Dienstag, 17. Januar 2017

Bach: The Art of Fugue (Channel Classics)

Warum Johann Sebastian Bach am Ende seines Lebens Die Kunst der Fuge schrieb, darüber diskutieren Musikwissenschaftler bis heute. Ob dieses komplexe und außerordentlich gelehrte, unvollendete Werk über- haupt dazu gedacht war, gespielt zu werden, oder ob es nicht vielmehr so etwas wie „Augenmusik“, künstleri- sches Vermächtnis des Komponisten, war – das wird sich wohl nicht mehr klären lassen. 
Rachel Podger hat sich mit Brecon Baroque an den berühmten Fugenzyklus gewagt. Das Ensemble musiziert in einer „klassischen“ Streichquartettbesetzung, wobei Johannes Pram- sohler gelegentlich die zweite Geige beiseite legt und zur Bratsche greift; zu hören sind zudem neben Rachel Podger, Violine, noch Jane Rogers, Viola, Alison McGillivray, Violoncello, und, leider sehr oft, auch Marcin Świąt- kiewics am Cembalo – was durchaus nicht als Kritik an seinem Cembalo- spiel zu verstehen ist. Aber das Cembalo „mitlaufen“ zu lassen, was ja bei Barockmusik durchaus üblich ist, das macht aus einer Fuge, in der eigentlich alle Stimmen gleich bedeutsam sind, ein Werk quasi für Melodiestimmen und Basso continuo. Bei allem Respekt – so dürfte Bach das ganz sicher nicht gemeint haben. Und der Transparenz ist eine solche Lesart auch nicht gerade zuträglich. Schade! 

Le Théâtre musical de Telemann (Alpha)

Mit großer Neugier und Offenheit hat Georg Philipp Telemann (1681 bis 1767) anderen Musikern zugehört – egal, ob diese „gelehrt“ oder eher rustikal, bei Hofe oder aber auf dem Dorfplatz zum Tanz aufspielten. Er selbst berichtet, während seiner Zeit in Sorau habe er „sowohl daselbst, als in Krakau, die polnische und hanakische Musik, in ihrer wahren barbarischen Schönheit“ kennenge- lernt. Der junge Telemann zeigte
sich fasziniert: „Ein Aufmerckender könnte von ihnen, in 8. Tagen, Gedancken für ein gantzes Leben er- schnappen.“

Was Telemann in Polen „erschnappt“ hat, das präsentieren Olivier Fortin und sein Ensemble Masques auf dieser CD: Das Concerto poloniosy TWV 43:G7 ist in dieser Hinsicht sogar für die experimentierfreudige Barock- musik ein Solitär. Zwar haben auch andere Komponisten seinerzeit Werke geschrieben, die – stilisiert – Anklänge an andere Länder bieten. Selbst Bach hat in seinen Werken hier und da ein Volkslied zitiert. Doch Anlei- hen bei der Volksmusik in diesem Umfang finden sich in der Musikge- schichte erst wieder bei Haydn und Beethoven.
Die CD startet allerdings ganz konventionell mit der Ouverture – Suite in A-Dur TWV 55:A1. In der Ouverture – Suite TWV 55:B5 Les Nations, die traditionell französisch beginnt, geht die Reise dann bis in die Türkei. Vertreten sind auch die Moskowiter, mit einer sehr kuriosen Melodie, sowie die Schweizer in Form von singenden und tanzenden Sennern. Nach einem fröhlichen Zwischenstop in Portugal kommen dann zum Schluss Les Boiteux und Les Coureurs in den Genuss der Telemannschen Charak- terisierungskunst, die Lahmen und die Läufer, was nach einer Fußreise entlang einer solchen Strecke durchaus nachvollziehbar erscheint. 
Ähnlich witzig ist die Ouverture – Suite TWV 55:G10 Burlesque de Quixotte, in der man den Helden bei einigen seiner Abenteuer erleben kann; so beim Kampf mit den Windmühlen oder aber beim Galopp auf seiner Rosinante – wirklich sehr komisch! – gefolgt von Sancho Pansa auf dem Esel. Die Musiker um Olivier Fortin tragen diese Klänge zwar entsprechend ausdrucksstark vor, aber immer nobel, nie karikierend. Mit dieser Einspielung ist dem Ensemble Masques ein würdiger Auftakt zum Telemann-Jahr 2017 gelungen – und man darf schon gespannt sein, welche Entdeckungen aus dem überaus umfangreichen Oeuvre des Kompo- nisten das Jubiläum noch mit sich bringt.