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Donnerstag, 20. Mai 2021

Vivaldi x2 (Avie Records)

 


 Barockmusik ist oft zugleich Experimentalmusik – neue Formen, neue Instrumente und jede Menge spannende Klangfarben waren zu erkunden, und die Komponisten waren dabei sehr erfindungsreich: Warum ein Violinkonzert schreiben, wenn man auch eines für zwei Hörner, zwei Oboen, Fagott, Violine und Violoncello komponieren kann? 

Im Werk von Antonio Vivaldi (1678 bis 1741) finden sich dafür viele schöne Beispiele, und auf dieser CD präsentiert das Ensemble La Serenissima um Konzertmeister Adrian Chandler eine abwechslungsreiche Auswahl von – mindestens – Doppelkonzerten. Musiziert wird brillant und mit Esprit. Viel Vergnügen! 

Samstag, 1. Februar 2020

Bach: Trumpet Concertos (Berlin Classics)

Wie würde das klingen, wenn Johann Sebastian Bach Trompetenkonzerte geschrieben hätte? 
Matthias Höfs hat es ausprobiert – und sechs bekannte Konzerte des berühmten Barockmusikers für Trompete adaptiert. So erklingt das Konzert BWV 974, nach Alexandro Marcello, ursprünglich für Oboe, aber bei Bach mit einem reich ausgezierten langsamen Satz – denn auf dem Cembalo lassen sich Töne nicht gut lang aushalten. Höfs spielt mit seiner Piccolotrompete Bachs Fassung: „Das fand ich sehr reizvoll“, meint der Musiker: „Es sind sehr berühmte Verzierungen.“ 
Das Concerto nach Italiaenischem Gusto BWV 971, entstanden für Cembalo solo, hat Höfs in seiner Bearbeitung des ersten Satzes quasi nachträglich orchestriert. Kontraste und Klangeffekte, wie sie Bach mit den Manualen und Registern seines Cembalos erzielen konnte, liefert hier das Streicher-Tutti – eine attraktive Variante, die auch Bach sicherlich gefallen hätte. 
Der Thomaskantor bearbeitete seinerzeit selbst seine Konzerte, um sie an die zur Verfügung stehenden Instrumente anzupassen. Für die wöchentlichen Auftritte mit dem Collegium musicum im Zimmermannschen Kaffeehaus setzte er besonders auf das Cembalo. Aus Bachs Arrangements wurden mittlerweile etliche Konzerte rekonstruiert, die ursprünglich offenbar für eine ganz andere Besetzung geschrieben wurden. 
Höfs erkundet nun gemeinsam mit der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen, ob diesen Konzerten nicht auch Blechbläserglanz steht. Die Musiker um Konzertmeisterin Sarah Christian waren ihm dabei inspirierende Partner. So kann der Trompeter mit diesem Album auch Skeptiker überzeugen: Es funktioniert, dank der Möglichkeiten des modernen Instrumentes, und auch deshalb, weil Matthias Höfs es wirklich großartig spielt. 
Man kommt aus dem Staunen gar nicht heraus. Denn der Musiker beeindruckt nicht nur durch technische Perfektion, sondern auch durch seinen betörend schönen, enorm wandlungsfähigen Ton und durch grandiose Stilsicherheit. „Die Solopartien der Vivaldi-Konzerte kann man zwar fast im Original spielen, aber mir waren manche Repetitionspassagen zu gleichförmig“, sagt der Trompeter. „Schon Bach hat einige figuriert. Ich habe den Solopart etwas freier gestaltet.“ Und wie! Unbedingt anhören, es lohnt sich.

Mittwoch, 2. Oktober 2019

Telemann: Ouverture et Concerti pour Darmstadt (Alpha)

In Darmstadt befand sich seinerzeit eine zwar kleine, aber dennoch erstklassige Hofkapelle. Geleitet wurde sie von Christoph Graupner, der für seine Musiker im Laufe seines langen Berufslebens nicht nur unglaublich viele (und hinreißend schöne!) Werke selbst komponiert hat. Der Hofkapellmeister stand zudem weithin mit Musikerkollegen in regem Austausch. Und deshalb verfügt die Universitäts- und Landesbibliothek der Technischen Universität Darmstadt heute über die bei weitem größte Sammlung von Kompositionen Georg Philipp Telemanns. 
Aus dieser Schatzkammer schöpfte das Ensemble Les Ambassadeurs unter Leitung von Alexis Kossenko. Die ausgewählten Werke lassen ahnen, wie exquisit am Hofe des Landgrafen musiziert wurde – der Flötist Alexis Kossenko stellt natürlich die Flötenkonzerte in den Mittelpunkt. Doch auch Zefira Valova, Violine, Gilles Vanssons und Laura Duthuillé, Oboen, und ganz besonders Pierre-Yves und Jean-François Madeuf, Naturhorn, bewältigen ihre virtuosen Solopartien exzellent. Das Ensemble Les Ambassadeurs beeindruckt generell mit seinem farbenreichen und schwungvollen Spiel. Telemann ist doch immer wieder für eine Überraschung gut! 

Montag, 10. Juni 2019

Bach: Oboe Concertos & Cantatas (Accent)

Einen Blick in die Komponisten- werkstatt Johann Sebastian Bachs wagen die Musiker auf dieser CD. Xenia Löffler hat gemeinsam mit Václav Luks und dem Collegium 1704 die Cembalokonzerte des Thomas- kantors aufmerksam studiert – und dabei festgestellt, dass sich nicht nur das Concerto A-Dur BWV 1055 hervorragend auf der Oboe d'amore spielen lässt. Auch für das Concerto C-Dur BWV 1061 ist eine Besetzung avec plusiers instruments möglich. In diesem Falle wurde der originale Solopart der zwei Cembali auf ein klanglich sehr ansprechendes Concertino aus Oboe und Viola da gamba sowie Violine und Fagott übertragen. Diese Besetzung bietet sich auch deshalb an, fand die Oboistin, weil alle Stimmen in Lage und Umfang zu diesen Instrumenten passen. „Es ist eine große Freude, unseren Beitrag zur Erweiterung des Repertoires (..) hier erstmals präsentieren zu können“, schreibt Xenia Löffler im Beiheft. „Ein besonderer Dank gilt Tim Willis, der mir bei der Umsetzung meiner Idee maßgeblich geholfen hat.“ 
Eingespielt haben die Musiker zudem das Concerto in g-Moll BWV 1056R in der rekonstruierten Version für Oboe, Streicher und Basso continuo, und zwei Solo-Kantaten, in denen der Sopran und die Instrumentalisten gleichermaßen glänzen können. Anna Prohaska singt die Solo-Partie, und auch das Collegium Vocale 1704 ist zu hören – allerdings hat Bach bei diesen Kantaten für den Chor nur schlichte Schlusschoräle geschrieben. Doch wer sich über eine Arie freuen kann, bei der die Sängerin von einem Violinduo oder aber gleich von drei Oboen begleitet wird, der wird hier erfreut lauschen. Ich bin vergnügt mit meinem Glücke BWV 84 und Falsche Welt, dir trau ich nicht! BWV 52 sind musikalische Edelsteine, und dieses Gemeinschaftprojekt der Barockoboistin Xenia Löffler mit dem Collegium 1704 unter Václav Luks bringt sie famos zum Funkeln. 

Dienstag, 4. Juni 2019

Graupner: Concertos & Ouvertures (Accent)

„Ich bin also mit Geschäfften dermaassen überhäuffet, daß ich fast gar nichts anders verrichten kann, und nur immer sorgen muß, mit meiner Composition fertig zu werden, indem ein Sonn- und Fest-Tag dem andern die Hand bietet“, schrieb Christoph Graupner 1740 an seinen einstigen Hamburger Kollegen Johann Mattheson. Zwar hatte der hessische Landgraf Ernst Ludwig – der übrigens sehr gut Cembalo und Laute spielte, und auch selbst komponierte – mittlerweile eingesehen, dass er sich eine Hofoper nicht leisten kann. 
Dennoch blieb für seinen Hofkapellmeister Graupner genug zu tun; in seinem Nachlass, der heute zum Bestand der Hessischen Landes- und Hochschulbibliothek Darmstadt gehört, befinden sich mehr als 1.400 Kirchenkantaten, und dazu eine enorme Menge an Instrumental- kompositionen, beispielsweise 85 Ouvertürensuiten, mehr als 110 Sinfonien und 44 Konzerte. 
Mit dieser Einspielung beteiligt sich nun auch das Ensemble L'arpa festante an der Wiederentdeckung der musikalischen Schätze, die bislang nur zu einem sehr geringen Teil durch Editionen erschlossen sind. Die Musikerinnen und Musiker um den Cembalisten Rien Voskuilen haben für diese Aufnahme zwei Ouvertürensuiten und zwei Concertos des Komponisten ausgewählt. Sie zeigen sehr schön, wie souverän und kreativ Graupner seinerzeit mit den barocken Formen umgegangen ist – und wie modern manche seiner Werke wirken. L'arpa festante musiziert mit Engagement und Finesse, und bringt die Klangeffekte Graupners bestens zur Geltung. 

Samstag, 29. Dezember 2018

Galanterie - Das Quantz Collegium (K&K)

Von den „historischen“ Kostümen und den albernen Perücken, die diese Musiker tragen, sollte man sich nicht abschrecken lassen. Denn das Quantz Collegium, in den 30er Jahren gegründet von dem Flötisten Ernst Friedrich Wilhelm Bodensohn, musiziert grandios. Das Ensemble lädt seit 1957 jeweils im Sommer zur Konzertreihe Festliche Serenaden in das Schloss Favorite bei Rastatt. 
Seit 1982 ist Jochen Baier der Flötist des Quantz Collegiums, das sich vor allem mit Kammermusik der Barock- zeit und der Klassik beschäftigt. Dabei stehen auch immer wieder Werke von weniger bekannten Komponisten auf dem Programm, die wohl, falls notwendig, sogar mit einigem Aufwand aus Quellen zugänglich gemacht werden. Das dürfte auch für dieses Programm erforderlich gewesen sein, das durchweg mit Entdeckungen begeistert. 
Der vorliegende Konzertmitschnitt ist im Mai 2018 entstanden. Einmal mehr erfassen Josef-Stefan Kindler und Andreas Otto Grimminger die einzigartige Atmosphäre, die das Musizieren im Gartensaal des „Porzellanschlosses“ Favorite prägt. Mit ihrem Label K&K sind sie seit Jahren darauf spezialisiert, herausragende Konzerte möglichst authentisch für die Nachwelt aufzuzeichnen. 
Ein solches Konzert ist auf dieser CD quasi mitzuerleben. Denn was das Quantz Collegium unter dem Stichwort „Galanterie“ zusammengetragen hat, das sind außerordentlich abwechslungsreiche und musikalisch lohnende Raritäten. Neben der Flöte rückt dieses Programm ganz besonders die Bratsche ins Scheinwerferlicht. Sie ist das Solo-Instrument zweier Konzerte von Christoph Graupner (1683 bis 1760) und Georg Philipp Telemann (1681 bis 1767); außerdem erklingen ein Flötenkonzert von Friedrich Wilhelm Heinrich Benda (1745 bis 1814) sowie ein Doppelkonzert für Flöte und Bratsche von Graupner. Und das Quantz Collegium spielt diese Kostbarkeiten derart hinreißend, lebendig und getragen von Musizierlust, dass es rundum eine Freude ist. Unbedingt anhören! 

Dienstag, 3. April 2018

Graupner: Lass mein Herz (Accent)

Schier unerschöpflich scheint der Schatz an Kantaten zu sein, den Christoph Graupner (1683 bis 1760) für Landgraf Ernst Ludwig von Hessen-Darmstadt und dessen Nachfolger geschaffen hat. 
Die Werke, die der Hofkapellmeister komponierte, sind heute nahezu vollständig in der Hessischen Landes- und Hochschulbibliothek zu finden, wo nicht zuletzt unter den mehr als 1.400 Kantaten noch so manches Juwel seiner Wieder- entdeckung harrt. Drei davon, aus Graupners frühen Jahren in Darmstadt, stellt Dorothee Mields mit dem Ensemble Harmonie Universelle auf dieser CD vor. 
Im Jahre 1711 entstanden die Kantaten Ach Gott, wie manches Herzeleid zum ersten Sonntag nach Trinitatis und Reiner Geist, lass doch mein Herz zum Pfingstsonntag. Für den dritten Sonntag nach Trinitatis bestimmt war die Kantate Verleih, dass ich aus Herzensgrund aus dem Jahre 1716. 
Die Texte schrieb Hofbibliothekar Georg Christian Lehm. Er hatte, wie Graupner, in Leipzig studiert und nebenher Libretti für die Leipziger Oper geschrieben. Leider starb er bereits 1717. Graupners Musik deutet die Texte gekonnt aus – allerdings hat er für die (Berufs-)Sängerinnen, die diese Monologe einst vorgetragen haben, nicht nur eindringliche, sondern vor allem auch ziemlich virtuose Stücke geschaffen. 
Dorothee Mields erweist sich als ideale Interpretin für Graupners Kantaten. In den Chorälen gestaltet sie mühelos weite Melodiebögen, und auch die anspruchsvollen Koloraturen, die so manche Arie fordert, gelingen ihr problemlos. Ihre Technik ist makellos; allerdings geht es der Sopranistin nicht vordergründig darum, mit Kehlfertigkeit zu glänzen. In ihrer Interpretation steht stets der Text im Mittelpunkt, und der Zuhörer darf sich freuen, denn man versteht tatsächlich auch jedes Wort. 
Das Ensemble Harmonie Universelle, geleitet von seinen Konzertmeistern Florian Deuter und Mónica Waisman, ergänzt die Kantaten noch durch die Ouvertüren Suite GWV 442, in der besonders die beiden Oboen da caccia einen herausragenden Part spielen, und durch das Concerto g-Moll GWV 334, wo zwei Violinen solistisch agieren. Es sind beides bedeutende Werke, und sie werden meisterhaft gespielt. Unbedingt anhören, diese CD lohnt sich! 

Sonntag, 12. November 2017

Dvorák: Complete Symphonies & Concertos (Decca)

Nach seiner Rückkehr zur Tschechischen Philharmonie im Jahre 2012 hat sich Jiří Bělohlávek noch einmal dem Werk von Antonín Dvořák zugewandt. Der Dirigent hatte das Orchester bereits in den Jahren 1990 bis 1992 geleitet, als Nachfolger von Václav Neumann, und in den Jahren danach war er auch international sehr erfolgreich tätig, unter anderem als Leiter des BBC Symphony Orchestra.
Bei Decca sind nun zwei wichtige Editionen erschienen. Da wäre zum einen diese Box, die auf sechs CD alle neun Sinfonien und die Konzerte von Dvořák zusammenfasst. Die Sinfonien in dieser Ballung zu hören, das ist ein Erlebnis – zumal sich die Aufnahmen durch viele kleine Details auszeichnen, die man mit Freude wahrnimmt. Da ist alles mit Hingabe gestaltet, mit großer Klarheit strukturiert und sehr fein ausgearbeitet. Man lausche nur dem berühmten Englischhorn-Solo im Largo der Sinfonie Aus der Neuen Welt – berückend!
Beim Cellokonzert ist Alisa Weilerstein zu hören, beim Klavierkonzert spielt Garrick Ohlsson den Solopart. Die große Überraschung war für mich aber das Violinkonzert, das von Frank Peter Zimmermann mit Noblesse interpretiert wird. Diese Aufnahme ist wirklich hinreißend.
Die zweite CD mit der Tschechischen Philharmonie und Bělohlávek, die hier vorgestellt werden soll, bietet eine exzellente Einspielung von Dvořáks Slawischen Tänzen opp. 46 und 72. Auch hier wird deutlich, dass das Prager Orchester Weltklasse hat – und bei Dvořák kann diesen Musikern derzeit kaum jemand das Wasser reichen. Sie spielen schwungvoll und frisch, und zugleich derart differenziert, dass es eine Freude ist. In manchen Passagen wirkt das geradezu kammermusikalisch; man höre nur die Holzbläser... Diese Aufnahme setzt ohne Zweifel Maßstäbe, und sie wird wohl für eine lange Zeit Referenzcharakter haben. Großartig, unbedingt anhören!

Montag, 17. Juli 2017

Concerti Bizarri (Linn)

„The idea for this Concerti Bizarri programme has been floating around in my head for a few years now, from when I put together a programme of mixed instrumental concertos combined with a suite by Georg Philipp Telemann called La Bizarre“, schreibt Monika Huggett, die Konzertmeisterin des Irish Baroque Orchestra. „The IBO is crammed full of wonderful musicians and they can fully inhabit the role of soloist in every way: technically, musically and charismatically.“ 
Und so ist letztendlich diese CD entstanden. Sie gibt Zeugnis von einer Zeit, da Musik zumeist für konkrete Anlässe und vorhandene Besetzungen geschrieben wurde. Das Konzert für zwei Violoncelli RV 531 beispielsweise schrieb Antonio Vivaldi für Musikerinnen, die am Ospedale della Pietá in Venedig ausgebildet wurden. Johann David Heinichen komponierte sein Oboenkonzert in g-Moll S. 237 für die Dresdner Hofkapelle. Johann Friedrich Fasch war Hofkapellmeister in Zerbst, Christoph Graupner in Darmstadt. 
In beiden Ensembles musizierten damals exzellente Instrumentalisten – warum also ein Violinkonzert schreiben, wenn man seine Konzerte mit Flöte und Oboe oder aber mit zwei Oboen da caccia, zwei Bratschen, zwei Fagotten und Basso continuo wesentlich interessanter und abwechslungs- reicher besetzen kann? Graupner beispielsweise schuf ein Konzert für Flöte d'amore, Oboe d'amore und Viola d'amore – ein schönes Beispiel für das Spiel mit Klangfarben; die Komponisten der Barockzeit waren da ausgesprochen experimentierfreudig. Dass sie auch Virtuosität durchaus schätzten, beweist Graupners Fagottkonzert GWV 301, ein Werk, das enorm hohe Ansprüche an den Solisten stellt. Komplettiert wird die Einspielung durch Telemanns Konzert für zwei Violinen und Fagott TWV 53: D4. 
Bizarr ist an dieser CD allerdings nur das Coverbild. Wer Vergnügen hat
an einem farbenreichen, spannenden Programm abseits der allzu ausge- tretenen Pfade, dem sei diese CD wärmstens empfohlen. Denn das Irish Baroque Orchestra musiziert auch sehr hörenswert – mit Neugier und mit einer gehörigen Portion Temperament. 

Dienstag, 20. Juni 2017

Mozart - Haydn: Concertos & Divertimentos (Deutsche Harmonia Mundi)

Zu einem Blick in die Kinderstube des Klavierkonzertes lädt das österrei- chische Ensemble Castor ein. Dazu haben die Musiker frühe Konzerte und Divertimenti von Wolfgang Amadeus Mozart und Joseph Haydn ausgewählt, nämlich die Konzerte KV 107 sowie die Divertimenti Hob XIV: 4, XIV: 9, XIV: 7 und XIV: 8.
Mozarts Konzerte beruhen auf den Klaviersonaten op. 5 von Johann Christian Bach. Ihn hatte der junge Mozart 1764 bei seiner Reise nach London kennen- und von ihm auch musikalisch viel gelernt. Es wird vermutet, dass Mozart seine Klavierkonzerte während seines Aufenthaltes in Italien 1770 geschaffen haben könnte – wobei er Bachs Klavierpart, der weitestgehend unangetastet blieb, zwei Violinen und eine Bassstimme zur Seite stellte. Das Ergebnis erinnert dann ein wenig an frühe Sonaten für Klavier und Violine, die ebenfalls vom Klavier dominiert und vom Streich- instrument begleitet werden.
Als Concerti und Divertimenti bezeichnete Haydn seine Werke Hob. XIV, wobei die beiden Gattungen hier wohl lediglich unterscheidet, ob ein Adagio als Mittelsatz steht, oder ein Menuett. Komponiert wurden sie jedenfalls für Klavier, zwei Violinen und Bass, und datiert werden sie auf Haydns frühe Jahre in Lukavec bei Pilsen und in Eisenstadt. „Stilistisch betrachtet kann man mit ziemlicher Sicherheit sagen, dass nach 1770 keine dieser Werke mehr komponiert wurden“, schreibt Petra Samhaber-Eckhardt im Beiheft zu dieser CD.
Die Geigerin spielt gemeinsam mit ihren Kollegen Lukas Praxmarer, ebenfalls Violine, Peter Trefflinger, Violoncello, und Erich Traxler, Klavier, diese Stücke ganz in dem Sinne, in dem sie einst geschaffen worden sind – als unterhaltsame Hausmusik, und als niveauvolle Unterrichtsliteratur. Erich Traxler hat dabei bei weitem den bedeutendsten Part; der Pianist musiziert auf einem Hammerklavier des Wiener Instrumentenbauers Joseph Dohnal aus dem Jahre 1795, das vom Schloss Kremsegg Kultur, Musica Sacra Kremsmünster, zur Verfügung gestellt wurde. Dort ist auch die Aufnahme entstanden. 

Samstag, 27. Mai 2017

Telemann: Die Doppelkonzerte mit Blockflöte (Brilliant Classics)

Und noch eine weitere CD aus dem Hause Brilliant Classics rückt uns das Schaffen Georg Philipp Telemanns (1681 bis 1767) erfreulich ins Licht: Erik Bosgraaf hat mit seinem Ensem- ble Cordevento sowie mit weiteren Musikerfreunden Doppelkonzerte Telemanns eingespielt, in denen der Komponist Blockflöten zumindest einen Solopart zugeschrieben hat – mitunter sind es auch gleich beide. 
Neben Bosgraaf, ohne Zweifel einer der besten Blockflötisten der Welt, brillieren die Solisten Anna Besson, Traversflöte, Yi-Chang Liang, Blockflöte, Robert Smith, Viola da gamba und Marije van der Ende, Fagott. Auch das Ensemble Cordevento spielt seinen Part exzellent. Das ist bei diesen Konzerten besonders wichtig, denn sie zeichnen sich durch einen lebhaften Dialog zwischen Solostimmen und Orchester aus. 
Musiziert wird temperamentvoll und mit Leidenschaft. Bei Bosgraaf ist Telemanns Einfallsreichtum in besten Händen; nach seinem Album mit Blockflöten-Suiten und Konzerten setzt der Musiker mit dieser CD erneut einen Glanzpunkt. 

Dienstag, 17. Januar 2017

Le Théâtre musical de Telemann (Alpha)

Mit großer Neugier und Offenheit hat Georg Philipp Telemann (1681 bis 1767) anderen Musikern zugehört – egal, ob diese „gelehrt“ oder eher rustikal, bei Hofe oder aber auf dem Dorfplatz zum Tanz aufspielten. Er selbst berichtet, während seiner Zeit in Sorau habe er „sowohl daselbst, als in Krakau, die polnische und hanakische Musik, in ihrer wahren barbarischen Schönheit“ kennenge- lernt. Der junge Telemann zeigte
sich fasziniert: „Ein Aufmerckender könnte von ihnen, in 8. Tagen, Gedancken für ein gantzes Leben er- schnappen.“

Was Telemann in Polen „erschnappt“ hat, das präsentieren Olivier Fortin und sein Ensemble Masques auf dieser CD: Das Concerto poloniosy TWV 43:G7 ist in dieser Hinsicht sogar für die experimentierfreudige Barock- musik ein Solitär. Zwar haben auch andere Komponisten seinerzeit Werke geschrieben, die – stilisiert – Anklänge an andere Länder bieten. Selbst Bach hat in seinen Werken hier und da ein Volkslied zitiert. Doch Anlei- hen bei der Volksmusik in diesem Umfang finden sich in der Musikge- schichte erst wieder bei Haydn und Beethoven.
Die CD startet allerdings ganz konventionell mit der Ouverture – Suite in A-Dur TWV 55:A1. In der Ouverture – Suite TWV 55:B5 Les Nations, die traditionell französisch beginnt, geht die Reise dann bis in die Türkei. Vertreten sind auch die Moskowiter, mit einer sehr kuriosen Melodie, sowie die Schweizer in Form von singenden und tanzenden Sennern. Nach einem fröhlichen Zwischenstop in Portugal kommen dann zum Schluss Les Boiteux und Les Coureurs in den Genuss der Telemannschen Charak- terisierungskunst, die Lahmen und die Läufer, was nach einer Fußreise entlang einer solchen Strecke durchaus nachvollziehbar erscheint. 
Ähnlich witzig ist die Ouverture – Suite TWV 55:G10 Burlesque de Quixotte, in der man den Helden bei einigen seiner Abenteuer erleben kann; so beim Kampf mit den Windmühlen oder aber beim Galopp auf seiner Rosinante – wirklich sehr komisch! – gefolgt von Sancho Pansa auf dem Esel. Die Musiker um Olivier Fortin tragen diese Klänge zwar entsprechend ausdrucksstark vor, aber immer nobel, nie karikierend. Mit dieser Einspielung ist dem Ensemble Masques ein würdiger Auftakt zum Telemann-Jahr 2017 gelungen – und man darf schon gespannt sein, welche Entdeckungen aus dem überaus umfangreichen Oeuvre des Kompo- nisten das Jubiläum noch mit sich bringt. 

Dienstag, 20. Dezember 2016

Edition Carl Philipp Emanuel Bach (Hänssler Classic)

Eine enorme Box mit Musik von Carl Philipp Emanuel Bach (1714 bis 1788) legt Hänssler Classic all jenen auf den Gabentisch, die nicht dem Irrtum verfallen sind, es habe zwischen Johann Sebastian Bach und der Wiener Klassik im deutsch- sprachigen Raum eigentlich keine Musik gegeben, die man kennen müsste. 
Carl Philipp Emanuel Bach war der zweite überlebende Sohn von Johann Sebastian Bach. „In der Komposition und im Clavierspielen habe ich nie einen anderen Lehrmeister gehabt als meinen Vater“, soll „CPE“ später berichtet haben. Es war offensichtlich eine gute Schule; schon 1738 engagierte Kronprinz Friedrich von Preußen den Musiker. Viele Jahre lang begleitete der „Berliner Bach“ dann als Erster Cembalist den König beim Flötenspiel. Das war nicht immer eine Idylle, wie sie das berühmte Gemälde vom Hofkonzert in Sanssouci ver- muten lässt. Erinnert sei nur daran, dass in diesen Zeitraum auch der Sie- benjährigen Krieg fällt, mit verheerenden Auswirkungen. 
Als 1767 Taufpate Georg Philipp Telemann starb, wurde Carl Philipp Emanuel Bach sein Nachfolger als städtischer Musikdirektor und Kantor am Johanneum in Hamburg. Dort hatte er eine Vielzahl von Aufführungen in allen fünf Hauptkirchen zu leiten, er komponierte die erforderliche, überwiegend geistliche, Musik und vernachlässigte darüber zugleich das Konzertieren nicht. Er hatte einen exquisiten Freundeskreis und pflegte eine umfangreiche Korrespondenz; in seinem gastfreundlichen Hause gingen nicht nur Musikerkollegen gern aus und ein. Letztendlich war der „Hamburger“ Bach zu Lebzeiten um vieles berühmter als sein Vater. 
Die Nachwelt freilich flicht auch dem Musiker keine Kränze. Und während in Berlin dank Felix Mendelssohn Bartholdy Bachs Matthäuspassion „wiederentdeckt“ und bejubelt wurde, geriet das Werk von Carl Philipp Emanuel Bach in Vergessenheit. Und es dauerte lange, bis er wieder geschätzt und geehrt wurde. 
Noch Beethoven meinte respektvoll: „Von Emanuel Bachs Klaviersachen habe ich nur einige Sachen, und doch müssen einige jedem wahren Künst- ler gewiss nicht allein zum hohen Genuss, sondern auch zum Studium dienen.“ Doch bis heute existiert keine vollständige Notenedition. Auf CD sind in den letzten Jahren aber immer breitere Ausschnitte des Schaffens von Carl Philipp Emanuel Bach zugänglich geworden. Sein umfangreiches Werk umfasst nahezu alle Gattungen; am häufigsten allerdings kompo- nierte er für das „Clavier“, unter welchem Begriff seinerzeit sämtliche Tasteninstrumente, vom flüsterleisen Clavichord bis hin zur Orgel, zusam- mengefasst wurden. 
Die vorliegende Box bietet auf 54 CD die bislang umfassendste Kollektion von Musik des großen Meisters der Empfindsamkeit. Auf 26 CD finden sich Werke für das Clavier, durchweg in Aufnahmen mit Ana-Marija Markino- va. Klavierkonzerte sind auf weiteren vier CD in den exzellenten Einspie- lungen mit Michael Rische zu hören; die Cembalokonzerte sowie ein Teil der Sinfonien mit Ludger Rémy und seinem Ensemble Les Amis de Philippe sowie mit Florian Birsak und der Camerata Salzburg unter Roger Norring- ton. Die Hamburger Sinfonien hat das Stuttgarter Kammerorchester unter Wolfram Christ eingespielt. Die Cello-Konzerte sind in der Aufnahme mit Julian Steckel und dem Stuttgarter Kammerorchester vertreten, die Oboenkonzerte mit József Kiss und dem Ferenc Erkel Chamber Orchestra. Die Flötenkonzerte spielt Patrick Gallois mit der Toronto Camerata, die Flötensonaten Dorothea Seel mit Christoph Hammer am Fortepiano. Kammermusik mit Traversflöte gibt es zudem in einer Aufnahme mit dem Collegium Pro Musica. Sonaten für Cembalo und Violine haben Roberto Loreggian und Federico Guglielmo eingespielt. In das Orgelwerk teilen sich Friedemann Johannes Wieland und Luca Scandali. 
Die Quartalsmusiken sowie Hamburgische Festmusiken – geschaffen anlässlich der Amtseinführung zweier Pastoren – erklingen mit der Himlischen Cantorey und Les Amis de Philippe unter Leitung von Ludger Rémy. Das Magnificat ist in einer Einspielung mit Arleen Augér, Helen Watts, Kurt Equiluz, Wolfgang Schöne sowie der Gächinger Kantorei und dem Bach-Collegium Stuttgart unter Helmuth Rilling zu hören. 
Die Aufzählung ist, im Bereich der Instrumentalmusik, damit noch nicht ganz vollständig; es wird aber deutlich, welche Schätze hier gehoben worden sind. Wer sich einen ersten Überblick über das Werk Carl Philipp Emanuel Bachs verschaffen will, der kann dies mit der Box ganz hervor- ragend – und auch der Kenner findet so manche Rarität. Sehr lohnend! 

Sonntag, 21. Februar 2016

Heinichen: Italian Cantatas & Concertos (Accent)

Nicht nur Musiker, auch den Adel zog es einst aus deutschen Landen nach Italien. Mitunter kam es so zu über- raschenden Begegnungen. So traf im Jahre 1716 der sächsische Kurprinz Friedrich August in Venedig auf Johann David Heinichen (1683 bis 1729). Der Sohn eines Pfarrers aus Krössuln bei Weißenfels hatte sechs Jahre lang unter den Kantoren Johann Schelle und Johann Kuhnau an der Leipziger Thomasschule gelernt. Bei Kuhnau nahm Heinichen zusätzlich Privatunterricht im Orgel- und Cembalospiel; gemeinsam mit dem späteren Darmstädter Hofkapellmeister Christoph Graupner wurde er durch Kuhnau zudem im Fach Komposition unterwiesen. 
Von 1702 bis 1705 studierte Heinichen dann Jura an der Universität Leipzig, und musizierte in Telemanns studentischem Collegium musicum. Noch als Student bewarb er sich um die Nachfolge Telemanns als Musik- direktor der Neukirche; allerdings erhielt er das Amt nicht; wir wissen jedoch, dass er in den darauffolgenden Jahren etliche Werke für die Leipziger Oper geschrieben hat. Auch im Opernhaus vorm Salztor des Herzogs Moritz Wilhelm zu Sachsen-Zeitz in Naumburg wurden Opern von Heinichen aufgeführt. Als dort aber 1710 der Thronfolger starb, und Landestrauer ausgerufen wurde, entschied sich Heinichen, nach Italien zu reisen. 
Er hielt sich einige Zeit in Rom auf, wo er kurzzeitig für Fürst Leopold von Anhalt-Köthen musizierte, Bachs späteren Dienstherrn. Ansonsten scheint Heinichen überwiegend in Venedig gelebt zu haben. Im Karneval 1713 präsentierte er erfolgreich zwei Opern. Immer wieder traf er auch Kollegen wieder, die er bereits aus Leipzig kannte. So war Gottfried Heinrich Stölzel 1713/14 in Venedig, und Johann Georg Pisendel traf 1716 im Gefolge des sächsischen Kurprinzen dort ein. 
Friedrich August weilte auf Kavalierstour in Venedig; im Hause der Bankiersgattin Angioletta Bianchi, die eine hervorragende Sängerin und Cembalistin war, hörte der Kurprinz und spätere König August III. einige Kantaten Heinichens – und engagierte den Musiker umgehend als Kapellmeister auf Lebenszeit. Eigens dafür holte er aus der Heimat die Zustimmung seines Vaters August der Starke ein. 
Heinichen revanchierte sich mit diversen musikalischen Huldigungen, nicht zuletzt an Maria Josepha von Habsburg. Die Gattin des Kurprinzen war Heinichen sehr gewogen. Der Musiker, der leider zunehmend unter der Tuberkulose litt, schuf in den zwölf Lebensjahren, die ihm noch verblieben, neben Musiken für höfische Feste und für den Gottesdienst in der katholi- schen Hofkirche insbesondere auch Kantaten und Instrumentalwerke, die für das intime Musizieren in den Räumen des Kurprinzen-Paares bestimmt waren. Sie sind, gemeinsam mit ähnlichen Werken aus Heinichens Zeit in Venedig, in zwei dicken Sammelbänden überliefert. 
Die Batzdorfer Hofkapelle hat nun eine Auswahl dieser kurfürstlichen Privatmusik eingespielt. Die vier Kantaten versetzen den Zuhörer in ein ländliches Idyll, das von Nymphen und Hirten bevölkert wird. Sopranistin Marie Friederike Schröder, leider in den Koloraturen nicht wirklich sattel- fest, und Alto Terry Wey, sehr hörenswert, singen diese Kabinettstückchen höfischen Ziergesanges. Insbesondere der abschließende Dialog zwischen Clori und Tirsi, man hören nur das finale Duetto O mio ben, ist auch in der Instrumentierung von betörender Wirkung. 
Neben diesen Gesangsstücken erklingen auch zwei Concerti Heinichens; überliefert sind diese in Abschriften der Darmstädter Hofkapelle. Die kurzen Werke geben den Instrumentalsolisten, hier sind es Geige und Oboe, Gelegenheit, sowohl mit virtuosen Passagen als auch mit schönen Tönen zu glänzen. Die Soli spielen Daniel Deuter, Violine, bzw. Xenia Löffler, Oboe. Die gesamte Batzdorfer Hofkapelle zeigt sich einmal mehr in Hochform und bester Spiellaune – aus einem regionalen Projekt ist mittlerweile ohne Zweifel ein Spitzenensemble von europäischem Format herangewachsen. Bravi! 

Montag, 8. Dezember 2014

Fasch: Quartets and Concertos (Linn)

Johann Friedrich Fasch (1688 bis 1758) gehört ohne Zweifel zu jenen Komponisten, die bislang noch nicht so wahrgenommen werden, wie sie es verdient hätten. Die Werke des Mu- sikers, der ab 1722 als Hofkapell- meister in Zerbst angestellt war, wurden von seinen Zeitgenossen sehr geschätzt. Obwohl nur ein Teil seines Schaffens überliefert ist, halten die Archive doch noch manche Über- raschung bereit. 
So hat das Ensemble Marsyas kürz- lich bei Linn Records eine CD mit Quartetten und Konzerten des Komponisten vorgelegt. Diese rundum gelungene Einspielung überwältigt mit bezaubernden Klangfarben, die Fasch in vielen Schattierungen einzu- setzen wusste. Der Hofkapellmeister setzte dazu auch die Instrumente in abwechslungsreichen Kombinationen ein. Neben den traditionellen Instrumenten höfischer Virtuosen der damaligen Zeit, wie Geigen, Gamben oder (Block-)Flöten, verwendete Fasch auch Innovationen wie Oboe und Fagott. So enthält diese CD ein wundervolles Quartett für Horn, Oboe, Violine und Continuo. Andere Quartette besetzte Fasch sogar mit zwei Oboen, obligatem Fagott und Continuo. Doch auch die Blockflöte bedachte er mit hörenswerten Partien. 
Das Ensemble Marsyas, unterstützt durch Pamela Thorby, Blockflöte, und Peter Whelan, Fagott, musiziert mit Präzision und Hingabe. Die Musiker beeindrucken durch die Feinfühligkeit, mit der sie diese musikalischen Juwelen zum Leuchten und Funkeln bringen. Eine der schönsten CD des Jahres! 

Freitag, 9. November 2012

Vivaldi: Concertos for Strings (BIS)

Üblicherweise stehen bei Auf- nahmen von Vivaldi-Konzerten Solisten im Mittelpunkt des Geschehens. Das polnische Ensemble Arte dei Suonatori hat sich für einen anderen Zugang zur Musik des Komponisten ent- schieden, der selten gespielte Werke erschließt. Denn Antonio Vivaldi hat eine ganze Reihe von Konzerten geschrieben, in denen eine Gruppe von Streichern mit Basso continuo musiziert. Diese concerti a quattro erweisen sich als kunstvolle Werke, in denen Vivaldi, mehr noch als in den Solo- konzerten, mit seinen Fähigkeiten beim Tonsatz brilliert. Arte dei Suonatori stellt eine Auswahl davon vor. Musiziert wird harmonisch und mit Esprit, aber ohne Übertreibung. Entsprechend reizvoll ist diese Aufnahme, die ich sehr gelungen finde. 

Donnerstag, 11. Oktober 2012

Vivaldi: Sacred works for soprano and concertos (Channel Classics)

So möchte man die Musik von Antonio Vivaldi (1678 bis 1741) gern öfters hören. Das Ensemble Florilegium, schlank besetzt mit bis zu zehn Musikern, musiziert wundervoll; die drei Konzerte, die Florilegium für diese CD ausge- wählt hat, gehören zudem nicht zu den Vivaldi-Hits, die man schon mitpfeifen kann. Das macht die Aufnahme doppelt reizvoll. Die Konzerte bilden aber nur einen Rahmen für das Laudate Pueri
RV 601 und die Motette Nulla in mundo RV 630, gesungen von Elin Manahan Thomas. Und das macht die Sopranistin großartig. Ihre gut geführte Stimme, die selbst durch rasante Koloraturen nie in Bedrängnis zu bringen ist, fügt sich geradezu orchestral ein in das brillante Ensemble. So intensiv ist die Interaktion zwischen Sängern und Instrumentalisten selten zu erleben. Grandios! 

Sonntag, 30. September 2012

Avi Avital - Bach (Deutsche Grammophon)

Darf man Bach auf der Mandoline spielen? Wenn man das Instrument so souverän beherrscht wie Avi Avital, dann kann das sogar sehr spannend werden. Er spielt dieses Instrument seit seinem achten Lebensjahr, berichtet der Musiker, der im israelischen Be'er Scheva aufgewachsen ist: "Ein Freund von mir nahm Unterricht auf der Mandoline, also beschloss ich, das gleiche zu machen. In der Stadt gab es ein sehr bekanntes Mando- linenorchester, in das ich eintrat. Wir spielten Arrangements von Mozart, Bach und andere Werke des klassischen Repertoires. Simcha Nathanson, ein sehr charismati- scher Lehrer, hatte es gegründet. Er war eigentlich ausgebildeter Geiger, und das erwies sich als großes Plus; die Musik war wichtiger als das Instrument. Und ich lernte, wie ich Musik durch ein Instru- ment vermitteln konnte, das nun einmal, wie es der Zufall so wollte, eine Mandoline war." 
Bach selbst hat etliche seiner Werke für eine veränderte Besetzung bearbeitet; so sind beispielsweise Konzerte, die ursprünglich wohl für Violine und Oboe geschrieben wurden, in der Version für Cembalo überliefert. "Musik für die Geige eignet sich auch für die Mandoline, da beide Instrumente die gleiche Stimmung haben", erläutert Avital im Beiheft. "Bei der Darstellung der langen Töne muss man erfinde- risch sein, damit man sie zum Singen bringt, ebenso bei den Verzie- rungen und anderen Details. Aber ich wollte noch einen Schritt weitergehen: Ich wollte Bachs Universalität herausstellen." 
So liegen die Cembalokonzerte BWV 1056 und 1052 in Rekonstruk- tionen für Violine vor. "Diese Übertragungen fühlen sich auf der Mandoline sehr stimmig an", meint Avital, "das Instrument selbst klingt aber mehr wie ein Cembalo." Deshalb hat der Musiker auch die Cembalo-Fassungen sehr sorgfältig geprüft, und daraus übernommen, was für die Mandoline passt. 
Auch das Violinkonzert in a-Moll BWV 1041 klingt auf der Mandoline durchaus gut. Und Avital beweist, dass man auf dem Instrument selbst eine Flötensonate - es erklingt die Sonate in e-Moll BWV 1034 - vortragen kann. Begleitet wird der Solist dabei durch die Kammer- akademie Potsdam, die sich erneut als versierter und experimentier- freudiger musikalischer Partner erweist. So wird der Zuhörer selbst bei bekannten Werken wie dem a-Moll-Violinkonzert Details neu entdecken, die ihm nie zuvor aufgefallen waren. "Bachs Musik ist voller Geheimnisse", bestätigt Avi Avital. "Egal, wie lange man sie schon spielt, immer gibt es etwas Neues zu entdecken. Wenn man ein anderes Instrument einsetzt, kann man die Zeitlosigkeit dieser Musik auf ganz neue Weise erleben." 

Donnerstag, 26. Juli 2012

Pepusch: Concertos and Ouvertures for London (Ramée)

Johann Christoph Pepusch (1667 bis 1752) war der Sohn eines Ber- liner Pfarrers. Über seine Kindheit und Jugend ist ansonsten wenig bekannt. Auch über seine Ausbil- dung wissen wir nichts. 
Wann und warum er aus Preußen nach England ging, lässt sich ebenfalls wohl nicht mehr heraus- finden. Fakt ist: Dort tauchte er zu Beginn des 18. Jahrhunderts auf - und war binnen kürzester Frist hoch angesehen und als Komponist insbesondere von Instrumentalmusik weithin bekannt.
Pepusch galt als enorm gelehrt, und wurde 1713 in Oxford zum Dok- tor der Musik promoviert. Er war Mitbegründer der Academy of Ancient Music, engagierte sich sehr für die Pflege musikalischer Traditionen und besaß eine legendäre Musikaliensammlung. Bekannt ist er uns heute nur noch im Zusammenhang mit The Beggar's Opera, für die er die Ouvertüre und Continuo-Stimmen für die Lieder ge- schrieben hat. In diesem Stück verspottete John Gay 1728 sowohl die italienische Oper als auch etliche Politiker. Es war ein großer Erfolg, doch das Theater scheint für Pepusch eher deshalb interessant ge- wesen zu sein, weil es ihm eine Bühne für seine Konzerte bot.
Es ist erstaunlich, aber diese Werke schlummern bis zum heutigen Tage, verstreut über halb Europa, in Archiven. "Abgesehen von der Ouvertüre zu The Beggar's Opera ist bis zum Zeitpunkt dieser Auf- nahme keines seiner anderen Stücke jemals eingespielt worden", wundert sich Robert G. Rawson. Er hat nach den Handschriften das Aufführungsmaterial für diese Aufnahme erarbeitet. Der Kontra- bassist hatte 2006 gemeinsam mit dem Geiger Ben Samson und dem Cembalisten Deviad Wright The Harmonious Society of Tickle-Fiddle Gentlemen gegründet, um solchen Raritäten wieder den Weg zurück auf die Konzertbühne zu bahnen. Und mit diesem Ensemble hat er nun bei dem audiophilen Label Ramée außer dieser Ouvertüre noch die zu Venus and Adonis sowie sechs Konzerte des Komponisten der Öffentlichkeit erstmals wieder vorgestellt.
Das lohnt sich: Es sind ideen- und abwechslungsreiche Werke, teil- weise in der Form des dreisätzigen italienischen Konzertes, teils viersätzig und mitunter auch als Concerto grosso mit fünf Sätzen gestaltet. Die konzertierenden Instrumente wechseln; Pepusch soll sogar ein Konzert geschrieben haben, bei dem Pauken den Solopart übernehmen - es ist auf dieser CD aber nicht zu hören. Doch auch Oboe, Violine, Trompete sowie Cello und Fagott sorgen, jeweils in Kombination mit Streichern und Basso continuo, für farbenreiche Klänge. Der Leser denke sich eine Kreuzung zwischen Vivaldi und Händel. Die Musiker zeigen sich spielfreudig und versiert, ihnen zu lauschen, ist ein ausgesprochenes Vergnügen. Herzlichen Dank an Rainer Arndt, der hier mit seinem Label Ramée erneut ein Herzblut-Projekt verwirklicht hat - und, bitte, mehr davon!

Dienstag, 17. Juli 2012

Schieferdecker: Geistliche Konzerte (Carus)

Johann Christian Schieferdecker (1679 bis 1732) stammte aus Teuchern, einem kleinen Städtchen unweit von Weißenfels. Sein Vater war Schulrektor, Kantor und Organist; er unterrichtete auch den fünf Jahre älteren Reinhard Keiser, mit dem Schieferdecker junior offenbar eng befreundet war. 
Beide setzten ihre Ausbildung zu- nächst an der Thomasschule und anschließend an der Universität in Leipzig fort. In der Messestadt komponierten sie zudem ihre ersten Opern. Keiser ging dann nach Hamburg - und holte Schiefer- decker nach; ab 1702 wirkte er als Cembalist am Hamburger Opern- haus am Gänsemarkt, für das er auch fleißig komponierte. 
Diese Leidenschaft für die Oper teilte der junge Musiker mit einem renommierten Kollegen der älteren Generation: In Lübeck suchte damals Dieterich Buxtehude, Organist an der Marienkirche, einen Nachfolger. Der sollte allerdings nicht nur Amt und Bürgerrecht er- halten, sondern auch Buxtehudes schon etwas in die Jahre gekomme- ne Tochter Anna Margareta heiraten. Diese Bedingung verschreckte die Bewerber Johann Mattheson und Georg Friedrich Händel - Schieferdecker nahm an; allerdings hatte er bereits ein gutes Jahr lang Buxtehude assistiert, als dieser 1707 starb, und wusste, worauf er sich einließ. 
Schieferdecker musizierte nicht nur im Gottesdienst. Er führte auch die sogenannten Abendmusiken weiter, Kirchenkonzerte, die durch die Kaufleute der Stadt finanziert wurden - eine Tradition, die schon Buxtehudes Vorgänger Franz Tunder begründet hatte. Es ist bekannt, dass Schieferdecker dafür eine Vielzahl von Kantaten geschrieben hat. Doch überliefert wurde davon leider so gut wie nichts. Insofern ist es eine kleine Sensation, dass nun doch drei Kantaten für Bass, zwei Violinen und Basso continuo in Brüssel aufgespürt werden konnten. Gesungen werden sie auf dieser CD von Klaus Mertens. Auch In te domine speravi, ein Geistliches Konzert für Tenor, Violine und Basso continuo, vermittelt einen Eindruck davon, wie Schieferdecker solche Werke gestaltete. Zu hören ist hier Jan Kobow, der sich damit erneut als ein exzellenter, klug gestaltender Sänger empfiehlt. Komplettiert werden diese vier Weltersteinspielungen durch zwei der XII Musicalischen Concerte des Komponisten, Ouvertürensuiten im Stile der Zeit, die 1713 in Hamburg im Druck erschienen sind. Dem Ensemble Hamburger Ratsmusik um die Gambistin Simone Eckert kann man für dieses Engagement nicht genug danken. Denn diese CD zeigt deutlich, dass Schieferdecker keineswegs nur  eine Randgestalt des reichen norddeutschen Musiklebens jener Zeit war.