Sonntag, 5. August 2018

Les préludes sont des images - Debussy (Ars Produktion)

Da wir gerade beim Crowdfunding waren: Über die Plattform Startnext hat Mario Häring Gelder für seine zweite Solo-CD gesammelt. Der junge Pianist, Jahrgang 1989, wollte unbe- dingt Werke von Claude Debussy (1862 bis 1918) einspielen – doch als er mit der Planung des Projektes begann, war er noch Student. „Debussys Musik begleitet mich generell schon seit der Kindheit“, berichtet Häring im Beiheft. „Früh habe ich z.B. die Arabesques und Golliwog's Cakewalk gespielt und mich sofort in die französischen Klänge verliebt. An ihnen kann man wunderbar am Klang arbeiten, was natürlich Auswirkungen auf das Klavierspiel allgemein hat und ganz neue Möglichkeiten eröffnet.“ 
Den hundertsten Todestag des Komponisten in diesem Jahr vor Augen, wollte sich Häring einmal mehr mit dem Werk Debussys auseinander- setzen. Die Finanzierung über Startnext ist ihm gelungen, und so konnte der Pianist sein CD-Projekt bei Ars Produktion verwirklichen. 
Ausgewählt hat Mario Häring dafür die Préludes, Premier Livre L. 117, Images, Deuxième Série L. 111, Children's Corner L. 113 sowie, quasi als Zugabe, die Rêverie L. 68. „Die ausgewählten Zyklen stammen alle aus einer Schaffensperiode und bieten trotzdem sehr verschiedene Eindrücke von Debussys Kompositionsstil“, erläutert der Pianist. „Allen gemeinsam ist für mein Empfinden aber ein stark atmosphärischer Ausdruck, der sich in meiner Vorstellung oft in natürlichen Szenerien abspielt – wie es ja auch oft die Titel widerspiegeln.“ 
Häring musiziert virtuos. Seine Technik ist beeindruckend; ich muss allerdings gestehen, dass mich sein Spiel insgesamt ziemlich ratlos zurücklässt. Häring entfesselt wahre Klangkaskaden, aber das Atmosphärische will sich sich mir nicht recht mitteilen. Der Pianist sucht nach einer Alternative zu den Rubati und all den anderen Freiheiten, die sich Pianisten schon zu Lebzeiten des Komponisten genommen haben – was dieser aber offenbar nicht sehr geschätzt hat. Was tun? Häring stellt selbst fest, dass Debussy selbst eher leise und elegant gespielt hat. 
Mir persönlich gefallen die Aufnahmen am besten, wo Pianisten zu Debussy einen poetischen Zugang gefunden haben – große Bögen, erkennbare Strukturen, und ein staunenswert differenziertes Klavierspiel. Ich wünsche mir farbenreiche, fein nuancierte und sensibel austarierte Interpretationen, und ja, mitunter vielleicht auch ein wenig Witz und Ironie. In dieser Aufnahme finde ich davon eher wenig. Häring musiziert heute mit dem Schwung der Jugend – er ist ohne Zweifel ein exzellenter Pianist, und ich bin gespannt darauf, wie er diese Stücke in 25 Jahren spielen wird. Wenn er aus einer anderen Perspektive in die Noten schaut. Mit mehr Distanz vielleicht. Und mehr Gelassenheit. 

Freitag, 3. August 2018

Small is beautiful (Musikmuseum)

„Small is beautiful“ – dieses Motto gilt für die vorliegende CD gleich aus mehreren Gründen. Im Mittelpunkt steht das zweite Brandenburgische Konzert BWV 1047 von Johann Sebastian Bach, üblicherweise besetzt mit Trompete, Blockflöte, Oboe und Violine sowie Streichern und Basso continuo. 
„Am Beginn stand die Frage: Lässt sich Bachs berühmtes Konzert im einer kammermusikalischen Fassung realisieren? Denn eine Partituranalyse lässt vermuten, dass Bach sein Meisterwerk ursprünglich so konzipiert hatte“, schreibt Stefan Ennemoser. Um diese Annahme praktisch-musikalisch zu überprüfen, hat sich der Tiroler Trompeter Verbündete gesucht. 
So wurde das CD-Projekt über die Internet-Plattform wemakeit finanziert – und die Crowdfundig-Kampagne der Musiker um Ennemoser war überaus erfolgreich: Fast einhundert Unterstützer leisteten einen Beitrag; auch hier gilt small is beautiful
Das Solistenensemble der Tiroler Barockinstrumentalisten hat neben Bachs Brandenburgischem Konzert gleich noch weitere Werke herausgesucht, die zu dem Motto passen. So stießen sie in den Beständen aus dem legendären „Schrank II“ der Dresdener Hofkapelle auf das Concerto für Trompete und zwei Oboen sowie Basso continuo TWV 43:D7 von Georg Philipp Telemann in einer Abschrift des Hofkopisten Johann Georg Grundig, ebenfalls mit minimaler Besetzung. 
Außerdem fanden sich in dieser Notenkollektion drei Suiten von Gottfried Finger (um 1660 bis 1730), der ab 1704 in der Hofkapelle Karl Philipps von der Pfalz-Neuburg musizierte. 1707 bis 1717 residierte der Fürst, vom Kaiser zum Statthalter für Tirol berufen, in Innsbruck. Als der Herzog nach dem Tode seines Bruders 1717 die pfälzische Kurwürde erbte, wechselte Finger mit der Residenz zunächst nach Neuenburg an der Donau, dann nach Heidelberg und schließlich nach Mannheim. Er scheint bis an sein Lebensende als Kurpfälzischer Hofkammerrat im Dienst des Kurfürsten gestanden zu haben. 
Dass seine Werke selbst in Sachsen gespielt wurden, von einer der besten Hofkapellen jener Zeit, das zeigt, wie geachtet der Komponist war. Auf dieser CD sind vier Sonaten von Gottfried Finger zu hören – zwei Triosonaten, aber auch eine raffinierte Sonate für Trompete, Oboe und Basso continuo und eine groß besetzte Sonate für zwei Trompeten, zwei Oboen, zwei Violinen und Basso continuo. Telemann ist zudem noch mit dem Quartett TWV 43:G6 vertreten; wie die meisten frühen Werke dieser Gattung ist es deutlich abwechslungsreicher instrumentiert, als wie das heute gewohnt sind – in diesem Falle erklingen Flöte, Oboe, Violine und Basso continuo. 
Mit Stefan Ennemoser musizieren Christian Gruber, Trompete, Julia Fritz, Blockflöte, Georg Fritz, Oboe und Blockflöte, Elisabeth Baumer, ebenfalls Oboe, Claudia Norz und Katharina Wessiack, Violine, Gerlinde Singer, Violoncello, und Max Volbers, Orgelpositiv. Dieses Solistenensemble der Tiroler Barockinstrumentalisten spielt sensibel und natürlich auch stilsicher. Veröffentlicht wurde die CD in Zusammenarbeit mit der Musiksammlung der Tiroler Landesmuseen bei dem Label Musikmuseum.