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Dienstag, 18. Oktober 2016

Haydn / Mozart: Oboe Quartets (MDG)

Oboenquartette von Joseph Haydn? Da staunt der Laie, und der Fach- mann wundert sich. Beim Blick ins Beiheft findet sich dann auch so- gleich des Rätsels Lösung: Es handelt sich um Bearbeitungen zweier Streichquartette des Meisters, angefertigt von Franz Joseph Rosinack (1748 bis 1823). Er war Oboist der Fürstlich Fürstenbergi- schen Kapelle in Donaueschingen, und offenbar immer auf der Suche nach Werken, die Gelegenheit bieten, sein Instrument solistisch bestens zu präsentieren. 
Dass er sich ausgerechnet Haydns Streichquartette dafür ausgesucht hat, ist ziemlich erstaunlich. Zum einen ist es ja gerade ein Kennzeichen des klassischen Streichquartettes, dass die vier Mitwirkenden weitgehend gleichberechtigt musizieren. Zum anderen lässt sich eine Violin-Stimme aus jener Zeit schon nicht mehr ohne weiteres mit einer Oboe besetzen. 
Wie es Rosinack dennoch gelungen ist, die Werke anzupassen, das ver- dient höchsten Respekt: Der Musiker hat aus dem Material beider Violinen einen völlig neuen Part erschaffen, der den besonderen Anforderungen des Blasinstruments Rechnung trägt. Dabei ließ er die streichertypischen Abschnitte bei der Violine – vom Passagenwerk bis hin zu jenen Stellen, in denen Haydn das Instrument in die höchsten Lagen führt –, und fügte aus dem verbleibenden Rest einen Solopart für die Oboe zusammen. Er nutzt Oktavierungen, um das Instrument immer in einer vorteilhaften (hohen) Lage zu führen. Dass er damit aus Haydns Streichquartetten charmante Konzertstücke macht, ist durchaus beabsichtigt. 
Auch wenn es unserem heutigen Verständnis von Werktreue möglicher- weise nicht entspricht – aber das Ergebnis kann sich hören lassen. Das Consortium Classicum stellt Rosinacks reizvollen Haydn-Bearbeitungen Mozarts originales Oboenquartett zur Seite. Es handelt sich um die Neuauflage einer lang vergriffenen Produktion in der Besetzung Gernot Schmalfuß, Oboe, Kurt Guntner, Violine, Helmut Nicolai, Viola und Helmar Stiehler, Violoncello. Kammermusik der Extraklasse! 

Sonntag, 29. Mai 2016

Serenade for Dieter Klöcker Vol. 2 (MDG)

Dieter Klöcker (1936 bis 2011) hätte in diesem Jahr seinen 80. Geburtstag gefeiert. Dabringhaus und Grimm erinnert mit einer ganz besonderen Edition an den Jubilar: Auf vier CD präsentiert das Label Kostbarkeiten aus dem Schallarchiv des Westdeutschen Rundfunks. Die Aufnahmen, entstanden zwischen 1969 und 1993, zeigen Klöcker als überaus versierten und engagierten Kammermusiker – und stets auf der Suche nach Raritäten. Mit Leiden- schaft hat der Klarinettist zeitlebens in Archiven und Musikbibliotheken nach Kompositionen gesucht, deren Wiederentdeckung lohnt. Es verwun- dert daher nicht, dass auch in dieser Box wieder etliche Ersteinspielungen zu finden sind. Und grandios gut musiziert wird natürlich auch – eine würdige Jubiläumsgabe, mit Aufnahmen, die rundum begeistern. 

Dienstag, 13. Oktober 2015

Haydn: Clarinet Quartets (MDG)

Das audiophile Label Dabringhaus und Grimm, weithin bekannt für seine Entdeckungen und für die herausragende Qualität seiner Auf- nahmen, hat wieder einmal in die Schatztruhe gegriffen und eine Ein- spielung von höchster Güte wieder- veröffentlicht: Klarinettenquartette von Joseph Haydn mit dem legen- dären Dieter Klöcker und seinem Consortium Classicum. 
Klarinettenquartette von Haydn? Wer sich darüber wundert, der staunt zu Recht. Denn die Werke, die hier erklingen, hat der Komponist so nicht geschrieben. „Er saß in Wien zu Füßen der großen Meister, komponierte selbst fleißig und arrangierte deren Werke für seine musikliebenden Freunde in Paris“, zitiert Klöcker im Beiheft eine Quelle aus dem 19. Jahr- hundert, die Auskunft gibt über das Wirken eines gewissen Vincent Gambaro. Dieser nämlich hat als „Extraits des Oeuvres de Haydn“ die drei Quartette zusammengestellt, die auf dieser CD zu hören sind. In Gambaros Pariser Musikverlag ist allerdings nur eines davon erschienen, berichtet Klöcker, „die anderen beiden Stücke durfte ich im Manuskript auffinden.“ Das könnte mit daran liegen, dass der Klarinettenpart für die damalige Zeit ziemlich anspruchsvoll war. Möglicherweise sind die Trois Quatours concertants für einen Verwandten entstanden: Johann Baptist Gambaro war ein hervorragender Klarinettist, und musizierte im italienischen Theater in Paris. 
Dieter Klöcker spielt diese Musik mit der für ihn typischen virtuosen Leichtigkeit. Doch auch seine Musikerkollegen Kurt Guntner, Violine, Helmut Nicolai, Viola und Helmar Stieler, Violoncello, bekommen gut zu tun: „Je brillanter die Klarinette existiert“, urteilt Klöcker, „umso auf- regender ziehen die anderen Stimmen nach. Hier öffnet sich bereits der Weg zur Beethovenschen Vorstellungswelt.“ Das wiederum ist auch für den Zuhörer faszinierend. Bravi! 

Donnerstag, 24. Juli 2014

Weber: Der Freischütz (MDG)

Harmoniemusik erfreute sich einst, ganz besonders in Österreich, großer Beliebtheit. Wenn sich Adlige keine komplette Hofkapelle leisten konnten oder wollten – zu einem Bläseroktett reichte es dann doch allemal. Und wie es im Schloss klang, so tönte es bald auch in den Klöstern. 
Gefragt waren dabei nicht nur Originalkompositionen. Die Bläserharmonien spielten gern die aktuellen „Hits“, das waren schon zu Mozarts Zeiten geschickte Arrangements von Orchesterstücken, vor allem aber auch beliebte Opernmelodien. Einer der bekanntesten Arrangeure solcher Werke war der Klarinettist Wenzel Sedlak (1776 bis 1851). Der Wiener Kapellmeister bearbeitete, sozusagen nebenbei, gut 25 Jahre lang Partituren von Opern und Balletten für die Harmoniemusik. 
Etliche seiner Werke dürften für den Kaiserhof bestimmt gewesen sein. Doch auch bei den Augustinern in Altbrünn finden sich in der Klosterbibliothek mehr als 50 seiner Arrangements. Eines davon hat das legendäre Consortium Classicum um den Klarinettisten Dieter Klöcker 1986 bei Dabringhaus und Grimm eingespielt. 
Der Freischütz von Carl Maria von Weber in der Version von Wenzel Sedlak, für Harmoniemusik plus Kontrabass – das ist gleich aus mehreren Gründen ein spannendes Unterfangen. So ist es interessant, nachzuvollziehen, welche Ausschnitte aus der Oper der Arrangeur bearbeitenswert oder aber arrangierbar fand. Zum anderen aber ist es bemerkenswert, welchen Instrumenten er welche Gesangslinie zugewiesen hat – und wie er generell mit den acht Bläsern versucht, Webers Orchesterklang kreativ zu bewältigen. Unmöglich? Wer diese CD anhört, der wird staunen. Und er wird sich an den cleveren Lösungen erfreuen, die Sedlak stets mit sicherer Hand gefunden hat. Was für ein Witz! Erfreulich ist aber auch die feinsinnige Interpreta- tion durch die neun Musiker, jeder einzelne ein Meister – dem Consortium Classicum zu lauschen, das ist immer wieder ein Vergnügen. Die Klangqualität der Aufnahmen dieses Labels zu loben, das hieße wohl Eulen nach Athen tragen. Wer Opern eigentlich mag, aber sich oft über die Sänger ärgert, der sollte sich diese Aufnahme unbedingt anhören. 

Freitag, 19. Oktober 2012

Serenade for Dieter Klöcker (MDG)

Eigentlich wollte Dieter Klöcker Archäologe werden. Doch dann zeigte ihm sein Klarinettenlehrer Karl Kroll, dass man auch als Musiker Entdeckungen machen kann. Denn Kroll war vor dem Ersten Weltkrieg Soloklarinettist des St. Petersburger Hoforchesters gewesen - und steckte mit seiner Begeisterung für die Pretiosen, die er dort in der Bibliothek vorge- funden hatte, auch seinen Schüler an.
Bereits bei seinem Musikstudium in Detmold bei Jost Michaels begann Klöcker, sich für die Kammermusik zu engagieren. Doch der Detmolder Bläserkreis, mit dem Klöcker seine ersten Konzertreisen und Rundfunkaufnahmen absolvierte, zerstreute sich nach dem Examen seiner Mitglieder. Aus den Augen verloren haben sich die Bläser aber nicht; gemeinsamen Auftritten als "Rheinisches Bläsersextett" folgte 1965 die Gründung des Ensembles Consortium Classicum. Das klang nicht nur eleganter - es ließ auch Raum für gemischte Besetzungen, beispielsweise mit Streichern und Klavier.
1968 beschloss Klöcker, die Anstellung im Orchester aufzugeben, um sich ganz der Kammermusik und seiner Solistenkarriere zu widmen. Er ging in Archiven und Musikbibliotheken auf die Suche - und fand dort Musik, die das Publikum entzückte. Wenn Namen wie Cannabich, Lachner oder Hummel heute dem Musikfreund wieder präsent sind, so ist das nicht zuletzt sein Verdienst. Schallplatteneditionen zu Themenkomplexen wie Bayerns Schlösser und Residenzen, Haydn - seine Freunde und Schüler oder Mozart - Original und Fälschung geben Zeugnis von seiner Entdeckerfreude. So ist Klöcker, obwohl er doch Musiker geworden ist, dennoch so manche Ausgrabung gelungen.
Seit 1986 erschienen die Aufnahmen von Dieter Klöcker und dem Consortium Classicum bei Dabringhaus und Grimm. Am 21. Mai 2011, kurz nach seinem 75. Geburtstag, ist der Musiker gestorben. MDG ehrt das Andenken dieses virtuosen Klarinettisten, hochgeschätzten Lehrers und akribischen Forschers nun mit einer Auswahl aus dem umfangreichen Fundus seiner Aufnahmen.
Die Edition beginnt mit den Bläserquartetten von Gioacchino Rossini, aberwitzig virtuosen Stücken, die wirken, als wären sie für das Con- sortium Classicum geschrieben. Noch immer hört man, wieviel Ver- gnügen Wolfgang Dünschede, Flöte, Dieter Klöcker an der Klarinette, Klaus Wallendorf, Horn und  Karl-Otto Hartmann am Fagott mit diesen brillanten Werken hatten. Dieses Feuerwerk an Musizierlust und Esprit war die erste Gesamteinspielung dieser Werke überhaupt – und das Debüt des Ensembles bei MDG.
Klöcker verdanken wir die Wiederentdeckung von großartiger Musik lange vergessener Komponisten, aber auch den Zugang zu berühmten Meisterwerken in zeitgenössischen Arrangements. Ohne seine beharrliche Suche nach solchen Raritäten würden die zauberhaften Serenaden von Johann Nepomuk Hummel und Ignaz Pleyel sowie die Kammermusik von Carl Czerny wohl noch immer im Archivstaub vor sich hin schlummern. Die interessanten Bearbeitungen für Klarinette und Streichtrio von Vincent Gambaro nach Streichquartetten von Joseph Haydn wären ebenso unbekannt geblieben wie ihr Autor. Und natürlich stellte Klöcker auch neben Mozarts berühmte Sinfonia concertante KV 297b zwei Überraschungen.
Ergänzt wird die Sieben-CD-Box durch die Portrait-CD des Consor- tium Classicum aus dem Jahre 1993, die ebenfalls das außerordent- lich breite Repertoire dieses Ensembles präsentiert. Musiziert wird stets auf allerhöchstem Niveau. Jede dieser Aufnahmen ist gelungen, und die Angabe "Vol. 1" auf der Box lässt darauf hoffen, dass weitere folgen werden. 

Mittwoch, 10. August 2011

Romantic Wind Serenades (MDG)

Auf dieser CD präsentiert Dieter Klöckner mit dem Consortium Classicum ein vergessenes Meister- werk: Die Serenade von Wilhelm Emilius Hartmann (1836 bis 1898). "Die Komposition ist mit Sicherheit eines der wertvollsten Bläser- werke des 19. Jahrhunderts, und sie darf sich getrost an die Seite von Lachners Oktett op. 156 oder Dvoráks a-Moll-Serenade stellen", erklärt Klöckner. "Eine vollkom- mene Beherrschung der Instru- mentation, überraschende harmo- nische Einfälle und herrliche melodische Gedanken verwundern den heutigen Hörer stets auf Neue und werfen zugleich die Frage auf, warum ein solch exzeptionelles Werk gänzlich in Vergessenheit ge- raten konnte." 
Die Aufnahme stellt dieses Stück neben die Serenade für Blasinstru- mente, Violoncello und Kontrabass in d-Moll op. 44 von Antonin Dvorák aus dem Jahre 1878, und einer Ouverture, die Felix Mendels- sohn Bartholdy 1824 im Urlaub für die Bad Doberaner Bademusik geschrieben hat - was ihr eine kuriose Besetzung eingebracht hat, in dem "Blaseorchester" spielten nämlich auch eine Trompete sowie ein Bass-Englischhorn. Dieses Instrument wird hier durch den Kontra- bass ersetzt. So kombiniert diese CD drei Raritäten aus der Zeit der Romantik, durchweg wunderschön, und vom Consortium Classicum traumhaft vorgestellt. Bravi!