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Dienstag, 10. Mai 2016

Schumann, Hiller: Piano Quintets (Avi-Music)

„Seit jeher fesselt und reizt mich die besondere Konstellation, wenn sich im kammermusikalischen Universum die Umlaufbahnen von Streich- quartett und Klavier kreuzen“, meint Tobias Koch. „Um das vielfach strapazierte Goethe-Wort ein weiteres Mal zu bemühen, sollten sich dann fünf ,vernünftige Leute miteinander unterhalten' – ohne dabei allerdings allzu vernünftig sein zu wollen: Das Klavierquintett, die Königsdisziplin der Klavierkammermusik.“ Zwei Gipfelwerke wiederum hat der Pianist auf dieser CD gemeinsam mit dem Pleyel  Quartett Köln eingespielt – auf historischen Instrumenten; die Streicher musizieren auf Darmsaiten, und Koch spielt einen Flügel aus der Dresdner Manufaktur von Clara Schumanns Cousin Wilhelm Wieck, gebaut um 1860. Entstanden ist die Aufnahme im Robert-Schumann-Haus Zwickau. 
Das Klavierquintett Es-Dur op. 44 von Robert Schumann, komponiert 1842, zählt Tobias Koch zu den „Kronjuwelen“ dieser Gattung. Clara Schumann, der das Werk gewidmet ist, lobte einst dessen „Kraft und Frische“. Es erklingt hier neben dem Klavierquintett G-Dur op. 156 von Ferdinand Hiller aus dem Jahre 1873 – einem Werk, das Tobias Koch „eher an einem sicheren Platz im Tresor der Schatzkammer“ sieht. 
Über den Lebensweg von Ferdinand Hiller (1811 bis 1885) wurde in diesem Blog bereits berichtet; seine Ausbildung erhielt er zu einem großen Teil in Weimar bei Johann Nepomuk Hummel. Hiller schuf mehr als 200 Kompositionen, darunter Bühnenwerke, Liederalben, etliche Konzerte und vier Sinfonien. Als Komponist und Pianist war Hiller berühmt, doch als Kapellmeister und Organisator der großen Niederrheinischen Musikfeste in Düsseldorf und Köln wurde er geliebt und gefeiert. Nach seinem Tode war er allerdings dann auch schnell vergessen, zumal seine Musik, in eher klassischer Tradition, schon vor der Jahrhundertwende antiquiert gewirkt haben muss. 
Hört man allerdings sein Klavierquintett, so wird man sich darüber wun- dern, dass Hillers Werke so gänzlich aus dem Konzertleben verschwunden bleiben. Denn der Klavierpart ist brillant, und das Quintett erscheint trotz seines enormen Umfanges kurzweilig und elegant. Insofern möchte man von einer wirklichen Entdeckung reden, die Tobias Koch und dem Pleyel Quartett Köln gelungen ist. Neben Hillers effektvollem Werk wirkt Schumanns Klavierquintett, das als Perle der Gattung gilt, erstaunlich blass und vom Klavier dominiert.

Samstag, 5. Januar 2013

Klughardt: String Quartet op. 42, Piano Quintet op. 43 (Avi-Music)

"Mein Kapellmeister hat zwar noch keinen Bart, aber er hat Haare auf den Zähnen." Mit diesen Worten soll der Direktor des Posener Theaters 1867 seinen Angestellten einen Neuling in dieser Position vorgestellt haben: August Klughardt (1847 bis 1902). Dieser Name dürfte heute kaum noch einem Musikfreund geläufig sein. Wieso eigentlich? fragt man sich verwundert beim Anhören dieser CD. 
Der Berufsanfänger erwarb sich rasch einen Ruf als Komponist, Pianist, Dirigent und Orchester- erzieher. Nach Stationen am Theater in Neustrelitz und in Lübeck wurde Klughardt schließlich als Musikdirektor an das Weimarer Hoftheater berufen. Dort wirkte er vier Jahre, und schuf zudem eine Vielzahl von Werken. 1873 ging er als Hofkapellmeister nach Neustre- litz; 1882 übernahm er dann die Hofkapellmeisterstelle in Dessau. Dort blieb er bis zu seinem Tode - eine Einladung, sich um die Leitung der Berliner Singakademie zu bewerben, lehnte er ab.
Sein Streichquartett F-Dur op. 42 wurde 1883 durch das berühmte Joachim-Quartett uraufgeführt - zwischen Mozart und Beethoven. "Die vier haben gespielt wie die Götter", schwärmte Klughardt. "Es ist doch etwas Schönes, so gespielt zu werden." Und die Kritik zeigte sich begeistert. Man wird dieses Urteil nachvollziehen, wenn man die CD mit dem Pleyel Quartett Köln angehört hat. Ingeborg Scheerer, Milena Schuster, Andreas Gerhardus und Nicholas Selo musizieren auf Instrumenten, wie sie noch vor hundert Jahren gebräuchlich waren. Insbesondere der Gebrauch von Darmsaiten und der diffe- renzierte Einsatz des Vibratos führen zu einem Klangbild, das sich von dem heute üblichen doch erstaunlich unterscheidet.
Verstärkt wird dieser Eindruck noch bei dem zweiten Stück auf der CD, dem Klavierquintett g-Moll op. 43. Hier ist statt Milena Schuster Verena Schoeneweg an der zweiten Geige zu hören - und Tobias Koch hat den Klavierpart übernommen. Der Pianist, der seit Jahren leiden- schaftlich für eine buntere Klangwelt auch bei den Tasteninstrumen- ten eintritt, hat für diese Aufnahme ein Fortepiano von Pierre Erard ausgewählt, das 1839 in Paris gebaut worden ist. Der Effekt ist deut- lich. 
Das Klavierquintett bietet auch insofern eine Überraschung, als Klug- hardt in diesem Werk sowohl Einflüsse der sogenannten Neudeut- schen Schule um Wagner und Liszt als auch Referenzen an die Tradi- tionalisten um Brahms und Joachim erkennen lässt. Die beiden Lager haben seinerzeit heftig und mit lautstarker Unterstützung durch die Musikkritik darum gestritten, was gute Musik ausmacht. Klughardt nahm, was er gut fand, und schuf damit ein Werk, das man gern öfter im Konzertsaal hören würde. Die Musik des Komponisten nämlich ist großartig - und auch die Interpretation, die hier zu erleben ist, macht Freude. Bravi! und bitte mehr davon.