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Freitag, 3. Juli 2020

Stay ye angels (Accentus)

„Wenn du aus dir verjagst / All Unruh und Getümmel, / So wirft Sankt Michael / Den Drachen aus dem Himmel.“ So zitiert das Beiheft den Barockdichter Angelus Silesius. Der Erzengel, der den Drachen tötet, ist auch in dem Programm, das die Gaechinger Cantorey unter Leitung von Hans-Christoph Rademann im September 2018 in der Stadtkirche St. Wenzel zu Naumburg aufgeführt hat, präsent. Zwei der Kantaten, Es erhub sich ein Streit BWV 19 und Man singet mit Freuden vom Sieg BWV 149, komponierte Johann Sebastian Bach einst für das Michaelisfest. Die dramatischen Werke, mit Pauken und Trompeten, wählte Rademann als Rahmen für zwei Solokantaten: Gott soll allein mein Herze haben BWV 169, wo Altstimme und konzertierende Orgel in genialer Verflechtung die himmlische Liebe besingen, und Der Friede sei mit dir BWV 158. In dieser Kantate verkündet der Solo-Bass, dass Satan nunmehr gefällt sei. 
Die Gaechinger Cantorey musiziert routiniert in schlanker Besetzung; das Solistenquartett der Aufnahme besteht aus Lenneke Ruiten, Anke Vondung, Benedikt Kristjánsson und Peter Harvey. Den glanzvollsten Part allerdings hat auf dieser CD die Orgel von Zacharias Hildebrandt, gespielt vom Organisten David Franke. Ein herrliches Instrument, und es ist immer wieder eine Freude, es zu hören. 

Donnerstag, 26. April 2012

Calmus Ensemble - Mythos 116 (Carus)

"Lieber Hörer", schreibt das Cal- mus Ensemble als Begleitwort im Beiheft zu dieser CD, "normaler- weise vermeiden wir bei der Planung von Konzerten und CDs das mehrfache Auftauchen dessel- ben Textes - bei der vorliegenden CD ist das Gegenteil der Fall. Warum? Als wir erstmals mit der Sammlung des Jenaer Kaufmanns Burckhard Großmann von 1623 in Berührung kamen, waren wir zustiefst beeindruckt von der Leidenschaft, mit der dieser Mann seinen Kompositionsauftrag in die Tat umsetzte." 
Burckhard Großmann (1575 bis 1637) war, um es genau zu sagen, Hofbeamter - 1602 wurde er Kanzleischreiber des Herzogs von Sachsen-Weimar, und später, ab 1616, war er als Amtsschösser in Jena und Burgau verantwortlich für die korrekte Berechnung und Betreibung der Steuern. Was Großmann damals erlebt hat, und welcher Art sein Gelübde war, das werden wir wohl nicht erfahren - doch sein Dankopffer, das er danach gebracht hat, liegt uns vor: Angst der Hellen / und / Friede der Seelen / Das ist / Der CXVI. Psalm Davids, durch etzliche vor= / nehme Musicos im Chur: vnd Fürstenthumb Sachsen / sehr künstlich vnnd ahnmutig vff den Text gerichtet, Mit V, / IV, III Stimmen componiret (...), im Druck erschienen 1623. 
Sechzehn etablierte Musiker hatte Großmann für dieses Projekt aus- gewählt, darunter waren Thomaskantor Johann Hermann Schein, Michael Praetorius, Rogier Michael und drei seiner Söhne, Christoph Demantius und Heinrich Schütz. Sie alle bat er schriftlich darum, Psalm 116 zu vertonen. Und im Vorwort berichtet er, dies geschehe "wegen einer sonderbahren grossen Wolthat / und wunderlichen Errettung Gottes / so er mir im Jahr 1616 recht nach dem 116. Psalm Davids / aus Väterlicher Gnade / Güte und Barmhertzigkeit erwie- sen"
Das Calmus Ensemble hat diese Sammlung nun für sich entdeckt - die Leipziger Sänger freuten sich, dass Großmann fünfstimmige Verto- nungen in Auftrag gegeben hat, und wählten für diese Einspielung die Werke "der beiden wohl bedeutendsten Komponisten" - Heinrich Schütz und Johann Hermann Schein - aus, dazu das Werk des Jenaer Kantors Nicolaus Erich. Außerdem beauftragten sie erneut zwei mitteldeutsche Komponisten, ihre Versionen hinzuzufügen. Der Leipziger Steffen Schleiermacher vertonte Psalm 116 in lateinischer Sprache. Er stellt dabei den Vers convertere anima mea in requiem tua in den Mittelpunkt, und deutet in seiner Musik ebenfalls stark den Text aus. 
Bernd Franke nannte die Form seiner Psalmvertonung, für die er auf Wunsch des Calmus Ensembles die englische Textversion nutzte, ein "variiertes Rondo". So gibt das Werk den Interpreten nicht nur die Freiheit, musikalische Motive relativ frei zu wiederholen, sie sollen sich dazu auch frei im Raum bewegen - was dazu führt, dass in jeder Aufführung seines Werkes andere Klänge entstehen. Außerdem wird nicht nur gesungen, sondern auch geflüstert, gesprochen und ge- schrien. Andere Zeiten, andere Ausdrucksmittel. 
Als Rahmen, der diese Kontraste abfängt, verwenden die Sänger die gregorianische Version des Psalms - und, o Zufall, es sind insgesamt 16 Teile geworden, die auf der CD zu hören sind. Das Calmus Ensemble singt erneut schön, aber leider nicht besonders ausdrucksstark. Dennoch vermittelt diese CD die Faszination, die vom Mythos 116 auch heute noch ausgeht.