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Montag, 28. Juli 2014

David: 20 Virtuoso Studies / & Caprices for Solo Violin (Naxos)

Kann man Klavier-Etüden von Ignaz Moscheles auch auf der Geige spielen? Ferdinand David (1810 bis 1873) ist dieses Kunststück gelungen. Er hat die Studien für das Pianoforte zur höhern Vollendung bereits ge- bildeter Klavierspieler bestehend aus: 24 characteristischen Tonstücken in den verschiedenen Dur- und Molltonarten op. 70 seines Freundes zu 20 Studien für Violine umgeformt – und die haben es in sich. „Auf den ersten Blick macht das Notenbild im Vergleich zu anderen und mit Effekt- haschereien angefüllten Violin-Etüden des 19. Jahrhunderts keinen allzu komplizierten Eindruck, auch, weil David selten Techniken wie Pizzicato oder Flageolett verwendet“, meint Reto Kuppel. Er hat die Studien nun bei Naxos erstmals eingespielt. „Als ich mich jedoch intensiver mit ihnen beschäftigte, offenbarten sie ihr verstecktes Geheimnis: die violinistische Umsetzung von Klaviertechnik, ein riskantes Experiment.“ Die Liste der technischen Schwierigkeiten, die Kuppel auflistet, ist lang. „Wo der Pianist beide Hände zum Greifen der Töne benutzen kann, muss der Geiger jeden Akkord mit dem Bogen neu anspielen“, meint der Geiger. „Häufig sind Melodie und Begleitung gemeinsam zu greifen. Die Klangfülle des mit Pedal gespielten Klaviers ist auf der Violine schwer imitierbar und führt zu ungewöhnlichem Arpeggio. Bei sehr vielen Stellen ist mehr als ein Finger unhörbar auf die Saiten zu legen. Ungewöhnliche Tonarten zwingen den Geiger häufig, die sonst gemiedene halbe Lage zu benutzen.“ 
Oftmals ist zudem ein rasantes Tempo erforderlich, damit die ange- strebten Effekte hörbar werden. „Es gibt Stücke, in denen die Grenze der motorischen Belastbarkeit auch eines durchtrainierten Violi- nisten mit solcher Leichtigkeit erreicht wird, dass nur äußerst spezialisiertes Üben eine Realisierung des Stücks ermöglicht, also Hochleistungssport, den keiner hören soll“, räumt Kuppel ein. „David scheint uns aus dem vorletzten Jahrhundert verschmitzt anzulächeln und zu sagen: ,Probiert das mal, Ihr werdet Euch wundern!'“ 
Kuppel wagt sich an dieses Werk, und man muss sagen: Das Experi- ment gelingt. Souverän und mit schönem Ton absolviert er kühne Läufe, halsbrecherische Akkordfolgen, Springbogenattacken und Doppelgriff-Querfeldeinritte. Doch anders als die bekannte Virtuosenliteratur sind die Werke Davids – und das gilt auch für die Sechs Capricen op. 9 – keine zirzensischen Schaustücke, sondern durchaus ernstzunehmende Miniaturen mit Charakter. Insofern ist es sehr erfreulich, dass sich Reto Kuppel an diese Aufgabe gewagt hat. Das Ergebnis überzeugt, bravo! 

Samstag, 12. März 2011

Friedrich Hermann: 3 Capriccios, Grand Duo Brillant, Suite in D minor (Naxos)

Diese CD erweist sich als eine ganz erstaunliche Sammlung musikali- scher Schätze. Sie startet rasant mit Hermanns Burleske op. 9 für drei Violinen - und der Hörer be- ginnt zu schmunzeln, denn aus dem Lautsprecher tönen Varia- tionen über das Lied O du lieber Augustin - und was für welche! Der Geiger und Bratschist Friedrich Valentin Hermann (1828 bis 1907) erweist sich schon in diesem ersten Stückchen, das nicht einmal fünf Minuten lang ist, als Miniaturist von allergrößtem Format. Hermann, der aus Frankfurt/Main stammt, hat in Leipzig bei Moritz Hauptmann, Niels Wilhelm Gade, Felix Men- delssohn Bartholdy und Ferdinand David studiert. Anschließend trat er als Bratschist ins Gewandhaus-Orchester ein, wo er mehr als dreißig Jahre lang spielte - bald auch als 1. Bratscher und als Mitglied des Gewandhaus-Quartetts. Ab 1848 unterrichtete er zudem am Leipziger Konservatorium, 1883 wurde er zum Professor ernannt. 
Seine Kompositionen zeugen von seinem exzellenten Handwerk ebenso wie von einem herausragenden Humor und großer Liebe zum Instrument. Denn Hermann arrangiert stets so, dass die Stärken der Streichinstrumente voll zur Geltung kommen - und dass die Partien trotz aller Brillanz halbwegs fingerfreundlich bleiben. Mendelssohn- sche Klangwelten und Paganinis Virtuosität kombinieren die drei Capriccios op. 2, 5 und 13, ebenfalls für drei Violinen, und die Suite in d-Moll für drei Violinen op. 17 zeigt, wie sich mit drei gleichgestimm- ten Streichern ein geradezu orchestrales Gefüge aufbauen lässt. Eine Entdeckung ist auch das Grand Duo Brillant in g-Moll für Violine und Violoncello op. 12, das Hermann Louis Spohr gewidmet hat - aber möglicherweise ist es für das gemeinsame Musizieren mit einem Kollegen entstanden. Denn nicht nur der Geiger, sondern auch der Cellist bekommt hier gut zu tun. 
Friedemann Eichhorn und Reto Kuppel, Violine, Alexia Eichhorn, Violine und Viola,  sowie Alexander Hülshoff am Violoncello haben hier Kabinettstückchen ausgegraben, die doch tatsächlich größten- teils noch nie eingespielt worden sind. Diese CD beschließen sie mit zwei Werken von Johann Paul Eichhorn (1787 bis 1861), die sich ebenfalls als kleine Perlen erweisen, aber aus dem Repertoire voll- kommen verschwunden waren. 
Eichhorn war der Ausgangspunkt einer Musikerdynastie aus den fränkischen Coburg. Der Sohn eines Leinewebers brachte sich selbst das Geigenspiel bei, und spielte - nach der Arbeit am Webstuhl - auf dem Dorf zum Tanz auf. Dann wurde er zum Militär eingezogen. Weil er unbedingt eine Anstellung in der Militärkapelle erreichen wollte, übte er auf Horn und Posaune - und erhielt 1810 eine Stelle als Bläser in der Coburger Hofkapelle. Zwei seiner Kinder waren sehr talentiert, und reisten schließlich als geigende Wunderkinder bis an den Zaren- hof. Die zwei Stücke sind für die beiden geschrieben - doch das erkennt man nur daran, dass jene technischen Elemente fehlen, für die unbedingt Erwachsenenhände erforderlich sind. Die Knaben, noch im Grundschulalter, die durch ihren Vater auf der Viola begleitet wurden, dürften mit diesen Bravourstückchen ihre Zuhörer ganz erheblich beeindruckt haben.