haben will.“ 
Denn die Vorgänger aus den Jahren 1805, 1807 und 1816 waren so virtuos angelegt, dass sie Amateure überforderten – und die Noten brachten Peters daher nicht die erhofften Umsätze. Ob der Verleger an Spohrs op. 67 mehr Vergnügen hatte, wissen wir nicht. Aber an dieser Aufnahme kann man sich erfreuen. 

Dienstag, 27. August 2019

Le Ballet Imaginaire (Genuin)

Le Ballet imaginaire nannte Jeremias Schwarzer seine neue CD, die er gemeinsam mit dem Cembalisten Ralf Waldner bei Genuin eingespielt hat. 
Der Blockflöten-Virtuose, der als Professor für Blockflöte und Aktuelle Musik an der Hochschule für Musik Nürnberg unterrichtet, genießt vor allem auch im Bereich der sogenannten „Neuen“ Musik ein hohes Renommee. 
Dass er Barockmusik ebenfalls hinreißend zu interpretieren vermag, beweist diese Einspielung mit Meisterwerken von Johann Sebastian Bach, Nicolas Chédeville, Georg Philipp Telemann und Georg Friedrich Händel. Jeremias Schwarzer und Ralf Waldner zeigen damit, wie in Europa um 1730 musiziert wurde. Ihr Programm verbindet italienisches Temperament und deutsche Tradition, veredelt durch französische Eleganz. 
Die Aufnahme fasziniert durch tänzerische Leichtigkeit, virtuose Detail- freude und brillantes Zusammenspiel. Hier musizieren zwei erstklassige Solisten charmant und engagiert miteinander, dass es wirklich ein Genuss ist. Exquisit! Unbedingt anhören! 

Peter Schreier singt Volkslieder (Berlin Classics)

Was waren das doch für Zeiten! 1975 veröffentlichte das DDR-Label Eterna die Schallplatte „Peter Schreier singt Volkslieder“ – und wenn man die Aufnahmen heute anhört, dann stimmt das ganz melancholisch. Zum einen liegt es daran, dass die junge Generation heute nicht mehr singt. Selbst am Lagerfeuer gibt es Musik aus der Konserve; das Handy hat ja jeder immer dabei. Und die Älteren werden mit „volkstümlichen“ Klängen beschallt, wenn sie nicht schnell genug flüchten. 
Diese Einspielung erscheint dazu wie ein Kontrastprogramm, denn sie nimmt die alten Weisen ernst. Peter Schreier, ohne Zweifel ein Jahrhundert-Tenor, singt die Volkslieder genauso sorgfältig, wie etwa eine Arie von Bach oder Mozart. Und man staunt geradezu ehrfürchtig darüber, mit welchem Aufwand und welcher Liebe zum Detail dieses Programm seinerzeit in Leipzig eingespielt wurde. Das reicht von den Arrangements bis hin zur beeindruckenden Liste der Mitwirkenden, die damals unter Leitung von Horst Neumann an der Produktion beteiligt waren – neben Peter Schreier singen auch Mitglieder des Thomanerchores sowie der Leipziger Rundfunkchor, begleitet von Musikern des Gewandhausorchesters Leipzig. Vielen Dank an das Label Berlin Classics, das die originalen Masterbänder aufgearbeitet und diese Aufnahme nun auf CD verfügbar gemacht hat.

Montag, 26. August 2019

Cameron Carpenter (Sony)

Cameron Carpenter ist ohne Zweifel ein Virtuose. Mit seinem Instrument, der International Touring Organ (ITO), von ihm selbst entworfen und von Marshall & Ogletree 2013 speziell für ihn angefertigt, reist der Amerika- ner durch die Lande. „It's not un- usual for an organist to be attached to one organ for many years“, meint der Musiker, „but usually that means an attachment to place.“ Carpenter hingegen nimmt sein Instrument mit; er spielt es oft auch in Konzertsälen, in denen sich bedeutende „klassische“ Orgeln befinden. 
Die digitale ITO ist ein Klangmonster, mit einer gigantischen Menge an Registern, Koppeln und Spielhilfen sowie fünf Manualen und einem nach jeder Seite gegenüber dem 32er Standard noch um fünf Töne erweiterten Pedal. Bei der Disposition orientierte sich Carpenter an den großen amerikanischen Konzertinstrumenten aus der Zeit zwischen 1895 und 1950. So bietet das fünfte Manual, Bombarde, wuchtige Register, wie sie in amerikanischen Theaterorgeln einst verwendet worden sind. Ein Dutzend sanfterer Stimmen aus dieser Traditionslinie wurde dem ersten Manual, Accompaniment, zugeordnet. Besondere Klangfarben ermöglicht ebenfalls ein spezielles Orchestral Pedal, ergänzend zum Main Pedal. Der Spieltisch erinnert ein bisschen ans Steuerpult von Raumschiff Enterprise. Und natürlich ist damit auch eine entsprechende Phalanx an Lautsprechern verbunden. 
Dieses Instrument also steht im Mittelpunkt des vorliegenden Albums, das Cameron Carpenter zum Abschluss seiner Zeit als Artist in Residence am Konzerthaus Berlin eingespielt hat. Es ist seine erste Einspielung mit Orchester, nämlich mit dem Konzerthausorchester Berlin unter der Leitung von Christoph Eschenbach, und auch zum ersten Mal ein Live-Mitschnitt. 
Ausgewählt hat Carpenter dafür die Rhapsodie über ein Thema von Paganini von Sergej Rachmaninoff und das Konzert für Orgel, Streicher und Pauke in g-moll, FP 93 von Francis Poulenc. Als Zugabe erklingt außerdem das Finale aus Louis Viernes Orgelsymphonie Nr.1 in d-Moll op. 14. Rachmaninoffs Paganini-Rhapsodie, eigentlich entstanden für Klavier und Orchester, hat Carpenter selbst für die Orgel arrangiert: „I love and want to play this work“, meint der Musiker. Der Orchesterpart blieb unverändert, aber seine Stimme wurde eine „recomposition for organ – guided by the original“, so Carpenter: „I don't see that a defense is required, since the moment you walk onstage to perform standard repertoire in a way which differs in instrumentation from the original, you've obviously declared yourself willing to question the composer's intentions. Of course, this can also be a way of honoring a great work. All transcriptions require this in some way.“ 
Ermöglicht wird ein derartiges Projekt durch die Konzerthaus-Akustik sowie die Präzision, mit der sich die elektronische Orgel spielen lässt. Rachmaninoffs virtuose Musik verlangt klangliche Transparenz und Klarheit in der Artikulation, wie dies mit einer Pfeifenorgel und im Nachhall eines Kirchenraums so kaum machbar wäre. Carpenter beherrscht sein Instrument absolut souverän. Er gestaltet irrwitzige Klangfassaden, und er wagt sich auch in die Schattenwelt feinster Nuancen. Dieser Musiker strebt nach hochvirtuoser Perfektion. Das macht den Rachmaninoff zu meinem persönlichen Favoriten auf dieser CD. Mit Carpenters Interpretation der französischen Musik allerdings kann ich mich weniger anfreunden. Das ist mir alles zu viel Flinke-Finger-Geglitzer und zu wenig wenig inhaltliche Substanz; erfreut hört man allerdings, wie souverän das Orchester dies alles begleitet. 

Donnerstag, 22. August 2019

Festive Masses for Lambach Abbey (Accent)

Die Benediktinerabtei Lambach, im Herzen von Oberösterreich, hat nicht nur eine prächtige Kirche mit kulturhistorisch wertvollen Fresken. Sie hat auch ein höchst interessantes Archiv, mit einer reichen Notenkollektion. Dort wurde Gunar Letzbor, mit seinem Ensemble Ars Antiqua Austria immer wieder auf der Suche nach bislang unentdeckten Werken, im Zuge seiner Auseinandersetzung mit dem Schaffen P. Romanus Weichleins noch auf zwei weitere Komponisten aufmerksam: Benjamin Ludwig Ramhaufski (um 1631 bis 1694) und Joseph Balthasar Hochreither (1669 bis 1731). Sie lebten und musizierten ebenfalls im Kloster Lambach. 
Hochreiter entstammte wohl einer Musikerdynastie. Seine Vorfahren sollen als Sänger am Salzburger Dom gewirkt haben. Der Junge war Chorsänger am Salzburger Kapellhaus, das zu dieser Zeit von keinem geringeren als Heinrich Ignaz Franz von Biber geleitet wurde. Er besuchte das Gymnasium und studierte an der Universität Salzburg, wo er 1688 das Magister-Examen ablegte. 
Im Stift Lambach wirkte er als Organist und Chorpräfekt; allerdings war er mit den Bedingungen dort nicht wirklich zufrieden, so dass er sich schließlich eine neue Anstellung suchte: 1721 wurde er Domstiftsorganist in Salzburg. Im Kloster Lambach sind viele seiner Werke überliefert; für diese Einspielung wurde die Missa ad multos annos ausgewählt, die Hochreither 1705 zur Weihe des Abtes Maximilian Pagel geschrieben hat. 
Benjamin Ludwig Ramhaufski war Hochreithers Amtsvorgänger im Stift Lambach. Der Organist und Komponist stammte aus Prag. Er begann seine Ausbildung als Kapellknabe beim Fürsten Martenitz in Passau, und kam 1648 in das Kloster, wo ihn Abt Placidus Hieber 1653 als Organisten beschäftigte. Das ist durchaus spannend, denn die Stiftsorgel wurde 1653 bis 1657 von dem Straubinger Christoph Egedacher erbaut. Es könnte also gut möglich sein, dass Ramhaufski die Konzeption dafür mit entwickelt hat. 
Auch sonst muss er einen exzellenten Ruf genossen haben, denn die Benediktineruniversität Salzburg gab mehrfach Musiktheaterstücke bei ihm in Auftrag. Leider sind keine dieser Kompositionen mehr aufzufinden. Entdeckt wurde aber eine Missa á 23 aus dem Jahre 1670 im Stift Kremsmünster, dem dortigen Abt gewidmet. 
Die beiden Werke sind musikalisch gehaltvoll. „Wie war es möglich, dass in Stiften zur Zeit schrecklicher Kriege und Seuchen mitten im Oberösterreicher Bauernland solche komplexen und anspruchsvollen Partituren zum Klingen gebracht werden konnten?“, staunt Gunar Letzbor. Mit seinem Ensemble Ars Antiqua Austria, den Vokalsolisten Radu Marian, Sopran, Markus Forster, Alt, Thomas Künne und Bernd Fröhlich, Tenor, sowie Gerd Kenda und Ullrich Staber, Bass, und St. Florianer Sängerknaben zeigt er, welche Klangpracht damals zu festlichen Anlässen aufgeboten wurde. 
Die beiden heute nahezu unbekannten Barockkomponisten begeistern mit einer Vielzahl von Klangeffekten. So sorgt in der Missa ad multos annos ein Trompetenchor für den strahlenden Glanz der göttlichen Herrlichkeit; ihm antworten fünfstimmig die Sängerstimmen, wobei die stark besetzten Soprane den Trompeten an Strahlkraft kaum nachstehen. Es ist immer wieder erstaunlich, wie souverän die St. Florianer Sängerknaben agieren, und es ist eine große Leistung des Chorleiters Franz Farnberger, der immer wieder exzellente Stimmen ausbildet. Gemeinsam mit den erwachsenen Kollegen und den brillanten Musikern um Letzbor gestalten die Jungs auf dieser CD ein überwältigendes barockes Klangspektakel. Sehr beeindruckend! 

Sonntag, 28. Juli 2019

Albrecht Mayer - Longing for Paradise (Deutsche Grammophon)

Der Traum von einer harmonischen Welt kennzeichnet alle Werke, die Albrecht Mayer für seine jüngste Einspielung ausgesucht hat: „Wie reagiert man als emotionaler, fühlend-romantischer Komponist, wenn man mit der Kriegssituation und einer zerstörten Heimat konfrontiert wird?“, fragt sich der Oboist. „Dieser Gedanke und die damit verbundene Sehnsucht nach Schönheit vereint alle Stücke auf diesem Album.
Die Musik, die Mayer auf dieser CD zusammengetragen hat, ist alles andere als leichtgewichtig. So schrieb Richard Strauss (1864 bis 1949) kurz nach Ende des Zweiten Weltkriegs sein einziges Oboenkonzert, „ein Stück voller Schönheiten, vielleicht eine Ahnung vom Paradies“, begeistert sich Mayer. Der Komponist selbst nannte das Werk eine „Werkstattarbeit“, geschrieben, „damit das vom Taktstock befreite rechte Handgelenk nicht vorzeitig einschläft“
Die Nachkriegssituation spiegelt das Konzert für Oboe und kleines Orchester eher indirekt: „Das ist eines der wenigen Stücke von Strauss, bei denen ich nirgends den Ansatz einer Doppelbödigkeit erkennen kann“, meint Mayer. „Vielmehr verlangt dieses Stück ein Höchstmaß an Mühelosigkeit, womöglich schwebte Strauss selbst beim Komponieren so etwas wie die reine Fülle des Wohllauts vor.“ 
Albrecht Mayer spielt dieses Konzert, das von Anfang bis Ende höchste Anforderungen an den Solisten stellt, mit einem wunderschönen, runden Ton, herrlicher Kantilene und geradezu magischer Schwerelosigkeit. Er lässt den Hörer zu keinem Zeitpunkt daran denken, dass es sich dabei um eines der anspruchsvollsten Werke der gesamten Oboen-Literatur handelt. 
In den Bamberger Symphonikern unter Jakub Hrůša steht dem Oboisten dabei ein erstklassiges Orchester als Musizierpartner zur Seite. Man kennt sich, und man schätzt sich: Mayer begann dort seinerzeit 1990 als Solo-Oboist seine Karriere. 
An den Anfang seines Programmes, vor das Strauss-Konzert, stellte Mayer Edward Elgars (1857 bis 1934) Soliloquy. Dabei handelt es sich um eine Elegie, die lange Fragment geblieben ist. Erst 1967 erklang sie in einer vervollständigten Fassung von Gordon Jacob erstmals öffentlich – gespielt von Léon Goossens. 
Für diesen Oboenvirtuosen schrieb sein Bruder Eugène Goossens (1893 bis 1962) ein ebenfalls höchst anspruchsvolles Konzert, das Mayer am Schluss seiner CD platzierte. „Man stelle sich vor, Strawinksy hätte ein Konzert für Oboe geschrieben, mit einer Prise britischen Humors gewürzt und um einige regionale Klangzutaten ergänzt“, so beschreibt der Oboist diese Musik. 
Mein ganz persönlicher Favorit aber, neben dem Strauss-Konzert, ist die Neubearbeitung von Maurice Ravels (1875 bis 1937) Le Tombeau de Couperin für Oboe und Orchester. Das Arrangement stammt von Joachim Schmeißer, und es ist unglaublich gut. Ravel nutzte die Tradition, verstorbenen Musikern ein Tombeau, eine Trauermusik, zu schreiben. Doch in dem Stück geht es nur vordergründig um Couperin und die Musik des 18. Jahrhunderts. Denn Ravel schrieb es nach seiner Entlassung aus dem Kriegsdienst; und jeder Satz ist einem gefallenen Kameraden gewidmet. 

Samstag, 27. Juli 2019

Toccata - Elisa Netzer (Naxos)

Harfe und Toccata? Sachen gibt es! Das ist eigentlich ein genuin barockes Genre, eine auskomponierte Improvisation; gespielt wurden Toccaten ursprünglich auf der Laute oder mit Tasteninstrumenten. In der Romantik sowie in der Orgelmusik des 20. Jahrhunderts interpretierten dann Komponisten die alte Form neu. 
Doch die allermeisten dieser Werke wurden für Cembalo, Orgel oder Klavier geschrieben. Elisa Netzer zeigt auf dieser CD, dass man dieses anspruchsvolle Repertoire durchaus auch auf der Harfe spielen kann. Auf ihrem Debütalbum bei Naxos geht die Schweizerin auf Entdeckungsreise quer durch die Musikgeschichte – von Alessandro Scarlatti bis hin zu Stephan Hodel, der sein faszinierendes Toccare für Harfe solo eigens für Elisa Netzer geschrieben hat. 
Die Musikauswahl der Harfenistin ist ausgesprochen originell; das Album bietet neben Klassikern, die für Harfe bearbeitet wurden, wie zwei Stücken aus Aram Chatschaturjans Kinderalbum oder Toccata y Fuga op. 50 von Joaquín Turina, auch tatsächlich Harfenmusik wie eine Toccata des israelischen Komponisten Ami Maayani oder Werke von Nino Rota, der Sarabande e Toccata 1945 ebenfalls originär für Harfe komponierte. 
So ermöglicht diese CD gar manche Entdeckung – die größte Entdeckung allerdings ist die Solistin selbst. Denn Elisa Netzer erweist sich als eine Harfenvirtuosin allererster Klasse. Von der jungen Musikerin, die ihr Debüt 2017 beim renommierten Lucerne Festival gab und seitdem weltweit auftritt, wird man hoffentlich noch viel hören! 

Mittwoch, 24. Juli 2019

Vanhal: Missa solemnis - Stabat Mater (Orfeo)

Schön wie eine römische Statue sind die Werke Johann Baptist Wanhals (1739 bis 1813), die hier auf zwei CD anzuhören sind. Der Komponist kam in Böhmen als Sohn eines Bauern zur Welt; seine musikalische Begabung wurde aber früh entdeckt und durch die Gräfin Schaffgotsch gefördert. So kam Wanhal 1760/61 nach Wien, wo möglicherweise Carl Ditters von Dittersdorf sein Lehrer wurde. 
Als Musiklehrer war Wanhal bald sehr erfolgreich, so dass er sich aus der Leibeigenschaft freikaufen konnte. Und als im Jahr 1769 Baron Riesch aus Dresden nach Wien kam, weil er einen Kapellmeister suchte, war er von den Fähigkeiten des jungen Musikers so beeindruckt, dass er diesem einen Studienaufenthalt in Italien finanzierte. 
Allerdings scheint Wanhal nach seiner Rückkehr eine Zeitlang geistig nicht ganz auf der Höhe gewesen zu sein. Es wird berichtet, der Komponist habe weltliche Werke verbrannt und sich der geistlichen Musik zugewandt. In dieser Situation unterstützte ihn über einige Jahre Graf Ladislaus Erdödy, der ihn in seinen Haushalt aufnahm und es dem Musiker ermöglichte, wieder zu sich zu finden. 
In Wien etablierte sich Wanhal dann rasch wieder als ein gesuchter Komponist, und vor allem als überaus erfolgreicher Musikpädagoge. Sein wohl bekanntester Schüler war Ignaz Pleyel. Und sein Freundeskreis scheint ebenfalls beträchtlich gewesen zu sein – mit Haydn, Mozart und Dittersdorf jedenfalls musizierte er gemeinsam in dem wohl erlesensten Streichquartett der Musikgeschichte. 
Wanhal komponierte zahlreiche Sinfonien und Konzerte sowie große Mengen geistlicher Musik. Und weil er in den späteren Jahren als freischaffender Musiker lebte, ohne Anstellung oder einen vermögenden Gönner, konzentrierte er sich dann offenbar auf Kammer- und Klaviermusik – Werke, die Musikverleger gerne druckten, weil es dafür ein breites Interesse gab. 
Für diese Doppel-CD ausgewählt wurden die Missa Solemnis Es-Dur, ein opulentes Werk mit höchst anspruchsvollen Arien, sowie das Stabat Mater f-Moll, mit dem üblichen Wechsel zwischen Chor und Gesangssolisten. Auch bei dieser Komposition zeigt sich Wanhals überragende Fähigkeit, Melodien zu erfinden. 
Komplettiert wird die Aufnahme durch eine Sinfonie D-Dur, die nicht nur mit ihrem abschließenden Menuetto schon an Beethoven denken lässt. Als Sinfoniker scheint sich Wanhal nicht zuletzt durch Experimentierfreude auszuzeichnen. Neugierig jedenfalls macht die Einspielung, die bereits in den 90er Jahren entstanden ist – und der Prager Kammerchor sowie die Virtuosi di Praga bzw. das Prager Kammerorchester sowie erstklassige Solisten unter Leitung von Václav Neumann machen die beiden CD ebenfalls zu einem Hörvergnügen. Bravi! 

Freitag, 19. Juli 2019

Musorgskij: Bilder einer Ausstellung (Oehms)

Und gleich noch ein russisches Programm: Das Gürzenich-Orchester Köln hat mit seinem Ehrendirigenten Dmitri Kitajenko Modest Mussorgskis Bilder einer Ausstellung eingespielt. Der vertonte Rundgang durch eine virtuelle Galerie, mit dem der Komponist an die Bilder und an die Persönlichkeit seines Freundes Viktor Hartmann (1834 bis 1873) erinnert, gehört zu den bekanntesten Werken überhaupt. Er erklingt hier in der Orchestrierung durch Maurice Ravel; die Einspielung überrascht durch einen Farbenreichtum, wie er selten zu erleben ist. Und mit Klangfarben geht es in dem Programm dann gleich weiter. 
Einem Bilderbogen ähnelt auch Die Legende von der unsichtbaren Stadt Kitesch, eine Suite, die Maximilian Steinberg auf der Grundlage der gleichnamigen Oper seines Lehrers und Schwiegervaters Nikolai Rimski-Korsakow eingerichtet hat. Die Musik erzählt die Geschichte der Einsiedlerin Fewronia, die sich in den Prinzen Wselowod verliebt, der sich als Jäger in ihren Wald verirrt hat. Das Glück des jungen Paares aber wird durch die Tataren zerstört. 
In Pastellfarben hingegen erleben wir das letzte Orchesterbild, Der verzauberte See von Anatoli Ljadow. Flöten, Harfe und Celesta illustrieren sein geheimnisvolles Wellenspiel, das sanfte Plätschern und Glitzern der Wogen, aber auch die gefährliche Tiefe. Vom ersten bis zum letzten Ton spürt man, wie eng das Gürzenich-Orchester und Kitajenko einander verbunden sind. Den Musikern gelingt es unter seiner Leitung, das jeweilige Farbenspiel und die Stimmungen der sehr unterschiedlichen Stücke höchst differenziert hörbar werden zu lassen. Großartig! 

Donnerstag, 18. Juli 2019

Russisch Grün (Gramola)

Haben Sie schon einmal Musik von Efim Jourist gehört? Diesen Namen sollten sich insbesondere Tango-Fans merken. Die österreichischen Salonisten um den Violinisten Peter Gillmayr haben auf einer CD russische Tänze zusammengestellt. Und für diesen Komponisten formierten sie eigens ein weiteres Ensemble – Tango de Salón, mit Peter Gillmayr, Violine, Andrej Serkow, Bajan, Guntram Zauner, Gitarre, und Roland Wiesinger, Kontrabass. 
Erstaunt nimmt man zur Kenntnis, dass der ukrainische Bajan-Virtuose, geboren 1947 in Kamjanez-Podilskyj, erstklassige russische Konzert-Tangos geschaffen hat. Mit seinem Knopfakkordeon und dem Efim Jourist Quartett hat er diese ausdrucksstarken Stücke auch in Deutschland gespielt; dort lebte er seit 1992 mit seiner Familie, und er starb in Hamburg, viel zu früh, an seinem 60. Geburtstag. Seine Werke sind übrigens im Musikverlag Sikorski erschienen, und seine Aufnahmen bekommt man hier
Ich jedenfalls finde seine Musik, die ganz selbstverständlich westliche und russische Traditionen verbindet, ausgesprochen hörenswert. Herzlichen Dank an die Musiker um Gillmayr – das war für mich eine Entdeckung! 
Ansonsten haben die österreichischen Salonisten in ihrem Programm unter dem Titel Russisch Grün so manchen Ohrwurm eingespielt; die charmanten Arrangements dafür schrieben Gerrit Wunder und Uwe Rössler. Gekonnt mischen sie volkstümliche und sogenannte „ernste“ Musik. Musiziert wird mit Temperament, und mitunter auch mit einem Augenzwinkern. 
Bekannte Melodien wie der Walzer Nr. 2 aus der Suite für Varieté-Orchester von Dmitri Schostakowitsch oder Sätze aus dem Ballett Romeo und Julia von Sergej Prokofieff stehen neben russischen Tänzen von Komponisten wie Alexej Kozlov oder Anatoli Novikov, und traditionellen Klängen wie Schwarze Augen oder Moskauer Nächte. Und natürlich darf auch der Tanz der Zuckerfee aus dem Nussknacker von Pjotr Iljitsch Tschaikowski nicht fehlen. 

Dienstag, 9. Juli 2019

Raphaela Gromes - Offenbach (Sony)

In diesem Jahr feiert die Musikwelt den 200. Geburtstag des Komponisten Jaques Offenbach (1819 bis 1880). Über den Lebensweg des Jubilars, der in Köln als Jakob Offenbach zur Welt kam, wurde in diesem Blog bereits an anderer Stelle berichtet. Bevor der Musiker für die Bühne komponierte, hatte er selbst bereits eine ziemlich erfolgreiche Karriere als Cellist: „Er ist groß, mager und außerordenlich bleich“, so schrieb die Pariser Zeitschrift L'Artiste im Jahre 1843 über Offenbach. „Wenn sein Bogen die Saiten vibrieren lässt, dann scheint sich zwischen dem Künstler und seinem Instrument eine jener geheimnisvollen Beziehungen anzubahnen, von denen Hoffmann so wundervoll erzählt hat. Mit seinen langen Haaren, seinem schmalen Wuchs und seiner geistvollen Stirn könnte man ihn für eine Gestalt aus den phantastischen Erzählungen Hoffmanns halten. Mit einem Wort, er wird der Liszt des Violoncellos sein, oder vielmehr, er ist es schon.“ 
Und so ist es überaus erfreulich, dass Raphaela Gromes nun zum Jubiläum ein Album vorlegt, das uns Jacques Offenbach als Cellisten zeigt. Denn wenn man diese exquisite Musik hört, dann fragt man sich, warum diese Kompositionen nicht sehr viel bekannter sind. Kaum zu glauben – doch die letzte größere Einspielung mit Stücken des Komponisten für Cello und Klavier erschien vor sagenhaften 40 Jahren! 
Seitdem sind einige Manuskripte wiederentdeckt worden, so dass Raphaela Gromes mit ihrem langjährigen Klavierpartner Julian Riem auf dieser CD eine virtuose, von Offenbach noch in Köln komponierte Tarantelle in Weltersteinspielung präsentieren kann. 
Zu den ausgewählten Werken des Komponisten für Cello und Klavier gehören zudem Danse bohémienne, Deux Âmes au ciel, Introduction et valse mélancolique, Rêverie au bord de la mer, La Course en traîneau sowie die Elegie Les Larmes de Jacqueline. Offenbachs Musik beeindruckt mit Esprit, melodischer Schönheit und Raffinesse. Sie klingt, für mein Empfinden, eher nach Rossini als nach Liszt. 
An den Solisten stellen diese teilweise enorm anspruchsvollen Stücke hohe Anforderungen. Raphaela Gromes musiziert mit schönem Ton, mit Ausdruck und Spielfreude, dass es eine Freude ist. Und gemeinsam mit ihrem langjährigen Mentor, dem Münchner Cello-Professor Wen-Sinn Yang, spielt die junge Cellistin auch eines von Offenbachs 36 Violoncello-Duos: Op. 54, Nr. 3 in E-Dur, ein ziemlich kapriziöses Stück – brillant und sehr reizvoll. Wer es weniger ausgefallen mag, der wird sich freuen, wenn ganz am Schluss Offenbachs wohl berühmteste Melodie erklingt, die Barcarolle aus der Oper Hoffmanns Erzählungen, in einem neuen Arrangement für zwei Violoncelli und Klavier von Julian Riem. Hinreißend! Bravi!