Donnerstag, 15. November 2018

Händel: Messiah (Naxos)

Bald nun ist Weihnachtszeit – und die langen, dunklen Abende animie- ren offenbar so manchen Musik- freund, die CD-Bestände aufzu- stocken. Die Plattenfirmen jedenfalls starten zum Jahresende noch einmal ein wahres Feuerwerk an Neuver- öffentlichungen. Das Klassikblog „ouverture“ wird in den kommenden Wochen zudem etliche Aufnahmen vorstellen, die zum Weihnachtsfest für Stimmung sorgen sollen. 
Den Reigen beginnt diese Einspie- lung von Händels Oratorium Messiah, mit den Concert Artists of Baltimore Symphonic Chorale, verstärkt durch etliche Instrumentalisten des Baltimore Symphony Orchestra. Kapellmeister Edward Polochick, der das Ensemble vom Cembalo aus leitet, hat sich für die Version des Werkes aus dem Jahre 1741 entschieden und lässt alle Sätze aufeinander folgen. 
Damit verbindet er Chorsätze, Rezitative und Arien zu einem Gesamt- geschehen, das man beinahe dramatisch nennen könnte. Wenn Polochick nicht auch eine Leidenschaft für rasante Tempi hätte, jeweils gefolgt von breeeeiitem Ritardando am Satzende – was ziemlich manieriert wirkt, und irgendwann nur noch nervt. 
Der Hörer staunt über die gut trainierten Sänger, die offenbar keinerlei Probleme mit den ultraschnellen Passagen haben. Doch der flotte Fluss des Geschehens stoppt dann am Satzende; es ist, als würde Polochnick seinen Rennwagen stets genüsslich abbremsen, bevor er in die nächste Runde startet. 
Die sportliche Geschwindigkeit hat zudem noch eine weitere, weit unange- nehmere Nebenwirkung: Der Text bleibt weitgehend unverständlich. Wenn der Zuhörer aber inhaltlich gar nicht versteht, worum es geht – was soll dann all die Dramatik? 

Herz-Tod (Decca)

Die Liebe und der Tod – das sind die Themen, denen sich der Bassist Günther Groissböck gemeinsam mit seinem Klavierbegleiter Gerold Huber mit dieser Einspielung zuwendet. Ausgewählt hat der Sänger dafür die Vier ernsten Gesänge von Johannes Brahms, die Michelangelo-Lieder von Hugo Wolf, die Rückert-Lieder von Gustav Mahler – und die Wesendonck-Lieder von Richard Wagner. 
Sie sind hier zum ersten Male auf CD mit einer Männerstimme zu hören. „Mich hat die Klangsprache der Wesendonck-Lieder schon immer fasziniert, da sie eben dem Tristan an vielen Stelle so nahesteht“, erläutert Günther Groissböck in einem Interview, das im Beiheft nachzulesen ist: „Außerdem habe ich im Text keine verbindliche Geschlechtszugehörigkeit entdeckt, sodass ich mir einfach gedacht habe: Warum denn nicht mal diese ,gender-neutralen' Lieder als Mann singen, weil es ja auch Titel wie ,Schmerzen' oder ,Stehe still' gibt, zu denen etwas draufgängerisches Testosteron sehr gut passt, wie ich finde.“ 
Der Österreicher ist ein gefragter Wagner-Sänger. Sein Bass ist prachtvoll, aber der Liedgesang wirkt mitunter etwas kühl und zurückhaltend; in der Textausdeutung erscheint mir beispielsweise Hans Hotter viel stärker. Gerold Huber allerdings erweist sich einmal mehr als kongenialer Klavierpartner. Es ist beeindruckend, mit welchem Feingefühl er mit dem Sänger in einen Dialog tritt, wie sensibel er auf jede Nuance im Ausdruck reagiert. So wird aus dem Klavierpart weit mehr als eine Begleitung. Huber zeigt immer wieder, wieviel der Pianist zum Gesamtkunstwerk Lied beitragen kann.