Posts mit dem Label Koch werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Koch werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Freitag, 31. Januar 2020

1st Chopin Festival Hamburg 2018 (Naxos)

Klängen aus der Vergangenheit zu lauschen, und sie mit dem Sound moderner Instrumente zu vergleichen – dazu lädt das Chopin Festival Hamburg ein. Es wird von der Chopin-Gesellschaft Hamburg & Sachsenwald e.V. veranstaltet, und bietet neben erstklassigen Konzerten für das interessierte Publikum auch Meisterkurse für angehende Pianisten. 
Es ist das erste und einzige Festival, das die Klangwelten moderner und historischer Flügel in den Wettbewerb schickt – und die Jury sind die Zuhörer. Auf dieser CD wurden Höhepunkte aus dem ersten Festivaljahrgang 2018 zusammengefasst . Zu hören sind Werke von Chopin, Debussy, Dussek, Gutmann, Liszt und Schubert, gespielt von Elisabeth Brauß, Tobias Koch, Alexei Lubimov, Ewa Pobłocka, François-Xavier Poizat und Hubert Rutkowski. 
„Einzigartig an diesem Klassik-Festival ist, dass sie Werke auf original historischen Intrumenten spielen und dazu im Vergleich – und in derselben Vorstellung – auch auf einem Flügel der Gegenwart“, erklärt Rutkowski, der dieses musikalische Ereignis als Festival-Intendant mit konzipiert hat. 
Die Möglichkeit dazu bietet die Sammlung Musikinstrumente im Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg mit ihren Beständen, so dass die Auswahl an Instrumenten von jenen der Meister des 19. Jahrhunderts, wie Broadwood, Pleyel, Brodmann oder historischem Steinway, bis hin zu modernen Flügeln von Shigeru Kawai und Steingraeber reicht. Ein hochspannendes Unterfangen, dokumentiert auf einer CD, die zum Ausflug in ein längst verklungenes Klavier-Universum einlädt. 

Dienstag, 8. Mai 2018

Bach: Himmelfahrtsoratorium (Rondeau)

Auch das Himmelfahrtsoratorium BWV 11 von Johann Sebastian Bach (1685 bis 1750) lässt Pauken und Trompeten laut erschallen. Anders als das berühmte Weihnachtsoratorium beschränkt sich dieses Werk allerdings auf eine Kantate – ursprünglich wurde es im Werkverzeichnis auch als solche geführt, mit dem Titel Lobet Gott in seinen Reichen
Eine Aufnahme, die ziemlich genau vor einem Jahr aufgezeichnet worden ist, lädt dazu ein, sich mit Bachs musikalischer Botschaft zum Festo Ascensionis Christi zu befassen. Auf der CD sind dazu noch zwei weitere thematisch passende Bach-Werke zu finden – die Himmelfahrtskantate Wer da gläubet und getauft wird (BWV 37) sowie die Pfingstkantate O ewiges Feuer, o Ursprung der Liebe (BWV 34). 
Zu hören sind der Gutenberg-Kammerchor Mainz und das auf historischen Instrumenten musizierende Neumeyer Consort. Unter der Leitung von Felix Koch singt zudem mit Jasmin Hörner, Sopran, Julien Freymuth, Altus, Christian Rathgeber, Tenor, und Christian Wagner, Bass ein viel- versprechendes junges Solistenquartett. Eine interessante Einspielung, wunderbar passend zum Festkalender. 

Freitag, 16. März 2018

Karlrobert Kreiten - Historical Recordings (Avi-Music)

Diese CD stellt einen Pianisten vor, dessen künstlerische Laufbahn brutal ein Ende fand: In der Nacht vom 7. zum 8. September 1943 wurde Karlrobert Kreiten in Berlin-Plötzensee hingerichtet. 
Der junge Musiker hatte unter dem Eindruck von Stalingrad in einem privaten Gespräch Hitler als einen Wahnsinnigen bezeichnet, dessen Bild man besser von der Wand abnehmen sollte. Der Krieg, so Kreiten, sei praktisch schon verloren – und er werde zum vollständigen Untergang Deutschlands und seiner Kultur führen. 
Eine Freundin seiner Mutter zeigte Kreiten an. Er wurde wenig später von der Gestapo verhaftet und wegen Wehrkraftzersetzung und Feindbegünsti- gung zum Tode verurteilt. Nicht einmal durch Gnadengesuche und durch Interventionen berühmter Kollegen, wie Wilhelm Furtwängler, ist es gelungen, ihn zu retten. 
Bei der Vorbereitung auf ein Gedenkkonzert zum hundertsten Geburtstag von Karlrobert Kreiten im Jahre 2016 fand Tobias Koch einige bislang unbekannte Tonaufnahmen des Pianisten. Auch wenn der technische Zustand der meisten dieser Aufzeichnungen offenbar unglaublich schlecht war, ist es Karsten Lehl, der Restauration und Mastering übernommen hat,  doch gelungen, Erstaunliches wieder hörbar zu machen. 
Es sind private Aufnahmen, und Tobias Koch räumt ein, dass Kreiten selbst mit dieser Veröffentlichung kaum einverstanden gewesen wäre. „Wir haben uns dennoch dazu entschieden, denn hinter dem aufnahmetechnischen Schleier der behutsam restaurierten Aufnahmen verbirgt sich eine hochsensible jugendliche Meisterschaft, die in ihrer ebenso strukturbewussten wie schwerelosen Gestaltungskraft damals wie heute zugleich überrascht wie überwältigt“, schreibt Koch. Mein ganz persönlicher Favorit auf dieser CD ist Othmar Schoecks Toccata op. 29 Nr. 2 – ganz große Klavierkunst, noch heute atemberaubend. 
Es erklingt sogar die Stimme Karlrobert Kreitens, in unverkennbar rheinischem Tonfall. Der Pianist kam in Bonn zur Welt; aufgewachsen ist er in Düsseldorf, wo er als Zehnjähriger in der Tonhalle debütierte. Bekannt wurde Karlrobert Kreiten, als er 1933 beim Internationalen Klavierwettbewerb in Wien als einer der jüngsten Teilnehmer mit einer silbernen Ehrenplakette ausgezeichnet wurde. Kurz darauf gewann er in Berlin den Mendelssohn-Preis. 
Der junge Pianist studierte in Köln und in Wien, und lernte dann von 1937 bis 1940 in der Berliner Meisterklasse von Claudio Arrau. Er gab zahl- reiche Konzerte; so musizierte er zweimal mit den Berliner Philharmoni- kern. „Karlrobert Kreiten war eines der größten Klaviertalente, die mir persönlich je begegnet sind“, urteilte sein Lehrer noch viele Jahre später. „Er hatte eine erstaunliche Leichtigkeit, es gab keine Schwierigkeiten für ihn; was er machte, hatte immer einen musikalischen Sinn. Er war immer ein Künstler, nicht ein Virtuose.“ 

Dienstag, 10. Mai 2016

Schumann, Hiller: Piano Quintets (Avi-Music)

„Seit jeher fesselt und reizt mich die besondere Konstellation, wenn sich im kammermusikalischen Universum die Umlaufbahnen von Streich- quartett und Klavier kreuzen“, meint Tobias Koch. „Um das vielfach strapazierte Goethe-Wort ein weiteres Mal zu bemühen, sollten sich dann fünf ,vernünftige Leute miteinander unterhalten' – ohne dabei allerdings allzu vernünftig sein zu wollen: Das Klavierquintett, die Königsdisziplin der Klavierkammermusik.“ Zwei Gipfelwerke wiederum hat der Pianist auf dieser CD gemeinsam mit dem Pleyel  Quartett Köln eingespielt – auf historischen Instrumenten; die Streicher musizieren auf Darmsaiten, und Koch spielt einen Flügel aus der Dresdner Manufaktur von Clara Schumanns Cousin Wilhelm Wieck, gebaut um 1860. Entstanden ist die Aufnahme im Robert-Schumann-Haus Zwickau. 
Das Klavierquintett Es-Dur op. 44 von Robert Schumann, komponiert 1842, zählt Tobias Koch zu den „Kronjuwelen“ dieser Gattung. Clara Schumann, der das Werk gewidmet ist, lobte einst dessen „Kraft und Frische“. Es erklingt hier neben dem Klavierquintett G-Dur op. 156 von Ferdinand Hiller aus dem Jahre 1873 – einem Werk, das Tobias Koch „eher an einem sicheren Platz im Tresor der Schatzkammer“ sieht. 
Über den Lebensweg von Ferdinand Hiller (1811 bis 1885) wurde in diesem Blog bereits berichtet; seine Ausbildung erhielt er zu einem großen Teil in Weimar bei Johann Nepomuk Hummel. Hiller schuf mehr als 200 Kompositionen, darunter Bühnenwerke, Liederalben, etliche Konzerte und vier Sinfonien. Als Komponist und Pianist war Hiller berühmt, doch als Kapellmeister und Organisator der großen Niederrheinischen Musikfeste in Düsseldorf und Köln wurde er geliebt und gefeiert. Nach seinem Tode war er allerdings dann auch schnell vergessen, zumal seine Musik, in eher klassischer Tradition, schon vor der Jahrhundertwende antiquiert gewirkt haben muss. 
Hört man allerdings sein Klavierquintett, so wird man sich darüber wun- dern, dass Hillers Werke so gänzlich aus dem Konzertleben verschwunden bleiben. Denn der Klavierpart ist brillant, und das Quintett erscheint trotz seines enormen Umfanges kurzweilig und elegant. Insofern möchte man von einer wirklichen Entdeckung reden, die Tobias Koch und dem Pleyel Quartett Köln gelungen ist. Neben Hillers effektvollem Werk wirkt Schumanns Klavierquintett, das als Perle der Gattung gilt, erstaunlich blass und vom Klavier dominiert.

Samstag, 10. Oktober 2015

Berger / Schubert: Die schöne Müllerin; Schäfer/Koch (Avi-Music)

„Am Anfang stand ein Gesellschafts- spiel mit Musik“, so berichtet das Beiheft zu dieser CD: „Im Berliner Haus des Geheimen Staatsrats Friedrich August von Staegemann führte eine Schar junger Kunst- freunde im Herbst 1816 ein kleines Theaterstück mit Liedern auf.“ Es ging darin um eine junge Dame namens Rose, die schöne Müllerin, die von drei Männern umschwärmt wird – einem Müller, einem Gärtner und einem Jäger. Diesem gelingt es letztendlich, das Herz des Mädchens zu erobern. 
Um die bei dieser Aufführung improvisierten Gesänge durch „echte“ Vertonungen zu ersetzen, wurde dann der Berliner Komponist Ludwig Berger (1777 bis 1839) hinzugezogen. Er wählte zehn Stücke aus und veröffentlichte sie im Jahre 1818 unter dem Titel Gesänge aus dem gesellschaftlichen Liederspiele ,Die schöne Müllerin’. Die Liedtexte stammten von verschiedenen Autoren, allerdings waren schon unter den von Berger in Musik gesetzten Stücken bereits fünf aus der Feder von Wilhelm Müller. Der junge Mann, der es später in seiner Heimatstadt Dessau bis zum Hofrat brachte, spielte bei dem Theaterstück kurioserweise auch tatsächlich die Rolle des Müllerburschen. 
Er schrieb brillante Gedichte, die von seinen Zeitgenossen mit großer Begeisterung gelesen wurden. So überarbeitete und erweiterte er in späteren Jahren auch seine Beiträge zu jenem Liederspiel, und veröffentlichte schließlich eine Folge von 23 Gedichten nebst einem ziemlich ironischen Prolog und einem Epilog. Auf diese Werke wiederum wurde dann Franz Schubert (1797 bis 1828) aufmerksam. Der Komponist ignorierte die Ironie; er vertonte 20 dieser Gedichte – und schuf mit Die schöne Müllerin einen bedeutenden Liederzyklus der Romantik. 
Auf dieser CD erklingen nun zum allerersten Male beide „Müllerinnen“, gesungen von dem Tenor Markus Schäfer, begleitet von Tobias Koch – der dabei auch ein ganz besonderes Klavier benutzte. Koch spielt ein Piano- forte von Johann Fritz, Wien um 1830, mit Wiener Mechanik und vier Pedalen, aus der Sammlung Beetz. Der „authentische“ Klang ist ja kein Wert an sich, aber in diesem Falle ist er ein Erlebnis. Denn dieses Instru- ment ist sehr viel dezenter und zugleich mit seinen vielen Farben und seinem schwebenden Klang wesentlich präsenter als ein moderner Flügel. 
Berger hat die meisten Gedichte als Strophenlieder gestaltet, und dabei nur selten Varianten auskomponiert. Es ist aber bekannt, dass die Interpreten jener Zeit den Notentext relativ frei gestalteten und abwandelten. Auf der Suche nach der zeitgenössischen Vortragspraxis stießen Schäfer und Koch auf interessante Dokumente – Abschriften und frühe Ausgaben der Schönen Müllerin, mit Eintragungen und Varianten, die zeigen, dass auch bei derart durchkomponierten Werken ein kreativer Umgang mit dem Notentext gang und gäbe war. So wurden Wiederholungen genutzt, um eigene Ideen einzubringen. 
Schäfer und Koch haben diese Praxis ausprobiert, wobei sie auf Variatio- nen im Sinne einer Auszierung meistens verzichten. Statt dessen haben die beiden Musiker nach Möglichkeiten gesucht, Details sowohl aus dem Text als auch aus der Musik hervorzuheben und weiterführend auszudeuten. Nicht nur in der Singstimme, sondern auch im Klavierpart haben sie gemeinsam verblüffende Lösungen gefunden, die aufhorchen lassen. Dabei gehen sie mit Schuberts Musik stets achtsam um. Das Ergebnis finde ich sehr beachtlich und durchaus bedenkens- und hörenswert. 

Sonntag, 17. Mai 2015

Beethoven: Complete Piano Pieces (Avi-Music)

Das Klavier bereitet doch immer wieder Freude und ist für so manche Überraschung gut – in diesem Falle liegt das an der Hingabe, mit der Tobias Koch Klavierstücke von Ludwig van Beethoven (1770 bis 1827) vorstellt. Der Hammerflügel- spezialist widmet sich auf diesen drei CD den „kleinen“ Werken, jenseits der Sonaten, Tänze und Variationen. Dabei musiziert er an fünf gut erhal- tenen historischen Instrumenten: Zu hören sind ein Tangentenflügel von Christoph Friedrich Schmahl aus dem Jahre 1790, ein Fortepiano von Michael Rosenberger, entstanden um 1805, ein Fortepiano von Conrad Graf, angefertigt 1727/28, und ein Patent-Piano-Forte aus der Werkstatt von Nanette Streicher & Sohn aus dem Jahre 1827. Zudem erklingt hier, wahrscheinlich zum ersten Male auf CD, eine Orphika. Dieses Instrument, 1795 in Wien von Carl Leopold Rölling  und Joseph Dohnal konstruiert, erscheint wie ein tragbares Pianoforte, allerdings mit einem deutlich geringeren Tonumfang und einem Rahmen, der an eine Harfe erinnert. Die Orphika sollte wohl wie eine Laute klingen; sie wurde nur in Wien gebaut, und es sind nur einige wenige Exemplare überhaupt erhalten. Das hier vorgestellte, gefertigt nach 1800, klingt ziemlich ätherisch und befindet sich in der Musikinstrumentenabteilung des Deutschen Museums München. 
Nicht weniger attraktiv sind aber die anderen beiden Silberscheiben. Denn hier ist zu erleben, wie enorm sich das Klavier im Laufe der frühen Jahre verändert hat. Spielte Beethoven beispielsweise anfangs Instrumente mit einem Tonumfang von lediglich fünf Oktaven, so spiegelt seine Musik auch ein wenig die rapide Weiterentwicklung des Klaviers in jenen Jahren. Denn schon Beethovens Erard-Flügel von 1803 hatte fünfeinhalb Oktaven, das Instrument, das ihm Thomas Broadwood 1817 schenkte, sechs Oktaven. Und der Flügel, den ihm 1826 Conrad Graf leihweise zur Verfügung stellte, konnte bereits mit sechseinhalb Oktaven aufwarten. 
Koch zeigt mit seiner Einspielung, dass seinerzeit Klavier keineswegs gleich Klavier war. Die historischen Instrumente unterscheiden sich auch klanglich wesentlich stärker voneinander, als wir das heute von modernen Klavieren gewohnt sind. So manches Werk Beethovens aber lässt sich auf einem „alten“ Instrument viel differenzierter und nuancenreicher vortragen, wie Koch beeindruckend demonstriert. Man entdeckt, wenn man dem farbenreichen Klang dieser Claviere lauscht, insbesondere in den Mittelstimmen so manches Detail, das beim Spiel auf einem Standard-Steinway leicht durch die sehr viel ausgeglicheneren Register verdeckt wird. 
Diese musikalische Entdeckungsreise macht durchaus Vergnügen, zumal die sogenannten Bagatellen keineswegs gering zu schätzen sind. Denn sie ermöglichen einen Blick in die Werkstatt des Komponisten: In diesen kurzen Stücken erprobte Beethoven sein Handwerkszeug. Er spielte mit Formen und Kontrasten, die schon in jungen Jahren erstaunlich wir- kungsvoll einzusetzen wusste. Der Zuhörer erhält zudem einen Eindruck davon, wie der Meister wohl einst beim freien Fantasieren gestaltet hat. Sehr gelungen, meine unbedingte Empfehlung! 

Montag, 7. Juli 2014

Te Deum laudamus (cpo)

Eine Überraschung ganz besonde- rer Art hielt der Freiberger Dom bereit: Als man daran ging, die Engel zu restaurieren, die in der Grablege der einstmals evange- lischen Wettiner hoch über den Köpfen Instrumente in den Händen hielten, um himmlische Musik anzustimmen, stellte sich heraus, dass es sich dabei zumeist um echte Instrumente handelte. Die Freude der Experte war riesen- groß, denn die Geigen, Zinken, Harfen, Cistern, Lauten und Schal- meien stammten aus einer Zeit, aus der nur sehr wenig derartige Sachzeugen überliefert sind. Und sie waren so gut erhalten, dass Instrumentenbauer sie kopieren konnten. Selbst die hölzernen Posaunen waren so detailgetreu angefertigt worden, dass ein Nachbau möglich war. Auf dieser CD ist nun anzuhören, wie die Engelskapelle geklungen haben könnte. 
Die Werke dazu wurden der Sammlung der einstigen Freiberger Lateinschule entnommen. 1515 gegründet, zählt sie zu den ältesten städtischen Bildungseinrichtungen Sachsens. „Musik aus der Freiber- ger Gymnasialbibliothek aufführen zu wollen, heißt weniger, Lokalkolorit herauszuarbeiten und unbekannte, vergessene Meister der Öffentlichkeit vorzuführen. Vielmehr ist erstaunlich, wie welt- gewandt die Freiberger Musik im 15. und 16. Jahrhundert war“, meint Domkantor Albrecht Koch. „Führend dabei natürlich die Dommusik, die in enger Verbindung zur damaligen Lateinschule stand. Im Zentrum des Konzertes steht so das Te Deum von Rogier Michael, einem der wichtigen sächsischen Hofkapellmeister vor Heinrich Schütz. Das Programm erfährt seine Ergänzung aus den Werken vieler Meister, die in Freiberg gesammelt und aufbewahrt werden, unter ihnen Atanasius Kirchner, Leonard Lechner oder Orlando di Lasso. Es liegt auf der Hand, diese Musik mit dem groß- artigen Freiberger Renaissance-Instrumentarium zu verbinden und am ursprünglichen Ort zum Klingen zu bringen.“
Und so musizieren auf dieser CD gemeinsam die Ensembles „chordae freybergensis“ um Professorin Susanne Scholz, gegründet 2005, um Spieltechnik und Klang der Engelsgeigen zu erkunden, und die Sängerinnnen und Sänger der Freiberger Dom-Musik. Die Leitung hat Domkantor Koch, er spielt auch das Orgelpositiv. Bei aller Faszination ist leider eine gewisse Blutleere der Interpretationen zu bemängeln. Alles klingt irgendwie gleich; und das liegt nicht zuletzt auch daran, dass die Singenden zwar sehr sauber, aber wenig durchhörbar musizieren. Es fehlt Struktur, und man vermisst Abwechslung und auch verschiedene Klangfarben. Schade! 

Montag, 24. März 2014

Schumann: Bunte Blätter op.99, Albumblätter op.124; Koch (Genuin)

Erinnerungen an interessante Begegnungen in Stammbüchern festzuhalten, das war früher ein gern geübter Brauch. Im 19. Jahr- hundert, im Zeitalter der zele- brierten Häuslichkeit, waren die Alben offenbar allgegenwärtig. So wird es nicht verwundern, dass auch die musizierenden Romatiker dieses Ritual mit Eifer pflegten. 
Dievorliegende CD fasst Album- blätter zusammen, musikalische Skizzen und Miniaturen, die in erster Linie Robert Schumann, aber auch Johannes Brahms sowie seine weniger bekannten Zeitge- nossen Theodor Fürchtegott Kirchner (1823 bis 1903) und Woldemar Bargiel (1828 bis 1897) zu Papier gebracht haben. Gleichzeitig stellt Pianist Tobias Koch ein ganz besonderes Klavier vor: Der Flügel, der hier erklingt, stammt aus der Werkstatt von Johann Nepomuk Tröndlin (1790 bis 1862). Der stammte eigentlich aus Freiburg im Breisgau, entzog sich aber dem Wehrdienst durch die Flucht nach Wien. 1821 ging er nach Leipzig. Dort waren seine Instrumente hochgeschätzt; sie wurden sowohl durch die Schumanns als auch im Hause Mendelssohn gespielt. 
Das Exemplar, das hier präsentiert wird, hat die Fabrikationsnummer 284 und befindet sich heute im Museum für Musikinstrumente der Universität Leipzig. Der Hammerflügel klingt sehr hell, bisweilen klimperig, metallisch. Das reine Vergnügen ist das nicht, zumal auch Kochs Interpretationen in diesem Falle etwas oberflächlich bleiben. Schade. 

Samstag, 5. Januar 2013

Klughardt: String Quartet op. 42, Piano Quintet op. 43 (Avi-Music)

"Mein Kapellmeister hat zwar noch keinen Bart, aber er hat Haare auf den Zähnen." Mit diesen Worten soll der Direktor des Posener Theaters 1867 seinen Angestellten einen Neuling in dieser Position vorgestellt haben: August Klughardt (1847 bis 1902). Dieser Name dürfte heute kaum noch einem Musikfreund geläufig sein. Wieso eigentlich? fragt man sich verwundert beim Anhören dieser CD. 
Der Berufsanfänger erwarb sich rasch einen Ruf als Komponist, Pianist, Dirigent und Orchester- erzieher. Nach Stationen am Theater in Neustrelitz und in Lübeck wurde Klughardt schließlich als Musikdirektor an das Weimarer Hoftheater berufen. Dort wirkte er vier Jahre, und schuf zudem eine Vielzahl von Werken. 1873 ging er als Hofkapellmeister nach Neustre- litz; 1882 übernahm er dann die Hofkapellmeisterstelle in Dessau. Dort blieb er bis zu seinem Tode - eine Einladung, sich um die Leitung der Berliner Singakademie zu bewerben, lehnte er ab.
Sein Streichquartett F-Dur op. 42 wurde 1883 durch das berühmte Joachim-Quartett uraufgeführt - zwischen Mozart und Beethoven. "Die vier haben gespielt wie die Götter", schwärmte Klughardt. "Es ist doch etwas Schönes, so gespielt zu werden." Und die Kritik zeigte sich begeistert. Man wird dieses Urteil nachvollziehen, wenn man die CD mit dem Pleyel Quartett Köln angehört hat. Ingeborg Scheerer, Milena Schuster, Andreas Gerhardus und Nicholas Selo musizieren auf Instrumenten, wie sie noch vor hundert Jahren gebräuchlich waren. Insbesondere der Gebrauch von Darmsaiten und der diffe- renzierte Einsatz des Vibratos führen zu einem Klangbild, das sich von dem heute üblichen doch erstaunlich unterscheidet.
Verstärkt wird dieser Eindruck noch bei dem zweiten Stück auf der CD, dem Klavierquintett g-Moll op. 43. Hier ist statt Milena Schuster Verena Schoeneweg an der zweiten Geige zu hören - und Tobias Koch hat den Klavierpart übernommen. Der Pianist, der seit Jahren leiden- schaftlich für eine buntere Klangwelt auch bei den Tasteninstrumen- ten eintritt, hat für diese Aufnahme ein Fortepiano von Pierre Erard ausgewählt, das 1839 in Paris gebaut worden ist. Der Effekt ist deut- lich. 
Das Klavierquintett bietet auch insofern eine Überraschung, als Klug- hardt in diesem Werk sowohl Einflüsse der sogenannten Neudeut- schen Schule um Wagner und Liszt als auch Referenzen an die Tradi- tionalisten um Brahms und Joachim erkennen lässt. Die beiden Lager haben seinerzeit heftig und mit lautstarker Unterstützung durch die Musikkritik darum gestritten, was gute Musik ausmacht. Klughardt nahm, was er gut fand, und schuf damit ein Werk, das man gern öfter im Konzertsaal hören würde. Die Musik des Komponisten nämlich ist großartig - und auch die Interpretation, die hier zu erleben ist, macht Freude. Bravi! und bitte mehr davon. 

Sonntag, 13. März 2011

Daniela Koch: My Magic Flute (Gramola)

Daniela Koch, Jahrgang 1989, spielt seit ihrem neunten Lebens- jahr Querflöte. Sie studierte am Salzburger Mozarteum bei Michael Kofler, und hat bereits eine Viel- zahl von Wettbewerben gewonnen. So siegte sie als jüngste Teilnehme- rin beim 7. Kobe International Flute Competition, und errang im September 2010 beim 59. Inter- nationalen Musikwettbewerb der ARD in München den 2. Preis sowie einen Sonderpreis. Sie hat an der Somerakademie der Wiener Philharmoniker teilgenommen, und ist seit Oktober 2009 Stipendiatin der Orchesterakademie der Münchner Philharmoniker. 
Auf der vorliegenden CD, die sie als Bank Austria Artist of the Year einspielen konnte, demonstriert sie die enorme Breite ihres Reper- toires ebenso wie ihre technische Brillanz. Von Christian Reif am Klavier hervorragend begleitet, spielt sie Klassiker wie die Introduk- tion und Variationen über "Trockne Blumen" von Franz Schubert D 802 ebenso wie drei Werke aus der französischen Flötentradition oder ein Flötensolo des japanischen Komponisten Toshi Ichiyanagi, das dieser für den Flötenwettbewerb von Kobe geschrieben hat. Es bietet lyrische und virtuose Abschnitte im Wechsel - und gibt so dem Flötisten, sein spieltechnisches Können ebenso zu zeigen wie sein Gestaltungsvermögen. Eine spannende CD mit zwei jungen Musikern, von denen ganz sicher noch zu hören sein wird. 

Sonntag, 24. Oktober 2010

Robert Schumann: Klaviermusik für die Jugend (Genuin)

Diese CD beginnt mit einer Lesung aus Schumanns Musikalischen Haus- und Lebensregeln - vorge- tragen mit einem ebenso bemüh- ten wie scheußlichen "sächsischen" Akzent von Bernhard Biller. Ist dieser Prolog überstanden, folgt das Album für die Jugend op. 68, erstmals veröffentlicht 1848. 
"Papa hatte zu Mariens Geburtstag ein ganzes Heft Kinderstückchen beschert, die ihm selbst die größte Freude gemacht", notierte der Komponist im Erinnerungs- büchelchen für unsere Kinder, nachdem er seiner ältesten Tochter - Vaters Liebling - zu ihrem siebenten Geburtstag ein kleines Heftchen mit Klavierstücken geschenkt hatte. Dieses Geburtstagsalbum für Marie wurde zum Ausgangspunkt für die weit umfangreichere Sammlung, die Clara Schumann wenig später als "Weihnachtsalbum" für kleine und große Kinder bezeichnet. 
Tobias Koch spielt die 43 Clavierstücke für die Jugend auf einem Flügel von Johann Baptist Streicher, Wien, aus dem Jahre 1847. Dieses Instrument beeindruckt durch einen schlanken, hellen, klaren Klang - was diesen Miniaturen ein gänzlich ungewohntes Spektrum an Klangfarben verleiht. Auf CD zwei erklingen neben den Drei Clavier-Sonaten für die Jugend op. 118, die Schumann jeweils einer seiner Töchter widmete, die nicht in die Erstausgabe aufgenommenen Stücke als Supplement zu op. 68 - darunter auch zwei entzückende kleine Vokalsätze, die hier erstmals eingespielt werden, gesungen vom Kinderchor der Freien Grundschule "Clara Schumann" Leipzig. Darauf folgt das Geburtstagsalbum für Marie, so wie es im Bonner Beethoven-Haus einzusehen ist, inklusive einer Reihe von Klavier- bearbeitungen berühmter Werke großer Meister, als Kleiner Lehr- gang durch die Musikgeschichte - beides ebenfalls als Ersteinspie- lung. Hier erklingt ein Flügel von Ignace Pleyel & Cie, Paris, 1844 - er tönt etwas runder als der Streicher, nicht so silbrig, insgesamt etwas dunkler. Das Geburtstagsalbum gibt den Hörer eine Gelegenheit, beide Instrumente zu vergleichen.
Die CD endet mit Andante und Variationen für zwei Pianoforte
op. 46, das Tobias Koch gemeinsam mit Sara Koch spielt. Hier sind beide Flügel zu hören - mit einem ganz erstaunlichen Effekt: Die beiden klanglich doch so verschiedenen Instrumente harmonieren wunderbar miteinander. Dieses Werk ist zweifelsohne der Höhepunkt dieser Doppel-CD; auch die kleinen Sonaten scheinen Koch besser zu liegen als die Miniaturen. Die größere Form gibt dem Pianisten offenbar mehr Raum und ermöglicht größere Spannungsbögen; ich habe den Eindruck, dass er generell Spaß am energischen, schwung- vollen Musizieren hat. 

Freitag, 26. März 2010

Robert und Clara Schumann: Klavierwerke aus Dresden 1845 - 1849; Tobias Koch (Genuin)

Das soll ein Schumann sein? Donnerwetter! Bei den Klängen reibt man sich verwundert die Augen. Die CD hebt an mit kräftig grollenden Bässen, und energisch schepperndem Diskant.
Die Vier Märsche op. 76 beginnen Mit größter Energie, und Tobias Koch lässt seinen Erard-Flügel von 1852 dementsprechend tönen. Damit beginnt zugleich eine musikalische Entdeckungsreise, denn das historische Instrument klingt in der Tat ganz anders als ein moderner Konzertflügel. Der Düsseldorfer Pianist entlockt ihm elegante, singende Passagen ebenso wie derbe, zupackende Momente, distanzierte, geradezu akademische Phrasen ebenso wie raunende, murmelnde Stimmungsbilder; der Erard-Flügel beeindruckt dabei stets durch die Transparenz und Strahlkraft seines Klanges. 
Tobias Koch hat für diese CD ausschließlich Werke aus den Dresdner Jahren des Ehepaares Schumann ausgewählt. Nach einer schweren Schaffenskrise und anschließendem gesundheitlichen Zusammen- bruch hatte sich Schumann während der Herbstmonate in der sächsischen Landeshauptstadt allmählich wieder stabilisiert; zum Jahresende 1844 zogen die Schumanns endgültig dorthin um. 
Und im Januar 1845 begann Schumann ausgedehnte Contrapunc- tische Studien, dem Vorbild Bachs nachspürend, den der Komponist zeitlebens als unerreichbares Vorbild betrachtete und zu dem er immer wieder in Krisensituationen Zuflucht nahm. Die CD bringt die Vier Fugen op. 72 - Schumanns Antwort auf Bachs Meisterwerke wie das Wohltemperierte Clavier oder Die Kunst der Fuge. Sie bringt aber auch Drei Präludien und Fugen op. 16 von Clara Schumann, ent- standen ebenfalls 1845 - und zwar nach Fugenthemen, die der welt- berühmten Pianistin wohl ihr Gemahl vorgegeben hat. Dieser Aufgabe entledigt sie sich eher akademisch und relativ kurz angebunden. Interessant aber sind ihre Präludien dazu, denn es sind kleine Meisterstücke, effektvoll konzipiert für die Konzertbühne, unter klug kalkuliertem Einsatz des Instrumentenklanges. Koch spürt ihren Ambitionen nach, und präsentiert gerade in diesen Werken eine ganze Palette an Klangfarben, die man dem Erard-Flügel nach dem ersten Höreindruck so gar nicht zugetraut hätte. 
Wie exzellent Clara Schumann mit den Klangmöglichkeiten eines solchen Instrumentes umzugehen wusste, das zeigt auch ihre Bearbeitung von vier der urprünglich für Pedalflügel bestimmten Kanonischen Studien aus op. 56: "Faszinierend in seinem durch- sichtigen, aufs Genaueste austarierten Stimmenverlauf, gibt das extrem weitgriffige, durchweg hochkomplizierte Arrangement zudem Kunde von der beeindruckend großen Spannweite von Claras Hand, von der ich mir im Zwickauer Schumann-Haus anhand eines Gips- abgusses ein authentisches Bild machen konnte", begeistert sich Tobias Koch. "Nicht zuletzt handelt es sich hier um imponierende Zeugnisse aus erster Hand für Clara Schumanns innige Vertrautheit mit den kompositorischen Intentionen ihres Mannes. Gleichwohl erstaunt ihre eigene fabelhafte, alle Möglichkeiten und Klangebenen des Instrumentes ausschöpfende pianistische Vorstellungskraft."
Der Kontrapunkt prägte auch ein weiteres Projekt Schumanns aus seiner Dresdner Zeit - die Waldscenen op. 82, entstanden 1848, die darauf gründen wie ein Baum auf seinem Wurzelwerk. Koch spielt das populäre Werk ohne den üblichen "romantischen" Puderzucker - und so wird in der Tat ein Hörerlebnis mit sehr viel Waldeinsamkeit daraus.
Vor der Revolution, die Dresden 1849 erreichte, floh die Familie Schumann aufs Land. Nach der Rückkehr des Komponisten in die von den Barrikadenkämpfen gezeichnete Stadt entstanden innerhalb weniger Tage die Vier Märsche op. 76 - "aber keine alten Dessauer", so schrieb Schumann an seinen Verleger, "sondern eher republica- nische". Pauken und Salven sind zu hören, zudem erklingen das Kugelgießer-Motiv aus Webers Freischütz und die Marseillaise - doch mit dem Marschrhythmus wird es nichts; die Revolution verliert sich in der Reflexion. Und in diesem Punkt erweist sich Schumann dann doch als Romantiker.