Donnerstag, 15. November 2018

Händel: Messiah (Naxos)

Bald nun ist Weihnachtszeit – und die langen, dunklen Abende animie- ren offenbar so manchen Musik- freund, die CD-Bestände aufzu- stocken. Die Plattenfirmen jedenfalls starten zum Jahresende noch einmal ein wahres Feuerwerk an Neuver- öffentlichungen. Das Klassikblog „ouverture“ wird in den kommenden Wochen zudem etliche Aufnahmen vorstellen, die zum Weihnachtsfest für Stimmung sorgen sollen. 
Den Reigen beginnt diese Einspie- lung von Händels Oratorium Messiah, mit den Concert Artists of Baltimore Symphonic Chorale, verstärkt durch etliche Instrumentalisten des Baltimore Symphony Orchestra. Kapellmeister Edward Polochick, der das Ensemble vom Cembalo aus leitet, hat sich für die Version des Werkes aus dem Jahre 1741 entschieden und lässt alle Sätze aufeinander folgen. 
Damit verbindet er Chorsätze, Rezitative und Arien zu einem Gesamt- geschehen, das man beinahe dramatisch nennen könnte. Wenn Polochick nicht auch eine Leidenschaft für rasante Tempi hätte, jeweils gefolgt von breeeeiitem Ritardando am Satzende – was ziemlich manieriert wirkt, und irgendwann nur noch nervt. 
Der Hörer staunt über die gut trainierten Sänger, die offenbar keinerlei Probleme mit den ultraschnellen Passagen haben. Doch der flotte Fluss des Geschehens stoppt dann am Satzende; es ist, als würde Polochnick seinen Rennwagen stets genüsslich abbremsen, bevor er in die nächste Runde startet. 
Die sportliche Geschwindigkeit hat zudem noch eine weitere, weit unange- nehmere Nebenwirkung: Der Text bleibt weitgehend unverständlich. Wenn der Zuhörer aber inhaltlich gar nicht versteht, worum es geht – was soll dann all die Dramatik? 

Herz-Tod (Decca)

Die Liebe und der Tod – das sind die Themen, denen sich der Bassist Günther Groissböck gemeinsam mit seinem Klavierbegleiter Gerold Huber mit dieser Einspielung zuwendet. Ausgewählt hat der Sänger dafür die Vier ernsten Gesänge von Johannes Brahms, die Michelangelo-Lieder von Hugo Wolf, die Rückert-Lieder von Gustav Mahler – und die Wesendonck-Lieder von Richard Wagner. 
Sie sind hier zum ersten Male auf CD mit einer Männerstimme zu hören. „Mich hat die Klangsprache der Wesendonck-Lieder schon immer fasziniert, da sie eben dem Tristan an vielen Stelle so nahesteht“, erläutert Günther Groissböck in einem Interview, das im Beiheft nachzulesen ist: „Außerdem habe ich im Text keine verbindliche Geschlechtszugehörigkeit entdeckt, sodass ich mir einfach gedacht habe: Warum denn nicht mal diese ,gender-neutralen' Lieder als Mann singen, weil es ja auch Titel wie ,Schmerzen' oder ,Stehe still' gibt, zu denen etwas draufgängerisches Testosteron sehr gut passt, wie ich finde.“ 
Der Österreicher ist ein gefragter Wagner-Sänger. Sein Bass ist prachtvoll, aber der Liedgesang wirkt mitunter etwas kühl und zurückhaltend; in der Textausdeutung erscheint mir beispielsweise Hans Hotter viel stärker. Gerold Huber allerdings erweist sich einmal mehr als kongenialer Klavierpartner. Es ist beeindruckend, mit welchem Feingefühl er mit dem Sänger in einen Dialog tritt, wie sensibel er auf jede Nuance im Ausdruck reagiert. So wird aus dem Klavierpart weit mehr als eine Begleitung. Huber zeigt immer wieder, wieviel der Pianist zum Gesamtkunstwerk Lied beitragen kann. 

Mittwoch, 14. November 2018

"Habet Acht!" Songs for Male Voices by Robert Schumann & Albert Lortzing (MDG)

Nicht nur der Gesang, sondern auch politische Debatten prägten einst die Zusammenkünfte von Männer- chören. Kein Wunder, dass solche Gesangsvereine im 19. Jahrhundert, im Gefolge der 1848er Revolution, in ganz Deutschland eine Blütezeit erlebten. Politische Diskussionen führen die Herren der Neuen Detmolder Liedertafel wohl nicht mehr – aber ansonsten pflegen sie die Traditionen der singenden Bürger mit großer Sorgfalt. 
Das lohnt sich, wie diese beiden CD zeigen. Denn die gern belächelten Männergesangsvereine hatten durchaus auch einen hohen musikalischen Anspruch. Namhafte Komponisten schufen Lieder speziell für Männer- stimmen – und die Chorsätze sind oftmals alles andere als einfach, wie man rasch feststellen wird, wenn man versucht, sie heute nachzusingen. 
Die Sänger der Neuen Detmolder Liedertafel, durchweg Profis, präsentieren auf zwei CD gekonnt eine Auswahl aus dem ganz enormen Liederschatz, der da seiner Wiederentdeckung harrt. So erklingen auf CD1 Werke von Albert Lortzing, und auf CD2 Kompositionen von Robert Schumann, wobei einige der Gesänge sogar gemeinsam mit den Detmolder Hornisten vorgetragen werden. Sehr hörenswert! 

Sonntag, 11. November 2018

Forgotten chamber works with oboe from the Court of Prussia (Deutsche Harmonia Mundi)

Bei der Suche in Archiven hat das Ensemble Notturna unter Leitung von Oboist Christopher Palameta einen kleinen Schatz gehoben: Auf dieser CD präsentieren die Musiker in Weltersteinspielungen Kammer- musik aus der Zeit Friedrichs des Großen, bei der nicht in erster Linie die Flöte, sondern die Oboe Solo- instrument ist. 
Richtet man den Blick einmal nicht auf den König und auf seinen Flötenlehrer Quantz, so wird man feststellen, dass auch andere Virtuosen am preußischen Hof brilliert haben. Die Oboe wurde in Preußen durchaus geschätzt. So waren an der Hofoper vier Oboisten engagiert. Und der Oboist Johann Christian Fischer, weiland eine Berühmtheit, gastierte 1763 in Berlin. Wie Charles Burney berichtet, wurde diesem „die Ehre zuteil (..), einen Monat lang seine Majestät (..) jeden Tag vier Stunden allein zu akkompagnieren.“ 
Was damals gespielt wurde, ist heute nicht mehr zu erfahren. Aber Musik der drei Komponisten, die auf dieser CD vertreten sind, könnte vielleicht dabei gewesen sein. So schrieb Johann Gottlieb Graun (1703 bis 1771), ab 1741 Konzertmeister der königlichen Hofkapelle, ein Quintetto à Cembalo Concertato, Flauto Traverso, Violino, Viola da Braccio e Violoncello in a-Moll, das jede Menge Überraschungen bereithält. Und den Violinpart kann, so steht es auf der Stimme vermerkt, auch die Oboe übernehmen. 
Christian Gottfried Krause (1717 bis 1770) war eigentlich Rechtsanwalt; dass er aber die Musik sowohl mit Leidenschaft als auch mit Sachverstand betrieb, zeigt seine Triosonate für Oboe, Violine und Basso continuo, die Notturna ebenfalls auf dieser CD vorstellt. 
Gleich mit drei Sonaten vertreten ist zudem Johann Gottlieb Janitsch (1708 bis 1763). Er hatte wie Krause in Frankfurt/Oder Jura studiert, sich dann aber für den Musikerberuf entschieden: 1736 wurde er Contravioli- nist der Hofkapelle Friedrichs des Großen. In seiner Wohnung versam- melte sich die sogenannte Freitagsakademie, bei der Hofmusiker gemeinsam mit Liebhabern aus dem Berliner Bürgertum musizierten. 
Für diese Veranstaltungen entstanden die beiden Trios und die Quartett- sonate für Traversflöte, Oboe, Viola und Bass, die auf dieser CD erklingen. Das Ensemble Notturna begeistert mit diesem Programm, und macht sehr neugierig auf weitere Entdeckungen – die Archive geben bestimmt noch mehr her! 

Montag, 5. November 2018

Bach: Goldberg Variations (Brilliant Classics)

Dieses musikalische Projekt nahm seinen Anfang im Sommer 2015, als das Blockflötenquintett Seldom Sele- ne zum Internationalen Kammermu- sikfestival in Utrecht eingeladen war. Die künstlerische Leiterin, die Geigerin Janine Jansen, hatte die Goldberg-Variationen von Johann Sebastian Bach in den Mittelpunkt des Festivalprogrammes gestellt. Jedes Ensemble sollte sich mit dieser Musik auseinandersetzen – und die fünf Musikerinnen von Seldom Selene arrangierten einige der Variationen speziell für Blockflöten. 
„The process and the result motivated us to carry on and prepare an arrangement of the entire work“, schreibt María Martínez Ayerza im Beiheft zur CD. „It may seem surprising that aan ensemble of five musicians chooses to arrange and perform a work which is mostly written in two or three parts, four at most. (..) However, in most tracks you will hear us all: due to the relatively small range of the recorder, five players are needed to play the complete Goldberg Variations comfortably without making any modifications, which, for us, is an essential condi- tion.“ 
Die fünf Flötistinnen musizieren subtil und routiniert; Registerwechsel erfolgen so dezent, dass sie kaum wahrzunehmen sind. Auch ihre Instru- mente harmonieren klanglich ausgezeichnet, obwohl sie von einem Dutzend (!) unterschiedlichen Flötenbauern auf drei Kontinenten ange- fertigt worden sind. So bietet diese exquisite Version von Bachs Clavier Übung, auch wenn sie diesmal nicht auf einem Clavicimbal ausgeführt wird, Wohlklang pur. Hinreißend schön! 

Sonntag, 4. November 2018

Österreich: Psalms, Cantatas (cpo)

Das Ensemble Weser-Renaissance Bremen unter Manfred Cordes wendet sich auf dieser CD den Psalmkompositionen und Kantaten von Georg Österreich (1664 bis 1753) zu. Der musikhistorisch interessierte Hörer wird erstaunt sein – denn bekannt ist Österreich, als Kapellmeister der Herzöge von Schleswig-Holstein-Gottorf, vor allem für seine ebenso exquisite wie umfangreiche Musiksammlung. Insbesondere für Werke der „Vor-Bach-Zeit“ erweist sie sich als ein äußerst wertvoller Bestand, der seinesgleichen sucht. 
Österreich stammte aus Magdeburg, und wie auch sein älterer Bruder lernte er an der Leipziger Thomasschule. Dort wurde er bald zum Alt-Solisten. Als Altist und nach dem Stimmbruch dann als Tenor sang er anschließend auch in der Hamburger Ratskapelle. Ab 1686 war Österreich am Hof von Wolfenbüttel als Sänger engagiert; er muss dort von Kapellmeister Johann Theile sehr viel gelernt haben, denn drei Jahre später holte ihn Herzog Christian Albrecht als Hofkapellmeister nach Gottorf. 
Dass Georg Österreich sich auch als Komponist auszeichnete, beweist diese CD. Zu hören ist eine Psalmvertonung in venezianischer Tradition, dazu lateinische Psalmmusik protestantischer Prägung sowie eine Sonntagskantate, die Bezug auf einen Evangelientext nimmt, diesen aber ungemein dramatisch ausgestaltet. Auch zwei weitere Beispiele, Trauerkantaten, machen deutlich, dass es Österreich weniger um vor allem raffinierte Strukturen als vielmehr um den musikalischen Ausdruck, um Klangwirkung ging. Die exzellenten Vokalisten und Instrumentalisten des Ensembles Weser-Renaissance machen daraus ein Erlebnis. Sehr gelungen! 

Freitag, 2. November 2018

The Italian Recital (Genuin)

Fünf Komponisten, drei Jahrhun- derte – auf seiner Debüt-CD zeigt Gitarrist Daniel Marx höchst unterschiedliche Facetten der italienischen Musik. Er beginnt sein Programm mit Musik der Renais- sance, mit den Fantasias von Simone Molinaro (um 1565 bis 1615). Dann spielt er ein Werk des Lautenisten Giovanni Zamboni. „Als ich seine Sonate IX im Konzert meines Lehrers Roberto Aussel hörte, hatte sie eine einzigartige, magnetische Wirkung auf mich“, berichtet der Gitarrist. „Sie schwingt so schön organisch auf der Gitarre und hat noch dazu eine ,nostalgische Ästhetik', die ihre Schönheit aus dem Vergänglichen zieht. Gerade dieses Subtile, Intime, aber auch diese Direktheit sind es, was ich gleichermaßen an seiner Komposition und an der Gitarre liebe. Die schier unbegreifliche Schönheit des Klanges, die manchmal entstehen kann und mich bis heute tief berührt, spiegelt eben dieses Gefühl wider.“ 
Auch Sonaten von Domenico Scarlatti sind auf der CD zu hören, dazu die Grande Sonata von Niccolò Paganini – der bekanntlich nicht nur ein Geigenvirtuose war, sondern auch exzellent Gitarre spielte – sowie die Rêverie-Nocturne op. 19 von Giulio Regondi. 
Daniel Marx beeindruckt durch seine überragende technische Brillanz, verbunden mit faszinierender Gestaltungsfähigkeit. So zeichnen sich seine Interpretationen durch Transparenz ebenso aus wie durch klangliche Schönheit. Man höre nur, wie durchdacht er in Molinaros Fantasias jede Stimme zur Geltung bringt – wenn dieser junge Gitarrist auch weiter so arbeitet, dann hat er eine große Zukunft vor sich. 

Montag, 29. Oktober 2018

Süddeutsche Orgelmusik der Spätromantik (Tyxart)

Spätromantische Orgelmusik von Komponisten der sogenannten Münchner Schule präsentiert Gerhard Weinberger auf dieser CD. Zu hören sind Kompositionen von Gottfried Rüdinger, Joseph Haas, Anton Beer-Walbrunn, Joseph Schmid, Joseph Renner, Arthur Piechler und Gustav Geierhaas. Mit dieser Aufnahme möchte Weinberger zum einen an diese Musiker erinnern, die um die Jahrhundertwende sowie in der ersten Hälfte des 20. Jahr- hunderts das Musikleben in Süddeutschland maßgeblich mit prägten, und heute weitgehend vergessen sind. So erklingen auch ihre Werke hier zumeist in Weltersteinspielungen. 
Zum anderen stellt der Kirchenmusiker eine ausgesprochen klangschöne Orgel vor, die die Firma Orgelbau Goll AG aus Luzern für die Pfarrkirche St. Martin in München-Moosach erbaut hat. Das Instrument, 2015 ge- weiht, verfügt über 40 Register auf drei Manualen und Pedal. Es eignet sich für dieses Repertoire wirklich hervorragend. 

Weiss: The Dresden Manuscript (Glossa)

Wer schreibt, der bleibt – über dieses Motto konnte Silvius Leopold Weiss (1687 bis 1750) vermutlich milde lächeln. Der Lautenspezialist, ausgebildet vermutlich von seinem Vater, reiste 1708 im Gefolge des polnischen Prinzen Alexander Sobieski nach Italien. Nach dem Tode seines Mäzens 1714 kehrte der Musiker nach Deutschland zurück, um sich an bedeutenden Höfen vor- zustellen. In Dresden wurde Weiss schließlich 1718 als Kammerlautenist engagiert; am sächsischen Hof blieb er bis an sein Lebensende. 
Im Druck erschienen ist zu Lebzeiten des Virtuosen nur ein einziges seiner Werke. Weiss hatte kein Interesse daran, seine Kompositionen zu veröffentlichen. Wer seine Musik heute spielen möchte, der muss sich daher auf die mühevolle Suche nach den Tabulatur-Manuskripten machen. Vieles ist leider auch endgültig verloren. 
So sind in Dresden vier Sonaten für zwei Lauten unvollständig überliefert. Karl-Ernst Schröder hat für diese Aufnahme den fehlenden Lautenpart sorgsam rekonstruiert. Gemeinsam mit Robert Barto, und bei einer Sonate auch mit dem Cellisten Gaetano Nasillo, präsentiert er die Werke auf CD. Freunde der Lautenmusik dürfen sich freuen – denn mit diesem Projekt haben die Musiker wundervolle, erstklassige Kammermusik aus dem Spätbarock wieder verfügbar gemacht. 

Sonntag, 28. Oktober 2018

Henryk Szeryng - Complete Philips, Mercury and Deutsche Grammophon Recordings (Decca)

Henryk Szeryng (1918 bis 1988) gehört ohne Zweifel zu den bedeu- tenden Geigern des 20. Jahrhun- derts. Über den Lebensweg des Musikers wurde in diesem Blog bereits an anderer Stelle ausführlich berichtet. 
Zum hundertsten Geburtstag hat Decca nun sämtliche Einspielungen des Virtuosen, die jemals bei Philips, Mercury und bei der Deutschen Grammophon erschienen sind, mit hohem Aufwand neu veröffentlicht. Die Edition umfasst sagenhafte 44 CDs, und die ganze Box wurde mit einer Akkuratesse gestaltet, die ihresgleichen sucht. Hebt man den äußerst solide gefertigten Deckel ab, wird auf den Rücken der einzelnen Veröffentlichungen sofort ihr Inhalt ersichtlich. Die Vorderseiten der CD zeigen, wie einst die entsprechenden Schallplatten ausgesehen haben. Das Beiheft ist ebenfalls umfangreich und bietet nicht nur Informationen, sondern auch zahlreiche Fotos. 
Die CD-Box enthält neben den bekannten Referenzaufnahmen der Sonaten und Partiten BWV 1001-1006 auch etliche bislang unbeachtete Raritäten. Zu den neu veröffentlichten Aufnahmen zählen Tschaikowskys Violinkonzert mit Antal Doráti und dem LSO, sowie Mozarts Sinfonia concertante KV 364 mit Bruno Giurianna. 
Die Kollektion zeigt, wie breit die musikalischen Interessen und das Repertoire von Henryk Szeryng waren. Zu hören sind beispielsweise Violinkonzerte von Sibelius, Bartók, Chatschaturjan und Prokofjew, Vivaldi, Paganini, Beethoven, Brahms, Wieniawski und Szymanowski, Saint-Saëns, Berg und Martinon, Schumann und Mendelssohn Bartholdy. Dazu erklingen sämtliche Werke Mozarts für Violine und Orchester, sowie Sonaten und Variationen des Komponisten. Bei diesen Aufnahmen war Ingrid Haebler die Klavierpartnerin des Geigers. Gemeinsam mit ihr hat er auch Beethovens Violinsonaten eingespielt. Bei den Klaviertrios des Komponisten ist Szeryng gemeinsam mit Pierre Fournier und Wilhelm Kempff zu hören. Immer wieder wendete sich der Violinist auch den Werken Bachs zu. So sind dessen Violinkonzerte und das Doppelkonzert in dieser Edition gleich zweimal vertreten. Und auch Bachs Sonaten für Violine und Cembalo, von Szeryng eingespielt mit Helmut Walcha, sind in der Box enthalten. Mehrere Zusammenstellungen kleinerer Stücke, darunter eine komplette CD mit Werken von Fritz Kreisler, runden das Bild ab. 
Szeryng war ein Weltbürger – gebildet, sprachgewandt, vielseitig interessiert. Der Musiker beeindruckt immer wieder mit seinem klaren, unverwechselbaren Ton und der enormen Präzision, mit der er jedes Stück gestaltet. Er war ein großer Künstler, der seine Zeitgenossen immer wieder überrascht hat. Diese Box vermittelt etwas von dieser Faszination. Wer das Geigenspiel von Henryk Szeryng schätzt, der hat nun viele Stunden puren Genuss vor sich. 

Donnerstag, 25. Oktober 2018

Verleih uns Frieden (Christophorus)

Am 23. Mai 1618 eskalierte im Prager Fenstersturz ein schon länger schwelender Konflikt zwischen dem böhmischen Landadel (zumeist protestantisch) und dem Landesherrn (katholisch). Aus dieser Auseinandersetzung entstand rasch ein Krieg verheerenden Ausmaßes, der halb Europa verwüstete, und als Dreißigjähriger Krieg in die Geschichte einging. 
Diese CD zeigt, wie Komponisten in ihren Werken das Kriegsgeschehen spiegelten. Man wird bald feststellen, dass Musik in jener Zeit ein Medium der Repräsentation war. Der Adel, wenn er es sich leisten konnte, reiste in Begleitung seiner Hofmusiker. Ein gutes Beispiel dafür sind Kompositio- nen, die Heinrich Schütz für die sächsischen Kurfürsten schrieb. Diese Musik sollte nicht nur erbauen, sie sollte auch beeindrucken. 
Das gilt ebenso für Huldigungsmusiken, die zum Einzug hoher Herr- schaften von lokalen Musikern geschrieben und aufgeführt wurden. Siege wurden mit Festmusiken gefeiert, gefallene Helden unter den Klängen von Trauermusiken begraben. Allerdings wurden in Kriegszeiten die Musiker rar, und den Höfen ging das Geld aus, die Künstler zu entlohnen. Auch davon berichtet beispielsweise die Biographie von Heinrich Schütz. 
Arno Paduch ist mit dem vortrefflichen Johann Rosenmüller Ensemble auf die Suche nach den Spuren gegangen, die der Dreißigjährige Krieg in der Musik hinterlassen hat. So erklingen Huldigungsgesänge des Mühlhäuser Kantors Nikolaus Weisbeck oder des Breslauer Musikers Paul Schäffer, geschaffen 1602 bzw. 1621 jeweils zur Begrüßung des sächsischen Kurfürsten Johann Georg. Natürlich dürfen auch die berühmten Werke von Heinrich Schütz in diesem Umfeld nicht fehlen. 
Zur Feier des Sieges der kaiserlichen Truppen in der Schlacht am Weißen Berg schrieb Johann Sixt von Lerchenfels Te Deum und Da pacem. Den Sieg der schwedischen und kursächsischen Armeen in der Schlacht bei Leipzig wiederum schilderte der Leipziger Student Marcus Dietrich Brandisius in dem handfest-ausdrucksstarken Fortes heroes pugnabant
Gleich darauf freilich folgt die Trauermotette, die der schwedische Hoforganist Andreas Düben für die Beisetzung seines Königs Gustav Adolf komponiert hat. Er wurde im November 1632 in der Schlacht bei Lützen getötet. Und auch Musiker starben in den Auseinandersetzungen. So wurde Christoph Harant von Polschitz und Weseritz, auf dieser CD ver- treten mit der Motette Qui confidunt in Domino, mit anderen Gefolgs- leuten des Gegenkönigs Friedrich V. 1621 in Prag hingerichtet. 
Wie groß die Verzweiflung bei den Bürgern war, die dem Kriegsgeschehen ausgeliefert waren, zeigen zwei berührende Klagelieder. Der Eilenburger Organist Johann Hildebrand notierte ebenso schlicht wie ergreifend Ach Gott! Wir haben's nicht gewusst, was Krieg für eine Plage ist. Und noch Jahre nach Kriegsende schrieb Matthias Weckmann sein bewegendes geistliches Konzert Wie liegt die Stadt so wüste. Diese Musiken lassen uns noch heute nachvollziehen, welche Katastrophe der Dreißigjährige Krieg für die Betroffenen war. Mit der vorliegenden Aufnahme erinnert das Johann Rosenmüller Ensemble nachdrücklich auch daran. 

Dienstag, 23. Oktober 2018

Zádor: The Plains of Hungary (Naxos)

Wieder einmal lädt Naxos ein zu einer Entdeckung: Jenö Zádor (1894 bis 1977), geboren im ungarischen Dörfchen Bátaszék, war ein Schüler Max Regers. Nach seinem Studium in Wien und Leipzig promovierte Zádor in Münster bei Fritz Volbach mit einer Arbeit über „Wesen und Form der symphonischen Dichtung von Liszt bis Strauss“
Ab 1921 lehrte er auch selbst am Neuen Wiener Konservatorium. Er war als Professor für Komposition und Orchestration ebenso erfolgreich wie als Komponist; in ganz Europa wurden seine Werke von bedeutenden Orchestern unter Dirigenten wie Furtwängler, Schuricht, Stokowski, Ormandy oder Knappertsbusch gespielt. Doch dann marschierten die Deutschen in Österreich ein. Noch am selben Tage floh Zádor nach Budapest, und ein knappes Jahr später entschloss er sich, eine Stelle am New York College of Music anzunehmen. 
1940 zog er dann um nach Kalifornien, um Filmmusik für MGM zu schreiben und zu orchestrieren. Im amerikanischen Exil nannte sich Jenö bald Eugene Zádor – und diesem Namen behielt der Komponist bis zu seinem Tod bei. 
In Hollywood war Zádor hochgeschätzt. Insbesondere mit Miklós Rósza verband ihn eine enge Zusammenarbeit; Zádor schuf aus den Ideenskizzen des Komponisten in Windeseile Orchesterpartituren. So hat er Filme wie El Cid, Ben Hur, Quo vadis?, Julius Cäsar und viele andere mitgestaltet. Und nebenher komponierte er seine eigenen Werke, die vom Publikum mit Begeisterung aufgenommen wurden. 
Auf dieser CD werden Kompositionen vorgestellt – zumeist in Welterst- einspielung – die Zádor in den letzten 20 Jahren seines Lebens geschaffen hat. Sie beeindrucken durch überaus farbenreiche Orchesterklänge. Zádor erweist sich als ein Meister, den zu entdecken sich wirklich lohnt. Es ist freilich nicht zu überhören, wie sehr er Ungarn zeitlebens verbunden geblieben ist. Nicht nur die Elegie The Plains of Hungary, sondern auch die Fantasia Hungarica mit Zsolt Fejérvári als Kontrabass-Solisten oder die Rhapsodie for Cimbalom and Orchestra, den Solopart am Zymbal spielt Kálmán Balogh, berichten von seiner großen Sehnsucht nach der Heimat. Das Budapest Symphony Orchestra MÁV unter Leitung von Mariusz Smolij erweist sich als engagierter Interpret der Musik des Komponisten – was diesen ganz sicher erfreut hätte. 

Sonntag, 21. Oktober 2018

Bach: Goldberg Variationen (Brilliant Classics)

Die Goldberg-Variationen von Johann Sebastian Bach gelten als eines jener Werke, an denen die Qualitäten von Pianisten und Cembalisten deutlich werden. Nicht wenige Tastenspezialisten arbeiten an diesem Zyklus ein Leben lang. 
Auch Pieter-Jan Belder hatte die Clavier Ubung / bestehend / in einer Aria / mit verschiedenen Veraende- rungen schon einmal eingespielt. Der niederländische Cembalist zeigt nun, nach 15 Jahren, wie sich seine Sicht auf dieses ikonische Werk verändert hat. In ebenso launigen wie kenntnisreichen Anmerkungen im Beiheft erläutert der Musiker zudem, was ihn an den Goldberg-Variationen so fasziniert. 
Auch der Zuhörer wird fasziniert sein, denn Belders Einspielung ist sehr differenziert und gelungen. Als Instrument wählte er ein zauberhaftes Cembalo von Titus Crijnen aus dem Jahre 2014 nach einem Vorbild aus der Werkstatt Johannes Ruckers' von 1624. 

Freitag, 19. Oktober 2018

Beethoven Rarities (Klanglogo)

Diese CD überrascht mit Beethoven-Raritäten. Und das ist durchaus ernst gemeint – oder haben Sie schon einmal die Musik zu einem Ritter- ballett gehört, die der angehende Komponist im Winter 1790/91, noch in Bonn, zum Karneval für seinen Mäzen, den Grafen Waldstein, geschrieben hat? Im November 1792 reiste der junge Ludwig van Beethoven dann nach Wien, um seine Ausbildung dort fortzusetzen. 
Im Gepäck hatte er auch erste Skizzen zu einem Violinkonzert; die Arbeit daran hat er dann allerdings nicht weiter verfolgt. Erst 1806 komponierte er für den Konzertmeister Franz Clement ein Violinkonzert in D-Dur op. 61; auf Bitten des Musik- verlegers Muzio Clementi arbeitete er es später außerdem zu einem Klavierkonzert um. Claire Huangci, die den Solopart übernommen hat, musiziert brillant, wo das Klavier hervortritt, und ordnet sich ebenso mühelos in das Orchester ein, was dieses Konzert leider des Öfteren verlangt. Man findet es beinahe schade, weil die Pianistin so exquisit spielt. 
Doch auch das Brandenburgische Staatsorchester Frankfurt/Oder unter Leitung von Howard Griffiths kann sich durchaus hören lassen. Dieses Konzert mit seinem pfiffigen Konzept ist so gar nicht „Jottwedeh“; ein Programm wie dieses würde auch in eine Kulturmetropole durchaus gut passen. Zumal als drittes Stück die Schlacht-Sinfonie Wellingtons Sieg oder die Schlacht bei Vittoria erklingt, uraufgeführt im Jahre 1813 wenige Wochen nach der Völkerschlacht von Leipzig. Ganz großes Kino! 

Montag, 15. Oktober 2018

Buxtehude: Abendmusiken (Alpha)

Dass Dieterich Buxtehude (1637 bis 1707) nicht nur ein exzellenter Organist war, sondern auch grandiose Vokal- und Instrumental- musik komponiert hat, dürfte unter Musikfreunden heutzutage – zumal nach der Gesamteinspielung seiner Werke, die wir Ton Koopman verdanken – wieder bekannt sein. 
Buxtehude hatte einst als Organist der Marienkirche in Lübeck zu den sogenannten Abendmusiken eingeladen. Diese Konzerte erklangen außerhalb des Gottesdienstes alljährlich an fünf Sonntagen in der Vorweihnachtszeit, und die besten Musiker der Stadt wirkten daran mit. So wurden sie bald zu einem Ereignis, das selbst in Reiseführern erwähnt wurde. Buxtehude leitete sie nicht nur, er schrieb auch Werke dafür. 
Dass die Menschen teilweise weite Wege auf sich nahmen, um diese Abendmusiken zu erleben, wird verständlich, wenn man diese CD angehört hat. Die Instrumentalisten vom Ensemble Masques, geleitet von Olivier Fortin, und die Sänger von Vox Luminis um den Bassisten Lionel Meunier präsentieren ein Programm, wie es durchaus seinerzeit in Lübeck erklungen sein könnte. Zwischen den fünf (!) Kantaten wurden außer- ordentlich reizvolle Triosonaten platziert. Und musiziert wird einmal mehr begeisternd; die Einspielung ist erstklassig, von beinahe überirdi- scher Leuchtkraft und Schönheit. Unbedingt anhören! 

Sonntag, 14. Oktober 2018

The Clarinotts (Gramola)

Ein einzigartiges Familientrio waren The Clarinotts: Ernst Ottensamer, Soloklarinettist der Wiener Philharmoniker, musizierte in diesem Ensemble gemeinsam mit seinen Söhnen Daniel, ebenfalls Soloklari- nettist der Wiener Philharmoniker, und Andreas, Soloklarinettist der Berliner Philharmoniker. Doch im Juli 2017 erlag Ernst Ottensamer, der seit dem Jahre 2000 in Wien auch als Professor lehrte, einem Herzinfarkt. 
So wird dies wohl die letzte CD des Klarinettentrios bleiben – und wer sich die Aufnahmen anhört, wird schnell feststellen, was dies für ein Verlust ist. Denn die Musiker schätzten nicht nur die Wiener Klarinette, sondern auch andere Mitglieder der Instrumentenfamilie, wie das Bassetthorn. Und nicht nur bei den Klang- farben, sondern auch beim Repertoire bevorzugten sie Abwechslung; so erklingen neben Originalkompositionen für Klarinettentrio durchaus auch Arrangements populärer Melodien – in diesem konkreten Falle stammen sie von Rainer Schottstädt, der sie für das Trio di Clarone geschrieben hat. 
Es steht also sein Divertimento zu Mozarts Don Giovanni neben Stücken von Edison Denisov, die Miniatur Die Floristin von Henry Ploy neben dem Scherzo fantastique von Alfred Prinz und den Acht Trios von Georg Druschetzky oder das Klarinettentrio von Joseph Friedrich Hummel neben Schottstädts Fledermaus-Bearbeitung. Einzigartig wird dieses bunte Programm durch die Clarinotts, die durchweg betörend musizieren. So harmonisch, so pointiert und so farbenreich sind Klarinetten wirklich selten zu hören. 

Montag, 8. Oktober 2018

Händel - Enemies in Love (Evoe Records)

Vor Wut schnauben, vor Eifersucht rasen, auf Rache sinnen und vor Liebe seufzen – Georg Friedrich Händel komponierte für jeden Affekt brillante Musik. Jakub Józef Orliński und Natalia Kawałek präsentieren auf dieser CD, exzellent begleitet vom Ensemble Il Giardino d'Amore unter Leitung von Stefan Plewniak, eine Auswahl von Arien und Duetten aus Händels Opern, die durch starke Gefühle und Leidenschaften geprägt sind. 
Die beiden jungen polnischen Sänger sind mit den barocken Stilmitteln bestens vertraut; allerdings hat Countertenor Orliński der Wucht, mit der seine Kollegin ihre Partien mitunter gestaltet, nicht wirklich etwas entgegenzusetzen. Wenn Mezzosopranistin Natalia Kawałek in die Tiefe geht, dann klingt das nicht immer elegant – dafür kann sie allerdings auch extreme Höhen aufbieten, was sehr beeindruckt. Am besten gefallen mir die beiden Stimmen in den Duetten, wo sie sehr schön harmonieren. Und das Video zur CD ist absolut konkurrenzlos. 

Benjamin Schmid (Oehms Classics)

Benjamin Schmid feierte dieser Tage seinen 50. Geburtstag – und Oehms Classics würdigte den Musiker mit einer 20-CD-Edition. Sie erweist sich als faszinierendes Porträt eines Geigers, der seine Virtuosität stets in den Dienst des Ausdrucks stellt. Selbst wenn er Virtuosenliteratur spielt, wird daraus niemals eine Zirkusnummer; Schmid beherrscht die Technik derart souverän, dass er sie nicht zur Schau stellen muss. 
Seine musikalischen Interessen sind weit gespannt. So finden sich in dieser Box Aufnahmen etlicher bedeutender Violinkonzerte, von Felix Mendelssohn Bartholdy bis zu Karol Szymanowski, von Johannes Brahms bis zu Karl Goldmark und von Antonio Vivaldi bis Erich Korngold. Auch das Violinkonzert von Peter Tschaikowski und die Romanze op. 11 von Antonín Dvořák sind zu hören. 
Die drei Violinsonaten op. 30 von Ludwig van Beethoven hat Benjamin Schmid gemeinsam mit Alfredo Perl eingespielt, und ausgewählte Sonaten für Klavier und Violine von Wolfgang Amadeus Mozart zusammen mit seiner Frau, der Pianistin Ariane Haering. 
Zwei bislang unveröffentlichte Aufnahmen verweisen auf die Favoriten des Jubilars: My Favourite Paganini und Bach: Reflected. Große Bedeutung für den Violinisten haben insbesondere die Werke Johann Sebastian Bachs, die in der Box umfassend vertreten sind, wobei Schmid die Sonaten und Partiten für Violine solo durch die 6 Sonaten für Solovioline op. 27 von Eugène Ysaÿe kontrastiert. Außerdem schätzt Schmid die Musik von Niccolò Paganini, die er gern in den legendären Arrangements von Fritz Kreisler vorträgt. 
Kreislers Virtuosenstücke nimmt der Geiger auch als Anlass und Ausgangspunkt zu einem inspiriert beswingten Ausflug in Richtung Jazz. Auch Bach: Reflected zeigt, dass sich der Geiger in der Welt der Improvisation durchaus zu Hause fühlt. Und Hommage à Grappelli führt direkt in die Tradition der großen Vorbilder Stephane Grapelli und Django Reinhardt. Benjamin Schmid erweist sich auch im Reich der eher jazzigen Klänge als ein Souverän. Wir gratulieren! 

Sonntag, 23. September 2018

Alla Turca (Klanglogo)

Was für eine geniale Idee! In Berlin gibt es ein Orchester, in dem nur Blockflöten musizieren – vom winzigen Sopranino bis zum übermannshohen Subkontrabass. Das Amateur-Ensemble, 2012 hervorgegangen aus dem 1948 gegründeten Blockflötenorchester Neukölln, wird von Simon Borutzki geleitet. 
Er hat auch die Arrangements für diese CD geschrieben. Und die haben es in sich – denn das Berliner Blockflöten Orchester verweist hier auf die Spuren, die der Orient in der europäischen Musikgeschichte hinterlassen hat. Von Mozarts berühmtem Rondo alla Turca bis zur Ouvertüre der Oper L'Italiana in Algeri von Gioachino Rossini und von Tschaikowskis Arabischem Tanz aus der Nussknackersuite bis zur Ankunft der Königin von Saba aus dem Oratorium Solomon von Georg Friedrich Händel – die Liste ist lang, und sie umfasst neben populären Melodien auch etliche unbekannte Stücke. 
Musiziert wird hinreißend schön. Und weil zu türkischen Klängen auch Schlagwerk gehört, wird das Blockflötenensemble für diese Einspielung durch die Perkussionistin Nora Thiele ergänzt. Die Orchestermitglieder spielen gekonnt, überaus harmonisch und auf den Punkt präzise. Es ist zudem erstaunlich, dass es den Musikern tatsächlich gelungen ist, ein Blockflötenset zusammenzustellen, dass stets absolut sauber klingt. Meine unbedingte Empfehlung - diese CD ist wirklich sensationell! 

Quantz: Four Concertos for Flute & Strings (Hänssler Profil)

Johann Joachim Quantz (1697 bis 1773) war der Flötenlehrer Friedrichs des Großen. Der Monarch hatte den Musiker, den er schon seit 1728 kannte und sehr schätzte, nach seiner Thronbesteigung 1740 umgehend engagiert. Ein Jahresgehalt von sagenhaften 2000 Talern konnte selbst August III., der Sohn Augusts des Starken, wie dieser polnischer König und ein großer Kunstmäzen, nicht bieten, so dass Quantz aus kursächsischen in preußische Dienste wechselte. 
Er gab seinem König Flötenunter- richt, fertigte Instrumente für ihn an und er war auch für die königliche Kammermusik zuständig. So komponierte Quantz mehr als 200 Flöten- konzerte, die nur Friedrich der Große spielen durfte. Auf dieser CD stellt der amerikanische Flötist Eric Lamb vier dieser Werke vor. 
Die ausgewählten Stücke geben einen guten Überblick über das Schaffen des Musikers für den König. Obwohl Quantz sich formal stets an dem gleichen Schema orientierte, wie es auch Vivaldi genutzt hatte, sind seine Konzerte erstaunlich abwechslungsreich und höchst raffiniert individuell gestaltet. Virtuose Ecksätze im traditionellen italienischen Ritornello-Stil umrahmen einen langsamen Mittelsatz, bei dessen Gestaltung Quantz enormen Einfallsreichtum beweist. 
Das ist kein Zufall – denn am Adagio und nicht an seiner Fingerfertigkeit wurde damals ein Virtuose gemessen. Eric Lamb musiziert hinreißend schön; er spielt bei dieser Aufnahme eine Holzflöte der Firma Sankyo Handmade Flutes. Dieser Traversflöte entlockt er herrliche, eher dunkle und runde Töne; sie hat nicht das Strahlende einer Böhmflöte, sondern beinahe etwas Geheimnisvolles. Die Kölner Akademie unter Leitung von Michael Alexander Willens begleitet den Solisten mit Eleganz und kammermusikalisch transparent. Sehr gelungen! 

Samstag, 22. September 2018

Duruflé: Complete Organ Works (Aeolus)

Das Orgelwerk von Maurice Duruflé (1902 bis 1986) ist nicht sehr umfangreich, aber musikhistorisch betrachtet von hohem Gewicht. Der Musiker, der bei Charles Tournemire, Jean Gallon und Paul Dukas studiert hatte, wurde im Jahre 1930 Titular- organist der Kirche Saint-Etienne-du-Mont in Paris. 
Er unterrichtetet auch selbst, und prüfte seine eigenen Kompositionen immer wieder mit derart kritischem Blick, dass letztendlich kaum etwas übrig geblieben ist. Erstaunlicherweise konnten in jüngster Vergangenheit noch Stücke Duruflés aufgespürt werden. So wurde 1991 die Miniatur Chant donné veröffentlicht, die der Organist seinem Professor für Harmonielehre gewidmet hatte. Und 2002 erschien Méditation, ein drei Seiten umfassendes Werk aus dem Jahre 1964. 
Auf dieser CD spielt Stéphane Mottoul Duruflés Kompositionen. Der junge belgische Organist, Jahrgang 1990, hat in Namur, Paris, Reims und Stutt- gart studiert. Dabei konzentierte sich zunehmend auf die Orgelimprovi- sation. Inzwischen hat er auch verschiedene Wettbewerbe gewonnen. Von älteren Einspielungen, die als Referenz gehandelt werden, lässt er sich nicht übermäßig beeindrucken und findet in der Auseinandersetzung mit Duruflés Musik seinen eigenen Weg. 
Mottoul musiziert an dem 2016 von der Manufacture d'Orgues Thomas neu gebauten Instrument der St. Laurentius Kirche im luxemburgischen Diekirch. Diese Orgel, in die auch das verbliebene Pfeifenmaterial des Vorgängerinstruments von 1870 aus dem Hause Dalstein & Haerpfer integriert wurde, beruht auf deutschen und französischen Vorbildern, die hier in schönster Harmonie vereint wurden. Es ist ein modernes Instru- ment, nicht nur mit einem betont zeitgenössischen Prospekt, sondern auch mit einem facettenreichen, symphonischen Klang, den Mottoul mit seiner Interpretation wunderbar zur Geltung bringt. Gefällt mir! 

Donnerstag, 20. September 2018

Vivaldi: The Folk Seasons (Alba)

Dass auch Musiker aus dem hohen Norden italienische Leidenschaft entwickeln können, beweist diese CD: Das finnische Ensemble Barocco Boreale hat die berühmten Vier Jahreszeiten von Antonio Vivaldi eingespielt – und das Programm dann gleich noch durch die Konzerte RV 114, RV 522 und RV 511 komplettiert. Die Solisten, Kreeta-Maria Kentala und Siiri Virkkala, musizieren gekonnt, aber für meinen Geschmack erstaunlich brav. Farbe bringt allerdings das begleitende Ensemble, das nicht nur die üblichen Streich-, Zupf- und Tasteninstrumente, sondern obendrein allerlei Über- raschungen bereit hält – neben Harfe, Psalterium und Kantele erklingen so auf der CD auch Vogelpfeifen. Nette Idee! 

Mittwoch, 19. September 2018

Concerti Napoletani per Mandolino (Deutsche Harmonia Mundi)

Mit seinem zweiten Album lädt das Ensemble Artemandoline zu einer musikalischen Zeitreise ein. Sie führt ins Neapel des 18. Jahrhunderts – damals die Hauptstadt des König- reichs beider Sizilien und eine Musikmetropole von europäischem Rang. Neapel hatte viermal (!) soviele Einwohner wie Wien, und die Konservatorien sorgten ebenso wie die Mäzene dafür, dass der musikalische Nachwuchs nicht ausblieb. 
Denn Musik war den Menschen damals wichtig; ob es der Mann auf der Straße war, der bei der Arbeit sang, oder König Karl, der später als Carlos III. in Spanien regieren sollte. Damit möglichst viele Menschen die Stars jener Zeit erleben konnten, ließ er in Neapel ein neues Opernhaus mit sechs Rängen errichten. Es wurde 1737 eröffnet, und es war zu diesem Zeitpunkt das größte der Welt. Doch nicht nur in der Oper gab es eine „neapolitanischen Schule“; auch die Instrumentalmusik Europas wurde durch Musiker aus Neapel mit geprägt. 
Besonders beliebt war dort seinerzeit die Mandoline. Das Ensemble Artemandoline präsentiert auf dieser CD auf Originalinstrumenten der Barockzeit als Weltersteinspielung fünf hörenswerte Konzerte, die zugleich Techniken und Klangsprache der neapolitanischen Mandolinenschule demonstrieren. Die ausgewählten Konzerte von Giovanni Paisiello, Giuseppe Giuliano, Domenico Caudioso und Carlo Cecere beeindrucken durch ihren melodischen Einfallsreichtum und virtuose Finesse. Den Solisten Alla Tolkacheva, Mari Fe Pavón und Juan Carlos Muñoz gibt diese Musik reichlich Gelegenheit, zu brillieren. 

Montag, 17. September 2018

Burney: Sonatas for piano four hands (Brilliant Classics)

Charles Burney (1728 bis 1814) ist heute in erster Linie durch seine Reiseberichte bekannt, in denen er mit durchaus spitzer Feder schil- derte, was er auf zwei ausgedehnten Studienreisen durch den Kontinent erlebt hat. Begegnet ist er dabei nicht nur Sängern und Musikern, sondern auch dem europäischen Adel. 
Ziel des musikhistorisch interessier- ten Organisten, der aus Shrewsbury stammte und dann auch in Norfolk sowie in London wirkte, war es, auf seinen Reisen das Material für eine umfassende Darstellung der Musikgeschichte zu sammeln. Diese hat er dann in den Jahren 1776 bis 1789 in vier Bänden veröffentlicht. Erwähnenswert ist zudem eine Schrift im Gedenken an Georg Friedrich Händel, inklusive einer sorgsam erarbei- teten Biographie, die Burney 1785 publizierte. 
Der Musiker wurde von seinen Zeitgenossen sehr geschätzt und geachtet. In späteren Jahren erhielt er sogar eine Staatspension, und er starb als ein vermögender und hoch geehrter Mann. Dass er auch als Komponist ein gar nicht kleines Werk hinterlassen hat, ist weniger bekannt. 
Auf zwei CD stellen Anna Clemente und Susanna Piolanti nun bei Brilliant Classics Sonaten vor, die Burney für Musikliebhaber geschrieben hat – zu spielen am Fortepiano oder am Cembalo zu vier Händen. Die Musikerin- nen haben dafür ein Tafelklavier ausgewählt, das ein Josephus Kirckman 1800 in London angefertigt hat. Es verfügt über ein Pedal mit einem Dämpfermechanismus; die Hämmerchen sind mit Hirschleder bezogen. Sein Klang ist facettenreich und faszinierend; die beiden Pianistinnen demonstrieren gekonnt insbesondere auch den erstaunlichen Farben- reichtum dieses Instrumentes. 
Die Musikstücke sind elegant, und zu einer Zeit, da es kein Radio und kein Internet gab, waren sie sicherlich im gutbürgerlichen Haushalt auch eine willkommene Unterhaltung. Musikalisch sind sie aber kein wirklich großer Wurf, und mit ihren unendlich vielen Wiederholungen stellen sie die Geduld des Hörers heute mitunter schon auf die Probe. 

Ries: Complete Works for Cello (Naxos)


Einmal mehr gelingt Martin Rummel eine Entdeckung: Der Cellist enga- giert sich seit Jahren für Repertoire, das im Konzert nur selten zu hören ist. Dazu gehören auch die Cello-Sonaten von Ferdinand Ries (1784 bis 1838). Gewidmet waren die beiden frühen Werke Bernhard Romberg, einem „Starcellisten“ des 19. Jahrhunderts. 
Ries stammte aus Bonn; sein Vater war erzbischöflicher Konzertmeister und einer der Lehrer des jungen Beethoven. Dieser wiederum unterrichtete zehn Jahre später den jungen Ries, der zeitweise auch Beethovens Sekretär und Kopist war. Aus Wien wurde Ries allerdings 1805 wieder in die Heimat gerufen, zur Musterung, wobei man ihn zum Militär- dienst nicht tauglich befand.  
Zwei Jahre verbrachte der angehende Musiker, dem Rat seines Lehrers folgend, in Paris. Danach kehrte er 1808 nach Wien zurück. Erneut sollte Ries zum Militär, was er vermied, indem er auf Tournee ging. In den Jahren 1811 bis 1813 gab er als Pianist Konzerte in ganz Europa; die Reise führte ihn bis nach Russland, wo ihn einmal mehr die Weltpolitik ereilte: Mit Blick auf das Vorrücken der französischen Armee reiste Ries ab; er floh über Schweden nach England.  
In London blieb Ries schließlich etliche Jahre. 1814 heiratete er in eine vermögende Familie ein, und war von 1815 bis zu seinem Rücktritt 1821 einer der Direktor der London Philharmonic Society. 1824 zog er mit seiner Familie wieder nach Deutschland. Er wohnte zunächst in Bad Godesberg, später in Frankfurt/Main, und leitete unter anderem das Niederrheinische Musikfest. Immer wieder reiste Ries durch Europa – nach London, Italien, Paris. Er engagierte sich für das Werk Beethovens, und komponierte auch selbst unermüdlich, wobei er nahezu alle Gattungen mit Ausnahme der Kirchenmusik berücksichtigte. Sogar drei Opern hat er geschrieben, von denen zwei erfolgreich aufgeführt wurden.  Dennoch geriet Ries' Schaffen nach seinem Tode bald in Vergessenheit. 
Das Label Naxos engagiert sich seit Jahren, um  seine Werke dem interessierten Publikum wieder zugänglich zu machen. Zu entdecken ist da so einiges: Konzerte, Sinfonien, Oratorien, Lieder, Streichquartette und andere Kammermusik, Kompositionen für Klavier – auf dieser CD sind es drei Sonaten für Violoncello und Klavier.  
Ries und Romberg kannten sich schon aus Bonn: Der Virtuose gab dem Nachwuchsmusiker zeitweise Cello-Unterricht. Auch in späteren Jahren sind sich die beiden Musiker wiederholt begegnet; so konzertierten Ries und Romberg gemeinsam in Russland. 
Die beiden Sonaten op. 20 und op. 21 schrieb Ries 1808. Obwohl sie in ihren Motiven und ihrem Charakter sowohl Haydn als auch Beethoven Referenz erweisen, sind sie stilistisch doch sehr eigenständig. Insbeson- dere die dritte Sonate auf dieser CD, op. 125 aus dem Jahre 1823, verweist – bei aller (beabsichtigten) Nähe zu Beethoven – in ihrer Harmonik gelegentlich bereits auf die Romantiker.  
Anspruchsvoll sind die drei Kompositionen, sie halten sowohl für den Pianisten als auch für den Cellisten herrliche Kantilenen ebenso bereit wie virtuose Passagen. Dabei ist der Klavierpart weit mehr als lediglich eine Begleitung; Martin Rummel gestaltet mit dem Pianisten Stefan Stroissnig einen musikalischen Dialog, der sehr neugierig macht auf die Fortsetzung dieser Reihe. 

Sonntag, 9. September 2018

Florilegium Portense (Carus)

In der Fürstenschule Pforta bei Naumburg war es einst üblich, dass die Schüler vor und nach dem Essen sowie zur Andacht Hymnen sangen. Diese Gesänge in lateinischer Sprache waren eher unkompliziert vierstimmig gesetzt; und beim Singen festigten die Schüler, ganz nebenher, ihre Lateinkenntnisse und sie erwarben ein Gefühl für Rhythmik und Versmaß dieser Sprache. 
Neben dem sogenannten „Kleinen Florilegium“ aus dem Jahre 1606, in dem diese Hymnen gesammelt waren, erschien 1603 noch eine weitere Sammlung geistlicher Gesänge mit dem Titel „Florilegium selectissimarum cantionum“. Diese „Blütenlese der ausgezeichnetesten Lieder“ hat Kantor Erhard Bodenschatz (1576 bis 1636) dann noch in zwei weiteren Ausgaben 1618 und 1621 komplettiert. 
Die Edition beruht auf einer Sammlung von Hymnen und Motetten aus Italien, Deutschland, Burgund und den Niederlanden, die teilweise schon Bodenschatz' Lehrer und Amtsvorgänger Sethus Calvisius zusammenge- stellt hatte. Er wirkte zwölf Jahre in „Schulpforta“, bevor er dann 1594 als Thomaskantor nach Leipzig zurückkehrte. 
Noch zu Bachs Zeiten bildete das Florilegium das Kernrepertoire der Thomaner. Erst Thomaskantor Johann Adam Hiller schaffte den „lateinischen Singsang“ ab, und ersetzte ihn durch deutschsprachige Motetten. Bis weit ins 19. Jahrhundert hinein aber wurde das Florilegium Portense an protestantischen Schulen und von Kantoreien in Mittel- und Norddeutschland genutzt. Heute singen auch die Thomaner wieder Stücke daraus. 
Dass dieser einstige Bestseller ansonsten aus dem Gebrauch gekommen ist, liegt mit daran, dass diese herrlichen Motetten bis zu zehnstimmig sind – was mittlerweile das Leistungsvermögen der meisten Chöre leider weit überschreitet. Das ist durchaus ein Verlust, wie diese CD aus dem Hause Carus zeigt. Das Vocal Concert Dresden hat unter Leitung von Peter Kopp gemeinsam mit der Cappella Sagittariana Dresden die Sammlung erkundet und zum 400. Jubiläum des Erstdruckes der zweiten Ausgabe, „Florile- gium Portense“, 1618 erschienen und wohl am weitesten verbreitet, Stücke aus allen vier Bänden eingespielt. 
Zu hören sind Werke von Orlando di Lasso, Agostino Agazzari, Giovanni Gabrieli, Hieronymus und Michael Praetorius, Hans Leo Hassler, Sethus Calvisius, Melchior Franck, und etlichen anderen. Auch Erhard Boden- schatz ist mit Quam pulchra es amica mea vertreten. Die Sängerinnen und Sänger beeindrucken durch einen runden, harmonischen Chorklang, aus dem die jeweiligen Solisten ebenso harmonisch heraustreten. Auch die Cappella Sagittariana bleibt dezent; oberstes Ziel ist Ausdruck, und dem ordnet sich alles unter. So ist dies eine außerordentlich gelungene CD, die einen guten Eindruck von der Schönheit jener altertümlichen Werke vermittelt. Meine Empfehlung! 

Samstag, 8. September 2018

Diversity (Genuin)

Im European Brass Ensemble musizieren die besten Nachwuchs-Blechbläser des Kontinents. Gegründet wurde es im Jahre 2010 durch Thomas Clamor und Karl Schagerl mit dem Ziel, Erfahrungen mit dem Venezuelan Brass Orchestra zu nutzen, um Europa zu stärken. 
Mittlerweile haben mehr als 150 Musiker aus 24 Nationen in diesem Orchester mitgewirkt. Seine Heimstatt fand das Ensemble in Niederösterreich, im Stift Melk – was ohne Zweifel der passende Rahmen ist für Pauken und Trompeten. 
Und mit diesen beginnt auch die zweite CD von European Brass, die jüngst bei Genuin erschienen ist: Das populäre Prélude zum Te Deum von Marc-Antoine Charpentier startet mit Glanz und Gloria. Jede Menge Pathos bietet auch der Krönungsmarsch Crown Imperial von William Walton. 
Dass Bläsermusik auch swingen und grooven kann, zeigt das Ensemble im Anschluss. Dabei beweisen die jungen Musiker, dass sie ihre Instrumente wirklich exzellent beherrschen. Denn die modernen Stücke – die Auswahl enthält Werke von diesseits und jenseits des Atlantiks – sind teilweise aberwitzig schwierig. So schrieb der Trompetenvirtuose Rafael Méndez für sich und seine ebenfalls hochbegabten Söhne eine nette Polka, die er Tre-Méndez-Polka nannte. Wer das als „tremendous“ liest, der liegt gar nicht einmal so verkehrt. In einer solchen Programmfolge darf natürlich auch I Got Rhythm von George Gershwin nicht fehlen. Und Walking Faster von Giancarlo Castro D'Addona ist ein Gruß an die Bläserkollegen aus Venezuela. 
Sinfonische Musik hingegen hat Stephan Hodel für die jungen Virtuosen geschaffen: A Lenda do Curupira erklingt auf dieser CD in Welterstein- spielung.  Meine persönlichen Favoriten aber sind zwei Stücke, die Richard Blake eigens für das European Brass Ensemble komponiert hat: Sowohl in Fantasy on Edelweiss als auch in Bleeding Chunks jongliert er überaus witzig mit Zitaten. Fröhliches Klassiker-Raten! 

Vivaldi - La Venezia di Anna Maria (Berlin Classics)

Dies ist keine gewöhnliche Vivaldi-Einspielung: Mit dem Album „La Venezia di Anna Maria“ erinnern Midori Seiler und das Concerto Köln an Anna Maria dal Violin. Als Findelkind kam sie in Venedig ins Ospedale della Pietà. Im Waisenhaus wuchs sie auf, und dort erhielt sie eine ausgezeichnete Ausbildung. Fleiß und Talent machten Anna Maria zu einer Violinvirtuosin von europäischem Rang. 
Es gab damals wenig Möglichkeiten für eine Frau, im Musikerberuf tätig zu werden. Umso interessanter ist der Einblick, den diese CD in das Repertoire gibt, das den erstklassigen Ensembles der vier venezianischen Ospedali seinerzeit zu einem derart exzellenten Ruf verholfen hat. Kaum ein Besucher der Stadt jedenfalls dürfte damals darauf verzichtet haben, den Mädchen und Frauen zuzu- hören, wenn sie in der Kirche musizierten. 
Obwohl Anna Maria (vermutlich 1696 bis 1782) nach heutigen Maßstäben ein Star war, ist über sie als Person erstaunlich wenig bekannt. Wir wissen, dass sie zwei Mal eine jeweils bessere Geige erhielt; ab 1720 wurde sie zudem maestra genannt – sie begann also, selbst zu unterrichten. 1721 hörte Johann Christoph Nemeitz ihr Spiel und meinte, dass die Geigerin „von Virtuosen unseres Geschlechts wenig ihres gleichen hat“. Zeitgenos- sen schrieben sogar Lobgedichte auf sie. 
Dennoch blieb die Musikerin ihr ganzes Leben im Ospedale della Pietà. Antonio Vivaldi, ihr Lehrer und Mentor, komponierte fast 30 Concerti per Anna Maria. Eine große Anzahl davon findet sich in ihrem „Spielbuch“, ihrer Notenkollektion, die Midori Seiler zu dieser Einspielung inspirierte. 
Die Geigerin, die seit 2017 wieder als Professorin an der Musikhochschule in Weimar lehrt, hat gemeinsam mit Concerto Köln für dieses Projekt vier Concerti per Anna Maria von Vivaldi ausgewählt – RV 260, RV 308, RV 270a und RV 248 – und dazu die Konzerte RV 120, RV 158 sowie die Sinfonia in F-Dur RV 140. 
Komplettiert wird das Programm durch ein Concerto a Quattro in g-Moll von Baldassare Galuppi und ein Concerto in B-Dur von Tomaso Albinoni. Concerto Köln gestaltet den Orchesterpart, wo es sich anbietet, durch den Einsatz von Blasinstrumenten farbig. Dies scheint auch in Venedig seiner- zeit üblich gewesen zu sein. Auch zwei Harfen sind dazu aufgeboten; die Orchestrierung übernahm Lorenzo Alpert, Fagottist und künstlerischer Leiter des Ensembles. Midori Seiler ist mit dem Orchester seit vielen Jahren vertraut. Diese enge Verbundenheit prägt auch die Aufnahme. Sie zeigt enorme künstlerische Reife, fernab jeder Oberflächlichkeit, Effekt- hascherei und Eitelkeit. Faszinierend. 

Donnerstag, 6. September 2018

Vater unser - German Sacred Cantatas (Ricercar)

Eine Kollektion protestantischer Sakralmusik aus dem 17. Jahr- hundert hat das Ensemble Clematis auf dieser CD zusammengestellt. Die Werke entstammen überwiegend der Sammlung Düben; einige davon erklingen in Weltersteinspielung. Den Gesangspart hat der Counter- tenor Paulin Bündgen übernommen. 
Immer wieder staunt man, welch hohes Niveau doch die Kirchenmusik damals hatte. David Pohle (1624 bis 1695) und Johann Theile (1646 bis 1724) beispielsweise waren Schüler von Heinrich Schütz; ihre Werke sind nicht weniger beeindruckend als die bekannten geistlichen Konzerte von Johann Christoph Bach (1642 bis 1703) oder Johann Michael Bach (1648 bis 1694). Doch auch längst vergessene Komponisten wie Johann Wolf- gang Franck, der in Ansbach am Hofe und in Hamburg am Gänsemarkt-Opernhaus tätig war, der Mühlhäuser Johann Rudolph Ahle oder Heinrich Schwemmer,der als Kantor in Nürnberg an St. Sebald wirkte, überraschen mit handwerklich gelungenen, ausdrucksstarken Kompositionen. 

Mittwoch, 5. September 2018

Viola Galante (Cavi-Music)

„Originalkompositionen für Bratsche als Solo-Instrument finden sich in der Zeit vor 1775 ausgesprochen selten“, schreiben Pauline Sachse und Phillip Schmidt im Beiheft zu dieser CD. Unterstützt durch Ludger Rémy, hat sich die Musikerin dennoch auf die Suche begeben – und durchaus lohnenswertes aufgespürt. 
„Wir wünschen Ihnen viel Freude beim Hören dieser größtenteils vergessenen Sonaten“, heißt es im Beiheft. „Ihre Ohren sind vermutlich die ersten, die ihnen seit über 250 Jahren Gehör schenken.“ 
Die einzige Sonate auf dieser CD, die nicht für die Viola, sondern für die Viola da gamba entstanden ist, stammt von Carl Philipp Emanuel Bach – allerdings hat der Komponist die „Bratschen-Version“ eigenhändig autorisiert. Sie unterscheidet sich vom Original ohnehin nur durch Oktavierungen von Tönen, die für die Bratsche zu tief liegen, in zwei Takten. 
Die frühesten publizierten Kompositionen für Bratsche in England stammen von William Flackton (1709 bis 1798), im Hauptberuf Buchhändler. Er hatte festgestellt, dass für die Bratsche Literatur fehlt – und gleich selbst vier Sonaten geschrieben. Eine davon ist auf dieser CD zu hören. 
Die vier nachfolgenden Werke erklingen in Weltersteinspielungen. Die erste dieser Sonaten stammt von Giorgio Antoniotto (vermutlich 1692 bis 1776). Er stammte aus Mailand, und könnte sich einige Jahre in den Niederlanden und in London aufgehalten haben. Überliefert sind von ihm vor allem Werke für das Violoncello; in der Library of Congresss in Washington fanden sich aber auch Manuskripte von zwei Bratschen- sonaten. Eine davon wird von Julia Sachse und Andreas Hecker vorgestellt; sie erscheint insbesondere aufgrund ihrer mitunter kühnen Harmonik reizvoll. 
Franz Benda (1709 bis 1786) wirkte als Geiger am Hofe Friedrich des Großen; ab 1771 war er Konzertmeister des musikliebenden Königs. Er komponierte fast ausschließlich für die Violine – allerdings hat er auch zwei Bratschensonaten geschrieben. Abschriften befinden sich im Notenarchiv der Sing-Akademie zu Berlin. Sie sind auf dieser CD beide zu hören. 
Last but not least erklingt ein Trio von Christlieb Siegmund Binder (1723 bis 1789). Dieser Musiker war Cembalist und Komponist am Dresdner Hof. Nach 1764 wirkte er dort als Organist an der katholischen Hofkirche. Seine Werke bieten insbesondere dem Cembalisten einen attraktiven Part – das Tasteninstrument ist hier nicht Begleiter, sondern ebenfalls Solist, und setzt im Wechselspiel mit der Bratsche durchaus eigene Akzente. 
Julia Sachse und Andreas Hecker musizieren souverän und mit enormer Spielfreude; es ist ein Vergnügen, ihnen zuzuhören. Für diese Einspielung haben die beiden Musiker bewusst historische Instrumente und eine historische Stimmung verwendet: Die Viola hat Giovanni Paolo Maggini 1610 in Brescia angefertigt; Sachse spielt sie hier mit Darmsaiten und mit einem Bogen nach spätbarocken Vorbildern aus der Werkstatt von Thomas Gerbeth. Andreas Hecker spielt ein Cembalo nach einem Instrument von Michael Mietke, gebaut von Bruce Kennedy 2000 in Amsterdam. Gestimmt wurde auf 415 Hz und nach Neidhardt („für eine große Stadt“). Dies bringt tatsächlich eine recht deutlich wahrnehmbare Tonartencharakteristik und damit zusätzliche Farbe in ein ohnehin ziemlich abwechslungsreiches Programm. Wer den sonoren Klang der Bratsche liebt, der sollte diese CD unbedingt anhören – vom ersten bis zum letzten Ton gelungen! 

Montag, 3. September 2018

Du Grain: Sacred Cantatas (MDG)

Kantaten von Johann Jeremias du Grain (um 1700 bis 1756) präsen- tiert das Goldberg Baroque Ensemble unter Leitung von Andrzej Szadejko auf dieser CD. Über das Leben des Komponisten ist wenig bekannt. So bleiben Herkunft und Geburtsdatum im Dunkel der Geschichte. Unter- richtet hat ihn Georg Philipp Telemann; im Jahre 1730 jedenfalls sang du Grain als Bassist bei der Aufführung der Festkantate des Hamburger Musikdirektors zum
200. Jubiläum der Augsburger Konfession. 

1731 heiratete du Grain dann in Elbing, und dort scheint er dann auch etliche Jahre geblieben zu sein. Aus dem Jahre 1737 ist belegt, dass er als Sänger, Cembalist und zweiter Organist an der Hauptkirche St. Marien beschäftigt war.  Danzig wurde die letzte Station auf seinem Lebensweg. Dorthin zog er 1739 um, und wurde 1747 Organist der Elisabethkirche. Um das Musikleben in der Handelsstadt erwarb er sich große Verdienste: Am 23. Februar 1740 veranstaltete er das erste große öffentliche Konzert in Danzig, mit Chor und Orchester. In der Konzertreihe, die du Grain begründete, erklangen seine eigenen Werke, aber auch Musikstücke von Telemann und Händel. 
Aus einem Brief erfuhr Telemann 1756 vom Ableben seines Schülers: „So eben vernehme ich, dass der Herr Du Grain, Organist bey der Reform(ierten) Kirche zu Danzig (..) bey einem (..) im Englischen Hause gehaltenen Concerte, dermassen vom Schlage getroffen worden, dass er so gleich darauf den Geist aufgegeben habe.“ 
Leider sind von du Grain nur sehr wenige Werke überliefert: Drei Cembalokonzerte, dazu eine Handvoll Kantaten. Die Sänger und Musiker um Andrzej Szadejko stellen auf dieser CD drei Kirchenkantaten vor sowie eine Gelegenheitskomposition, entstanden 1738 für die Beisetzungs- feierlichkeiten eines Bürgermeisters. Sie stammen durchweg aus den Elbinger Jahren. 
Das ist durchaus eine Entdeckung. Du Grain erweist sich als ein versierter Komponist, der die Kantatentexte einfallsreich in Musik gesetzt hat. Und sowohl für die Sänger als auch für die Instrumentalisten hat er teils virtuose Partien gestaltet. Apropos: Marie Smolka, Elisabeth Holmer, Georg Poplutz und Marek Rzepka bilden das Solistenquartett dieser Aufnahme. 

Dienstag, 28. August 2018

Mayr: Venetian Solo Motets (Naxos)

Johann Simon Mayr (1763 bis 1845) gilt als einer der bedeutenden Komponisten der italienischen Oper im 19. Jahrhundert. Über den Lebensweg des Musikers, der aus Mendorf im oberbayerischen Landkreis Eichstätt stammt, wurde in diesem Blog bereits an anderer Stelle ausführlicher berichtet. 
Was nicht mit erwähnt wurde: Mayr scheint auch recht fromm gewesen zu sein. Schon während seines Studiums in Ingolstadt wirkte er als Organist. Auch während seiner Ausbildung in Venedig sowie in den letzten 20 Jahren seines Lebens komponierte er Kirchenmusik. So schrieb er, neben vielen Opern, auch etliche Oratorien, Motetten und Messen. 1802 erhielt er eine Anstellung als Kapellmeister an der Basilika Santa Maria Maggiore in Bergamo, die er bis an sein Lebensende inne hatte. 
Nachdem bei Naxos inzwischen zahlreiche Opern des Komponisten in Aufnahmen dokumentiert sind, wendet sich das Label nun verstärkt dem geistlichen Schaffen Mayrs zu. In Weltersteinspielungen sind dort beispielsweise das Miserere in g-Moll und die Litaniae Lauretanae in g-Moll für Soli, Chor und Orchester sowie hinreißend schöne venezianische Solo-Motetten zu finden. Jede dieser Pretiosen ist in der Tat der Wiederentdeckung wert. 
Franz Hauk, der sich unermüdlich dafür engagiert, das Werk von Johann Simon Mayr aus dem Archiv zurück auf Bühne und Podium zu bringen, dirigiert das Ensemble, dem neben ausgewählten Solisten auch das Orchester I Virtuosi Italiani sowie, bei den groß besetzten Werken, die Instrumentalisten von Concerto de Bassus, der Simon Mayr Chor und Mitglieder des Chores der Bayerischen Staatsoper angehören.

Briccialdi: Flute Concertos (Brilliant Classics)

Zu den Jubilaren des Jahres gehört Giulio Briccialdi (1818 bis 1881). Er kam in Terni zur Welt. Das Flöten- spiel erlernte er bei seinem Vater, der allerdings früh starb. 
Giulio setzte daher seine Ausbildung in Rom bei Giuseppe Maneschi fort, und musizierte dann in verschiede- nen Opernorchestern. Sie wurden jeweils für eine Saison zusammen- gestellt. So kam der junge Musiker herum, und erwarb sich bald einen guten Ruf, was dazu führte, dass er zeitweise auch dem Grafen von Syrakus Flötenunterricht erteilen durfte, also dem Bruder des Königs von Sizilien. 
Ab 1839 ging er auf ausgedehnte Konzertreisen, die ihn quer durch Europa bis nach London führten, und auch nach Amerika. Dabei lernte er viele Musiker kennen, wobei eine Begegnung für Briccialdi besonders wichtig war: In München traf er 1847 Theobald Böhm. Er engagierte sich auch selbst für die Weiterentwicklung der Böhm-Flöte; die Doppelklappe für den Daumen ist eine Innovation von Briccialdi. 
1871 wurde der Flötenvirtuose Professor am Konservatorium von Florenz. Dort unterrichtete er, und er gründete zudem eine Werkstatt für den Flötenbau. Außerdem schrieb er Unterrichtswerke und er komponierte Musik, bevorzugt für sein Instrument. 
Dass dieser bedeutende Flötist nur Insidern ein Begriff ist, liegt mit daran, dass er seine Werke zumeist nicht veröffentlicht hat. So sind auch diese vier Flötenkonzerte erst in diesem Jahr (!) bei Ricordi im Druck erschienen. Ginevra Petrucci und I Virtuosi Italiani präsentieren die brillanten Kompositionen auf dieser CD in Weltersteinspielung. Und diese Entdeckung lohnt sich, vom ersten bis zum letzten Ton. Grandiose Musik, sehr engagiert gespielt, unbedingt anhören! 

Montag, 27. August 2018

Cantata - yet can I hear... (Pentatone)

Was ist eine Kantate? Mit dieser Frage hat sich Bejun Mehta sehr intensiv auseinandergesetzt. Angefangen hatte alles mit einer einzigen Arie, berichtet der Sänger im Beiheft zu dieser CD: „In 2015, I stumbled upon the aria ,Yet Can I Hear That Dulcet Lay' and fell madly in love. It is simple, direct, ravishing. I knew immediately that I want to sing the aria myself, and it eventually became the first building block of the program you now hold in your hands.“ 
Der amerikanische Countertenor hat für diesen CD eine sehr persönliche Auswahl an geistlichen und weltlichen Solo-Kantaten aus der italienischen, deutschen und englischen Tradition zusammengestellt, von virtuos bis besinnlich, in großen und kleinen Besetzungen. So erklingen unter anderem Georg Friedrich Händels Kantate Mi palpita il cor HWV 132c, Johann Sebastian Bachs Kantate Ich habe genug BWV 82, Antonio Vivaldis Pianti, sospiri e dimander mercede RV 676 oder Johann Christoph Bachs berühmtes Lamento Ach, dass ich Wassers g'nug
Bejun Mehta singt phantastisch; dank seiner exzellenten Technik gelingt es ihm mühelos, Virtuosität und Ausdruck zu verbinden. Jede Phrase ist überlegt gestaltet, nichts dem Zufall überlassen. Begleitet wird der Countertenor von der Akademie für Alte Musik Berlin. Die Instrumenta- listen – hervorgehoben seien an dieser Stelle nur die Solisten Xenia Löffler, Oboe, und Christoph Huntgeburth, Traversflöte – sind ebenfalls großartig. 
Das Label Pentatone hat dieser Einspielung obendrein eine ansprechend gestaltete Box und ein ausführliches dreisprachiges Beiheft spendiert, in dem auch sämtliche Kantatentexte nachzulesen sind. Kurz und gut: Eine Edition, von der sich nur Positives berichten lässt. Meine Empfehlung! 

Nuove Inventioni (Sony)

Jazz trifft auf Barock – und es ist eine spannungsvolle Begegnung! Diese CD dokumentiert, was geschieht, wenn zwei Musiktraditionen zueinander finden, die sich nur auf den ersten Blick stark unterscheiden. Natürlich sind Harmonik und Rhythmik jeweils ganz eigen. Doch die Liebe zur Improvisation vereint Jazz und Barockmusik. 
Wie das klingen kann, das zeigen der erfahrene Lautenist Rolf Lislevand und das junge Ensemble Concerto Stella Matutina mit dieser Aufnahme. Die Musiker machen deutlich, dass auch barocke Klänge grooven können – und dass man moderne Musik auch auf historischen Instrumenten ganz wunderbar spielen kann.  

Sonntag, 26. August 2018

Sinfonie Concertanti (Tudor)

Eine schöne Aufnahme, eigentlich älteren Datums, ist bei Tudor wieder verfügbar: Das Flötenduo Anne Utagawa und Dominique Hunziker hatte 1978 gemeinsam mit dem Orchestre de Chambre Paul Kuentz Sinfonie concertante von Federigo Fiorillo, Giuseppe Cambini und ein Concerto für zwei Flöten und Orchester von Domenico Cimarosa eingespielt. Es sind durchweg anspruchsvolle und ansprechende Werke, die den Solisten Gelegenheit bieten, sowohl Virtuosität als auch musikalisches Gestaltungsvermögen unter Beweis zu stellen. Das Flötisten-Ehepaar musiziert zudem auch in den turbulentesten Passagen perfekt aufeinander abgestimmt. 

Mussorgsky: Piano Works (Melodija)

Klaviermusik von Modest Mussorgski hat das russische Label Melodija veröffentlicht. Die CD kombiniert diverse Archivaufnahmen aus dem Zeitraum 1949 bis 2017. Zu hören sind fünf (!) Pianisten; ich muss gestehen, dass ich ihre Namen nie zuvor gesehen hatte. Und was ich gehört habe, das veranlasst mich auch nicht dazu, weitere Aufnahmen zu suchen. 
Es gibt bereits etliche Gesamtein- spielungen des Klavierwerkes des russischen Komponisten – wer sich für sein Schaffen interessiert, der sollte sich dort umsehen. Diese CD jedenfalls kann ich leider nicht guten Gewissens empfehlen. 

Samstag, 25. August 2018

Couperin: The complete organ masses (Paladino Music)

Dass diese beiden Orgelmessen Wer- ke eines gerade einmal 21jährigen waren, war umstritten. Sie wurden einem Onkel des Komponisten zugeschrieben, der den gleichen Namen trug, aber erheblich reifer an Jahren war. Erstaunlich ist das nicht: François Couperin (1668 bis 1733) entstammte einer Musikerdynastie, die an Format und Bedeutung mit der Familie Bach durchaus zu verglei- chen ist. 
Sein Beiname „Le Grand“ allerdings macht deutlich, dass sein Schaffen selbst in diesem erlesenen Umfeld herausragend war. Das erkannte auch Ludwig XIV., der Couperin 1693 zum Organisten an der Königlichen Kapelle in Versaille ernannte. Als Hofkomponist hatte er geistliche Musik zu liefern. Außerdem wurde Couperin zum Musiklehrer der königlichen Familie, und spielte mit seinen Concerts royaux in kleiner Besetzung Kammerkonzerte, für die er auch Musik komponierte. 
In seinem Schaffen führte er italienische und französische Musiktradi- tionen zusammen. Auch seine frühen Orgelmessen zeichnen sich durch den kreativen Umgang mit dem Althergebrachten aus. Dabei ist eine Messe für den feierlichen Gottesdienst in einer Pfarrkirche bestimmt, die andere ist eine Konventmesse, wie sie im Kloster gebräuchlich war. 
Sie sind beide für eine Musizierpraxis entstanden, bei der die Verse jeweils abwechselnd gesungen und von der Orgel gespielt wurden. Derart alternatim erklingen die Werke auch auf dieser CD. Es singt das Age of Discovery Vocal Ensemble, und der neuseeländische Organist James Tibbles hat für die Einspielung ein ganz besonderes Instrument ausgesucht: Zu hören ist die Orgel der Kirche Notre Dame Rozay-en-Brie, deren Tastaturen wohl die ältesten in spielfähigem Zustand erhaltenen in Frankreich sind. Auch der junge Couperin selbst hat dort musiziert.