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Dienstag, 14. Mai 2019

Goldberg - Beyond the Variations (Bridge)

Was hätte dieser Musiker erreichen können, wenn er länger gelebt hätte! Auf dieser CD präsentiert das New Yorker Ensemble Rebel fünf Sonaten für Streicher und Continuo von Johann Gottlieb Goldberg (1727 bis 1756). Die Biographie des Bach-Schülers, der aus Danzig stammte und zunächst bei Hermann Karl Keyserlingk, später dann in der Kapelle des Grafen Brühl angestellt war, ist in diesem Blog an anderer Stelle nachzulesen. 
Die Aufnahme lädt ein auf eine Reise zu den Ursprüngen des Streich- quartettes – Goldberg fand dafür eine clevere, aber dennoch zutiefst barocke Lösung: Er ergänzte die beiden Violinen der damals üblichen Triosonatenbesetzung durch eine Viola, und dem Bass gab er in dem Stimmengeflecht, dass sich strikt am Kontrapunkt orientiert, eine gleichberechtigte statt eine begleitende Funktion. 
Seine Musik aber klingt nicht etwa verzopft-rückwärtsgewandt; Goldberg bietet bei Melodik, Rhythmik und Harmonik so manche Überraschung. Es ist wirklich zu schade, dass so wenig Werke von ihm überliefert sind. Mit dieser beeindruckenden Einspielung machen Jörg-Michael Schwarz und Karen Marie Marmer, Violine, Risa Browder, Viola, John Moran, Violon- cello, und Dongsok Shin, Cembalo, deutlich, welch großartiger Komponist Goldberg war. 

Freitag, 15. April 2011

The Complete Haydn Masses (Naxos)

Haydn wurde schon am Hofe Ester- házy "Papa Haydn" genannt. Dieser Spitzname war zunächst eher eine Art Ehrentitel; auch die Wiener riefen Haydn so heraus, um ihn zu feiern. Doch dann wurde der Kom- ponist Gegenstand der Musikge- schichtsschreibung. Musikhistori- ker würdigten ihn als Vater des Streichquartettes, Vater der Sinfo- nie und als Vater der klassischen Sonate - und allmählich bekam der einstige Ehrentitel einen eher ne- gativen Beiklang. 
Denn im Laufe der Jahrhunderte änderten sich Rollenmuster: Ein Vater, das war einmal eine strenge Figur, die strikt auf der Einhaltung von Regeln beharrte. Als dann die Regeln niemanden mehr interes- sierten, wurde zwangsläufig auch der Vater zur Witzfigur - ein Kon- zept aus der Vergangenheit, verstaubt und überflüssig. 
Haydn hätte darüber vermutlich den Kopf geschüttelt, und sich wieder seiner Musik zugewandt - freundlich, aufmerksam und fleißig. Der Komponist war ein frommer Katholik; es ist überliefert, dass er gerne zum Rosenkranz griff, wenn seine Arbeit stockte. Seine erste Messe schrieb er bereits als Chorbube am Wiener Stephansdom. Seine Brötchengeber legten später mehr Wert auf weltliche Klänge, also lieferte er vorwiegend Instrumentalwerke und Opern. Als die Familie Esterházy in den 1790er Jahren alljährlich eine Messe bestellte, schuf er Werke, die beim Kirchenvolk allerdings einige Entrüstung hervor- riefen - sie waren den Leuten zu fröhlich, zu lebhaft und zu wenig erbaulich. 
Der berühmte New Yorker Trinity Choir hat nun gemeinsam mit dem Rebel Baroque Orchestra unter J. Owen Burdick und Jane Glover für Naxos erstmals die zwölf vollständig erhaltenen Messen plus Stabat Mater eingespielt. Die Aufnahmen sind in den Jahren 2001 bis 2008 entstanden; es ist nachzuvollziehen, dass sich ein Ensemble über einen derart langen Zeitraum entwickelt und verändert. Insofern ist auch die musikalische Qualität der einzelnen Aufnahmen unterschied- lich. Insgesamt ist aber festzustellen, dass die Interpretationen flott, spannungsreich und energisch klingen. So munter und staubfrei ist Haydn selten zu hören. 

Freitag, 25. März 2011

Haydn: Missa brevis, Harmoniemesse (Naxos)

"Ich glaubte damals, dass es gut wäre, wenn nur das Papier recht voll würde", schildert Haydn seine ersten Kompositionsversuche. "Reutter lachte über meine unrei- fen Versuche, über Takte, die keine Kehle und kein Instrument hätten ausführen können, und er schalt mich dafür, dass ich in sechzehn Stimmen komponierte, bevor ich noch eine zweistimmige Verto- nung zustanden brachte."  Mit einem Schmunzeln erinnerte sich der Komponist später an seine ersten Versuche, zu Papier gebracht während seiner Zeit als Chor- knabe am Wiener Stephansdom unter Georg Reutter. 1749 schuf er seine erste Messe, die Missa brevis in F-Dur (Hob.XXII:1). 
Als Haydn in den Stimmbruch kam, musste er Chor und Schule ver- lassen; durch Zufall - er wohnte in demselben Haus wie Metastasio - lernte er Nicola Porpora kennen, der nicht nur ein erfolgreicher Komponist, sondern auch ein begnadeter Musikpädagoge gewesen sein muss. Dieser machte den Jungen, der wohl zeitweise sein Kammerdiener war, mit dem italienischen Stil vertraut. 
1761 erhielt Haydn dann eine Anstellung als Gehilfe des alternden Kapellmeisters Gregor Joseph Werner am Hofe des Fürsten von Esterházy. Im Dienste dieser Familie verbrachte er den größten Teil seines Lebens. Zu seinen dienstlichen Verpflichtungen gehörte es, alljährlich zum Namenstag der Fürstin, mit der er sich wohl gut verstand, eine Messe zu schreiben. So entstanden Heiligmesse, Paukenmesse, Nelsonmesse, Theresienmesse, Schöpfungsmesse und die sogenannte Harmoniemesse (Hob.XXII:14) aus dem Jahre 1802, Haydns letzte große Komposition. Auch sie ist auf dieser CD zu hören. Von Zeitgenossen wurde Haydn für diese Werke gescholten - sie seien zu fröhlich, hieß es, zu weltlich, und würden die rechte Andacht nicht aufkommen lassen. Ob gute Laune die Frömmigkeit beeinträchtigt, das mag nun jeder Hörer für sich entscheiden. 
Die Harmoniemesse jedenfalls erhielt ihren Namen, weil dem Kompo- nisten seinerzeit am glanzvoll gefeierten Namenstag ein Bläserensem- ble, auch als Harmonie bezeichnet, zur Verfügung stand. Das war ungewöhnlich, aber es macht dieses Werk ausgesprochen prachtvoll. Die Musik setzt auf Kontraste; Haydn nutzt die verfügbare Klangpalet- te gekonnt aus. Es ist erstaunlich, aber diese Messe strotzt förmlich vor Energie - ganz anders als ihr Schöpfer, dessen Kräfte versiegten. 
Es musizieren das Rebel Baroque Orchestra und der Trinity Choir, der einmal mehr seinem Ruf als eines der besten Ensembles des Landes gerecht wird. So schwungvoll, klangschön, und in allen Stimmen gleichermaßen leistungsstark singen selbst in den USA nur wenige Chöre. Haydn hätte an dieser Aufnahme ganz sicher seine Freude gehabt.