Mittwoch, 13. Dezember 2017

O Holy Night - A Merton Christmas (Delphian)

Eines der schönsten Weihnachts- alben dieses Jahres legt uns der Chor des Oxforder Merton College auf den Gabentisch. Dieser gemischte Chor, der von Benjamin Nicholas geleitet wird, gestaltet während des Studien- jahres die Gottesdienste in der Kapelle des Colleges, das zu den ältesten der Oxford University gehört. In den Ferien widmen sich die Chorister anderen Projekten, wie Konzertreisen oder aber CD-Auf- nahmen. 
Weihnachtslieder singen sie offenbar leidenschaftlich gern; auf diesem Album erklingen traditionelle Carols neben Werken zeitgenössischer Komponisten. So beginnt die CD mit All bells in paradise und Shepherd's Pipe Carol von John Rutter. Bekannte Melodien stehen neben neuer Musik. Zu hören sind unter anderem Kompositionen von Bob Chilcott, etliche Arrangements von David Willcocks oder das mittlerweile berühmte O magnum mysterium von Morten Lauridsen. 
Der Chor des Merton College ist vorzüglich; er wirkt bei dieser Einspielung mit dem Oxford Philharmonic Orchestra zusammen, und die jungen Chorsänger singen so souverän, als wären sie Profis. Eine hinreißende Aufnahme – festlich, stimmungsvoll, ja, und auch ein wenig pathetisch. Das perfekte Weihnachtsgeschenk für alle, die Christmas Carols und britisches Flair lieben. 

Weihnachtsoratorium - Ensemble Resonanz (Resonanzraum Records)

Weihnachtsoratorium einmal anders: Das Ensemble Resonanz präsentiert Bachs Kantaten als urbane Kammermusik; „Jauchzet, frohlocket“ – auf das Wesentliche reduziert. Und das heißt in diesen Falle ein Sängerquartett und eine Mini-Besetzung. Eine Trompete muss ausreichen, wo Bach einst derer drei in die Partitur schrieb; auf die Pauken sowie auf Flöten und Oboen wird sogar gänzlich verzichtet. Vier Geigen, drei Bratschen, ein Violoncello und ein Kontrabass musizieren, und dazu gesellen sich Michael Petermann mit Hammond-Orgel und vier weiteren Vintage-Tasteninstrumenten sowie Johannes Öllinger, E-Gitarre. Das ist alles – und das ist erstaunlich viel, wie der Hörer bald feststellen wird. 
Schon seit 2014 verzückt das Ensemble Resonanz alljährlich sein Publi- kum mit dieser modernen Version gehobener Hausmusik. Die Musiker um Konzertmeisterin Juditha Haeberlin, die in Hamburg mit dem Resonanz- raum St. Pauli im Bunker an der Feldstraße einen eigenen Kammermusik- saal bespielen, und außerdem ein Hausensemble der Elbphilharmonie sind, haben „ihr“ Weihnachtsoratorium seitdem beständig weiterent- wickelt. Es ist ein Herzensprojekt. Und deshalb haben sie Bachs Chöre, Arien, Rezitative und Choräle in ihrer eigenen und besonderen Bearbei- tung nun auch auf CD veröffentlicht. 
Da gibt es viel zu entdecken – auch für die Beteiligten übrigens: „Abgese- hen von einer Schallplatte meiner Eltern hatte ich bis zu diesem Projekt eigentlich keinen Kontakt mit dem Weihnachtsoratorium. Mittlerweile geht es mir aber ähnlich wie den Kollegen, die das Stück bereits oft gespielt hatten und damit groß geworden sind: Weihnachten ohne WO ist nur die halbe Wahrheit“, so beschreibt der Gitarrist Johannes Öllinger diese Erfahrung. „Außerdem macht es Spaß, mit meinen Gitarren in die verschiedenen Rollen zu schlüpfen, von der Pauke über Basso Continuo bis zur Oboe, und auch hier und da ein paar stilfremde Akzente zu setzen.“ Auch die Tasteninstrumente wagen mitunter einen kecken klanglichen Ausflug in die Moderne. 
Was da zu hören ist, das wirkt schlank, frisch und sehr engagiert. Der Eingangschor beispielsweise, gesungen nur von vier Solisten, erweist sich als ausgesprochen reizvoll – weil man endlich einmal die Koloraturen und Verzierungen so richtig schön genießen kann. Und die Choräle werden von Johanna Winkel, Sopran, Truike van der Poel, Alt, Benjamin Glaubitz, Tenor, und Dominik Köninger, Bass, gemeinsam mit dem gesamten Ensemble wunderbar gesungen. Benjamin Glaubitz erweist sich zudem als ein formidabler Evangelist. 
Die Interpretation zeigt uns Bachs Weihnachtsoratorium nicht als musika- lischen Festakt, sondern als persönliche Meditation; christliche Botschaft statt Gans und Lametta. Das hätte wohl selbst Johann Sebastian Bach so gelten lassen.