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Donnerstag, 21. November 2019

Madame Schumann - Ragna Schirmer (Berlin Classics)

In diesem Jahr feiert die Musikwelt den 200. Geburtstag von Clara Schumann (1819 bis 1896). Ausgebildet wurde sie von ihrem Vater Friedrick Wieck, der sich mit Leidenschaft für sein Wunderkind einsetzte; ihr Debüt gab Clara als Neunjährige im Leipziger Gewandhaus. Sie komponierte auch schon früh, und wurde, da war sie gerade einmal 18 Jahre alt, in Wien zur kaiserlich-königlichen Kammer-Virtuosin ernannt. 
Robert Schumann lernte Clara Wieck schon im Kindesalter kennen. Dass sie sich dann in ihn verliebte, war ihrem Vater gar nicht recht. 1837 verlobte sich das Paar, doch erst 1840 gelang es den beiden, über das Gericht die Genehmigung zur Eheschließung zu erhalten. 
Wie es dann im Hause Schumann zuging, das kann man aus dem Ehetagebuch erfahren, das das Paar führte; es wurde mittlerweile veröffentlicht. Konflikte gab es jedenfalls genug, denn Clara dachte gar nicht daran, sich mit einem Dasein als Hausfrau und Mutter zu bescheiden. Auch mit Blick auf die Finanzen der Familie nahm sie schon bald das Konzertieren wieder auf. 
Clara Schumann galt schon in jungen Jahren als Klaviervirtuosin; ihre Zeitgenossen schätzten sie ebenso sehr wie etwa Sigismund Thalberg oder Franz Liszt. Ihre Konzertreisen führten sie quer durch Europa, wobei sie oftmals gemeinsam mit Kollegen musizierte. So spielte sie hunderte Konzerte zusammen mit dem Geiger Joseph Joachim. Reine Klavierabende hingegen waren damals eher unüblich. 
Mit dem Leben und Schaffen der Künstlerin, die letzten Endes bis ins hohe Alter als Berufsmusikerin tätig war, hat sich kaum jemand ähnlich intensiv auseinandergesetzt wie Ragna Schirmer. So hat die Hallenser Pianistin mit der Staatskapelle Halle unter Leitung von Ariane Matiakh das Klavierkonzert a-Moll op. 7, das Clara als 15jährige komponiert hat, und das 4. Klavierkonzert von Ludwig van Beethoven eingespielt, das Clara mehr als 50mal in Konzerten vorgetragen hat, und zu dem sie eigene Kadenzen verfasste. 
Was Clara Schumann in ihren Konzerten gespielt hat, das lässt sich vielfach noch heute nachvollziehen. Denn die Musikerin hat im Laufe ihres Lebens mehr als 1.300 Programmzettel zusammengetragen, auf denen ihre Konzert dokumentiert sind. Diese Sammlung hat Ragna Schirmer im Schumannhaus Zwickau angesehen - „voller Bewunderung, wie viele großartige Werke Sie in Ihrem Leben studiert und zur Aufführung gebracht haben“, so schreibt sie in einem Brief ihre Gedanken nieder. Zum 200. Geburtstag widmete die Pianistin der berühmten Kollegin dann ein ganz besonderes Projekt: Sie spielte einige ihrer Konzertprogramme nach. 
So waren Clara und ihr Mann Robert Schumann im Jahre 1847 zu Gast bei einer Matinee im Berliner Salon von Fanny Hensel. Neben zwei Liedern, eines von Robert Schumann und eines von der Gastgeberin, erklangen dort die Uraufführungen des Klavierquartetts op. 47 von Robert und des Klaviertrios op. 17 von Clara Schumann. Dieses Programm, das einen direkten Vergleich der Kompositionen der beiden Eheleute gestattet, ist im ersten Teil dieser Einspielung zu hören. Musizierpartner von Ragna Schirmer sind hier die Sopranistin Nora Friedrichs sowie Iason Keramidis, Violine, Julien Heichelbech, Viola, und Benedict Klöckner, Violoncello. 
„Der zweite Silberling wiederholt Ihren letzten reinen Klavierabend, erklungen in den Assembly Rooms in St. Leonards-on-Sea, England“, wendet sich Ragna Schirmer in ihrem Brief an Clara Schumann. „Ein unglaubliches Programm, wie ich finde! Wissen Sie noch, wie Sie sich fühlten? Sie hatten Schmerzen in den Händen und präsentierten dennoch dem Publikum all die schönen Stücke, die Ihr Leben begleiteten. Sie schenkten den Zuhörern sogar Ihre improvisierten Überleitungen zwischen einigen Werken, an denen ich mich bescheiden auch versuche, indem ich mir solche von einem Kollegen komponieren ließ, der die Improvisations-Studien Ihres Vaters und Ihre Aufzeichnungen über das Präludieren verglich und einflocht. So sind Ihre Konzerte heute noch lebendig.“ 
Von Schumanns Kinderszenen über einzelne Werke von Beethoven, Scarlatti, Händel, Gluck, Chopin und Mendelssohn reicht dieses Programm, das Ragna Schirmer versiert und wunderbar nuancenreich vorstellt. Dazu bietet das Beiheft umfangreiche, mit ebenso großer Sorgfalt zusammengestellte Info-Texte. Ohne Zweifel ist dies der wichtigste musikalische Beitrag zum Clara-Schumann-Jahr. 

Freitag, 26. Februar 2016

Liebe in Variationen - Ragna Schirmer (Berlin Classics)

Liebesbotschaften in Musik zu „verpacken“, das fanden die Romantiker offenbar besonders reizvoll. Ragna Schirmer hat auf dieser CD einige Beispiele dafür zusammengetragen, wie diese spezielle Form der Kommunikation funktionierte. Die Pianistin hatte bereits ihre Diplomarbeit über die Bezüge in den Werken Clara und Robert Schumanns geschrieben. 
Anlässlich des 175. Hochzeitstages des wohl bekanntesten Musiker- paares der Romantik – die Schu- manns heirateten am 12. September 1840, einen Tag vor Claras 21. Geburtstag – veröffentlichte sie ihr neues Album „Liebe in Variationen“. Um diese Eheschließung hatte das junge Paar lange ringen müssen. Claras Vater Friedrich Wieck war bekanntlich mit der Beziehung gar nicht einverstanden; als er feststellte, dass sich seine Tochter und sein Klavierschüler verliebt hatten, setzte er alles daran, das Paar zu trennen und jeglichen Kontakt zu unterbinden. 
In ihrer Musik aber teilten sich die beiden mit, das war nicht zu verhin- dern. So hatte Clara schon 1833 über ein Thema Robert Schumanns ihre Romance variée op. 3, komponiert, die sie ihrem späteren Ehemann widmete. Ausgehend von diesem Werk, zitierte sich das Paar auch in zwei weiteren Musikstücken: In seinen Impromptus über eine Romanze von Clara Wieck op. 5, die Robert Schumann im selben Jahr schrieb, verwendete er das Thema ebenfalls. 1850 überarbeitete er dieses Werk zu einer zweiten Fassung. 1853 ließ dann Clara Schumann das Thema aus ihrer Jugend erneut erklingen, und zwar in ihren Variationen für das Pianoforte op. 20 – eine Liebesbotschaft an ihren Mann, der zu diesem Zeitpunkt gerade eingestehen musste, dass er auf dem Posten des städtischen Musikdirektors in Düsseldorf gescheitert war. 
„Dass sich der Kreis der Zitierenden nun um einen weiteren Komponisten erweitert, hat mich als Künstlerin besonders gereizt, und ich wollte die vier Werke unbedingt nebeneinanderstellen“, schreibt Ragna Schirmer im Beiheft zu ihrer CD: 1854, also ein Jahr nach den Variationen op. 20 von Clara Schumann, schreibt Johannes Brahms nicht nur Variationen über dasselbe Thema aus dem Albumblatt von Robert Schumann, sondern er fügt – ebenso in einer Mittelstimme – das Romanzenthema in einer nachträglich eingefügten Variation ein. (..) Zusätzlich gibt sich Brahms sogar dem von Schumann vorgestellten Buchstabenspiel hin, indem er einige Variationen mit ,B' für Brahms und einige mit ,Kr' für Kreisler unterzeichnet. Für mich gehören die Variationen op. 9 zu den persön- lichsten und innigsten Werken von Johannes Brahms.“ Als Brahms diese Musik schrieb, befand sich Robert Schumann allerdings bereits in der Nervenheilanstalt in Bonn-Endenich. Er beschäftigte sich intensiv mit diesem Werk, wie man seinen Briefen entnehmen kann, aber er erkannte die Zitate nicht mehr. 
„Es ist mir als Pianistin ein Herzensbedürfnis, diese vier so besonders miteinander verwandten und leider selten gespielten Werke vorzu- stellen“, unterstreicht Schirmer. „Die Überlegung, dass für diese Liebesbotschaften gerade die Zwischentöne, die Mittelstimmen, eine exponierte Rolle spielen, brachte mich auf den Gedanken, ein historisches Instrument zu wählen. Zu Schumanns Zeiten klangen Klaviere und Flügel sehr viel kompakter, die Mittellage war voller als Diskant und Bass, und so war die Polyphonie breitgefächert hörbar.“ Die Pianistin entschied sich daher für einen Blüthner-Flügel aus dem Jahre 1856, der sich im Original- zustand befindet. „Man kann also davon ausgehen, dass das Klang- spektrum dieses Instruments dem entspricht, was Clara, Robert und Johannes gehört haben“, meint Ragna Schirmer. Auch die leichtgängige Mechanik habe es ihr erleichtert, sich der Spielweise jener Jahre anzu- nähern. 
Die Pianistin hat alle Stücke mit Sorgfalt und sehr individuell ausgearbei- tet. Ragna Schirmer musiziert differenziert, farbenreich und mit wunderbar kultiviertem Anschlag. Jeder Ton sitzt. Und vielleicht gelingt es der Musikerin tatsächlich, die vier Werke zumindest ein wenig von ihrem Mauerblümchen-Dasein zu erlösen. Insbesondere die Brahms-Variationen sind tatsächlich ein starkes Stück; für mich sind sie der klare Favorit in diesem Zitate-Kleeblatt. Erinnert die frühe Romance von Clara Wieck noch stark an die gängige Virtuosenliteratur jener Zeit, so wirken die Variatio- nen op. 20 kraftvoll, souverän und kühn. Unwillkürlich fragt man sich: Wieviel Zeit mag Clara, mit ihren vielen Kindern, dem Haushalt und ihren Klavierschülern, wohl zum Komponieren gehabt haben?

Sonntag, 2. März 2014

Händel: Orgelkonzerte; Schirmer (Berlin Classics)

Nachdem sie bereits Händels Suiten eingespielt hat, wendet sich Ragna Schirmer nun auch den Orgelkonzerten des Komponisten zu. Georg Friedrich Händel hat sie für das Theater geschaffen, als Zwischenspiele. Sein Plan ging auf; die Pausenfüller erwiesen sich bald als der Renner. Das Publikum wollte die eingängigen Werke sogar zu Hause hören. Sie wurden dort auf dem Cembalo oder dem Spinett gespielt, mitunter mit Begleitung durch ein Streichquartett. 
Nun ist Ragna Schirmer keine Organistin. Sie hat daher die Orgel- konzerte zunächst auf das vertraute Klavier verlagert. „Es ist eine schwierige Aufgabe, von einem so voluminösen, lang klingenden Instrument wie der Orgel auf das doch eher filigrane Klavier zu übertragen“, meint die Musikerin. „Bloßes Ornamentieren und Verzieren reicht an vielen Stellen nicht aus, es bedarf größerer Ergänzungen und Verstärkungen.“ Unterstützt durch erfahrene Kollegen, hat Schirmer schließlich so manche kühne Idee verwirk- licht. So wurden Konzerte für Bläsertrio umgeschrieben. Das geht so weit, dass bei dem Konzert op. 4/4 die Bläser den Solopart komplett übernehmen, und Schirmer am Klavier die Rolle des Orchesters. Das Konzert HWV 296a wiederum spielt sie dann am Hammerflügel alleine. Es erklingt ein traumhaft gelungenes Instrument aus der Werkstatt von Matthias Arens und Martin Schwabe nach einem Vorbild von Anton Walter, Wien 1775. Als Wegbegleiter bei diesem Experiment konnte Schirmer das Händelfestspielorchester Halle/Saa- le gewinnen. 
Auf der zweiten CD nutzt die Musikerin einen modernen Konzert- flügel. Begleitet wird sie durch ihr eigens dafür gegründetes Kammerorchester DaCuore. Dem Steinway D entlockt Schirmer mitunter Klangfarben, die verblüffen. Die Solistin hält zwar den Ton erstaunlich schlank und die Strukturen durchhörbar. Aber generell sind die Interpretationen moderner, entfernen sich von der histo- risch informierten Aufführungspraxis. Das wird noch unterstrichen durch das Concertino des Franzosen Guillaume Connesson. Dieses Werk bezieht sich auf Themen aus den Orgelkonzerten. Es ist eine Auftragskomposition der Händel-Festspiele Halle für Ragna Schirmer. 
Die dritte CD wagt vollends den Schritt in die Moderne, denn hier wurde der Orchesterpart ausgewählter Orgelkonzerte von Stefan Malzew für ein Jazz-Ensemble arrangiert. Schirmer spielt den Orgelpart auf einer Hammond B3 von 1957. „Ganz bewusst habe ich barocke Artikulation auf diesem doch eher aus der Popularmusik bekannte Tasteninstrument zu imitieren versucht“, berichtet die Pianistin. Sie spielt so brillant, dass man ihr gern auch durch dieses Experiment folgt; das Ergebnis haut mich allerdings, um es mal so salopp zu sagen, nicht vom Hocker. Denn diese Jazz-Version ist durchaus Kaufhaus-kompatibel. Als Begleitmusik beim Shoppen zu enden, das wiederum haben Händels Werke nicht verdient. 

Sonntag, 18. März 2012

Liszt: Anées de Pèlerinage; Schirmer (Berlin Classics)

Reisen überwindet Distanzen.
Und so hat Ragna Schirmer den 200. Geburtstag Franz Liszts  zum Anlass für eine Pilgerreise ge- nommen: Sie folgte den Spuren des Komponisten durch die Schweiz und Italien, seinen Zyklus Années de Pèlerinage als Reiseführer. 
Dabei gelang der Pianistin zumin- dest räumlich die Annäherung an den berühmten Kollegen. Das Beiheft zu dieser CD - leider un- glaublich kitschig aufgemacht - verdeutlicht, welche Erkenntnisse Schirmer durch die Reise ge- wonnen hat. So stellte sie fest, dass das Wasser im Garten der Villa d'Este nicht etwa murmelt und raunt: "Das sind hunderte riesiger Wasser-Fontainen. Es ist unfassbar laut!" Über die literarische Qualität der Einträge, die hier mit blauer Tinte notiert sind, möchte man an dieser Stelle lieber schweigen, und hoffen, dass diese schwachen Textchen von PR-Leuten geschrieben worden sind. 
Aus der Auseinandersetzung mit den Quellen, auf die Liszt sich in seinem Werk immer wieder bezieht, hat Ragna Schirmer das Prinzip für ihre Gesamteinspielung gewonnen: Liszt hat sich für die Kunst der italienischen Renaissance stark interessiert, sie hat ihn begeistert und inspiriert. Schirmer unterbricht daher seine Klaviermusik, und setzt in die Pausen Madrigale von Carlo Gesualdo und Luca Marenzio. Diese Stücke werden ausdrucksstark gesungen vom Männerquintett Amarcord. Man spürt, dass das Leipziger Ensemble seine Wurzeln im Thomanerchor hat. 
Dieser Versuch, Liszts Zyklus durch eine Art Zwiegespräch zu ergän- zen, funktioniert mal besser, mal weniger gut. Wenn beispielsweise auf Marenzios Dura legge d'Amor, am Beginn der dritten CD, Liszts Angélus folgt, dann empfinde ich das als einen Bruch, dessen Funk- tion ich nicht wirklich begreife. 
Auch die Liszt-Interpretation von Ragna Schirmer macht mich nicht vollends glücklich. Sie ist unglaublich farbenreich, erscheint aber auch unsäglich oberflächlich. Eine Note ist möglicherweise eben doch nicht nur eine Note. Aus dieser Musik ist unter den Händen der Pianistin das Geheimnis verschwunden; es ist ein protestantisch-geradliniger Liszt, den Schirmer hier porträtiert. Er war aber, denke ich, letzten Endes ein Mystiker, ein Mann der Abgründe und nicht nur der Täler. In den Années de Pèlerinage beschreibt der Komponist weniger Reiseeindrücke als vielmehr seine persönliche, innere Entwicklung - und da ist zu spüren, dass Schirmer der Zugang zu Liszt wohl doch nicht gelungen ist. Schade. 

Freitag, 30. Dezember 2011

Humperdinck: Dornröschen (cpo)

Mit der Oper Hänsel und Gretel sicherte sich Engelbert Humper- dinck (1854 bis 1921) seinen Platz im Spielplan bis zum heutigen Ta- ge. Jedes Jahr zur Weihnachtszeit erfreut nahezu jedes Opernensem- ble in Deutschland sein kleines Publikum mit der Geschichte der beiden tapferen Kinder, die die tückische Hexe überwinden, und aus dem finsteren Wald zurück in ein Elternhaus finden, dass einem gleich sehr viel weniger trostlos erscheint.
Es ist wenig bekannt, dass der Komponist neben diesem Erfolgsstück auch noch weitere Märchenopern geschaffen hat. Eine davon er- schien nun bei dem Label cpo: Dornröschen basiert auf einem Libretto der Berliner Jugendbuchautorin Elisabeth Ebeling, das sie mit Unterstützung ihrer Freundin Bertha Lehmann-Filhés verfasst und 1895 an den Komponisten gesandt hatte.
Doch der verspürte offenbar wenig Lust, die betulichen Verse zu vertonen. Erst nachdem Humperdinck 1900 einen Ruf an die preußische Akademie der Künste erhalten und Ebeling der gesamten Familie Quartier in ihrer Villa gewährt hatte, sah er sich genötigt, das Werk in Musik zu setzen. 1902 wurde das "Ausstattungsstück mit allerhand Musik", wie es Humperdinck selbst ironisch nannte, schließlich in Frankfurt/Main uraufgeführt. 
Die Frankfurter Zeitung urteilte damals, das Werk sei ein "Virtuosen- stück für den Dekorationsmaler und Theatertechniker". Denn die Dichterin hat das bekannte Märchen der Gebrüder Grimm erheblich ergänzt. Da gibt es einen Prinzen Reinhold, mit dem die Prinzessin verlobt werden soll - bevor sie in den Schlaf sinkt, wohlgemerkt - und nach den hundert Jahren wird sie sein Enkel, der ebenfalls Reinhold heißt, erlösen. Allerdings muss dieser dazu nicht nur die Dornenhecke überwinden, sondern auch die verlorengegangenen Verlobungsringe wieder auftreiben, und den Verführungskünsten der bösen Fee Dämonia widerstehen. Schafft er das nicht pünktlich bis zum Ende der Frist, stirbt Prinzessin Röschen - und mit ihr der ganze schlummernde Hofstaat. Natürlich hat das Märchen ein Happy End, doch zuvor muss der Held bis zu den Sternen reisen, um dann im Reich der Zwerge - Nibelheim lässt grüßen - die Ringe aufzuspüren. 
Durch diese Erweiterung der eigentlichen Dornröschen-Geschichte erhält das Märchen eine philosophische Dimension: Prinz Reinhold wird sein eigentlicher Held, und er muss Treue, Mut und Einsatz zeigen, um die Prinzessin zu retten. In zahlreichen Details dieser Handlung wird das Vorbild Wagner sichtbar, in Humperdincks Musik allerdings eher ironisch gebrochen. Und in den eher melodramati- schen Abschnitten, wo gesprochene Dialoge durch Musik kontrastiert werden, meint man gelegentlich sogar, die gute alte Operette kichern zu hören. 
Die Dimension eines Singspiels für Kinder jedenfalls sprengt die Handlung dieses "Märchens in einem Vorspiel und drei Akten". Und die umfangreiche Besetzungsliste hat sicherlich auch mit dazu bei- getragen, dass das Werk sich im Repertoire nicht halten konnte. Es ist dennoch schön, dass das Münchner Rundfunkorchester sowie der Chor des Bayerischen Rundfunks mit einer ausgewogenen Solisten- riege unter der musikalischen Leitung von Ulf Schirmer das Werk nun auf CD zugänglich gemacht hat. Auf die Bühne zurück wird es wohl eher nicht finden. 

Donnerstag, 16. September 2010

Franz Lehár: Der Zarewitsch (cpo)

Zarewitsch Aljoscha soll heiraten. Doch von "Weibern" hält der russi- sche Thronfolger gar nichts. Damit er seine Meinung ändert, schiebt ihm der Hof eine Tänzerin unter, die ihn in gewissen Dingen unter- weisen soll. 
Dummerweise verlieben sich die beiden ineinander, und statt brav und standesgemäß zum Altar zu schreiten, flüchtet der Erbe mit der Freundin nach Italien. Erst der Verweis auf die Staatsraison bringt ihn zur Vernunft - und auch die Tänzerin Sonja zum Verzicht auf eine sangestrunkene Liebe. 
Franz Lehár, unter den Komponisten unangefochten der König im Reich der Operette, hat die Partie des Zarewitsch seinerzeit dem Tenor Richard Tauber auf den Leib geschneidert. Wer sich also an dieses farbenreiche, musikalisch sehr anspruchsvolle, aber ansonsten nicht übermäßig spannende Stück heranwagt, der weiß, worauf er sich einlässt. 
In dieser Einspielung sind die vier wesentlichen Partien durchweg mit jungen Sängern besetzt, die sämtlich durch ein angenehmes Timbre und sichere Intonation gefallen. Alexandra Reinprecht singt die Sonja, Matthias Klink den Zarewitsch, Christina Landshamer die Mascha und Andreas Winkler den Leibdiener Iwan. Alle anderen Partien sind Sprechrollen. Es singt zudem der Chor des Bayerischen Rundfunks, und es spielt das Münchner Rundfunkorchester unter Ulf Schirmer. Eine solide Einspielung, die man gut anhören kann.

Donnerstag, 19. August 2010

Brahms: Händel-Variationen, Walzer, Rhapsodien; Ragna Schirmer (Berlin Classics)

"128 Jahre nachdem Georg Fried- rich Händel seine B-Dur Suite für Cembalo veröffentlicht hatte, entdeckte Johannes Brahms die ,Aria' aus eben jener Suite und formte mit 25 Variationen und einer großen Fuge über dieses Thema einen Kosmos romanti- scher Klavierkunst, der in der Literatur seinesgleichen sucht", schreibt Ragna Schirmer. "Da mir persönlich die Händel-Aria auch sehr am Herzen liegt, reizte es mich, wiederum 148 Jahre später intensiv an diesem großen Werk von Johannes Brahms zu arbeiten." Um das Bild abzurunden, hat die Pianistin die Variationen über ein Thema von Händel op. 24 mit den 16 Walzern op. 39 und den Zwei Rhapsodien op. 79 kombiniert.
"Ich habe eine eigene Liebhaberei für die Form der Variation und meine, diese Form könnten wir wohl mit unserem Talent und unsrer Kraft noch zwingen", schrieb Brahms 1879 an einen Freund. Selbst Wagner, der Brahms nicht unbedingt wohlgesonnen war, musste einräumen, nachdem er das Werk 1863 in Wien gehört hatte: "Hier sieht man, was noch in den alten Formen geleistet werden kann, wenn einer kommt, der sie zu gebrauchen weiß." 
Ragna Schirmer spielt die Variationen nah am Thema Händels. Sie vermeidet pianistische Effekthaschereien, und stellt ausschließlich die musikalische Struktur in den Mittelpunkt. Damit macht sie deut- lich, wie fein die Textur dieses Werkes ist, und mit welcher Sorgfalt es gearbeitet wurde. Dass sie durchaus auch der romantischen großen Geste gewachsen ist, zeigt sie in den beiden Rhapsodien. Dabei handelt es sich um äußerst anspruchsvolle, aber auch ansprechende Werke, die für den Konzertsaal geschrieben sind - vollgriffig, aber dennoch raffiniert und von unglaublicher Intensität.
Mit Delikatesse hingegen behandelt Schirmer die Walzer - ein Tribut des gebürtigen Hamburgers an seine Wahlheimat Wien. Sie waren für die gutbürgerliche Hausmusik bestimmt, und erschienen in einer vier- und einer zweihändigen Fassung. "Die Walzer sind entzückend und berührend schlicht und edel gehalten", schreibt die Pianistin. "Da in der zweihändigen Fassung gegenüber der vierhändigen einige Begleitfiguren fehlen, habe ich diese an manchen Stellen ergänzt." Auch hier nimmt sich Ragna Schirmer zurück, und lässt das Werk wirken - doch nicht gänzlich ohne Augenzwinkern. Diese Walzer laden nicht zum Tanz, sie erscheinen eher als musikalische Albumblätter - poetisch, farbenreich, teils leidenschaftlich, teils besinnlich. Schirmer gestaltet überlegen - eine CD, die zum Nachspüren und Genießen einlädt.

Sonntag, 31. Januar 2010

Chopin Schumann Etüden - Ragna Schirmer (Berlin Classics)

Champagner und Schwarzbrot vereint diese CD - die prickelnden, hochvirtuosen Läufe von Frédéric Chopin und die ebenfalls extrem anspruchsvollen, aber weit weniger gefälligen Studien von Robert Schumann. Beide Musiker sind 1810 geboren, beide waren exzellente Pianisten, und beide versuchten, die Grenzen des Instrumentes kompositorisch und spieltechnisch zu erkunden. 
Ihre Zeitgenossen mochten dem nicht unbedingt folgen. So bezeichnete der Kritiker Ludwig Rellstab Chopins Etüden op.10 als Missgeburten, und empfahl, sie nur im Beisein eines Arztes aufzuführen. Und Clara Schumann zeigte sich von den "Etudes Symphoniques pour le Pianoforte" op. 13 ihres Mannes ebenfalls wenig angetan - wegen der hohen Schwierigkeiten der Etüden, die aber beim Publikum wenig Eindruck machten, und sich daher nicht zum Bravourstück eigneten. 
Aus den vielen Fassungen der Sinfonischen Etüden, die als Variatio- nen zu einem Thema von Ignaz Ferdinand Freiherr von Fricken entstanden sind, hat Ragna Schirmer einen Gesamtzyklus gestaltet. Berlin Classics präsentiert nun beide Etüdensammlungen auf einer CD. Eine brillante Idee, nicht nur des Jubiläums wegen, sondern auch deshalb, weil die Einspielungen musikalische Zusammenhänge aufzeigen, die man so nicht vermutet hätte. 
Schirmer macht deutlich, dass die rasanten Tonleitern und funkelnden Arpeggien Chopins den sanglicher und grüblerischer wirkenden Variationen Schumanns nicht nur in ihrer musikalischen Struktur mitunter ziemlich nahe stehen. 
Die halsbrecherischen Schwierigkeiten stellen die Wahl-Hallenserin an keiner Stelle vor Probleme. Souverän gestaltend reiht sie die Stücke aneinander, und lässt vergessen, dass sie in erster Linie zum Üben geschrieben wurden - und nicht fürs Konzertpodium.

Samstag, 26. Dezember 2009

Bach: Goldberg-Variationen; Ragna Schirmer (Berlin Classics)


Hermann Freiherr von Keyserlingk, russischer Gesandter am kursächsischen Hofe, erbat einst von Bach "einige Klavierstücke (...) die so sanften und etwas munteren Charakters wären, daß er dadurch in seinen schlaflosen Nächten ein wenig aufgeheitert werden könnte".  Spielen musste sie Keyserlingks exzellenter Cembalist Goldberg, mit dessen Namen sie dann schließlich die Überlieferung verknüpfte. Bach selbst nannte sein Werk schlicht "Clavier-Übung", und bezeichnete es als "Aria mit verschiedenen Veränderungen" - für einen Zyklus diesen Formats wahrlich sehr tief gestapelt.
Das ganze Werk ist um die Zahl 32 herum konstruiert: Die Aria besteht aus 32 Takten, und ihre Bass-Stimme wiederum, auf der die Variation beruht, aus 32 Gerüsttönen. 32 Teile hat das Gesamtwerk; göttliche Ordnung gegen irdisches Leiden und menschliche Schlaflosigkeit. Dennoch zeigt Bach Humor - das Opus endet in einem Quodlibet, in dem deutlich erkennbar der Kehraus "Ich bin so lang nicht bei dir gwest" sowie "Kraut und Rüben haben mich vertrieben" erklingen. Darauf folgt dann die Aria da capo.
Ragna Schirmer gelang mit dieser ihrer allerersten CD seinerzeit ein großer Wurf. Diese Einspielung ist ohne Zweifel zu den Referenz-aufnahmen zu zählen; sie gehört in eine Reihe mit Interpretationen wie jenen von Glenn Gould, Keith Jarrett oder Wilhelm Kempff. Schirmer nimmt die Stücke ruhig, aber zugleich erfasst sie mit beeindruckendem Gespür ihren jeweiligen Charakter, und arbeitet jedes noch so kleine musikalische Detail mit großer Sorgfalt heraus. Chapeau! das ist wirklich hörenswert.

Sonntag, 11. Oktober 2009

Revisited - Joseph Haydn: Klavierwerke; Ragna Schirmer (Berlin Classics


Hier also kommt sie nun, die musikalische Meterware. U-Musik aus dem 18. Jahrhundert, komponiert für zarte Damenhände, geschaffen zum Amüsement im Salon.  Haydn allerdings wahrt ein gewisses Niveau selbst bei diesen klingenden Galanterien, die seinerzeit bestimmt dem Kontostand des Künstlers (und seines Musikverlegers) ebenso behagt haben werden wie der Fortepiano spielenden Damenwelt. Kunst geht nach Brot, und das ist ja auch keine Schande.
Dass man die zwei CD dennoch rundum mit Vergnügen anhört, ist Ragna Schirmer zu verdanken. Die Pianistin geht mit Neugier daran, Haydns Sonaten, Variationen und Menuette zu erkunden: "Mich interessiert, wie man in der damaligen Zeit  wohl verziert hat", erläutert Schirmer. "Es ist schwer, mit so wenigen Tönen umzugehen. Für mich macht aber dies das Spannende und die Herausforderung aus. Selbst wenn es bei Haydn einstimmig wird, steckt in dieser einen Linie so viel. Und das muss man mit Leben und Intensität füllen." Ragna Schirmer spielt die kleinen Stücke mit Esprit und Witz. Auch eine große Portion Virtuosität sowie ihr ausgeprägter Sinn für Klangfarben tun Haydns Werken gut. So kommt letztendlich keine Langeweile auf - das freilich ist bei reichlich anderthalb Stunden Musik "à l'usage des Dames" schon große Klavierkunst.

Freitag, 11. September 2009

Händel: Die Klaviersuiten; Ragna Schirmer (Berlin Classics)

"Man muß lernen, was zu lernen ist, und dann seinen eigenen Weg gehen." Was seinerzeit Georg Friedrich Händel, geboren in Halle/Saale, anmerkte, das hat Berlin Classics sinnigerweise, sozusagen als Geleitwort, diesen drei CD vorangestellt. "Ich bin mit Bach großgeworden und habe dreimal erfolgreich am Bach-Wettbewerb teilgenommen", berichtet Ragna Schirmer. "Die Stimmführung, die Perfektion der horizontalen Linien wie der vertikalen Struktur ist bei Bach einzigartig. Demzufolge beziffert und notiert er seine Werke mit absoluter Genauigkeit." Händel hingegen, als Virtuose ebenso erfolgreich wie als Komponist und als Geschäftsmann, hat oftmals nur Skizzen hinterlassen. Ragna Schirmer hat sie mit Leben erfüllt - und wie! Sie spielt die "Suites de Pièces pour le Clavecin", geschrieben also eigentlich für Cembalo, auf einem modernen Konzertflügel. Und sie nutzt dessen Klangmöglichkeiten aus, keine Frage. Dennoch wird sie mit ihrer Interpretation Händel rundum gerecht; der Altmeister wäre mit der Pianistin, die Halle zu ihrer Wahlheimat erkoren hat, wahrscheinlich sehr zufrieden gewesen. Schirmer hat über jedes einzelne Stück offenbar lange nachgedacht - und schließlich Interpretationen gefunden, die überzeugen. Sie kommen sehr schlicht daher, ohne gefälligen romantischen Puderzucker, sehr geradlinig und auf den Punkt. Das Wunder geschieht: Diese Musik atmet. Und sie ist von einer Leichtigkeit und Heiterkeit, die begeistert. Für diese geballte Ladung Allemanden, Sarabanden, Couranten und Menuette, geschrieben wohl oftmals als Übungsstücke für Klavierschüler, ist das eine ganze Menge.