Carl Maria von Webers Oper Der Freischütz zählt an jedem deutschen Stadttheater, das auf sich hält, zum Kernrepertoire. Die wichtigste Rolle in diesem Stück hat, die Solisten mögen mir verzeihen, ohne Zweifel der Chor. Vom fröhlichen Treiben beim Schützenfest über den Spuk in der Wolfsschlucht, wo der Schurke Kaspar den Jägerburschen Max dazu verführt, Freikugeln zu gießen, über den berühmten Jägerchor bis hin zum großen Finale – fast immer ist das Volk präsent.
Regisseurin Tatjana Gürbaca, die dieses Stück 2018/19 auf die Bühne des Aalto-Musiktheaters Essen gebracht hat, treibt dies auf die Spitze, und ersetzt auch den Teufel Samiel durch das Gewisper und Gezischel der Menge: Das Böse ist in uns allen, und es ist quasi als Kopfkino immer dabei. Die Bilder lassen vermuten, dass sie die Oper keineswegs, wie vorgesehen, in einem böhmischen Dorf, "kurz nach Beendigung des Dreißigjährigen Krieges", spielen lässt.
Für diese Aufnahme ist das egal. Denn ansonsten ist alles wie üblich. Heiko Trinsinger ist ein ebenso stimmgewaltiger wie grimmiger Kaspar, Maximilian Schmitt singt den Max so weinerlich, dass man dem Burschen mitunter am liebsten ein Taschentuch reichen würde. Albrecht Kludszuweit gestaltet mit seinem Gesang den reichen Bauern Kilian so plastisch, dass man die Figur geradezu vor sich sieht. Das lässt sich auch für Karel Martin Ludvik sagen, dessen Erbförster Kuno so beharrlich für die Tradition steht wie eine deutsche Eiche. Seine Tochter Agathe, mit dem strahlenden Sopran von Jessica Muirhead, ist natürlich wohlerzogen, fromm und, in Maßen, naturverbunden.
In dieser ländlich-sittlichen Idylle wirkt das Ännchen, gesungen von Tamara Banješević, wie die zugereiste Cousine aus der Stadt – wirklich sehr nett und sehr bemüht, aber auch sehr fremd. Das Tableau komplettieren Uta Schwarzkopf und Helga Wachter als Brautjungfern, Martijn Cornet als Fürst Ottokar und Tijl Faveyts als Eremit.
Viel Farbe und Flair bringen die Essener Philharmoniker unter Leitung von Tomáš Netopil. Doch Chor und Extrachor des Aalto-Theaters erweisen sich letztendlich als Dominante des Geschehens. Ohne Frage: Die Chöre haben Wucht.
Harmoniemusik erfreute sich einst, ganz besonders in Österreich, großer Beliebtheit. Wenn sich Adlige keine komplette Hofkapelle leisten konnten oder wollten – zu einem Bläseroktett reichte es dann doch allemal. Und wie es im Schloss klang, so tönte es bald auch in den Klöstern.
Gefragt waren dabei nicht nur Originalkompositionen. Die Bläserharmonien spielten gern die aktuellen „Hits“, das waren schon zu Mozarts Zeiten geschickte Arrangements von Orchesterstücken, vor allem aber auch beliebte Opernmelodien. Einer der bekanntesten Arrangeure solcher Werke war der Klarinettist Wenzel Sedlak (1776 bis 1851). Der Wiener Kapellmeister bearbeitete, sozusagen nebenbei, gut 25 Jahre lang Partituren von Opern und Balletten für die Harmoniemusik.
Etliche seiner Werke dürften für den Kaiserhof bestimmt gewesen sein. Doch auch bei den Augustinern in Altbrünn finden sich in der Klosterbibliothek mehr als 50 seiner Arrangements. Eines davon hat das legendäre Consortium Classicum um den Klarinettisten Dieter Klöcker 1986 bei Dabringhaus und Grimm eingespielt.
Der Freischütz von Carl Maria von Weber in der Version von Wenzel Sedlak, für Harmoniemusik plus Kontrabass – das ist gleich aus mehreren Gründen ein spannendes Unterfangen. So ist es interessant, nachzuvollziehen, welche Ausschnitte aus der Oper der Arrangeur bearbeitenswert oder aber arrangierbar fand. Zum anderen aber ist es bemerkenswert, welchen Instrumenten er welche Gesangslinie zugewiesen hat – und wie er generell mit den acht Bläsern versucht, Webers Orchesterklang kreativ zu bewältigen. Unmöglich? Wer diese CD anhört, der wird staunen. Und er wird sich an den cleveren Lösungen erfreuen, die Sedlak stets mit sicherer Hand gefunden hat. Was für ein Witz! Erfreulich ist aber auch die feinsinnige Interpreta- tion durch die neun Musiker, jeder einzelne ein Meister – dem Consortium Classicum zu lauschen, das ist immer wieder ein Vergnügen. Die Klangqualität der Aufnahmen dieses Labels zu loben, das hieße wohl Eulen nach Athen tragen. Wer Opern eigentlich mag, aber sich oft über die Sänger ärgert, der sollte sich diese Aufnahme unbedingt anhören.