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Samstag, 10. Oktober 2020

Lortzing: Opera Overtures (Naxos)

 

Dass die Opern von Gustav Albert Lortzing (1801 bis 1851) einstmals, neben den Werken von Mozart und Verdi, an deutschen Bühnen die meistgespielten waren, kann man sich heute kaum noch vorstellen. Doch Lortzing war ein Theatermann, vom Scheitel bis zur Sohle, und er verstand sich darauf, sein Publikum gut zu unterhalten. Von seinen Werken erfreuen sich vor allem Der Wildschütz sowie Zar und Zimmermann bis zum heutigen Tage großer Beliebtheit. 

Auch unter den weniger populären Opern gibt es möglicherweise einiges, was der Wiederentdeckung lohnen würde – darauf lässt zumindest diese CD mit Ouvertüren schließen. Das Malmö Opera Orchestra unter Leitung von Jun Märkl jedenfalls macht neugierig auf Werke wie Undine, Hans Sachs oder Die Opernprobe. Hochinteressant! 


Mittwoch, 2. Oktober 2019

Telemann: Ouverture et Concerti pour Darmstadt (Alpha)

In Darmstadt befand sich seinerzeit eine zwar kleine, aber dennoch erstklassige Hofkapelle. Geleitet wurde sie von Christoph Graupner, der für seine Musiker im Laufe seines langen Berufslebens nicht nur unglaublich viele (und hinreißend schöne!) Werke selbst komponiert hat. Der Hofkapellmeister stand zudem weithin mit Musikerkollegen in regem Austausch. Und deshalb verfügt die Universitäts- und Landesbibliothek der Technischen Universität Darmstadt heute über die bei weitem größte Sammlung von Kompositionen Georg Philipp Telemanns. 
Aus dieser Schatzkammer schöpfte das Ensemble Les Ambassadeurs unter Leitung von Alexis Kossenko. Die ausgewählten Werke lassen ahnen, wie exquisit am Hofe des Landgrafen musiziert wurde – der Flötist Alexis Kossenko stellt natürlich die Flötenkonzerte in den Mittelpunkt. Doch auch Zefira Valova, Violine, Gilles Vanssons und Laura Duthuillé, Oboen, und ganz besonders Pierre-Yves und Jean-François Madeuf, Naturhorn, bewältigen ihre virtuosen Solopartien exzellent. Das Ensemble Les Ambassadeurs beeindruckt generell mit seinem farbenreichen und schwungvollen Spiel. Telemann ist doch immer wieder für eine Überraschung gut! 

Dienstag, 4. Juni 2019

Graupner: Concertos & Ouvertures (Accent)

„Ich bin also mit Geschäfften dermaassen überhäuffet, daß ich fast gar nichts anders verrichten kann, und nur immer sorgen muß, mit meiner Composition fertig zu werden, indem ein Sonn- und Fest-Tag dem andern die Hand bietet“, schrieb Christoph Graupner 1740 an seinen einstigen Hamburger Kollegen Johann Mattheson. Zwar hatte der hessische Landgraf Ernst Ludwig – der übrigens sehr gut Cembalo und Laute spielte, und auch selbst komponierte – mittlerweile eingesehen, dass er sich eine Hofoper nicht leisten kann. 
Dennoch blieb für seinen Hofkapellmeister Graupner genug zu tun; in seinem Nachlass, der heute zum Bestand der Hessischen Landes- und Hochschulbibliothek Darmstadt gehört, befinden sich mehr als 1.400 Kirchenkantaten, und dazu eine enorme Menge an Instrumental- kompositionen, beispielsweise 85 Ouvertürensuiten, mehr als 110 Sinfonien und 44 Konzerte. 
Mit dieser Einspielung beteiligt sich nun auch das Ensemble L'arpa festante an der Wiederentdeckung der musikalischen Schätze, die bislang nur zu einem sehr geringen Teil durch Editionen erschlossen sind. Die Musikerinnen und Musiker um den Cembalisten Rien Voskuilen haben für diese Aufnahme zwei Ouvertürensuiten und zwei Concertos des Komponisten ausgewählt. Sie zeigen sehr schön, wie souverän und kreativ Graupner seinerzeit mit den barocken Formen umgegangen ist – und wie modern manche seiner Werke wirken. L'arpa festante musiziert mit Engagement und Finesse, und bringt die Klangeffekte Graupners bestens zur Geltung. 

Dienstag, 29. Mai 2018

Wagner: Concert Overtures (Naxos)

Das MDR Sinfonieorchester unter Jun Märkl präsentiert auf dieser CD ausgesprochene Raritäten: Folgt man dem Lebensweg von Richard Wagner (1813 bis 1883), so sind da etliche Musikstücke zu entdecken, die es nicht bis in das Repertoire geschafft haben. Zwei Konzertouvertüren sowie die Ouvertüre zu der historischen Tragödie König Enzio stammen aus den Jugendjahren des Komponisten; sie sind während seines Musikstudiums in Leipzig entstanden. 
Vorbilder des jungen Wagners, der sich hier ausprobiert, waren ganz offenkundig Beethoven und Mendelssohn. Später, da war Richard Wagner bereits in Magdeburg bei der Bethmannschen Theatertruppe, datieren die Ouvertüren zu Christopher Columbus, Die Feen und Das Liebesverbot. Hier überrascht Wagner mit italienischen Klängen – und mit charakteristischen, immer wiederkehrenden Motiven. 
Als Geburtstagsständchen für seine Frau Cosima schrieb er dann 1870 das Siegfried-Idyll; dieses Werk, das populär wurde, beschließt die Einspielung aus den Jahren 2011/12, die insgesamt durch solide Qualität überzeugt. Meine Empfehlung! 

Dienstag, 3. April 2018

Graupner: Lass mein Herz (Accent)

Schier unerschöpflich scheint der Schatz an Kantaten zu sein, den Christoph Graupner (1683 bis 1760) für Landgraf Ernst Ludwig von Hessen-Darmstadt und dessen Nachfolger geschaffen hat. 
Die Werke, die der Hofkapellmeister komponierte, sind heute nahezu vollständig in der Hessischen Landes- und Hochschulbibliothek zu finden, wo nicht zuletzt unter den mehr als 1.400 Kantaten noch so manches Juwel seiner Wieder- entdeckung harrt. Drei davon, aus Graupners frühen Jahren in Darmstadt, stellt Dorothee Mields mit dem Ensemble Harmonie Universelle auf dieser CD vor. 
Im Jahre 1711 entstanden die Kantaten Ach Gott, wie manches Herzeleid zum ersten Sonntag nach Trinitatis und Reiner Geist, lass doch mein Herz zum Pfingstsonntag. Für den dritten Sonntag nach Trinitatis bestimmt war die Kantate Verleih, dass ich aus Herzensgrund aus dem Jahre 1716. 
Die Texte schrieb Hofbibliothekar Georg Christian Lehm. Er hatte, wie Graupner, in Leipzig studiert und nebenher Libretti für die Leipziger Oper geschrieben. Leider starb er bereits 1717. Graupners Musik deutet die Texte gekonnt aus – allerdings hat er für die (Berufs-)Sängerinnen, die diese Monologe einst vorgetragen haben, nicht nur eindringliche, sondern vor allem auch ziemlich virtuose Stücke geschaffen. 
Dorothee Mields erweist sich als ideale Interpretin für Graupners Kantaten. In den Chorälen gestaltet sie mühelos weite Melodiebögen, und auch die anspruchsvollen Koloraturen, die so manche Arie fordert, gelingen ihr problemlos. Ihre Technik ist makellos; allerdings geht es der Sopranistin nicht vordergründig darum, mit Kehlfertigkeit zu glänzen. In ihrer Interpretation steht stets der Text im Mittelpunkt, und der Zuhörer darf sich freuen, denn man versteht tatsächlich auch jedes Wort. 
Das Ensemble Harmonie Universelle, geleitet von seinen Konzertmeistern Florian Deuter und Mónica Waisman, ergänzt die Kantaten noch durch die Ouvertüren Suite GWV 442, in der besonders die beiden Oboen da caccia einen herausragenden Part spielen, und durch das Concerto g-Moll GWV 334, wo zwei Violinen solistisch agieren. Es sind beides bedeutende Werke, und sie werden meisterhaft gespielt. Unbedingt anhören, diese CD lohnt sich! 

Sonntag, 12. März 2017

Telemann Collection (Brilliant Classics)

Zum Telemann-Jubiläum 2017 legt Brilliant Classics eine Sammelbox mit erlesenen Werken des Altmeisters auf den Gabentisch. Auf zehn CD enthält sie wichtige und populäre Komposi- tionen von Georg Philipp Telemann (1681 bis 1767) in zumeist exquisiten Aufnahmen. Zu hören sind Auszüge aus der Tafelmusik, eine Auswahl an Konzerten und Doppelkonzerten sowie aus der Vielzahl seiner Ouver- türen – darunter Alster-Ouvertüre, Völker-Ouvertüre und die Burlesque de Quixotte. Außerdem erklingen die Pariser Quartette in einer exzellenten Einspielung mit Musica ad Rhenum, die Scherzi Melodichi mit dem Ensemble Symposium und das Passions-Oratorium Das selige Erwägen des Leidens und Sterbens Jesu Christi in einer Aufnahme mit dem Freiburger Vokalensemble und L'Arpa Festante München unter Wolfgang Schäfer.
Unter den Mitwirkenden sind zudem unter anderem das Collegium Instru- mentale Brugense, das St. Christopher Chamber Orchestra aus Litauen, Musica Amphion, das Ensemble Cordeventum, Erik, Bosgraaf, Wilbert Hazelzet, Dan Laurin, Federico Guglielmo und Roberto Loreggian – die Liste ist noch viel länger, und sie bürgt für Qualität.

Donnerstag, 19. Januar 2017

Rossini: Complete Ouvertures (Naxos)

Da wir gerade bei Gioachino Rossini waren – eine vollständige Einspie- lung seiner Ouvertüren ist bei Naxos erschienen. Nur noch einige wenige dieser Werke erinnern daran, dass die Oper neapolitanischer Prägung einst durch eine Sinfonia eröffnet wurde – dreiteilig, und mit einem möglichst prägnanten Kopfsatz, der das Publi- kum überraschen und dazu veranlas- sen sollte, die Gespräche einzustellen und sich auf die Musik zu konzentrie- ren. 
Rossinis Ouvertüren gehen darüber deutlich hinaus: Sie sind wie ein Fenster, das schon einmal den Blick freigibt auf die Handlung der jewei- ligen Oper, bevor sich dann der Vorhang hebt. Sie sind witzig, sie sind dramatisch, und sie sind unverwechselbar – jede einzelne Ouvertüre ist ein Meisterwerk. Und auf vier (CD) sind sie hier alle versammelt, von La gazza ladra bis zu Bianca e Falliero und von La Cenerentola bis zu Il barbiere di Siviglia, eingespielt vom Prague Sinfonia Orchestra unter Christian Benda. Das Orchester, eigentlich das Prague Chamber Orchestra in erweiterter Besetzung, musiziert präzise und ausgesprochen dynamisch. Und Benda arbeitet den jeweiligen Charakter der Ouvertüre klar heraus, was Rossinis musikalische Einfälle bestens zur Geltung bringt. Sehr gelungen! 

Dienstag, 17. Januar 2017

Le Théâtre musical de Telemann (Alpha)

Mit großer Neugier und Offenheit hat Georg Philipp Telemann (1681 bis 1767) anderen Musikern zugehört – egal, ob diese „gelehrt“ oder eher rustikal, bei Hofe oder aber auf dem Dorfplatz zum Tanz aufspielten. Er selbst berichtet, während seiner Zeit in Sorau habe er „sowohl daselbst, als in Krakau, die polnische und hanakische Musik, in ihrer wahren barbarischen Schönheit“ kennenge- lernt. Der junge Telemann zeigte
sich fasziniert: „Ein Aufmerckender könnte von ihnen, in 8. Tagen, Gedancken für ein gantzes Leben er- schnappen.“

Was Telemann in Polen „erschnappt“ hat, das präsentieren Olivier Fortin und sein Ensemble Masques auf dieser CD: Das Concerto poloniosy TWV 43:G7 ist in dieser Hinsicht sogar für die experimentierfreudige Barock- musik ein Solitär. Zwar haben auch andere Komponisten seinerzeit Werke geschrieben, die – stilisiert – Anklänge an andere Länder bieten. Selbst Bach hat in seinen Werken hier und da ein Volkslied zitiert. Doch Anlei- hen bei der Volksmusik in diesem Umfang finden sich in der Musikge- schichte erst wieder bei Haydn und Beethoven.
Die CD startet allerdings ganz konventionell mit der Ouverture – Suite in A-Dur TWV 55:A1. In der Ouverture – Suite TWV 55:B5 Les Nations, die traditionell französisch beginnt, geht die Reise dann bis in die Türkei. Vertreten sind auch die Moskowiter, mit einer sehr kuriosen Melodie, sowie die Schweizer in Form von singenden und tanzenden Sennern. Nach einem fröhlichen Zwischenstop in Portugal kommen dann zum Schluss Les Boiteux und Les Coureurs in den Genuss der Telemannschen Charak- terisierungskunst, die Lahmen und die Läufer, was nach einer Fußreise entlang einer solchen Strecke durchaus nachvollziehbar erscheint. 
Ähnlich witzig ist die Ouverture – Suite TWV 55:G10 Burlesque de Quixotte, in der man den Helden bei einigen seiner Abenteuer erleben kann; so beim Kampf mit den Windmühlen oder aber beim Galopp auf seiner Rosinante – wirklich sehr komisch! – gefolgt von Sancho Pansa auf dem Esel. Die Musiker um Olivier Fortin tragen diese Klänge zwar entsprechend ausdrucksstark vor, aber immer nobel, nie karikierend. Mit dieser Einspielung ist dem Ensemble Masques ein würdiger Auftakt zum Telemann-Jahr 2017 gelungen – und man darf schon gespannt sein, welche Entdeckungen aus dem überaus umfangreichen Oeuvre des Kompo- nisten das Jubiläum noch mit sich bringt. 

Montag, 21. November 2016

Johann Bernhard Bach: Ouvertures (Ricercar)

No 18. Joh. Bernhard Bach,ältester Sohn von Johann Egydio Bachen Sub No. 8 ist in Erffurth An. 1676 gebohren. Lebet noch anjetzo (nehmlich 1735) als CammerMusicus u Organist in Eisenach. Succedirte Joh. Christ. Bachen Sub No. 13.“ Das notierte Johann Sebastian Bach über Johann Bernhard Bach (1676 bis 1749) in seiner Genealogie der weit verzweigten Musikerfamilie. 
Er war zunächst Organist an der Kaufmannskirche in Erfurt, bevor er 1699 Organist an der Magdeburger Katharinenkirche wurde. 1703 ging er nach Eisenach – im selben Jahr trat Johann Sebastian in Arnstadt, einen straffen Tagesmarsch entfernt, seine erste Organistenstelle an. Johann Bernhard wirkte auch als Cembalist bei Hofe, und wurde 1712 zum Hof- kapellmeister ernannt. 
Ob sich die beiden Cousins jemals persönlich getroffen haben, darüber kann man nur Vermutungen anstellen. Ganz unwahrscheinlich ist dies nicht; zum einen traf sich die Bach-Familie regelmäßig. Und zum anderen wurde 1706 Georg Philipp Telemann erster Geiger und Kapellmeister des Herzogs von Eisenach, der wiederum mit Johann Sebastian Bach eng befreundet war und Taufpate seines zweiten Sohnes wurde. 
Die Ouvertüren von Johann Bernhard jedenfalls waren Johann Sebastian bekannt; er hat Stimmen eigenhändig mit angefertigt, wahrscheinlich für eine Aufführung mit dem Collegium musicum. In Leipzig sind wohl nur drei davon erklungen; das Ensemble L'Achéron, geleitet vom Bassgambi- sten François Joubert-Caillet, hat auf dieser CD alle vier überlieferten Ouvertüren veröffentlicht. Es sind elegante Suiten, die das französische Vorbild mit viel Charme nach Thüringen eingemeinden: Das stilistische Modell sei „clairement français, classique, inspiré de cet esprit et de goût typiques des danses et Ouvertures d'outre-Rhin“, stellt Joubert-Caillet in einem Geleitwort fest. „On ne pourrait pourtant pas imaginer cette musique écrite par un musicien français.“ Bach orientiere sich an diesem Modell, „et l'adapte à son style propre, créant ainsi une musique toute personelle.“ 
Das Ensemble L'Achéron hat sich für diese Aufnahme zum Orchester erweitert. Die Musiker spüren den Ideen und Klangfarben nach, die einst dem Komponisten wichtig waren: „En adoptant des instrumentations variées, typées, nous avons tenté de repeindre ici les inspirations s'exprimant dans chacune de ces miniatures“, so Joubert-Caillet. Aus diesem Grunde belassen es die Musiker auch nicht bei der Besetzung der Stimmen mit Streichern; Traversflöte und Piccolo, Blockflöten, Flageolett, Oboe und Fagott sorgen für klangliche Abwechslung. Auch im Continuo treten zu Kontrabass und Bassgambe ergänzend Erzlaute, Gitarre und Cembalo. Musiziert wird mit Leidenschaft und mit Esprit. Das Ensemble L'Achéron schreibt mit dieser CD ein spannendes Kapitel der europäischen Musikgeschichte weiter, die stets geprägt war durch den Austausch über alle Grenzen hinweg.

Sonntag, 20. November 2016

Hoffmann: Symphony - Ouvertures (cpo)

Für ein Festkonzert zum Geburtstag des preußischen Königs im Jahre 1806 komponierte Ernst Theodor Wilhelm Hoffmann (1766 bis 1822) seine Sinfonie in Es-Dur. Der Jurist war in Warschau als Regierungsrat tätig, und fand nebenbei noch genug Muße zum Musizieren, Komponieren und dafür, die Musikalische Gesell- schaft zu gründen und zu leiten, ein Liebhaberorchester. Dieses Ensemble hat auch, dem König zum Preise und zur Feier der Einrichtung eines Konzertsaales im Mniszekschen Palais, Hoffmanns einzige Sinfonie uraufgeführt. 
Sie hat Haydns Londoner Sinfonien zum Vorbild, ist aber dennoch in der musikalischen Substanz und in den durchaus auch witzigen Ideen ein echter Hoffmann. Und wer genauer hinhört, der wird feststellen, dass sie sehr sorgfältig gearbeitet worden ist. Insofern ist das Werk ein Solitär, und man kann Michael Alexander Willens nur dankbar dafür sein, dass er sie mit der Kölner Akademie eingespielt hat, in Begleitung der Ouvertüren zu den Opern Undine und Aurora. Es sind dies die beiden letzten Opern Hoff- manns; sie gelten als die beiden ersten deutschsprachigen romantischen Opern überhaupt. 
Komplettiert wird die CD durch die Sinfonia in A-Dur von Friedrich Witt (1770 bis 1836). Er war Cellist, wirkte zeitweilig in der Oettingen-Waller- steinschen Hofkapelle, und wurde 1802 Kapellmeister in Würzburg. Die Kölner Akademie musiziert auch hier historisierend, sehr klar strukturiert und mit einem guten Gespür für die Tempi und für Details. Sehr gelungen!

Montag, 14. November 2016

Fasch: Overture Symphonies (cpo)

Bereits zum zweiten Male widmen sich Les Amis de Philippe dem Schaffen von Johann Friedrich Fasch (1688 bis 1758), insbesondere dessen Ouvertüren. Enthielt die erste CD groß besetzte Werke, die für den Dresdner Hof entstanden sind, so hat sich das Ensemble, das unter der Leitung von Ludger Rémy bereits etliche Raritäten der mitteldeutschen Musikgeschichte aufgespürt und aufgeführt hat, nun den Ouvertüren-Sinfonien des Zerbster Hofkapell- meisters zugewandt. 
Entstanden sind diese Musikstücke als Weiterentwicklung der Gattung Ouvertüre, die Fasch lange Jahre sehr erfolgreich pflegte – mehr als 80 solcher Suiten sind überliefert. Sie wurden nicht nur am Anhalt-Zerbster Hof geschätzt, sondern offenbar auch in Dresden, wo Konzertmeister Johann Georg Pisendel in seiner Musikalien- sammlung über etliche dieser Werke seines alten Freundes aus Leipziger Studientagen verfügte. 
Um 1740 allerdings kam die traditionelle Orchestersuite, die nach einer Einleitung eine Folge von Tänzen aneinanderreihte, aus der Mode: „Nur ist, wegen der guten Wirkung welche die Ouvertüren thun, zu bedauern, daß sie in Deutschland nicht mehr üblich sind“, schrieb Johann Joachim Quantz 1752 in seinem Versuch einer Anweisung die Flöte traversiére zu spielen
Fasch reagierte darauf, indem er französische Ouverture und italienische Sinfonie, nach dem Vorbild Vivaldis, miteinander verknüpfte. Das Ergeb- nis ist hinreißend; auf die Ouvertüre lässt Fasch einen expressiv-galanten langsamen Mittelsatz folgen, mitunter ergänzt durch ein weiteres Stück im Stile antico, bevor dann, wie in einer italienischen (Opern-)Sinfonie, ein flottes Allegro zum Finale erklingt. Professor Manfred Fechner, der die Aufführungspartituren für diese CD aus Dresdner Handschriftenbeständen erarbeitet hat, stellt in seinem Geleitwort im Beiheft fest, dass insbesondere die Mittelsätze in ihrer Klangsprache sehr innovativ sind und weit in die Zukunft weisen. 
Zuhörern, die sich weniger für Musikgeschichte interessieren, bietet diese CD in jedem Falle erlesene Unterhaltung. Faschs Musik ist ausgesprochen abwechslungsreich und beeindruckt mit einer enormen Vielfalt an Ideen und Klangfarben. Sie wird durch Les Amis de Philippe elegant vorgestellt. Ludger Rémy, dem Cembalisten und Leiter dieses Ensembles, noch nach- träglich herzlichen Glückwunsch zur Auszeichnung mit dem Fasch-Preis, der seit 1993 für besondere Verdienste um Popularisierung bzw. Erfor- schung des Lebens und der Werke des Komponisten verliehen wird.

Sonntag, 25. Oktober 2015

Kalliwoda: Violin Concertinos - Overtures (cpo)

Johann Wenzel Kalliwoda (1801 bis 1866) gehörte zum ersten Schüler-Jahrgang des Konservatoriums in Prag. Der junge Musiker spielte exzellent Geige; und schon bald spielte er eigene Werke, wenn er als Solist vor das Publikum trat. 1822 ging er erstmals auf Konzertreise. Dabei machte er Station in Donau- eschingen, wo er seinen Bruder besuchte – nicht ganz zufällig, denn dieser arbeitete in der fürstlichen Kanzlei, und Hofkapellmeister Conradin Kreutzer hatte soeben seinen Posten verlassen. Kalliwoda durfte sich im Hofkonzert vorstellen, und er wurde sogleich engagiert. 
Obwohl der Musiker im Laufe seines Lebens zahlreiche attraktive Angebote erhielt, blieb er 44 Jahre lang in dieser Position, bis zu seiner Pensionie- rung im Jahre 1866. Fürst Karl Egon II. von Fürstenberg wusste seinen Kapellmeister zu schätzen, und bewilligte diesem zeitlebens großzügig, was er erbat – sei es eine Gehaltserhöhung, oder Urlaub für eine Konzertreise. Allerdings brachte die Revolution 1848 das Musikleben in Donaueschin- gen zum Erliegen; auch in späteren Jahren erreichte die Hofkapelle wohl nicht wieder ihr früheres Niveau. Kalliwoda, der ab 1854 mit seiner Familie in Karlsruhe lebte, war schon in seinen besten Jahren aus der Mode geraten. Dabei umfasst sein Werkverzeichnis 243 Kompositionen mit Opuszahlen, und mehr als 200 weitere, zumeist ungedruckte Werke. Schon in den 1840er Jahren wurde diese Musik immer weniger gespielt; heute ist sie in Vergessenheit geraten. 
Das mag mit daran liegen, dass Kalliwoda einer Generation angehört, die sozusagen im Schatten Beethovens komponierte – und dann durch die Romantiker abgelöst wurde. Erst allmählich wird Musik aus jenen Jahren wiederentdeckt. Diese CD macht deutlich, dass sich die Mühe auch lohnt. Denn die Kölner Akademie unter Michael Alexander Willens präsentiert hier drei der 24 Ouvertüren Kalliwodas. Der Musiker hat sich mit dieser Gattung intensiv beschäftigt; er schrieb seine Ouvertüren, um damit Sinfoniekonzerte zu eröffnen. Es sind musikalische Amuse-Gueules, Grüße also an das Publikum aus der Werkstatt des Komponisten; sie sollen neugierig machen auf das Nachfolgende, aber selbst dabei nicht zuviel Gewicht haben. Diese Aufgabe hat Kalliwoda geschickt gelöst, wie die Beispiele zeigen. 
Erstaunlich erscheint, dass der Musiker eine Gattung sorgsam mied: Kalliwoda hat nur ein einziges Violinkonzert geschrieben, in jungen Jahren. Für sein Solo-Instrument schrieb er andere Werke, wie Rondos, Variationen oder Concertini, verkürzte Konzerte mit einem knapp gehaltenen ersten Satz,  nicht unbedingt in Sonatenhauptsatzform, und mit einem dritten Satz, der ebenfalls relativ kurz gestaltet ist. Ariadne Daskalakis stellt gemeinsam mit der Kölner Akademie zwei dieser Concertini vor; sie sind beide weder besonders kurz, noch verzichten sie auf virtuose Passagen. Offenbar war Kalliwoda die gestalterische Freiheit wichtiger als das Etikett. Daskalakis spielt flüssig und mit Esprit; das reicht aus, um die hübschen Stücke ansprechend  zu präsentieren. Im Beiheft allerdings ist dem Label diesmal einiges durcheinander geraten, mit etwas Sorgfalt beim Korrekturlesen wäre diese Wirrnis sicherlich zu vermeiden gewesen. 

Sonntag, 11. Oktober 2015

von Suppé: Overtures and Marches (Chandos)

Jurist sollte, Musiker wollte er werden – letzten Endes studierte Francesco Ezechiele Ermenegildo, Cavaliere Suppé-Demelli (1819 bis 1895), der Nachwelt besser bekannt als Franz von Suppé, widerwillig ein wenig Medizin, um sich dann doch der Musik zuzuwenden. 
Das wird einen seiner Verwandten gefreut haben, der auch zu seinen ersten Lehrern gehörte: Gaetano Donizetti. Der junge Francesco nahm Unterricht in Komposition und Kontrapunkt, und begann 1840 seine Laufbahn als Dirigent. Obwohl er etliche bedeutende geistliche Werke geschaffen hat, ist er heute eigentlich nur noch durch die Ouvertüren seiner vielen Opern und Operetten bekannt.
Melodien wie die Ouvertüren zu Leichte Kavallerie, Die schöne Galathée oder Dichter und Bauer oder aber die Humoristischen Variationen über das beliebte Fuchslied „Was kommt da von der Höh’“ sind wahrscheinlich jedem vertraut. Und vielleicht ergeht es dem Komponisten, der zu Lebzeiten als der „Wiener Offenbach“ galt, ja ebenso wie seinem französischen Kollegen, der lange auch nur mit seinen Ouvertüren präsent war. Neeme Järvi und das Royal Scottish National Orchestra erinnern jedenfalls mit der vorliegenden Aufnahme an diese witzige und inspirierte Musik. Und vielleicht findet ja in Zukunft auch die eine oder andere Operette von Suppés den Weg zurück auf die Bühne – Die schöne Galathée beispiels- weise wäre eine Entdeckung wert. 

Sonntag, 25. Januar 2015

Schumann: Symphony "Zwickauer" (cpo)

Nach der Neuinterpretation der vier Sinfonien durch die Robert-Schu- mann-Philharmonie Chemnitz folgt nun bei cpo eine weitere CD mit weniger bekannten Orchesterwerken des Komponisten. Sie beginnt mit Ouvertüre, Scherzo und Finale op. 52 – einem Werk, das Schumann unmittelbar nach der Uraufführung seiner Frühlings-Symphonie geschrieben hat. Der Komponist wollte dem Publikum wohl eine Sinfonie ohne langsamen Satz bescheren – originell, mit heiterem Charakter, markanten Themen und packenden Orchestersätzen. Verstanden freilich hat das seinerzeit aber niemand, und noch heute ist diese farbenreiche Musik im Konzert nur selten zu hören. 
Bekannt ist, dass sich Schumann sehr für Literatur begeisterte. Als Sohn eines Zwickauer Buchhändlers, Schriftstellers und Verlegers war er mit Büchern aufgewachsen, immer wieder inspirierten sie ihn. Anhand von drei Ouvertüren demonstriert die Robert-Schumann-Philharmonie unter ihrem Chefdirigenten Frank Beermann, wie er literarische Inhalte in Musik umsetzte. 
Nahezu unbekannt ist Schumanns erste, die sogenannte „Zwickauer“ Symphonie in g-Moll; der erste Satz wurde 1832 im Gewandhaus seiner Vaterstadt uraufgeführt. Das renommierte Chemnitzer Orchester hat sich an eine Erstaufnahme nach der Neuausgabe von Dr. Matthias Wendt gewagt. Dieser hat für die Neue Schumann-Gesamtausgabe bei Schott/Mainz alle noch vorhandenen Quellen ausgewertet, und dann eine Edition des Werkes erarbeitet, das durch den Komponisten zwar mehrfach revidiert wurde, aber letztendlich ein Fragment geblieben ist. Zu erleben ist hier der junge Schumann, der weniger mit der Sonatenhauptsatzform an sich als vielmehr mit der Instrumentierung ringt. So erweist sich dieser Erstling als ein kühnes Experiment, bei dem Schumann mitunter zu faszinierenden Lösungen findet – gelegentlich aber schlicht auch sein Handwerkszeug ausprobiert, das Risiko des Scheiterns inbegriffen. 

Dienstag, 13. Januar 2015

Moniuszko: Overtures (Naxos)

Stanisław Moniuszko (1819 bis 1872) gilt als Vater der polnischen Nationaloper. Der Komponist entstammte dem Adel, was ihn aber nicht davor bewahrte, hart für den Unterhalt seiner Familie arbeiten zu müssen. Seine musikalische Ausbildung absolvierte er in Warschau, Minsk und Berlin, wo er mit eigenen Werken bereits erste Erfolge erzielen konnte. 1839 kehrte er nach Polen zurück und heiratete. Er wirkte in Vilnius als Organist und als Dirigent des Theaterorchesters, und verdiente zusätzlich Geld als Klavierlehrer. Denn die Ehe erwies sich als glücklich, und bald hatte Moniuszko zehn Kinder zu ernähren, plus das übliche Hauspersonal. 
Man staunt, wie er bei diesem Arbeitspensum noch Zeit zum Komponieren fand. Insbesondere die Oper hatte es Moniuszko angetan. Er kombinierte romantische Klänge mit patriotischen Gedanken – und hatte schon mit seiner ersten Oper Halka enormen Erfolg. 1858 wurde Moniuszko Chefdirigent der Polnischen Nationaloper; später unterrichtete er zudem am Warschauer Konservatorium. 
Diese CD stellt eine Auswahl seiner Ouvertüren vor. Es sind Werke in bester romantischer Tradition, gekonnt orchestriert und sehr abwechslungsreich – eine Fundgrube schöner Melodien. Und wer könnte diese Musik besser präsentieren als die Warschauer Philharmonie, das polnische Nationalorchester, unter ihrem Leiter Antoni Wit? Man wird so recht neugierig auf die dazugehörigen Opern – und man fragt sich, warum etwa Straszny Dwór, Paria oder Hrabina im Theater hierzulande so gar nicht zu erleben sind. Wenn die Musik so weitergeht wie die Ouvertüre, dann jedenfalls dürften diese Opern in eine Reihe gehören beispielsweise mit Smetanas Verkaufter Braut oder mit Webers Freischütz

Sonntag, 29. Juni 2014

Mendelssohn: A Midsummer Night's Dream (Decca)

Einmal mehr hat das Leipziger Gewandhausorchester unter Riccardo Chailly Werke von Felix Mendelssohn Bartholdy aufge- führt. Bei dem Label Decca sind nun Mitschnitte der Konzerte aus dem Juni 2013 erschienen. Und wer romantische Orchesterklänge schätzt, dem sei diese CD ernsthaft empfohlen. Das Programm beginnt mit der Weltersteinspielung der Ouvertüre zu Ruy Blas – das war ein Theaterstück von Victor Hugo; Mendelssohn schätzte es gar nicht, er hat dieses Auftragswerk wohl auch eher widerwillig geschrieben und nie publiziert. 
Bekannt ist hingegen seine Musik zu Shakespeares Komödie Ein Sommernachtstraum. Das sind fünf stimmungsvolle Stücke, inklusive Waldesrauschen, Feenzauber, Übermut und Kapriolen. Das Gewand- hausorchester bezaubert mit seinem farbigen Klang und einer Transparenz, die beispielsweise die Holzbläser hinreißend zur Geltung kommen lässt. Mendelssohns berühmte Schauspielmusik wird ergänzt durch seine zwei ersten Klavierkonzerte. Hier ist als Solist Saleem Ashkar zu hören. Der Pianist musiziert einfühlsam, doch auch hin- reichend brillant und stets im Dialog mit dem Orchester. Schade nur, dass Chaillys Tage in Leipzig gezählt sind; er wechselt 2017 als Musikdirektors an das Teatro alla Scala in Mailand. 

Samstag, 8. Februar 2014

Wagner: Organ Fireworks - Overtures & Preludes (Oehms Classics)

Wer die Musik von Richard Wagner liebt und eine wirklich gute Musik- anlage sein Eigen nennt, der sollte sich diese CD unbedingt besorgen. Denn wie Hansjörg Albrecht, Dirigent, Organist und Cembalist, hier ausgewählte Ouvertüren und Vorspiele des Komponisten zum Klingen bringt, das ist schier unglaublich. 
Dabei setzt er auf Orgeltranskrip- tionen von Edwin Henry Lemare und Erwin Horn sowie auf ein einmaliges Instrument: Albrecht musiziert an der Doppelorgelanlage von St. Nikolai zu Kiel. Dort kann er von einem Spieltisch aus auf zwei Orgeln zugreifen. Das wäre zum einen die große Orgel, 1965 von dem Orgelbauer Detlef Kleuker aus Bielefeld-Brackwede errichtet. Zum anderen erklingt ein kleineres Instrument, eine Chororgel aus der Werkstatt von Aristide Cavaillé-Coll & Charles Mutin, Paris. Sie wurde 2003/04 durch den Strasbour- ger Orgelbauer Daniel Kern restauriert und in Kiel aufgestellt. 
Diese Aufnahme lebt von der – reizvollen – Kombination beider Or- geln, sowie von technischen Innovationen. „Die neueste Erfindung“, schwärmt Albrecht im Beiheft in einem imaginären Dialog mit Richard Wagner: „Elektronische Setzeranlagen und Speicher mit großen Kapazitäten! Sie ermöglichen eine Vorprogrammierung jedes einzelnen Registerwechsels. (…) So kann man wie ein Maler mit einer bunten Farbpalette Klänge in unendlichen Variationen mischen, abschattieren, fast bruchlos anschwellen oder verebben lassen.“ 
Der Organist benötigt keine Registranten mehr – und kann obendrein die Register mit enormer Geschwindigkeit und Präzision wechseln. Albrecht nutzt diese Verbesserungen,  um die sinfonischen Klang- möglichkeiten der Kieler Doppelorgel auszuloten. Das Ergebnis ist berückend; man meint fast, bei dieser Aufnahme Wagners unsicht- bares Orchester verwirklicht zu finden – mit Klangwogen, wie sie ein anderes Instrument niemals erzeugen kann. 
Albrechts CD mit Orgeltranskriptionen der Planeten von Gustav Holst wurde seinerzeit für den Grammy nominiert. Es gehört wenig Phanta- sie dazu, vorherzusagen, dass auch diese CD Kritiker und Publikum gleichermaßen verzücken wird. Genial! 

Donnerstag, 19. September 2013

Erlebach: Süße Freundschaft, edles Band (Christophorus)

„Es würde zu verwundern seyn, daß so brafe Männer ausser ihrem Vaterlande so wenig bekannt worden; wenn man nicht bedächte, daß diese ehrlichen Thüringer mit ihrem Vaterlande, und ihrem Stande so zufrieden waren, daß sie sich nicht einmal wagen wollten, weit ausser demselben ihrem Glücke nach- zugehen. Sie zogen den Beyfall der Herren, in deren Gebiete sie gebohren waren, und einer Menge treuherziger Landsleute, die sie gegenwärtig hatten, andern noch ungewissen, mit Mühe und Kosten zu suchenden Lobeserhebungen, weniger, und noch dazu vielleicht neidischer Ausländer, mit Vergnügen vor.“ Was Carl Philipp Emanuel Bach 1754 über seine Vorfahren schrieb, das trifft auch auf Kapelldirektor Philipp Heinrich Erlebach (1657 bis 1714) zu. Zwar stammte er aus Ostfriesland, doch kam er schließlich aufgrund von verwandtschaftlichen Beziehungen seines Herrscherhauses nach Rudolstadt, wo er den Rest seines Lebens verbrachte. Über seinen Lebensweg wurde in diesem Blog bereits berichtet. 
Erlebach schrieb für seinen Dienstherrn eine große Anzahl von Werken; die Musikaliensammlung, die er bei seinem Tod hinterließ, umfasste mehr als 2500 eigene und fremde Kompositionen. Leider wurde diese Kollektion 1735 beim Brand des Rudolstädter Schlosses, wie ein Inventar vermeldet, „allesamt von Feuer verzehret“. Dass sich die Suche nach den wenigen überlieferten Stücken aus der Feder des Komponisten lohnt, das beweist jedoch die vorliegende CD. 
Sie zeigt anhand von Werken Erlebachs, die im Druck erschienen sind, dass der Musiker von Zeitgenossen zu Recht als derjenige gerühmt wurde, „welcher unter den teutschen Componisten die meiste Satisfaction giebt und sich trefflich hervorthut“. Das Capricornus Consort Basel unter Leitung von Peter Barczi hat gemeinsam mit Miriam Feuersinger, Sopran, und Franz Vitzthum, Countertenor, eine Auswahl eingespielt, die einige Überraschungen bereithält. So hat sich der Komponist, der im Gefolge des Grafen Albert-Anton von Schwarzburg-Rudolstadt nicht weiter gereist sein dürfte als nach Wolfenbüttel oder Mühlhausen, offenbar intensiv mit dem Stil von Jean-Baptiste Lully beschäftigt. Dennoch kopiert er nicht einfach das französische Vorbild; er ergänzt es vielmehr um ganz eigene, thüringische, Elemente. 
Der Zuhörer darf sich auf eine Entdeckung freuen, für die man den Musikern nicht genug danken kann. Denn es ist großartige Musik, auch wenn sie seinerzeit an einem kleinen Hof entstanden ist – handwerklich ausgesprochen versiert, sehr ausdrucksstark und zudem von einer Eleganz, die begeistert. Die Sänger und Musiker agieren solide bis brillant, die Aufnahme ist rundum gelungen.

Donnerstag, 1. August 2013

Danzi: Overtures & Flute Concertos (Coviello Classics)

Franz Danzi (1763 bis 1826)? Der Name dieses Komponisten dürfte heutzutage wohl nur noch Cellisten und Musikhistorikern geläufig sein. Dabei hielten seine Zeitgenossen einst große Stücke auf ihn. „Danzi's Name steht schon unter der Reihe der ersten Componisten unseres Vaterlandes“, schwärmte bei- spielsweise 1804 der Weimarer Christian Schreiber. 
Der solcherart Verehrte freilich blieb gelassen und schrieb: „...ich bin eben nicht sehr eitel auf meine Kompositionen und glaube nicht, dass alles gut sein müsse, was ich schreibe.“ Was bedauerlicherweise und was auch mit gutem Grund in Vergessenheit geraten ist, davon vermittelt die vorliegende CD einen ersten Eindruck. Die Flötistin Annie Laflamme hat im Jugendstilsaal des Kurhauses Bergün gemeinsam mit dem Orchester le phénix eine Auswahl der Flöten- konzerte sowie einige Ouvertüren zu Bühnenwerken Danzis eingespielt. 
Es ist eine würdige Gabe zum 250. Geburtstag des Komponisten, der den Mozarts nahegestanden hat und stilistisch wohl am ehesten in der Frühromantik zu verorten wäre. 
Danzis Flötenkonzerte sind eine echte Entdeckung; sie sind einfach schön, und auch für den Solisten eine dankbare Aufgabe. Die Ouver- türen zu Camilla und Eugen oder Der Gartenschlüssel, zu dem Duodrama Cleopatra und zu Wilhelm Tell sind Bruchstücke verlorener größerer Werke; die Noten dazu sind ansonsten überwiegend während des Zweiten Weltkrieges im bombardierten Karlsruher verbrannt. Diese Trümmer einstiger Bühnenwerke dokumentieren Danzis virtuosen Umgang mit dem Orchester und seinen Klangfarben; aber sie erwecken darüber hinaus nicht den Eindruck, dass es sich um bedeutende Werke gehandelt haben muss. Musiziert wird stilsicher und auf historisch korrekten Instrumenten – meine Empfehlung! 

Freitag, 18. Januar 2013

Viva Verdi - Ouvertures & Preludes (Decca)

Die Beziehung zwischen dem Komponisten Giuseppe Verdi und der Mailänder Scala war nicht ganz unkompliziert. Zwar erlebten auf der Bühne des renommierten Opernhauses fünf seiner sieben frühen Opern ihre Premiere. Doch dann vergingen 24 Jahre, in denen der maestro in der Scala über- haupt nicht präsent war. Als er dann wieder dort erschien, diri- gierte er Opern, die er andernorts schon vorgestellt hatte. Doch so ganz schien er der Sache nicht zu trauen, denn er hat seine Werke eigens  für diese Aufführung über- arbeitet. 
Riccardo Chailly kann dies egal sein, denn das Orchestra Filharmo- nica della Scala spielt Verdi heutzutage so routiniert wie jedes andere professionelle Orchester auf der Welt - vielleicht aber mit einem Fünkchen mehr Herzblut. Diese Aufnahme, die mit der Sinfonia aus I vespri siciliani beginnt und mit der Sinfonia aus La forza del destino endet, unterstreicht den Sinn des Komponisten für das Dramatische. Auch wenn die Ouvertüren und Vorspiele des Komponisten formal erstaunlich unterschiedlich sind, so sind sie doch stets geniale Lösungen der Aufgabe, das Publikum auf das folgende Werk einzu- stimmen. Chailly präsentiert seine Auswahl gemeinsam mit den Musikern mit Vergnügen an den dramaturgischen Kunstkniffen Verdis, mit Sinn für Theatralik und Freude an der Melodie. Eine würdige Ouvertüre zum Verdi-Jahr 2013.