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Sonntag, 29. Mai 2022

Age of Passion (Raumklang)

 

Diese CD lädt ein, einem Dialog zwischen Viola da Gamba und Bandoneon zu lauschen. Barock und Moderne kommen abwechselnd zu Wort; sie kommunizieren jeweils in ihrer ureigenen Sprache und Form, dabei aber sehr respektvoll miteinander. 

Juliane Laake und ihr Ensemble Art d’Echo machen deutlich, dass die Unterschiede über die Jahrhunderte hinweg gar nicht so groß sind. Für dieses spannungsvolle Projekt haben die Gambisten sich Lothar Hensel, Bandoneon, eingeladen. Und so erklingen die Klagegesänge von John Dowland neben zeitgenössischen Kompositionen von Reiko Füting oder Luis Di Matteo und neben Tango-Klassikern von Astor Piazzolla oder Carlos Gardel. 

Die Musiker betören mit einem intensiven, farben- und facettenreichen Klang. Und spätestens bei Piazzollas Oblivion stellt der Zuhörer fasziniert fest: Geht es um Leidenschaft, dann ist das Elisabethanische Zeitalter mit seinen Seufzern und seiner Todesnähe der Gegenwart in Melancholie eng verbunden. 


Dienstag, 16. Februar 2021

Bach & Piazzolla (Berlin Classics)


 Bach und Piazzolla kombiniert Nikola Djoric miteinander auf einem Album. Der serbische, in Österreich lebende Akkordeonist hat gemeinsam mit dem Kurpfälzischen Kammerorchester unter der Leitung von Hans-Peter Hoffmann sowohl Bachs Cembalokonzerte BWV 1058 und 1052 als auch Piazzollas bekanntes Konzert für Bandoneon „Aconcagua“ eingespielt. Dabei legt er besonderen Wert auf die Feststellung, dass alle Werke originalgetreu auf seinem Konzertakkordeon erklingen – jede einzelne Note ist an ihrem Platz. 

„Das Instrument bietet mit seiner Fähigkeit zum Singen und seiner Komplexität einen unvergleichlichen Reiz“, erläutert der Akkordeonvirtuose. „Stellen Sie sich vor: Ein Blasinstrument, das beim Ein- und Ausatmen polyphon spielt und den Klang in der Luft entstehen lässt; ein Tasteninstrument, das Töne wie Streicher mit dem Bogen phrasieren kann, mit zwei unterschiedlichen Manualen, über 500 Tönen, 20 Klangregistern und einem Musiker, der mit allen zehn Fingern spielt und frei atmen kann – das ist das Knopfakkordeon, es singt und atmet.“ 

Dieses „Atmen“ bekommt vor allem Bachs Cembalokonzerten ausgezeichnet, die im Original oftmals etwas hektisch klingen. Das Akkordeon bringt einerseits Farbe, andererseits wirkt auch die Phrasierung auf einmal ganz neu und interessant. Unbedingt anhören, es lohnt sich! 


Eight Seasons Evolution - The Twiolins (Solo Musica)


Eigentlich hatten sich die Twiolins vorgenommen, ausschließlich Originalkompositionen für Violinduo zu spielen. Und damit viele attraktive Stücke neu entstehen, die sowohl die Virtuosen als auch das Publikum begeistern, hatten Marie-Luise und Christoph Dingler sogar einen Kompositionswettbewerb ins Leben gerufen. 
Doch im Repertoire gibt es natürlich ebenfalls Werke, die Musiker herausfordern. Inspiriert durch Gidon Kremer, der sich immer wieder mit Kompositionen von Astor Piazzolla auseinandergesetzt hat, haben die Twiolins nun ihre eigenen „Eight Seasons“ kreiert. Dazu hat Christoph Dingler die wohl berühmtesten Violinkonzerte überhaupt, die Vier Jahreszeiten von Antonio Vivaldi, für Violinduo bearbeitet. 
Ich habe mir die Noten angeschaut – und bin hin und weg. Wie er die Solopartie und die diversen Orchesterstimmen auf zwei Geigen verteilt hat, das ist nicht nur hörens-, sondern vor allem auch sehenswert. Denn es geht fair zu; es sind wirklich zwei gleichberechtigte Duo-Stimmen entstanden. 
Spieltechnisch wird das dann allerdings recht anspruchsvoll; doch auf der CD ist davon nichts zu spüren. Marie-Luise und Christoph Dingler musizieren grandios. Es sind nicht zwei Solisten zu erleben, die gemeinsam auftreten, sondern tatsächlich ein Duo, das wie aus einem Gedanken agiert. Die Geschwister spielen seit vielen Jahren in dieser Formation, und sie haben dabei eine Reife entwickelt, die sehr beeindruckt. Mittlerweile haben die Twiolins sogar einen unverwechselbaren, typischen Klang. 
Das Konzept dieses Programms ist einzigartig: Nach jedem Satz aus Vivaldis Vier Jahreszeiten erklingt ein Stück von Astor Piazzolla. So entsteht ein Dialog mit ganz eigenen Reizen. Barockmusik und Tango – das passt erstaunlich gut zueinander. Besonders wahrnehmbar wird dies beim Herbst, wo die Jahrhunderte scheinbar ineinander fließen. Und was sind schon Genregrenzen, wenn es um Musik einer solchen Qualität geht? 

Freitag, 3. Juli 2020

Latin (Genuin)

Musik aus Lateinamerika erklingt in Konzertsälen hierzulande selten. Dabei gibt es dort eine beeindruckende Musiktradition. Mit seiner neuen CD bei Genuin lädt das Duo Lontano zu einer Entdeckungsreise durch eine Musiklandschaft ein, die in Europa nur teilweise bekannt ist. 
Babette Hierholzer und Jürgen Appell präsentieren Kompositionen für Klavier zu vier Händen, wobei die meisten davon, wie Tango-Klassiker von Carlos Gardel und Astor Piazzolla sowie populäre Melodien wie Bésame mucho oder Malagueña, speziell für diese Besetzung bearbeitet worden sind. 
Zu hören sind außerdem Werke von Louis Moreau Gottschalk (1829 bis 1869. Der Musiker, in New Orleans geboren, wurde durch französisch-kreolische Einflüsse geprägt. Er galt als Wunderkind, und wurde im Alter von 13 Jahren zum Musikstudium nach Paris geschickt. Auch dort machte er durch sein virtuoses Klavierspiel auf sich aufmerksam; Chopin prophezeite dem Jungen, er werde einmal der König der Pianisten sein. 
Gottschalk inspirierte etliche Schüler, wie Maria Teresa Carreño, oder den Geiger José White Lafitte, den er ermutigte, ebenfalls nach Paris zum Studium zu gehen. Auch sie sind auf der CD mit Stücken vertreten, ebenso wie Heitor Villa-Lobos (1887 bis 1959), Ernesto Nazareth (1863 bis 1934) oder Isaac Albéniz(1860 bis 1909)  – der zwar aus Spanien stammt, aber im Kindesalter mehrfach seinen Eltern durchbrannte. So gelangte er bis nach Buenos Aires und nach Kuba. Dem abwechslungsreichen Programm lauscht man gern. Und das Duo Lontano musiziert hingebungsvoll, mit Temperament und auch mit Grazie. 

Freitag, 25. Januar 2019

My Double Bass - Ödön Rácz (Deutsche Grammophon)

Kann man Le Grand Tango von Astor Piazzolla auf einem Kontrabass spielen? Ödön Rácz hat diese Musik für sich entdeckt, und die Mühen der Bearbeitung sowie die Auseinander- setzung mit den technischen Herausforderungen – den Cellopart hatte Piazzolla einst für Mstislaw Rostropowitsch geschrieben – gern auf sich genommen. Der Musiker, der einer Kontrabassisten-Dynastie entstammt und heute Solo-Kontra- bassist der Wiener Philharmoniker ist, zeigt sich noch immer fasziniert von den vielen Facetten seines Instrumentes. Auf dieser CD demonstriert er, dass der Kontrabass von der Kantilene der italienischen Oper bis zum kantigen argentinischen  Sound über vielfältige Ausdrucksmöglichkeiten verfügt – wenn man ihn so gekonnt spielt wie Rácz. 
Partner sind dem Solisten das Budapester Franz Liszt Kammerorchester, mit dem Rácz übrigens bereits das Vorgängeralbum mit Kontrabass-Konzerten eingespielt hatte, sowie János Balázs, Klavier. Am Pult steht die gebürtige Römerin Speranza Scappucci, derzeit Generalmusikdirektorin der Oper im belgischen Lüttich. 
Das Gran Duo concertante für Violine und Kontrabass von Giovanni Bottesini, eines der zentralen Werke der Kontrabass-Literatur, spielt Rácz gemeinsam mit Noah Bendix-Balgley, Konzertmeister der Berliner Philharmoniker. Die beiden Solisten harmonieren exzellent miteinander; sie gestalten das Gran Duo als Wettstreit zwischen herausfordernder Virtuosität und eher sanfter Sanglichkeit, der aber in wunderbarer Eintracht und meiner Meinung nach auch unentschieden endet. 
Ein weiterer Klassiker aus dem 20. Jahrhundert komplettiert das Programm: Das Divertimento concertante für Kontrabass und Orchester von Nino Rota hatte Rácz mit Erfolg bereits beim ARD-Musikwettbewerb 2003 vorgetragen, wo er zu den Preisträgern gehörte. Das Stück beschäftigt ihn bis heute. Rota, bekannt vor allem als Komponist von Filmmusik („Der Pate“) hatte es einst für Kontrabass-Professor Franco Petracchi geschrieben. Dieser allerdings musizierte auf einem speziellen Kontrabass, so dass die Ausführung des ohnehin virtuosen Werkes auf einem Instrument mit normalen Maßen zur doppelten Herausforderung wird. Und während sich der Zuhörer über die abwechslungsreiche Musik Rotas freuen kann, muss der Interpret für jede einzelne Phrase den passenden Klangcharakter finden. Auch hier zeigt sich Rácz als Meister, der das Instrument rundum souverän beherrscht. Sehr gelungen! 

Dienstag, 13. März 2018

#hornlikes (Genuin)

„Die Hörner sind los!“, warnt das Leipziger Label Genuin Classics. Nachdem sie bisher immer gemeinsam mit anderen Ensembles zu hören waren, haben die Musiker von German Hornsound nun zum ersten Mal eine CD eingespielt, auf der sie pur zu erleben sind. Das darf man durchaus wörtlich nehmen. Denn das Hornquartett hat dafür Lieblingsstücke seiner Mitglieder neu arrangiert. 
Das ermöglicht interessante Eindrücke – egal, ob Sebastian Schorr Händels populäre Arie Lascia ch'io pianga einmal auf dem Horn spielen möchte, Stephan Schottstädt die ebenso berühmte Englischhorn-Melodie der Sinfonie Aus der Neuen Welt von Antonín Dvořák erkundet, Christoph Eß die Trompetenklänge aus dem Finalsatz des zweiten Brandenburgischen Konzertes von Johann Sebastian Bach auf das Horn verlegt, oder Timo Steininger den Meditango von Astor Piazzolla. Jeder Musiker durfte drei Favoriten für diese CD auswählen. Und es gibt, von Händels Wassermusik bis zu Verdis Messa da Requiem und von Alessandro Marcellos Oboenkonzert bis hin zu Bruckners Chorälen, eigentlich kein einziges Werk, das nicht mindestens so schön klingt wie im Original, wenn es derart gekonnt durch vier Hörner vorgetragen wird. 
Und weil es so schön ist, hatte auch das Publikum drei #hornlikes frei. Es entschied sich für Melodien von Richard Wagner, Franz Schubert und Engelbert Humperdinck. Eigens für Tonmeister Michael Silberhorn, der „es gerne hat, wenn es mal ein bisschen schmettert“, erklingt dann zum Schluss noch ein Chor aus Carl Maria von Webers Freischütz. Hinreißend! 
Die Edel-Blechbläser von German Hornsound entlocken ihren Instrumen- ten ebenso farben- wie nuancenreiche Klänge. Sie demonstrieren, dass mit dem Horn gefühlvolle Melodielinien genauso selbstverständlich gestaltet werden können wie rhythmische Fundamente. Von ätherisch bis groovig sind alle Optionen möglich – Horn grandios! 

Montag, 12. Februar 2018

Viaggio nel tempo (Gramola)

Einer Kontrabassisten-Dynastie, die bereits über vier Generationen reicht, gehört Ernő Rácz an. Der Musiker, der aus Ungarn stammt, ist Solo-Kontrabassist des Tonkünstler-Orchesters Niederösterreich. Auf dieser CD entführt er gemeinsam mit Pianistin Veronika Trisko den Hörer auf eine musikalische Zeitreise. Sie beginnt im 17. Jahrhundert mit einer Sonate in g-Moll von Henry Eccles, ursprünglich für Violine komponiert, die aber ebenso gern von Kontrabassisten gespielt wird. Auch das Arioso aus der Kantate Ich steh mit einem Fuß im Grabe BWV 156 von Johann Sebastian Bach gehört zu jenen Stücken, die Musiker wie Publikum sehr schätzen – hier in Kontrabass-Version. 
Nächste Station der Zeitreise: Die Tageszeiten-Sinfonien Hob. I/6-8 von Joseph Haydn, mit ihren anspruchsvollen Kontrabass-Soli. Attraktive Solo-Parts finden sich zudem in den Sinfonien Nr. 31 Mit dem Hornsignal und Nr. 72 Jagd. Auf CD zu hören waren solche Ausschnitte bislang noch nicht; Rácz demonstriert damit eindrücklich, dass ein Kontrabass weit mehr sein kann als nur Fundament des Orchesters. 
Dass auch ein Nocturne von Frederic Chopin in einer Kontrabass-Bear- beitung sehr apart klingen kann, zeigt Rácz danach. In seinem Spiel vereint er Virtuosität und Ausdruck. Das unterstreichen auch die nach- folgenden Originalwerke, so vier Stücke von Serge Koussevitzky, und Extrème von Lajos Montag. Kicho komponierte Astor Piazzolla speziell für einen Freund, den Kontrabassisten Enrique „Kicho“ Díaz, der als einer der herausragenden Tango-Interpreten seiner Zeit galt. Die Kontrabass-Zeitreise endet in der Gegenwart, mit vier Werken aus Jelek, játékok és üzenetek für Kontrabass solo von György Kurtág. 

Dienstag, 8. November 2016

Wies de Boevé - Double Bass (Genuin)

Wies de Boevé gewann 2015 den Deutschen Musikwettbewerb – mit dem Kontrabass. Das ist ein Ereignis, denn in der mittlerweile 40jährigen Geschichte dieses renommierten Instrumentalwettbewerbes ist der erste Preis in der Kategorie Kontrabass zuvor noch nie vergeben worden. „Das Schöne an diesem Wettbewerb ist, dass jedes Instrument gleich behandelt wird“, sagt der Preisträger. „Im Finale mit Orchester tritt man dann einfach gegeneinander an.“ 
Und da hatte Wies de Boevé einiges aufzubieten, wenn man seine Debüt-CD anhört, die bei Genuin erschienen ist. Der junge Musiker, seit kurzem stellvertretender Solobassist des BR-Symphonieorchesters, spielt mit seiner Klavierpartnerin Tomoko Takahashi virtuose Kontrabassliteratur von Giovanni Bottesini (1821 bis 1889), vertreten mit Rêverie und Introduzione e Bolero, bis hin zu Astor Piazzolla (1921 bis 1992). Vier sehr gelungene Werke von Reinhold Glière (1875 bis 1956) stehen am Beginn des Programmes, das durch Prélude, Habanera et Allegro op. 106 von Joseph Jongen (1873 bis 1953) sehr schön abgerundet wird. Besonderer Clou: Die Kadenz für Kontrabass solo von Teppo Hauta-aho (*1941). Hier kann man gut sieben Minuten lang darüber staunen, was man auf einem Kontrabass so alles spielen kann – wenn man's kann. 
Zufrieden zurücklehnen aber will sich der Solist noch lange nicht: „Alles, was ich gemacht habe, öffnete eine neue Tür. Und ich bin dann einfach immer weiter ,gehüpft'“, beschreibt Wies de Boevé seine musikalische Entwicklung. „Ich hoffe, das hört so bald nicht auf, denn ich möchte gerne noch viel weiter kommen. Damit meine ich nicht irgendeine Stelle in einem Orchester oder so. Ich habe soviel Musik in meinem Kopf und der möchte ich näher kommen, ohne jede instrumentale Begrenzung. Das ist auch ein Grund, warum ich übe. Ich befürchte allerdings, je weiter ich in die Musik eindringe und je besser ich spiele, umso mehr Fragen habe ich dann auch an die Musik. Daran will ich aber im Moment nicht denken. Ich bleibe gerne noch etwas naiv. Eines Tages werde ich vielleicht so spielen, wie ich es möchte.“ 

Samstag, 6. August 2016

Pasión Tango - Friedrich Kleinhapl und Andreas Woyke (Ars Produktion)

Ein Cellist und ein Pianist spielen zusammen Tango – und wie! Wenn Friedrich Kleinhapl und Andreas Woyke diese Musik gestalten, dann hat man mitunter den Eindruck, jeder könnte Gedanken und Gefühle des anderen lesen. Doch bis zu dieser CD war es ein langer Weg: „2003 traten Andreas Woyke und ich mit Astor Piazzollas Grand Tango zum ersten Mal gemeinsam auf“, berichtet Kleinhapl. Das war meine erste intensivere Auseinandersetzung mit Tangos und Astor Piazzolla. Dieses so unglaublich energiegeladene Stück ließ uns nie mehr los, löste eine Sehnsucht nach mehr aus. Die große Frage war aber immer: wie sollten wir zu Arrangements anderer Tangos für unsere Besetzung kommen, die so stark sind, dass sie neben dem Grand Tango bestehen können?“ 
Die Antwort verblüfft: Es ergab sich. In Caracas lernte Kleinhapl beim Musizieren mit dem Simón Bolívar Orchester den venezolanischen Kompo- nisten Federico Ruíz kennen. Er schrieb ein hinreißendes Arrangement von Piazzollas Adiós Nonino, die Österreicherin Dorothee Badent arrangierte Milonga del ángel. Auch der in Hollywood arbeitende Gerrit Wunder schuf Bearbeitungen speziell für die beiden Musiker. „Die Ideen flogen wie in einem Ping-Pong-Spiel zwischen uns hin und her“, so der Cellist. „Aus den Arrangements unserer Komponistenfreunde wurden sehr rasch unsere eigenen. (..) Entstanden ist dabei wahrscheinlich so etwas wie eine Mischung aus südamerikanischer Inspiration mit bewusst nicht verleug- neten europäischen Wurzeln – jedenfalls aber zumindest für uns selbst ein Rausch der Energien, Klangfarben und Stimmungen.“ Dem ist nur noch hinzuzufügen, dass Woyke und Kleinhapl ganz phantastisch mit- einander musizieren. Unbedingt anhören!

Donnerstag, 2. Juni 2016

Hora Cero (Sony)

„Aus meiner Sicht passt der Tango am allerbesten zu unserem Ensemble“, sagt David Riniker. „Bei dem Genre braucht man einerseits Biss. Andererseits ist da diese Melancholie, der wir Cellisten uns sehr nahe fühlen.“ Und wenn die 12 Cellisten der Berliner Philharmoniker Tango spielen, dann ist das in der Tat ein Gänsehaut-Erlebnis. 
Dennoch benötigte Riniker für dieses Projekt einen langen Atem: 2001 präsentierte der Musiker den Kollegen seine erste Tango-Bearbeitung. Sie wurde prompt abgelehnt – „zu schwer“. Doch Rinikers Enthusiamus und die Klassiker von Astor Piazzolla überzeugten letztendlich. Auf dieser CD erklingen etliche Kompositionen des Schöpfers des Tango nuevo, wie Libertango, Soledad, Tres minutos con la realidad, Caliente oder Buenos Aires hora cero. Dieser Tango gab dem Album auch den Namen. 
Ergänzt wird das Programm durch Werke von José Carli (*1931) und Pasquale Stafano (*1972); der Tango alter Schule ist vertreten mit A Don Agustín Bardi von Horacio Salgan (*1916). Die Arrangements stammen zumeist von David Rinicker. „Da ich von der Mehrheit der Stücke keine Noten habe und sie von Aufnahmen durch unzähliges Wiederanhören abgeschrieben habe, dauert es bisweilen Monate, bis eine Bearbeitung fertiggestellt ist“, berichtet der Cellist. „Sie schwirrt in der intensivsten Zeit dann Tag und Nacht durch meinen Kopf. Manchmal träume ich davon. Es ist auch schon vorgekommen, dass ich am Morgen die Lösung einer Stelle ganz klar wusste.“ Nichts ist hier Zufall; jeder Part ist für einen bestimmten Musiker geschrieben. Wenn ich die Musik dieses Albums durchhöre, erscheint es mir fast wie ein Wunder, dass wir alles ohne Dirigenten aufgenommen haben, resümiert Riniker, so komplex und vielfältig ist diese Musik. Die 12 Cellisten der Berliner Philharmoniker spielen Tango mit Leidenschaft, mit Drive und mit Ausdruck – faszinierend, unbedingt anhören! 

Dienstag, 1. März 2016

Ensemble Triologie - Vol. 1: soundscapes (Encora)

Kristina Lisner, Mandoline, Melanie Hunger, Mandoline und Mandola, und Markus Sich, Gitarre, haben sich beim Studium an der Hochschule für Musik und Tanz Köln/Wuppertal kennengelernt. Die drei Musiker sind Preisträger verschiedener nationaler und internationaler Wettbewerbe; sie wurden 2013 mit einem Stipendium der Yehudi Menuhin Stiftung ausgezeichnet. 
Seit 2012 musizieren die Zupfinstru- mente-Spezialisten gemeinsam als Ensemble trioLogie. Auf dieser CD führen sie durch Klanglandschaften, die sehr viel Abwechslung bieten. Es erklingen „neben Kompositionen bedeu- tender Mandolinenmeister wie Silvio Ranieri oder Raffaele Calace vor allem selbst arrangierte und selten gehörte Werke der letzten Jahrhun- derte bis heute“, schreiben die Musiker im Beiheft. „Mit soundscapes erschließen wir uns eigene Wege fernab ausgetretener musikalischer Pfade.“ 
Und auf „vol.1“ folgt typischerweise „vol.2“; das erfolgreiche Trio plant also langfristig. Das ist erfreulich, denn diese Debüt-CD begeistert durch stilistische Vielfalt, viele klangliche Facetten und Farben, und exzellent musiziert wird natürlich auch. Bravi! und weiter so, die nächste CD wird schon mit Neugier erwartet.

Sonntag, 22. September 2013

Why not? (Genuin)

„Wir wissen, was Sie denken: Warum um alles in der Welt muss man Tuba und Harfe in ein Duo packen? Wie soll denn das bitte funktionieren“, schreibt Andreas Martin Hofmeir im Beiheft zu dieser CD, die er gemeinsam mit seinem Duopartner Andreas Mildner eingespielt hat. Nun – es funktioniert so gut, dass der Tubist für seine Debüt-CD Uraufnahmen, erschienen ebenfalls bei dem Leipziger Label Genuin Classics, übernächste Woche als „Instru- mentalist des Jahres“ mit dem ECHO Klassik ausgezeichnet wird. 
Auch wenn nicht alle Blütenträume reiften – „Statistisch gesehen ist nämlich die Harfe das Instrument mit dem höchsten Anteil an Spielerinnen, wenn Sie verstehen, was ich meine...“, berichtet Hofmeir über seine Motivation für die Wahl ausgerechnet dieses Duopartners – kann der Tubist eine geradezu atemberaubende Karriere vorweisen. Hofmeir studierte in Berlin, Stockholm und Hannover, und war Stipendiat der Orchesterakademien der Berliner und Münchner Philharmoniker. Er musizierte mit den Wiener Philharmonikern, dem Gewandhausorchester Leipzig, den Bamberger Symphonikern , dem Sinfonieorchester des Bayerischen Rundfunks und dem Bayerischen Staatsorchester sowie von 2004 bis 2008 als Solotubist im Bruckner-Orchester Linz. Seit 2006 lehrt er am Mozarteum in Salzburg, wo er 2010 zum Universitätsprofessor berufen wurde. 
2005 erhielt Hofmeir den Preis des Deutschen Musikwettbewerbs – als erster Tubist überhaupt. Und als Preisträger nahm er an dem Förderprojekt „Bundesauswahl Konzerte Junger Künstler“ teil. „Diese Auswahl hat zum Ziel, die besten Musiker zu verschiedenen Kammermusikformationen zusammenzuführen und bei ihren Konzerten zu unterstützen“, erläutert Hofmeir. „Erst sollte ich mit einem Posaunisten verkuppelt werden, aber der Blick auf die Liste verriet mir doch, dass dort auch vier nette Harfenistinnen geführt wurden. Und so kramte ich die alten Stücke wieder heraus und stellte den kühnen Antrag für ein Tuba-Harfen-Duo. Natürlich nicht ahnend, dass mir der einzige männliche Harfenist zugelost wurde. Wobei fairerweise gesagt werden muss, dass Herrn Mildners Schreck noch viel größer war“, meint der Tubist. Denn die beiden Musiker kannten sich bereits vom Wettbewerbsfinale, „weil irgendein Mensch mit viel Humor uns da in das gleiche Stimmzimmer gesteckt hatte, wo sich Herr Mildner mittels Konzentrationsübungen auf den Auftritt vorbereitete und ich mich mittels eines Döner Kebabs“ – wofür sich Hofmeir offensichtlich erfolgreich entschuldigt hat. 
Die beiden Musiker, die kürzlich bei Genuin ihre zweite CD veröffentlicht haben, harmonieren trotz allen Gefrotzels ziemlich gut miteinander. Das gilt auch für die beiden Instrumente, die bei allen Unterschieden erstaunlich gut miteinander klingen. Man staunt insbesondere, was für sanfte Töne Andreas Martin Hofmeir dem riesigen Blasintrument entlockt, wie wandlungsfähig und nuancen- reich doch der Klang einer Tuba sein kann. 
Hofmeir und Mildner stellen Originalwerke der zeitgenössischen Komponisten Jörg Duda und Gisbert Näther vor. Komplettiert wird dieses Programm durch handverlesene ältere Einzelstücke. Sehr erheiternd ist L'Apres-Midi d'une Crocodille, eine Debussy-Parodie von Quinto Maganini (1897 bis 1974). Hofmeir wagt sich an eine Fantasie, die Georg Philipp Telemann seinerzeit für Flöte solo geschrieben hat, Mildner spielt solistisch Deux Divertissements von André Caplet (18878 bis 1925). Außerdem erklingen zwei Melodien von Astor Piazzolla, und als Finale gibt’s die berühmte Méditation aus der Feder von Jules Massenet (1842 bis 1912). Wie ein solcher Geigen-Ohrwurm auf der Tuba klingt? Unbedingt reinhören – es lohnt sich! 

Dienstag, 5. Februar 2013

Cellocinema (Genuin)

Eckart Runge und Jacques Ammon, im Konzertleben präsent unter dem Namen Celloprojekt, haben sich auf ihrer neuen CD der Filmmusik zugewandt. Das Violoncello sieht der Cellist als das ideale Medium für ein solches Unterfangen: "Vom innigen Singen der Diva über säuselnden Flöten oder krächzenden Quäken gestopfter Trompeten bis hin zu kreischenden Todesschreien, heulendem Wind oder dem Knarren einer alten Tür lassen sich diesem Instrument wie keinem anderen alle denkbaren Klänge des Lebens entlocken", begeistert sich Runge im Beiheft. 
Glücklicherweise ist sein Cello-Spiel deutlich besser als seine Grammatik. Und so arbeiten sich Runge und der Pianist Ammon gemeinsam durch die Filmgeschichte - von Charlie Chaplin, der übrigens selbst Cello spielte, über Astor Piazzolla, Klassiker wie Carlos Gardel, Nino Rota oder Enrico Morricone bis hin zu Dmitri Schostakowitsch, der immerhin 39 Filmmusiken komponierte, bis hin zu Dick Dale oder Tom Waits. Der Zuhörer wird erinnert an Kino-Ereignisse wie Modern Times, Psycho oder Pulp Fiction - und freut sich über die pfiffigen Arrangements, die zum überwältigenden Teil von den beiden Musikern selbst geschrieben worden sind. Bravi! 

Montag, 1. August 2011

Tertis - Concerto, Fantasy, Blues (Oehms Classics)

Vier junge Musiker, durchweg Mitglieder der Münchner Phil- harmoniker, haben sich zu einem ganz speziellen Ensemble zusam- mengefunden: Tertis, benannt nach einem berühmten Viola-Virtuosen des vergangenen Jahrhunderts. Bei Oehms Classics haben sie nun ihre erste CD ein- gespielt. Und die hat es durchaus in sich. "Wir wollten zeigen, was man als Bratschen-Quartett spielen kann - von den verschie- denen Epochen angefangen bis hin zu Tonhöhen und Klangverände- rungen", berichtet Konstantin Sellheim. "Deswegen haben wir auch Piazzolla und Jazz integriert und mit Telemanns Barock gekoppelt. Ein Bratschen-Quartett klingt eben nicht einseitig, wie es gerne heißt." 
"Beim Streichquartett ergibt sich der differenzierte Klang eher von selbst", meint Burkhard Sigl, "bei vier gleichen Instrumenten ist auch das sehr viel schwieriger. Gerade bei den romantischen Stücken von Max von Weinzierl oder auch York Bowen stand die Frage im Raum, wie man einen Klang finden kann, der nicht nach Einheitssoße klingt und vor sich hin dröhnt, sondern der durchsichtig und differenziert ist. Das war, glaube ich, die größte Herausforderung am Anfang unseres Zusammenspiels." Die vier Bratscher - zu Tertis gehören außer den bereits benannten Musikern noch Dirk Niewöhner und Julio Lopez - haben dieses Problem mittlerweile gelöst, wie die CD beweist. 
Die beiden Konzerte von Georg Philipp Telemann sind ursprünglich für vier Geigen entstanden. "Auf vier Bratschen ist das einfach eine Quint tiefer, aber die gleiche Musik", sagt Sigl. Der warme Klang der Viola steht den eleganten, tänzerischen Sätzen ganz hervorragend. Die Bartók-Duos wurden bereits durch den Sohn des Komponisten in einer Version für zwei Bratschen veröffentlicht. Bowens Fantasie Quartet for 4 Violas op. 41 und das stimmungsvolle Nachtstück für 4 Violen von Max von Weinzierl erscheinen wie für Tertis geschaffen. Die Brücke zur Moderne bauen schließlich Four for Tango, ursprüng- lich ein Streichquartett von Astor Piazzolla, und der Steering Wheel Blues von Christopher Norton. Eine spannungsvolle CD, die sehr neugierig macht auf die nächsten Projekte der Vier. 

Sonntag, 31. Oktober 2010

Vivaldi Piazzolla Seasons - Daniel Rowland (Two Pianists)

Die Stellenbosch University Camerata, das Kammerorchester der südafrikanischen Hochschule, gaben ihr erstes Konzert vor zwei Jahren - und sie spielten etwas, das sie halb im Scherz "Die acht Jahreszeiten" nannten: Vivaldis berühmte Concerti, jeweils im Wechsel mit den Vier Jahreszeiten von Buenos Aires. Diese musikali- schen Reflexionen spiegeln ihr großes Vorbild, möglicherweise bis ins Zitat.  Astor Piazzolla hat sie zwischen 1964 und 1970 für sein eigenes Ensemble komponiert, in dem er Bandoneon gespielt hat. 
Es steht zu vermuten, dass er die Melodiestimme selbst übernommen hat; doch Rowland verweist im Beiheft darauf, dass auch ein Arrange- ment für die Vivaldi-Besetzung existiert. Dass die teils massiven Vivaldi-Zitate original von Piazzolla stammen, darf hier allerdings bezweifelt werden; ich denke vielmehr, dass sie möglicherweise vom Interpreten per Kadenz "hinübergeschmuggelt" wurden. 
Rowland wählt durchweg frische Tempi, und neigt zu akzentuiertem, mitunter sogar ruppigem Spiel. Das ist nicht unbedingt innovativ; erinnert sei hier an die Einspielung mit Nigel Kennedy. Vielleicht hält Rowland es für erforderlich, Vivaldis Concerti an Piazzollas markante Tangos sozusagen proletarisch anzunähern. Ob das sinnvoll ist, darüber mag jeder selbst befinden; Kontraste sind schließlich auch ganz reizvoll. Doch egal, was Rowland vorgibt - die jungen Musiker von den Stellenbosch University Camerata halten wacker mit. 
Einen Mangel aber hat diese Einspielung: Die Aufnahmen der vier Vivaldi-Concerte klingen ausgesprochen basslastig. Wer schon immer die Kontrabass-Partie dieser Werke studieren wollte - hier kann er dies ohne Probleme, denn dieses Instrument ist immer im Vorder- grund zu hören.

Samstag, 3. April 2010

Ensemble Esteban - Das Tango Nuevo Ensemble (Zeitklang)

"Es war im April 2006, als ich zum ersten Mal Tangos für Klavier solo von Daniel Barenboim gehört hatte", berichtet Bernfried E. G. Pröve. "Ich war derart fasziniert und elektrisiert von seiner Inter- pretation, dass ich beschloss, mich tiefer auf den instrumentalen Tango einzulassen. Der geheime Swing, die Leichtigkeit der Inter- pretation haben mich derart in den Bann gezogen, dass ich mich immer tiefer mit Tango und Tangokomposition auf höchster kompositorischer Ebene beschäftigt habe und endlich 2008 mit meinen Freunden Sebastian König, Ubaldo Pérez-Paoli, Stefan Bolte und Leo Weiß das Tangoensemble Esteban ins Leben rief." Praktischerweise verfügt der Braunschweiger Pianist und Komponist Pröve über ein Studio nebst eigenem Label, so dass die Resultate dieser Begeisterung auch gleich noch per CD dokumentiert werden konnten. 
Die Besetzung ist interessant: Leo Weiß spielt Violine, Sebastian König Schlagzeug (Vibraphon!), Stefan Bolte den Kontrabass,  Pröve Piano; in drei Stücken lässt sich zudem Uwe Steger mit dem Bandoneon ver- nehmen. Und der Argentinier Dr. Ubaldo Ramon Pérez-Paoli, Profes- sor für Philosophie, im Hauptberuf Dozent an der Uni Braunschweig, singt. Das kann er eigentlich nicht, was ja bei Tango-Sängern öfters vorkommen soll, aber er tut es, mit Leidenschaft - und Ausstrahlung. Und trägt damit einen wesentlichen Part des Ensembles.
"Tango ist ein trauriger Gedanke, den man tanzen kann", so der argentinische Tango-Komponist Enrique Santos Discépolo. Die CD enthält überwiegend Klassiker von Astor Piazzolla - doch auch jeweils eine Eigenkomposition von Pröve und Weiß. Und man staunt, wie nah sich doch offenbar Braunschweig und Argentinien sind...