Freitag, 23. Juni 2017

Baroque Cantatas from Gdansk (MDG)

Das alte Danzig war eine reiche Stadt. Daher ist zu erwarten, dass in der einstige Handelsmetropole auch ein reichhaltiges und repräsentatives Musikleben existierte. Andrzej Szadejko hat sich in Archiven und Bibliotheken auf die Spurensuche begeben – und trotz aller Kriegsver- luste ist es ihm gelungen, etliche Schätze zu heben. 
So fand Szadejko in den Beständen der Bibliothek der Danziger Akademie der Wissenschaften Notenkollektio- nen, die einst von den Ensembles der Kirchen St. Johannes und St. Katha- rinen genutzt worden sind. Die alten Notenmanuskripte der Marienkirche hingegen, noch heute das größte und bedeutendste Gotteshaus der Stadt, sind wohl verloren, wie das Beiheft mitteilt. 
Auf dieser CD präsentiert Andrzej Szadejko mit dem von ihm im Jahre 2008 gegründeten Goldberg Baroque Ensemble sieben Kantaten, die für die Danziger Kirchenmusik entstanden sind. Komponiert wurden sie von Jo- hann Valentin Meder (1649 bis 1719), Johann Jeremias du Grain (†1756), Johann Balthasar Christian Freislich (1687 bis 1764) und Johann Daniel Pucklitz (1705 bis 1774) – Kapellmeister, Organisten, Stadtratsmusiker. 
Die Werke, die hier in Ersteinspielungen erklingen, sind musikalisch anspruchsvoll und handwerklich gelungen. Das Solistenquartett Marie Smolka, Franziska Gottwald, Hermann Oswald und Markus Flaig sowie die Vokalisten und Musiker des Goldberg Baroque Ensembles stellen die Kantaten gekonnt und inspiriert vor. Damit eröffnen sie den Zugang zu einer musikalischen Landschaft wieder, die derzeit nur ausgesprochenen Experten bekannt ist. Spannend dürfte in diesem Zusammenhang auch ein Vergleich mit der polnischen katholischen Kirchenmusik jener Zeit sein. 
Bach-Schüler Johann Gottlieb Goldberg (1727 bis 1756), den das Ensemble sich zum Namenspatron erkoren hat, gilt als berühmtester musikalischer Sohn Danzigs. In der Stadt, die heute zu Polen gehört und Gdańsk heißt, findet alljährlich das Goldberg Festival statt, das der „Alten“ Musik gewidmet ist, insbesondere auch dem musikalischen Erbe aus der Barockzeit. 

Dienstag, 20. Juni 2017

Hüttenbrenner: Geisterszenen (Helbling)

Geister faszinierten die Romantiker. Nicht nur in Romanen und Gedichten aus jener Zeit spukt es mitunter recht heftig. Elfen, Kobolde und auch weni- ger charmante Wesen erscheinen zudem auf der Bühne und im Konzertsaal. Wie jene Besucher aus überirdischen Sphären Musiker inspirierten, das zeigt Julia Rinderle auf ihrer Debüt-CD, die bei Helbling veröffentlicht wurde. 
Die junge Pianistin, die derzeit noch am Mozarteum in Salzburg studiert, stellt dafür neben die Geistervaria- tionen von Robert Schumann (1810 bis 1856) die Geisterszenen oder auch Geistererscheinungen von Anselm Hüttenbrenner (1794 bis 1868), Ton- gemälde für Klavier – letzteres übrigens in Ersteinspielung. Sie musiziert erfreulich souverän und ausgewogen. 
Hüttenbrenner gehörte zum Freundeskreis um Franz Schubert. Seine musikalische Ausbildung begann der Sohn eines Juristen in seiner Heimatstadt Graz, wo ihn Domorganist Matthäus Gell unterrichtete. Schon im Alter von acht Jahren spielte der Bub Konzerte von Mozart, Beethoven, Hummel und anderen, und schrieb seine ersten eigenen Werke. 
Nach dem Abschluss des Lyzeums ging Hüttenbrenner als Novize in ein Zisterzienerstift, um dann ab 1814 doch Jura zu studieren. 1815 nahm Antonio Salieri den begabten jungen Mann unentgeltlich als Schüler an. Mit der Empfehlung seines Lehrers versehen, hätte Hüttenbrenner als Pianist und Klavierpädagoge in Wien Karriere machen können – doch 1821 starb sein Vater, und als ältester Sohn musste er sich um die Güter der Familie kümmern. 
Der Musik blieb er dennoch treu; er komponierte, organisierte Konzerte und wirkte als Kritiker. Nach dem Tod seiner Frau im Jahre 1848 zog sich Hüttenbrenner allerdings zunehmend ins Privatleben zurück. Seine Geisterszenen gehören zu den späten Werken. In ihrer Virtuosität und auch in ihrer Ausdrucksstärke sollen sie in seinem Schaffen singulär sein. Im Druck sind die Noten dieser Klavierstücke übrigens erst jetzt, im Zusammenhang mit dieser Aufnahme, erschienen. 
Das ist eine enorme Bereicherung des Repertoires. Denn bei allem Spiri- tismus ist Hüttenbrenners Musik doch ziemlich kurzweilig, ausgesprochen phantasievoll und auch sehr farbenreich. Und von Zeit zu Zeit vermeint der Hörer, auch den Geist Chopins vorbeischweben zu hören. Julia Rinderle macht mit ihrer Einspielung deutlich, dass sich die Auseinandersetzung mit diesem Werk Hüttenbrenners wirklich lohnt. Unbedingt anhören, es ist in jeder Hinsicht eine Entdeckung.