Mittwoch, 16. August 2017

Telemann: 12 Fantasien für Querflöte ohne Bass; Fedotova (Gramola)

„Alte Formen erscheinen mir (..) wie klassische Schönheitsideale, nicht mehr erreichbar, aber doch in großer Ferne sichtbar, Erinnerung belebend wie Träume, aber der Weg zu ihnen ist von größtem Dunkel des Zeitalters erfüllt, der Weg zu ihnen ist das schwerste und das unmöglichste. Mir erscheint es als die einzige Narretei, für die es sich lohnt zu leben“, zitiert das Beiheft zu dieser CD den Komponisten Hans Werner Henze (1926 bis 2012). 
Maria Fedotova, Solo-Flötistin des Orchesters am renommierten St. Petersburger Mariinskij-Theater , hat sich auf diesen Weg begeben – und die Zwölf Fantasien für Querflöte ohne Bass von Georg Philipp Telemann (1681 bis 1767) eingespielt. Sie musiziert auf einer modernen Böhmflöte, mit dem entsprechenden Klang. Ihre Interpretation ist zudem relativ modern; auf die üppige Auszierung von Wiederholungen verzichtet die Solistin. Fedotova legt statt dessen besonderen Wert darauf, Melodien zu gestalten sowie latente Polyphonie sauber herauszuarbeiten und hörbar zu machen.  
Das Ergebnis erinnert ein wenig an eine Marmorstatue - schön, aber auch glatt und kalt. Dem galanten Telemann wird dies nicht völlig gerecht. Freunde barocker Musik wird diese so perfekt wirkende Aufnahme daher leider nicht rundum glücklich machen. 

Donnerstag, 10. August 2017

Late Piano Works by Franz Schubert (Genuin)

„Im Vergleich zu Beethoven, dem Architekten“, so zitiert das Beiheft zu dieser CD Alfred Brendel, „komponierte Schubert wie ein Schlafwandler. In Beethovens Sonaten verlieren wir nie die Orientierung; sie rechtfertigen sich selbst in jedem Augenblick. Schuberts Sonaten ereignen sich auf rätselhaftere Weise; um es österreichischer zu sagen: sie passieren.“ 
Nami Ejiri nähert sich auf ihrer Genuin-CD diesem Phänomen. Sie hat dafür drei späte Werke von Franz Schubert (1797 bis 1828) ausgewählt. Das Allegretto c-Moll (D 915) ist ein Albumblatt, welches der Komponist im Mai 1827 seinem Freunde Ferdinand Walcher mit auf eine Reise nach Venedig gab. Es ist erfüllt vom Abschiedsschmerz. Die vier Impromptus op. 90 (D 899) erscheinen ebenfalls wie musikalische Stimmungsbilder. 
Die Klaviersonate in B-Dur (D 960) ist Schuberts letzte, entstanden im September 1828, und so vielschichtig wie das Leben selbst. Aufbegehren steht hier neben Resignation, Ironie neben Melancholie, Schönheit neben Düsternis. Nami Ejiri fasziniert mit ihrem sensiblen Klavierspiel. Die junge Musikerin gehört nicht zu den Tastendonnerern; sie erkundet Stücke eher zurückhaltend, spielt sehr präzise und durchdacht. Folgt man ihrer Interpretation, kann man selbst die bekannten Impromptus neu entdecken. Ihr Schubert ist von überraschender Klarheit und auch Leuchtkraft – und wo es erforderlich ist, fehlt auch die Dramatik nicht. Sehr gelungen!