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Mittwoch, 15. Juni 2016

Bach - Hasse (Accent)

„Opposites attract“, steht als Motto über dieser CD. Es ist jedoch ein Irrtum, wenn man annimmt, dass den Leipziger Thomaskantor und den Dresdner Hofkapellmeister nichts verbindet. Auch wenn Johann Adolph Hasse (1699 bis 1783) seinen Ruhm in erster Linie der italienischen Oper verdankte, so stammte er doch aus einer norddeutschen Organisten- dynastie – und hat ohne Zweifel ebenfalls die dementsprechende Ausbildung erhalten. 
Wer sein Werk kennt, der weiß, dass Hasse ein exzellenter Cembalist gewesen ist. Zu Recht ist er berühmt für die Eleganz seiner Musik, die auf vordergründige Virtuosität verzichtet, aber dennoch höchst effektvoll Stimmen in Szene zu setzen versteht, und zudem die Klangfarben der verschiedenen Instrumente gekonnt zur Geltung bringt. 
Johann Sebastian Bach (1685 bis 1750) hatte sich um die Hofkapell- meisterstelle ebenfalls beworben. Den Kurfürsten konnte er aber nicht überzeugen: Er war weder katholisch, noch hätte er seinem Dienstherrn mit italienischen Opern aufwarten können – und Hasse brachte aus dem Süden obendrein noch Ehefrau Faustina Bordoni mit, seinerzeit eine der berühmtesten Sängerinnen Europas. Bach hingegen war niemals in Italien; allerdings kannte er die italienische Musik sehr gut, er hatte wichtige Werke gründlich studiert. 
Hasses Musik schätzte Bach durchaus; er fuhr sogar nach Dresden, um dort in der Hofoper „hübsche Liederchen“ zu hören, wie er Hasses Arien genannt haben soll. Blockflötist Stefan Temmingh und Countertenor Benno Schachtner haben nun auf einer CD die Musik der beiden Zeitge- nossen nebeneinander gestellt. Es erklingen Instrumentalmusik und Kantaten bzw. Arien aus Kantaten von Bach und Hasse. Diese Kombina- tion erweist sich durchaus als reizvoll, denn sie gibt den beteiligten Musikern – unter dem Namen The Gentleman's Band wirken noch Wiebke  Weidanz an Cembalo, Lautenclavier und Truhenorgel sowie Domen Marinčíč, Viola da gamba und Violoncello, mit – Gelegenheit, ziemlich unterschiedliche Facetten von Barockmusik aufzuzeigen. 
Dabei sind einige Entdeckungen zu verzeichnen; vor allem das bislang einzige bekannte Werk von Hasse für Solo-Blockflöte, eine Cantata per flauto gänzlich ohne Sänger, ist in der Tat spektakulär. Stefan Temmingh berichtet im Beiheft, dass ihn der Musikwissenschaftler Johannes Pausch darauf aufmerksam gemacht und ihm das Manuskript zugeschickt habe. Musiziert wird, wie bei dieser Besetzung nicht anders zu erwarten, brillant. 

Sonntag, 1. Juli 2012

Bach: French & English Suites (Oehms Classics)

"Prägende Ereignisse vergisst man nicht", berichtet Blockflötist Stefan Temmingh im Beiheft zu dieser CD. "So kann ich mich sehr genau an meine erste bewusste Begegnung mit Johann Sebastian Bach er- innern. Ich war ungefähr acht Jahre alt, als in meinem Eltern- haus eine CD mit den Concerti für drei und vier Cembali mit The English Concert unter Trevor Pinnock in meine Hände gelangte. Die Aufnahme schlug mich sofort in ihren Bann, und ich hörte sie mir stundenlang an. Damit begann meine Liebe für die Alte Musik und für Bach im Besonderen." 
Diese Liebe hat hier Frucht getragen: Temmingh hat gemeinsam mit Domen Marincic, Viola da gamba, und dem Lautenisten Axel Wolf Werke des verehrten Komponisten eingespielt. Schon der Blick auf die Besetzung zeigt: "Original"werke können es nicht sein, denn für Block- flöte, Gambe und Laute hat Bach nichts komponiert. Die Musiker setzten daher auf ein Verfahren, das Bach selbst auch gern und viel verwendet hat. Sie haben Stücke bearbeitet, beispielsweise die Engli- sche Suite Nr. 2 BWV 807, die Französischen Suiten Nr. 5 BWV 816, hier in C-Dur, und Nr. 3 BWV 814. Das greift die barocke Praxis auf, Cembaloliteratur umzuinstrumentieren, so dass sie mit Melodie- instrumenten gespielt werden kann. Es ist ihnen aber nicht durchweg überzeugend gelungen, zumal Blockflöte und Laute mit dem doch recht massiven Klang der Gambe nicht durchweg im Gleichgewicht sind. 
Zu hören sind zudem das Siciliano aus der c-Moll-Violinsonate BWV 1017 und Wachet auf, ruft uns die Stimme BWV 645 aus den Schübler-Chorälen, das sich als Orgelstück in seiner Dreistimmigkeit dazu geradezu anbietet.
Außerdem erklingen Versionen des Pedal-Exercitiums BWV 598 für Gambe solo, des Preludes BWV 1006a - diese Bearbeitung stammt ausnahmsweise einmal von Bach selbst - und auch der Fuge in g-Moll BWV 1000 für Laute solo. Eines muss man sagen: Wer sein Instru- ment so beherrscht, wie diese drei Musiker, der darf sich an solche Experimente wagen. Temmingh spielt einmal mehr furios - und selbst wenn einen vielleicht einmal eine Bearbeitung nicht ganz so begei- stert, so entschädigen Virtuosität und Leidenschaft, die das Trio hier aufbietet, voll und ganz dafür.