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Mittwoch, 17. November 2010

Bach: Goldberg-Variations / Canonic Variations (Etcetera)

Die Goldberg-Variationen gehören wahrscheinlich zu den am häufig- sten eingespielten Werken über- haupt. Der niederländische Orga- nist, Cembalist und Musikwissen- schaftler Pieter Dirksen hat sich mit Bachs Werk gründlichst be- schäftigt - und dann beschlossen, noch eine weitere Aufnahme vorzulegen. Denn mit dem, was Generationen von Pianisten aus den Goldberg-Variationen gemacht haben, ist er nicht zufrieden: "Ich kenne kein anderes Hauptwerk der westlichen Musikgeschichte, bei dem die Intentionen eines Komponisten heute so systematisch ignoriert werden."
Dirksen setzt sich nicht mit seinen Vorgängern auseinander; die berühmte Einspielung mit Glenn Gould sieht er als den ultimativen Beweis dafür, dass die Goldberg-Variationen auf dem Klavier nicht angemessen wiedergegeben werden können. Er selbst geht einen anderen Weg. "Diese Aufnahme versucht den Intentionen Bachs soweit wie möglich gerecht zu werden. Natürlich ist ein zweimanua- liges Cembalo das einzige infrage kommende Instrument, wie Bach deutlich auf seiner Titelseite bemerkt", schreibt Dirksen im Beiheft. 
Er suchte nach einem Cembalo, das den Anforderungen des Werkes möglichst optimal entspricht - und entschied sich für die Kopie eines Instrumentes von Johannes Ruckers, eines berühmten flämischen Cembalobauers des 17. Jahrhunderts, aus der Werkstatt von Sebastián Nunez, Utrecht. Es bietet neben einem ausgewogenen Klangbild den gewünschten Umfang von viereinhalb Oktaven, und zwei gleich starke, zugleich aber etwas unterschiedlich intonierte Achtfuß-Register. "Und so ideal wie eine gute Stradivari für Bachs Musik für Solovioline sein mag, so scheint mir eine ausgezeichnete Kopie eines Instrumentes vom berühmtesten Cembalobauer der Geschichte gerade richtig, den Olymp des Cembalorepertoires zu besteigen", so der Musiker. 
Auch bei der Wahl der Tempi bemüht sich Dirksen, Bach getreu zu folgen. Das bedeutet vor allem, Extreme zu meiden: "Zu schnelle Tempi tendieren bei den doppelmanualigen Variationen dazu, ihre reiche Polyphonie und Motivik zu verschleiern, während zu lang- same Tempi z.B. in der berühmten 25. Variation dazu tendieren, die geigerische Inspiration und Phrasierung in der Stimme der rechten Hand zu verhüllen." Wiederholungen spielt er so, wie sie Bach vorgegeben hat. Das hat den Vorteil, dass der Zuhörer die Musik ungekürzt und in voller ursprünglicher Länge genießen kann - und ein Genuss ist diese Aufnahme. Sie atmet, schwebt und lebt; sie zeigt die musikalische Substanz in ihrer ganzen Pracht und macht Strukturen durchhörbar. 
Und als besonderes Bonbon enthält die Doppel-CD noch Bachs zweites großes Variationswerk - die Canonischen Veränderungen über das Weihnachtslied Vom Himmel hoch, da komm ich her, komponiert für die Orgel. Dirksen spielt sie auf einer Orgel von Albertus Anthoni Hinsz in der Petruskerk Leens aus dem Jahre 1733 - und auch hier überzeugt er durch tiefe Demut vor Bachs Werk: "Ich will es gar nicht besser wissen als Bach", meint der Musiker. Und damit weiß er es zumindest besser als viele seiner Zeitgenossen. Für mich gehört diese Aufnahme zu den musikalischen Ereignissen des Jahres - Dirksen musiziert historisch informiert, aber vom ersten bis zum letzten Ton lebendig und mit einem Engagement, das begeistert.

Montag, 1. November 2010

Bach: Die Leipziger Orgelchoräle (MDG)

Die Orgel war für Johann Sebastian Bach zeitlebens ein wichtiges Instrument. Zwar gab er 1717 den Beruf des Organisten auf, um zu- nächst als Kapellmeister nach Köthen und dann als Thomaskan- tor nach Leipzig zu gehen. Doch als Orgelexperte war er bei der Ab- nahme neuer Orgeln sehr gefragt, und er spielte nachweislich auch drei große Orgelkonzerte in Dresden.
Gerade in seinen letzten Lebens- jahren wendete sich Bach wieder intensiv der Orgelmusik zu. So überarbeitete er Orgelwerke, die er in seiner Weimarer Zeit geschaffen hatte. In der Staatsbibliothek zu Berlin befindet sich eine Handschrift, in der auf die Sechs Triosonaten BWV 525-530 zunächst 17 Orgelchoräle sowie die Canonischen Veränderungen über Vom Himmel hoch BWV 769 folgen, die Bach wohl 1747/48 komponierte. 
Und er schuf die Kunst der Fuge, die er jedoch nicht vollendete. "Zum Ersatz des Fehlenden an der letztern Fuge ist dem Werke am Schluß der 4stimmig ausgearbeitete Choral: Wenn wir in höchsten Nöthen sind etc. beygefügt worden", schrieb Bach-Biograph Johann Nikolaus Forkel. "Bach hat ihn in seiner Blindheit, wenige Tage vor seinem Ende seinem Schwiegersohn Altnikol in die Feder dictirt. Von der in diesem Choral liegenden Kunst will ich nichts sagen; sie war dem Verf. desselben so geläufig geworden, daß er sie auch in der Krank- heit ausüben konnte. Aber der darin liegende Ausdruck von frommer Ergebung und Andacht hat mich stets ergriffen, so oft ich ihn gespielt habe, so daß ich kaum sagen kann, was ich lieber entbehren wollte, diesen Choral, oder das Ende der letztern Fuge." 
Mit diesem legendären Fragment jedenfalls endet die oben benannte Handschrift. Diese 18 Leipziger Choräle sowie die Canonischen Ver- änderungen spielte der junge kanadische Organist Craig Frederick Humber 2007 für Dabringhaus und Grimm auf der Silbermann-Orgel in der Freiberger Petri-Kirche ein. Sie ist die größte zweimanualige Silbermann-Orgel, und Humber ist von diesem Instrument begeistert: "Erlesen im Klang, beweist sie hohe barocke Handwerks- und Konstruktionskunst und verfügt über Atmung und Ausmaße, die auch doppelt so große Orgeln bei weitem übertreffen", schreibt der Organist im Beiheft. "Ich war sofort beeindruckt von diesem Zauber, dieser Raffinesse und konnte vor allem das Herz und die Seele ihres Erbauers in diesem einzigartigen Instrument hören. Welches Instrument wäre besser geeignet, die Tiefe und Komplexität der Leipziger Choräle hervorzuheben, den Reichtum der Klangfarben, als die Mannigfaltigkeit und Brillanz dieser imposanten Orgel?"
Diese Faszination überträgt sich auf den Hörer dieser Aufnahme. Humber spielt virtuos und registriert klug; er zeigt aber nicht nur Klangfarben, sondern auch musikalische Strukturen auf. Der Organist nutzt zudem für diese Einspielung alle Register der Orgel zu St. Petri, und macht so diese CD zugleich zu einem Porträt dieses Instrumentes. Beeindruckend!