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Montag, 30. Dezember 2019

Biber: Fidicinium Sacro-Profanum (Accent)

Sechs Sonaten für fünf Stimmen, zwei Violinen, zwei Violen und Basso continuo, und sechs Sonaten für – eigentlich – zwei Violinen, Viola und Bass – was das 1682 in Salzburg gedruckte Fidicinium Sacro-Profanum von Heinrich Ignaz Franz Biber (1644 bis 1704) so besonders macht, das erschließt sich erst auf den zweiten Blick, oder aber beim Zuhören. Dazu sei an dieser Stelle eine neue Einspielung empfohlen, die diese Sonatensammlung mit ihren raffinierten motivischen Korrespondenzen aufs Beste zur Geltung bringt. Florian Deuter, Mónica Waisman und ihre Musikerkollegen vom Ensemble Harmonie Universelle erweisen sich als kongeniale Interpreten dieser noch immer viel zu selten aufgeführten Werke. Und mit der Toccata Duodecima aus Georg Muffats Apparatus musico-organisticus verweist Francesco Corti auch auf die klangschöne Orgel der Kirche St. Leodegar in Niederehe, wo diese Aufnahme entstanden ist. Sie wurde 1714/15 durch Balthasar König aus Münstereifel erbaut. 

Dienstag, 3. April 2018

Graupner: Lass mein Herz (Accent)

Schier unerschöpflich scheint der Schatz an Kantaten zu sein, den Christoph Graupner (1683 bis 1760) für Landgraf Ernst Ludwig von Hessen-Darmstadt und dessen Nachfolger geschaffen hat. 
Die Werke, die der Hofkapellmeister komponierte, sind heute nahezu vollständig in der Hessischen Landes- und Hochschulbibliothek zu finden, wo nicht zuletzt unter den mehr als 1.400 Kantaten noch so manches Juwel seiner Wieder- entdeckung harrt. Drei davon, aus Graupners frühen Jahren in Darmstadt, stellt Dorothee Mields mit dem Ensemble Harmonie Universelle auf dieser CD vor. 
Im Jahre 1711 entstanden die Kantaten Ach Gott, wie manches Herzeleid zum ersten Sonntag nach Trinitatis und Reiner Geist, lass doch mein Herz zum Pfingstsonntag. Für den dritten Sonntag nach Trinitatis bestimmt war die Kantate Verleih, dass ich aus Herzensgrund aus dem Jahre 1716. 
Die Texte schrieb Hofbibliothekar Georg Christian Lehm. Er hatte, wie Graupner, in Leipzig studiert und nebenher Libretti für die Leipziger Oper geschrieben. Leider starb er bereits 1717. Graupners Musik deutet die Texte gekonnt aus – allerdings hat er für die (Berufs-)Sängerinnen, die diese Monologe einst vorgetragen haben, nicht nur eindringliche, sondern vor allem auch ziemlich virtuose Stücke geschaffen. 
Dorothee Mields erweist sich als ideale Interpretin für Graupners Kantaten. In den Chorälen gestaltet sie mühelos weite Melodiebögen, und auch die anspruchsvollen Koloraturen, die so manche Arie fordert, gelingen ihr problemlos. Ihre Technik ist makellos; allerdings geht es der Sopranistin nicht vordergründig darum, mit Kehlfertigkeit zu glänzen. In ihrer Interpretation steht stets der Text im Mittelpunkt, und der Zuhörer darf sich freuen, denn man versteht tatsächlich auch jedes Wort. 
Das Ensemble Harmonie Universelle, geleitet von seinen Konzertmeistern Florian Deuter und Mónica Waisman, ergänzt die Kantaten noch durch die Ouvertüren Suite GWV 442, in der besonders die beiden Oboen da caccia einen herausragenden Part spielen, und durch das Concerto g-Moll GWV 334, wo zwei Violinen solistisch agieren. Es sind beides bedeutende Werke, und sie werden meisterhaft gespielt. Unbedingt anhören, diese CD lohnt sich! 

Mittwoch, 26. August 2015

Ferrandini: Cantate drammatiche (Accent)

Giovanni Domenico Ferrandini (1709 bis 1791) war lange nur als Name präsent. Man wusste, dass er zum Freundeskreis um Giuseppe Tartini gehörte, und dass ihn 1771 Vater und Sohn Mozart in Padua besuchten. Doch seine Musik war weitgehend verschollen. Das änderte sich, nach- dem Musikwissenschaftler festgestellt hatten, dass die Passionskantate Il pianto di Maria HWV 234 nicht von Händel, sondern von Ferrandini stammt. 
Reinhard Goebel hat dann in den 90er Jahren dieses Werk eingespielt, und sorgte damit für Furore. Man schaute plötzlich genauer hin – und fand noch weitere Werke des Komponisten. So wurden in Stockholm Flöten- konzerte überliefert, die Darmstädter Sinfonien sind auch erhalten geblieben, und zudem etliche Passionskantaten. 
Auch der Lebensweg Ferrandinis ließ sich nachvollziehen. Geboren wurde er in Venedig als Sohn eines Schuhmachers und Oboisten; 1722 kam er gemeinsam mit seinem Vater an den Münchner Hof. Dort trat der 13jährige in den Dienst des Kurfürsten Karl Albrecht – zunächst spielte er Oboe, später wirkte er als Komponist, und er war obendrein ein exzellenter Gesangslehrer. Mit 28 Jahren wurde Ferrandini zum Kammermusik- direktor ernannt. Dennoch schrieb er weiter Opern, diese sind teilweise erhalten geblieben. So konnte man 2003 in München zum 250. Geburtstag des Cuvilliéstheaters die Oper Catone in Utica erleben, die Ferrandini einst 1753 für die Eröffnung des Hauses geschaffen hatte. 1755 kehrte Ferrandini schließlich nach Italien zurück. Mit einer Pension des Kurfürsten ausge- stattet, ließ er sich in Padua nieder, und vermittelte fortan Sänger an die Münchner Hofoper. 
Zu den Gesangsschülern Ferrandinis gehörten auch die Kinder des Kur- fürsten. Kurprinzessin Maria Antonia Walpurgis heiratete 1747 Kurprinz Friedrich Christian von Sachsen. Es wird daher nicht verwundern, dass sich etliche Kantaten Ferrandinis in den Beständen der Landesbibliothek Dresden befinden. Die Kurfürstin war in vielen Künsten beschlagen – sie malte, komponierte und dichtete. Ihre Libretti waren begehrt, ihre Texte wurden unter anderem von Ferrandini, Hasse und Ristori vertont. Auch bei den Kantaten, die aus dem Dresdner Bestand für diese CD ausgewählt wurden, sind Verse der Kurfürstin die Textgrundlage. 
Die Mezzosopranistin Olivia Vermeulen und das Ensemble Harmonie Universelle unter Florian Deuter stellen drei Werke aus einem Band mit sechs Cantate con Istromenti vor. Es sind umfangreiche, anspruchsvolle Stücke, die aufhorchen lassen. Denn Ferrandini hat seine ganz eigene Variante des galanten Stils entwickelt. Er knüpft an musikalische Traditionen an, und gestaltet seine Werke ausdrucksstark, einfallsreich und dicht am Text. Auch die zwei Sinfonien des Komponisten machen deutlich, dass galanter Stil deutlich mehr ist als Seufzerfiguren und Gesäusel zu seltsamen Versen. Bezaubernd! Man wundert sich allerdings, wie ein Meister dieses Formates so in Vergessenheit geraten konnte.

Samstag, 25. Januar 2014

Corellimania (Accent)

Der Entstehung des Konzerts am Ausgang des Barockzeitalters spürt das Ensemble Harmonie Univer- selle auf dieser CD nach. Die Kindertage der Gattung waren durchaus spannend. So zeigen die Musiker anhand von Veröffent- lichungen des Amsterdamer Notenverlegers Estienne Roger, mit welcher Begeisterung die Werke Arcangelo Corellis (1653 bis 1713) nördlich der Alpen aufge- nommen worden sind. 
So kam in Großbritannien eine regelrechte Corelli-Manie auf; etliche Musiker, wie beispielsweise Francesco Gemiani (1687 bis 1762), orientierten sich daher an diesem Vorbild, und hatten damit großen Erfolg. Florian Deuter, Mónica Waisman und Harmonie Universelle präsentieren auf dieser CD einige solcher Konzerte. Sie haben zudem für drei Concerti grossi aus Corellis op. 6 das Experiment gewagt, Partien für Trompeten und Posaune zu rekonstruieren. Diese Besetzung ist durch zeitgenössische Aufführungsberichte belegt, und sie erweist sich hier als durchaus passend. Musiziert wird gekonnt und überlegt; diese CD ist wirklich rundum gelungen. 

Montag, 16. April 2012

La Porta delle Muse (Accent)

Vivaldi war viele Jahre als Geigen- lehrer und maestro dei concerti am Ospedale della Pietà tätig. In Venedig gab es vier Waisenhäuser, aber dieses war berühmt für sein Orchester, das als eines der besten in Europa galt: "Quelle roideur d'exécution!", begeisterte sich ein Zeitgenosse, der die jungen Musi- kerinnen gehört hatte. "C'est là seulement qu'on entend ce pre- mier coup d'archet, si faussement vantè à l'Opera de Paris. (...) Ils ont ici une espèce de musique que nous ne connaissons point en France, et qui me parait plus propre que nulle autre pour le jardin de Bourbonne. Ce sont de grands concertos où il n'y a point de violino principale."
Einige dieser Konzerte ohne Solovioline präsentiert das Ensemble Harmonie Universelle auf der vorliegenden CD. Sie erhalten ihre Wirkung weniger durch ihre Virtuosität, als vielmehr durch die Präzision ihrer Ausführung - was bekanntermaßen eine Stärke des Mädchenorchesters gewesen sein soll, das Vivaldi leitete. So er- scheinen auch die Violinkonzerte und vor allem auch die Doppel- konzerte wie Gelegenheiten zum freundschaftlichen Um-die-Wette-Musizieren - Florian Deuter und Mónica Waisman demonstrieren, aus welchem Geist damals in Venedig Musik entstanden ist, die ganz Europa beeindruckt und begeistert hat.