Der tschechische Pianist Ivan Moravec hat 1989 in den USA Chopins Scherzi sowie zwei Etüden und vier Mazurken für das Label Dorian eingespielt. Die Aufnahmen fanden im Saal der Troy Savings Bank statt - einem Raum, der nach dem Urteil von Fachleuten über die beste Akustik in Amerika verfügt. Die Liste der Pianisten, die dort musizierten, ist lang und sehr beachtlich.
Dennoch sind es das Können und die überragende Persönlichkeit des Prager Musikers, die diese CD so einzigartig machen. Viele Jungstars haben, zumal im Chopin-Jubiläumsjahr, Aufnahmen dieser und anderer Werke von Chopin vorgelegt. Natürlich ist ihre Technik brillant, doch wer Moravec hört, der erkennt, dass Fingerfertigkeit zwar eine notwendige, aber lang keine hinreichende Voraussetzung dafür ist, diese Stücke gut zu spielen.
Bei Moravec hat man den Eindruck, dass Chopins Musik unter seinen Händen neu entsteht. Er spielt jedes Stück mit einer Hingabe und Innigkeit, die atemlos lauschen lässt. Dabei gelingt es ihm stets, über dem Moment, der Improvisation und dem musikalischen Detail nicht den Blick auf die Struktur, auf den großen dramatischen Bogen zu verlieren. Das ist ganz große Klavierkunst. Und es ist schön, dass das tschechische Label Supraphon diese grandiose Aufnahme nun wieder zugänglich macht.
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Montag, 31. Oktober 2011
Samstag, 27. August 2011
Chopin: 57 Mazurków; Harasiewicz (Narodowy Instytut Fryderika Chopina)
Ein Klassiker, gespielt von einem Klassiker. Adam Harasiewicz gilt als einer der führenden Chopin-Spezialisten weltweit, und diese CD belegt, dass er diesen Ruf zu Recht hat. Der Pianist, der 1955 den Chopin-Wettbewerb gewonnen hat, ist im Westen erstaunlich wenig bekannt. Dabei gehören seine Chopin-Interpretationen zu den schönsten überhaupt, jedenfalls dann, wenn man nicht auf Virtuo- sengehabe aus ist, sondern auf Werktreue und Ausgewogenheit.
Harasiewicz spielt Chopin geradezu schlicht und innig, nichts wirkt gesucht und gekünstelt. Das gilt auch und gerade für die Mazurkas, die hier weder stählern auf Rhythmus gezwungen noch mit einer Parfumwolke umnebelt und als Salonmusik zelebriert werden. Harasiewicz wählt stets den goldenen Mittelweg. Wer das langweilig findet, der sollte diese Aufnahme meiden.
Harasiewicz spielt Chopin geradezu schlicht und innig, nichts wirkt gesucht und gekünstelt. Das gilt auch und gerade für die Mazurkas, die hier weder stählern auf Rhythmus gezwungen noch mit einer Parfumwolke umnebelt und als Salonmusik zelebriert werden. Harasiewicz wählt stets den goldenen Mittelweg. Wer das langweilig findet, der sollte diese Aufnahme meiden.
Samstag, 3. Juli 2010
Chopin: Waltzes; Lipatti (EMI Classics)
Dinu Lipatti ist eine Pianisten- legende. Für Yehudi Menuhin war er die "Verkörperung eines Geistesreiches, unberührt von allem Schmerz und Leid"; Alfred Cortot fand sein Spiel vollkommen, und die wie Lipatti aus Rumanien stammende Clara Haskil - er nann- te sie "liebe Clarinette" - schrieb launig: "Wie ich Dich um Dein Talent beneide. Der Teufel soll es holen. Warum musst Du so viel Talent haben und ich so wenig? Ist das Gerechtigkeit auf Erden?"
Entsprechend neugierig war ich auf diese CD. Sie enthält mit der Bar- carolle op. 60 und dem Nocturne Des-Dur op. 27 Nr. 2 zwei Stücke jener ersten Aufnahme, die Lipatti für EMI 1947 im legendären No. 3 Studio, Abbey Road, in London einspielte. Die Walzer aber sowie die cis-Moll-Mazurka op. 50 Nr. 3 wurden im Juli 1950 in der Schweiz aufgezeichnet. Die Tatsache, dass sich die Aufnahmen über erstaun- lich viele Tage hinzogen, gibt ein deutliches Zeugnis vom schlechten Gesundheitszustand des Pianisten, der an Morbus Hodkin erkrankt war.
Im September 1950 spielte Dinu Lipatti Chopins Walzer letztmalig in einem Konzert in Besancon - und musste abbrechen, weil seine Kraft nicht mehr ausreichte. Mit Bachs Choral "Jesu bleibet meine Freude" verabschiedete er sich von seinem Publikum. Im Dezember 1950 starb der Pianist.
Lipattis Stil ist unverwechselbar. Man vermeint stets einen Hauch Unruhe und Melancholie zu spüren; sie überlagert selbst Lipattis Witz und Charme. Ein beeindruckendes Dokument - aber eines wird auch nach wenigen Takten klar: Heute würde niemand mehr so spielen.
Montag, 19. April 2010
Chopin: The Mazurka Diary; Anna Gourari (Berlin Classics)
Anna Gourari ist eine brillante Pianistin. Ihr steht eine exzellente Technik zur Verfügung, die sie in die Lage versetzt, dem Klavier feinste dynamische Differenzie- rungen ebenso wie Nuancen von Klangfarben nach Belieben zu entlocken. Um ihre Auffassung der Musik Chopins mitzuteilen, zitiert die Pianistin Heinrich Heine, der 1837 schrieb: "Ja, dem Chopin muß man Genie zusprechen, in der vollen Bedeutung des Worts; er ist nicht bloß Virtuose, er ist auch Poet, er kann uns die Poesie, die in seiner Seele lebt, zur Anschauung bringen, er ist Tondichter, und nichts gleicht dem Genuß, den er uns verschafft, wenn er am Klavier sitzt und improvisiert. Er ist alsdann weder Pole noch Franzose noch Deutscher, er verrät dann einen weit höheren Ursprung, man merkt alsdann, er stammt aus dem Lande Mozarts, Raffaels, Goethes, sein wahres Vaterland ist das Traumreich der Poesie."
Als Reiseführer wählt Gourari die Mazurkas des Komponisten - vierzehn Jahre alt war Chopin, als er nach einem Ferienaufenthalt auf dem Lande 1824 seine erste Mazurka schrieb; die letzte, op. 68 Nr. 4, komponierte er im Oktober 1849 in Paris, wenige Tage vor seinem Tod. Diese Werke Chopins sind keine Folklore, sondern Traum-Tänze, hochartifiziell und geschliffen. Gourari interpretiert sie in erster Linie als poetischen Gedanken, als dahinschwebende Melodie. Dabei geht ihr mitunter leider die rhythmische Bodenhaftung verloren, und sie verliert sich gar zu sehr in purer Romantik. Schade.
Sonntag, 21. März 2010
Chopin: Polonaises; Alex Szilasi on authentic Pleyel Piano (Hungaroton)
Wie haben Chopins Werke eigent- lich geklungen, als die Solisten noch nicht nahezu durchweg Flügel des Hauses Steinway gespielt haben? Welchen Einfluss hat überhaupt das Instrument, mit dem ein Komponist arbeitet, auf sein Werk?
Dass solche Fragen durchaus interessant sind, zeigen zwei CD aus dem Hause Hungaroton Classic: Alex Szilasi, ein exzellenter ungarischer Pianist, spielt Chopins Polonaisen und die Mazurkas ohne Opus-Nummern auf einem Flügel des Hauses Pleyel.
Diese Klaviermanufaktur wurde 1807 von Ignaz Josef Pleyel in Paris gegründet. Nach seinem Tode 1831 führte sein Sohn Camille den Betrieb weiter, und er etablierte zudem einen berühmten Salon, der zum Treffpunkt der Pariser Musikwelt wurde. Dafür ließ er eigens einen Konzertsaal, die Salle Pleyel, errichten. Zu den ersten Solisten, die dort 1832 musizierten, gehörten die 13jährige Clara Wieck - und Frédéric Chopin.
Die Flügel aus dem Hause Pleyel waren damals weithin berühmt für ihre leichtgängige Mechanik und ihren sonoren, warmen, samtigen Ton. Chopin war von den Instrumenten Pleyels so begeistert, dass er fürderhin nahezu ausschließlich sie spielte. Vom Klang her ist das schon ein Unterschied; auf dem historischen 280er Pleyel-Flügel, der zwischen 1886 und 1890 gebaut wurde und bei vorliegender Aufnahme zum Einsatz kam, ist spieltechnisch längst nicht das möglich, was ein moderner Flügel heute hergibt. Chopin selbst aber dürfte einen noch älteren Bautyp gespielt haben. Denn wenn ich meinen Augen und Ohren trauen darf, so handelt es sich bei diesem Instrument - leider ist aus dem Beiheft nichts zu erfahren - nicht mehr um einen Hammerflügel, sondern bereits um ein Exemplar, das über einen Gussrahmen und Filzhämmerchen verfügt. Dennoch zwingt dieses Instrument den Pianisten zur Präzision, und unterstützt diese durch einen kristallklaren, brillanten Sound. Chopins Werke klingen wie auf Hochglanz poliert; man hört die Polonaisen - seinerzeit nicht nur virtuose, sondern auch hoch- politische Stücke - wie durch eine Lupe. Szilasi spielt grandios. Er entlockt dem Instrument eine ganze Palette an Klangfarben, und zelebriert "seinen" Chopin teilweise humorvoll, mitunter pathetisch. Meine Empfehlung!
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