Mittwoch, 26. Januar 2022
In Search Of (Avi-Music)
Dienstag, 14. September 2021
Bach: The Well-Tempered Clavier I (Avi-Music)
„Zum Nutzen und Gebrauch der Lehrbegierigen Musicalischen Jugend, als auch derer in diesem studio schon habil seyenden besonderem Zeitvertreib“, so vermerkte Johann Sebastian Bach 1722 auf seinem Manuskript. Inspiriert durch die Ariadne Musica von Johann Caspar Ferdinand Fischer (1662 bis 1746), der sich auf 20 Tonarten beschränkte, hatte der Musiker, weiland Hofkapellmeister in Köthen, 24 Präludien und Fugen komponiert – in jeder Tonart ein Paar, womit er zugleich zeigte, dass sich dies auf einem Tasteninstrument („Clavier“) in wohltemperierter Stimmung bestens spielen ließ.
Das Cembalo, das Luca Guglielmi für diese Aufnahme ausgewählt hat, ist ein zeitgenössisches Original aus der Werkstatt von Christian Zell (Hamburg, 1737). Es befindet sich im Museu de la Musica in Barcelona, wo auch die Aufnahme entstanden ist, und es klingt eher voll und dunkel. Der italienische Musiker, der mittlerweile als Professor an der Musikhochschule in Barcelona lehrt, spielt Bachs Musik in geradezu exemplarischer Weise; seine Anmerkungen zu den einzelnen Stücken im Beiheft sind prägnant und erhellend.
Und genau so ist auch sein Cembalo-Spiel. Virtuosität ist hier kein Selbstzweck; es gibt keinen romantischen Überschwang, keine Eitelkeit, keine leeren Passagen. Bei aller Liebe zum Detail behält Guglielmi immer den gesamten Zyklus im Blick. So wirkt die Einspielung als Einheit, ebenso wie jedes Stück für sich überzeugt. Der Interpret lockt den Zuhörer hinein in Bachs Klang-Kosmos. Man wird demütig vor dieser großen Kunst. Vom ersten bis zum letzten Ton ein Mirakel, unbedingt anhören!
Sonntag, 25. Juli 2021
Markus Becker - Solitude. Haydn Piano Works II (Avi-Music)
Zum zweiten Male hat sich Markus Becker dem Werk von Joseph Haydn zugewandt. Dieses Album zeigt uns den Musiker erneut in einer geradezu philosophischen Tiefe. Dazu hat sicherlich auch die lang andauernde Generalpause angesichts des Corona-Virus mit beigetragen: „Die Zeit ohne Konzerte in den Wochen vor der Aufnahme, der Lockdown über halb Europa, das Verschwinden des öffentlichen Lebens und der Rückzug ins Private – das hat die Sinne geschärfte für Nuancen und kleinste Farbstufen, für das Hören nach Innen.“
Für das Album hat Becker die Sonaten in c-Moll und in g-Moll, Hob. XVI:20 und 44, sowie die 12 Variationen Es-Dur Hob. XVII:3 und das Andante con variazioni Hob. XVII:6 ausgewählt, die besonders die ruhig-introvertierte Seite des Komponisten zeigen. Das freilich ist nur die Fassade, hinter der es durchaus sehr lebendig und vor allem auch farbenreich zugeht.
In seiner Abgeschiedenheit („Solitude“), fernab von Wien, hat Haydn ein ganzes Kaleidoskop von Ausdrucksmöglichkeiten gefunden. „Ganz allgemein gesagt ist Haydn für mich der Komponist der Möglichkeiten, des Konjunktivs“, erläutert Becker: „Seine Musik kann ruhig fließen und gleichzeitig dramatisch sein, komisch und ernst, vorwärtsdrängend und rückblickend. Es sind Melancholie, Humor und Ambivalenzen, die seine Musik für mich zum Lebensmodell machen.“
Diese Nähe hört man auch. Niemand sonst spielt diese Werke derart feinsinnig und luzide. Es ist faszinierend; ich freue mich schon jetzt auf eine Fortsetzung.
Dienstag, 6. Oktober 2020
Reflecting Beethoven - Herbert Schuch (Avi-Music)
„Zu viel Beethoven gibt es nicht!“, meint Herbert Schuch. Zum Beethoven-Jubiläumsjahr 2020 legt der Pianist deshalb allen Musikfreunden ein Album auf den Gabentisch, das drei Klaviersonaten des Komponisten in den Mittelpunkt stellt. Schuch hat dafür die Pathétique op. 13 sowie die Sonaten op 31 Nr. 1 und 2 – letztere bekannt unter „Der Sturm“ – ausgewählt. Diese kombiniert er mit Miniaturen, die mit Beethovens Musik korrespondieren.
So erklingen nach der Klaviersonate op. 13 – für Schuch „ganz große italienische Oper mit schwerer Einleitung, großem Drama, Streitgespräch zweier Personen beim Seitenthema, dem Mittelsatz als Belcanto-Arie und dem Finale als Abschiedsszene“ – die Pathétique Variations von Mike Garson, dem langjährigen Keyboarder David Bowies. Sie erscheinen wie eine improvisierte Reflektion des großen Vorbildes aus heutiger Perspektive – oder vielleicht sollte man besser sagen „Perspektiven“? Denn der Stilpluralismus unserer zeitgenössischen Musik erzeugt viele Facetten, die höchst unterschiedliche Klangbilder auslösen.
Coup de dés en échos von Henri Pousseur hat Schuch Beethovens Klaviersonate Nr. 16 vorangestellt. Damit setzt er einen Kontrast, denn dieses Stück ist ein modernes, von Pousseur John Cage gewidmet. Die Sturm-Sonate wiederum beantwortet Schuch mit Leander Ruprechts Sonata d-Moll (2nd Version); er macht darin aus Musik wieder Geräusch. Das ist in diesem Fall sogar witzig.
Sonntag, 28. Juni 2020
Mozart: Piano Concertos K. 413 - 415 (Avi-Music)
Schimpf hat die Klavierkonzerte KV 413, 414 und 415 dafür ausgewählt, aus der Werkgruppe der sogenannten frühen Wiener Konzerte, entstanden im Winterhalbjahr 1782/83. Er hat sich zudem dafür entschieden, auf Bläser zu verzichten, und musiziert zusammen mit 13 Streichern der Bayerischen Kammerphilharmonie, die von Konzertmeister Gabriel Adorján geleitet wird.
Diese Besetzung ist zwar klein genug, um kammermusikalisch intensives Zusammenspiel zu ermöglichen; dennoch ermöglicht sie eine orchestrale Gesamtwirkung.
Auch auf einen Dirigenten wurde verzichtet; die Musiker erarbeiteten die Interpretation im demokratischen Miteinander, berichtet der Pianist im Beiheft: „Es ist gerade dieser intensive Austausch im Moment des Spielens, der Geist einer Gemeinsamkeit im Musizieren, der die Aufnahme innerlich motiviert und beseelt hat“, schreibt Alexander Schimpf, „und ich bin jeder und jedem einzelnen der hervorragenden Musikerinnen und Musiker der Bayerischen Kammerphilharmonie für diese Erfahrung und die großartige Zusammenarbeit zutiefst dankbar.“
Musiziert wird lebhaft, bewegt, und bis ins kleinste Detail ausdifferenziert. Die Interpretation ist wunderbar ausbalanciert. Dazu trägt übrigens auch der Blüthner Konzertflügel, der hier verwendet wird, mit seinem unverwechselbaren Ton mit bei. Es ist eine hohe Kunst, Mozart so leicht, beschwingt und fein abgestimmt zu spielen. Und die Kadenzen, die Alexander Schimpf selbst aus Mozarts musikalischem Material heraus „erfunden“ hat, wie es nennt, runden diese sehr gelungene Interpretation zusätzlich ab. Bravi!
Mittwoch, 13. Februar 2019
Swan Songs (Avi-Music)
Für diese CD hat Christian Immler einige dieser Lieder ausgewählt, und dazu noch weitere Werke zusammengetragen, die jeweils am Ende eines bewegten Lebens entstanden sind. Zu hören sind die Vier ernsten Gesänge, die Johannes Brahms ein Jahr vor seinem Tod im Andenken an die verstorbene Clara Schumann geschrieben hat. Bei den Liedern von Schubert und Brahms wird der Bariton am Klavier beleitet von Christoph Berner.
Samuel Barber schrieb seine Drei Lieder op. 45 für Dietrich Fischer-Dieskau. Sie „haben mich schon seit meiner Studienzeit wegen ihrer Vielschichtigkeit, textlichen Raffinesse und melancholisch-morbiden Schönheit angesprochen“, meint Immler: „Das zweite Lied ‘A Green Lowland of Pianos’, das Barber als ‘das Lustige’ (‘a funny one’) beschrieben hat, transportiert uns elegant zu einer surrealer Kulisse in einem anderen Universum, wo eben des Abends ganz selbstverständlich ‘Herden schwarzer Klaviere den Fröschen’ lauschen!“ Entsprechend kurios ist die musikalische Gestaltung; die beiden anderen allerdings wirken ziemlich melancholisch. Pianist ist hier Danny Driver.
Leonard Bernsteins Schwanengesang Arias and Barcarolles, aus dem Jahre 1988, ist voll Energie und Lebensfreude. Immler singt gemeinsam mit Mezzo-Sopranistin Anna Stéphany und begleitet von dem Klavierduo Danny Driver und Silvia Fraser diese abwechslungsreichen Miniaturen, ja, fast Miniatur-Opern. Das ist zunächst großes Drama, ganz wie am Broadway – doch dann klingt alles ruhig und innig aus. Ein sehr persönlicher Beitrag zum Bernstein-Jubiläum; voll Ehrfurcht erinnert sich Immler übrigens noch heute daran, wie er als 14jähriger Solist des Tölzer Knabenchores in Salzburg Bernstein das Solo aus Mahlers 4. Sinfonie vorsingen durfte.
Donnerstag, 3. Januar 2019
Schubert: Wanderer (Avi-Music)
Dass sie sich dabei auf Lieder von Franz Schubert (1797 bis 1828) beschränken, hat seinen Grund: „Allein schon von der Menge der komponierten Lieder steht Schubert da wie ein Monolith“, sagt Daniel Heide in einem Interview, das man im Beiheft nachlesen kann. „Der Liedbegleiter hat in Schuberts Liedern einen ungeheuren Schatz vor sich! Allein die Winterreise: 75 Minuten attraktivste ,Klaviermusik', quasi am Stück! Das Studium aller dieser Zyklen und Einzellieder füllt viele Jahre beglückendster Studien, Übestunden und Liederabende in der ganzen Welt.“
Auch hat kein anderer Komponist derart viele Lieder geschrieben, in denen es um den Wanderer und das Wandern geht. Nicht mit der Postkutsche, sondern auf Schusters Rappen wird beispielsweise die berühmte Winterreise absolviert. Und auch der Müllerbursche befindet sich auf der Wanderschaft, als er verhängnisvollerweise jener schönen Müllerin begegnet.
Die großen Liederzyklen aber sind nicht Gegenstand dieser Einspielung. „Wir sind diesmal vom Begriff des ,Wanderns' ausgegangen, beziehungs- weise von einer ,Reise', einem ,Weg', und haben dann alle möglichen Varianten davon gesucht“, erläutert Andrè Schuen. „Die drei großen Schwerpunkte, die sich dabei ergeben haben, sind zum einen das romantische ,Wandern' an sich, das bei Schubert ja eine sehr wichtige Rolle spielt, z.B. Der Wanderer (Schlegel), zum zweiten der Weg zur Geliebten wie z.B. in Auf der Bruck oder Willkommen und Abschied, und drittens dann noch die Reise ins Jenseits, in den Tod wie in Totengräbers Heimweh oder Im Abendrot. Durch diese drei Schwerpunkte spiegelt sich meiner Meinung nach eine gewisse Zwiespältigkeit im Programm, die bei Schubert allgegenwärtig ist.“
Daher stehen Der Schiffer und An den Mond neben Fahrt zum Hades, und neben einigen wenigen bekannten Liedern sind es vor allem die weniger präsenten, die Schuen und Heide ausgewählt haben. So nehmen Sänger und Pianist den Zuhörer mit auf eine sehr poetische Reise, die eben auch Entdeckungen mit sich bringt. Schuen ist ein versierter Liedersänger, dem man mit Vergnügen lauscht. Und Daniel Heide erweist sich als ein Lied- begleiter von Format. Mit welcher Prägnanz er seinen Klavierpart gestal- tet, wie er dem Sänger ein Dialogpartner ist, das ist sehr beeindruckend.
Sonntag, 25. November 2018
Michael & Joseph Haydn: Horn Concertos (Avi-Music)
Haydn, obzwar musikalischen Scherzen ebenfalls nicht abgeneigt, hat für Leutgeb in diesem Falle ganz ernsthaft anspruchsvolle Musik zu Papier gebracht. In diesem Hornkonzert kann der Solist glänzen, und seine Brillanz unter Beweis stellen. Přemysl Vojta, Solohornist des WDR Sinfonieorchesters Köln, musiziert auf dieser CD gemeinsam mit dem Haydn Ensemble Prag unter Leitung von Martin Petrák. Besonders gelungen: Das Concertino per il Corno e Trombone aus der Serenata in D-Dur von Michael Haydn, das Vojta gemeinsam mit Fabrice Millischer spielt. Es gibt nicht viele Stücke, in denen Altposaune und Horn miteinander konzertieren. Die beiden Solisten harmonieren aufs Beste miteinander, und man staunt, wie sehr sich die Instrumente auch klanglich einander anpassen.
Mittwoch, 5. September 2018
Viola Galante (Avi-Music)
„Wir wünschen Ihnen viel Freude beim Hören dieser größtenteils vergessenen Sonaten“, heißt es im Beiheft. „Ihre Ohren sind vermutlich die ersten, die ihnen seit über 250 Jahren Gehör schenken.“
Die einzige Sonate auf dieser CD, die nicht für die Viola, sondern für die Viola da gamba entstanden ist, stammt von Carl Philipp Emanuel Bach – allerdings hat der Komponist die „Bratschen-Version“ eigenhändig autorisiert. Sie unterscheidet sich vom Original ohnehin nur durch Oktavierungen von Tönen, die für die Bratsche zu tief liegen, in zwei Takten.
Die frühesten publizierten Kompositionen für Bratsche in England stammen von William Flackton (1709 bis 1798), im Hauptberuf Buchhändler. Er hatte festgestellt, dass für die Bratsche Literatur fehlt – und gleich selbst vier Sonaten geschrieben. Eine davon ist auf dieser CD zu hören.
Die vier nachfolgenden Werke erklingen in Weltersteinspielungen. Die erste dieser Sonaten stammt von Giorgio Antoniotto (vermutlich 1692 bis 1776). Er stammte aus Mailand, und könnte sich einige Jahre in den Niederlanden und in London aufgehalten haben. Überliefert sind von ihm vor allem Werke für das Violoncello; in der Library of Congresss in Washington fanden sich aber auch Manuskripte von zwei Bratschen- sonaten. Eine davon wird von Julia Sachse und Andreas Hecker vorgestellt; sie erscheint insbesondere aufgrund ihrer mitunter kühnen Harmonik reizvoll.
Franz Benda (1709 bis 1786) wirkte als Geiger am Hofe Friedrich des Großen; ab 1771 war er Konzertmeister des musikliebenden Königs. Er komponierte fast ausschließlich für die Violine – allerdings hat er auch zwei Bratschensonaten geschrieben. Abschriften befinden sich im Notenarchiv der Sing-Akademie zu Berlin. Sie sind auf dieser CD beide zu hören.
Last but not least erklingt ein Trio von Christlieb Siegmund Binder (1723 bis 1789). Dieser Musiker war Cembalist und Komponist am Dresdner Hof. Nach 1764 wirkte er dort als Organist an der katholischen Hofkirche. Seine Werke bieten insbesondere dem Cembalisten einen attraktiven Part – das Tasteninstrument ist hier nicht Begleiter, sondern ebenfalls Solist, und setzt im Wechselspiel mit der Bratsche durchaus eigene Akzente.
Julia Sachse und Andreas Hecker musizieren souverän und mit enormer Spielfreude; es ist ein Vergnügen, ihnen zuzuhören. Für diese Einspielung haben die beiden Musiker bewusst historische Instrumente und eine historische Stimmung verwendet: Die Viola hat Giovanni Paolo Maggini 1610 in Brescia angefertigt; Sachse spielt sie hier mit Darmsaiten und mit einem Bogen nach spätbarocken Vorbildern aus der Werkstatt von Thomas Gerbeth. Andreas Hecker spielt ein Cembalo nach einem Instrument von Michael Mietke, gebaut von Bruce Kennedy 2000 in Amsterdam. Gestimmt wurde auf 415 Hz und nach Neidhardt („für eine große Stadt“). Dies bringt tatsächlich eine recht deutlich wahrnehmbare Tonartencharakteristik und damit zusätzliche Farbe in ein ohnehin ziemlich abwechslungsreiches Programm. Wer den sonoren Klang der Bratsche liebt, der sollte diese CD unbedingt anhören – vom ersten bis zum letzten Ton gelungen!
Sonntag, 1. April 2018
Duo Gurfinkel Concertante (Avi-Music)
Auf dieser CD präsentieren Daniel und Alexander Gurfinkel Virtuosenmusik für Klarinettenduo und Sinfonieorchester; begleitet werden sie vom Philharmonischen Orchester des Staatstheaters Cottbus unter Leitung seines experimentier- freudigen GMD Evan Alexis Christ. Zu hören sind Introduction et Rondo capricciosa a-Moll op. 28 von Camille Saint-Saëns, das Duo Concertant op. 33 von Carl Baermann, das Divertimento Il Convegno op. 76 von Amilcare Ponchielli, die Carmen-Fantasie von Georges Bizet, eine Suite aus Romeo und Julia von Sergej Prokofjew, und eine Fantasie über das Thema aus Rhapsodie in Blue von George Gershwin, durchweg in ansprechenden Arrangements. Etliche davon hat Eugene Levitas geschrieben.
Den beiden Solisten geben diese Bearbeitungen Gelegenheit, sowohl Brillanz als auch Musikalität zu beweisen. Ihr Zusammenspiel ist exquisit, und Sinn für Humor haben sie offensichtlich auch. So ist diese CD vom ersten bis zum letzten Ton ein Genuss – mir hat diese Einspielung großes Vergnügen bereitet.
Freitag, 16. März 2018
Karlrobert Kreiten - Historical Recordings (Avi-Music)
Der junge Musiker hatte unter dem Eindruck von Stalingrad in einem privaten Gespräch Hitler als einen Wahnsinnigen bezeichnet, dessen Bild man besser von der Wand abnehmen sollte. Der Krieg, so Kreiten, sei praktisch schon verloren – und er werde zum vollständigen Untergang Deutschlands und seiner Kultur führen.
Eine Freundin seiner Mutter zeigte Kreiten an. Er wurde wenig später von der Gestapo verhaftet und wegen Wehrkraftzersetzung und Feindbegünsti- gung zum Tode verurteilt. Nicht einmal durch Gnadengesuche und durch Interventionen berühmter Kollegen, wie Wilhelm Furtwängler, ist es gelungen, ihn zu retten.
Bei der Vorbereitung auf ein Gedenkkonzert zum hundertsten Geburtstag von Karlrobert Kreiten im Jahre 2016 fand Tobias Koch einige bislang unbekannte Tonaufnahmen des Pianisten. Auch wenn der technische Zustand der meisten dieser Aufzeichnungen offenbar unglaublich schlecht war, ist es Karsten Lehl, der Restauration und Mastering übernommen hat, doch gelungen, Erstaunliches wieder hörbar zu machen.
Es sind private Aufnahmen, und Tobias Koch räumt ein, dass Kreiten selbst mit dieser Veröffentlichung kaum einverstanden gewesen wäre. „Wir haben uns dennoch dazu entschieden, denn hinter dem aufnahmetechnischen Schleier der behutsam restaurierten Aufnahmen verbirgt sich eine hochsensible jugendliche Meisterschaft, die in ihrer ebenso strukturbewussten wie schwerelosen Gestaltungskraft damals wie heute zugleich überrascht wie überwältigt“, schreibt Koch. Mein ganz persönlicher Favorit auf dieser CD ist Othmar Schoecks Toccata op. 29 Nr. 2 – ganz große Klavierkunst, noch heute atemberaubend.
Es erklingt sogar die Stimme Karlrobert Kreitens, in unverkennbar rheinischem Tonfall. Der Pianist kam in Bonn zur Welt; aufgewachsen ist er in Düsseldorf, wo er als Zehnjähriger in der Tonhalle debütierte. Bekannt wurde Karlrobert Kreiten, als er 1933 beim Internationalen Klavierwettbewerb in Wien als einer der jüngsten Teilnehmer mit einer silbernen Ehrenplakette ausgezeichnet wurde. Kurz darauf gewann er in Berlin den Mendelssohn-Preis.
Der junge Pianist studierte in Köln und in Wien, und lernte dann von 1937 bis 1940 in der Berliner Meisterklasse von Claudio Arrau. Er gab zahl- reiche Konzerte; so musizierte er zweimal mit den Berliner Philharmoni- kern. „Karlrobert Kreiten war eines der größten Klaviertalente, die mir persönlich je begegnet sind“, urteilte sein Lehrer noch viele Jahre später. „Er hatte eine erstaunliche Leichtigkeit, es gab keine Schwierigkeiten für ihn; was er machte, hatte immer einen musikalischen Sinn. Er war immer ein Künstler, nicht ein Virtuose.“
Montag, 8. Januar 2018
Go East! (Avi-Music)
So entstand die Idee, diese Walzer für eine CD einzuspielen – Brahms und Hindemith sorgsam miteinander verflochten; so kann man beim Zuhören den Ähnlichkeiten nachsinnen. „Wir haben lange experimentiert, bis wir mit der Reihenfolge zufrieden waren“, erläutert Gülru Ensari. „Wir wollten auch den reizvollen Kontrast ausspielen, den es zwischen der ungebrochenen Natürlichkeit des Walzers bei Brahms und dessen ironischer Verwandlung bei bei Hindemith gibt. Das sieht man ganz deutlich im Notenbild. Da steht dann ,viel langsamer spielen' oder ,großes Ritardando'.“
Ergänzt haben die beiden Pianisten ihr Programm durch zwei türkische Tänze, die Özkan Manav eigens für sie komponiert hat, und durch Le Sacre du printemps in der Fassung für Klavier zu vier Händen von Igor Strawinsky.
Somit zieht sich die Blickrichtung nach Osten wie ein Roter Faden durch das Programm: Brahms und Hindemith ließen sich bei ihren Walzern von ungarischen Volksweisen inspirieren. Die beiden Stücke von Özkan Manav beruhen ebenfalls auf Volksliedern. Und Strawinsky, der in Paris lebte, verwendete für seine Ballettmusik Melodien aus seiner russischen Heimat.
Ensari und Schuch spielen dieses Werk tatsächlich vierhändig, auf einem Klavier – auch wenn Klavierduos üblicherweise zwei Instrumente verwenden. „Ich mag aber diese Nähe auf 88 tasten, wir spüren sofort jede rhythmische Verzögerung des anderen und können uns darauf einstellen“, erläutert die Pianistin. „Und es ist unglaublich, sich vorzustellen, dass vor über 100 Jahren Strawinsky und Debussy in einem Privatkonzert auch an einem Flügel dieses Stück zum ersten Mal aufgeführt haben.“
Gülru Ensari und Herbert Schuch haben die ursprüngliche Version allerdings noch kräftig aufgepeppt – so haben sie an etlichen Stellen zusätzliche Orchesterstimmen integriert, und sie spielen auch Stichnoten mit. Außerdem haben sie mit Tamburin und Guiro nachgeholfen, „weil es überlagernde rhythmische Strukturen mit sehr besonderen Klangfarben gibt, die auf dem Klavier so gar nicht darstellbar sind“, so Schuch.
Das Ergebnis ist dann wirklich ein Kracher. So radikal, so rhythmus- betont-archaisch und zugleich so detailreich habe ich Le Sacre du printemps auf dem Klavier noch nicht gehört. Die beiden Pianisten musizieren, als ob sie außer den Noten auch noch gegenseitig ihre Gedanken lesen könnten – genial! und wirklich große Klavierkunst.
Montag, 31. Juli 2017
Fuga Magna - Armida Quartett (Avi-Music)
Das Armida Quartett startet diese Einspielung mit den beiden frühesten gedruckten deutschen Werken für Instrumental-Ensemble aus dem Jahr 1602 – zwei Fugen von Valentin Haussmann (um 1560 bis 1614). Nächste Station ist eine Sonate a quattro aus der Feder von Alessandro Scarlatti (1660 bis 1725) – die der Komponist ausdrücklich senza Cembalo auf- geführt wissen wollte, weshalb sie mitunter als eines der ersten Streich- quartette angesehen wird.
Natürlich ist auch der letzte, unvollendet gebliebene Zyklus von Johann Sebastian Bach (1685 bis 1750) vertreten – Die Kunst der Fuge, „das Summum Opus einer 500-jährigen Tradition, wie auch seiner eigenen Lebensleistung“, so Goebel. Noch die Generation nach Bach schätzte Fugen; zu hören ist dies am Beispiel einer Quartett-Sonate des Bach-Schülers Johann Gottlieb Goldberg (1727 bis 1756) – hier komplettiert Cembalist Raphael Alpermann die Besetzung. Goebel nennt dieses Werk „ein Musterbeispiel der ungebrochenen Lebenskraft der spätbarocken Fugen-Kunst kurz vor ihrer Entzauberung: ein Feuerwerk des Geistes und der Finger, ein Akademie-Stück, das Kenner nach dem Hören analytisch sezierten und diskutierten, um den sinnlichen Genuß durch geistige Erkenntnis zu überhöhen.“
Mit Adagio und Fuge c-Moll KV 546 von Wolfgang Amadeus Mozart (1756 bis 1791) naht auch schon das Finale. Denn schon wenige Jahre später hat die Fuge ihre Magie eingebüßt: „Aber den Sinn des fugirten Finale wagt Ref. nicht zu deuten: für ihn war es unverständlich, wie Chinesisch“, das schreibt der Rezensent der Allgemeinen musikalischen Zeitung im Jahre 1826 über die Große Fuge op. 133, ursprünglich das Finale des Streich- quartettes B-Dur op. 130 von Ludwig van Beethoven (1770 bis 1827). Wie der Autor sie in Grund und Boden verreißt, das ist durchaus unterhaltsam zu lesen – doch uns beweist es, dass er mit dem wuchtigem Opus so gar nichts mehr anzufangen wusste. Selbst Musikkritiker Eduard Hanslick sah in der Großen Fuge Beethovens „ein merkwürdiges Document seiner gewaltigen, aber bereits seltsam kranken Phantasie“.
Der Rezensent der Allgemeinen musikalischen Zeitung vermutet: „Vielleicht wäre so manches nicht hingeschrieben worden, könnte der Meister seine eigenen Schöpfungen auch hören. Doch wollen wir damit nicht voreilig absprechen: vielleicht kommt noch die Zeit, wo das, was uns beym ersten Blicke trüb und verworren erschien, klar und in wohlgefälligen Formen erkannt wird.“ Das Armida Quartett jedenfalls, gegründet 2006 in Berlin, mittlerweile mit diversen hochkarätigen Musikpreisen ausgezeichnet, weiß mit den „ungeheuren Schwierigkeiten“ bestens umzugehen, und die „babylonische Verwirrung“ in eine Ordnung zu bringen.
Dieses Album überzeugt vom ersten bis zum letzten Ton sowohl durch das erlesene Konzept als auch durch das phantastische Zusammenspiel der beteiligten Musiker. Martin Funda und Johanna Staemmler, Violine, Teresa Schwamm, Viola, und Peter-Philipp Staemmler, Violoncello, musizieren wirklich hinreißend. Diese CD ist ein ganz großer Wurf, ohne Zweifel, und hat jede Aufmerksamkeit verdient. Unbedingt anhören!
Sonntag, 19. Februar 2017
Haydn: Piano Sonatas; Becker (Avi-Music)
Und auch wenn das Notenbild auf den ersten Blick wenig geheimnisvoll ausschaut, mahnt Markus Becker, seien diese Sonaten doch keineswegs einfach zu spielen. Haydns Sonaten, bedauert der Professor, „wurden reduziert auf die Funktion als geistreicher Unterrichtsstoff. Dabei wurde völlig überhört, wie differenziert und nuancenreich Haydn zu Werke geht.“
Becker hat die Sonaten deshalb mit großer Sorgfalt gearbeitet. Das lohnt sich: Wenn man diese CD anhört, wird man Haydn neu entdecken – humorvoll, ideenreich, einen Komponisten, der ebenso durch exquisite Melodien begeistert wie durch unerwartete Wendungen und musikalische Überraschungen. „Vielleicht ist Haydn mehr noch als die großen Kollegen auf gute Interpreten angewiesen: ohne Klangfantasie, Gespür für musika- lische Rhetorik und Phrasenbildung ist diese Musik nicht zu gestalten“, meint der Pianist. „Vor allem die Fähigkeit, das Klangbild von einem Mo- ment auf den anderen zu verändern, das Stimmverhältnis neu zu balancie- ren, wird vom Haydn-Spieler verlangt.“ Markus Becker demonstriert am klingenden Beispiel, wie er sich das vorstellt, und man möchte diesen frischen, so gar nicht musealen Haydn immer wieder hören - und, bitte, bald mehr davon!
Donnerstag, 1. Dezember 2016
...for children - Lars Vogt (Avi-Music)
Das ist keineswegs selbstverständlich. Kinderleichte Stücke stellen erwachsene Pianisten erstaunlich oft vor Probleme. Sie wollen zuviel, sie über-interpretieren, und das Ergebnis ist dann zuviel Kunst; um im Kalauer zu bleiben: Wulst oder sogar Schwulst statt Poesie.
„Ich habe immer Spaß an Stücken gehabt, die mit wenigen Noten viel sagen, und nicht an denen, die mit vielen Noten wenig sagen“, meint Lars Vogt in einem Interview, das im Beiheft zu dieser CD nachzulesen ist. „Die richtig virtuose Literatur spricht mich oft nicht so an, es sei denn, sie ist so genial wie die h-Moll-Sonate von Liszt. Mich reizt das Sportive am Klavierspiel relativ wenig, dafür sehr das inhaltlich Erfüllte und das, was die Seele bewegt. Auch aus dem Aspekt ist es interessant, mal in die totale technische Simplifizierung zu gehen: Stücke, die auch Kinder spielen können.“
Das freilich bedeutet nicht, dass man diese Stücke nachlässig spielen könnte; gerade weil die Strukturen scheinbar so simpel sind, wollen sie durchdacht und technisch blitzsauber gestaltet sein. „Es ist beglückend, diese Stücke unter den Fingern zu haben, und sie haben es verdient, richtig schön eingespielt zu werden, mit aller Ernsthaftigkeit und Zuwendung, wie jedes andere Repertoire auch“, sagt der Pianist. Die Liebe zum Detail und die Sorgfalt, mit der Vogt diese Kinderstücke vorträgt, beglücken auch den Zuhörer. Man kann es schwer in Worte fassen, aber diese Aufnahme hat eine einzigartige Aura – unbedingt anhören, es lohnt sich!
Donnerstag, 24. November 2016
Bach: The Well-Tempered Clavier I & II (Avi-Music)
Dina Ugorskaja hat sich für das „WTK“ viel Zeit genommmen. Die Auf- nahmen von Band I entstanden im April und Mai 2015, Band II hat die Pianistin im Oktober und November 2015 eingespielt, im Studio 2 des Bayerischen Rundfunks. Und man muss sagen, nicht nur die Pianistin, sondern auch das Team um Tonmeister Jörg Moser hat dabei Großes geleistet. Technisch und klanglich ist die Aufnahme brillant – musikalisch ist sie ein ganz großer Wurf.
Dabei gehört das Wohltemperierte Klavier nicht zum täglichen Arbeits- programm von Dina Ugorskaja: „Die Kontinuität hat sich erst in dem Jahr eingestellt, als ich die Aufnahme vorbereitet habe. Jeden Morgen beim Aufwachen dachte ich, dass mir heute wieder ein ganzer Tag Bach beschert sein wird – in der immer gleichen Form, die nur scheinbar gleich ist, in Gestalt von Präludium und Fuge – und dass ich mich dieser Tätigkeit ganz und ausschließlich widmen darf“, berichtet die Pianistin. „Es war eine Arbeit, die mich sehr geerdet und strukturiert hat und zugleich den Blick gen Himmel lenkte. Der Begriff der Unendlichkeit ist mir nie zuvor so evident gewesen wie während der Beschäftigung mit dem WTK. Die Intensität trug mich – das war etwas anderes, als ein Morgen- gebet zu verrichten und danach zur Tagesordnung überzugehen.“
Diese Intensität prägt auch die Aufnahmen. Ugorskaja kennt die Theorien und die Praxis der historischen Aufführungspraxis, aber sie lässt all das hinter sich: „Wenn ich ein Werk einstudiere, bin ich mit den Noten allein. Ich mache viel ohne Instrument; analysiere, finde ein Gerüst, die Struk- tur. Erst erklingt das Stück im Kopf, bevor ich mich dann am Klavier herantaste.“ Die Interpretation, zu der sie schließlich findet, ist ihre ganz persönliche – und sie überzeugt, weil sie nicht nur subjektiv, sondern auch überaus solide gearbeitet und letzten Endes in sich stimmig ist. „Was uns berührt und unsere Liebe zu dieser Musik weckt, ist ja nicht die Form allein, die Riesenpalette polyphoner Kunststücke, sondern die Tief- gründigkeit und Vielschichtigkeit des musikalischen Ausdrucks“, erklärt Dina Ugorskaja. „Beide Aspekte – die strenge logische Form und die musikalische Botschaft – sind in den Präludien und Fugen auf das Innigste miteinander verschmolzen. Jedes Stück hat seine Geschichte, seine Dramaturgie.“ Und genau das macht die Pianistin hörbar – man möchte diese Musik wieder und wieder starten, um kein Detail zu verpassen. Für mich ganz klar eine der besten Bach-Einspielungen des Jahres.
Montag, 11. Juli 2016
Schubert: Four Impromptus - Sonata in G (Avi-Music)
Die Pianistin hat die Impromptus D 899 und die Sonate für Klavier G-Dur D 894 von Franz Schubert (1797 bis 1828) auf einem Steinway D einge- spielt – dem Standard-Konzertflügel. Sie musiziert aber so farbenreich und so differenziert, dass man mitunter meint, ein Fortepiano zu hören.
„Seien es die hörbaren Registerwechsel, die Klarheit der Bassregion, die bisweilen zu einer unerhört grollenden und präsenten Lesart führen muss, der seelenvolle Klang, die präzise und minutiöse Setzung der Artikulationszeichen, die klaren Bezeichnungen der Dynamik und nicht zuletzt das relativ schnelle Verklingen des einzelnen Tones“, schildert Arnold Details ihres Spiels, die sie aus der Beschäftigung mit dem Hammerflügel herleitet. „Diese Erfahrungen ziehen auch Konsequenzen der Pedalisierung, des Timings oder der Tempowahl nach sich.“
Die Pianistin liest tiefgreifende existenzielle Konflikte aus dem Notentext heraus, die sie im Beiheft sehr gelungen erläutert. „Gerade in der Subjek- tivität liegt das Herz dieser Musik“, betont Sheila Arnold. Die Form ist nur noch Hülle: „Das Assoziative, das Fragmentarische, die innere Zerrissen- heit, die Aufhebung der Grenzen zwischen Realität und Scheinwelt, zwischen Leben und Tod, das Erleben der Natur als Projektion des Innenlebens“, beschreibt die Musikerin, was die Werke Schuberts kenn- zeichnet: „Keine Affektenlehre mehr, sondern Psychogramm.“ Daran orientiert sich auch ihr Klavierspiel. Es singt, und es poltert, es murmelt und grollt, mal überirdisch schwebend, mal irdisch zornig. Sehr hörens- wert!
Dienstag, 10. Mai 2016
Schumann, Hiller: Piano Quintets (Avi-Music)
Das Klavierquintett Es-Dur op. 44 von Robert Schumann, komponiert 1842, zählt Tobias Koch zu den „Kronjuwelen“ dieser Gattung. Clara Schumann, der das Werk gewidmet ist, lobte einst dessen „Kraft und Frische“. Es erklingt hier neben dem Klavierquintett G-Dur op. 156 von Ferdinand Hiller aus dem Jahre 1873 – einem Werk, das Tobias Koch „eher an einem sicheren Platz im Tresor der Schatzkammer“ sieht.
Über den Lebensweg von Ferdinand Hiller (1811 bis 1885) wurde in diesem Blog bereits berichtet; seine Ausbildung erhielt er zu einem großen Teil in Weimar bei Johann Nepomuk Hummel. Hiller schuf mehr als 200 Kompositionen, darunter Bühnenwerke, Liederalben, etliche Konzerte und vier Sinfonien. Als Komponist und Pianist war Hiller berühmt, doch als Kapellmeister und Organisator der großen Niederrheinischen Musikfeste in Düsseldorf und Köln wurde er geliebt und gefeiert. Nach seinem Tode war er allerdings dann auch schnell vergessen, zumal seine Musik, in eher klassischer Tradition, schon vor der Jahrhundertwende antiquiert gewirkt haben muss.
Hört man allerdings sein Klavierquintett, so wird man sich darüber wun- dern, dass Hillers Werke so gänzlich aus dem Konzertleben verschwunden bleiben. Denn der Klavierpart ist brillant, und das Quintett erscheint trotz seines enormen Umfanges kurzweilig und elegant. Insofern möchte man von einer wirklichen Entdeckung reden, die Tobias Koch und dem Pleyel Quartett Köln gelungen ist. Neben Hillers effektvollem Werk wirkt Schumanns Klavierquintett, das als Perle der Gattung gilt, erstaunlich blass und vom Klavier dominiert.
Freitag, 8. Januar 2016
Brahms: Violin Concerto; Weithaas (Avi-Music)
Eigentlich ist es gebräuchlich, große Werke mit einer umfangreichen Besetzung für kleinere Ensembles oder aber Klavier zu bearbeiten. Damit konnte man sie im häuslichen Umfeld studieren und aufführen, was durchaus auch in den Salons des Adels und des Großbürgertums üblich war. Denn wer hat schon ausreichend Platz für ein komplettes Orchester? Ein Mozart-Klavierkonzert mit Streichquartett, Beethovens Eroica für Klavierquartett, oder die komplette Pastorale für Streichsextett – das kann, wenn gekonnt gemacht, wirklich spannend sein.
Warum aber bringt man ein Streichquartett oder aber eine Violinsonate auf Orchesterformat? Weithaas meint, dass beide Werke Beethovens „sehr symphonisch gedacht“ seien. Die Geigerin sieht in der klanglichen Ver- breiterung einen Schlüssel zum besseren Verständnis des Werkes. Nicht nur Farben und Klänge ändern sich; das Streichquartett beispielsweise kommt mit sehr viel mehr Wucht und Energie daher.
Auf einer zweiten CD treibt Weithaas dieses Experiment noch weiter: Sie spielt das Brahms-Violinkonzert mit einer eher kleinen Orchesterbe- setzung, kammermusikalisch und ohne Dirigenten, und Brahms' Streich- quintett op. 111, ebenfalls mit einem Streichorchester. Beteiligt sind erneut Musiker der Camerata Bern. „Mit einem anderen Ensemble wäre ich das Abenteuer wahrscheinlich nicht eingegangen“, berichtet die Geigerin. „Das Entscheidende ist, dass jeder einzelne Musiker in einer kammer- musikalischen Idee mit der nötigen symphonischen Energie dabei sein und Verantwortung übernehmen muss.“
Das Ergebnis klingt erstaunlich kraftvoll und wuchtig. Das Brahmskonzert sei „ein durchgearbeitetes Stück“, erläutert Weithaas im Beiheft: „Hier haben wir das, was wir von Beethoven eigentlich erwartet hätten: die vollständige, tiefgründige, dichte Durcharbeitung der Motive, die äußerst konsequente Polyphonie. Und das ist wichtig, herausgestellt zu werden, neben der ganzen Schönheit und Melodienseligkeit, die es auch in diesem Werk gibt.“ Weithaas betrachtet das Konzert als „Orchesterwerk mit obligater Solovioline“ – und so spielt sie es auch: Mit Hingabe, aber gänzlich uneitel und zupackend.
Freitag, 1. Januar 2016
Cristal - Cuarteto Soltango (Avi-Music)
Die Arrangements stammen von Martin Klett. Die Spannung zwischen Kantilene und Rhythmus macht diese Musik ausgesprochen interessant. „Da wir ja nur vier Leute sind“ – Tango-Standardbesetzung sind vier Geigen, vier Bandoneons, Klavier, Kontrabass und Sänger – „suchen wir immer einen orchestralen und vollen Klang, wodurch hohe Anforde- rungen an die einzelnen Spieler entstehen: Teilweise spielen die beiden Streicher vierstimmige Streichersätze, also jeweils lange Passagen nur Doppelgriffe, Rocco spielt die Stimmen von vier Bandoneons auf einem einzigen Instrument und das Klavier ergänzt alle weiteren Stimmen.“ Dennoch bleibt der kammermusikalische Ansatz erhalten, und die Musik, die das Cuarteto Soltango spielt, klingt hinreißend gut. Die vier Musiker konnten sich bereits über den verdienten Erfolg freuen: Schon kurz nach seiner Gründung 2008 wurde das Quartett zum Schleswig-Holstein Musikfestival und zum Oberstdorfer Musiksommer eingeladen. Zu hören sind die Musiker mittlerweile ebenso auf bedeutenden klassischen Konzertpodien wie bei Festivals und Tango-Shows.


















