Mittwoch, 26. April 2017

Aksel! Arias by Bach, Handel & Mozart (Signum Classics)

Die Jugend heutzutage singt nicht mehr? Das dies nicht grundsätzlich zutrifft, beweist das britische Label Signum Classics mit dieser CD, die einen exzellenten jungen Sänger vorstellt: Aksel Rykkvin, Jahrgang 2003, bewältigt scheinbar mühelos die schwierigsten Partien. Der Knabensopran singt in Kinderchor der norwegischen Nationaloper und im Knabenchor der Kathedrale von Oslo; er ist aber auch als Solist mittlerweile sehr gefragt. 
Das ist kein Wunder, denn er verfügt über eine schöne und sehr geübte Stimme, die zudem erstaunlich tragfähig ist. Nicht jede Koloratur liegt Aksel Rykkvin gleichermaßen, dennoch beeindruckt die Geläufigkeit, mit der er hier Werke von Bach, Händel und Mozart vorträgt. Fast noch wichtiger aber ist sein phänomenales musikalisches Empfinden. Man höre nur die Arie Jauchzet Gott in allen Landen aus der Kantate BWV 51, mit der diese CD beginnt, das bekannte Lascia ch'io pianga aus Händels Oper Rinaldo oder die beiden Arien aus Mozarts Oper Le nozze di Figaro – das könnte auch ein Erwachsener kaum besser gestalten. Begleitet wird der junge Solist vom Orchestra of the Age of Enlightenment unter Nigel Short. 

Dienstag, 25. April 2017

Glaubensbekenntnisse (Genuin)

Die erste CD des MDR Rundfunk- chores unter seinem neuen künstle- rischen Leiter Risto Joost ist russischer geistlicher Musik gewidmet. Für einen estnischen Dirigenten ist das ein ebenso ungewöhnliches Repertoire wie für die in Leipzig ansässige Sängerschar, die in ihrer Mehrheit ganz sicher nicht dem russisch-orthodoxen Glaubenskreis zugehörig sein dürfte. 
Dort hat der Gesang eine bedeutende Tradition, denn im orthodoxen Gottesdienst werden keine von Menschenhand erbauten Instrumente genutzt. Nur die Stimme, als ein Teil von Gottes Schöpfung, darf dort erklingen. Und so sind im Laufe der Jahrhunderte im Osten großartige Chorwerke entstanden, von denen der Westen so gut wie nichts weiß. Nur selten berühren sich diese doch sehr unterschiedlichen kirchenmusika- lischen Welten. 
„Lang habe ich nicht eine solch liebliche Harmonie gehört“, schwärmte einst ein Zeitgenosse: „So zarte Stimmen! Solch eine Musik! Solch einen Ausdruck auf allen Gesichtern!“ Diese Begeisterung galt der Musik von Dmitri Stepanowitsch Bortnjanski (1751 bis 1825). Er kam schon als Siebenjähriger nach St. Petersburg, wo er Mitglied der Hofsängerkapelle wurde. Ausgebildet wurde der talentierte Knabe vor allem von Hofkapell- meister Baldassare Galuppi, und als dieser nach Venedig zurückkehrte, durfte sein Zögling ihn begleiten. Zehn Jahre lernte und wirkte Bortnjanski in Italien, bis er 1779 zurückgerufen wurde. 
Zunächst war er als Cembalist bei Hofe tätig; 1784 wurde er dann Kapell- meister des Thronfolgers, für den er unter  anderem Opern komponierte. Nachdem sein Dienstherr als Zar Pawel I. die Herrschaft übernommen hatte, wurde Bortnjanski schließlich Leiter der Hofsängerkapelle, die er auf ein legendäres Niveau brachte. Für dieses Ensemble schuf er zahlreiche liturgische A-cappella-Chorwerke. 
Der Kirchengesang am Zarenhof beeindruckte den preußischen König Friedrich Wilhelm III. derart, dass er Musik für den Gottesdienst nach dem Vorbild Bortnjanskis vertonen ließ. Werke des russischen Komponisten gehörten zudem zum Repertoire sowohl des Berliner Staats- und Dom- chores wie auch etlicher deutscher Kirchenchöre und Gesangsvereine. So prägte Bortnjanski die evangelische Kirchenmusik jener Zeit wesentlich mit – umso erstaunlicher ist es, dass er heute im Westen weitgehend vergessen ist. 
Auf dieser CD sind der Cherubinische Lobgesang Nr. 7 sowie zwei seiner Konzerte zu hören. Diese ausdrucksstarken Werke basieren auf Psalmversen, und verknüpfen den östlichen Chorklang mit westlichen Elementen. Der MDR Rundfunkchor singt Bortnjanskis Musik mit der gewohnten Professionalität. Allerdings ist das Klangbild insgesamt stark durch die Oberstimmen dominiert; die Mittelstimmen wünscht man sich präsenter und die Bässe dominanter. Einen russischen Chor zu imitieren, das wird einem westlichen Ensemble ohnehin nicht gelingen. 
Alfred Schnittke (1934 bis 1998) verbrachte einen großen Teil seines Lebens in der Sowjetunion. Sein Vater, ein jüdischer Journalist aus Frankfurt/Main, der 1926 dorthin floh, und seine Mutter, eine Wolga- deutsche, die als Lehrerin arbeitete, waren Kommunisten, so dass Schnittke zur Kirche zunächst keine Beziehung hatte. 
Schnittke absolvierte seine musikalische Ausbildung in Wien und am Moskauer Konservatorium. Dort unterrichtete er auch selbst, bevor er sich dann ab 1973 aufs Komponieren konzentrierte. In den 70er Jahren begann auch seine Auseinandersetzung mit dem Glauben; Kirchenmusik hat Schnittke aber nur sehr wenig geschrieben. Grundlage seines Concerto für Chor, das auf dieser CD erklingt, ist das Buch der traurigen Lieder des armenischen Mystikers Gregor von Narek aus dem 10. Jahrhundert – ein großer Text, voll Tiefe und Weisheit. Schnittke lässt seine Vertonung zwischen Meditation und dramatischen Ausbrüchen oszillieren. Musika- lisch ist das äußerst spannend, und sängerisch ist das ohne Zweifel eine enorme Herausforderung, die der MDR Rundfunkchor aber ohne Abstriche hervorragend bewältigt. Das ist große Chorkunst.