Mittwoch, 8. April 2020

Mendelssohn Bartholdy: Motets & Piano Trio (Evil Penguin Records)

„What is the common ground between the chamber music and the choral works of Felix Mendelssohn Bartholdy?” Mit dieser CD versuchen der Flemish Radio Choir unter Leitung von Hervé Niquet und die Kammermusikpartner Pekka Kuusisto, Violine, Pieter Wispelwey, Violoncello, und Alasdair Beatson am Konzertflügel, eine Antwort auf diese Frage zu geben. 
Um die „Vielfalt in der Einheit“ zu erkunden, die der Komponist einst beschwor, kombinierten sie ausgewählte Motetten sowie das Klaviertrio Nr. 2 op. 66 und das Adagio aus der Cello-Sonate op. 58.  Musiziert wird zudem großartig. Ein Klangerlebnis, dem man sich nicht entziehen kann.

Music is the Cure! (Perfect Noise)

Blockflöten, Gamben, Theorbe, Laute, Zister und Barockgitarre, dazu ein Cembalo sowie ein Orgelpositiv, eine Leidenschaft für historische Aufführungspraxis, viele gute Ideen und jede Menge Noten – das sind die Zutaten, mit denen das Ensemble La Ninfea seine musikalische Hausapotheke bestückt hat. Ergänzt wird dieses höchst wirksame Rezept durch die ebenso sonore wie wandlungsfähige Stimme von Mirko Ludwig. Damit lässt sich so manches Leiden besiegen: „Music is the Cure!“, lautet denn auch der Titel des aktuellen Albums, das soeben bei Perfect Noise erschienen ist. Was für ein Motto, angesichts der aktuellen Situation.
Corona freilich hatte, als im Mai 2019 dieses Programm im Sendesaal von Radio Bremen aufgezeichnet wurde, noch niemand im Blick – keiner der Musiker, und niemand im Publikum. „Anlass für unseren Recherche-Marathon war die Anfrage im Anschluss an ein Konzert, zum 80. Geburtstag eines pensionierten Apothekers ein Privatkonzert zu geben“, berichtet das Ensemble in einem Begleittext zur CD. Schon auf der Heimfahrt begann die Planung: „Ein ausgiebiger Stau, zwei Tüten Chips, (natürlich alkoholfreies) Bier und eine geheime Anzahl an Gummibärchen waren eine ideale Ausgangssituation für dieses erste Brainstorming.“ 
Und das Ergebnis überzeugt. Mit einem Kanon, der kunstvoll das Anstoßen auf die Gesundheit begleitet, beginnt und endet das Programm. Das musikalische Gesundheitsprojekt weist zudem darauf hin, dass man es nicht versäumen sollte, seinen Last will and testament zu Papier zu bringen, bevor The sick tune zuschlägt, und La Follia zum Ausbruch kommt. Doch die Heilmittel stehen schon bereit. Athanasius Kircher beispielsweise notierte zu seinem Antidotum Tarantulae, dies sei eine „Melodey wodurch die von der Tarantula gebissene curiret und geheilet werden.“  Und wenn das Antidotum Tarantulae nicht verfängt, dann hilft möglicherweise Oil of Barley, auf gut Deutsch Gerstenöl, „womit ein gereiftes Starkbier gemeint ist“, so heißt es im Beiheft. 
Musiziert wird mit Leidenschaft und ausgesprochen kreativ. So haben die Musiker sich bei Io son ferito, einem fünfstimmigen Madrigal von Giovanni Pierluigi di Palestrina, für eine Variante der Madrigaldiminuition entschieden, die den Sänger – der die ausgezierte Partie singt – einmal quer durch alle Stimmen schickt. Eine Herausforderung, der sich Mirko Ludwig versiert stellt. 
Kurios wird es dann, wenn La Ninfea mit musikalischen Mitteln eine chirurgische Operation schildert. Dieses sehr spezielle Ereignis, das die Entfernung eines Blasensteines zum Ziel hatte, wurde seinerzeit durch Marin Marais vertont. Der Komponist hat seiner Musik erläuternde Zeilen beigefügt, die den Zuhörer heute eher amüsieren. Wer damals diese Prozedur ohne Betäubung durchleiden musste, denn eine Narkose gab es noch nicht, der fand das sicherlich gar nicht komisch. 
Doch in diesem Fall war die Kur offenbar erfolgreich, und erleichtert folgt man La Ninfea, die dies unter anderem mit der Idylle sur la retour du santé du Roy von Marc-Antoine Charpentier gebührend feiert. Womit das Finale auch schon naht – und wir nicken zu Henry Purcells He that drinks is immortal
Ein grandioses Programm, höchst unterhaltsam, und ausgefeilt präsentiert. Wer also derzeit in Quarantäne sitzt, der sollte es auf gar keinen Fall versäumen, La Ninfeas musikalische Hausapotheke zu konsultieren. Langeweile heilen die Musiker sofort. Unbedingt anhören! 

Sonntag, 5. April 2020

The Paris Album (Audax)

Ebenso spannend ist auch das Paris Album, mit dem sich die Musiker der Triosonate in Frankreich vor 1700 zuwenden. Johannes Pramsoler und das Ensemble Diderot haben dafür Kompositionen ausgewählt, die nach dem Tod von Jean Baptiste Lully entstanden sind. Neben bekannten Werken, wie dem Tombeau de Monsieur de Lully von Jean-Féry Rebel (1666 bis 1747), bietet auch diese CD wieder zahlreiche Welt- ersteinspielungen. 
Das Album feiert die die neu gewonnene Freiheit jener Zeit, als die Komponisten begannen, den traditionellen französischen Stil mit Innovationen aus Italien zu verbinden. Das Violoncello spielte dabei übrigens noch keine Rolle; Johannes Pramsohler und Roldán Bernabé musizieren auf dieser CD gemeinsam mit Eric Tinkerhess, Viola da gamba, und mit Philippe Grisvard, Cembalo. 
Nicht nur Lullys pompöser Stil, auch die Monarchie als solche war seinerzeit in die Jahre gekommen. Doch während sich in der Oper das Repräsentative noch längere Zeit behaupten konnte, zeigte sich die Kammermusik deutlich flexibler: „Tous les compositeurs de Paris avoient en ce temps-là la fureur de composer des Sonates à la manière Italienne“, vermeldete Sébastian de Brossard, ein Musiker aus Strasbourg, der nach Lullys Tod eine ganz enorme Musikaliensammlung zusammentrug. Er ist auf dieser CD mit zwei Triosonaten vertreten, ebenso André Campra, außerdem erklingt Musik von Louis-Nicolas Clérambault, Elisabeth Jacquet de la Guerre und François Couperin, Nachfolger Lullys im Amte des Hofkomponisten. Johannes Pramsohler und seine Mitstreiter machen mit ihrem Spiel hörbar, wie italienische Einflüsse und französische Eleganz in einer „réunion des gôuts“, so Couperin, ein neues europäisches Klangideal geprägt haben – das übrigens bis nach Sachsen ausstrahlte: Couperins La Convalescente fand sich im Notenbestand des Dresdner Konzertmeisters Johann Georg Pisendel. 

Samstag, 4. April 2020

The London Album (Audax)

Johannes Pramsohler und seine Kollegen vom Ensemble Diderot – Roldán Bernabé, Barockvioline, Gulrim Choi, Violoncello und Philippe Grisvard, Cembalo – setzen mit dieser CD ihre Entdeckungsreise auf den Spuren der barocken Triosonate quer durch Europa fort. Gestartet waren sie mit dem Dresden Album – und nun, fünf Jahre später, präsentieren die Musiker, was sie in England und in Frankreich entdeckt haben. 
The London Album enthält Triosonaten aus der Zeit vor 1680. Zur Zeit Henry Purcells schätzten englische Komponisten das neue italienische Genre. Doch auch wenn beispielsweise Robert King (um 1660 bis 1726) eine Sonetta after the Italion way schrieb, die hier in Weltersteinspielung erklingt, bleibt der charakteristische britische Sound doch erstaunlich deutlich erhalten. Die drei Triosonaten von Henry Purcell beispielsweise würde man niemals einem Komponisten vom Festland zuordnen. Und auch Kollegen, die von dort nach England kamen, übernahmen erfolgreich dieses musikalische Idiom, wie Werke von Johann Gottfried Keller und Gerhard Diessener zeigen. Beide waren Cembalisten, und kamen aus Deutschland nach London. 
Die Musiker haben für diese CD nicht nur beeindruckende Musikbeispiele aus alten Manuskriptbänden zutage gefördert. Sie haben sich auch mit Lehrwerken der damaligen Zeit auseinandergesetzt, um diese attraktiven Werke obendrein zeitgemäß vortragen zu können. Hochinteressant! 

Dienstag, 31. März 2020

Mozart: Early String Quartets (MDG)

Diese CD ist das Finale einer sehr besonderen Edition: Das Leipziger Streichquartett - noch in der Besetzung Conrad Muck und Tilman Büning, Violine, Ivo Bauer, Viola und Matthias Moosdorf, Violoncello - hat auch die frühen Streichquartette von Wolfgang Amadeus Mozart (1756 bis 1791) vollständig eingespielt. 
Damit komplettierte das Ensemble seine zu Recht hochgelobte Gesamt- aufnahme der Streichquartette des Komponisten. Parallel dazu arbeitet das Leipziger Streichquartett noch an einem weiteren bedeutenden Projekt zur Wiener Klassik – die Musiker aus der Messestadt spielen bei MDG auch alle Streichquartette von Joseph Haydn ein. 
Als der junge Mozart 1770 sein erstes „Quatro“ schrieb, war die Gattung noch jung und erstaunlich flexibel. Besetzung, Satzfolge, formale Anlage – die Abgrenzung zu ähnlichen Werken, wie Serenaden und Divertimenti, beschäftigte wohl mehr die Musikwissenschaft in späteren Jahrhunderten als jene Komponisten, die das Quartett damals erprobten und weiterentwickelten. 
Salzburg freilich scheint für solche Experimente nicht gerade eine Quelle der Inspiration gewesen zu sein: Entstanden sind Mozarts frühe Streichquartette durchweg auf Reisen. Bei seiner ersten Italienreise schrieb der 14jährige KV 80. Die Quartette KV 155 bis 160, von der zweiten Italienreise 1772/73, sind heute als „Mailänder Quartette“ bekannt. Und die Quartette KV 168 bis 173 schrieb Mozart während eines Aufenthaltes von Juni bis September 1773 in Wien. 
Das Leipziger Streichquartett zeigt mit dieser Einspielung, mit welcher Innovationsfreude Mozart das neue Genre und seine Möglichkeiten erkundete. Und auch wenn diese Stücke ein wenig im Schatten der berühmten „großen“ Quartette stehen, zeigen sich hier doch bereits der enorme Einfallsreichtum und die herrlichen Melodien, mit denen sich der Komponist auf Dauer einen Platz im musikalischen Olymp gesichert hat. 
Das grandiose Leipziger Streichquartett musiziert perfekt aufeinander abgestimmt. Das wird besonders dort deutlich, wo sich die Stimmen Motive wie Bälle zuwerfen, wo ein Spieler die Phrase eines anderen aufnimmt und fortsetzt. Alles wirkt sehr sorgfältig durchgearbeitet, sehr kultiviert – und der warme, harmonische Streicherklang der Leipziger ist ebenfalls ein Ereignis. Überwältigend. 

Samstag, 28. März 2020

Inferno e Paradiso - Simone Kermes (Sony)

Um Himmel und Hölle geht es Simone Kermes bei ihrem neuen Album Inferno e Paradiso. „Das sind klare Symbole für Tugend und Todsünde – der ewige Kampf zwischen Gut und Böse“, schreibt die Sopranistin in ihrem Geleitwort. Im Zeitalter von Klimawandel und Terrorattacken fragt sie sich, wo Demut und Mäßigung bleiben. Und so kam sie auf die Idee zu diesem Projekt: Simone Kermes hat, quer durch die Musikgeschichte, Songs und Arien ausgewählt, die entweder eine Tugend besingen – oder aber eine Todsünde. 
Gemeinsam mit den Amici Veniziani (und famos aufgezeichnet von Jonas Niederstadt) lässt die Sopranistin 14 Stücke aus vier Jahrhunderten erklingen, die deutlich machen, dass Himmel und Hölle gar nicht so weit voneinander entfernt sind. So ist es Maria Maddalena, die in Pompe inutili, einer hinreißend schönen Arie von Antonio Caldara, den unnützen Pomp von sich weist. Zwei Arien von Johann Adolf Hasse, beide in Weltersteinspielung, setzen sich mit Eifersucht und Ignoranz auseinander. 
Sinnbild der Demut hingegen ist für Kermes Johann Sebastian Bachs „Erbarme dich“-Arie aus der Matthäuspassion. Doch längst nicht alle Stücke auf der CD stammen aus der Vergangenheit. Der finnische Komponist und Arrangeur Jarkko Riihimäki hat für die Sängerin auch einige bekannte Melodien aus der Gegenwart arrangiert: Poker Face von Lady Gaga steht für die pure Wollust. Fields of Gold von Sting ist für Simone Kermes der Song der Liebe. 
Vom Hochmut berichtet Led Zeppelins Stairway to Heaven. Und – man glaubt erst einmal, sich zu verhören! – mit Udo Jürgens Hit Aber bitte mit Sahne besingt die Sopranistin die Völlerei. Es ist verblüffend, aber diese Arrangements wirken mitunter so „antik“, als hätten diese Lieder „seit dem 17. Jahrhundert verstaubt in Londoner Regalen gelegen“, so Kermes. Das Lied über die Schlagsahne schaufelnden Damen beispielsweise ist trotz barocker Verkleidung durchaus wiederzuerkennen, aber es ist nun eher Farinelli als deutscher Schlager. Ein interessantes Experiment. 
Kermes und ihre Musiker präsentieren die Musik von Antonio Vivaldi ebenso versiert wie die von Led Zeppelin. So manches Stück auf dieser CD ist hoch virtuos, musikalisch enorm anspruchsvoll. Das wohl schönste Stück ist allerdings Stings Ballade. Und hier zeigt die Star-Sopranistin, dass sie auch schlicht kann; sehr berührend. 

Montag, 23. März 2020

Mozart: Flute Quartets (Tudor)

Für einen vermögenden Musikfreund aus den Niederlanden komponierte Wolfgang Amadeus Mozart (1756 bis 1791) während seines Aufenthaltes in Mannheim 1777/78 einige wenige Werke für Flöte. Und obwohl sein Mäzen ihn dafür wirklich gut bezahlte, ging der 22jährige mit Widerwillen an diese Arbeit. In Briefen an seinen Vater moserte er, er habe keine Lust dazu, und er könne die Flöte ohnehin nicht leiden.
Glücklicherweise hat sich dies auf die Qualität der Musik nicht ausgewirkt. Mozarts Flötenquartette KV 285, 285 a und 285b gehören bis heute zu den Perlen des Repertoires – das Adagio aus dem D-Dur-Quartett gilt sogar als „vielleicht das schönste begleitete Solo, das je für Flöte geschrieben worden ist“, so urteilte einst der Musikkritiker und Mozart-Kenner Alfred Einstein. 
Auf dieser CD erklingen sie sowie das später in Wien komponierte Flötenquartett KV 298 in Weltklasse-Besetzung. Den Flötenpart übernahm Aurèle Nicolet, ein Solist von Weltrang, einstmals Soloflötist der Berliner Philharmoniker, und ein ebenso legendärer Musikpädagoge. Der Musiker, der aus Neuchâtel in der Schweiz stammte, ist 2016 kurz nach seinem 90. Geburtstag gestorben. 
Bei dieser Aufnahme aus dem Jahre 1978 musizierte er gemeinsam mit dem Münchner Streichtrio, in dem damals die junge Ana Chumachenko die Violine spielte, Oscar Lysy die Viola und Walter Nothas das Violoncello. 

Sonntag, 22. März 2020

Beethoven: Christus am Ölberge (Naxos)

Das Beethoven-Jahr bringt so manche Überraschung. Die dritte Sinfonie, bekannt auch als Eroica, oder aber das dritte Klavierkonzert gehören zum Kanon der populären klassischen Werke. Das groß besetzte Oratorium Christus am Ölberge schrieb Ludwig van Beethoven ungefähr zur gleichen Zeit, doch es ist eine ausgesprochene Rarität – ich kann mich jedenfalls nicht erinnern, jemals eine Aufführung auch nur angekündigt gesehen zu haben. 
Das Werk führt uns direkt in jene schicksalhafte Nacht, in der Jesus die Häscher erwartete. Im Gebet bringt der Gottessohn seine Angst zum Ausdruck, und er ringt ein Rezitativ und eine Arie lang mit seinem Schicksal. Nicht minder dramatisch tritt anschließend der Seraph in Erscheinung, gefolgt von einer Schar Engel, der an Gottes Wort erinnert. Es folgt die Szene der Festnahme Jesu, mit derben Kriegern, Jüngern in Panik, einem sehr zornigen Petrus, schrecklichen Reimen („Wir haben ihn gesehen / nach diesem Berge gehen, / entfliehen kann er nicht, / ja, seiner wartet das Gericht.“) und einer Musik, die man durchaus auch in einer heroischen Oper erwarten würde. 
Bei Naxos ist Beethovens einziges Oratorium nun in einer exquisiten Aufnahme verfügbar. Eingespielt hat sie das Philharmonische Orchester aus dem finnischen Turku unter Leitung seines Chefdirigenten Leif Segerstam mit dem fabelhaften Chorus Cathedralis Aboensis, der ebenfalls in Turku ansässig ist. Solisten sind Hanna-Leena Haapamäki, Sopran/Seraph, Jussi Myllys, Tenor/Jesus und Niklas Spångberg, Bass/Peter. Komplettiert wird die CD durch den Elegischen Gesang op. 118. 

Donnerstag, 19. März 2020

Clemens Christian Poetzsch plays Sven Helbig (Berlin Classics)

Clemens Christian Poetzsch spielt Werke von Sven Helbig. „The idea for a piano album has been running through my head for many years“, schreibt der Komponist im Beiheft. „I don’t play the instrument very well, but I always had a special love for it and its literature.“ Besonders fasziniert zeigt sich Helbig von den Legenden, die sich um große Konzertpianisten der Vergangenheit ranken. „They live in my head like figures from novels“, so Helbig. 
Dann begegnete ihm Clemens Christian Poetzsch – und die beiden Musiker stellten bald fest, dass sie nicht nur die Begeisterung für diese Pianogötter gemeinsam hatten. Auch im Ringen um musikalischen Ausdruck fanden sie viele Übereinstimmungen. „I was always searching for the music I would like to play”, meint Poetzsch, der sich daher ebenso schon aufs Komponieren konzentriert hat.  „I have been waiting for the right moment to focus on my piano playing with the right compositions.“
In Sven Helbig hat Poetzsch offenbar diese Inspirationsquelle gefunden: „It was a dream constellation for me to work with him on his music and to be given absolute freedom in my interpretation.“ Der Pianist hat die Kompositionen von Sven Helbig aus seiner Sicht gedeutet und interpretiert. Das wirkt oft ein wenig wie Filmmusik, und die meisten Stücke sind sehr poetisch. Im Beiheft sind kurze Notate beider Partner zu den jeweiligen Werken nachzulesen; es ist faszinierend, nachzuvollziehen, was sie jeweils dazu empfinden und denken. 

Ensemble Midtvest (Naxos)

Was spielt ein Ensemble, das ein Bläserquintett ebenso aufbieten kann wie exzellente Streicher sowie einen Pianisten? 
MidtVest ist ein ganz erstaunliches kammermusikalisches Chamäleon, und für sein Debütalbum bei Naxos hat das dänische Ensemble spezielle Arrangements von zwei berühmten Serenaden ausgewählt. Die Gran Partita KV 361 von Wolfgang Amadeus Mozart erklingt in einer zeitgenössischen Bearbeitung von Christian Friedrich Gottlieb Schwencke (1767 bis 1822) für Oboenquintett. Mozarts Musik inspirierte auch Antonín Dvořák zu seiner wunderschönen Serenade op. 44, hier in einer Version für fünf Bläser und vier Streicher, von dem tschechischen Kontrabassisten František Hertl. 
Dieses Programm ist Geschmackssache; aber musiziert wird grandios. MidtVest spielt ohne Frage in der Ausnahmeklasse. Das macht die CD zum Ereignis. 

Time stands still - Cantus Thuringia (Deutsche Harmonia Mundi)

Time stands still, diesen Titel eines Liedes von John Dowland wählte Cantus Thuringia zum Motto eines stimmungsvollen Albums mit Musik des 16. und 17. Jahrhunderts. 
In kleiner Besetzung lässt das Ensemble Songs, Anthems und Ayres von altenglischen Meistern erklingen. Die Einspielung beginnt mit O Lord, in thee is all my trust von Thomas Tallis, ganz schlicht und klar. 
„Dieses Stück gibt die Richtung vor“, erklärt Christoph Dittmar, Alto, der das Ensemble als primus inter pares leitet. „Reinheit und Schlichtheit sind hier programmatisch.“  
Die Musiker Silvia Müller, Blockflöte, Christoph Sommer, Laute und Theorbe, Dietrich Haböck, Viola da gamba und Mikhail Yarzhembovskiy, Cembalo und Orgel, begleiten nicht nur den Gesang. Sie stellen auch einige Instrumentalstücke vor, die das Programm abrunden – eine Suite von Matthew Locke, ein Pasticcio aus Werken Henry Purcells sowie zwei Lautenwerke von John Dowland. 
Time stands still, das zentrale Werk der CD, steht auch wie eine Schwelle zwischen Kompositionen, die sich zuvor der himmlischen und danach eher der irdischen Liebe zuwenden. Die Zeit hält zudem den Atem an, wenn sich Silvia Müller mit der Blockflöte zu den Sängern gesellt, ihre Linien ganz im Stil der damaligen Zeit auszierend. 
Eine sehr reizvolle Option; Cantus Thuringia hat eigens dafür „Stücke ausgewählt, bei denen die Blockflöte diminuierend (..) hinzutritt, mal als Ober-, mal als Mittelstimme – zumal dieses Instrument in England und bis ins 18. Jahrhundert hinein äußerst beliebt war“, so Dittmar. „An einigen Höfen waren sogar ganz Blockflötenensembles fest engagiert.“ 

Mittwoch, 18. März 2020

The Edison Recordings - Sergey Rachmaninov (Naxos)

Historische Aufnahmen von hohem Rang veröffentlicht immer wieder das Label Naxos. Auf dieser CD ist Sergej Rachmaninoff (1873 bis 1943) zu erleben – nicht als Komponist oder Dirigent, sondern als Pianist. Man glaubt es kaum, aber es gibt Tondokumente: Nach seiner Übersiedelung 1918 in die USA spielte der russische Musiker nicht nur zahlreiche Konzerte. Er nahm auch das Angebot an, im Edison-Studio in New York aufzunehmen. Einige dieser Einspielungen aus dem April 1919 sind auf dieser CD zu hören – oft sogar in mehreren Varianten. Faszinierend! 

The Golden Age (Genuin)

Vor einiger Zeit hat Christoph Heesch bei Genuin eine CD veröffentlicht, die dann leider in meinem Regal liegen geblieben ist. Jetzt habe ich sie angehört – und beschlossen, trotzdem darüber zu schreiben, weil die Aufnahme rundum fasziniert. Der junge Cellist, der bei Jens Peter Maintz und Wolfgang Emanuel Schmidt studierte, konnte bereits etliche Wettbewerbe gewinnen. Bei diesem Projekt musiziert er unter Leitung von Jakob Lehmann gemeinsam mit dem Kammerorchester Eroica, dessen Solo-Cellist er auch ist. Und er hat dafür ein geradezu phänomenales Programm zusammengestellt: Heesch spielt vier Cellokonzerte aus den Jahren 1924/25, die jeweils für sich schon eine Sensation sind. 
Es war eine aufregende Zeit, in der spektakuläre Musik entstand. Die Kammermusik Nr.3 op. 36 Nr. 2 von Paul Hindemith (1895 bis 1963), das Konzert für Violoncello und Blasorchester von Jacques Ibert (1890 bis 1962), das Konzert für Violoncello und Kammerorchester op. 35 von Ernst Toch (1887 bis 1964) und das Concertino für Violoncello, Bläser, Klavier und Schlagzeug von Bohuslav Martinů (1890 bis 1959) hinterfragen Konventionen klassischer Musik, und suchen nach neuen Wegen des Musizierens. Allen gemeinsam ist das reduzierte „Orchester“, in dem nur einige wenige Musiker spielen. Die Grenzen zwischen den Gattungen und auch die Abgrenzung zwischen Solist und Orchester kommen ins Fließen. 
Daraus lässt sich auch für die heutige Zeit lernen, meint Heesch: „Es ist mir ein großes Anliegen, sie mit Blick auf die Werke dieser vier fantastischen Komponisten aus vollkommen unterschiedlichen Kulturkreisen, Schulen und Einflüssen zu betrachten. Bieten sie doch Inspiration und Ideen für die Zukunft – sowohl jedes für sich als auch alle zusammen. Die rhythmische Strenge bei Hindemith, die französisch-elegante Leichtigkeit von Ibert, die tiefe Empfindsamkeit bei Toch und die folkloristisch-kraftvolle Dramatik im Werk von Martinů ergänzen sich zu einer musikalisch revolutionären Klangidee. Durch die schlanke Besetzung entwickelt sich in allen vieren eine musikalische Transparenz, die es ermöglicht, aus dem sinfonischen ,Korsett‘ des Cellokonzertes in die viel intimere Kompositionsform des Solokonzertes zu wechseln.“  
Der inszenierte Auftritt des Solisten und die Trennung von Solo- und Orchesterpassagen, wie man dies aus romantischen Instrumentalkonzerten kennt, wird in diesen Stücken durch quasi kammermusikalisches Musizieren in unmittelbaren Dialog ersetzt. Dennoch sind diese vier Konzerte nicht weniger anspruchsvoll, sie sind virtuos, sperrig, herausfordernd – und Heesch musiziert grandios. Was für ein Ton, welch enorme Intensität – von diesem jungen Musiker wird man hoffentlich noch viel hören! 

Calace: Music for Mandolin Quartet (Brilliant Classics)

Raffaele Calace (1863 bis 1934) entstammte einer Instrumenten- bauerdynastie aus Neapel und verschrieb sich schon früh der Mandoline. Er spielte dieses Instrument virtuos, und er engagierte sich dafür, dass ihm im Musikleben mehr Bedeutung zugemessen wird. So ging der „Paganini der Mandoline“ auf ausgedehnte Konzertreisen, bis nach Japan, auch gemeinsam mit seinen Kindern Maria und Vincenzo. 
Und gemeinsam mit seinem Bruder Nicola übernahm er die Werkstatt seiner Vorväter. 
Er entwickelte unter anderem die neapolitanische Mandoline weiter zu jenem Konzertinstrument, das auch heute noch weltweit gespielt wird. Die Werkstatt wurde übrigens von seiner Tochter Maria und seinem Sohn Giuseppe Calace weitergeführt; heute wird sie durch seinen Enkel Raffaele Calace jr. geleitet.
Außerdem gründete Calace einen Musikverlag, mit einem umfangreichen Katalog, und eine Zeitschrift zur Unterstützung des neapolitanischen Musiklebens, die immerhin fünf Jahre lang erschien. Raffaele Calace schrieb zudem pädagogische Werke, und mehr als 200 Kompositionen für sein geliebtes Instrument. Für Mandolinisten weltweit sind sie noch immer Maß aller Dinge. 
Das Motus Mandolin Quartet hat für sein Debütalbum daher seine Musik ausgewählt. Auf der CD erklingen drei der vier Originalkompositionen Calaces für klassisches Mandolinenquartett, und dazu noch sieben Bearbeitungen von Werken, die für romantisches Mandolinenquartett – mit Gitarre – oder aber für Mandoline und Klavier entstanden sind. Musiziert wird hinreißend, erstklassig. Wer den Klang der Mandoline liebt, dem bietet diese CD Gelegenheit, ein Lebenswerk wiederzuentdecken, das sonst nur Insidern ein Begriff ist. Und das lohnt sich! 

Dienstag, 17. März 2020

Circle Line (Deutsche Harmonia Mundi)

Die Lautten Compagney überrascht doch immer wieder. Circle Line haben die Musiker um Wolfgang Katschner ihr neues Album genannt.  „Der Titel des Programms ist Symbol für die stetig pulsierende Großstadt“, sagt der Lautenist. „In Berlin bezeichnet man mit ›Circle Line‹ die Ringbahn, und für Berlin steht auch die Lautten Compagney. Beide kreisen durch die Stadtbezirke und durch die Jahrhunderte der Musik.“ 
Der Titel bezieht sich aber auch auf die Musikgeschichte. So erschien 1968 „Music as a Gradual Process“, ein Aufsatz von Steve Reich, in dem der amerikanische Komponist schrieb: „I am interested in perceptible processes. I want to be able to hear the process happening throughout the sounding music. To facilitate closely detailed listening a musical process should happen extremely graduality.” Dieser viel beachtete Text gilt als Geburtsurkunde der Minimal Music. 
Dass Repetition in der Musikgeschichte auch schon viel früher als formbildendes Prinzipien genutzt wurde, verdeutlicht diese Einspielung: Die Lautten Compagney verbindet Musik der Frührenaissance mit Minimal Music. Musiziert wird überwiegend mit dem Instrumentenbestand der „Alten“ Musik. Doch auch ein Saxophon sowie Schlagwerk sind beteiligt; die Aufnahme zeigt, dass Moderne nur ein Etikett ist – alle Werke können mit diesen Klängen durchaus faszinierend wirken. In scheinbar endloser Reihe folgen aufeinander Kompositionen von Philip Glass, John Cage, Meredith Monk, Steve Reich, Peter A. Bauer, Wim Mertens und Guillaume Dufay. An Anfang und am Ende steht Glass‘ Train To Sao Paulo – exzellente Filmmusik, man sieht den Zug förmlich vor sich. Und dann verknüpft die Lautten Compagney mit der „Neuen“ Musik gekonnt und beständig sorgsam ausgewählte Kompositionen von Dufay. Diese Circle Line über Jahrhunderte funktioniert ganz erstaunlich gut. Derart kenntnisreich verschachtelt, arrangiert, kombiniert und übereinander gelegt, ist am Ende das Ergebnis mehr als die Summe aller Teile – was für ein Kunstwerk, bravi! 

Bach: Oboe Concertos (Berlin Classics)

Auf ihrem neuen Album setzt sich Céline Moinet mit der Musik von Johann Sebastian Bach auseinander. „Bachs Kantaten waren mein erster Zugang“, zitiert das Beiheft die Musikerin, die in Paris studiert hat, und mit 23 Jahren Solo-Oboistin der Sächsischen Staatskapelle Dresden wurde. „Es ist eine überaus reiche, anspruchsvolle Literatur für Oboisten, letztendlich die Essenz seiner Musik. Hier wird die Oboe zur Erzählerin.“ 
Zwei Sinfonien aus Bach-Kantaten sind auf dieser CD zu hören. Musik aus seinen Kantaten verwendete Bach aber auch in seinen Solo-Konzerten, und umgekehrt. In Bachs musikalischem Universum gibt es erstaunlich viele Querverbindungen; das wird auf dieser CD anhand der rekonstru- ierten Konzerte deutlich. 
Für Bach benötige man mehr Zeit als für die meisten anderen Kompo- nisten, meint Moinet. Und seine Konzerte seien eine Herausforderung, „technisch virtuos, mit schier endlos fortgesponnenen Passagen, die kaum Möglichkeiten zum Atmen lassen.“ Zu hören sind die Konzerte BWV 1059, 1053 und 1055. Komplettiert wird das Programm durch das Konzert in d-Moll von Alessandro Marcello. 
Die Oboistin musiziert auf dieser CD gemeinsam mit dem Instrumental-Ensemble L'arte del mondo unter Werner Ehrhardt. Die Kombination aus einem historisch informierten Orchesterklang und ihrer modernen Marigaux-Oboe funktioniert erstaunlich gut. Die Instrumente der Pariser Firma klingen warm und wesentlich voller als Barockoboen. Als Solistin führt Céline Moinet einen lebendigen Dialog aus moderner Perspektive mit dem Orchester, das beispielsweise barocke Bögen verwendet. Man nähert sich an, was unter anderem in den Verzierungen hörbar wird. Der Austausch lohnt sich: Musiziert wird klangschön, sensibel und kammermusikalisch transparent – und mit Noblesse, was Bachs Werke sehr gut steht. 

Höchsterwünschtes Freundenfest (Querstand)

„Störmthal liegt 2 ½ Stunden südöstlich von Leipzig, besitzt 6 Pferdner- und 22 Hintersäßergüter, ferner 29 herrschaftliche Häuser und rund 400 Seelen. Das Rittergut ist eines der schönsten in der Gegend.“ So lautet eine Ortsbeschreibung vom Ende des 18. Jahrhunderts. 
Doch ein Detail, das Störmthal einen Platz in der Musikgeschichte sichern sollte, hat der Chronist nicht erwähnt: 1722 wurde in Störmthal beschlossen, die alte, baufällig gewordene Dorfkirche auf den neuesten Stand zu bringen und zu sie dabei erweitern. Das schloss auch die Orgel mit ein. Der Schlossherr und Kirchenpatron, Kammerherr Statz Hilmar von Fullen, hielt Ausschau nach einem besonders guten Orgelbauer – und er konnte schließlich Zacharias Hildebrandt unter Vertrag nehmen. Dieser hatte nach seiner Lehr-, Gesellen- und Meisterzeit bei Gottfried Silbermann gerade eine eigene Firma gegründet, und für die Störmthaler Kirche baute er binnen Jahresfrist eine Orgel mit 14 Registern auf einem Manual und Pedal. 
Auch zur Qualitätsprüfung war dem Rittergutsbesitzer das Beste gerade gut genug. Und so berichten uns Dokumente aus dem Pfarrarchiv, das Instrument sei „am 2. Novembris 1723, von dem berühmten Fürstlich Anhaltischen-Cöthenischen Capellmeister und Directore Music: auch Cantore zu Leipzig, Herrn Johann Sebastian Bachen, übernommen, examiniret, und probiret, auch vor tüchtig und beständig erkannt, und gerühmet“ worden. 
Bach wirkte seit Mai 1723 als Thomaskantor in Leipzig. Und er beließ es nicht bei der Orgelprüfung, er ließ „bei öffentlichem Gottesdienste und Einweyhung besagter Orgel“ als Zeichen besonderer Wertschätzung zusätzlich noch seine Kantate Höchsterwünschtes Freudenfest BWV 194 erklingen. 
Die Orgelbank, auf der Bach damals gesessen hat, steht heute noch in der Störmthaler Kirche. Auch das Instrument wurde in späteren Jahrhunderten vergleichsweise wenig verändert. Und nach einer Restaurierung 2008 erklingt die Orgel nun wieder in dem Zustand, in dem sie der Thomaskantor 1723 „vor tüchtig“ befunden hat. Insbesondere auch die originale Stimmtonhöhe bei 462 Hz, also im hohen Chorton, und die historische Stimmung wurden wiederhergestellt. 
Diese CD, mit dem Mitschnitt eines Konzertes vom Leipziger Bachfest am 16. Juni 2018, zeigt, warum dies einerseits ein unglaublicher Gewinn ist – und andererseits eine enorme Herausforderung für Organisten. Annette Herr hat dafür ein Programm zusammengestellt, das die Stärken der Hildebrandt-Orgel trefflich aufzeigt. Einen Schwerpunkt bilden natürlich die Orgelwerke Bachs und seiner Zeitgenossen. Doch auch Mozarts Adagio für Glasharmonika klingt auf dem Instrument ganz wunderbar. Das Programm zeigt insbesondere die tonartlichen Möglichkeiten und Grenzen. Und auch der Eingangschor aus der bewussten Kantate erklingt, vorgetragen von einem Solistenquartett und dem Pauliner Barockensemble unter Leitung von David Timm. 
Besonders interessant sind die Anmerkungen zur modifiziert mitteltönigen Stimmungsart und die Hörbeispiele dazu. Hier wird ohrenfällig, was authentisches Musizieren an einem solchen Instrument bedeutet, mit welcher Sorgfalt man die Werke dazu auswählen muss. Und man staunt, wie selbstverständlich Organisten zu Bachs Zeiten offenbar auch komplexe Stücke transponieren konnten. Denn das Instrument gab seinerzeit die Tonart vor, das wird ganz klar, wenn man die Bonustracks angehört hat. Sagenhaft! 

Dienstag, 10. März 2020

clarinetti all'opera (Cypres)

Klarinetten, Klarinetten, Klarinetten! Und zwar ein ganzes Orchester davon – der Imep Namur Clarinet Choir besteht aus aktiven und ehemaligen Studenten der Klarinettenklasse des Institut Supérieur de Musique et de Pédagogie. 
Die belgische Hochschule macht offenbar einen ausgezeichneten Job; dieses Ensemble jedenfalls musiziert großartig. Es erklingen Melodien aus bekannten italienischen Opern, attraktiv arrangiert und mit hinreißendem Esprit vorgetragen. Die Solisten sind ebenso erstklassig wie die Chormitglieder; auch am Pult wechselt mehrfach die Besetzung. Grandios! Diese CD ist eine würdige Festgabe zum 50jährigen Bestehen des Imep in diesem Jahr. 

Montag, 9. März 2020

Reger: Four Tone Poems after Arnold Böcklin (Naxos)

Erstaunlich frisch wirkt die Musik von Max Reger (1873 bis 1916), die Ira Levin auf dieser CD mit dem Brandenburgischen Staatsorchester präsentiert. Zum Auftakt erklingen die Bach-Variationen op. 81; ursprünglich entstanden sind sie für das Klavier.
Ira Levin, selbst ein erfolgreicher Konzertpianist, hat sie für Orchester arrangiert. Dabei folgt er dem Vorbild Regers, der eigenhändig eine Orchesterfassung seiner Beethoven-Variationen erstellt hat. Ziel der Bearbeitung war es, Regers „incredibly creative and colourful work“, so Levin, einem größeren Publikum vorzustellen – und mit den Möglichkeiten des Orchesters einerseits die Struktur klarer hörbar zu machen, andererseits aber auch Klangmöglichkeiten auszureizen.
1915 hatte Reger in Jena auch Bachs berühmtes Choralvorspiel O Mensch, bewein' dein' Sünde groß für Orchester arrangiert. Dabei transponierte er das Stück von Es-Dur nach D-Dur, was insbesondere die Streicher gefreut haben dürfte. Ansonsten blieb er erstaunlich dicht am Vorbild.
Seine Tätigkeit als Meininger Hofkapellmeister, in den Jahren 1911 bis 1914, bot Reger Gelegenheit zu Klangexperimenten mit dem Orchester. Dabei legte er offenbar Wert auf differenzierte Gestaltung jeder einzelnen Stimme. Außerdem suchte er nach einem Weg an der Sinfonie vorbei – ein beeindruckendes Ergebnis sind beispielsweise die Vier Tondichtungen op. 128, angeregt von Gemälden Arnold Böcklins, auf dieser CD ebenfalls zu hören.
Klaudyna Schulze-Broniewska, die Konzertmeisterin des Brandenburgischen Staatsorchesters, gestaltet das umfangreiche Violinsolo im ersten Satz mit jener „herben Süßigkeit“, die Reger für seinen geigenden Eremiten im Sinn hatte. Im zweiten Satz lassen die Musiker das Spiel der Wellen, das gleißende Glitzern, in beinahe impressionistischer Manier erlebbar werden. Fahle Klänge zeichnen uns anschließend das Bild der Toteninsel, bevor schließlich das wilde Bacchanal den Schlusspunkt setzt.
Ira Levin führt das Orchester ausdrucksstark, mit intensivem Klang. Unter seiner Leitung bieten die Musiker aus Frankfurt/Oder eine spektakuläre, rundum beeindruckende Interpretation von Werken Regers, die noch immer faszinieren. Bravi!

Samstag, 29. Februar 2020

Classic Hauser (Sony)

Auch Stjepan Hauser wendet sich mit seinem ersten Solo-Album der populären Klassik zu. Begleitet wird der Cellist vom renommierten London Symphony Orchestra. Die Arrangements stammen von Robin Smith, der bereits mit Cher, Andrea Bocelli und Lionel Richie gearbeitet hat. Denn Hauser greift auf dieser CD, für die er schlicht den Titel „Classic“ wählte, weit über Repertoiregrenzen hinaus. „Das Album präsentiert eine Auswahl der schönsten und romantischsten Klassikmelodien“, unterstreicht Hauser, „geschrieben von den größten Komponisten, auf dem Cello gespielt, dem schönsten und romantischsten Instrument von allen.“
Im Mittelpunkt steht dabei das Werk Wolfgang Amadeus Mozarts. „Er hat so viele unglaublich schöne zweite Sätze geschrieben, dass mir die Auswahl schwer fiel“, so Hauser. „Letztlich haben wir uns für die langsamen Sätze seines Klarinettenkonzerts und des Klavierkonzerts Nr. 21 entschieden - beide sind sehr schlicht und anrührend. Außerdem ist das ›Lacrimosa‹ aus Mozarts Requiem zu hören, eine der traurigsten Melodien, die je geschrieben wurden, und eine der letzten, die er zu Papier brachte. Der Celloklang ist hier ungemein ergreifend.“
Eröffnet wird das Album allerdings mit einer berühmten Melodie aus Tschaikowskis Ballett Schwanensee. Und auch im weiteren Verlauf wird der Zuhörer so manches bekannte Stück wiederfinden, gefühlvoll arrangiert für Solo-Cello und Begleitorchester. Wie wunderbar das Cello singen kann, das demonstriert Hauser beispielsweise mit der Arie Lascia ch'io pianga aus Georg Friedrich Händels Oper Rinaldo. „Ich liebe dieses Stück heiß und innig“, bekennt Hauser. „Diese Arie ist wie gemacht für das Cello. Ich kann kaum glauben, dass sie in all den Jahrhunderten, seit es sie gibt, nie zuvor auf dem Cello gespielt wurde.“ Nun also, ganz ehrlich – das glauben wir auch nicht. Denn sie gehört von jeher zu den Favoriten im Hauskonzert-Repertoire. Selbst unser Geigenkind, eigentlich gar nicht dazu bereit, über das normale Pensum hinaus zu üben, hat dieses Stück einst selbst ausgesucht und mit Feuereifer einstudiert, um es in der Schule gemeinsam mit Klassenkameraden zu spielen. Egal – Musik begeistert! Und wer den Klang eines Violoncellos liebt, der wird diese klassische Blütenlese mögen, zumal nicht alle Stücke auf dem Album gleichermaßen populär sind. Nur schade, dass es so düster endet. Denn wenn nach Mozarts Lacrimosa noch Barbers Adagio for Strings erklingt, dann kann das einem final schon die Stimmung eintrüben.


Vivaldi: The four seasons (Sony)

Als 2Cellos haben Luka Šulić und Stjepan Hauser sich ihren Platz im Musikbusiness erobert. Die beiden Cellisten sind sowohl im Konzert als auch mit ihren Videos und Alben überaus erfolgreich. Über Genregrenzen hinweg haben sie das Publikum mit ihrem virtuosen Violoncellospiel begeistert. 
Nach sieben Jahren auf Tour mit 2Cellos haben sich die Musiker nun eine Auszeit für ein erstes Soloprojekt genommen. Und das führt nach all dem Crossover beide in eher klassische Gefilde. Luka Šulić hat sich dem bekanntesten Werk von Antonio Vivaldi gewidmet – und die Vier Jahreszeiten für Cello und Streichorchester arrangiert. 
„Während meiner ganzen Karriere habe ich immer versucht, neuen Zuhörerkreisen, die Musik, die ich liebe und mit der ich aufgewachsen bin, nahe zu bringen“, sagt der Musiker. „Vivaldis Vier Jahreszeiten sind ein Stück, das sofort jeder wiedererkennt und sie sind damit genau der richtige Einstieg in die klassische Musik.“ 
Mit dieser Einspielung erfüllt sich Luka Šulić einen Herzenswunsch. Denn schon als Kind hat der Cellist Vivaldis berühmte Violinkonzerte auf seinem Instrument gespielt. Und seine Ausbildung ist grundsolide; er hat an der Royal Academy of Music in London studiert. Ein bisschen Drive nimmt er aus dem Crossover mit in diese erste klassische Einspielung. Šulić interpretiert „seinen“ Vivaldi mit rhythmischer Präzision, und mit betörend schönem Ton. Der wunderbare Klang des Violoncellos steht den Vier Jahreszeiten ausgezeichnet. Begleitet wird Luka Šulić vom Kammerensemble Archi dell’Accademia di Santa Cecilia unter Leitung von Luigi Piovano. 

Donnerstag, 27. Februar 2020

Guillou: Organ Works Vol. 1 (MDG)

Kann man Bilder einer Ausstellung von Modest Mussorgsky eigentlich auch auf einer Orgel spielen? Warum nicht – schließlich bieten große Instrumente mit einer großen Anzahl höchst unterschiedlicher Register mindestens so viele Klangfarben wie ein Orchester. Auf dieser CD spielt Zuzana Ferjenčíková eine Orgeltranskription von Jean Guillou (1930 bis 2019), die weit mehr ist als eine bloße Übertragung von Mussorgskys Klavierzyklus auf die Orgel. Selbst über die populäre Orchesterfassung  von Maurice Ravel geht diese Version noch hinaus; Guillou beschränkt sich nicht auf eine einfache Transposition, er komponiert noch ein wenig mit, und schafft so tatsächlich ein Orgelwerk, das die Möglichkeiten des Instrumentes dann auch vollendet nutzt. 
Jean Victor Arthur Guillou stammt aus Angers. Dort übernahm er schon als Teenager Organistendienste; von 1945 bis 1954 studierte er dann am Conservatoire in Paris. Zu seinen Lehrern gehörten unter anderem Maurice Duruflé, Marcel Dupré und Olivier Messiaen. Anschließend unterrichtete Guillou in Lissabon, doch diese Stelle gab er 1958 auf und zog zur Behandlung einer Lungenerkrankung nach Berlin um. In diesen Jahren komponierte er, lernte die deutschen Orgeln kennen und spielte auch seine ersten Aufnahmen ein. 
1963 wurde er als Nachfolger von André Marchal Titularorganist an Saint-Eustache in Paris. Die Orgel, die sich heute dort befindet, wurde in den 80er Jahren nach seinen Vorstellungen durch die niederländische Firma Van den Heuvel erbaut. Guillou hat aber immer auch als Konzertorganist musiziert, Studierende unterrichtet, außerdem Konzepte für etliche Orgeln entwickelt und natürlich eigene Werke komponiert. Er war ein Orgelvirtuose von Format, und ein begnadeter Improvisator. 
Und er kannte keinen Ruhestand. Seinen Dienst an Saint-Eustache versah er bis zur Karwoche 2015. Am 18. April 2018 schenkte er sich ein Konzert in der Hamburger Elbphilharmonie quasi zum Geburtstag; zum letzten Male musizierte er öffentlich in München im Oktober 2018. Jean Guillou starb am 26. Januar 2019 in Paris. 
Diese Aufnahme, eingespielt im Mai 2018 an der klangmächtigen Stahlhut/Jann Orgel von St. Martin, Dudelange/Luxemburg, hat er noch selbst mit betreut. Zuzana Ferjenčíková ist seine Schülerin; sie hat das Gesamtwerk des großen französischen Organisten ihm zu Ehren bereits 2013 in Saint-Eustache in einer Konzertreihe interpretiert. 
Für die erste CD der neuen Gesamteinspielung hat sie neben den Bildern einer Ausstellung noch drei weitere Werke von Jean Guillou ausgewählt: Zu Beginn erklingt die Fantaisie op.1 aus dem Jahre 1954, vom Komponisten seinem Lehrer Marcel Dupré gewidmet. Säya, ou L´Oiseau bleu op. 50 entstand aus einer Improvisation, die Guillou 1992 bei einem Konzert in Korea spielte. Hymnus op. 72 komplettiert das Programm. 
Neben der enormen musikalischen Qualität ist an dieser Stelle unbedingt auch die fabelhafte technische Qualität dieser Aufnahme zu erwähnen. Einmal mehr ist es dem audiophilen Label Dabringhaus und Grimm gelungen, Orgelmusik so aufzuzeichnen, dass man einen ausgezeichneten Klang- und Raumeindruck erhält. Chapeau! 

Dienstag, 18. Februar 2020

Schumann: Spanisches Liederspiel, Brahms: Liebesliederwalzer (Orfeo)

Ein Mitschnitt von einem wirklich grandiosen Liederabend: 1974 haben Edith Mathis, Brigitte Fassbaender, Peter Schreier und Walter Berry bei den Salzburger Festspielen Robert Schumanns Spanisches Liederspiel op. 74 und Johannes Brahms‘ Liebeslieder-Walzer op. 52 vorgetragen. Am Klavier begleitete das Solistenquartett zunächst Erik Werba, zu dem sich dann Paul Schilhawsky gesellte. Exzellente Interpreten, die ausgesprochen lebhaft gestalten und dazu noch mit einer Musizierlust agieren, die man selbst am Lautsprecher förmlich mitfühlen kann. Ein Zeugnis erstklassiger Gesangskultur – vielen Dank an das Label Orfeo, das diese Aufnahme nun wieder zugänglich macht. Hörgenuss vom Allerfeinsten.

Bruckner: Missa Solemnis (Accentus)

Dem Augustinerstift St. Florian war Anton Bruckner (1824 bis 1896) sehr verbunden. Nach dem Tode seines Vaters, der Dorfschullehrer war und erst 46 Jahre alt, wurde er dort 1837 Sängerknabe. Drei Jahre später verließ er das Stift und absolvierte eine Lehrerausbildung; 1845 kehrte er dann als Schulgehilfe an der Pfarrschule, Gehilfe des Stiftsorganisten sowie als Musiklehrer der Sängerknaben nach St. Florian zurück. Die Missa Solemnis komponierte Bruckner 1854 zum Amtsantritt des neuen Prälaten Friedrich Mayr. Doch Bruckner blieb, wie schon seit 1850, provisorischer Stiftsorganist. 1855 starb der Organist des Linzer Domes; Bruckner bewarb sich, und wurde dessen Nachfolger. 
St. Florian aber blieb Bruckner verbunden; in der Gruft der Stiftskirche wurde er auch begraben, und Bruckner-Verehrer aus aller Welt pilgern bis heute nach St. Florian. Die Werke allerdings, die Bruckner während seiner Zeit in St. Florian schuf, werden bis heute wenig beachtet – einige sind wohl noch nicht einmal ediert. Das ändert sich erst jetzt; so hat Benjamin-Gunnar Cohrs die Notenedition für dieses CD-Projekt erstellt. Der Rias Kammerchor präsentiert Bruckners Missa Solemnis in Weltersteinspielung, unter Leitung von Łukasz Borowicz gemeinsam mit der Akademie für Alte Musik und Johanna Winkel, Sophie Harmsen, Sebastian Kohlhepp und Ludwig Mittelhammer als vorzüglichem Solistenquartett. Die historische Aufführungspraxis schließt in diesem Falle auch die ergänzenden Propriumsvertonungen von Robert Führer, Joseph Eybler und Johann Baptist Gänsbacher mit ein, die von Cohrs in aufwendigen Archivrecherchen ausfindig gemacht und ebenfalls mit ediert wurden. So gibt diese CD in einzigartiger Weise Auskunft über die Klangwelt, in der sich Bruckner einst in St. Florian bewegte. Sehr spannend!  

Mozart: Piano Concertos Nos. 8 and 23 (Naxos)

Als Ignaz Lachner (1807 bis 1895) 1826 nach Wien kam, war Mozart schon mehr als 30 Jahre tot. Dennoch schätzten Kenner seine Werke noch sehr; so schrieb Ludwig van Beethoven Variationen über Themen Mozarts. Auch Lachner verehrte seine Musik; er schuf zu 12 von Mozarts 27 Klavierkonzerten Bearbeitungen für eine kleinere Besetzung. Auf dieser CD hat der französische Pianist Didier Castell-Jacomin zwei davon eingespielt, gemeinsam mit dem Streichquintett Wiener Kammersymphonie. Er hat dafür KV 246 ausgewählt, ein relativ frühes Werk mit Mannheimer Anklängen, und das vergleichsweise komplexe KV 488, entstanden 1786 – im gleichen Jahr wurde Le nozze di Figaro erstmals aufgeführt. 
Komplettiert wird das Programm durch Melodien aus Mozarts Oper Die Zauberflöte, arrangiert für Streichquartett und Kontrabass – wer diese reizvolle Bearbeitung angefertigt hat, das ist unbekannt. „Il est véritablement le résult d’une recontre musicale extraordinaire“, so schreibt Didier Castell-Jacomin im Beiheft.  „Je suis fier et honoré de vous livrer le résultat, car c’est également le tout premier enregistrement du quintette, et pour moi un tournant à l’aube de mes 50 ans. Je liens à preciser également que le concerto K.246 est un enregistrement en première mondiale.

Montag, 17. Februar 2020

Air Music (Deutsche Harmonia Mundi)

Mit ihrem aktuellen Album wendet sich die Capella de la Torre nach den Elementen Wasser und Feuer nun der Luft zu. Das Renaissance-Ensemble um Katharina Bäuml lässt kräftig die Winde wehen, wobei insbesondere der Westwind es englischen Komponisten angetan zu haben scheint. 
Die Musiker vergessen aber auch den Atem nicht, was eine menschliche und eine göttliche Dimension mit einschließt. Denn hat nicht Gott einst den Menschen mit seinem Atem belebt? Freilich gehören auch höchst irdische Seufzer in dieses Kapitel, und wie könnte man diese schöner besingen als mit Claudio Monteverdis Dolci miei sospiri
Die meisten Musikstücke allerdings, die die Capella de la Torre für diese CD ausgewählt hat, sind weit weniger bekannt. So erklingen Werke etwa von Michael Praetorius, Girolamo Frescobaldi oder Anthony Holborne, aber auch von Komponisten, deren Namen wohl nur einigen wenigen Experten etwas sagen. 
Die Musik allerdings sagt jedermann etwas – vor allem im dritten Kapitel, wo es um alles geht, was Flügel hat, Kanarienvögel beispielsweise, die Nachtigall oder Engel. Und von den mystischen Bewohnern der Lüfte bis hin zu allerlei Luftschlössern ist es dann nur noch ein kleiner Schritt. 
Zu hören sind Instrumental- und Vokalstücke aus dem 15. bis frühen 17. Jahrhundert. Ein abwechslungsreiches Programm mit vielen reizvollen Entdeckungen, von der Capella de la Torre einmal mehr bestens präsentiert. Insbesondere Freunde historischer Bläserklänge werden verzückt lauschen. Bravi!

Telemann: Aller Augen warten auf dich (cpo)

Musik von Georg Philipp Telemann ist immer wieder hörenswert. Das gilt auch für diesen Mitschnitt von den Magdeburger Telemann-Festtagen 2016. Unter Leitung von Florian Heyerick präsentieren das Solistenensemble Ex Tempore und die renommierte Mannheimer Hofkapelle Kantaten des Komponisten aus einem Jahrgang, der auch als „Concerten-Jahrgang“ gilt. Denn Telemann, musikalisch stets auf der Höhe seiner Zeit, hatte diesen im italienischen Stil geschrieben, nachdem er zuvor einen Kantatenjahrgang im französischen Stil vorgelegt hatte. 
1716/17 entstanden dabei Kirchenmusiken von Advent bis zum 3. Pfingsttag. Die zweite Jahrgangshälfte von Trinitatis bis zum Ende des Kirchenjahres folgte dann aufgrund von Arbeitsüberlastung des Textdichters 1719/20. Ex Tempore und die Mannheimer Hofkapelle stellen auf dieser CD jeweils zwei Kantaten aus den beiden Jahrgangshälften vor, die in unterschiedlichem Maße durch das konzertierende Prinzip geprägt sind. Entdeckenswert und musikalisch lohnenswert sind sie alle – die Aufführung gehörte ohne Zweifel zu den Höhepunkten der Telemann-Festtage 2016. 

British Classics (Genuin)

Bläsermusik hat in Großbritannien eine lange Tradition. Von der Bergmannskapelle bis zum kammermusikalischen Ensemble – das Repertoire ist breit und abwechslungsreich. Auf dieser CD präsentiert die Sächsische Bläserphilharmonie eine attraktive Werkauswahl, vom Frühbarock bis in die klassische Moderne. Es erklingt Musik von William Byrd und Henry Purcell, geschickt arrangiert für sinfonische Bläserbesetzung. Auch die Feuerwerksmusik von Georg Friedrich Händel darf da nicht fehlen. Sie entstand einst aus Anlass der Beendigung des österreichischen Erbfolgekrieges – und der König hatte angeordnet: „no fiddles“. Der Komponist befolgte diese Vorgabe; später fügte er allerdings Streicher hinzu, und diese Fassung wird auch meist gespielt. Umso spannender ist es, wenn die Bad Lausicker Profis unter Leitung von Chefdirigent Thomas Clamor nun das Original in seiner ganzen Pracht zelebrieren. 
Unangefochten im Mittelpunkt der Einspielung steht allerdings das Tuba-Konzert von Ralph Vaughan Williams (1872 bis 1958). Solist Andreas Martin Hofmeir demonstriert, wie melodiös und federleicht doch dieses schwergewichtige Instrument klingen kann. Ein ganz besonderes Vergnügen, zumal auch die Sächsische Bläserphilharmonie ihren Part in Bestform gestaltet. Komplettiert wird das Programm durch die First Suite for Military Band, op. 28 von Gustav Holst, uraufgeführt 1929, und zwei bekannte Werke von Edward Elgar – die Enigma-Variation IX, Nimrod, und natürlich erklingt zum Schluss der Marsch Pomp and Circumstance

Freitag, 7. Februar 2020

Il Carnevale di Venezia (Tudor)

Am Pariser Konservatorium waren bei seiner Gründung 1795 zwölf Klarinettenlehrer beschäftigt, die mehr als hundert Schüler unterrichteten. Die Absolventen waren gefragt. Denn das Instrument, für das sich nicht nur Mozart begeisterte, konnte sich in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts, vom Mannheimer Vorbild ausgehend, rasch in ganz Europa etablieren. So waren zeitweise mehr als 50.000 Kla- rinettisten allein in der Militärmusik beschäftigt. In vielen Orchestern musizierten exzellente Solisten, für die zahlreiche Kompositionen entstanden. 
Aus der Vielzahl dieser Konzertstücke, Variationen und Arrangements hat Hans Stadlmair gemeinsam mit dem Klarinettenvirtuosen Eduard Brunner (1939 bis 2017) eine attraktive Auswahl zusammengestellt, und 1988 mit dem Münchner Kammerorchester eingespielt. Zu hören sind Werke von Domenico Cimarosa, Gaetano Donizetti, Saverio Mercadante und Gioacchino Rossini – und ebenso temperamentvolle Variationen über ein venezianisches Volkslied, das hierzulande mit dem Text „Mein Hut, der hat drei Ecken“ populär ist. Sie stammen allerdings nicht von einem italienischen Komponisten, sondern von Hans Stadlmair. 
Eduard Brunner musiziert souverän; er war ein versierter Interpret, und technisch wie musikalisch jeder Herausforderung gewachsen. Mit Stadlmair und dem Münchner Kammerorchester verband ihn eine langjährige künstlerische Partnerschaft. 

Montag, 3. Februar 2020

Bach Kantaten (Ricercar)

Nach ihrer hochgelobten Einspielung von  Motetten der Vorfahren von Johann Sebastian Bach widmet sich das Ensemble Vox Luminis unter Leitung von Lionel Meunier nunmehr Kantaten und geistlichen Konzerten der Bach-Familie.  Aus dem sogenannten Altbachischen Archiv, in dem das musikalische Wirken der Musikerdynastie Bach bewahrt wurde, wurden dafür fünf Kompositionen ausgewählt. Zu hören sind Ach bleib bei uns, Herr Jesu Christ und Herr, der König freuet sich von Johann Michael Bach (1648 bis 1694), Ich danke dir Gott von Heinrich Bach (1615 bis 1692) und Die Furcht des Herrn sowie Herr, wende dich und sei mir gnädig von Johann Christoph Bach (1641 bis 1703). Außerdem erklingt die frühe Arnstädter Fassung der Kantate Christ lag in Todesbanden BWV 4 von Johann Sebastian Bach (1642 bis 1750). 
Einmal mehr erweist sich hier Vox Luminis als eines der weltweit besten Ensembles für „Alte“ Musik.  Seine Aufnahmen sind immer wieder ein Erlebnis – phänomenal! 

Sonntag, 2. Februar 2020

Johann Bernhard Bach: Orchestral Suites (Audite)

Noch einmal Bach – Johann Bernhard Bach (1676 bis 1749). Er war der Sohn des Erfurter Stadtmusikanten Johann Aegidius Bach, ein Cousin zweiten Grades von Johann Sebastian Bach, und er musizierte ab 1703 als Cembalist in der Hofkapelle des kunstsinnigen Herzogs Johann Wilhelm von Sachsen-Eisenach und dazu, als Nachfolger seines Onkels Johann Christoph, als Organist an der Georgenkirche. 
In Eisenach wirkte von 1708 bis 1712 auch Georg Philipp Telemann als Konzert- und Kapellmeister, und er schwärmte noch Jahre später davon: „Ich muß dieser Capelle, die am meisten nach frantzösischer Art eingerichtet war, zum Ruhm nachsagen, daß sie das parisische, so sehr berühmte Opern-Orchester übertroffen habe.“
Einen Eindruck von diesem einzigartigen musikalischen Universum vermittelt uns nun das Thüringer Bach Collegium. Auf dieser CD präsentiert das Ensemble um Konzertmeister Gernot Süßmuth vier Orchestersuiten, einst komponiert für die Eisenacher Hofkapelle. Drei davon wurden als Aufführungsmaterialien von Bachs Leipziger Collegium musicum überliefert; eine weitere fand sich in Form einer Partitur, die offenbar aus dem Umfeld des Bach-Sohnes Carl Philipp Emanuel stammt. 
Es sind anspruchsvolle Werke, voll Eleganz und voll Überraschungen. Das Thüringer Bach Collegium bringt diese musikalischen Brillanten mit ganz enormer Musizierlust so recht zum Funkeln. Entstanden sind diese Aufnahmen übrigens in der Eisenacher Georgenkirche. Eine hinreißend schöne Einspielung – und man darf gespannt weitere Entdeckung des Ensembles. 

Samstag, 1. Februar 2020

Bach: Trumpet Concertos (Berlin Classics)

Wie würde das klingen, wenn Johann Sebastian Bach Trompetenkonzerte geschrieben hätte? 
Matthias Höfs hat es ausprobiert – und sechs bekannte Konzerte des berühmten Barockmusikers für Trompete adaptiert. So erklingt das Konzert BWV 974, nach Alexandro Marcello, ursprünglich für Oboe, aber bei Bach mit einem reich ausgezierten langsamen Satz – denn auf dem Cembalo lassen sich Töne nicht gut lang aushalten. Höfs spielt mit seiner Piccolotrompete Bachs Fassung: „Das fand ich sehr reizvoll“, meint der Musiker: „Es sind sehr berühmte Verzierungen.“ 
Das Concerto nach Italiaenischem Gusto BWV 971, entstanden für Cembalo solo, hat Höfs in seiner Bearbeitung des ersten Satzes quasi nachträglich orchestriert. Kontraste und Klangeffekte, wie sie Bach mit den Manualen und Registern seines Cembalos erzielen konnte, liefert hier das Streicher-Tutti – eine attraktive Variante, die auch Bach sicherlich gefallen hätte. 
Der Thomaskantor bearbeitete seinerzeit selbst seine Konzerte, um sie an die zur Verfügung stehenden Instrumente anzupassen. Für die wöchentlichen Auftritte mit dem Collegium musicum im Zimmermannschen Kaffeehaus setzte er besonders auf das Cembalo. Aus Bachs Arrangements wurden mittlerweile etliche Konzerte rekonstruiert, die ursprünglich offenbar für eine ganz andere Besetzung geschrieben wurden. 
Höfs erkundet nun gemeinsam mit der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen, ob diesen Konzerten nicht auch Blechbläserglanz steht. Die Musiker um Konzertmeisterin Sarah Christian waren ihm dabei inspirierende Partner. So kann der Trompeter mit diesem Album auch Skeptiker überzeugen: Es funktioniert, dank der Möglichkeiten des modernen Instrumentes, und auch deshalb, weil Matthias Höfs es wirklich großartig spielt. 
Man kommt aus dem Staunen gar nicht heraus. Denn der Musiker beeindruckt nicht nur durch technische Perfektion, sondern auch durch seinen betörend schönen, enorm wandlungsfähigen Ton und durch grandiose Stilsicherheit. „Die Solopartien der Vivaldi-Konzerte kann man zwar fast im Original spielen, aber mir waren manche Repetitionspassagen zu gleichförmig“, sagt der Trompeter. „Schon Bach hat einige figuriert. Ich habe den Solopart etwas freier gestaltet.“ Und wie! Unbedingt anhören, es lohnt sich.

Freitag, 31. Januar 2020

The Young Beethoven (MDG)

 „Je ne peux pas me resoudre de travailler pour la flute, cet instrument étant trop borné et imparfait”, so schrieb Ludwig van Beethoven 1806 an den Edinburgher Verleger George Thomson, der ihn um leichte Stücke für das Instrument gebeten hatte. Dennoch brachte er in den Jahren 1818/19 einige Volksliedvariationen zu Papier, denn Kunst geht nach Brot – und Geld gab es dafür. In Beethovens Werk spielt die Flöte ansonsten kaum eine Rolle. Selbst in seiner Orchestermusik tritt sie kaum einmal wirklich solistisch in Erscheinung; typischerweise musiziert sie zusammen mit anderen Holzbläsern, oder aber sie wird zur Oktavierung der 1. Violine eingesetzt. 
Das hatte seinen Grund darin, dass die Traversflöte, seit Quantz‘ Tagen unverändert geblieben, für die modernen Orchester und Konzertsäle jener Zeit, die immer größer wurden, zu leise war und darüber hinaus klanglich unausgewogen. Erst nach der Weiterentwicklung des Instrumentes durch Theobald Böhm (1794 bis 1881), der diese Mängel beseitigte, wurde die Querflöte auch wieder ein attraktives Konzertinstrument. 
Doch zu Lebzeiten Ludwig van Beethovens (1770 bis 1827) wurde es in erster Linie von Liebhabern gespielt – auch einige seiner Freunde schätzten die Flöte. Und so komponierte Beethoven, vor seinem Abschied aus Bonn 1792, für den Notar Johann Martin Degenhart ein ebenso heiteres wie virtuoses Flötenduo
Helen Dabringhaus spielt dieses Werk gemeinsam mit ihrem einstigen Lehrer Vukan Milin, Soloflötist des Niedersächsischen Staatsorchesters Hannover. Und auch sonst fand sich in Beethovens Schaffen doch noch einiges an Flötenmusik, was durchaus Qualität hat, wie man beim Anhören dieser CD feststellen wird. Neben zwei Sonaten, die für eine Aufführung mit der Flöte von unbekannter Hand mehr oder minder stark bearbeitet wurden, erklingt insbesondere eine Serenade in D-Dur für Flöte, Viola und Violine, 1802 in Wien erschienen und im Jahr darauf in einer Bearbeitung für Flöte und Klavier noch einmal publiziert. Dieses gelungene Arrangement hat Beethoven zwar nicht selbst erstellt, aber doch „durchgesehen und stellenweise ganz verbessert“, wie er dann an den Verleger schrieb. So fand es dann als op. 42 auch Aufnahme ins Werkverzeichnis. 
Die Zugabe erklingt kurioserweise im Programm an zweiter Stelle; eher als ein Echo aus romantischer Zeit erscheint der einzelne langsame Satz aus Beethovens erstem Klavierkonzert in C-Dur op. 15, den Theobald Boehm einst effektvoll für Flöte und Klavier arrangiert hat.
Dabei musiziert Helen Dabringhaus im Duo FlautoPiano mit Fil Liotis. Die junge Flötistin spielt faszinierend; ihr Flötenton ist wunderbar rund, sehr präsent und wandlungsfähig. jede Phrasierung ist klug gewählt, und jede noch so feine Nuance mit Bedacht platziert. Auch ihr Klavierbegleiter ist exzellent – insgesamt erscheint diese CD, mit Blick auf den jungen Beethoven, als ein ebenso gelungener wie überraschender Auftakt zum Beethovenjahr 2020. Bravi! 

1st Chopin Festival Hamburg 2018 (Naxos)

Klängen aus der Vergangenheit zu lauschen, und sie mit dem Sound moderner Instrumente zu vergleichen – dazu lädt das Chopin Festival Hamburg ein. Es wird von der Chopin-Gesellschaft Hamburg & Sachsenwald e.V. veranstaltet, und bietet neben erstklassigen Konzerten für das interessierte Publikum auch Meisterkurse für angehende Pianisten. 
Es ist das erste und einzige Festival, das die Klangwelten moderner und historischer Flügel in den Wettbewerb schickt – und die Jury sind die Zuhörer. Auf dieser CD wurden Höhepunkte aus dem ersten Festivaljahrgang 2018 zusammengefasst . Zu hören sind Werke von Chopin, Debussy, Dussek, Gutmann, Liszt und Schubert, gespielt von Elisabeth Brauß, Tobias Koch, Alexei Lubimov, Ewa Pobłocka, François-Xavier Poizat und Hubert Rutkowski. 
„Einzigartig an diesem Klassik-Festival ist, dass sie Werke auf original historischen Intrumenten spielen und dazu im Vergleich – und in derselben Vorstellung – auch auf einem Flügel der Gegenwart“, erklärt Rutkowski, der dieses musikalische Ereignis als Festival-Intendant mit konzipiert hat. 
Die Möglichkeit dazu bietet die Sammlung Musikinstrumente im Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg mit ihren Beständen, so dass die Auswahl an Instrumenten von jenen der Meister des 19. Jahrhunderts, wie Broadwood, Pleyel, Brodmann oder historischem Steinway, bis hin zu modernen Flügeln von Shigeru Kawai und Steingraeber reicht. Ein hochspannendes Unterfangen, dokumentiert auf einer CD, die zum Ausflug in ein längst verklungenes Klavier-Universum einlädt. 

Buxtehude:Ciaccona: Il Mondo che Gira (Alpha)

Eine beliebte Kompositionsmethode in der Barockzeit war es, ein Stück auf einem kurzen Thema im Bass aufzubauen, das beständig wiederholt wurde. Dieser gleichbleibende Ostinato-Bass gab den Musikern die Möglichkeit, Oberstimmen mit umso größerer Freiheit zu gestalten. Auch Dieterich Buxtehude (um 1637 bis 1707) schätzte diese musikalische Technik, wie diese Einspielung beweist. Das Ensemble Stylus Phantasticus hat dafür nicht nur im Orgelwerk, sondern auch in etlichen anderen Kompositionen des norddeutschen Meisters Beispiele gefunden und zu einem attraktiven Programm zusammengestellt. 
Dieser Aufnahme zu lauschen, ist rundum ein Genuss. Neben Sonaten erklingen insbesondere die Passacaglia BuxWV 161 und die Ciaccona BuxWV 160 – und zwar in Arrangements für zwei Violinen, Viola da gamba und Basso continuo. Glanzpunkte setzen die Sopranistin María Cristina Kiehr mit der Solokantate Herr, wenn ich nur dich hab‘ BuxWV 38 sowie Víctor Torres mit Quemadmodum desiderat cervus BuxWV 92, einer Ciaccona für Bariton, zwei Violinen und Basso continuo. 
Das Ensemble präsentiert zudem eine Sonate von Dietrich Becker (um 1623 bis 1679), einem Zeitgenossen Buxtehudes, einem renommierten Violinisten, der zuletzt als Leiter der Ratsmusik und als Musikdirektor am Dom in Hamburg wirkte. Obwohl von ihm erstaunlich viele Werke überliefert sind, steht seine Wiederentdeckung noch bevor.  

Donnerstag, 30. Januar 2020

Abendlieder (Sony)

Bekannte und weniger populäre, aber dennoch entdeckenswerte Abend- und Wiegenlieder präsentiert der Philharmonische Kinderchor Dresden auf seinem neuen Album, das soeben bei Sony erschienen ist. Eigentlich sind mehrere Chöre beteiligt – denn neben dem Konzertchor, in dem Kinder und Jugendliche ab einem Alter von ca. zwölf Jahren mitwirken, ist in zwei Liedern auch der Kinderchor zu hören, in dem die Kleineren das Chorsingen erlernen.
Geleitet wird der Philharmonische Kinderchor Dresden, der 1967 auf Initiative von Kurt Masur hin gegründet wurde, seit 2012 durch Gunter Berger. Derzeit gehören insgesamt etwa 140 Kinder zu den verschiedenen Formationen des Chores. Der Chor arbeitet eng mit der Dresdner Philharmonie zusammen. Bei diesem Aufnahmeprojekt wurden die Jungen und Mädchen, die allesamt hinreißend singen, von Iris Geißler an diversen Tasteninstrumenten begleitet, mitunter auch durch das Collenbusch Quartett oder aber durch ein Bläserquintett. A cappella erklingen beispielsweise Guten Abend, gut Nacht von Johannes Brahms, das französische Kinderlied Au clair de la lune, oder Esti dal von Zoltán Kodály. Nicht unbedingt erwartet hätte man das Cantique de Jean Racine von Gabriel Fauré. Hier wird auch die Orgel mit einbezogen, die sich im neuen Konzertsaal des Kulturpalasts Dresden befindet. Auch sonst hält die musikalisch wie klanglich sehr hochwertige Einspielung einige Überraschungen bereit. Wer Chormusik liebt, der wird erfreut sein.



Dienstag, 28. Januar 2020

Horizons - Singer Pur (Oehms Classics)

„Der Geist weht, wo er will“, schrieb das Ensemble Singer Pur als Motto über sein neues Album Horizons. Die Regensburger A-cappella-Formation hat auf ihren Reisen mittlerweile fast 60 Länder kennengelernt. Die Sänger kamen dabei in Kontakt zu den unterschiedlichsten Kulturen – was auch ihr Repertoire beeinflusst hat, wie wir hören. 
Singer Pur laden ein zu einer Reise durch Zeit und Raum – vom gregorianischen Pfingstchoral Veni, creator spiritus immer wieder durchrankt, erklingen Melodien verschiedenster Weltreligionen, Kontinente und Jahrhunderte. Ein „geist-reiches“ Album, ausgesprochen abwechslungsreich und anregend. Großartig! 

Louis Spohr - The Clarinet Concertos (Orfeo)

Louis Spohr (1784 bis 1859) war als Violinvirtuose einst ein europäischer Superstar; er war ebenso populär wie Paganini. Doch anders als sein italienischer Kollege war Spohr stets darauf bedacht, seine Kenntnisse und Erfahrungen weiterzugeben. Und so unterrichtete er auch enorm viele Schüler – es sollen mehr als 200 gewesen sein. Außerdem war Spohr auch als Komponist eine Instanz. 
Seine vier Klarinettenkonzerte konnten sich bis heute im Repertoire halten. Geschrieben hat Spohr sie seinerzeit für Johann Simon Hermstedt. Dieser musizierte im thüringischen Sondershausen als Mitglied der Hofkapelle, und er muss ein exzellenter Klarinettist gewesen sein. Denn Spohrs Konzerte gelten bis heute als Herausforderung; wichtig waren ihm „schöner Ton“, „reine Intonation“ und „immense Fertigkeit“. Und gleich im ersten Konzert überschritt Spohr den damals verfügbaren Tonumfang der Klarinette – was Hermstedt dazu veranlasste, sich ein neues Instrument bauen zu lassen, mit dem das Konzert dann spielbar war. 
Diese Doppel-CD präsentiert Spohrs Klarinettenkonzerte komplett, in einer sehr gelungenen Studio-Einspielung aus dem Jahre mit dem Solisten Karl Leister und dem Radio-Sinfonieorchester Stuttgart unter Leitung von Rafael Frühbeck de Burgos. 

Mittwoch, 22. Januar 2020

Variety - The Art of Variation (Deutsche Harmonia Mundi)

Das Chamäleon ist, bedenkt man es recht, ein perfektes Wappentier für die Barockmusik. Denn wann immer man es anschaut, es erscheint immer wieder neu und irgendwie anders. Es passt sich seinem Untergrund an – was beispielsweise hätte uns Bach hinterlassen, wenn er nicht Thomaskantor in Leipzig geworden wäre? Und was wäre geschehen, wenn Händel nicht nach London gegangen wäre, sondern beispielsweise eine Anstellung als Hofkapellmeister in Dresden akzeptiert hätte? 
Auch die barocken Kompositionen geben den Interpreten meist großen Freiraum. Wie sie korrekt aufzuführen sind, darum wurden heftige Debatten geführt, und jede Menge Aufsätze publiziert. 
Mittlerweile dürfte klar sein: Die eine unverrückbar „richtige“ Interpretation wird wohl ein Phantom bleiben. Jede Aufführung klingt anders, und das ist auch gut so. Das Chamäleon darf weiter die Farbe wechseln. Und wir Musikliebhaber erfreuen uns an Kompositionen, die anspruchsvoll sind, aber nicht unzugänglich, die herausfordernd und abwechslungsreich sind, und dazu vergnüglich anzuhören. 
Barockmusik, in ihren vielen höchst unterschiedlichen Facetten, bereitet noch immer den Interpreten und dem Publikum gleichermaßen Freude. Das gilt auch für das jüngste Album des Ensembles Les Passions de l’Ame aus Bern. Das Orchester für „Alte“ Musik um Konzertmeisterin Meret Lüthi präsentiert Werke der Komponisten Heinrich Ignaz Franz Biber (1644 bis 1704), Johann Joseph Fux (1660 bis 1741) und Johann Heinrich Schmelzer (um 1623 bis 1680). 
Zentrales Thema des Programmes ist die Variation, nicht nur in der Barockzeit ein beliebtes Kompositionsverfahren. Die ausgewählten Musikstücke bieten den Musikern vielerlei Möglichkeiten, ihre Virtuosität zu zeigen – und sie sind auch für die Zuhörer höchst attraktiv. Denn sie begeistern durch ihren enormen musikalischen Einfallsreichtum ebenso wie durch spektakuläre Spieltechniken und Show-Effekte. Die Instrumentalisten von Les Passions de l’Ame überzeugen durch Spielfreude und Ausdrucksstärke. Wunderbar, diese Aufnahme hört man sich wirklich gern an.