Johann Adam Reincken (1643 bis 1722) stammte aus dem nieder- ländischen Deventer. Er war ein Schüler des Hamburger Organisten Heinrich Scheidemann, dessen Amtsnachfolger an der Katharinen- kirche er 1663 wurde. Insbesondere für seine Improvisationskunst war Reincken so berühmt, dass der 16jährige Johann Sebastian Bach von Lüneburg aus zu Fuß bis in die Hansestadt reiste, um den Meister zu hören.
Was die Organisten nicht nur der Norddeutschen Orgelschule seinerzeit wirklich gespielt haben, davon kann man sich heute nur noch schwer ein Bild machen, denn seinerzeit wurde wesentlich mehr improvisiert als heute. So nutzten die Musiker unter anderem die Vor- und Nachspiele zu den Gottesdiensten und auch die Präludien zu Kirchenliedern, um ihre Fingerfertigkeit und ihre musikalischen Fähigkeiten zu demonstrieren. Aufgeschrieben wurden Orgelstücke nur selten.
Diese CD öffnet ein Fenster in eine erstaunliche Klangwelt; vor allem die Toccaten lassen ahnen, wie kunstvoll Reincken einst improvisiert hat. Beim ersten Hören wirken sie wie impulsives Stegreifspiel – doch dann wird offenbar, mit welcher Raffinesse die Strukturen dieser Werke gestaltet worden sind.
Sonja Kemnitzer spielt auf einem Cembalo, das Lutz Werum 1998 nach einem Instrument von Johannes Ruckers aus dem Jahre 1624 angefertigt hat. Sie musiziert schwungvoll und virtuos, dabei aber zugleich immer durchdacht und präzise. Ob tänzerisch oder gravitätisch – Sonja Kemnitzer hat einen geradezu traumwandlerischen Sinn für Tempi und Affekte. So kommt auch in den Suiten keine Langeweile auf. Ein ganz besonderes Kabinettstück aber ist die Partita diverse sopra l'aria Schweiget mir vom Weiber nehmen; der Text, der auch andere Musiker wie Froberger inspiriert hat, findet sich im Beiheft abgedruckt. Man staune: Reincken hat mit Witz und einer schier überschäumenden Phantasie gleich 18 (!) Variationen über den Gassenhauer geschrieben, der auf recht drastische Weise das Lob des Junggesellendaseins singt.
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Dienstag, 6. Dezember 2016
Montag, 17. Februar 2014
Telemann: Violin Sonatas Frankfurt 1715 (MDG)
Georg Philipp Telemann (1681 bis 1767) überrascht immer wieder – schier unerschöpflich erscheint das Reservoir der Melodien, die der Komponist erschaffen hat. Und wenn man meint, man müsste doch so langsam seine Werke kennen, dann wird sich irgendwo erneut ein klingendes Wunderland auftun. „Während meine langjährigen Beschäftigung mit Telemanns Violinwerken bin ich immer wieder zu den Frankfurter Sona- ten zurückgekehrt“, berichtet Stephan Schardt. „Es wunderte mich, daß die Geiger diese geistrei- chen Sonaten weitgehend unbeachtet gelassen haben. Dabei sind sie Telemanns erstes gedrucktes Werk und die einzige Sammlung, die sie sich nicht mit den Flötisten teilen.“ Schardt hat die Frankfurter Sona- ten gemeinsam mit Elisabeth Wand, Violoncello, und Sonja Kemnit- zer, Cembalo, vielfach komplett in Konzerten vorgestellt. „Dabei hat sich die Qualität und Vielseitigkeit der Stücke erneut bestätigt, so daß wir uns zu dieser Ersteinspielung entschlossen haben.“
Das lohnt sich, ohne Zweifel. Wenn Bach der Anfang und das Ende aller Musik ist, dann steht Telemann für die breite Mitte. Seine Musik ist elegant und melodiös, sie bereitet dem Hörer ebenso Vergnügen wie den Musizierenden - besonders dann, wenn sie so gekonnt und inspiriert vorgetragen wird wie auf dieser CD. Unterschätzen sollte man die Stücke freilich nicht, das schreibt auch Schardt in dem sehr informativen Beiheft zu dieser CD: „Viele Geiger halten Telemanns Violinmusik für leicht, weil er exzessive Virtuosität ablehnte. Bei näherem Studium erweist sich das als großer Irrtum.“
Das lohnt sich, ohne Zweifel. Wenn Bach der Anfang und das Ende aller Musik ist, dann steht Telemann für die breite Mitte. Seine Musik ist elegant und melodiös, sie bereitet dem Hörer ebenso Vergnügen wie den Musizierenden - besonders dann, wenn sie so gekonnt und inspiriert vorgetragen wird wie auf dieser CD. Unterschätzen sollte man die Stücke freilich nicht, das schreibt auch Schardt in dem sehr informativen Beiheft zu dieser CD: „Viele Geiger halten Telemanns Violinmusik für leicht, weil er exzessive Virtuosität ablehnte. Bei näherem Studium erweist sich das als großer Irrtum.“
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