Samstag, 10. Oktober 2020

Lortzing: Opera Overtures (Naxos)

 

Dass die Opern von Gustav Albert Lortzing (1801 bis 1851) einstmals, neben den Werken von Mozart und Verdi, an deutschen Bühnen die meistgespielten waren, kann man sich heute kaum noch vorstellen. Doch Lortzing war ein Theatermann, vom Scheitel bis zur Sohle, und er verstand sich darauf, sein Publikum gut zu unterhalten. Von seinen Werken erfreuen sich vor allem Der Wildschütz sowie Zar und Zimmermann bis zum heutigen Tage großer Beliebtheit. 

Auch unter den weniger populären Opern gibt es möglicherweise einiges, was der Wiederentdeckung lohnen würde – darauf lässt zumindest diese CD mit Ouvertüren schließen. Das Malmö Opera Orchestra unter Leitung von Jun Märkl jedenfalls macht neugierig auf Werke wie Undine, Hans Sachs oder Die Opernprobe. Hochinteressant! 


Mittwoch, 7. Oktober 2020

Baltikum (SWR Music)

 

Auf musikalische Entdeckungsreise begibt sich das SWR Vokalensemble unter Leitung von Marcus Creed. Der Chor hat in der Vergangenheit bereits, von Amerika über Russland bis Japan, eine ganze Reihe unterschiedlicher Musikkulturen erkundet. 

Die baltischen Länder sind ein lohnendes Ziel, denn sie haben eine grandiose Chortradition, und auch heute noch unglaublich viele sehr gute Chöre. Was also zeichnet zeitgenössische Chormusik aus dem Baltikum aus? Das SWR Vokalensemble präsentiert Werke vorwiegend jüngerer Komponisten aus Estland, Lettland und Litauen. Hierzulande bekannt ist Arvo Pärt, der auf der CD mit Ja ma kuulsin hääle den Schlusspunkt setzt. 

Zu hören sind außerdem Kompositionen von Maija Einfelde, Rytis Mažulis, Pēteris Vasks, Veljo Tormis, Andris Dzenītis und Justė Janulytė. Die ausgewählten Stücke sind durchweg höchst anspruchsvoll, und musikalisch ausgesprochen individuell gestaltet. Sie zeichnen sich aber dadurch aus, dass sie allesamt den Chor und seinen ganz besonderen Klang in den Mittelpunkt stellen. Das SWR Vokalensemble zeigt einmal mehr seine Flexibilität, und bezaubert mit einer enormen Palette an Klangfarben. 


Dienstag, 6. Oktober 2020

Reflecting Beethoven - Herbert Schuch (Cavi-Music)

 

„Zu viel Beethoven gibt es nicht!“, meint Herbert Schuch. Zum Beethoven-Jubiläumsjahr 2020 legt der Pianist deshalb allen Musikfreunden ein Album auf den Gabentisch, das drei Klaviersonaten des Komponisten in den Mittelpunkt stellt. Schuch hat dafür die Pathétique op. 13 sowie die Sonaten op 31 Nr. 1 und 2 – letztere bekannt unter „Der Sturm“ – ausgewählt. Diese kombiniert er mit Miniaturen, die mit Beethovens Musik korrespondieren. 

So erklingen nach der Klaviersonate op. 13 – für Schuch „ganz große italienische Oper mit schwerer Einleitung, großem Drama, Streitgespräch zweier Personen beim Seitenthema, dem Mittelsatz als Belcanto-Arie und dem Finale als Abschiedsszene“ – die Pathétique Variations von Mike Garson, dem langjährigen Keyboarder David Bowies. Sie erscheinen wie eine improvisierte Reflektion des großen Vorbildes aus heutiger Perspektive – oder vielleicht sollte man besser sagen „Perspektiven“? Denn der Stilpluralismus unserer zeitgenössischen Musik erzeugt viele Facetten, die höchst unterschiedliche Klangbilder auslösen. 

Coup de dés en échos von Henri Pousseur hat Schuch Beethovens Klaviersonate Nr. 16 vorangestellt. Damit setzt er einen Kontrast, denn dieses Stück ist ein modernes, von Pousseur John Cage gewidmet. Die Sturm-Sonate wiederum beantwortet Schuch mit Leander Ruprechts Sonata d-Moll (2nd Version); er macht darin aus Musik wieder Geräusch. Das ist in diesem Fall sogar witzig.


Sonntag, 4. Oktober 2020

John Williams in Vienna (Deutsche Grammophon)

 

Im Januar 2020 dirigierte John Williams erstmals die Wiener Philharmoniker – und sowohl die Presse als auch das Publikum gerieten darüber schier in Ekstase: „Besuch vom lieben Gott“, titelte beispielsweise der Standard. 

Es war ohne Zweifel ein Ereignis, und wer Karten bekommen hatte, der konnte sich freuen. Im Goldenen Saal des Wiener Musikvereins erklangen im Konzert diesmal ausschließlich Werke des legendären amerikanischen Filmkomponisten – und als Stargast stand auch die Geigerin Anne-Sophie Mutter mit auf der Bühne. 

Die Musiker schätzen nicht nur Williams‘ Musik; sie waren auch von seiner hochprofessionellen Probenarbeit und von seiner präzisen Schlagtechnik begeistert gewesen, so wird berichtet. Die Blechbläser sollen darum gebeten haben, den Imperial March unbedingt mit ins Programm zu nehmen. Die Wertschätzung beruht auf Gegenseitigkeit; auch der Komponist versicherte, die Arbeit mit den Wiener Philharmonikern sei für ihn „eine ganz besondere Ehre“

Die bekannten Melodien aus Filmen wie Star Wars, Indiana Jones, Jurassic Park wirken in dieser Aufnahme sehr edel; man vergisst beinahe, dass es sich nicht um sinfonische Musik, sondern eigentlich um Filmsoundtracks handelt. Die Kompositionen von John Williams haben aber durchaus das Format, um auch im Konzertsaal, ganz ohne Leinwand, das Publikum zu begeistern. Das spricht für die Qualität seiner Musik. 

Diese CD dokumentiert das besondere Konzert – und vielleicht gelingt es bei nächster Gelegenheit, neben den phantastischen Filmmusiken auch einmal ein „richtiges“ Orchesterwerk von John Williams mit ins Programm zu nehmen. May the Force be with you! 


Staatskapelle Berlin - Legendary Eterna Recordings (Berlin Classics)

 

Die Staatskapelle Berlin feiert 450jähriges Bestehen – und Berlin Classics gratuliert mit einer 5-CD-Box zu diesem Jubiläum. Das Label hat dafür legendäre Aufnahmen des Orchesters mit Otmar Suitner und Günther Herbig herausgesucht. Sie wurden seinerzeit in der Christus-Kirche Berlin-Schöneweide aufgenommen, und bei Eterna als Schallplatte veröffentlicht. 

Für die Neuedition wurden diese Einspielungen nun neu von den Originalbändern remastert. Otmar Suitner leitete die Staatskapelle Berlin von 1964 bis 1990. Freuen darf man sich auf feinsinnige Interpretationen der Mozart-Ouvertüren ebenso wie auf Musik von Richard Strauss und Paul Dessau, die Suitner allesamt besonders schätzte. 

Neben Strauss‘ Symphonischer Phantasie aus Die Frau ohne Schatten wurde für diese Kollektion auch Penthesilea von Hugo Wolf sowie die Musik zu Kleists Das Käthchen von Heilbronn op. 17 von Hans Pfitzner ausgewählt; für beides hatte sich Suitner besonders eingesetzt. Zu hören sind zudem Bruckners Siebente und Mahlers Zweite; Günther Herbig, der in den 70er Jahren viele Konzerte mit der Staatskapelle dirigierte, wird ebenfalls mit einer CD geehrt. Darauf erklingen Mendelssohns Sommernachtstraum sowie die Orchestermusik Nr. 4 von Paul Dessau. 


Mirror Strings - Dedication

„Dedication“ heißt das neue Album der Mirror Strings. Das darf man durchaus wörtlich nehmen – denn alle Stücke wurden speziell für das Quartett geschrieben. Zugleich musizieren Luisa Marie Darvish Ghane und Johann Jacob Nissen, Gitarre, und Samuel Selle sowie Phillip Wentrup, Violoncello, brillant und mit Passion. Sie erkunden die Werke, die sich sowohl stilistisch als auch kulturell sehr voneinander unterscheiden, mit Hingabe. 


Ob le miroir magique von Shadi Kassaee, Kijiji von Volker Luft, Four Chords von Gulli Björnsson oder Wintermusik von Torben Maiwald – jeder Komponist bringt seine Persönlichkeit, sein individuelles Musikverständnis und sein ästhetisches Konzept mit ein. Sophia’s Flight heißt das Stück von Sebastian Sprenger, Tilman Hübner nannte sein Stück Quartett 7. Komplettiert wird das Programm durch Simone von Tristan Xavier Köster, Hypnosistum von Catalina Rueda und BraadiCardia von Maximilian Guth. 
Es ist ein abwechslungsreiches Programm, beinahe eine musikalische Weltreise: Minimal Music trifft auf afrikanische Musiktraditionen, persische Einflüsse begegnen Rock und Pop; Generationen und Ideen kommunizieren spannungsreich miteinander. Die Besetzung der Mirrorstrings macht vieles möglich – elegische Melodien ebenso wie wilde, rhythmusbetonte Stücke. Die Kombination aus Celli und Gitarren erweist sich als höchst flexibel und auch klanglich sehr attraktiv. Man staunt erneut, warum bislang noch niemand darauf gekommen ist. Bravi! Unbedingt anhören, es lohnt sich wirklich. 

Mittwoch, 16. September 2020

Grigory Sokolov. Beethoven - Brahms - Mozart. (Deutsche Grammophon)

Grigory Sokolov ist als Pianist noch immer eine Klasse für sich. Seit vielen Jahren spielt der Musiker ausschließlich Solo-Recitals. Er tritt nur in Mitteleuropa auf, und er meidet Medienrummel ebenso wie Marketingstrategen. Er gibt keine Interviews, und er stellt seine Programme so zusammen, wie er es für richtig hält. 
Viele Jahre lang hat Sokolov keinerlei Aufnahmen erlaubt. Es ist ein großer Gewinn, dass er nun zumindest ausgewählte Live-Mitschnitte für eine Veröffentlichung freigibt. 
Denn seine Konzentration auf die Musik, seine brillante Technik und seine bewundernswerte Autonomie ermöglichen ihm Interpretationen von enormer Tiefe und Klarheit. Sokolov musiziert mit höchster Präzision; seine Artikulation ist atemberaubend, Nuancen- und Farbenreichtum seines Spiels sind faszinierend. Das ist Klavierkunst auf allerhöchstem Niveau, wie aus einer anderen Welt. 
Diese Box enthält die Sonate in C-Dur op. 2 Nr. 3 sowie die Bagatellen op. 119 von Ludwig van Beethoven, sowie die Klavierstücke op. 118 und 119 von Johannes Brahms und sieben wunderbare Zugaben. Diese wählt Sokolov stets mit derselben Sorgfalt aus wie die „großen“ Stücke. 
Zu hören sind in diesem Falle das Impromptu in As-Dur D 935/2 von Franz Schubert, Les Sauvages von Jean-Philippe Rameau, das Intermezzo in b-Moll op. 117/2 von Johannes Brahms, Le Rappel des Óiseaux, ebenfalls von Rameau, das Prelude in gis-Moll op. 32/12 von Sergej Rachmaninoff, Schuberts  Allegretto in c-Moll D 915 und Des pas sur la neige aus den Préludes von Claude Debussy. Als Zugabe gibt es außerdem eine DVD, mit Musik von Wolfgang Amadeus Mozart. 

Sonntag, 13. September 2020

Fantasies & Illusions - Bach's Sons And The Fortepiano (K&K)

Einen Hammerflügel-Hurrikan entfesselt Slobodan Jovanović auf diesem Album aus dem Hause K&K, bei dem es sich ausnahmsweise einmal nicht um einen Konzertmitschnitt handelt. Der Pianist, der sich auf historische Tasteninstrumente spezialisiert hat, musiziert auf einem Fortepiano aus der Werkstatt von Susanne Merzdorf, angefertigt nach einem Vorbild von Anton Walter aus dem Jahre 1782. 
In diese Einspielung startet er mit der Sonata Nr. 4 in A-Dur Wq 55,4 von Carl Philipp Emanuel Bach (1714 bis 1788). Sie stammt aus der ersten Sammlung „Für Kenner und Liebhaber“, und führt direkt hinein in ein Jahrhundert, in dem sich Komponisten oftmals mit Dienstverhältnissen arrangierten, und in dem Musik häufig in erster Linie eine Gebrauchsfunktion hatte. 
So wirkte Carl Philipp Emanuel Bach viele Jahre als Cembalist Friedrichs des Großen. Wie wenig ihn allerdings mit den musikalischen Ideen seines flötenspielenden Dienstherren verbindet, das zeigt auch das zweite Werk, das Jovanović auf dieser CD erklingen lässt. Die Fantasie in fis-Moll Wq 67 „C.P.E. Bachs Empfindungen“ ist ein ebenso unerhörtes wie ungestümes Stück, einzigartig, ebenso wild wie ausdrucksvoll. 
Ein ganz ähnliches Temperament offenbart sein jüngerer Bruder Wilhelm Friedemann Bach – aber seine Fantasie in a-Moll, die Jovanović für diese Einspielung ausgewählt hat, bleibt vergleichsweise zahm. Die zwölf Polonaisen hingegen sind alles andere als harmlose Salonstücke; kein Wunder, dass Zelter sie seinerzeit „mühsam“ fand. Bei den Polonaisen in e-Moll und f-Moll demonstriert Bach, dass er Empfindsamkeit durchaus kann. Doch interessanter sind die Polonaisen Es-Dur und F-Dur – sie weisen weit voraus in die Romantik. Wilhelm Friedemann Bach überrascht immer wieder neu. Dieser Musiker, der es in keiner Anstellung lange aushielt, muss ein unglaublich versierter Pianist gewesen sein – und ein musikalischer Visionär. Seine Harmonik nimmt mitunter bereits das 19. Jahrhundert vorweg. Faszinierend. 
Eingebettet in seine Werke, spielt Slobodan Jovanović ein eigenes Stück. Iluzija, Illusion, ist auf dem Konzertflügel entstanden. Es profitiert aber erheblich vom farbenreichen, differenzierten Klang des Hammerflügels; Jovanović bringt es auf dieser CD in einen spannungsreichen Dialog mit den Kompositionen der beiden Bach-Söhne. 

Samstag, 12. September 2020

Suoni amorosi (Deutsche Harmonia Mundi)

Liebevolle Klänge präsentiert das Duo Gioco di Salterio auf diesem Album. Mit ihrer Musikauswahl, die weit in die Vergangenheit reicht, erinnern Birgit Stolzenburg und Hans Brüderl zugleich an Klänge aus ferner Zeit: In der Renaissance wurden in Europa viele Musikinstrumente gespielt, die in späteren Jahrhunderten an Bedeutung verloren haben, und teilweise sogar in Vergessenheit geraten sind. 
Lauten und Theorben sind mittlerweile wieder zu hören. Aber das Hackbrett und seine Verwandten erklingen, außerhalb der Brauchtumspflege, eher selten. Dieses Saiteninstrument wird mit kleinen Hämmerchen angeschlagen. Birgit Stolzenburg lässt hier Salterio, Dulce Melos, Dulcimer und Kontrabass-Hackbrett erklingen. Hans Brüderl spielt Vihuela, Renaissancegitarre, Renaissancelaute und Theorbe, und gemeinsam zeigen die beiden Musiker, welche Vielfalt an Klangmöglichkeiten dieses Instrumentarium ermöglicht. Dafür hat das Duo Gioco di Salterio Werke vom 14. bis zum 18. Jahrhundert ausgewählt. Berückend! 

Sonntag, 6. September 2020

Joseph Haydn - Four Sonatas (Genuin)

Klaviersonaten von Joseph Haydn (1732 bis 1809) widmet sich Brigitte Meyer auf dieser Genuin-CD. Die Schweizer Pianistin entstammt wie Friedrich Gulda und Martha Argerich der Wiener Talentschmiede des großen Lehrers Bruno Seidlhofer. Für diese Einspielung wählte sie vier sehr unterschiedliche Klaviersonaten aus dem umfangreichen Gesamtwerk Haydns aus. 
Die D-Dur-Sonate Hob. XVI:24 orientiert sich am Vorbild Carl Philipp Emanuel Bachs – aber Haydn führt dieses in einzigartiger, impulsiver Weise weiter. „Ich spüre hier immense Lebensfreude“, so Meyer, „und um die auszudrücken, muss man über die Technik verfügen, um beispielsweise auch schnellere Tempi wählen zu können. Für mich fordert die Sonate in D-Dur viel Phantasie vom Interpreten.“ 
Die Sonate in As-Dur Hob XVI:46 hingegen sei weit detaillierter ausgearbeitet: „Haydn schafft hier eine eigene Sprache, mit fließender Harmonie und großer rhythmischer Lebendigkeit“, schreibt die Pianistin im Beiheft. „Seine kühne und oft überraschende Art mit Harmonien umzugehen, ist für den Interpreten aufschlussreich und äußerst inspirierend.“ 
Die beiden Sonaten in C-Dur und Es-Dur Hob. XVI:50 und 52 komponierte Haydn anlässlich seiner Reise nach London 1794/95. Es sind virtuose Werke, bestimmt für den Vortrag auf englischen Instrumenten, kühn und modern. 
Brigitte Meyer findet für jedes der vier so verschiedenen Werke einen eigenen Ausdruck. Auf dem modernen Fazioli-Flügel musiziert sie fein nuanciert, sehr elegant, dabei kraftvoll und mit Esprit. Hinreißend musiziert, ich habe jeden Ton genossen. Das ist ein sehr interessanter Beitrag zum Beethoven-Jubiläumsjahr. 

Schütz: Schwanengesang (Carus)

Der Residenzstadt Dresden war Heinrich Schütz (1585 bis 1672) eng verbunden. Und es waren auch Dresdner, die das Schaffen des langjährigen kursächsischen Hofkapellmeisters aus Archiven wieder zurück in das Bewusstsein der musikliebenden Öffentlichkeit gerückt haben. Heinrich Schütz, ein Schüler von Giovanni Gabrieli, gilt als „Vater der modernen deutschen Musik“. Ebenso wie Scheidt und Schein – deshalb bekannt als „die drei großen Sch“ der miktteldeutschen Musikgeschichte – integrierte er Innovationen aus Italien in die deutsche Musiktradition. Seine Kompositionen begeistern noch heute, denn Schütz ist Meister darin, Texte mit dem Medium Musik auszudeuten. 
Die Neue Schütz-Ausgabe begann in den 50er Jahren, die Werke des Komponisten aus quellenkritischer Perspektive wieder zugänglich zu machen. In den 60er Jahren entstand zudem eine ebenso exzellente wie umfangreiche Einspielung dieser eindringlichen und zumeist geistlichen Werke, getragen vom Dresdner Kreuzchor unter Leitung des Kreuzkantors Rudolf Mauersberger und seines Nachfolgers Martin Fläming. Das wird kaum ein Zufall gewesen sein; die Kruzianer dürfte inmitten des real existierenden Sozialismus besonders der Bekenntnischarakter von Schütz‘ Musik inspiriert haben. Beteiligt an diesem Projekt war auch die Capella Fidicinia Leipzig, die auf historischen Instrumenten musizierte. 
Für damalige Verhältnisse war das außergewöhnlich. Veröffentlich wurde die Einspielung einst bei dem DDR-Label Eterna – man staunt noch heute darüber, wie unter dem Etikett der Pflege des kulturellen Erbes im Arbeiter- und Bauernstaat eine solche Edition möglich war. 
Dann war es der Musikhistoriker Wolfgang Steude, der sich unermüdlich dafür eingesetzt hat, die Musik des Dresdner Hofes aus dem Vergessen wieder auf die Bühnen zu holen. Noch heute engagieren sich erfreulich viele Ensembles in der Elbestadt dafür. Steude baute das Dresdner Heinrich-Schütz-Archiv auf, und er war Mitherausgeber des Schütz-Jahrbuches. 
In jüngster Vergangenheit hat sich nun Hans-Christoph Rademann Schütz‘ Kompositionen zugewandt. Mit Blick auf die Veröffentlichung der Stuttgarter Schütz-Ausgabe, die beim Carus-Verlag erscheint und aufführungspraktisch orientiert ist, hat der renommierte Chordirigent mit dem Dresdner Kammerchor sowie einem handverlesenen Kreis von Gesangs- und Instrumentalsolisten seine Schütz-Gesamteinspielung gestartet. Im Juni 2019 wurde diese mit der 20. und letzten Folge abgeschlossen. 
Mit diesem Projekt verwirklicht Rademann offensichtlich ein Herzensanliegen: „Als ich im Jahre 1975 als Sängerknabe im Dresdner Kreuzchor Heinrich Schütz erstmals intensiv kennengelernt habe, hatte sich mir noch längst nicht erschlossen, welch ungeheurer Schatz diese Musik ist“, schreibt er im finalen Begleitheft. „Nun, nach Abschluss der Gesamtaufnahme mit dem Dresdner Kammerchor, unseren wunderbaren Solistinnen und Solisten sowie den Instrumentalistinnen und Instrumentalisten, bleiben ein ehrfürchtiges Staunen und eine große Dankbarkeit. Alle Mitwirkenden sind ungemein erfüllt und bereichert durch diese Meisterwerke.“ 
Schütz‘ Musik ist einzigartig. Niemand sonst hat Klang und Wort so eng miteinander verbunden: „Musik und Sprache erzeugen bei Schütz eine Welt der Bilder, die nicht nur unser Verstand aufnehmen kann“, formuliert Rademann. „So entsteht die Empfindung einer Klarheit, die man auch als eine Form der Wahrheit oder der Erkenntnis bezeichnen kann.“ 
Nach den Madrigalen und Hochzeitsmusiken, die in Folge 19 zu hören waren, versammelt die abschließende 20. Folge unter dem Titel „Psalmen und Friedensmusiken“ einerseits zum Teil großangelegte Gelegenheitskompositionen sowie Auftragswerke außerhalb des Dresdner Hofs. Andererseits erklingt sehr Persönliches wie beispielsweise der umfangreiche Klagegesang, mit dem Schütz den Tod seiner Frau Anna Magdalena betrauert. Wenn Georg Poplutz dieses Lied singt, meint man, den Komponisten selbst zu hören. 
Besonders erwähnt sei an dieser Stelle zudem die Einspielung des 119. Psalms, in Schütz‘ Todesjahr 1672 veröffentlicht, und das letzte Werk des Komponisten. Dieser sogenannte Schwanengesang, ist Schütz‘ musikalisches Testament. Auch bei diesem Werk ist Rademann eine Interpretation gelungen, die das enge Verhältnis zwischen Wort und Musik deutlich werden lässt. „Die Werke von Heinrich Schütz können uns das geben, was wir gerade in der heutigen Zeit so dringend benötigen: Konzentration, Fokussierung und Ruhe in uns selbst. Sie kann uns die Bibel neu nahebringen und verlebendigt das Wort“, so das Fazit von Hans-Christoph Rademann. „Ich wünsche Ihnen, den Hörerinnen und Hörern unserer Gesamtaufnahme, dass Sie dies für sich entdecken können.“  Dem ist nichts hinzuzufügen. Chapeau! 

Mittwoch, 29. Juli 2020

Weber: Der Freischütz (Oehms Classics)

Carl Maria von Webers Oper Der Freischütz zählt an jedem deutschen Stadttheater, das auf sich hält, zum Kernrepertoire. Die wichtigste Rolle in diesem Stück hat, die Solisten mögen mir verzeihen, ohne Zweifel der Chor. Vom fröhlichen Treiben beim Schützenfest über den Spuk in der Wolfsschlucht, wo der Schurke Kaspar den Jägerburschen Max dazu verführt, Freikugeln zu gießen, über den berühmten Jägerchor bis hin zum großen Finale – fast immer ist das Volk präsent. 
Regisseurin Tatjana Gürbaca, die dieses Stück 2018/19 auf die Bühne des Aalto-Musiktheaters Essen gebracht hat, treibt dies auf die Spitze, und ersetzt auch den Teufel Samiel durch das Gewisper und Gezischel der Menge: Das Böse ist in uns allen, und es ist quasi als Kopfkino immer dabei. Die Bilder lassen vermuten, dass sie die Oper keineswegs, wie vorgesehen, in einem böhmischen Dorf, "kurz nach Beendigung des Dreißigjährigen Krieges", spielen lässt. 
Für diese Aufnahme ist das egal. Denn ansonsten ist alles wie üblich. Heiko Trinsinger ist ein ebenso stimmgewaltiger wie grimmiger Kaspar, Maximilian Schmitt singt den Max so weinerlich, dass man dem Burschen mitunter am liebsten ein Taschentuch reichen würde. Albrecht Kludszuweit gestaltet mit seinem Gesang den reichen Bauern Kilian so plastisch, dass man die Figur geradezu vor sich sieht. Das lässt sich auch für Karel Martin Ludvik sagen, dessen Erbförster Kuno so beharrlich für die Tradition steht wie eine deutsche Eiche. Seine Tochter Agathe, mit dem strahlenden Sopran von Jessica Muirhead, ist natürlich wohlerzogen, fromm und, in Maßen, naturverbunden. 
In dieser ländlich-sittlichen Idylle wirkt das Ännchen, gesungen von Tamara Banješević, wie die zugereiste Cousine aus der Stadt – wirklich sehr nett und sehr bemüht, aber auch sehr fremd. Das Tableau komplettieren Uta Schwarzkopf und Helga Wachter als Brautjungfern, Martijn Cornet als Fürst Ottokar und Tijl Faveyts als Eremit. 
Viel Farbe und Flair bringen die Essener Philharmoniker unter Leitung von Tomáš Netopil. Doch Chor und Extrachor des Aalto-Theaters erweisen sich letztendlich als Dominante des Geschehens. Ohne Frage: Die Chöre haben Wucht. 

Sonntag, 26. Juli 2020

Franz Liszt - The Sound of Weimar (Gramola)

In Sondershausen, im Dachgeschoss der Landesmusikakademie, gibt es eine kleine Ausstellung. Sie macht deutlich, wie groß die Bedeutung der einstigen Residenz und ihres Orchesters seinerzeit für die europäische Musikwelt war. Und sie rückt vor allem einen Komponisten und Kapellmeister in den Mittelpunkt: Franz Liszt (1811 bis 1886) ist hier nicht als Tastenheros präsent, sondern vor allem als Schöpfer und Interpret von Orchestermusik. 
Im November 1842 wurde der Klaviervirtuose von Großherzog Carl Alexander im nahegelegenen Weimar zum Kapellmeister ernannt. War er zunächst nur sporadisch anwesend, so ließ er sich 1848, gemeinsam mit seiner Lebensgefährtin Caroline zu Sayn-Wittgenstein, dort nieder. Die Jahre in Thüringen waren für den Musiker eine höchst produktive Zeit: In Weimar entstanden viele seiner Kompositionen; Liszt etablierte sich zudem als Dirigent, und er brachte mit dem Orchester in den Hofkonzerten viele Werke von Zeitgenossen zur Aufführung. So unterstützte er Richard Wagner, und er schätzte auch Hector Berlioz sehr. Dieses Engagement beeinflusste aber auch sein eigenes Schaffen. 
Liszt nicht nur als Klaviervirtuosen, sondern auch als Schöpfer von Orchestermusik zu präsentieren, ist das Anliegen der vorliegenden Aufnahmen, die in den Jahren 2010 bis 2017 im Franz Liszt Konzertsaal im burgenländischen Raiding, dem Geburtsort des Musikers, aufgezeichnet worden sind. Martin Haselböck hat mit dem Orchester Wiener Akademie Liszts Orchesterwerke erkundet. Beteiligt waren daran mitunter auch der Chorus sine nomine, Tenor Steve Davislim und der Pianist Gottlieb Wallisch. 
Das Spannende an dieser Aufnahme ist nicht nur ihr beachtlicher Umfang; auf den neun CD findet sich von der Faust-Sinfonie über die kompletten Sinfonischen Dichtungen wie Les Préludes, Hunnenschlacht und Mazeppa bis hin zu den Ungarischen Rhapsodien das komplette Orchesterwerk des Komponisten. 
Musiziert wird in reduzierter Besetzung und auf historischen Instrumenten; so verwenden die Streicher Darmsaiten in Verbindung mit den damals üblichen Bögen. Haselböck nimmt die Partitur ernst, und er vermeidet Pathos. Das Ergebnis beeindruckt. So führen die hellen, klaren Frauenstimmen des Chorus sine nomine, umrankt von allerlei Harfen-Arpeggien und allgemeiner Dreiklangsseligkeit, den Hörer hier nicht in die finsteren Abgründe des Kitsches, sondern in die lichten Weiten des Paradieses. 
Auch bei den Sinfonischen Dichtungen gelingt es Haselböck, deutlich werden zu lassen, wie kühn und neu diese Stücke einst gewesen sein müssen. Manches, was Liszt seinerzeit in Weimar ausprobierte, wie die Arbeit mit Leitmotiven, das haben andere Komponisten wie Richard Wagner und Richard Strauss dann aufgenommen und weitergeführt, vielleicht auch vollendet. 
Der Farbenreichtum und generell der Orchesterklang dieser Aufnahmen dürfte dem einst von Liszt in Weimar erzeugten sehr nahe kommen. Den Musikern des Orchesters Wiener Akademie gelingt aber nicht nur die Rekonstruktion dieses einzigartigen „Sound of Weimar“, sondern zugleich die Rehabilitation des Sinfonikers Franz Liszt. Eine Referenzaufnahme, die seine noch immer unterschätzte Orchestermusik in bestes Licht rückt. Bravi!

Samstag, 18. Juli 2020

Farinelli - Cecilia Bartoli (Decca)

Carlo Broschi (1705 bis 1782), bekannter unter seinem Künstlernamen Farinelli, war ein Superstar des 18. Jahrhunderts. Wo immer er auftrat, geriet das Publikum schier in Ekstase. Die Arien, die Komponisten speziell für ihn geschrieben haben, sind eine Klasse für sich. Schaut man in die Noten, so muss der Kastrat eine unglaubliche Technik, einen sagenhaften Stimmumfang, vor allem auch in der Höhe, und schier endlos Luft zur Verfügung gehabt haben. 
Heute, wo die Musik der Barockoper durch spezialisierte Ensembles allmählich wieder zum Klingen erweckt wird, sind seine Arien noch immer eine Herausforderung für Sängerinnen und Sänger. „Farinelli hatte eine durchdringende, voll, satte, helle und wohlmodulierte Sopranstimme“, so schrieb einst der Flötist Johann Joachim Quantz. „Passagenwerk und allerhand Melismen stellte keine Schwierigkeit für ihn dar. Sein Einfallsreichtum bei der freien Verzierung von Adagios war stets ausgesprochen ergiebig.“ 
Farinelli und seiner Gesangskunst widmet Cecilia Bartoli ihr neues Album. Die Koloratur-Mezzosopranistin hat sich barocker Musik seit vielen Jahren verschrieben. Gemeinsam mit dem Ensemble Il Giardino Armonico unter Leitung von Giovanni Antonini hat sie für diese Einspielung ein ebenso abwechslungsreiches wie anspruchsvolles Programm zusammengestellt, das auch zwei Weltersteinspielungen enthält. Um den berühmten Kollegen zu ehren, zieht Cecilia Bartoli alle Register ihres Könnens. In ihrem Gesang kombiniert sie Virtuosität mit emotionaler Unmittelbarkeit, und die Reife ihrer Stimme unterstreicht den starken Ausdruck eher noch. Beeindruckend! 

Freitag, 17. Juli 2020

Ridil: Solo Songs and Works for Male Choir (Genuin)

Christian Ridil? Die Tatsache, dass die Camerata Musica Limburg seinem Schaffen eine komplette CD gewidmet haben, macht neugierig. Denn Werke zeitgenössischer Komponisten, zumal wenn es sich um Vokalmusik handelt, gelangen ohnehin nur höchst selten per Silberscheibe zum Publikum. Was also macht die Liedsätze von Christian Ridil so besonders? 
Seine musikalische Laufbahn startete Ridil, Jahrgang 1943, bei den Regensburger Domspatzen. Nach seinem Studium in München und Augsburg wirkte er etliche Jahre als Gymnasiallehrer, und wurde dann Hochschullehrer und Universitätsmusikdirektor an der Goethe-Universität Frankfurt/Main. Im Jahre 2011 wurde er emeritiert. 
Für sein umfangreiches kompositorisches Schaffen wurde Christian Ridil vielfach ausgezeichnet, und seine Werke werden von Chören gern gesungen. Das gilt auch für die Camerata Musica Limburg, die seine Kompositionen auf dieser CD mit großem Engagement vortragen. Dabei überrascht die enorme stilistische Bandbreite; so erklingen frühe, an der Romantik orientierte Studentenchöre ebenso wie knackige, witzige Volksliedsätze, zur kleinen Volksliedsuite verknüpft. Den Schlusspunkt setzt das düstere Belsatzar nach einem Text von Heinrich Heine. Zu hören sind zudem Liebeslieder und Psalmvertonungen, vorgetragen von dem Bariton (und ehemaligen Limburger Domsingknaben) Nikolaus Fluck zusammen mit dem versierten Liedbegleiter Andreas Frese. 
Die Camerata Musica Limburg unter Leitung von Jan Schumacher interpretieren die Werke von Christian Ridil klangschön und ausdrucksstark. Die Sänger bringen so die vielen Facetten seiner Kompositionen wunderbar zur Geltung. Bei der Volksliedsuite werden sie von den Blechbläsern Gerhard Schultheis, Egbert Lewark, Andreas Weil und Ilja Danilov unterstützt. Und als Sprecher, quasi als kleiner Insiderscherz, ist auch Tonmeister Holger Busse kurz zu hören. 

Reicha Romberg Concertos for two Cellos (Sony)

„Beethoven’s world“ erkundet eine CD-Reihe bei Sony – und dabei handelt es sich, das lässt sich nach den beiden ersten Neuerscheinungen bereits sagen, ohne Zweifel um wichtige Beiträge zum Jubiläumsjahr. 
Mit diesem Aufnahmeprojekt zeigt sich Reinhard Goebel einmal mehr als exzellenter Kenner der Musikgeschichte und des Repertoires. Denn nach Violinkonzerten von Franz Clement (1780 bis 1842), Widmungsträger von Beethovens Violinkonzert, bietet Vol. 2 nun weitere Entdeckungen. 
Den Anfang macht eine irrwitzig virtuose Sinfonia Concertante für zwei Violoncelli und Orchester von Antonín Reicha (1770 bis 1836). Auch das nachfolgende Concertino op. 72 von Bernhard Romberg (1767 bis 1841) stellt allerhöchste Ansprüche an die beiden Solisten; es ist ein knackiges Stück, dass Romberg seinerzeit gemeinsam mit seinem Sohn Karl auf Konzertreisen vorgetragen hat. 
Konzerte für zwei Violoncelli sind rar – insofern sind die beiden Stücke durchaus interessant. Bruno Delepelaire und Stephan Koncz, beide Mitglieder der Berliner Philharmoniker, präsentieren diese Werke höchst ansprechend. Sie musizieren mit der Deutschen Radio Philharmonie Kaiserslautern unter Leitung von Reinhard Goebel, der für dieses Album neben der Reicha-Sinfonia auch noch eine weitere Weltersteinspielung parat hatte: Das Divertisment für Fasching Dienstag von Josef von Eybler (1765 bis 1846), weiland k.u.k. Hofkapellmeister. Das Stück ist höfische Gebrauchsmusik, und dafür ist es gar nicht schlecht. 
Zur Musik gibt es ein Beiheft mit einem durchaus interessanten Text aus der Feder von Reinhard Goebel. Als Autor äußert sich der Musiker gewohnt launig; der wirklich informative Aufsatz wäre allerdings noch besser, wenn Goebel darauf verzichten könnte, die Dinge ins Negative zu verzeichnen. Maßstäbe wandeln sich – das dürfte doch keiner besser wissen als der Dirigent und Musikhistoriker. 

Bach - Redemption (Alpha)

Redemption ist der Titel des neuen Albums, das Anna Prohaska gemeinsam mit der Lautten Compagney Berlin veröffentlicht hat. In einer Zeit, in der aufgrund der Gefahr durch den Corona-Virus Konzerte extrem selten geworden sind, haben sich die Sängerin und die Musiker zusammengefunden, um ausgewählte Stücke aus Kantaten von Johann Sebastian Bach einzuspielen. Das Programm hat zum Ziel, mit Musik in diesen Krankheits- und Krisenzeiten Trost zu spenden, den Hörern emotionale und kontemplative Räume zu eröffnen. 
Die Sopranistin hat dazu weit mehr anzubieten als nur schöne Töne. Allerdings weiß Bach für kranke Seelen eher jenseitigen Trost. „Ich ende behende mein irdisches Leben“ (BWV 57) – diese Vorstellung wird beim modernen Menschen ganz sicher keinen Jubel auslösen. Den meisten Zeitgenossen des 21. Jahrhunderts dürfte es eher seltsam erscheinen, mit Bach anzustimmen: „Ich habe genug. Drum wünsch ich noch heute mit Freuden von hinnen zu scheiden.“ (BWV 82a) Auch die Aufforderung „Bete aber auch dabei“ (BWV 115) wird wohl bei der Mehrheit Befremden auslösen. 
Inhaltlich also ist das mit der Erlösung so eine Sache. Musikalisch allerdings ist das Album wunderbar. Wie das Sängerquartett – in den Chören wirken neben Anna Prohaska auch Susanne Langner, Christian Pohlers und Karsten Müller mit – „Es ist nichts Gesundes an meinem Leibe“ (BWV 25) anstimmt, das beispielweise ist ein ganz besonders Kabinettstückchen. Auch Wolfgang Katschner und seine Lautten Compagney weiß zum Ausdruck viel mit beizutragen. Und es ist in der Tat ein Trost, dass das Label Alpha die fertig geschnittene Aufnahme nur wenige Wochen nach der Einspielung digital auf den Markt gebracht hat. 

Sonntag, 12. Juli 2020

Mozart: Requiem (Gramola)

Das berühmte Requiem von Wolfgang Amadeus Mozart – ganz ohne Pauken und Trompeten, ohne Posaunen und Bassetthörner, ohne Chöre und ohne Solo-Gesang. Geht das? Es geht, wie das Pandolfis Consort mit dieser Aufnahme beweist. 
Das Streichquartett setzt dabei auf ein Arrangement von Peter Lichtenthal (1778 bis 1853). Der österreichische Arzt und Musikfreund hatte 1810 seinen Wohnsitz von Wien nach Mailand verlegt. Er wollte Mozarts Musik in Italien bekannt machen, und bearbeitete daher einige Werke des Hochverehrten für eine kleine Besetzung. 
Das war seinerzeit absolut gebräuchlich; mitunter brachten sogar die Komponisten selbst kurz nach der Erstaufführung die „Hits“ aus Oper und Konzertsaal in eine reduzierte Form, die sich zum häuslichen Musizieren eignete. Musikverleger waren gern bereit, solche Noten zu drucken, denn sie waren sehr gefragt. Kein Wunder – auch wenn man sich das heute, im Streaming-Zeitalter, kaum noch vorstellen kann, aber noch vor gut hundert Jahren musste man Musik selber machen, wenn man welche hören wollte. 
Mozarts Requiem, in der von seinem Schüler Franz Xaver Süßmayr komplettierten Version, „übersetzte“ Lichtenthal ziemlich genau für die reduzierte Besetzung. Lichtenthal ist das Kunststück oftmals kongenial gelungen, mit nur vier Instrumenten alle wesentlichen Details der Vorlage hörbar zu machen. Das Pandolfis Consort zeigt, mit welch erstaunlichem Sinn für Klangeffekte er die Streicher dabei eingesetzt hat. Eine hochinteressante CD, und exzellent musiziert wird obendrein. Bravi!  

Freitag, 10. Juli 2020

Tchaikovsky: Solo Piano Works (Signum Classics)

Pjotr Iljitsch Tschaikowski (1840 bis 1893) soll ein exzellenter Pianist gewesen sein. Auch wenn der Komponist heute vor allem aufgrund seiner Ballette sowie durch die großen Konzerte populär ist, lohnt sich doch auch die Beschäftigung mit den kleineren Klavierwerken Tschaikowskis. Eine Auswahl davon hat Peter Donohoe nun für Signum Classics auf zwei CD eingespielt. „It is inexplicable to me that Tchaikovsky’s solo piano music should remain so infrequently performed, containing as it does all of the composer’s characteristic harmony“, begeistert sich der britische Pianist, „his wonderful melodic gift, his capacity for majestic gesture, magically beautiful moments, immense sadness, and passages of extreme excitement. His piano writing is often orchestral in texture, but also demonstrates the direct but very diverse pianistic influences of Liszt and Schumann, and incorporates in an almost naive way folk-style dance rhythms and melodies from Russia.“ Auf der CD sind all diese Facetten seines Schaffens zu erleben. Donohoe musiziert mit Liebe zum Detail und mit Sinn für Strukturen. So macht er deutlich, wie sehr Tschaikowski Schumanns Musik verbunden war. Er zeigt aber auch, wie persönlich und unverwechselbar die Kompositionen Tschaikowskis sind. Ein interessantes Programm, mit großem Engagement vorgetragen. 

Sonntag, 5. Juli 2020

Versailles - Alexandre Tharaud (Erato)

„Ces compositeurs baroques ont posé les bases de la musique française: impossible d’interpréter Saint-Saëns, Debussy ou Ravel en les dissociant de Couperin et Rameau”, meint Alexandre Tharaud. Er schätzt die Werke jener Väter der französischen Musik sehr, und er spielt sie auch gern – ungeachtet aller Schwierigkeiten, die sich daraus ergeben, dass diese Werke zumeist für das Cembalo komponiert worden sind, mit vollkommen anderen technischen und auch klanglichen Möglichkeiten. 
Auf dieser CD lädt er uns ein, Musik zu erleben, die einst im Schloss Versailles erklungen ist. Das Programm reicht von Jean-Baptiste Lully, der dem Hof des Sonnenkönigs zu klanglicher Pracht verhalf, über Meister wie Jean-Henry d'Anglebert, Jean-Philippe Rameau, François Couperin oder Jacques Duphly bis hin zu Claude Balbastre, der erst nach der französischen Revolution starb. Und es stellt musikalische Formen vor, die damals sehr beliebt waren – von diversen Tänzen über die Variation bis hin zum Rondo. Tharaud zeigt, neben all dem musikalischen Prunk, der die Könige umglänzte, auch frühe Beispiele für Programmmusik – Le Rappel des oiseaux beispielsweise von Rameau, La Marche des Scythes von Joseph-Nicolas-Pancrace Royer oder aber Les Ombres errantes von Couperin machen die jeweilige Szene geradezu plastisch deutlich. 
Musiziert wird am modernen Konzertflügel, dessen klangliche Möglichkeiten der Pianist auch voll nutzt. Diese CD ist kein Versuch, historische Klangbilder zu rekonstruieren: Alexandre Tharaud spielt die barocke Musik aus der Perspektive der Moderne. So, wie er das macht, ist das aber interessant – wirklich sehr hörenswert. 


Freitag, 3. Juli 2020

Stay ye angels (Accentus)

„Wenn du aus dir verjagst / All Unruh und Getümmel, / So wirft Sankt Michael / Den Drachen aus dem Himmel.“ So zitiert das Beiheft den Barockdichter Angelus Silesius. Der Erzengel, der den Drachen tötet, ist auch in dem Programm, das die Gaechinger Cantorey unter Leitung von Hans-Christoph Rademann im September 2018 in der Stadtkirche St. Wenzel zu Naumburg aufgeführt hat, präsent. Zwei der Kantaten, Es erhub sich ein Streit BWV 19 und Man singet mit Freuden vom Sieg BWV 149, komponierte Johann Sebastian Bach einst für das Michaelisfest. Die dramatischen Werke, mit Pauken und Trompeten, wählte Rademann als Rahmen für zwei Solokantaten: Gott soll allein mein Herze haben BWV 169, wo Altstimme und konzertierende Orgel in genialer Verflechtung die himmlische Liebe besingen, und Der Friede sei mit dir BWV 158. In dieser Kantate verkündet der Solo-Bass, dass Satan nunmehr gefällt sei. 
Die Gaechinger Cantorey musiziert routiniert in schlanker Besetzung; das Solistenquartett der Aufnahme besteht aus Lenneke Ruiten, Anke Vondung, Benedikt Kristjánsson und Peter Harvey. Den glanzvollsten Part allerdings hat auf dieser CD die Orgel von Zacharias Hildebrandt, gespielt vom Organisten David Franke. Ein herrliches Instrument, und es ist immer wieder eine Freude, es zu hören. 

Latin (Genuin)

Musik aus Lateinamerika erklingt in Konzertsälen hierzulande selten. Dabei gibt es dort eine beeindruckende Musiktradition. Mit seiner neuen CD bei Genuin lädt das Duo Lontano zu einer Entdeckungsreise durch eine Musiklandschaft ein, die in Europa nur teilweise bekannt ist. 
Babette Hierholzer und Jürgen Appell präsentieren Kompositionen für Klavier zu vier Händen, wobei die meisten davon, wie Tango-Klassiker von Carlos Gardel und Astor Piazzolla sowie populäre Melodien wie Bésame mucho oder Malagueña, speziell für diese Besetzung bearbeitet worden sind. 
Zu hören sind außerdem Werke von Louis Moreau Gottschalk (1829 bis 1869. Der Musiker, in New Orleans geboren, wurde durch französisch-kreolische Einflüsse geprägt. Er galt als Wunderkind, und wurde im Alter von 13 Jahren zum Musikstudium nach Paris geschickt. Auch dort machte er durch sein virtuoses Klavierspiel auf sich aufmerksam; Chopin prophezeite dem Jungen, er werde einmal der König der Pianisten sein. 
Gottschalk inspirierte etliche Schüler, wie Maria Teresa Carreño, oder den Geiger José White Lafitte, den er ermutigte, ebenfalls nach Paris zum Studium zu gehen. Auch sie sind auf der CD mit Stücken vertreten, ebenso wie Heitor Villa-Lobos (1887 bis 1959), Ernesto Nazareth (1863 bis 1934) oder Isaac Albéniz(1860 bis 1909)  – der zwar aus Spanien stammt, aber im Kindesalter mehrfach seinen Eltern durchbrannte. So gelangte er bis nach Buenos Aires und nach Kuba. Dem abwechslungsreichen Programm lauscht man gern. Und das Duo Lontano musiziert hingebungsvoll, mit Temperament und auch mit Grazie. 

Reger: Das Werk für Männerchor (Rondeau)

Wer hätte das erwartet? Neben zahlreichen Werken für Orgel, Klavier und Orchester hat Max Reger (1873 bis 1916) auch zahlreiche Werke für Chöre, vor allem auch für Männerchor, geschrieben. So sind Volksliedbearbeitungen in mehreren Liedersammlungen zwischen 1898 und 1900 erschienen. Anschließend beschäftigte sich Reger zudem mit Werken aus Renaissance und Barock; die Zwölf Madrigale bearbeitet für Männerchor entstanden im Auftrag seines Musikverlegers. Neben derartigen Arrangements schuf Max Reger für den Chorgesang immer wieder Originalkompositionen. 
Welch hohen künstlerischen Rang diese Werke haben, das zeigt eine Gesamtaufnahme der Männerchöre Max Regers, die das Leipziger Label Rondeau veröffentlicht hat. Das Ensemble Vocapella Limburg unter Leitung von Tristan Meister interpretiert die anspruchsvollen Lieder gekonnt. Es ist generell erstaunlich, wie viele hervorragende Männerchöre aus den Limburger Domsingspatzen entstanden sind. Wenn die jungen Männer, dem Knabenchor-Alter entwachsen, sich entschließen, einen neuen Chor ins Leben zu rufen, um auch weiterhin gemeinsam zu singen, dann scheint ihnen das ein Herzensbedürfnis zu sein. Auch die durchweg hohe Qualität der Ensembles weist deutlich darauf hin, dass bei den Limburger Domsingspatzen der musikalische Nachwuchs eine exzellente Ausbildung erfährt. Bravi! 

Dienstag, 30. Juni 2020

Concerti a Quattro (Muso)

Das Ensemble Bradamante unternimmt auf dieser CD eine ebenso kreative wie unterhaltsame musikalische Rundreise durch das barocke Europa. Sie beginnt gleich mit einer Überraschung – das berühmte Weihnachtskonzert von Arcangelo Corelli erklingt in einer Bearbeitung durch den deutschen Flötisten Johann Christian Schickardt. 
Auch sonst wird die Besetzung, ganz im Stil der damaligen Zeit, eher flexibel gehandhabt. Rachel Heymans, Blockflöten und Barockoboe, Anne-Catherina Gosselé, Blockflöten, Leonor Palazzo, die ein fünfsaitiges Violoncello spielt, und Paule van den Driessche am Cembalo haben einige Werke so bearbeitet, wie dies für ihre Instrumente passt. Arrangiert wurde beispielsweise eine Chaconne en trio von Jacques Morel, einem Schüler von Marin Marais, ursprünglich für Querflöte, Viola da gamba und Basso continuo, sowie ein Concert de chambre à deux et trois parties von Jean-Joseph Mouret, dem ersten Leiter des Concert Spirituel. 
Bei einem Concerto a quattro, aus der Sammlung der Grafen von Schönborn in Wiesentheid, steht nicht fest, wer es komponiert hat. Experten schreiben es sowohl Händel als auch Telemann zu – bei letzterem steht es als Sonata a 4 unter TWV 43:d3 im Werkverzeichnis. 
Es ist generell interessant, wie unscharf Gattungsgrenzen seinerzeit waren. Auf dieser CD zeigen die Musikerinnen des Ensembles Bradamante, dass der Unterschied zwischen einem Concerto grosso und einer Sonata a quattro damals gar nicht so groß war. Wie kreativ die barocken Komponisten Konzert und Kammermusik verknüpften, das bereitet uns noch heute viel Vergnügen. Und so stellt das Ensemble Bradamante neben das konzertierende Quartett von Telemann und die beiden französischen Trios, die sich als verkappte Orchesterwerke erweisen, zum Abschluss noch eines jener exzentrischen Konzerte für Solisten ohne Orchester von Antonio Vivaldi, die einst gezeigt haben, was mit dem konzertierenden Prinzip alles möglich ist. Das Ensemble Bradamante begeistert mit Temperament und enormer Musizierlust. Eine CD, die allen Freunden unkonventioneller Barockmusik an dieser Stelle wärmstens empfohlen sei. 

Montag, 29. Juni 2020

Tartini: Sonatas for Solo Violin (Dynamic)

Mit dieser 3-CD-Box komplettiert Črtomir Šiškovič seine Einspielung der Sonaten von Giuseppe Tartini (1692 bis 1770) für Solo-Violine. Dabei orientiert er sich an einem Manuskript mit einunddreißig undatierten Kompositionen, das sich heute im Archiv der Veneranda Arca del Santo in Padua befindet. 
Sie sind vermutlich zwischen 1745 und 1750 entstanden; etliche davon sind in verschiedenen Abschriften überliefert. Šiškovič hat diese Varianten sorgsam studiert und jeweils diejenige ausgewählt, die er als die beste ansieht. 
Auch diese Einspielung des Tartini-Spezialisten erfreut, weil sie jede Menge musikalische Überraschungen bietet – und weil Šiškovič phantastisch musiziert. Bei Tartini gibt es keine endlosen Sequenzen, mit vorhersehbarem Finale, keine vordergründige Virtuosität und keine Wendungen, die sich beständig wiederholen. Jedes Stück ist anders, und es gibt viel zu entdecken. Gewiss, drei CD sind mehr als zweieinhalb Stunden Geige pur. Doch ich habe jede einzelne Minute genossen.

Sonntag, 28. Juni 2020

Mozart: Piano Concertos K. 413 - 415 (Cavi-Music)

Noch eine Aufnahme mit Klavierkonzerten von Wolfgang Amadeus Mozart (1756 bis 1791)? Wenn sie Qualität hat – aber ja! Und diese CD, eingespielt von Alexander Schimpf mit der Bayerischen Kammerphilharmonie, ist rundum eine erfreuliche Überraschung. 
Schimpf hat die Klavierkonzerte KV 413, 414 und 415 dafür ausgewählt, aus der Werkgruppe der sogenannten frühen Wiener Konzerte, entstanden im Winterhalbjahr 1782/83. Er hat sich zudem dafür entschieden, auf Bläser zu verzichten, und musiziert zusammen mit 13 Streichern der Bayerischen Kammerphilharmonie, die von Konzertmeister Gabriel Adorján geleitet wird. 
Diese Besetzung ist zwar klein genug, um kammermusikalisch intensives Zusammenspiel zu ermöglichen; dennoch ermöglicht sie eine orchestrale Gesamtwirkung. 
Auch auf einen Dirigenten wurde verzichtet; die Musiker erarbeiteten die Interpretation im demokratischen Miteinander, berichtet der Pianist im Beiheft: „Es ist gerade dieser intensive Austausch im Moment des Spielens, der Geist einer Gemeinsamkeit im Musizieren, der die Aufnahme innerlich motiviert und beseelt hat“, schreibt Alexander Schimpf, „und ich bin jeder und jedem einzelnen der hervorragenden Musikerinnen und Musiker der Bayerischen Kammerphilharmonie für diese Erfahrung und die großartige Zusammenarbeit zutiefst dankbar.“ 
Musiziert wird lebhaft, bewegt, und bis ins kleinste Detail ausdifferenziert. Die Interpretation ist wunderbar ausbalanciert. Dazu trägt übrigens auch der Blüthner Konzertflügel, der hier verwendet wird, mit seinem unverwechselbaren Ton mit bei. Es ist eine hohe Kunst, Mozart so leicht, beschwingt und fein abgestimmt zu spielen. Und die Kadenzen, die Alexander Schimpf selbst aus Mozarts musikalischem Material heraus „erfunden“ hat, wie es nennt, runden diese sehr gelungene Interpretation zusätzlich ab. Bravi! 

Vivaldi - Harriet Krigh (Deutsche Grammophon)

Schon als Kind liebte Harriet Krijgh die Musik von Antonio Vivaldi (1678 bis 1741). Und so widmete die niederländische Cellistin nun ihr Debüt-Album bei der Deutschen Grammophon ganz dem Barock-Komponisten. 
Dabei musizierte sie mit der Amsterdam Sinfonietta. Das vielfach ausgezeichnete Streicherensemble, das von Konzertmeisterin Candida Thompson geleitet wird, spielt ohne Dirigenten. 
Dem Gestus dieser Musik kommt das entgegen. Und weil bei Vivaldis Werken unterschiedlichste Besetzungen als Concertino fungieren, agieren etliche Musiker dieses Kammerorchesters auf dieser CD auch als Solisten. 
Der Zuhörer spürt, dass alle Beteiligten intensiv daran gearbeitet haben, einen gemeinsamen Ausdruck zu finden. Musiziert wird sehr ausgefeilt und differenziert, und mit wunderbarer Eleganz. Bravi! 

Beethoven: Complete Symphonies; Blomstedt (Berlin Classics)

„Die DDR-Politik war mir nicht sympathisch. Aber das Orchester hat eine große Ausdauer gehabt“, berichtet Herbert Blomstedt. Es waren die Musiker, die den schwedischen Dirigenten schließlich überzeugten, Chefdirigent der Dresdner Staatskapelle zu werden: Nach etlichen Jahren als „Gastchef“ war er dann in den Jahren 1975 bis 1985 an der Elbe musikalisch fest engagiert. 
Die Dresdner Jahre Herbert Blomstedts waren mit einer ganzen Reihe aufsehenerregender Einspielungen verbunden. So sorgten sowohl die Gesamteinspielung der Sinfonien von Franz Schubert als auch eine Einspielung der Urfassung des Fidelio, veröffentlicht 1977, auch im Westen für Furore. Große Resonanz gab es zudem für Aufnahmen sämtlicher Sinfonien Ludwig van Beethovens (1770 bis 1827), die Blomstedt mit der Staatskapelle in den Jahren 1975 bis 1980 einspielte. Aufgezeichnet wurden sie in der Dresdner Lukaskirche, die mit ihrer exzellenten Akustik zum transparenten Klangbild beitrug. 
Die Aufnahmen vermitteln Spannung und Stimmungen; Blomstedts Beethoven hält perfekt die Balance: Seine Werkauffassung neigt weder zu romantisierender Gefühligkeit noch zum penibel-knochentrockenen Beharren auf einer „historisch korrekten“ Lesart. So berühren diese Aufnahmen noch immer, und es ist schön, dass Berlin Classics sie zum Beethoven-Jubiläumsjahr in einer Fünf-CD-Box, remastert und liebevoll neu verpackt, wieder zugänglich macht. 

Samstag, 27. Juni 2020

Franz Schubert - Gilbert Schuchter (Tudor)

Die Weltersteinspielung des gesamten Klavierwerks von Franz Schubert erschien 1969/70 auf 15 Schallplatten bei dem Label Tudor. Es gab damals viel Beifall für den österreichischen Pianist Gilbert Schuchter (1919 bis 1989), der sich an dieses Aufsehen erregende Projekt herangewagt hatte. Die Einspielung war seinerzeit auch deshalb eine Sensation, weil sie auf wissenschaftlich geprüften, fundierten Noteneditionen beruhte. 
Auf CD veröffentlichte Tudor diese Gesamtaufnahme dann erstmals im Todesjahr von Gilbert Schuchter. Dass das Label den kompletten Schubert nun in einer preiswerten Box mit 12 CD und umfangreichem Beiheft erneut bereitstellt, ist erfreulich. Denn das Tondokument hat ohne Zweifel nicht nur musikhistorisch große Bedeutung, sondern obendrein noch immer einen hohen künstlerischen Rang. Schuchter musiziert mit großer Hingabe und lyrischer Geste. Er gestaltet „seinen“ Schubert elegisch, jedem Gedanken nachsinnend, weich im Klang, sehr österreichisch. Kein einziger Takt erscheint hier beliebig. 

Brahms (Sony)

Mit Chormusik hat sich Johannes Brahms (1833 bis 1897) zeitlebens beschäftigt. Er hat selbst sehr verschiedene Chöre geleitet, und eine Vielzahl von weltlichen und geistlichen Chorwerken komponiert. 
Die Mitglieder des Rundfunkchores Berlin schätzen diese Kompositionen sehr. Gijs Leenaars, Chefdirigent und künstlerischer Leiter, freut sich darüber, dass nun mit dieser CD einen Herzenswunsch des Ensembles verwirklicht wurde. Das Album hat ein interessantes Konzept: „Ich finde, eine große Stärke des Rundfunkchores Berlin ist seine Wandlungsfähigkeit“, so der Chorleiter, „sowohl als großes Instrument für Chorsinfonik, bei der die richtige Balance zwischen Orchester und Vokalstimmen eine Herausforderung darstellt, als auch für die A-cappella-Arbeit, bei der die eigene fein trainierte Klangvorstellung sehr wichtig ist.“ 
Brahms fordert beides – und die Profis aus Berlin haben für diese CD ein Programm zusammengestellt, das den ganzen Reichtum seines Schaffens auf allerhöchstem Niveau präsentiert. Es beginnt mit dem Schicksalslied op. 54, einer der bedeutendsten Kompositionen für Chor und Orchester von Johannes Brahms, gefolgt von der A-cappella-Motette Warum ist das Licht gegeben dem Mühseligen op. 74 Nr. 1. Zu hören sind auch die Nänie op. 82 für gemischten Chor und Orchester, die Drei Gesänge op. 42 für sechsstimmigen Chor a cappella, Es tönt ein voller Harfenklang op. 17 Nr. 1 für dreistimmigen Frauenchor, Horn und Harfe sowie das Geistliche Lied op. 30 für gemischten Chor und Streichorchester in einem Arrangement von Sir John Gardiner. 
Die meisten dieser Stücke sind selten zu hören, weil Laienchöre damit heutzutage üblicherweise heillos überfordert wären. Umso mehr freut man sich über die farben- und nuancenreiche Interpretation dieser Pretiosen der Chorliteratur durch den Berliner Rundfunkchor; das Deutsche Symphonie-Orchester Berlin übernimmt den Orchesterpart. Exzellent!

Hommage à Rossini (Sony)

Schon als Kind, als sie noch an der Hand der Mutter in die Münchner Staatsoper ging, hörte Raphaela Gromes gern Musik von Gioachino Rossini. Und weil sie diese Werke so liebt, widmete die Cellistin dem Komponisten ihr zweites Album: „Für all das, was er mir geschenkt hat, wollte ich ihm Dankeschön sagen“, berichtet die Musikerin im Beiheft. 
Leider fand sich von Rossini selbst nur eine einzige Originalkomposition für Violoncello und Klavier, Une larme aus den Péchés de vieillesse, gewidmet dem Cello-Virtuosen Graf Matvei Wielhorski, der das Stück gemeinsam mit dem Komponisten auch uraufgeführt hat. 
Im „Cello Compagnion“, einem Werk, das auf mehr als 700 Seiten die gesamte Literatur für das Instrument zusammenfasst, stieß Raphaela Gromes auf eine Komposition von Jacques Offenbach, die sie unbedingt mit in ihr Programm aufnehmen wollte: Hommage à Rossini nannte sich das Stück – doch wo waren die Noten? Im Druck erschienen jedenfalls waren sie nicht; und auch im Kölner Stadtarchiv waren sie nicht aufzufinden. Dort lag zwar ein Großteil des Nachlasses von Jacques Offenbach, aber beim Einsturz 2009 waren die Originale verloren gegangen. 
Normalerweise wäre die Suche an dieser Stelle beendet gewesen. Raphaela Gromes jedoch recherchierte weiter. Über einen französischen Musikwissenschaftler erhielt sie den Kontakt zu Offenbachs Nachfahren, die ebenfalls noch Dokumente aufbewahrten. Und so ließ sich aus dem Material, was sich in Paris, in Köln und in Stockholm fand, glücklicherweise am Ende die Partitur rekonstruieren. Dass dies ein Gewinn ist, steht außer Frage; das derart gerettete Werk erweist sich als eine Bereicherung für das Repertoire. Kein Wunder – schließlich war Offenbach ja selbst ein Violoncello-Virtuose. 
Komplettiert wird das Programm zudem durch die Variationen über ein Thema von Rossini von Bohuslav Martinů, Außerdem gibt es natürlich auch Musik von Gioachino Rossini, herrliche Melodien, für das Violoncello bearbeitet von Julian Riem, der Raphaela Gromes bei dieser Einspielung auch als sensibler Klavierpartner zur Seite gestanden hat. Bei den Stücken mit Orchester musiziert das WDR Funkhausorchester unter Leitung von Enrico Delamboye. 
Raphaela Gromes begeistert mit ihrem nuancenreichen Cellospiel. Sie musiziert auf einem kostbaren Instrument von Jean-Baptiste Vuillaume, und sie entlockt ihm einen so faszinierenden Klang, dass man die Sängerstimme überhaupt nicht vermisst. Die Solistin kombiniert intensiven Ausdruck mit hinreißender Brillanz. Ein phantastisches Album, unbedingt anhören!  

Dienstag, 23. Juni 2020

Offenbach Fantastique! (Genuin)

Das Leipziger Symphonieorchester, gegründet 1963 als „Staatliches Orchester des Bezirkes Leipzig“, hat seinen Sitz in Böhlen und bringt Kultur in die Region rings um die Messestadt. Dass die Musiker, die alljährlich über hundert Konzerte spielen, nicht nur ländlichen Charme, sondern durchaus auch Pariser Eleganz und eine gehörige Portion Esprit aufbieten können, beweist diese CD mit Musik von Jacques Offenbach. 
Dirigent Nicolas Krüger, ausgebildet am Pariser Konservatorium, hat dafür ein originelles Programm zusammengestellt, dass neben einigen wenigen bekannten Melodien des Komponisten vor allem aus Entdeckungen besteht. Ihren Titel trägt diese geistreiche Kollektion zu Recht: Offenbach? Fantastique! 

Heldinnenleben - Die Kolophonistinnen (Gramola)

Kolophonium ist ein Harz, mit dem Streicher regelmäßig ihre Bögen präparieren müssen, damit sie damit Töne erzeugen können. Bis zum Ende eines Musikstudiums dürfte man so einiges davon verbraucht haben. Es zeugt also von Humor, wenn die vier Cellistinnen Hannah Amann, Marlene Förstel, Elisabeth Herrmann und Theresa Laun genau diesen häufig benutzten Gegenstand zum Namenspaten ihres Quartettes erwählten. 
Das 2014 gegründete Ensemble erobert bei seinen Auftritten die Herzen im Sturm. Spätestens seit dem Pausenfilm zum Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker 2017 ist es auch einem breiten Publikum eindrucksvoll in Erinnerung. Jetzt haben die Kolophonistinnen bei Gramola ihr Debüt-Album veröffentlicht – und das hat es schwer in sich. Eigentlich beginnt es ganz harmlos, mit Wiener Esprit und einem raffinierten Arrangement des bekannten Walzers Wiener Blut. Doch spätestens beim nachfolgenden Radetzkymarsch, ebenfalls in einer Bearbeitung von Leonhard Roczek, wird deutlich, dass die jungen Damen keineswegs vorhaben, brav Kaffeehausmusik zu machen – schaute da nicht Darth Vader ums Eck? 
Filmmusik, Tango, Klassik und Moderne – die Kolophonistinnen verknüpfen augenzwinkernd alles, was ihnen wichtig ist, zu einem atemberaubenden Programm. Sie lassen es mit Wonne so richtig krachen. Doch sie können ihre Violoncelli auch elegisch singen lassen. Neben Klassikern wie den Deux movements pour quatre violoncelles von Alexandre Tansman (1897 bis 1986) oder dem Walzer Nr. 2 aus Dmitri Schostakowitschs Jazz-Suite Nr. 2, stellen sie auch faszinierende neue Stücken der österreichischen Komponisten Florian Bramböck und Matthias Bartolomey vor. 
Das Programm schließt so ironisch, wie es begonnen hat – mit Heldinnenleben, nach einem Thema von Richard Strauss speziell für die vier Musikerinnen geschrieben von Leonhard Roczek. Ganz großes Kino! 

Montag, 22. Juni 2020

Marsalis: Violin Concerto, Fiddle Dance Suite (Decca)

Diese Musik ist so nur in Amerika möglich: Wynton Marsalis hat ein Konzert für Nicola Benedetti geschrieben, und darin anglo-keltische mit afroamerikanischen Musiktraditionen vereint. „Scored for symphony orchestra, with tremendous respect for the demands of that instrument, it is nonetheless written from the perspective of a jazz musician and New Orleans bluesman”, schreibt der Komponist im Beiheft zu dieser CD. 
Das darf man gern wörtlich nehmen; so finden sich in diesem Werk sowohl schottische Klänge – als Referenz an die Herkunft der Geigerin – als auch Elemente aus Blues und Jazz. Diese Mixtur ist durchaus sehr anspruchsvoll. „The shared vocabulary between the jazz orchestra and the modern orchestra sits largely in the areas of texture and instrumental technique. Form, improvisation, harmony, and methods of thematic development are very different. The biggest challenges are: how to orchestrate the nuance and virtuosity in jazz and blues for an ensemble not versed in those styles (a technical issue); and how to create a consistent groove without a rhythm section (a musical/philosophical issue)”, berichtet Wynton Marsalis. „Because modern living is an integrated experience, it is never difficult to discover organic connections. Turning those insights into something meaningful and playable, however, is another story.” 
Das Ergebnis lässt staunen – diese Musik überwältigt mit ihrer Vielschichtigkeit, und einem komplexen Geflecht aus Bezügen. Jazz ist gewiss präsent, aber er steht nicht ausschließlich im Vordergrund. Marsalis‘ Musik erscheint voll Energie, und Nicola Benedetti meistert die vier Sätze von der vexierbildhaften Rhapsody bis hin zum finalen temperamentvollen Hootenanny mit großer Leidenschaft. Begleitet wird sie bei ihrer musikalischen Reise durch amerikanische Klanglandschaften vom Philadelphia Orchestra unter Leitung von Cristian Măcelaru. Und weil es so schön war, folgt auf der CD anschließend noch Marsalis‘ Fiddle Dance Suite for Solo Violin

Sonntag, 14. Juni 2020

Sena Jurinac Schumann (Hänssler Profil)

Sena Jurinac (1921 bis 2011) wirkte fast 40 Jahre lang an der Wiener Staatsoper. Sie wurde aber auch an vielen anderen Häusern gern beschäftigt, und war weltweit unter anderem als Octavian in Strauss‘ Rosenkavalier, in Mozart-Partien wie Donna Elvira, Fiordiligi, Cherubino oder die Contessa, als Jenufa und auch als Küsterin oder als Knusperhexe in Humperdincks Märchenoper Hänsel und Gretel zu erleben. Von der Bühne verabschiedete sie sich 1982 in der Rolle der Marschallin. 
Dass sie auch eine hervorragende Liedersängerin war, beweist die vorliegende Einspielung aus dem Jahre 1954 – es ist die einzige Einspielung von Klavierliedern, an der Sena Jurinac jemals mitgewirkt hat. Die Sopranistin ist auf dieser CD mit zwei Liederzyklen von Robert Schumann zu hören. Begleitet wird sie am Klavier von Franz Holetschek. 
Frauenliebe und Leben op. 42 gehört mit seinen altbackenen Texten, die vom Komponisten musikalisch zudem ziemlich eindimensional gestaltet worden sind, nicht gerade zu meinen Favoriten. Doch wenn Sena Jurinac die Lieder singt, vergisst man, dass dieses Rollenkonzept auch mit viel Mottenpulver nicht in die heutige Zeit zu retten ist. Sie gestaltet Schumanns Musik so intensiv und so lebendig, dass insbesondere auch der Liederkreis op. 39 zum Erlebnis wird. Sena Jurinac erweist sich als eine herausragende Lied-Interpretin – und mit dieser Platte hat sie sich für alle Zeit einen Platz in meinem ganz persönlichen Sänger-Olymp gesichert. Großartig! 

Samstag, 16. Mai 2020

Danny Elfman (Sony)

1111 Takte lang ist das Violinkonzert, das Danny Elfman für Sandy Cameron geschrieben hat. Der Komponist, der aus Los Angeles stammt, ist bislang vor allem mit Filmmusik in Erscheinung getreten. Er schuf die Filmmusiken unter anderen für Batman, Nightmare before Christmas, Men in Black, Desperate Housewives oder die berühmte Titelmusik zu The Simpsons. Für sein Schaffen wurde Elfman mit Emmys und Grammys ausgezeichnet. 
„A few years ago I came to the conclusion that I didn’t just want to write orchestral music totally free from the influence of film, I virtually had to in order to keep my sanity”, meint Elfman. Der Komponist beschloss daher, in jedem Jahr eine Auszeit zu nehmen, um Musik für den Konzertsaal zu schreiben.
Die Idee, ein Violinkonzert für Sandy Cameron zu schaffen, entstand, nachdem er die Solistin bei einem Konzert in Prag erlebt hatte, wo sie den Komponisten mit einer Kadenz sehr beeindruckte. Dieses Vorhaben freilich hatte seine Tücken: „The violin is, to me, a very intimidating solo instrument, and violin concertos were not part of my repertoire of classical music listening”, berichtet Elfman.  „So of course I agreed to write one. The challenge was too great to pass up. Having no clue what really entailed, I felt that somehow I would figure out exactly how to write a violin Concerto, later…” 
Als der Termin dann herankam, begann Elfman, jede Menge Violinkonzerte anzuhören und zu studieren, um von den Klassikern zu lernen. „One thing became abundantly clear“, stellte Elfman fest: „writing a violin concerto would require far more discipline than anything I had done previously, and would be even more difficult to execute than I’d imagined.” 
Beim Komponieren arbeitete Elfman eng mit Cameron zusammen; die Solistin legte besonderen Wert darauf, dass die Musik sowohl emotional als auch technisch anspruchsvoll wird. Der Komponist wiederum wollte ein Werk erschaffen, das sowohl Filmmusik-Fans als auch das typische Klassik-Publikum anspricht. 
Beides ist gelungen. Elfmans Musik ist ebenso anspruchsvoll wie ausdrucksstark. Sie ist farbenreich, mitunter poetisch, manchmal auch ironisch, doch oft auch dramatisch und kraftvoll, und fordert vom Solisten Virtuosität ebenso wie Emotion. Und die Interpretation durch Sandy Cameron, die hier mit dem Royal Scottish National Orchestra unter Leitung von John Mauceri musiziert, ist exzellent. 
Fast noch besser gefällt mir allerdings das Klavierquartett von Danny Elfman, das im zweiten Teil der CD zu hören ist. Es ist ein krasses Stück Moderne, und es wird vom Philharmonic Piano Quartet Berlin, bestehend aus Andreas Buschatz, Violine, Matthew Hunter, Viola, Knut Weber, Violoncello – allesamt Mitglieder der Berliner Philharmoniker – und dem Pianisten Markus Groh großartig vorgestellt. Das fünfsätzige Werk erinnert mich mehr an die Streichquartette von Dmitri Schostakowitsch als an Filmmusik, und es ist doch ganz klar ein Elfman. Überraschung! 

Samstag, 25. April 2020

Wagner: Siegfried-Idyll (Oehms Classics)

Die Musik von Richard Wagner (1813 bis 1883) hat es dem Organisten und Dirigenten Hansjörg Albrecht offensichtlich angetan. Nach einem Ring ohne Worte, mit der Staatskapelle Weimar, einem Ring, transkribiert für Orgel und einer CD mit Orgelversionen von Ouvertüren und Vorspielen zu Wagners Opern veröffentlicht er nun noch eine weitere CD mit Orgeltranskriptionen. Sie stammen diesmal von Edwin Henry Lemare und dem jungen Komponisten Axel Langmann. 
Wagners farbenreiche Orchesterklänge laden regelrecht dazu ein, sie auf der Orgel zu musizieren. All die Leitmotive, Klangeffekte und dazu die enorme dynamische Bandbreite lassen sich damit auf das Beste zelebrieren. 
Hansjörg Albrecht hat für diese Aufnahme mit der Orgel der Pfarrkirche Herz-Jesu München, erbaut 2003 von Gerald Woehl, ein grandioses Instrument ausgewählt.  Zu hören sind, neben dem Titelstück die Ouvertüren und Vorspiele zu Wagners Opern Die Feen, Lohengrin, Das Liebesverbot und Rienzi, von Albrecht zusammengefasst zu einer Fantasie-Sinfonie. Und als Bonus erklingt das populäre Lied an den Abendstern aus Tannhäuser. Es ist faszinierend, wie „orgel-affin“ Wagners Kompositionen sind; wer es nicht besser weiß, der wird an keiner Stelle auf die Idee kommen, dass es sich um Bearbeitungen handelt. Hansjörg Albrecht zieht buchstäblich alle Register, und kreiert einen großartigen Wagner-Sound. Unbedingt anhören, es lohnt sich! 

Sonntag, 19. April 2020

O Crux benedicta (Deutsche Grammophon)

Für die Zeit vom Aschermittwoch bis zum Ostersonntag sind die Chorwerke bestimmt, die auf dieser CD erklingen. Die sogenannte Heilige Woche mit dem Osterfest ist der Höhepunkt des Kirchenjahres, und so sind im Laufe der Jahrhunderte dafür auch sehr viele Kompositionen entstanden. Massimo Palombella, der Leiter des Chores der Sixtinischen Kapelle, hat für diese Einspielung aus den Originalmanuskripten der vatikanischen Bibliotheken eine Auswahl an Musikstücken zusammengestellt, die sonst nur in den Gottesdiensten des Papstes zu hören sind. Nach Cantate Domino (2015), Palestrina (2016) und Veni Domine - Advent & Christmas at the Sistine Chapel (2017) setzt O Crux benedicta die einzigartige Reihe der Deutschen Grammophon mit Aufnahmen aus der Sixtinischen Kapelle fort. 
Der Chor der Sixtinischen Kapelle singt unter Leitung von Maestro Massimo Palombella Kompositionen von Giovanni Pierluigi da Palestrina (um 1525 bis 1594), Orlando di Lasso (?1532 bis 1594), Tomás Luis de Victoria (1548 bis 1611) und anderen. Leider zeigt sich hier exemplarisch, dass eine Kollektion schöner Stimmen (die Soli sind prachtvoll!) lang noch keinen guten Chor ergibt. Beim chorischen Singen würde man sich doch mehr Ausdruck, eine gewisse Textverständlichkeit, mehr Struktur und Durchhörbarkeit wünschen. So kommen die prachtvollen Chorwerke nicht wirklich zur Geltung. Schade. 

Montag, 13. April 2020

19th Centure Russian Cello Music (Naxos)

Jede Menge Überraschungen hält diese CD für all jene Musikfreunde bereit, die den Klang des Violoncellos lieben. Dmitrii Khrychev, Solo-Cellist des St. Petersburger Philharmonischen Orchesters und Gründer des Newski Streichquartettes, hat gemeinsam mit seiner Klavierpartnerin Olga Solovieva eine Auswahl getroffen, die deutlich macht, wie präsent und beliebt das Instrument im 19. Jahrhundert in Russland war. 
Musiziert wird mit Temperament und Ausdruck. Die Werke auf dieser CD erklingen meist in Weltersteinspielung. Und gleich das erste Stück lässt einen staunen: Die bekannten Rokoko-Variationen von Pjotr Iljitsch Tschaikowski (1840 bis 1893) spielt Khrychev in einer Version, die so noch nie zu hören war. Zwar hatte der Komponist das Stück zunächst für Cello und Klavier zu Papier gebracht. Er widmete das Werk dem Cellisten Wilhelm Fitzenhagen, der es dann auch 1877 zur Uraufführung vortrug – in der Orchesterfassung. Der Cellist hat allerdings das Werk stark bearbeitet. So machte er den Solopart virtuoser; er änderte zudem die Reihenfolge der Variationen, strich die achte Variation gänzlich und schrieb sein eigenes Finale. In dieser Fassung wurde das Werk dann gedruckt, und viele Jahre lang ausschließlich auch gespielt. 
Grundlage dieser Einspielung hingegen ist Tschaikowskis ursprüngliches Klaviermanuskript. Und, Überraschung, diese Musik ist möglicherweise nicht ganz so brillant wie die Fitzenhagen-Fassung. Aber sie vereint die Leichtigkeit und Eleganz, die dem Werk auch seinen Namen gaben, mit einer Melodik, die ganz eindeutig russisch ist. Hinreißend. 
Karl Juljewitsch Davidoff (1838 bis 1889) gehörte zu den besten Cellisten seiner Zeit. Tschaikowski nannte ihn „den Zaren aller Cellisten“. Er hatte in Moskau bei Heinrich Schmidt und in St. Petersburg bei Karl Schuberth studiert, und ging dann nach Leipzig, um dort am Konservatorium bei Friedrich Grützmacher seine musikalische Ausbildung abzuschließen. Als Nachfolger seines Lehrers wurde Davidoff 1860 Solo-Cellist des Leipziger Gewandhausorchesters und Lehrer am Konservatorium. 1862 kehrte er dann nach St. Petersburg zurück, wo er als Solo-Cellist musizierte und eine Professur am neu gegründeten Konservatorium übernahm. Er leitete diese Institution zudem von 1876 bis 1887. Davidoff komponierte zahlreiche Werke für sein Instrument, die glücklicherweise nun schrittweise wiederentdeckt werden. Seine Phantasie über russische Volkslieder op. 7 schrieb er 1860 in Leipzig. 
Konstantin Nikolajewitsch Ljadow (1820 bis 1871), der Vater des Komponisten Anatoli Konstantinowitsch Ljadow, war seinerzeit unter anderem Chefdirigent am Mariinski-Theater in St. Petersburg und ein bekannter Komponist. In seiner Fantasy on Gispy Songs op. 12, die im Manuskript überliefert ist, kombiniert er herrliche Melodien aus der russischen Tradition mit virtuosen Effekten. 
Anton Stepanowitsch Arenski (1861 bis 1906) hatte zum Violoncello eine ganz persönliche Beziehung: Sein Vater, ein Arzt, musizierte gern auf dem Instrument, oftmals begleitet von seiner Frau, die sehr gut Klavier spielte. Auf dieser CD erklingen sechs Charakterstücke des Komponisten. Die Zwei Stücke op. 12 widmete Arenski Karl Davidoff, die Vier Stücke op.56 dem Cellisten Anatoli Brandukow. Und an den Schluss haben Khrychev und Solovieva dann die Serenade op. 37 von Arenskis Lehrer Nikolai Andrejewitsch Rimski-Korsakow (1844 bis 1908) gesetzt. Dieses Stück, das später in einer Orchesterfassung bekannt wurde, hat übrigens ebenfalls einen familiären Bezug: Der Sohn des Komponisten spielte Cello.