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Sonntag, 26. Juli 2015

Hassler: Organ works (MDG)

Hans Leo Hassler (1564 bis 1612) war ein Mensch mit vielen Talenten. Über seinen Lebensweg wurde in diesem Blog bereits mehrfach berichtet. Er war der Sohn eines Organisten und Musikverlegers aus Nürnberg. 1584 reiste er nach Venedig, wo er 15 Monate lang blieb und Unterricht nahm bei Andrea Gabrieli, dem Organisten des Markusdoms. Die Serenissima galt damals sowohl im Bereich der weltlichen als auch der geistlichen Musik als führende europäische Musikmetropole. 
Nach seiner Rückkehr trat Hassler in Augsburg in die Dienste der Fugger; 1595 wurde er mit seinen beiden Brüdern von Kaiser Rudolf II. geadelt, später dann sogar zum „Hofdiener von Haus aus“ ernannt. Hassler wirkte als Organist, leitete die Stadtpfeifer, baute Automaten und war auch als Kaufmann recht erfolgreich. 1608 wurde er Kammerorganist des sächsi- schen Kurfürsten Christian II. Und auch wenn er heute vor allem als Komponist von Vokalmusik bekannt ist, stand doch die Orgel im Mittel- punkt seines künstlerischen Schaffens. Etwa 110 Orgelwerke Hasslers sind überliefert, die meisten davon in einer Tabulatur, die aus Süddeutschland stammt und heute in Turin aufbewahrt wird. Anders als die Vokalwerke, die im Druck erschienen sind, hat sich Orgelmusik des Komponisten in Abschriften erhalten. Hassler schuf übrigens das längste Variationswerk der Renaissance und des Frühbarocks, Ich gieng einmal spatieren 31 mal verendert durch Herren J.L.H., ähnlich umfangreich wie Bachs Goldberg-Variationen
Franz Raml hat für diese CD wenig bekannte Werke seines berühmten Kollegen ausgewählt und an zwei Orgeln eingespielt, die zu dieser Musik hervorragend passen. Das Instrument auf der Westempore der Stiftkirche der Prämonstratenserabtei Schlägl wurde 1634 durch Andres Putz aus Passau erbaut und 1708 durch Johann Christoph Egedacher überarbeitet. 1989 erfolgte die Restaurierung durch die Gebrüder Reil aus dem nieder- ländischen Heerde. Die Orgel in der Stefanskirche zu Tangermünde stammt von Hans Scherer d.J. und aus dem Jahre 1624; sie wurde durch die Orgelbaufirma Schuke 1991 bis 1994 restauriert und in Teilen auch rekonstruiert. 
Raml macht hörbar, dass Hasslers Orgelmusik sowohl durch seine süddeutsche Herkunft als auch durch das Erlebnis Italien geprägt wurde. Sie kombiniert die polyphone Satztechnik in der Tradition Orlando di Lassos mit Klangpracht und Virtuosität der italienischen Vorbilder. Raml präsentiert Toccaten, Canzonen, Ricercari und Fantasien sowie liturgi- sche Stücke und Intavolierungen, also Bearbeitungen von Gesangsstücken für Tasteninstrumente und gibt damit zugleich einen Überblick über wichtige Formen, die Hassler verwendete. 

Freitag, 20. März 2015

Praetorius: Organ Works (cpo)

Schon seit geraumer Zeit engagiert sich KMD Friedhelm Flamme, Orgelwerke des norddeutschen Barock auf historischen Instrumenten vorzustellen. Für diese CD hat er gleich zwei Raritäten miteinander verknüpft – er spielt an der Scherer-Orgel der St. Stephanskirche Tangermünde Orgelmusik von Hieronymus Praetorius (1560 bis 1629). 
Dabei handelt es sich um einen der wichtigsten Hamburger Musiker seiner Zeit. Er wirkte, nach einigen Lehr- und Wanderjahren, die ihn unter anderem nach Köln und nach Erfurt führten, wie schon sein Vater als Organist an St. Jacobi. Praetorius war hoch angesehen; seine Vokal- kompositionen erschienen bereits zu Lebzeiten im Druck. Auch als Orgel- sachverständiger war er gefragt, so reiste er 1596 nach Gröningen bei Halberstadt zu einem legendären Treffen der führenden Organisten, die dort die neue Schlosskirchenorgel begutachteten. Der Musiker hatte sieben Kinder – drei seiner Söhne wurden ebenfalls Organisten, einer Theologe. 
Etliche Werke von Hieronymus Praetorius sind durch einen Schüler seines Sohnes Jakob überliefert worden; die Tabulatur befindet sich heute in Visby auf der Insel Gotland. Friedhelm Flamme stellt auf den beiden CD Praetorius' Magnificat-Zyklen komplett in den acht Kirchentönen vor. Zu hören sind zudem drei der insgesamt 19 Hymnus-Kompositionen aus der Visby-Tabulatur, sowie einige liturgische Stücke und die beiden Choral- fantasien Wenn mein Stündlein vorhanden ist (1624) und Christ, unser Herr, zum Jordan kam (1625). 
Ein passendes Instrument aus jener Zeit fand Flamme in Tangermünde: Die Orgel in der dortigen St. Stephanskirche wurde 1623/24 durch den Hamburger Orgelbauer Hans Scherer d. J. errichtet. Er war damals der bedeutendste Orgelbauer Norddeutschlands. Zwar wurde dieses Instrument in späteren Jahrhunderten mehrfach umgebaut, doch dabei blieben sowohl das prachtvolle Gehäuse mit seinen Schnitzereien als auch gut die Hälfte der Orgelpfeifen, darunter sämtliche Prospektpfeifen, erhalten. In den 90er Jahren wurde die Orgel daher durch die Firma Alexander Schuke Orgelbau aus Potsdam restauriert und dabei das fehlende Pfeifenwerk originalgetreu ergänzt, so dass dieses kostbare Instrument heute wieder als eine Scherer-Orgel im Originalzustand gespielt werden kann. 
Friedhelm Flamme präsentiert nicht nur die Musik eines Komponisten, der für die Entwicklung des norddeutschen Orgelbarock bedeutende Impulse gegeben hat. Er nutzt diese Werke zugleich, um auch das Instrument umfassend vorzustellen. Diese Aufnahmen zeichnen sich darüber hinaus durch eine hervorragende technische Qualität aus, so dass der Zuhörer den Klang geradezu räumlich um sich hat. Rundum beeindruckend!