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Montag, 17. Februar 2020

Telemann: Aller Augen warten auf dich (cpo)

Musik von Georg Philipp Telemann ist immer wieder hörenswert. Das gilt auch für diesen Mitschnitt von den Magdeburger Telemann-Festtagen 2016. Unter Leitung von Florian Heyerick präsentieren das Solistenensemble Ex Tempore und die renommierte Mannheimer Hofkapelle Kantaten des Komponisten aus einem Jahrgang, der auch als „Concerten-Jahrgang“ gilt. Denn Telemann, musikalisch stets auf der Höhe seiner Zeit, hatte diesen im italienischen Stil geschrieben, nachdem er zuvor einen Kantatenjahrgang im französischen Stil vorgelegt hatte. 
1716/17 entstanden dabei Kirchenmusiken von Advent bis zum 3. Pfingsttag. Die zweite Jahrgangshälfte von Trinitatis bis zum Ende des Kirchenjahres folgte dann aufgrund von Arbeitsüberlastung des Textdichters 1719/20. Ex Tempore und die Mannheimer Hofkapelle stellen auf dieser CD jeweils zwei Kantaten aus den beiden Jahrgangshälften vor, die in unterschiedlichem Maße durch das konzertierende Prinzip geprägt sind. Entdeckenswert und musikalisch lohnenswert sind sie alle – die Aufführung gehörte ohne Zweifel zu den Höhepunkten der Telemann-Festtage 2016. 

Freitag, 28. Dezember 2018

Eichner: Four Harp Concertos (cpo)

Auf die Mannheimer Schule ver- weisen die Harfenkonzerte von Ernst Eichner (1740 bis 1777). Der Komponist, der einer Hofmusiker-Dynastie entstammte, wuchs wohl in Arolsen auf und wurde dort auch ausgebildet. Sein Lieblingsinstru- ment war das Fagott, mit dem er als begnadeter Virtuose überall, wo er konzertierte, Aufsehen erregte. 1762 engagierte schließlich der Herzog von Zweibrücken-Birkenfeld den jungen Musiker. 
Mit seinem Dienstherrn reiste Eichner unter anderem nach Paris; allerdings scheint er auch allein des öfteren auf Reisen gegangen zu sein. Der Herzog versuchte, dem Musiker die Extratouren abzugewöhnen; dazu erhöhte er Eichners Salär auf immerhin 600 Gulden, und ernannte ihn zum Konzertmeister. 1772 ließ er den Ausreißer in Frankfurt sogar arretieren. Das zeigte Wirkung, doch anders als gewünscht – noch im gleichen Jahr verließ Eichner Zweibrücken endgültig. 
Der Musiker reiste nach Paris und nach London, und nahm letztendlich eine Stelle am Hof des preußischen Kronprinzen Friedrich Wilhelm in Potsdam an. Dort blieb er, bis zu seinem frühen Tod im Alter von gerade einmal 37 Jahren. 
Was für ein Verlust! Zeitgenossen schätzten insbesondere die Sinfonien Eichners. Die Harfenkonzerte des Komponisten hat Silke Aichhorn gemeinsam mit dem Kurpfälzischen Kammerorchester unter Stefan Fraas eingespielt. Sie sind in Zweibrücken entstanden, und wahrscheinlich in Frankfurt erstmals im Konzert erklungen. Für welchen Solisten sie geschrieben worden sind, ist heute nicht mehr herauszubekommen – es muss allerdings ein Virtuose gewesen sein, denn sie sind musikalisch wie technisch sehr anspruchsvoll. 
Silke Aichhorn musiziert dementsprechend brillant; und das Kurpfälzische Kammerorchester schafft quasi den Rahmen, der die Solistin gebührend in den Mittelpunkt rückt, aber selbst auch Farbakzente setzt und glänzt. Komplettiert wird das Hörvergnügen durch zwei weitere Harfenkonzerte, die bis vor kurzem ebenfalls Ernst Eichner zugeschrieben wurden. Sie sollen tatsächlich von einem Jean Théophile Eichner stammen – über den man aber ansonsten gar nichts weiß. Und sie sind denen Ernst Eichners in der Tat verblüffend ähnlich. 

Montag, 26. November 2018

Molter: Sinfonias & Cantatas (cpo)

Mit einem Editionsprojekt ehrte Thüringen Johann Melchior Molter (1696 bis 1765): Aus Anlass des 250. Todestages startete Theater&Phil- harmonie Thüringen mit dem Institut für Musikwissenschaft Weimar-Jena eine Neuausgabe der Werke des Komponisten, der in Tiefenort an der Werra zur Welt kam, und in Karls- ruhe sowie in Eisenach als Hofkapell- meister wirkte. 
Studierende der Hochschule für Musik Franz Liszt beschäftigten sich intensiv mit den alten Handschriften, die sich in der Badischen Landes- bibliothek Karlsruhe befinden und online abrufbar sind. Sie haben für einige Werke Molters, die seit seinem Tod nicht mehr gespielt wurden, Notenmaterial erstellt. 
Dies ist nicht nur die Grundlage für eine Molter-Werksausgabe, die in den kommenden Jahren bei der Verlagsgruppe Kamprad in Altenburg erscheinen soll. Es schafft auch die Voraussetzung für die Aufführung dieser Musik durch das Reußische Kammerorchester, das unter der Leitung von Werner Ehrhardt Molters Musik einstudiert und in Altenburg und Gera aufgeführt hat. 
So ist auch dieser Mitschnitt entstanden, der im Geraer Konzertsaal aufgezeichnet wurde. Ehrhardt, selbst ein exzellenter Barockgeiger, Gründungsmitglied des Concerto Köln und Gründer des Ensemble L'Arte del Mondo, lässt das Reußische Kammerorchester differenziert und elegant musizieren. So gelingt insbesondere Molters Flötenkonzert sehr ausdrucksvoll; Solist ist Andreas Knoop. Bei den großbesetzten Orchesterstücken am Anfang und Ende der CD wird allerdings hörbar, dass das Orchester solide, aber nicht überragend agiert. 
Die beiden Arien und die umfangreiche Cantata L'augellin tra verdi fronde sind technisch anspruchsvoll und virtuos; leider wird Julia S. Wagner mit ihrem doch recht massigen Sopran diesen Kabinettstückchen des Rokoko-Ziergesanges nur unzureichend gerecht. Hier hätte man sich eine wesentlich beweglichere, koloratursichere Stimme gewünscht. 

Sonntag, 4. November 2018

Österreich: Psalms, Cantatas (cpo)

Das Ensemble Weser-Renaissance Bremen unter Manfred Cordes wendet sich auf dieser CD den Psalmkompositionen und Kantaten von Georg Österreich (1664 bis 1753) zu. Der musikhistorisch interessierte Hörer wird erstaunt sein – denn bekannt ist Österreich, als Kapellmeister der Herzöge von Schleswig-Holstein-Gottorf, vor allem für seine ebenso exquisite wie umfangreiche Musiksammlung. Insbesondere für Werke der „Vor-Bach-Zeit“ erweist sie sich als ein äußerst wertvoller Bestand, der seinesgleichen sucht. 
Österreich stammte aus Magdeburg, und wie auch sein älterer Bruder lernte er an der Leipziger Thomasschule. Dort wurde er bald zum Alt-Solisten. Als Altist und nach dem Stimmbruch dann als Tenor sang er anschließend auch in der Hamburger Ratskapelle. Ab 1686 war Österreich am Hof von Wolfenbüttel als Sänger engagiert; er muss dort von Kapellmeister Johann Theile sehr viel gelernt haben, denn drei Jahre später holte ihn Herzog Christian Albrecht als Hofkapellmeister nach Gottorf. 
Dass Georg Österreich sich auch als Komponist auszeichnete, beweist diese CD. Zu hören ist eine Psalmvertonung in venezianischer Tradition, dazu lateinische Psalmmusik protestantischer Prägung sowie eine Sonntagskantate, die Bezug auf einen Evangelientext nimmt, diesen aber ungemein dramatisch ausgestaltet. Auch zwei weitere Beispiele, Trauerkantaten, machen deutlich, dass es Österreich weniger um vor allem raffinierte Strukturen als vielmehr um den musikalischen Ausdruck, um Klangwirkung ging. Die exzellenten Vokalisten und Instrumentalisten des Ensembles Weser-Renaissance machen daraus ein Erlebnis. Sehr gelungen! 

Freitag, 20. Juli 2018

Rosenmüller: In te Domine speravi (cpo)

Johann Rosenmüller (1617 bis 1684) gehört zu jenen Komponisten, die italienische Musizierkunst und protestantische Musizierkultur auf höchstem Niveau kombinierten. Über den Lebensweg des Musikers, der als Sohn eines Müllers in Oelsnitz im Vogtland zur Welt kam, wurde in diesem Blog bereits an anderer Stelle ausführlich berichtet. 
Nach Italien reiste Rosenmüller zum ersten Mal im Jahre 1645; da hatte er bereits einen ersten Band mit Paduanen, Alemanden, Couranten, Balleten, Sarabanden veröffentlicht – und Heinrich Schütz höchstpersönlich hatte ihm ein Lobgedicht hinzu- gefügt. Nach Leipzig zurückgekehrt, wurde Rosenmüller 1651 Organist an der Nikolaikirche, dazu Universitätsmusikdirektor, und Stellvertreter des kränklichen Thomaskantors Tobias Michael. Dessen Nachfolge allerdings konnte er dann doch nicht antreten: Als er 1655 „grober Excesse bezüch- tiget“ wurde, ergriff Rosenmüller die Flucht. 
Und er ging erneut nach Italien, wo er ab 1658 in Venedig als Posaunist in der Kapelle des Markusdomes sowie als maestro della coro am Ospedale della Pietà wirkte. Zugleich pflegte er aber auch seine Kontakte zum deutschen Adel, der seinerzeit gern nach Süden reiste, um Karneval zu feiern und Opern anzuhören. Auch die Gottesdienste, die von den figli der ospedali gestaltet wurden, waren eine Attraktion, die sich Besucher nicht entgehen ließen. 
Letzten Endes holte Anton Ulrich von Braunschweig-Wolfenbüttel – der mehrfach in Venedig gewesen war – Rosenmüller im Jahre 1682 zurück nach Deutschland. So befinden sich zahlreiche Noten, insbesondere von Vokalwerken, heute in der Berliner Staatsbibliothek. Dort wird auch die Handschrift aufbewahrt, die dieser Einspielung zugrunde liegt – mit sieben Vertonungen der ersten Verse von Psalm 31. 
Jede von ihnen verwendet eine andere Besetzung; sie sind kleine Wunder an Textausdeutung, und jede dieser Kompositionen beruht auf gänzlich eigenständigen musikalischen Ideen. Durch das Ensemble Weser-Renaissance Bremen, mit exzellenten Musikern und einer phantastischen Sängerriege, werden diese geistlichen Konzerte in einer geradezu exemplarischen Interpretation vorgestellt. Unter der Leitung von Manfred Cordes zeigen die erfahrenen Solisten, welcher Nuancenreichtum, trotz aller Klangpracht, in diesen Werken zu finden ist. Hinreißend! 

Mittwoch, 2. Mai 2018

Walter: Geystliches Gesangk Buchleyn (cpo)

Eyn geystlich Gesangk Buchleyn von Johann Walter (1496 bis 1570), im Druck erschienen 1524, steht am Be- ginn der Tradition protestantischer Choralbearbeitungen. Der Komponist war ein enger Vertrauter Martin Luthers. Er stammte aus dem thüringischen Kahla, studierte in Leipzig, und wollte dann mit diesem Chorbuch eine Karriere als Sänger und Komponist am ernestinischen Hof in Torgau starten. 
Leider starb sein Dienstherr, Kurfürst Friedrich der Weise, schon 1525 – und sein Nachfolger, Johann der Beständige, löste 1526 die Hofkantorei auf. Daraufhin gründete Walter die Stadtkantorei, die aus Torgauer Schülern und Bürgern bestand, und den Gottesdienst an der Marienkirche mit der neuartigen Kirchenmusik gestaltete. Damit wurde er zum „Urkantor“ der protestantisch-lutheri- schen Kirche. 
Ein Schulkantorat für die muskalische Ausbildung der Schüler kam bald hinzu. Und ab 1536 gab es vom neuen Kurfürsten, Johann Friedrich dem Großmütigen, sogar Geld dafür. Im Schmalkaldischen Krieg fiel Torgau dann an die albertinische Linie. Kurfürst Moritz ernannte Walter zum Kapellmeister der Hofkantorei. Doch Querelen verleideten dem Musiker diesen Posten. 1554, nach der Weihe der neuen Dresdner Hofkapelle, ließ er sich pensionieren und kehrte nach Torgau zurück. 
Auf dieser CD stellt das Ensemble Weser-Renaissance unter Leitung von Manfred Cordes eine Auswahl an Liedsätzen aus dem Geistlichen Gesangbüchlein Walters vor. Musikalisch orientierte sich Walter für seine Kompositionen am (weltlichen) Tenorlied, einer genuin bürgerlichen Gattung. Die vierstimmigen Liedsätze, bei denen die Melodie in der Tenorstimme liegt, werden von den Vokalisten und Instrumentalisten klanglich ausgesprochen abwechslungsreich und technisch versiert vorgetragen. So wird Musikgeschichte zum Hörgenuss! 

Dienstag, 13. März 2018

Nowowiejski: Quo vadis (cpo)

Nach den Orgelwerken ist nun auch ein bedeutendes Oratorium aus der Feder von Feliks Nowowiejski (1877 bis 1946) zu entdecken. Quo vadis beruht auf dem gleichnamigen Roman von Henryk Sienkiewicz. Entstanden ist das Werk 1903, und obwohl das Oratorium eine enorm umfangreiche Besetzung mit drei Solisten, einem kopfstarken Chor, Orgel und großem Orchester benötigt, wurde es ein Hit. Mehr als 200 Mal erklang es innerhalb von 30 Jahren in ganz Europa sowie in Amerika. 
Dann ist es in Vergessenheit geraten, wie so manches andere monumenta- le Werk aus jener Zeit. Zum 70. Todestag des Komponisten hat der polnische Dirigent Łukasz Borowicz das Oratorium mit der Philharmonie Poznań, dem Organisten Sławomir Kamiński, hervorragenden Solisten und dem Chor der Podlachischen Oper und Philharmonie Białystok erstmals wieder aufgeführt. 
Die Einspielung ist bei cpo auf einer Doppel-CD erschienen – und sie lässt noch heute ahnen, warum Quo vadis einst so erfolgreich war. Dieses Oratorium lebt vor allem von großartigen Chören, und von musikalischer Leidenschaft. Gleich am Anfang kann man hören, wie Rom brennt. Nicht nur diese Szene hat Filmmusik-Qualitäten. Auch sonst weiß Nowowiejski Klangeffekte geschickt und höchst wirksam einzusetzen. 
Borowicz zeigt, wie viele Facetten diese ausdrucksstarke Musik hat. Zu loben sind vor allem auch die Chorsänger, die ihren gigantischen Part kraftvoll bewältigen – bis hin zum Schlusschor, der eigentlich umfangreich genug wäre für eine separate Aufführung. Respekt! 

Samstag, 20. Januar 2018

Abel: Symphonies op. 7 (cpo)

Eine Sinfonie von Carl Friedrich Abel (1723 bis 1787) wurde lange für ein Werk von Wolfgang Amadeus Mozart (1756 bis 1791) gehalten. Der Achtjährige hatte sie 1764 bei seinem Aufenthalt in London eigenhändig kopiert, um sich zu üben und daran zu lernen. Insbesondere der Mittelsatz dieser Sinfonie scheint das Wunderkind tief beeindruckt zu haben. 
Michael Schneider spürt mit seinem Ensemble La Stagione Frankfurt solch musikalischen Verwandt- schaften nach. Die Auseinander- setzung mit dem Schaffen Abels führt in ein interessantes Kapitel der Musikgeschichte: Ursprünglich waren Sinfonien Vorspiele, Ouvertüren, die die Aufmerksamkeit des Publikums erwecken und auf ein nachfol- gendes, gewichtiges Werk lenken sollten. Zum Ende des 18. Jahrhunderts aber wurde die Sinfonie zu einem selbständigen und höchst bedeutenden Genre; bereits in der Wiener Klassik erlebte sie  in der erneuerten Form eine erste Blütezeit. 
Die vorliegende Aufnahme mit den sechs Sinfonien op. VII führt uns zu den Anfängen dieser Entwicklung: „Was Abels Sinfonien so unver- wechselbar macht unter denen seiner Zeitgenossen, sind also nicht deren Kopfsätze in (später so genannter) Sonatenform, auch nicht seine Finalsätze, die ausnahmslos und meist in Rondoform geradezu volkstümliche Tänze wie schnelle Kontretänze oder Menuette darstellen: es sind vielmehr seine langsamen Mittelsätze, die – zumeist als Andante bezeichnet und häufig in ,sempre piano'-Dynamik – eine neue und durchaus eigene Musiksprache sprechen“, schreibt Michael Schneider im Beiheft zu dieser CD. „Und von diesen sind es auch nicht in erster Linie jene galanten oder empfindsamen Beispiele wie die aus den Sinfonien G-Dur oder C-Dur , sondern die geradezu ,hymnischen' liedartigen Sätze für Streicher alleine wie die aus den in Sinfonien B-Dur und F-Dur.“ 
Die Musiker von La Stagione Frankfurt verstehen ihr Metier, und sie präsentieren Abels Sinfonien hinreißend. Dabei betont Schneider besonders die Tatsache, dass diese Werke kontinentale und englische Traditionen verbinden. Falls sich aber nun jemand für Musikgeschichte nicht interessiert – man kann diese Einspielung auch einfach so genießen. Es lohnt sich! 

Montag, 13. November 2017

Duruflé: Complete Organ Works; Flamme (cpo)

Maurice Duruflé (1902 bis 1986) hat nur sehr wenige Kompositionen hinterlassen. Seine Orgelmusik passt in einen Notenband; obwohl Duruflés Gesamtwerk nur 14 Opuszahlen umfasst, gilt er als einer der bedeutendsten Orgelkomponisten des 20. Jahrhunderts. 
Der Organist war ein Schüler von Charles Tournemire und Louis Vierne; außerdem studierte er am Pariser Conservatoire, wo er für seine Leistungen vielfach mit Preisen ausgezeichnet wurde. Seine Lehrer schätzen den jungen Musiker sehr. Vierne, Organist an Notre Dame, wollte Duruflé sogar zu seinem Nachfolger machen. Doch dieser nahm dann die Organistenstelle an St. Étienne-du-Mont in Paris an. Dort blieb er bis zum Ruhestand. 
Duruflé war ein brillanter Konzertorganist. Gemeinsam mit seiner Ehefrau, der Organistin Marie-Madeleine Chevalier, ging er in Europa und in den USA auf Konzertreisen. Er war auch Uraufführungssolist des Orgelkonzerts von Francis Poulenc. 
Die Kompositionen von Maurice Duruflé beruhen einerseits auf der Gregorianik, mit ihrer modalen Melodik und Harmonik. Andererseits führen sie Traditionen des musikalischen Impressionismus weiter, wie wir ihn von Ravel und Debussy kennen. Außerdem sind sie durch seine hohen Qualitätsansprüche geprägt, die auch vom Interpreten Präzision fordern. 
Friedhelm Flamme, Kirchenmusikdirektor in Göttingen, hat nun für cpo das gesamte Orgelwerk Duruflés an der Mühleisen-Orgel der Stiftskirche zu Bad Gandersheim eingespielt. Dieses Instrument verfügt ergänzend zu Hauptwerk und Positiv über ein expressiv-romantisches Schwellwerk. Mit insgesamt 50 Registern kann es sowohl für barocke als auch für klassische Musik genutzt werden; es ist aber auch möglich, orgelsinfonische Werke darauf zu spielen. Gebaut wurde diese Orgel von der Manufacture d'orgues Mühleisen aus Straßburg; sie wurde am Ostersonntag 2000 eingeweiht. 
Diese Aufnahme beweist, dass spätromantische Klänge ebenfalls perfekt zu diesem Instrument passen. Flamme musiziert großartig, und die Orgel ist auch zu Hause mit prächtiger Klangfülle zu erleben. Dem Aufnahme- team ist es gelungen, diesen Klangraum in einer Mehrkanal-Aufnahme so zu erfassen, dass man beim Anhören dieser Super Audio CD mitunter das Gefühl hat, in der Kirche zu sitzen. Grandios! 

Sonntag, 29. Oktober 2017

Förtsch: Sacred Concertos - Cantatas (cpo)

Diese CD erinnert gleich dreifach an Gewichtiges aus der Musikgeschichte. Da wäre zum ersten die Hofkapelle der Herzöge von Schleswig-Holstein-Gottorf. Im 17. Jahrhundert gehörte, man glaubt es kaum, Gottorf in eine Reihe mit Musikmetropolen wie Wolfenbüttel, Dresden und München. Es schließt also in jeder Hinsicht eine Lücke, wenn das Label cpo nun mit einer CD-Reihe an diese glanzvolle Musiktradition im Norden erinnert. 
Dann wäre da die Hofkapelle von Schloss Gottorf aus dem 16. Jahr- hundert mit ihrer prachtvollen Ausstattung, die glücklicherweise unverändert erhalten geblieben ist. Das gilt auch für die Orgel, die um die Jahrtausendwende aufwendig von dem dänischen Orgelbauer Mads Kjersgaard restauriert worden ist und heute wieder so klingt wie einst im Frühbarock. 
Sie ist auch auf dieser CD zu hören, die in diesem historischen Klangraum eingespielt worden ist. Das Ensemble Weser-Renaissance Bremen präsentiert eine Auswahl von Kantaten von Johann Philipp Förtsch (1652 bis 1732). Er stammte aus Wertheim und studierte Medizin; in der Musik unterwies ihn unter anderem Johann Philipp Krieger. 1678 ging Förtsch nach Hamburg, wo er als Sänger in der Ratskapelle sowie in der Oper am Gänsemarkt wirkte. 1680 engagierte ihn der Herzog als Hofkapellmeister; allerdings wurde er schon bald Hofarzt. 1689 wurde Georg Österreich (1664 bis 1735) sein Nachfolger im Kapellmeisteramt. In seiner umfangreichen Musikaliensammlung sind auch Förtschs Werke überliefert. 
Förtsch selbst war in späteren Jahren wohl ausschließlich als Arzt und Diplomat für die Herzöge tätig. In seinen Werken fällt auf, dass er trotz einer eher kleinen Besetzung höfisch-repräsentative Erwartungen geschickt bediente – auf dieser CD sind gleich zwei Werke zu finden, wo neben den Sängern auch zwei Trompeten, zwei Violinen, drei Gamben und Continuo zu hören sind. 
Außerdem hat Förtsch seine Kantaten gekonnt als kleine geistliche Dramen gestaltet, so dass er seinen Dienstherren im Gottesdienst mit jenen Stilmitteln erfreute und erbaute, die dieser offenbar gut kannte und sehr schätzte; immerhin unterstützte der Herzog die Hamburger Oper finanziell. Dazu kombinierte Förtsch Bibelworte, frei gedichtete Zusätze und Choralstrophen, um eine szenische Wirkung zu erzielen. 
Die Gottorfer Schlosskapelle mit ihrer reich verzierten Holz-Inneneinrich- tung erweist sich dafür als der perfekte Aufführungsort – sie hat kaum Nachhall, was den Klang transparent macht. Und das Ensemble Weser-Renaissance überzeugt einmal mehr als Spezialist für derartiges Repertoire. Vielen Dank für diese Entdeckung! 

Samstag, 30. September 2017

Davon ich singen und sagen will (cpo)

„Wer singt, betet doppelt“ – dieser Satz, der dem Kirchenvater Augustinus zugeschrieben wird, könnte gut auch von Martin Luther stammen. Der Reformator schätzte die Musik sehr, und so ist es kein Wunder, dass zum Gedenken an den Thesenanschlag, der sich am 31. Oktober 2017 zum 500. Male jährt, mittlerweile auch eine enorme Anzahl an CD erschienen sind.
Eine der schönsten hat das Osnabrücker Label cpo nun veröffentlicht. Für diese Produktion haben sich der Bach-Chor Siegen unter Leitung von Ulrich Stötzel und das auf „Alte“ Musik spezialisierte Johann Rosenmüller Ensemble, das von Arno Paduch geleitet wird, zusammengetan. Unterstützt durch renommierte Solisten – Monika Mauch und Ina Siedlaczek, Sopran, Franz Vitzthum, Countertenor, Georg Poplutz und Nils Giebelhausen, Tenor, sowie Markus Flaig und Jens Hamann, Bariton – zeigen sie auf dieser CD, wie das Lied zu einem wichtigen Medium der Reformation wurde.
Nicht nur die singende Gemeinde, auch die Figuralmusik übernahm rasch Luthers Texte und seine Melodien. So erklingen auf dieser CD überwie- gend Werke von Komponisten, die als Zeitgenossen der Reformation gewirkt haben, oder aber im nachfolgenden Jahrhundert. So gilt Johann Walther als „Urkantor“ der evangelisch-lutherischen Kirche. Zu hören ist weiter Musik von Johann Eccard, Michael Praetorius, Heinrich Schütz, Lucas Osiander, Matthäus Le Maistre, Werner Fabricius, Johann Rosenmüller und Johann Sebastian Bach.
Das abwechslungsreiche Programm wird ergänzt durch Instrumental- stücke von Hans Neusidler und Thomas Stoltzer. Und natürlich darf auch Martin Luther nicht fehlen, auch wenn er sich seinerzeit bescheiden einen „kleinen und tumpenen Tenor“ nannte. Dass er von der Musik durchaus etwas verstand, zeigt seine vierstimmige Cantus-firmus-Motette Non moriar sed vivam. Die Stücke für diese Aufnahme wurden durchweg mit Sorgfalt ausgewählt; so gelang manche Entdeckung abseits der allseits bekannten Luther-Choräle und Chorsätze.
Musiziert wird erfreulich differenziert und ausgesprochen ausdrucksstark. Walther klingt deutlich anders als Bach, am anderen Ende des Zeithori- zontes. Eine prächtige, rundum gelungene Einspielung zum Lutherjahr 2017 – unbedingt anhören! Es lohnt sich. 

Mittwoch, 31. Mai 2017

Telemann: Miriways (cpo)

Und da wir gerade bei Georg Philipp Telemann waren, dessen Todestag sich in diesem Jahre zum 250. Male jährt, sei an dieser Stelle noch auf eine weitere Entdeckung verwiesen: Seine Oper Miriways nach einem Libretto von Johann Samuel Müller, uraufgeführt 1728 in Hamburg, ist bei dem Label cpo erschienen. 
Das Sujet war seinerzeit hochaktuell – der Stammesfürst Mir Wais Khãn Hõtak-Ghãlzai führte nach 1700 die Befreiung der afghanischen Provinz Kandahar aus persischer Vorherrschaft an. 1722 eroberten die Afghanen Isfahan, und zwangen den persischen Schah zum Rücktritt. 
Es ist erstaunlich, dass diese Oper jahrhundertelang im Archiv schlum- merte. Erst 1992 gab es in Magdeburg eine erste konzertante Aufführung, und 2012 schließlich wieder eine szenische Produktion am Theater Magdeburg, die zu den Telemann-Festtagen sowie beim Brucknerfest in Linz das Publikum begeisterte. 
Die Handlung der Oper spielt in Isfahan, wo Miriways dem jungen Sophi, Sohn des abgesetzten Schahs, die persische Krone anbietet – unter der Bedingung, dass er eine von Miriways ausgewählte Braut zur Ehefrau nimmt. Darüber ist Sophi gar nicht glücklich, denn er ist bereits ander- weitig verliebt. Nach einigen Irrungen und Wirrungen wird aber festge- stellt, dass es sich bei der von ihm verehrten Bemira um jene verschollene Tochter Miriways' handelt, die er heiraten soll – was er nun mit Freuden tut. Zu dieser Haupthandlung gibt es dann noch eine Nebenhandlung um ein zweites Paar, das sich nach einigen Turbulenzen ebenfalls findet. 
Viel interessanter aber als diese Story ist Telemanns Musik, die sich durch jede Menge orientalisches Kolorit auszeichnet. Die österreichische Dirigentin Michi Gaigg macht insbesondere die Orchesterzwischenspiele zu einem Ereignis. Sie werden durch das 1996 von ihr gegründete L'Orfeo Barockorchester lustvoll zelebriert – und es ist auch für das Publikum sehr vergnüglich, wenn die Instrumente „nach Persischer Gewohnheit sich hören lassen“. 
Wer sich die Formen aber näher anschaut, wird überrascht feststellen, dass Miriways ansonsten relativ strikt dem Muster der opera seria folgt. Kaum eine andere (überlieferte) Oper Telemanns orientiert sich, stilistisch betrachtet, derart konsequent am italienischen Vorbild. All seine Figuren hat der Komponist gleichermaßen liebevoll musikalisch charakterisiert und mit technisch anspruchsvollen Arien ausgestattet. 
Dem trägt auch diese Einspielung Rechnung. Aus dem exzellenten Solistenensemble seien an dieser Stelle Ulrike Hofbauer herausgehoben, die mit ihrem schlanken Sopran einen nuancenreichen Sophi gestaltet, und Markus Volpert, der mit seinem klangvollen Bariton den Miriways hinreißend singt. Die Sänger sind aber durchweg sehr gut; die Aufnahme verheißt mehr als zwei Stunden musikalischen Genuss und ist wirklich sehr zu empfehlen. 

Montag, 17. April 2017

Graupner: Das Leiden Jesu (cpo)

Fast 50 Jahre leitete Christoph Graupner (1683 bis 1760) die Darmstädter Hofkapelle. Der Musiker, der unter Johann Schelle und Johann Kuhnau an der Thomasschule in Leipzig gelernt und anschließend an der Pleiße Jura studiert hatte, wurde nach einem kurzen Intermezzo in Hamburg 1709 durch Landgraf Ernst Ludwig von Hessen-Darmstadt engagiert. Wenig später ernannte ihn sein Dienstherr zum Hofkapellmeister, und als Graupner sich später auf Empfehlung seines Freundes Telemann um das Amt des Thomaskantors bewarb, ließ ihn der Landgraf nicht gehen. 
So blieb Graupner also in Darmstadt bis ans Ende seiner Tage, und schuf großartige Musik, die nach seinem Tode in Vergessenheit geraten ist. Ein glücklicher Zufall sorgte aber dafür, dass die Werke des Komponisten nahezu geschlossen ins landgräfliche Archiv kamen. Dort haben sie die Zeiten überdauert, so dass sie heute allmählich wieder einem staunenden Publikum vorgestellt werden können. 
Wer die Bestände kennt, der weiß, dass da noch so manche Überraschung wartet. Denn Graupners Musik ist nicht nur ausgesprochen originell. Kaum ein zweiter Komponist hat sich zudem so flexibel auf die Fähigkeiten seiner Musiker eingestellt – und derart interessiert auf Anregungen reagiert. Aus seiner Lebensstellung in Darmstadt heraus beobachtete Graupner, was seine Kollegen komponierten, immer auf der Suche nach neuen Ausdrucksmöglichkeiten. So entwickelte er seine Musik weiter – von ausgesprochen barocken Formen bis hin zu Klängen, die man eher der Frühklassik zuordnen würde. 
Wie Graupner mit Instrumentierung und Klangfarben experimentierte, das lässt sich sehr schön am Beispiel seiner Kantaten beobachten. Die ersten drei der zehn Passionskantaten, die der Komponist im Jahre 1741 für den landgräflichen Gottesdienst geschaffen hat, sind nun bei cpo erschienen. Florian Heyerick hat sich mit seinem Originalklang-Orchester Mann- heimer Hofkapelle sowie dem Solistenensemble Ex Tempore die Wiederentdeckung dieses Kantatenschatzes auf die Fahnen geschrieben, und man darf davon ausgehen, dass weitere Folgen schon bald vorliegen werden. 
Das lohnt sich durchaus; schon die erste Kantate, Erzittre, toll und freche Welt, die den Hörer an die Seite des verzagenden Jesus in den Garten Gethsemane führt, ist ein klangmalerisches Kabinettstück. Hier zeigt sich Graupners besondere Gabe, durch den geschickten Einsatz der jeweils verfügbaren Instrumente ganz erstaunliche Effekte zu erzielen. So ist das Zittern schon zu hören, bevor Tenor Jan Kobow auch nur einen Ton gesungen hat – eine beeindruckende Form der musikalischen Andacht, die von den Musikern der Mannheimer Hofkapelle lustvoll zelebriert wird. 

Sonntag, 12. März 2017

Praetorius: Erhalt uns Herr bey deinem Wort (cpo)

Das Label cpo startet seine Veröffent- lichungen zum Reformationsjubiläum gleich mit einer neuen Reihe: „Musik aus Schloss Wolfenbüttel“ erinnert an die Welfen, die ihre Residenzstadt, beginnend in der Spätrenaissance, zu einem norddeutschen Kulturzentrum ausbauten. Über mehrere Generatio- nen förderten sie als Mäzene nicht nur die Musik, sondern auch die Lite- ratur, das Theater und die Malerei. 
Mit Regierungsantritt im Jahre 1568 vollzog Herzog Julius von Braun- schweig-Wolfenbüttel in seinen Landen die Reformation. Zugleich orientierte er sich auch kulturell an Kursachsen. Die engen Kontakte nach Mitteldeutschland äußerten sich beispielsweise darin, dass sein Nachfol- ger, Herzog Heinrich Julius, Michael Praetorius (1571 bis 1621) als Kammerorganisten in seine Hofkapelle holte; 1604 beförderte er den Musiker dann zum Hofkapellmeister. 
Auf dieser CD sind Luther-Choräle in Vertonungen von Michael Praetorius zu hören. Das ist kein Zufall: Praetorius entstammte einer Familie, die die Reformation seit ihren Anfängen mit Leidenschaft begleitet hatte. Michaels Vater, unter dem noch den nicht latinisierten Familiennamen Schulteis, hatte an der Universität zu Wittenberg studiert, wo Luther lehrte. Er unterrichtete dann zunächst als Lehrer an jener Lateinschule in Torgau, an der Johann Walter wirkte, der „Urkantor“ der evangelischen Kirche. 
Dort begann auch die Schulausbildung von Michael Praetorius, die dieser anschließend in Zerbst fortsetzte. 1585 ging der Knabe zum Studium nach Frankfurt/Oder, wo er sich wie seine beiden älteren Brüder der Theologie widmen wollte. Als der Bruder starb, bei dem er wohnte, übernahm er, um weiter studieren zu können, das Amt des Universitätsorganisten. Wer sich für die Biographie des Musikers interessiert, kann mehr in diesem Blog an anderer Stelle nachlesen; bei den Orgelwerken wurde darüber bereits ausführlich berichtet. 
Praetorius schuf ein umfangreiches Werk, das auch zu guten Teilen über- liefert ist, weil der Komponist seine Musik drucken ließ. Er verhalf der Wolfenbütteler Hofkapelle zu überregionalem Ruhm; man kann sich daher leicht vorstellen, wie gefragt diese Noten waren. Einen besonderen Platz in seinem Schaffen hatten die Choräle, die sich in vielfältigsten Varianten finden – vom schlichten Kantionalsatz bis hin zum großformatigen mehr- chörigen Konzert nach italienischen Vorbild. 
Die venezianische Musizierpraxis soll Praetorius während seiner Reisen nach Prag kennengelernt haben. Wie erfolgreich er sich dieses Modell zu eigen gemacht hat, obwohl er nie selbst in Italien war, zeigt diese CD mit einer Auswahl an Choralkonzerten aus Praetorius' erlesener Kollektion Polyhymnia caduceatrix et panegyrica, veröffentlicht 1619. Bei Nun Frewt euch lieben Christen gemein sind gleich zwei Versionen, in großer und in weniger umfangreicher Besetzung, zu hören, unterbrochen vom Kantional- satz aus den Musae Sioniae VII. 
Praetorius' Konzerte sind teilweise üppig besetzt, sie warten mit Klang- effekten und Mehrchörigkeit auf in der „neuen italienischen Concerten-Manier“. In den Werken des Wolfenbütteler Hofkapellmeisters haben nicht nur die Sänger, sondern auch die Instrumentalisten mitunter ausgespro- chen virtuose Partien; nicht nur im gemeinsamen Musizieren mit den Sängern, sondern auch in Sinfonien und Ritornellen können sie ihre Kunst zeigen. Das Ensemble Weser-Renaissance Bremen unter Leitung von Manfred Cordes musiziert mit starkem Ausdruck ebenso wie mit großer Klangpracht. So, wie die Vokalisten und Instrumentalisten des renommier- ten Ensembles diese Werke vortragen, vermag man sich gut vorzustellen, wie diese neue Art des Musizierens seinerzeit die Leute beeindruckt hat. Nicht nur der Andacht im Gottesdienst, sondern vor allem auch dem Ansehen des Herrscherhauses dürfte dies sehr zuträglich gewesen sein. 

Freitag, 20. Januar 2017

Michael Haydn: Complete Wind Concertos Vol. 1 (cpo)

Nach den Divertimenti und den kompletten Sinfonien von Johann Michael Haydn (1737 bis 1806) wendet sich cpo nunmehr den Bläserkonzerten des „Salzburger Haydn“ zu. Der jüngere Bruder von Joseph Haydn begann seine Ausbildung ebenfalls als Chorknabe am Wiener Stephansdom. Er wirkte dann zunächst als Geiger und ab 1760 als Kapellmeister am Hofe des Bischofs in Großwardein, heute Oradea in Rumänien. 1763 wurde er Konzertmeister beim Salzburger Fürstbischof; 1782 wurde er als Nachfolger von Wolfgang Amadeus Mozart Hof- und Domorganist. Er komponierte eine Vielzahl von Werken, von der geistlichen Musik bis zum Lied und von der Kammermusik für den Fürstbischof bis hin zur Tanz- musik für die Bürgerschaft. 
Seine Bläserkonzerte sind, mit wenigen Ausnahmen, eigentlich einzelne Sätze für konzertierende Instrumente aus Serenaden. Diese Concertinos wurden aber schon zu Haydns Zeiten nicht nur in diesem ursprünglichen Zusammenhang aufgeführt, sondern auch aus diesem Kontext gelöst. So kommt es, dass mitunter die Serenade verloren gegangen und nur das Concertino überliefert ist. 
Im ersten Teil der Gesamteinspielung präsentiert die Salzburger Hofmusik unter Wolfgang Brunner Bläserkonzerte für Klarinette, Horn, Altposaune und Trompete, die aus Serenaden stammen, sowie ein „echtes“ Flöten- konzert. Als Solisten musizieren Ernst Schlader, klassische Klarinette, Johannes Hinterholzer, Naturhorn, Norbert Salvenmoser, klassische Altposaune, Franz Landlinger, Naturtrompete, und Linde Brunmayr-Tutz, Traversflöte. Die Musikstücke zeugen vom Witz und von der Experimentier- lust des Komponisten – für jeden der Solisten ließ er sich etwas Besonderes einfallen. So notierte er für den Trompeter eine Partie, die bis zum a''' hin- aufreicht – ein absoluter Rekord; kein anderes Stück dieser Zeit verlangt vom Solisten derartige Höhen. 
Haydns Bläserkonzerte sind virtuos, abwechslungsreich und ansprechend. Für das Publikum halten sie ein wahres Füllhorn an schönen Melodien bereit – und wenn so gekonnt musiziert wird, wie in diesem Falle, dann sind sie ein großer Genuss. Auf die nächsten Folgen darf man also schon gespannt sein. 

Mittwoch, 21. Dezember 2016

Jauchze du Tochter Zion. Homilius - Stölzel - Rolle: Christmas Cantatas (cpo)

Musikwissenschaftler waren einst der Meinung, in der Zeit nach Bach sei es zu einem Verfall der Kirchenmusik gekommen. Michael Alexander Willens macht mit dieser CD deutlich, dass es sich bei diesem Diktum um ein Vorurteil handelt. Fünf Kantaten sind hier in Ersteinspielung zu hören – und jede von ihnen überzeugt. Ausgewählt wurden Werke der Bach-Zeitgenossen Christoph Förster (1693 bis 1745) und Gottfried Heinrich Stölzel (1690 bis 1749) sowie Kanta- ten der nachfolgenden Generation, sie stammen von Gottfried August Homilius (1714 bis 1785) und Johann Heinrich Rolle (1716 bis 1785). Entstanden sind sie für den Gebrauch im evangelischen Gottesdienst; auch ihre Struktur ist jeweils ähnlich: Auf einen üppigen Eingangschor folgen abwechselnd Rezitative und Arien, und zum Schluss erklingt eine Choral- strophe. 
Überaus prächtig beginnt die CD mit Kreuzkantor Homilius' Erhöhet die Tore der Welt, besetzt sogar mit drei Trompeten nebst Pauken – eine beeindruckende Huldigung an den kommenden Herrscher der Erden, die mit einer deutschen Nachdichtung des Te Deum endet. Die Kantate Künd- lich groß ist das gottselige Geheimnis von dem Gothaer Hofkapellmeister Gottfried Heinrich Stölzel hingegen ist für den dritten Weihnachtstag bestimmt und daher kunstvoll mit kammermusikalischen Mitteln gestaltet, sie weicht auch in ihrer Struktur vom oben beschriebenen Schema ab: Auf Rezitative wird verzichtet, dafür erklingt zwischen den beiden Arien, die das Geheimnis und seine Auswirkungen beschreiben, eine zusätzliche Choralstrophe. 
Christoph Förster, zunächst Kammermusiker und Konzertmeister in Merseburg, nach dem Tode seines Dienstherrn dann ab 1743 Vize-Kapellmeister ohne feste Besoldung in Rudolstadt, setzt für seine Kantate Ehre sei Gott in der Höhe ganz auf festlichen Glanz. Pauken und Trompe- ten erklingen in den Chören, und in der zentralen Arie wetteifert der Sopran in Koloraturen mit einer konzertierenden Traversflöte. 
Gleich mit zwei Kantaten vertreten ist Johann Heinrich Rolle, Musikdirek- tor in Magdeburg. Wer sich für Details der Biographien aller vier Musiker interessiert, der kann sie hier im Blog an anderer Stelle finden – am ein- fachsten übrigens durch Klicken auf den jeweiligen Namen unten bei den Labels. Einmal mehr fragt man sich beim Anhören dieser stimmungsvollen Musik, wie es sein kann, dass Rolle und sein Schaffen derart in Vergessen- heit geraten konnten. In seiner Weihnachtskantate Siehe, Finsternis bedecket das Erdreich stellt er eindrucksvoll – auch klanglich – die dunk- len Mächte der Hölle und das strahlende Licht der Gnade Gottes einander gegenüber. In Jauchze, du Tochter Zion hingegen steht der Weihnachts- jubel im Mittelpunkt. Mit dem exzellenten Vokalisten-Doppelquartett, ergänzt durch den Tenor Georg Poplutz, und den ebenfalls exquisiten Instrumentalisten der Kölner Akademie hat Willens einmal mehr die Raritätenkollektion des Labels cpo um eine wertvolle Einspielung berei- chert. Grandios!

Montag, 12. Dezember 2016

Telemann: Advent Cantatas (cpo)

Georg Philipp Telemann (1681 bis 1767) war stets darauf bedacht, seine Werke drucken und breit vertreiben zu lassen. Den Kantatenjahrgang 1726/1727 hat der Komponist daher gleich so gestaltet, dass Arien aus den Kantaten herausgelöst und separat musiziert werden können. Diesen „Auszug“ publizierte er in einzelnen Lieferungen, die parallel nach Beginn des Kalenderjahres verfügbar waren. 
In seinem Vorwort schreibt Tele- mann, seine Sammlung sei für den Privatgebrauch vorgesehen – also in erster Linie für die häusliche Andacht in gutbetuchten Kreisen; und deshalb sind die Gesangpartien so geschrieben, dass sowohl für hohe als auch für tiefere Stimme jeweils passende Stücke zu finden sind. Und auch wenn die Arien im Original mit Instrumenten begleitet werden, sei das Continuo eigens mit dem Ziel verfasst worden, dass die ursprüngliche Begleitung, so Telemann, „verhoffentlich nicht vermisset werden wird“. 
Kantaten-Arien für die Advents- und Weihnachtszeit aus dieser Kollektion hat die Sopranistin Gudrun Sidonie Otto mit ihrem GSO Consort und dem Bariton Ingolf Seidel im Jahre 2013, jahreszeitlich passend, in einem Konzert im Rahmen der Magdeburger Sonntagsmusiken vorgetragen. Ein kurzes Gastspiel gibt zudem der Altus David Erler, begleitet von Caroline Kang, Violoncello, Karl Nyhlin, Gallichon, und Aleksandra Grychtolik, Cembalo/Orgel. Der Live-Mitschnitt ist nun bei cpo erschienen. 
Die Arien beziehen sich auf die Evangelien des jeweiligen Sonntages. Es wird vermutet, dass die Texte der Eisenacher Musiker und Sekretär Johann Friedrich Helbig geschrieben hat. Telemanns Vertonung setzt das Wort eindrucksvoll in Musik um. Allerdings lässt die Beschränkung auf eine Singstimme und Generalbass, bei aller Bemühung der Ausführenden, nach einer gewissen Zeit dann doch Abwechslung vermissen. Christine Schwark, Violoncello, Michael Freimuth, Laute und Theorbe, und Wolf- gang Brunner, Cembalo und Orgelpositiv, bringen die Klangfarben ihrer Instrumente gekonnt zum Einsatz – doch irgendwann kommt beim Zuhörer Sehnsucht nach den originalen Ritornellen und Melodie-Instru- menten auf.

Sonntag, 20. November 2016

Hoffmann: Symphony - Ouvertures (cpo)

Für ein Festkonzert zum Geburtstag des preußischen Königs im Jahre 1806 komponierte Ernst Theodor Wilhelm Hoffmann (1766 bis 1822) seine Sinfonie in Es-Dur. Der Jurist war in Warschau als Regierungsrat tätig, und fand nebenbei noch genug Muße zum Musizieren, Komponieren und dafür, die Musikalische Gesell- schaft zu gründen und zu leiten, ein Liebhaberorchester. Dieses Ensemble hat auch, dem König zum Preise und zur Feier der Einrichtung eines Konzertsaales im Mniszekschen Palais, Hoffmanns einzige Sinfonie uraufgeführt. 
Sie hat Haydns Londoner Sinfonien zum Vorbild, ist aber dennoch in der musikalischen Substanz und in den durchaus auch witzigen Ideen ein echter Hoffmann. Und wer genauer hinhört, der wird feststellen, dass sie sehr sorgfältig gearbeitet worden ist. Insofern ist das Werk ein Solitär, und man kann Michael Alexander Willens nur dankbar dafür sein, dass er sie mit der Kölner Akademie eingespielt hat, in Begleitung der Ouvertüren zu den Opern Undine und Aurora. Es sind dies die beiden letzten Opern Hoff- manns; sie gelten als die beiden ersten deutschsprachigen romantischen Opern überhaupt. 
Komplettiert wird die CD durch die Sinfonia in A-Dur von Friedrich Witt (1770 bis 1836). Er war Cellist, wirkte zeitweilig in der Oettingen-Waller- steinschen Hofkapelle, und wurde 1802 Kapellmeister in Würzburg. Die Kölner Akademie musiziert auch hier historisierend, sehr klar strukturiert und mit einem guten Gespür für die Tempi und für Details. Sehr gelungen!

Montag, 14. November 2016

Fasch: Overture Symphonies (cpo)

Bereits zum zweiten Male widmen sich Les Amis de Philippe dem Schaffen von Johann Friedrich Fasch (1688 bis 1758), insbesondere dessen Ouvertüren. Enthielt die erste CD groß besetzte Werke, die für den Dresdner Hof entstanden sind, so hat sich das Ensemble, das unter der Leitung von Ludger Rémy bereits etliche Raritäten der mitteldeutschen Musikgeschichte aufgespürt und aufgeführt hat, nun den Ouvertüren-Sinfonien des Zerbster Hofkapell- meisters zugewandt. 
Entstanden sind diese Musikstücke als Weiterentwicklung der Gattung Ouvertüre, die Fasch lange Jahre sehr erfolgreich pflegte – mehr als 80 solcher Suiten sind überliefert. Sie wurden nicht nur am Anhalt-Zerbster Hof geschätzt, sondern offenbar auch in Dresden, wo Konzertmeister Johann Georg Pisendel in seiner Musikalien- sammlung über etliche dieser Werke seines alten Freundes aus Leipziger Studientagen verfügte. 
Um 1740 allerdings kam die traditionelle Orchestersuite, die nach einer Einleitung eine Folge von Tänzen aneinanderreihte, aus der Mode: „Nur ist, wegen der guten Wirkung welche die Ouvertüren thun, zu bedauern, daß sie in Deutschland nicht mehr üblich sind“, schrieb Johann Joachim Quantz 1752 in seinem Versuch einer Anweisung die Flöte traversiére zu spielen. 
Fasch reagierte darauf, indem er französische Ouverture und italienische Sinfonie, nach dem Vorbild Vivaldis, miteinander verknüpfte. Das Ergeb- nis ist hinreißend; auf die Ouvertüre lässt Fasch einen expressiv-galanten langsamen Mittelsatz folgen, mitunter ergänzt durch ein weiteres Stück im Stile antico, bevor dann, wie in einer italienischen (Opern-)Sinfonie, ein flottes Allegro zum Finale erklingt. Professor Manfred Fechner, der die Aufführungspartituren für diese CD aus Dresdner Handschriftenbeständen erarbeitet hat, stellt in seinem Geleitwort im Beiheft fest, dass insbesondere die Mittelsätze in ihrer Klangsprache sehr innovativ sind und weit in die Zukunft weisen. 
Zuhörern, die sich weniger für Musikgeschichte interessieren, bietet diese CD in jedem Falle erlesene Unterhaltung. Faschs Musik ist ausgesprochen abwechslungsreich und beeindruckt mit einer enormen Vielfalt an Ideen und Klangfarben. Sie wird durch Les Amis de Philippe elegant vorgestellt. Ludger Rémy, dem Cembalisten und Leiter dieses Ensembles, noch nach- träglich herzlichen Glückwunsch zur Auszeichnung mit dem Fasch-Preis, der seit 1993 für besondere Verdienste um Popularisierung bzw. Erfor- schung des Lebens und der Werke des Komponisten verliehen wird.

Dienstag, 19. Juli 2016

Anne Hunter's Salon - Joseph Haydn (cpo)

Dr. John Hunter (1728 bis 1793), war ein berühmter Chirurg und Anatom; er gilt als Vater der modernen Chirur- gie und der Pocken-Reihenimpfung. Seine Gattin Anne führte in London einen ebenso berühmten Salon. Sie interessierte sich für die Dichtkunst, schrieb auch selbst Verse – und inspirierte Joseph Haydn (1732 bis 1809), der in ihrem Hause offenbar ein und aus ging. 
Zwischen 1791 und 1805 schuf Haydn im Auftrag schottischer Musikverleger 426 (!) Arrangements zu vermeintlichen Volksliedern; in Wahrheit scheint es sich dabei eher um Salonmusik gehandelt zu haben. Allerdings erhielt er für diese Tätigkeit, die sehr gut bezahlt wurde, nur Melodien, wie  Ludger Rémy in seinem informativen, langen Aufsatz im Beiheft berichtet: Der Komponist mahnte mehrfach, man möge ihm doch bitte Texte mitliefern – doch diese scheinen die Verleger erst nachträglich hinzugefügt zu haben. Verwendet wurden Gedichte von Robert Burns bis zu Anne Hunter. 
Dorothee Mields, eine der führenden Interpretinnen für die Musik des
17. und 18. Jahrhunderts, stellt auf dieser CD eine Auswahl Schottischer Lieder und Englischer Canzonetten von Joseph Haydn vor. Begleitet wird die Sopranistin dabei vom Ensemble Les Amis de Philippe, insbesondere Eva Salonen, Violine, und Gregor Anthony, Violoncello, mit Ludger Rémy am Klavier – welches, erfährt man leider nicht; dafür enthält das Beiheft aber lange Passagen über London und die dort lebenden Menschen zur Zeit Haydns.