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Dienstag, 19. Juni 2018

Ghosts - Chopin Preludes Op. 28 (Challenge)

Nino Gvetadze hat für Challenge Classics Werke von Frédéric Chopin (1810 bis 1849) eingespielt. Ausgewählt hat sie dafür neben den Préludes op. 28 die Étude in es-Moll op. 10 Nr. 6, drei Walzer sowie das Scherzo Nr. 2 in b-Moll op. 31. 
Die Préludes deutet sie als klingende autobiographische Zeugnisse: „Trough the medium of these works, he revealed his deepest fears and sorrows, but also the beauty and integrity of his heart“, schreibt die georgische Pianistin in einem Geleitwort, das im Beiheft nachzulesen ist. 
Ihr Programm sieht sie als eine „Geisterreise“; mich würde allerdings etwas weniger Poesie im geschriebenen Text und dafür mehr im Klavierspiel sehr erfreuen. Sobald der Notentext etwas dichter wird, vermisse ich bei dieser Einspielung Klarheit und Struktur. Insbesondere die linke Hand liefert für mein Empfinden zuviel Geisterschweben im Ungefähren. Schade! 

Freitag, 16. März 2018

Karlrobert Kreiten - Historical Recordings (Avi-Music)

Diese CD stellt einen Pianisten vor, dessen künstlerische Laufbahn brutal ein Ende fand: In der Nacht vom 7. zum 8. September 1943 wurde Karlrobert Kreiten in Berlin-Plötzensee hingerichtet. 
Der junge Musiker hatte unter dem Eindruck von Stalingrad in einem privaten Gespräch Hitler als einen Wahnsinnigen bezeichnet, dessen Bild man besser von der Wand abnehmen sollte. Der Krieg, so Kreiten, sei praktisch schon verloren – und er werde zum vollständigen Untergang Deutschlands und seiner Kultur führen. 
Eine Freundin seiner Mutter zeigte Kreiten an. Er wurde wenig später von der Gestapo verhaftet und wegen Wehrkraftzersetzung und Feindbegünsti- gung zum Tode verurteilt. Nicht einmal durch Gnadengesuche und durch Interventionen berühmter Kollegen, wie Wilhelm Furtwängler, ist es gelungen, ihn zu retten. 
Bei der Vorbereitung auf ein Gedenkkonzert zum hundertsten Geburtstag von Karlrobert Kreiten im Jahre 2016 fand Tobias Koch einige bislang unbekannte Tonaufnahmen des Pianisten. Auch wenn der technische Zustand der meisten dieser Aufzeichnungen offenbar unglaublich schlecht war, ist es Karsten Lehl, der Restauration und Mastering übernommen hat,  doch gelungen, Erstaunliches wieder hörbar zu machen. 
Es sind private Aufnahmen, und Tobias Koch räumt ein, dass Kreiten selbst mit dieser Veröffentlichung kaum einverstanden gewesen wäre. „Wir haben uns dennoch dazu entschieden, denn hinter dem aufnahmetechnischen Schleier der behutsam restaurierten Aufnahmen verbirgt sich eine hochsensible jugendliche Meisterschaft, die in ihrer ebenso strukturbewussten wie schwerelosen Gestaltungskraft damals wie heute zugleich überrascht wie überwältigt“, schreibt Koch. Mein ganz persönlicher Favorit auf dieser CD ist Othmar Schoecks Toccata op. 29 Nr. 2 – ganz große Klavierkunst, noch heute atemberaubend. 
Es erklingt sogar die Stimme Karlrobert Kreitens, in unverkennbar rheinischem Tonfall. Der Pianist kam in Bonn zur Welt; aufgewachsen ist er in Düsseldorf, wo er als Zehnjähriger in der Tonhalle debütierte. Bekannt wurde Karlrobert Kreiten, als er 1933 beim Internationalen Klavierwettbewerb in Wien als einer der jüngsten Teilnehmer mit einer silbernen Ehrenplakette ausgezeichnet wurde. Kurz darauf gewann er in Berlin den Mendelssohn-Preis. 
Der junge Pianist studierte in Köln und in Wien, und lernte dann von 1937 bis 1940 in der Berliner Meisterklasse von Claudio Arrau. Er gab zahl- reiche Konzerte; so musizierte er zweimal mit den Berliner Philharmoni- kern. „Karlrobert Kreiten war eines der größten Klaviertalente, die mir persönlich je begegnet sind“, urteilte sein Lehrer noch viele Jahre später. „Er hatte eine erstaunliche Leichtigkeit, es gab keine Schwierigkeiten für ihn; was er machte, hatte immer einen musikalischen Sinn. Er war immer ein Künstler, nicht ein Virtuose.“ 

Donnerstag, 15. Februar 2018

Mozart: Piano Concertos Nos 23 & 27; Pressler (Cavi Music)

Der Pianist Menahem Pressler, Jahrgang 1923, ist ein Phänomen. Nachdem er jahrzehntelang vor allem mit dem Beaux Arts Trio erfolgreich musiziert hatte, wurde er nach der Auflösung des Klaviertrios im Jahre 2008 zu einem weltweit ebenso gefragten Solisten. 
Seine Konzerte gestaltet er mit der Weisheit des Alters: „Wenn ich heute spiele, spiele ich ja nicht mehr für den Erfolg“, zitiert das Beiheft zu dieser CD den Pianisten. „Wenn ich spiele, dann um mit meinem Publikum die Liebe zu den Werken, die ich empfinde, zu teilen. Und ich spiele nur die Werke, die ich liebe. Ich akzeptiere nicht, was ich nicht üben möchte – oder man könnte sogar sagen: was ich nicht kann.“ 
Ein schönes Beispiel dafür ist auf dieser CD zu hören. Es handelt sich um Mitschnitte von Konzerten, die Pressler im Mai und im Dezember 2016 in Magdeburg gegeben hat – jener Stadt, in der er einst das Licht der Welt erblickte. Gemeinsam mit der Magdeburgischen Philharmonie spielte er unter Leitung von Generalmusikdirektor Kimbo Ishii zwei Klavierkonzerte von Wolfgang Amadeus Mozart – im Mai das B-Dur-Konzert KV 595, das letzte aus Mozarts Feder, und im Dezember dann das Klavierkonzert A-Dur KV 488. Als Zugaben spielte Menahem Pressler La Cathédrale engloutie aus aus den Préludes von Claude Debussy sowie ein Nocturne und eine Mazurka von Frédéric Chopin. 
Und man muss sagen: Beeindruckend! Pressler gestaltet jede einzelne Phrase, jede Passage durchdacht und mit unbeschreiblicher Finesse. Und trotz seines hohen Alters – bei dem zweiten Konzert in Magdeburg, am 16. Dezember 2016, feierte Pressler seinen 93. Geburtstag – bietet dieser Pianist nicht Technik und Routine, sondern tiefe Empfindung, Innigkeit, ein Klavierspiel, frei von jeder Eitelkeit und Oberflächlichkeit. Unbedingt anhören - einzigartig! 

Montag, 12. Februar 2018

Viaggio nel tempo (Gramola)

Einer Kontrabassisten-Dynastie, die bereits über vier Generationen reicht, gehört Ernő Rácz an. Der Musiker, der aus Ungarn stammt, ist Solo-Kontrabassist des Tonkünstler-Orchesters Niederösterreich. Auf dieser CD entführt er gemeinsam mit Pianistin Veronika Trisko den Hörer auf eine musikalische Zeitreise. Sie beginnt im 17. Jahrhundert mit einer Sonate in g-Moll von Henry Eccles, ursprünglich für Violine komponiert, die aber ebenso gern von Kontrabassisten gespielt wird. Auch das Arioso aus der Kantate Ich steh mit einem Fuß im Grabe BWV 156 von Johann Sebastian Bach gehört zu jenen Stücken, die Musiker wie Publikum sehr schätzen – hier in Kontrabass-Version. 
Nächste Station der Zeitreise: Die Tageszeiten-Sinfonien Hob. I/6-8 von Joseph Haydn, mit ihren anspruchsvollen Kontrabass-Soli. Attraktive Solo-Parts finden sich zudem in den Sinfonien Nr. 31 Mit dem Hornsignal und Nr. 72 Jagd. Auf CD zu hören waren solche Ausschnitte bislang noch nicht; Rácz demonstriert damit eindrücklich, dass ein Kontrabass weit mehr sein kann als nur Fundament des Orchesters. 
Dass auch ein Nocturne von Frederic Chopin in einer Kontrabass-Bear- beitung sehr apart klingen kann, zeigt Rácz danach. In seinem Spiel vereint er Virtuosität und Ausdruck. Das unterstreichen auch die nach- folgenden Originalwerke, so vier Stücke von Serge Koussevitzky, und Extrème von Lajos Montag. Kicho komponierte Astor Piazzolla speziell für einen Freund, den Kontrabassisten Enrique „Kicho“ Díaz, der als einer der herausragenden Tango-Interpreten seiner Zeit galt. Die Kontrabass-Zeitreise endet in der Gegenwart, mit vier Werken aus Jelek, játékok és üzenetek für Kontrabass solo von György Kurtág. 

Montag, 1. Januar 2018

Chopin: Valses (Gramola)

Frédéric Chopin gilt neben Johann Strauss (Vater) und Joseph Lanner als einer der „Väter“ des modernen Walzers. Während die Melodien der beiden Wiener Komponisten in erster Linie das tanzende Publikum auf Bällen unterhalten sollten, ent- zückten Chopins Werke allerdings die Zuhörer in den Pariser Salons. 
Der bulgarische Pianist Martin Ivanov, geboren 1990 in Plovdiv, hat für sein Debüt-Album eine Auswahl dieser Perlen der Klavierliteratur zusammengestellt. Neben den heiteren und brillanten Walzern in Dur-Tonarten berücksichtigte er auch fünf Werke in Moll-Tonarten, die stärker durch die für Chopin charakteristische Melancholie geprägt sind. 
Das aber sollte grundsätzlich nichts daran ändern, dass diese Stücke in erster Linie Walzer sind, und auch als solche gespielt werden müssen. Bei aller Virtuosität sollte doch der Tanz erkennbar bleiben; und ein Rubato setzt ein Grundtempo voraus. Es vollends gefühlig verschwimmen zu lassen, wird dem Werk Chopins meiner Ansicht nach nicht gerecht. Tut mir leid, aber diese Einspielung zeigt mir zu viel Streben nach Ausdruck und Originalität, und zu wenig Ringen um die musikalische Substanz. Meinen Geschmack trifft Ivanov nicht. 

Montag, 12. Juni 2017

Claire Huangci - A Chopin Diary (Berlin Classics)

Werke von Frédéric Chopin waren für Claire Huangci stets besondere Begleiter auf ihrem künstlerischen Weg. Das Wunderkind wuchs mit ihnen auf, und schätzt sie noch immer. „Seine Musik ist so ehrlich, so direkt, und auch so freimütig, dass man sich ihr einfach nicht entziehen kann“, schreibt die Pianistin im Beiheft zu ihrer jüngsten Veröffentlichung: Auf zwei CD hat Claire Huangci die 21 Nocturnes des Komponisten eingespielt. Dieses Programm ergänzte sie um das Nocturne Oubliée in cis-Moll und um die Étude in cis-Moll op. 26 Nr. 7, die sie gemeinsam mit dem Cellisten Tristan Cornut vorträgt. 
Die amerikanische Pianistin präsentiert sich als ausdrucksstarke Chopin-Interpretin. „Es verwundert mich immer wieder, dass eine scheinbar einfache Folge von Noten so eine Fülle von Emotionen auslösen kann“, schreibt die Musikerin. „Der Zauber ist für mich komplett, wenn ich merke, wieviele unterschiedliche Gefühle bei diversen Menschen ein Werk verursachen kann.“ 
In ihrem „Chopin-Diary“ deutet Claire Huangci an, wie sie selbst diese Klänge wahrnimmt. Dazu hat sie jedem Nocturne Chopins Gedichtzeilen seiner Zeitgenossen zugeordnet; leider kann man sie im Beiheft nur im französischen Original sowie in englischer Übersetzung nachlesen. Wer keine dieser beiden Sprachen versteht, der hat in diesem Falle das Nachsehen. 
Und die Musik? Sie lässt mich an einen lauen Sommerabend denken, wo nach einer langen Dämmerung allmählich der Mond aufgeht. Man sitzt einsam am Steg, genießt die Wärme, die nächtliche Ruhe und die Einsamkeit. Die Wellen plaudern leise, und die Mücken stechen heute andernorts – kurz und gut: Es sind Klänge voll Poesie, technisch perfekt vorgetragen, mit berückender Phrasierung, wohldosierten Rubati und, ja, auch mit ein klein wenig Flitter. Claire Huangci ist hier ein großer Wurf gelungen. 

Dienstag, 30. Mai 2017

Short Stories (Genuin)

Den sogenannten Encores widmete Mark Schumann seine Debüt-CD bei Genuin. Gemeinsam mit dem Pianisten Martin Klett hat der Cellist eine Auswahl jener kurzen Stücke eingespielt, die heute typischerweise als Zugaben nach einem Konzert erklingen. 
Mit dieser Aufnahme zeigen die beiden Musiker, dass die kleinen Musikstücke deutlich mehr Potential haben: „In vielen kurzen Werken findet sich jedoch weit mehr, wenn man sich nur die Zeit nimmt, genauer hinzusehen, respektive zu hören. Manch schlicht Melodie entpuppt sich so in ihrer zwingenden Einfachheit als Brennglas, das den Blick für die Wahrheit und Schönheit des Seins schärft“, meint Mark Schumann. „In gleichem Maße erzählt auch manch virtuoser Cellospielertrick weit mehr, als es der Grad an sportlicher Betätigung auf dem Instrument vermuten lässt.“ 
Und so zeigen die beiden Musiker auf dieser CD, dass Ausdruck und Virtuosität durchaus kein Widerspruch sein müssen. Von Niccolò Paganini bis zu Carl Davidoff, von Joseph Haydn bis zu Gabriel Fauré und von Fritz Kreisler bis zu David Popper reicht das Programm, und vom elegischen Chopin-Nocturne bis zum rasanten spanischen Tanz. 
Die Wahl des Titels ist keineswegs Zufall. Mark Schumann erzählt mit seinem Cellospiel in der Tat Kurzgeschichten. Dazu haben die beiden Musizierpartner jedes dieser kleinen Stücke mit großer Sorgfalt gearbeitet. So sind feinste Nuancen möglich. Nicht umsonst heißt es, das Violoncello sei das Instrument, das der menschlichen Stimme am nächsten komme. Entstanden ist ein Album für Genießer, mit schön geführten Linien, faszinierenden Klangfarben, sehr viel Abwechslung, und gelegentlich auch einem charmanten Augenzwinkern. Meine Empfehlung! 

Dienstag, 16. Mai 2017

Ivan Moravec - Twelfth night recital (Supraphon)

„Dieser junge Mann braucht meine Stunden nicht, er muss nur spielen“, soll Arturo Benedetti Michelangeli einst gesagt haben, nachdem er den jungen Ivan Moravec zu einem Meisterkurs eingeladen hatte. Wer den Prager Pianisten schätzt, oder ihn überhaupt noch nicht gehört hat, dem sei an dieser Stelle eine außer- gewöhnliche Aufnahme empfohlen. Es ist der Mitschnitt eines Konzertes, das Moravec 1987 im Prager Rudolfinum gegeben hatte. 
28 Jahre lang lagen die Bänder unge- nutzt im Archiv von Supraphon. Irgendwann wunderte sich ein Mitarbeiter des Labels darüber, erfährt man aus dem Beiheft. Er prüfte die Aufnahme, und fand sie technisch einwand- frei, und künstlerisch rundum überzeugend. Glücklicherweise ist es ihm mit beharrlichem Einsatz gelungen, Professor Moravec dazu zu bewegen, die Erlaubnis zur Veröffentlichung des Mitschnittes zu erteilen. 
Wenige Tage, nachdem der Pianist zugestimmt hatte, ist er dann gestorben. So erschien die Aufnahme, die eigentlich als Geschenk zu seinem 85. Geburtstag vorgesehen war, letztendlich als musikalischer Nachruf auf einen Musiker, dem es um Wahrhaftigkeit ging, und nicht darum, ein Star zu sein. 
Ivan Moravec war überaus selbstkritisch und sehr zurückhaltend bei der Freigabe von Aufnahmen und Konzertmitschnitten. Entsprechend schmal ist seine Diskographie. Das macht diese Doppel-CD umso wertvoller, zumal der Pianist selbst anmerkte, er habe manche der Werke nie besser aufgenommen, als sie an diesem 6. Januar 1987 zu hören waren – in einem ganz normalen Abonnementkonzert. 
Auf dem Programm standen Musikstücke, die Konventionen in Frage stellten, unter anderem die Chromatische Fantasie und Fuge BWV 903 von Johann Sebastian Bach, eine Klaviersonate von Wolfgang Amadeus Mozart, die Mondscheinsonate op. 27 von Ludwig van Beethoven – mit dem Untertitel „quasi una fantasia“, nicht nur formal seinerzeit ein kühnes Experiment – sowie Werke von Frédéric Chopin. Als Zugabe spielte Moravec zudem noch Clair de lune aus der Suite bergamasque von Claude Debussy. 
Das Klavierspiel von Ivan Moravec ist ein Ereignis; er musiziert gänzlich uneitel, auf der Suche nach dem Kern eines jeden Werkes, und nach dem angemessenen Ausdruck, dabei überhaupt nicht interessiert an vorder- gründiger Virtuosität und Brillanz. Seine exzellente Technik war für den Pianisten ein Werkzeug, Mittel zum Zweck, und nichts, was er stolz der Welt präsentieren wollte. Was er mit dieser Haltung und mit beharrlicher Arbeit am Detail erreichte, das ist atemberaubend. In seiner Interpretation wird jede Passage zu purer Poesie; jede Tonleiter wirkt beseelt, und noch die banalste Wendung hat plötzlich ein Ziel. Ganz große Klavierkunst. 

Dienstag, 25. August 2015

Beethoven - Schubert - Chopin. Menahem Pressler (BIS)

Menahem Pressler ist unter Musik- freunden eine Legende. Geboren wurde er 1923 als Max Pressler in Magdeburg; nach der Reichskristall- nacht 1938 gelang ihm gemeinsam mit seinen Eltern die Flucht aus Deutschland. 1940 ging er in die USA; 1946 gewann er den Debussy-Klavierwettbewerb in San Francisco. Das wurde der Auftakt für ein musikalisches Lebenwerk, wie es beeindruckender kaum sein könnte. Denn 1955 gründete Pressler das legendäre Beaux Arts Trio, dessen Pianist er bis zur Auflösung des Ensembles im Jahre 2008 war. Seit 60 Jahren unterrichtet er mit Hingabe junge Musiker. Er lehrt weltweit in Meisterklassen, und wirkt als Juror bei internationalen Klavierwettbewerben. Er gibt zudem noch immer Konzerte; so gastierte er 2014 erstmals bei den Berliner Philharmonikern. 
Im Jahre 2012 hat er zwei große Sonaten – die Klaviersonate op 110 von Ludwig van Beethoven und die Klaviersonate in B-Dur D 960 von Franz Schubert – für BIS eingespielt. Letztere war Schuberts letztes Instrumen- talwerk überhaupt. Diese beiden Werke komplettiert Pressler mit dem Nocturne cis-Moll von Frédéric Chopin, Musik von einer subtilen Melancholie, die der Pianist allerdings nicht betont in den Mittelpunkt rückt. Sein Klavierspiel erscheint überhaupt wie aus einer anderen Welt: Pressler beeindruckt durch Gelassenheit. Nicht Artistik, sondern Ausdruck und Tiefe sind ihm wichtig; und so entstehen besondere, ja, magische Momente – faszinierend, bewegend, hinreißend.  

Dienstag, 10. März 2015

Grigory Sokolov (Melodija)

Aufnahmen mit dem russischen Pianisten Grigory Sokolov sind Raritäten. Der Musiker, der als derzeit weltbester Pianist gilt, hat schon sehr lange keine Studio- aufnahmen mehr gemacht, und auch Live-Mitschnitte sind nicht besonders viele verfügbar. Das russische Label Melodija hat nun seine Schatz- kammern geöffnet – und einige dieser Aufzeichnungen aus den Archiven geholt. Darunter befindet sich auch ein ganz besonderes Tondokument: Aufnahmen jenes Konzerts, mit dem Sokolov seinerzeit 1966 im Alter von nur 16 Jahren die Goldmedaille des Tschaikowski-Wettbewerbs gewann. Er spielte damals die Etüde op. 25, Nr. 11 von Frédéric Chopin und die Etüde op. 8, Nr. 10 von Alexander Skrjabin. Die beiden CD enthalten zudem einen Mitschnitt von Schumanns Carnaval op. 9 aus dem Jahre 1967, Schuberts a-Moll-Klaviersonate D784 sowie eine weitere Chopin-Etüde und eine Mazurka, aufgezeichnet 1969, dazu Skrjabins Sonate Nr. 9, op. 68, Fragmente aus dem Ballett Petruschka von Igor Strawinsky, sowie die Klaviersonaten Nr. 7 und 8 von Sergej Prokofjew. 
Auch wenn Sokolov heute noch wesentlich klarer strukturiert – seine unentwegte Suche nach dem Kern eines jeden Werkes, nach der ange- messenen Interpretation ist bei diesen frühen Aufnahmen bereits zu spüren. Es ist sehr erfreulich, dass man diesem grandiosen Pianisten in Zukunft (hoffentlich!) öfters zuhören kann. Einige seiner Konzertauftritte von seiner Studienzeit bis hinein in die 80er Jahre jedenfalls sind nun auf diesen beiden CD zu erleben.

Samstag, 24. Januar 2015

Sokolov - The Salzburg Recital (Deutsche Grammophon)

„Grigory Sokolovs Klavierspiel bewegt sich mehr und mehr im intergalaktischen Raum. Längst ist der russische Pianist sein eigenes Universum“, urteilten die „Salzburger Nachrichten“ über das Konzert, das er im Sommer 2008 bei den Salzburger Festspielen gegeben hat. Der Mitschnitt ist nun bei der Deutschen Grammophon erschienen. Das Unternehmen teilte jüngst mit, der Musiker habe im Oktober 2014 einen Vertrag mit dem Label unterzeichnet. 
Beides löst großes Erstaunen aus – denn Sokolov ist bekannt für seinen rigiden künstlerischen Anspruch. So tritt er schon seit Jahren nicht mehr mit Orchestern auf, weil er die üblichen Probenzeiten als unzureichend empfindet. Er spielt ausschließlich Solo-Abende, und nur 70 Konzerte pro Jahr. Jeweils im Januar und Oktober wechselt er das Repertoire. Die letzte Aufnahme eines Konzertes mit Grigory Sokolov ist 1996 erschienen; sie war bereits 1992 aufgezeichnet worden. 
Sokolovs Manager hat allerdings veranlasst, dass einige Konzerte des Pianisten mitgeschnitten wurden – zum einen, um seine Kunst für die Nachwelt zu dokumentieren, zum anderen in der Hoffnung darauf, dass der Künstler sie eines Tages für eine CD-Veröffentlichung freigeben wird. Mit der Deutschen Grammophon scheint Sokolov nun ein Label gefunden zu haben, das zu seinen Ideen passt. Die vorliegende CD sei „ein Statement“, so das Unternehmen: „Seine Alben werden ausschließlich Live-Auftritte wiedergeben. Kein Stück spielt er zweimal auf die gleiche Weise. Daher werden die Aufnahmen auch nicht bearbeitet. Sie sind, wie sie sind. Einmalig. Glücklicherweise kann sich Sokolov mit dem Gedanken anfreunden, diese einmaligen Erlebnisse einer größeren Hörerschaft zugänglich zu machen.“ 
„Sokolov – The Salzburg Recital“ gibt einen Vorgeschmack auf all die phantastischen Konzerte, die in Zukunft zumindest auf CD zu erleben sind, wenn man nicht zu den Privilegierten gehört, die es sich leisten können, dem Pianisten hinterherzureisen. In Salzburg spielte Sokolov zunächst die zwei Sonaten in F-Dur von Wolfgang Amadeus Mozart KV 280 und 332. Da ist nichts Hübsches, Oberflächlich-verspieltes zu vernehmen; Sokolov interpretiert Mozarts Werke mit großer Sorgfalt, Klarheit und Intensität. Und man staunt, wie nahe diese Musik plötzlich Beethovens Klavier- sonaten ist – das ist nicht das galante Rokoko, das ist schon fast Wiener Klassik, mit ihrer ganzen Ausdruckstiefe. 
In den 24 Préludes op. 28 von Frédéric Chopin begeistert Sokolov mit einer schier überwältigenden Palette an Klangfarben. Auch die beiden Chopin-Mazurken, die der Pianist im Anschluss als Zugaben spielt, gestaltet er mit höchster Präzision und schier unglaublichen Nuancen. Sokolov eilt nicht, seine Tempi sind so gewählt, dass jede Phrase perfekt erklingt und wirken kann. Das ist faszinierend, ja, das hat magische Kraft; so möchte man diese Musik immer und immer wieder hören. 
Zu den sechs (!) Zugaben gehören zudem zwei rätselhaft-flüchtige Poèmes von Alexander Scriabin und das reich ausgezierte Les Sauvages aus den Nouvelles Suiten de pièces de clavecin von Jean-Philippe Rameau. Sokolov beendet das Programm mit dem Choralvorspiel Ich ruf zu dir, Herr Jesu Christ aus Johann Sebastian Bachs Orgelbüchlein. Da bei diesem Piani- sten nichts Zufall ist, mag man das als Botschaft verstehen. Es gibt eben keine virtuose Turnübung, keinen brillanten Kehraus zum Finale. Auch das ist große Kunst. Auf die nächsten Konzert-Mitschnitte mit Grigory Sokolov jedenfalls darf man bereits sehr gespannt sein. 

Donnerstag, 8. Januar 2015

Lars Vogt - Chopin (Avi-Music)

„Vielleicht hat er das Klavier gewählt, weil es ein Instrument ist, wo man auch für sich singen kann“, sinniert Lars Vogt über Frédéric Chopin. „Wenn man das vokal machen würde, müsste man immer etwas nach außen singen. Das Klavier ist vielleicht sogar noch einen Schritt intimer.“ Lars Vogt, Pianist, Professor für Klavier an der Musikhochschule Hannover, Dirigent und zudem künstlerischer Leiter des Kammermusikfestes „Spannungen“ in der Eifel, hat sich einen lang gehegten Wunsch erfüllt, und Musik des polnisch-französischen Komponisten eingespielt. Es ist, meint der Pianist, nicht in erster Linie virtuose, sondern emotionale Musik. Und so bemüht sich Vogt weniger darum, Strukturen aufzuzeigen: „Es ist schon toll, sich in den Sog dieser Musik voll reinzugeben, durchaus auch darin zu zerfließen, dieses Gefühl ganz zuzulassen“, erläutert der Musiker in einem Interview im Beiheft. „Sich wirklich in absinkende Phrasen hineinzugeben und die Aufschwünge auch ganz persönlich zu erleben. Man muss sich identifizieren. Nicht zuviel Distanz!“ 
Mit Verlaub, aber hier scheint mir der Künstler im Irrtum. Denn der Musiker ist, wenn er an sein Instrument tritt, eher ein Medium, ein Vermittler; das Gefühl soll beim Publikum entstehen. Poesie aber erwächst aus Präzision, aus tiefgründiger Analyse, Überlegung und aus exakt austarierter Interpretation. Vogts Chopin ist zwar gefühlig, aber leider kein bisschen poetisch. Und das ist wirklich schade. 

Samstag, 3. Januar 2015

Chopin: Complete Etudes; Rittner (MDG)

„Die technische Fertigkeit, die Präzision eines Automaten, wird jetzt als das Höchste gepriesen und gefeiert“, so schrieb einst Heinrich Heine. „Wie Heuschreckenscharen kommen die Klaviervirtuosen jeden Winter nach Paris, weniger um Geld zu erwerben, als vielmehr um sich hier einen Namen zu machen, der ihnen in anderen Ländern desto reichlicher eine pekuniäre Ernte verschafft.“ 
Wer Klavier spielen lernt, der übt dieses an Trainingsstücken, soge- nannten Etüden, die üblicherweise dafür komponiert worden sind, dem Schüler jeweils über eine bestimmte technische Klippe zu helfen. Das können Werke großer Meister sein, ein gutes Beispiel dafür gibt Clementis Gradus ad parnassum. Es können aber auch peinliche Klimpereien sein, die man absolviert, wie man Turn- übungen eben hinter sich bringt. 
Frédéric Chopin gehörte zu den ersten Musikern, die Etüden öffentlich spielten. Eine neue Gattung entstand – die Konzertetüde, mit der ein Solist seine technische Meisterschaft demonstrieren kann. Chopin allerdings versah seine Werke obendrein mit einem Fünkchen Poesie, und begeisterte damit sein Publikum in den Pariser Salons. All seine Nachfolger, und davon gab es eine Menge, mussten sich an diesem Vorbild messen lassen. 
Hardy Rittner hat sämtliche Etüden Chopins bei Dabringhaus und Grimm eingespielt. Das schließt auch die Trois nouvelles Etudes von 1893 mit ein; sie sind offenbar für den Unterricht entstanden und längst nicht so eindrucksvoll wie ihre brillanten Schwestern, die Etudes op. 10 und op. 25. Diese lässt Rittner funkeln und leuchten; er scheut kein Pathos, und kann auch zupacken, wo dies angebracht ist. Obwohl Chopin die Instrumente von Pleyel bevorzugte, hat Rittner für diese Einspielung einen Flügel des Wiener Klavierbauers Conrad Graf aus dem Jahre 1835 ausgewählt. Ein baugleiches Instrument hatte Chopin während seiner Aufenthalte in Wien gespielt und sehr gelobt. Und noch ein anderes Argument, so Rittner, spricht für den ausgewählten Flügel: „Seine dynamische Bandbreite, die trotz der konservativen Bauweise überraschend viel Brillanz und Klangvolumen ermöglicht“, erläutert der Pianist. „Gleichzeitig lassen sich durch das Vorhandensein eines Moderator- sowie Doppel-Moderator-Pedals, worüber viele andere Instrumente dieser Zeit schon lange nicht mehr verfügen, auch zarteste Farben höchst individuell gestalten.“

Mittwoch, 3. Dezember 2014

Winterreise; Biesemans (Genuin)

Auf dieser CD frönt Els Biesemans gleich drei Steckenpferden. Da ist zum einen ihr Interesse für histori- sche Klaviere und ihren ganz speziellen Klang. Dazu kommt ihr Faible für Franz Liszt, den sie sowohl als Komponisten als auch als Persön- lichkeit faszinierend findet. Und deutlich spürbar ist zudem ihre enor- me Begeisterung für das romantische Repertoire, insbesondere die Lieder: „Das wunderbare Zusammenspiel von poetischen Texten, Melodien und Klavierbegleitungen hat mich immer sehr berührt“, schreibt die belgische Pianistin in dem außerordentlich lesenwerten Beiheft. „Die Entdeckung der Liedbearbeitungen gab mir die Möglichkeit, auch allein ohne Sänger in diese Welt einzutauchen.“ 
So hat sie nun, nach ihrem viel beachteten Debüt mit Fanny Hensel-Men- delssohns Klavierzyklus Das Jahr bei Genuin eine CD mit Lied-Transkrip- tionen von Franz Liszt vorgelegt. Im Mittelpunkt dieser Aufnahme stehen seine Versionen von zwölf Lieder aus Franz Schuberts Winterreise, er- gänzt um das brillante Auf dem Wasser zu singen sowie weitere Liedbear- beitungen nach Werken von Felix Mendelssohn Bartholdy und Frédéric Chopin. 
Schuberts Werke schätzte Liszt offenbar sehr. „Von den etwa 150 Lied-Transkriptionen, die Liszt für Klavier solo anfertigte, betreffen nicht weniger als 55 Nummern Schubert-Lieder“, berichtet Biesemans. „Man bekommt den Eindruck, dass er aus den 24 Liedern der Winterreise genau die Lieder ausgewählt hat, in denen er am trefflichsten sein eigenes Leben spiegeln konnte. Der Wanderer, der die Natur durchstreift, ist auch Symbol für das Leben als herumreisender Konzertvirtuose.“ 
Bei seinen Liedtranskriptionen legte Liszt besonderen Wert auf den Aus- druck. Eine notengetreue Übertragung genügte ihm dazu nicht. So inter- pretiert er den Textinhalt mit pianistischen Mitteln, wozu er durchaus auch den Tonumfang des Flügels ausnutzt. Allzu virtuose Einfälle allerdings, wie man sie von den für Konzerte komponierten Opernparaphrasen gewohnt ist, vermeidet Liszt in diesem Falle. Els Biesemans hat für diese beeindruckenden Werke einen Flügel von Aloys Biber (1804 bis 1858) mit Wiener Mechanik ausgewählt. Dieser Klavierbauer, der aus Franken stammte, hatte seine Werkstatt in München. 
Biesemans versteht sich bestens darauf, diesem Instrument Klangeffekte zu entlocken. Sie spielt sehr präzise, setzt Liszts Vortragsbezeichnungen um, und trifft ebenso perfekt die jeweils passenden Klangfarben. Ob kammer- musikalisch zurückhaltend oder üppig orchestral – die Pianistin musiziert durchdacht und stets überzeugend. Kurz: Gefällt mir! Brava! 

Sonntag, 21. September 2014

David Oistrakh plays Piano Tris by Chopin, Dvorák, Ravel & Smetana (Deutsche Grammophon)

Vor langer, langer Zeit, als Gymna- siallehrer noch Partituren lesen konnten und selbst Klavier oder aber Geige spielten, da reichte es aus, wenn zwei, drei oder gar vier Namen auf einem Plakat standen – und die Leute strömten in Scharen herbei, um Musik zu hören. Selbst durch Hunger, Krieg und klirrende Kälte waren sie davon nicht abzuhalten. Als das Radio noch Luxus war, konnte man mit Kammermusik große Säle füllen. Heute musizieren Streichtrios oder Quartette in sehr viel kleineren Räumen, und während in jedem Laden irgendwelche Musik dudelt, haben ihre Auftritte eher den Ruf einer gewissen Exklusivität. 
Welch grandioses Niveau die Kammermusik in ihrem goldenen Zeitalter hatte, davon vermittelt die vorliegende Doppel-CD aus dem Hause Deutsche Grammophon einen Eindruck. Die Musiker, die auf diesen historischen Aufnahmen zu hören sind, waren allesamt berühmte Solisten. Geiger David Oistrach (1908 bis 1874), Cellist Swjatoslaw Knuschewitzky (1908 bis 1963) und Pianist Lew Oborin (1907 bis 1974) konzertierten zwei Jahrzehnte lang auch als Trio miteinander. Dass sie das gemeinsame Musizieren sehr geschätzt haben müssen, das wird der Zuhörer bald feststellen. Denn obwohl alle drei Künstler sehr deutlich mit einem solistischen Impetus antreten, wirken sie sehr harmonisch zusammen. Niemand spielt sich in den Vordergrund, keiner musiziert an den Kollegen vorbei. Hervorragend ist die Einspielung von Dvoraks berühmtem Dumky-Trio, wie überhaupt das tschechische Repertoire den Musikern besonders zu liegen scheint. Und die Aufnahme von Chopins Klaviertrio op. 8 ist grandios; ich kenne keine bessere. Bravi, Blumen – es war einmal... 

Donnerstag, 11. September 2014

Beethoven Debussy Chopin (Auris Subtilis)

„Der große Konzertflügel im Irmler Musiksaal der Otto-Friedrich-Universität war frei, es gab keine Tournee- und Konzertverpflichtun- gen, an der Freiburger Musikhoch- schule herrschten noch Weihnachts- ferien und Tonmeister Markus Gottschall hatte über Neujahr Zeit, unser Musizieren mit seiner mobilen Technik aufzunehmen. Rasch waren wir uns einig, Stufen unserer ge- meinsamen musikalischen Ent- deckungen festzuhalten“, schreiben die Musiker im Beiheft über die Entstehung ihrer CD. Matthias Ranft, Solo-Cellist der Bamberger Symphoniker, und die Pianistin Tomoko Oga- sawara musizieren offenbar schon seit längerem gemeinsam. Insbesondere die Cellosonate op. 69 von Ludwig van Beethoven spielen sie in berücken- der Eintracht, ein solches Ausmaß an künstlerischer Harmonie ist selten zu erleben. Zu hören sind zudem die Cellosonate op. 65, komponiert einst von Frédéric Chopin für seinen Freund Auguste-Joseph Franchomme, sowie die einzige Cellosonate von Claude Debussy. 

Mittwoch, 10. September 2014

Chopin: 24 Préludes (Oehms Classics)

Kann man die 24 Préludes op. 28 von Frédéric Chopin (1810 bis 1849), komponiert für das Klavier, auf der Orgel spielen? Diese Frage beantwor- tete schon Louis Lefébure-Wély (1817 bis 1869); der renommierte Organist spielte mehrere Werke Chopins während des Trauergottesdienstes für den verstorbenen Komponisten in der Pariser Kirche La Madeleine. 
Gunther Rost stellt bei Oehms Clas- sics die kompletten Préludes in einer Version für Orgel vor. Er musiziert an der Orgel der Stiftsbasilika Kevelaer. Dieses Instrument wurde in den Jahren 1905 bis 1907 durch den Kölner Orgelbauer Ernst Seifert errichtet, sowie 1926 teilweise umgebaut und erweitert. Im Zweiten Weltkrieg und in der Nachkriegszeit schwer beschädigt, wird die Seifert-Orgel seit den 80er Jahren schrittweise wiederhergestellt. Sie verfügt heute über 135 Register und gehört damit bereits zu den größten Orgeln überhaupt. 14 weitere sollen noch eingebaut werden, um den Klang von 1926 zu rekonstruieren. 
Gunther Rost hat Chopins Préludes auf dieses gigantische spätromantische Instrument übertragen, indem er – bei Beibehaltung des originalen Noten- textes – die Klangfarben der unterschiedlichen Register nutzt. Dabei agiert der Organist erstaunlich zurückhaltend, er meidet allzu kühne klangliche Experimente. Das Ergebnis vermag nicht durchweg zu überzeugen. Es hat spannende Momente. Aber man vermisst insgesamt die klare Diktion des Flügels, all die Akzente und Feinheiten. Die Orgel wirkt mitunter ziemlich schwerfällig, statt Regentropfen gibt's Klangbrei. Schade. 

Sonntag, 26. Januar 2014

Arturo Benedetti Michelangeli - Piano (Fabula Classica)

„Er ist“, seufzte einst Time, nach- dem Arturo Benedetto Michel- angeli ein Amerika-Gastspiel abgesagt hatte, „wie ein großer Fisch, den man manchmal zu Gesicht bekommt, aber nie an die Angel.“ Der Pianist hatte wenig Lust auf Agenten, Kritiker und hustendes Publikum. Wenn ihn aber die Musizierlust packte, dann muss er großartig gespielt haben. Denn sein Ruhm beruhte auf seinem Perfektionismus. 
Arturo Benedetti Michelangeli (1920 bis 1995) beschränkte sich auf ein schmales Repertoire, das er mit großer Sorgfalt erarbeitete – immer auf der Suche nach der perfekten Interpretation, die dem Werk rundum gerecht wird, und nach dem optimalen Klang. Er spielte in erster Linie Musik von Ravel und Debussy, sowie einige ausgesuchte Werke der Wiener Klassik und Romantik. 
Es gibt nicht wirklich viele Aufnahmen mit Benedetti Michelangeli. Bei Fabula Classica sind kürzlich zwei CD erschienen mit Werken von Chopin, Debussy und einer Klaviersonate von Ludwig van Beethoven. Leider sind die Texte im Beiheft ausschließlich in italienischer Sprache; die Informationen über die Aufnahmen selbst sind mehr als dürftig. Das aber schmälert den Höreindruck nicht. Man wundert sich allerdings, warum derart kantige, eigenwillige und scharf konturierte Interpretationen auf CD nur von den Stars vergangener Generationen zu bekommen sind. Das gibt schon zu denken. 

Samstag, 12. Oktober 2013

Hexameron (MDG)

Hexameron heißt ein Variations- werk, das auf Anregung Franz Liszts entstanden ist, und zu dem bedeutende Virtuosen seiner Zeit jeweils eine Variation beigesteuert haben: Eingebettet in musikali- sches Material von Liszt, erklingen Variations de Bravoure sur la Marche des Puritains de Vincenco Bellini von Frederic Chopin, Sigismund Thalberg, Johann Peter Pixis, Henri Herz und Carl Czerny. Der Wettstreit der Tastenlöwen, für den dieses brillante Stück wohl gedacht war, ist dann allerdings nie verwirklicht worden. 
Nun haben ein Mentor sowie fünf Pianisten am Beginn ihrer Laufbahn das Werk bei Dabringhaus & Grimm eingespielt. „Ich war eingeladen zu einem denkwürdigen Konzert mit jungen Künstlern aus Deutsch- land, Frankreich, Japan, Österreich und Spanien zur gemeinschaft- lichen Aufführung des Hexameron – und habe unmittelbar darauf alles daran gesetzt, dieses Ereignis für die Platte zu dokumentieren“, berichtet Werner Dabringhaus. 
Johann Blanchard, Leon Buche, Carlos Goicoechea, Caroline Sorieux, Kanako Yoshikane und Claudius Tanski, Professor am Salzburger Mozarteum, teilen sich in das Werk – und zeigen dabei, wie sehr unterschiedlich diese Virtuosenmusik gespielt werden kann. Von einem Wett-Konzertieren kann auch hier keine Rede sein; jeder Hörer wird wahrscheinlich andere Favoriten finden. „Es geht hier nicht um Dominanz, sondern um Vielfalt auf hohem Niveau“, schreibt Dabringhaus im Beiheft. „Danach strebt nicht nur die Musik, sondern dies ist gesellschaftliches Überlebenskonzept für die Zukunft!“ Ein kluges Wort, das man nur unterstreichen kann. 

Freitag, 24. Mai 2013

Chopin Études - Jan Lisiecki (Deutsche Grammophon)

Der kanadische Pianist Jan Lisiecki spielt Chopin schon sehr lange. Als er sechs Jahre alt war, gab ihm seine Klavierlehrerin eine erste Etüde. Mit 13 Jahren spielte er in Warschau zur Eröffnung des Festivals Chopin i Jego Europa das f-Moll-Konzert, ein Jahr später das e-Moll-Konzert. „These are works I could play in the middle of the night and feel extremly comfor- table with – every note has its place“, sagt der junge Musiker, dessen Familie ursprünglich aus Polen stammt. Nun hat er für die Deutsche Grammophon die 12 Étu- des op. 10 und die 12 Études op. 25 eingespielt. Die meisten Kritiker feiern ihn dafür; es fiel sogar das Wort „Genie“. 
Das erscheint etwas übertrieben – aber die CD ist in der Tat sehr gelungen. Hört man Lisiecki, dann fällt erst auf, wie bemüht originell und wie unmusikalisch so manche andere Aufnahme ist. Bei dem jungen Pianisten hingegen steht nicht Virtuosität, sondern die Musik an sich im Mittelpunkt. Lisiecki strebt nicht nach Geschwindigkeits- rekorden, er spielt Chopin klar strukturiert, durchhörbar und geradezu altmodisch beseelt. Gern zitiert Lisiecki den Komponisten: „Every single note had to sing; and after all the work, the goal should be simplicity – because, for Chopin, that was the crowning reward of art. Those two remarks reflect the essence of his music – pure beauty. That’s why I love Chopin’s works.“ Und das hört man auch. Unbedingte Empfehlung!