Sonntag, 31. Januar 2010

Bellezza Crudel - Tone Wik & Barokkanerne (2L)

Kantaten und Concerti von Antonio Vivaldi, eingespielt von dem norwegischen Ensemble Barokkanerne, einem professio-nellen Orchester, das sich auf Barockmusik spezialisiert hat und auf historischen Instrumenten musiziert.
Für diese CD haben die Musiker einige wenig bekannte Stücke herausgesucht. So ist nur Experten bekannt, dass unter den 324 Solo- konzerten, die Vivaldi geschrieben hat, lediglich zwei für Altblockflöte sind - ein Instrument, das damals häufig und ausgesprochen virtuos eingesetzt wurde - aber dafür 39 Konzerte für Fagott. Ein Kuriosum; denn von keinem anderen Komponisten dieser Zeit ist ein Fagott-Konzert überliefert.
Die vorliegende CD enthält sowohl ein Konzert für die Altblockflöte (RV 441) als auch eines für Fagott (RV 484), Streicher und Continuo - und somit zwei absolute Raritäten. Alexandra Opsahl und Per Hannis- dal spielen die Solopartien souverän. 
Tone Wik singt zudem vier Vivaldi-Kantaten. Die norwegische Sopranistin setzt ihre nicht übermäßig voluminöse, aber dafür sehr bewegliche Stimme beinahe instrumental ein. So liefert sie sich in der Kantate RV 678 All'ombra di sospetto ein faszinierendes Duett mit der Traversflöte von Torun Kirby Torbo. Es wird generell nicht spektakulär musiziert, aber fundiert und solide. Die Aufnahmen sind durchweg hörenswert.

Chopin Schumann Etüden - Ragna Schirmer (Berlin Classics)

Champagner und Schwarzbrot vereint diese CD - die prickelnden, hochvirtuosen Läufe von Frédéric Chopin und die ebenfalls extrem anspruchsvollen, aber weit weniger gefälligen Studien von Robert Schumann. Beide Musiker sind 1810 geboren, beide waren exzellente Pianisten, und beide versuchten, die Grenzen des Instrumentes kompositorisch und spieltechnisch zu erkunden. 
Ihre Zeitgenossen mochten dem nicht unbedingt folgen. So bezeichnete der Kritiker Ludwig Rellstab Chopins Etüden op.10 als Missgeburten, und empfahl, sie nur im Beisein eines Arztes aufzuführen. Und Clara Schumann zeigte sich von den "Etudes Symphoniques pour le Pianoforte" op. 13 ihres Mannes ebenfalls wenig angetan - wegen der hohen Schwierigkeiten der Etüden, die aber beim Publikum wenig Eindruck machten, und sich daher nicht zum Bravourstück eigneten. 
Aus den vielen Fassungen der Sinfonischen Etüden, die als Variatio- nen zu einem Thema von Ignaz Ferdinand Freiherr von Fricken entstanden sind, hat Ragna Schirmer einen Gesamtzyklus gestaltet. Berlin Classics präsentiert nun beide Etüdensammlungen auf einer CD. Eine brillante Idee, nicht nur des Jubiläums wegen, sondern auch deshalb, weil die Einspielungen musikalische Zusammenhänge aufzeigen, die man so nicht vermutet hätte. 
Schirmer macht deutlich, dass die rasanten Tonleitern und funkelnden Arpeggien Chopins den sanglicher und grüblerischer wirkenden Variationen Schumanns nicht nur in ihrer musikalischen Struktur mitunter ziemlich nahe stehen. 
Die halsbrecherischen Schwierigkeiten stellen die Wahl-Hallenserin an keiner Stelle vor Probleme. Souverän gestaltend reiht sie die Stücke aneinander, und lässt vergessen, dass sie in erster Linie zum Üben geschrieben wurden - und nicht fürs Konzertpodium.