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Samstag, 5. Februar 2022

Tormenti d'Amore (Querstand)

 

Einen ganz besonderen Schatz präsentieren die Musiker des Ensembles Capella Jenensis unter der musikalischen Leitung von Gerd Amelung, gemeinsam mit dem Countertenor Philipp Mathmann: Musikalien, die Anton Ulrich von Sachsen-Meiningen bei seiner Reise nach Wien im Jahre 1724 für das Meininger Musikarchiv kopieren ließ. 

Aus dieser bedeutenden Kollektion von 107 Manuskripten mit insgesamt 297 Werken aus dem Wiener Musikleben jener Zeit sind einige Kompositionen auf dieser Doppel-CD zu hören, einige in Weltersteinspielung. So enthält das Programm vier Kantaten, von denen drei ausschließlich im Meininger Archiv überliefert worden sind. Außerdem erklingen zwei Sonaten Johann Adolf Hasses sowie zwei ebenfalls unter seinem Namen publizierte Sinfonien, bei denen Forscher jüngst feststellen konnten, dass sie der Kopenhagener Hofkapellmeister Paolo Scalabrini komponiert hat. 


Montag, 7. Mai 2018

Reutter: Arie & Sinfonie (Accent)

Johann Adam Joseph Karl Georg Reutter (1708 bis 1772) war offenbar ebenso fleißig wie begabt: Schon als 14jähriger vertrat er seinen Vater im Dienst – dieser war Dom- und Hoforganist in Wien, und man kann sich vorstellen, dass die Anforderun- gen, die der musikliebende und sachkundige Kaiser Karl VI. an seine Virtuosen stellte, nicht gerade gering waren. 
Dennoch befürwortete Hofkapell- meister Johann Joseph Fux (1660 bis 1741) die wiederholte Bewerbung des jungen Musikers um eine Hof- scholarenstelle nicht. Möglicherweise lag dies mit daran, dass Georg Reutter d.J. seinen Kompositionsunterricht beim Vizekapellmeister Antonio Caldara erhielt – und dass die ersten Werke, die der Bewerber bei Hofe vorgestellt hatte, dort mit großem Beifall bedacht worden waren. 
Wie auch immer - Reutter reiste 1729 erst einmal nach Italien. Nach seiner Rückkehr 1731 ernannte ihn der Kaiser zum Hofkomponisten. 1738 wurde der Musiker Amtsnachfolger seines Vaters, der mittlerweile zum Ersten Kapellmeister am Stephansdom aufgestiegen war. In dieser Position war er auch für die Sängerknaben verantwortlich. So holte Reutter Joseph Haydn nach Wien und sorgte für dessen musikalische Unterweisung. 
1740 wurde Reutter in den Adelsstand erhoben. 1746 machte Kaiserin Maria Theresia ihn zum Vize-Hofkapellmeister, sein Bereich war die Sakralmusik. Ab 1751 war Reutter faktisch für die gesamte Tafel-, Kammer- und Kirchenmusik zuständig, die er dazu unter abenteuerlichen Bedingungen pachten musste. Doch erst 1769 wurde er endlich Hofkapell- meister.  
Nach seinem Tode gelangte sein Nachlass über seinen Sohn, den Abt Marian, in das Archiv des Stiftes Heiligenkreuz. Auf dieser CD sind drei Werke aus diesen Beständen zu hören – eine Sinfonia in D-Dur, ein Concerto per il clarino sowie ein verträumter, fast schon klassisch schlichter Einzelsatz, der Pizzicato überschrieben ist. 
Komplettiert wird das Programm durch die Sinfonia in g-Moll aus La Betula Liberata, einer azione sacra, sowie durch ausgewählte Arien, die sich sämtlich dadurch auszeichnen, dass das Hackbrett bei der Begleitung der Singstimme einen wichtigen Part übernimmt. Das Salterio war damals groß in Mode, und am Wiener Hof gab es gleich zwei Virtuosen, die es exzellent spielten. Sängerin Olivia Vermeulen ist bei dieser Aufnahme im Dialog zu hören mit Elisabeth Seitz, die dieses in Vergessenheit geratene Instrument auf das Schönste wieder zum Erklingen bringt. Auch sonst ermuntert das Ensemble Nuovo Aspetto mit dieser CD zur Wieder- entdeckung eines Wiener Meisters, dem die Musikgeschichtsschreibung ziemlich übel mitgespielt hat. Die Aufnahme jedenfalls zeigt: Es lohnt sich! 

Samstag, 29. Oktober 2011

Haydn ...out of Hainburg (Gramola)

Das Ensemble Dolce Risonanza erwirbt sich zunehmend einen Namen durch Entdeckungen am Rande des üblichen Wiener Reper- toires. Das gilt auch für diese CD, eingespielt im September 2010 in der Stadtpfarrkirche Hainburg, unweit von Wien. 
Warum Hainburg an der Donau? Weil Joseph und wohl auch Mi- chael Haydn dort einen Teil ihrer Kindheit verbracht und ihre mu- sikalische Ausbildung begonnen haben. In Hainburg lebte Thomas Haydn, der Großvater der bekannten Musiker. Er gehörte zu den we- nigen Bürgern, die bei der Einnahme der kleinen Stadt 1683 durch die Türken nicht erschlagen oder verschleppt worden sind. Sein Sohn Mathias erlernte ebenfalls das Wagnerhandwerk, ging anschließend auf Gesellenreise, und ließ sich nach seiner Rückkehr in dem einige Kilometer entfernten Dorf Rohrau nieder. 
Enkel Joseph kam 1738 nach Hainburg, wo er beim Schulmeister wohnte und ersten Unterricht erhielt. "Ich verdanke es diesem Manne noch im Grabe, daß er mich zu so vielerley angehalten hat, wenn ich gleich dabey mehr Prügel als zu essen bekam", berichtete der Komponist später seinem Biographen über diese Jahre. Denn 1740 reiste Hofkapellmeister Georg von Reutter durch die Lande, auf der Suche nach talentiertem Chornachwuchs für den Stephansdom. So kam der achtjährige Haydn als Sängerknabe nach Wien; einige Jahre später folgte ihm sein Bruder Michael nach. Die Ausbildung, die beide dort erhielten, ermöglichte ihnen ein vergleichsweise sorgen- freies Leben; hungern jedenfalls mussten die Musiker nie wieder. 
Diese CD ist aber nicht nur den Haydn-Brüdern gewidmet; die Musiker um Florian Wieninger erinnern auch an einige ihrer Zeitgenossen - und das Programm, das wohl in erster Linie Wieninger zusammenge- stellt hat, erweist sich bald als sehr attraktiv. Es dominiert selbstver- ständlich die Orgel, ein ausgesprochen klangschönes Instrument aus der Werkstatt der Firma Pirchner, Steinach am Brenner, aus dem Jahre 1982. Sie beginnt mit einem Präludium nebst Fuge von Johann Georg Albrechtsberger (1736 bis 1809). Darauf folgt ein Salve Regina a quattro voci ma Soli, 2 Violini, Viola, Basso ed organo concertato von Joseph Haydn, ein melodienseliges Paradestück, hörenswert gesungen von Barbara Fink, Ida Aldrian, Daniel Johannsen und Klemens Sander. 
Die Sonata sexta K 366 von Johann Joseph Fux (1660 bis 1741) demonstriert exemplarisch, wie seinerzeit eine Triosonate in ein Orgelwerk verwandelt wurde - ein gängiges Verfahren, das Fux freilich besonders virtuos beherrschte. Nicht umsonst war er der Kompositionslehrer einer ganzen Musikergeneration. Sein Lehrwerk Gradus ad Parnassum schätzte auch Haydn sehr, und verwendete es seinerseits im Unterricht. 
Von Michael Haydn stammen Präludium, Versetten und Cadenza zum Magnificat V. toni, MH 176. Dieses Werk, das uns heute etwas sonderbar erscheint, beruht auf der klösterlichen Tradition, den gregorianischen Gesang der Mönche versweise mit einem kurzen Orgelstück abwechseln zu lassen, das erklingt, während der Priester den entsprechenden Text laut betet. Ah! Jesu recipe, MH 131, eine ziemlich umfangreiche Arie für Sopran, zwei Violinen, Bass und konzertierende Orgel zeigt gleich im Anschluss, dass der Komponist nicht nur meditative Musik, sondern auch virtuose Bravourstückchen zu schreiben verstand. 
Bekannt sind die Stücke für die Flötenuhr von Joseph Haydn; Organist Anton Holzapfel lässt es sich nicht nehmen, drei dieser hübschen Miniaturen vorzutragen. Die große Überraschung aber ist das Finale dieser CD - ein Concerto per l'organo con 2 violini e basso von Hof- kapellmeister Reutter. Instrumentalmusik muss in der katholischen Kirchenmusik einst breite Einsatzmöglichkeiten und große Bedeutung gehabt haben; sie verschwand jedoch aus dem Gottesdienst mit der Aufklärung, die Nüchternheit und Funktionalität forderte. Die belieb- testen Werke aber gingen nicht verloren; damals wurde aus so man- chem Orgel- ein Clavier-Konzert. Erkennbar ist ein solcher Wechsel aus dem sakralen in den profanen Raum oftmals daran, dass diese Stücke nicht den vollen Tonumfang ausnutzen, wie ihn Cembalo oder Hammerklavier anbieten. So wurde auch jenes bedeutende Werk Reutters als Orgelkonzert identifiziert, das im Archiv der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien aufgefunden wurde. 
Wieninger und den Musikern von Dolce Risonanza ist dafür zu dan- ken, dass sie mit dieser CD eine kirchenmusikalische Tradition vor- stellen, die außerordentlich reich gewesen sein muss, aber leider im Gottesdienst keinen Platz mehr hat. Die schönen Stücke sollten daher nun rege im Kirchenkonzert erklingen; sie sind eindeutig zu hochwer- tig dafür, ungespielt im Archiv einzustauben.