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Montag, 6. September 2021

Bach: Goldberg Variations (MDG)


 Das Berlage Saxophone Quartet spielt Bachs Goldberg-Variationen. Für seine Kollegen vom Berlage Saxophone Quartet hat Peter Vigh Bachs grandioses Werk vollkommen neu instrumentiert, und dabei höchst interessante Klangfarben zum Vorschein gebracht. 

Anders als etwa ein Streichquartett, dessen Besetzung quasi unveränderlich feststeht, nutzen die Saxophonisten jeweils unterschiedliche Instrumente – zehn sind es insgesamt. Lars Niederstrasser, Peter Vigh, Juani Palop und Eva van Grinsven haben sich für dieses Aufnahmeprojekt zudem unter Anleitung durch den Barockspezialisten Walter van Hauwe intensiv mit der historischen Musizierpraxis auseinandergesetzt. 

Im Ergebnis haben die Saxophonisten einen sehr individuellen Zugang zu Bachs Komposition gefunden: Fast entrückt wirkt die Aria, mit der der Zyklus beginnt. Jede Variatio erhält dann einen ganz eigenen Charakter. Das Berlage Saxophone Quartet überrascht mit einer großen Klarheit. Es ist, als hätte man die Goldberg-Variationen noch nie gehört; man sitzt förmlich auf der Stuhlkante, bis dann die Aria abschließend erneut erklingt. Unbedingt anhören, höchst spannend! 


Dienstag, 10. August 2021

Bach: Goldberg Variations; Kraggerud (Simax)


 Kann man die Goldberg-Variationen von Johann Sebastian Bach auch mit einem Kammerorchester aufführen? Bernt Simen Lund und Henning Kraggerud haben ein Arrangement dafür geschrieben, das dem Original auf faszinierende Weise gerecht wird – und das Arctic Philharmonic Chamber Orchestra musiziert obendrein hinreißend. Eine der schönsten Aufnahmen der Goldberg-Variationen überhaupt. 

Kombiniert wird Bachs berühmtes Werk mit Topelius Variations, mit denen Henning Kraggerud dem finnischen Historiker und Poeten Zacharias (Zachris) Topelius (1818 bis 1898) seine Referenz erweist. 


Donnerstag, 26. Dezember 2019

Bach: Goldberg Variations (Supraphon)

Kann man die Goldberg-Variationen von Johann Sebastian Bach auch mit einem Holzbläser-Trio spielen? Václav Vonášek hat versucht, ein Arrangement für diese Besetzung anzufertigen, musste aber bald feststellen: Es „fehlt eine Tenorstimme, die den Freiraum zwischen der Klarinette und dem Fagott füllt.“ Es funktionierte nicht, berichtet der Fagottist: „Von allen Variationen konnten bei bestem Willen nur etwa die Hälfte umgeschrieben werden.“ Und so wurde aus dem Terzett aus Oboe, Klarinette und Fagott das Arundo Quartett: „Das Bassetthorn erwies sich als eine ausgezeichnete Wahl, nicht nur dank seines Tonumfangs von der großen bis zur dreigestrichenen Oktave, aber auch dank seiner Fähigkeit, sich farbig mit anderen Instrumenten zu verbinden“, schreibt Vonášek. „Der Klang des Ensembles gewann an Fülle und Kompaktheit und der Weg zu den Goldberg-Variationen war frei.“ 
Jan Souček, Oboe, Jan Mach, Klarinette, Karel Dohnal, Bassetthorn und Václav Vonášek, Fagott, musizieren exquisit und bescheren uns eine der schönsten Aufnahmen der Goldberg-Variationen überhaupt. Denn die Holzbläser mit ihrem ebenso ausgewogenen wie farbenreichen Klang erweisen sich als perfekte Besetzung dafür. Und als Zugabe spielen die vier Musiker anschließend noch die Orchestersuite BWV 1066. Bravi! 

Montag, 5. November 2018

Bach: Goldberg Variations (Brilliant Classics)

Dieses musikalische Projekt nahm seinen Anfang im Sommer 2015, als das Blockflötenquintett Seldom Sele- ne zum Internationalen Kammermu- sikfestival in Utrecht eingeladen war. Die künstlerische Leiterin, die Geigerin Janine Jansen, hatte die Goldberg-Variationen von Johann Sebastian Bach in den Mittelpunkt des Festivalprogrammes gestellt. Jedes Ensemble sollte sich mit dieser Musik auseinandersetzen – und die fünf Musikerinnen von Seldom Selene arrangierten einige der Variationen speziell für Blockflöten. 
„The process and the result motivated us to carry on and prepare an arrangement of the entire work“, schreibt María Martínez Ayerza im Beiheft zur CD. „It may seem surprising that aan ensemble of five musicians chooses to arrange and perform a work which is mostly written in two or three parts, four at most. (..) However, in most tracks you will hear us all: due to the relatively small range of the recorder, five players are needed to play the complete Goldberg Variations comfortably without making any modifications, which, for us, is an essential condi- tion.“ 
Die fünf Flötistinnen musizieren subtil und routiniert; Registerwechsel erfolgen so dezent, dass sie kaum wahrzunehmen sind. Auch ihre Instru- mente harmonieren klanglich ausgezeichnet, obwohl sie von einem Dutzend (!) unterschiedlichen Flötenbauern auf drei Kontinenten ange- fertigt worden sind. So bietet diese exquisite Version von Bachs Clavier Übung, auch wenn sie diesmal nicht auf einem Clavicimbal ausgeführt wird, Wohlklang pur. Hinreißend schön! 

Sonntag, 21. Oktober 2018

Bach: Goldberg Variationen (Brilliant Classics)

Die Goldberg-Variationen von Johann Sebastian Bach gelten als eines jener Werke, an denen die Qualitäten von Pianisten und Cembalisten deutlich werden. Nicht wenige Tastenspezialisten arbeiten an diesem Zyklus ein Leben lang. 
Auch Pieter-Jan Belder hatte die Clavier Ubung / bestehend / in einer Aria / mit verschiedenen Veraende- rungen schon einmal eingespielt. Der niederländische Cembalist zeigt nun, nach 15 Jahren, wie sich seine Sicht auf dieses ikonische Werk verändert hat. In ebenso launigen wie kenntnisreichen Anmerkungen im Beiheft erläutert der Musiker zudem, was ihn an den Goldberg-Variationen so fasziniert. 
Auch der Zuhörer wird fasziniert sein, denn Belders Einspielung ist sehr differenziert und gelungen. Als Instrument wählte er ein zauberhaftes Cembalo von Titus Crijnen aus dem Jahre 2014 nach einem Vorbild aus der Werkstatt Johannes Ruckers' von 1624. 

Montag, 23. April 2018

Bach: Goldberg Variations / Buxtehude La Capricciosa (Capriccio)

Mit den Goldberg-Variationen
BWV 988 von Johann Sebastian Bach beschäftigt sich Christine Schorns- heim schon seit vielen Jahren. „Angefangen hat es bei mir bereits während meines Klavierstudiums, und unvergessen bleiben mir einige Stunden bei Amadeus Webersinke, der mit 1980 in einem Meisterkurs gehörig den Kopf gewaschen hat und mit unnachgiebiger Strenge versuchte, mir meinen bis dahin offensichtlich recht oberflächlichen Blick auf das Werk auszutreiben“, erinnert sich die Cembalistin. „Am Ende dieses Kurses gab es dann noch die freundliche Ermahnung, die Variationen immer und immer wieder zu studieren und den hoffnungsvollen Satz ,später werden Sie diese Variationen sicher gut spielen!'.“ 

Mittlerweile gibt die Musikerin selbst Meisterklassen; mit Leidenschaft unterrichtet Christine Schornsheim als Professorin für historische Tasteninstrumente Studierende an der Münchner Musikhochschule. Die Goldberg-Variationen hat sie schon vor mehr als 25 Jahren eingespielt. Dass sie sich nun noch einmal von Grund auf mit dem Werk befasste, verdanken wir dem Cembalobauer Christoph Kern. Denn er ermunterte die Musikerin, die Aria mit 30 Veränderungen ein zweites Mal aufzu- nehmen. Er hat auch das Cembalo angefertigt, das hier zu hören ist, nach einem Vorbild, gebaut von Michael Mietke um 1710 in Berlin. 
Schornsheim ließ sich auf das Experiment ein. Dafür kombinierte sie die Goldberg-Variationen mit einem anderen, ebenso bedeutenden, allerdings weit weniger populären Variationswerk – der Aria ,La Capricciosa' BuxWV 250 von Dieterich Buxtehude. (Diese Gegenüberstellung lässt noch immer erahnen, warum der junge Bach seinerzeit zu Fuß von Arnstadt nach Lübeck wanderte, um bei dem älteren Kollegen zu lernen.) „Viele Querverbindungen zeigen sich bei näherer Betrachtung beider Werke“, unterstreicht die Cembalistin im Beiheft. „Die rein norddeutsche Orgel- und Cembalotradition durchbricht Buxtehude bei ,La Capricciosa'. Indem er sich einer in Italien beheimateten Bergamasca als Thema bedient. Dieses Thema wiederum finden wir leicht verändert als ;Kraut und Rüben haben mich vertrieben' im Quodlibet der ,Goldbergvaria- tionen' wieder. Dass wir es bei beiden Werken mit 32 Stücken zu tun haben, wird auch kein Zufall sein.“ 
Zu jedem dieser insgesamt 64 Stücke findet Schornsheim einen indivi- duellen Zugang; die Cembalistin besteht auf differenziertem Gestus und Ausdruck. Außerdem spielt sie virtuos und mit Temperament, was es zu einem großen Vergnügen macht, ihr zuzuhören. 

Freitag, 5. Januar 2018

Goldberg Variations - Aulos Quartett (MDG)

Die sogenannten Goldberg-Variatio- nen BWV 988 gehören zu den bekanntesten Werken von Johann Sebastian Bach (1685 bis 1750) überhaupt. Experten vermuten, dass die Clavier Übung bestehend in einer Aria mit verschiedenen Veraende- rungen vors Clavicimbal mit 2 Manualen, so der tatsächliche Titel, eigentlich der vierte Teil von Bachs Tastenmusik-Kompendium Clavier Übung ist. 
Weil diese Komposition so beliebt, aber auf einem modernen (ein- manualigen) Klavier gar nicht so einfach zu spielen ist, existieren mittlerweile zahlreiche Bearbeitungen. Eine besonders reizvolle stellt das Züricher Aulos Quartett auf einer CD vor, die bei Dabringhaus und Grimm erschienen ist. Sie stammt von Martin Gebhardt, und beruht ihrerseits auf einer Fassung für zwei Klaviere von Josef Gabriel Rheinberger aus dem Jahre 1883. Dieser „beabsichtigte mit seiner Arbeit eine weitere Verbreitung des Werkes, sowie dessen Aufführung im grossen Konzertsaal“, schreibt der Oboist im Beiheft. „Aus diesem Anlass hatte er zwei- und dreistimmige Passagen gleichermassen behutsam wie kunstvoll ergänzt.“ 
Diese Idee wurde durch das Aulos Quartett klug genutzt: Die Aufteilung der Stimmen auf vier Instrumente – Martin Gebhardt, Oboe, Roswitha Kilian, Violine, Miriam Moser, Tenor-Oboe und Rebecca Firth, Violoncello – erweist sich als ein Kunstkniff, der ganz erstaunlich zur Wahrnehm- barkeit der kontrapunktischen Strukturen beiträgt. Auch die gemischte Besetzung mit Streichern und Bläsern sorgt für Transparenz. Die beiden Oboen, vor allem auch die in der tiefen Lage, sorgen zudem für einen äußerst interessanten, farbenreichen Gesamtklang. Sehr hörenswert! 

Samstag, 10. September 2016

Bach: Goldberg Variations; Esfahani (Deutsche Grammophon)

Mahan Esfahani hat bei der Deutschen Grammophon nun die Goldberg-Variationen von Johann Sebastian Bach eingespielt – eines der großen Rätsel der Musikge- schichte. „I haven`t the foggiest notion what Bach's 'Goldberg' Variations 'are' and I find most of the cosmological and numerological chatter around them to be tremen- dously irritating, but I cannot deny that I find a great deal of narrative and life beyond the score when I play them“, merkt der iranische Cembalist an. Die Variationen, die im letzten Lebensjahrzehnt des Komponisten entstanden sind, bieten  sowohl eine Lebensbilanz als auch einen Blick darauf, wie er als Musiker auf Inno- vationen reagierte: „We hear this from the charming polonaise of the first variation (..) and the Scarlattian arabesques of the first variation to the obvious feast-day cantata-band in the sixteenth variation. Then there is the wind trio à la Dresde in the canon in unison (Var. 3) and, in the canon in contrary motion at a fifth (Var. 15), what sounds like a wordless vocal setting from a never composed Passion“, berichtet Esfahani. „Whenever I play the canon at the octave (Var. 24), I cannot help but imagine the grand ensemble of horns and strings in the opening movement of the cantata Sie werden aus Saba alle kommen (BWV 65). Other variations seems to come from outer space (Var. 25, while the last nine variations always remeind me of the final two Cantos from Dante's Inferno. And, when we finally reach the Quodlibet (Var. 30), Sebastian plays Virgil to our Dante – and, as we walk out of the earth to riveder le stelle (see again the stars), we meet the Bach family singing their village songs and laughing heartily, exclaiming: 'See? After all these fireworks, life's really about cabbages and potatoes.'“ 
Der alte Thüringer Kanon Kraut und Rüben erklingt in der Tat, neben der heute nicht mehr so bekannten Melodie Ich bin so lang nicht bei dir gwest, im Quodlibet – kurz bevor sich der Kreis schließt, und die Variationen mit einer Wiederholung der Aria enden. Und bei aller Berufung auf Wanda Landowska, Zuzana Rûzicková oder gar Ferruccio Busoni: Die Interpre- tation von Mahan Esfahani erinnert vielfach an eine Einspielung mit Keith Jarrett, aus dem Jahre 1989, abgesehen freilich von Esfahanis Neigung zum extrabreiten Rubato. Ganz ehrlich: Das irritiert, und wirkt ein wenig aus der Zeit gefallen. 
Esfahani, klassisch ausgebildet, hat bereits mit seinem brillanten Debüt- album Time Present and Time Past, in Zusammenarbeit mit dem Ensemble Concerto Köln, eindrucksvoll demonstriert, dass „alte“ und „neue“ Musik keineswegs Gegensätze sind. Die Deutsche Grammophon hatte mit diesem Album, eigenen Angaben zufolge die erste Cembalo-Veröffentlichung seit über 30 Jahren bei diesem Label, ohne Zweifel einen großen Wurf gelandet – und die Goldberg-Variationen sind durchaus eine würdige Fortsetzung. Der Cembalist liest Partituren aus der tiefen Einsicht in die Musikgeschich- te heraus, und macht auch seinem Publikum Muster deutlich, die er dabei aufgespürt hat. Das Ergebnis aber klingt keineswegs akademisch-spröde, sondern hinreißend lebendig. 
In der Auseinandersetzung mit den Goldberg-Variationen nähert sich Esfahani verblüffenderweise jener Werkauffassung an, zu der auch der Jazzmusiker Keith Jarrett einst gelangt war, auch wenn dieser mit Bachs großem Variationszyklus insgesamt noch etwas freier umgeht als sein junger Kollege. 
Ein klangschönes Cembalo, nebenbei bemerkt, konnte Esfahani für diese Einspielung nutzen. Das Instrument hat Huw Saunders, London, im Jahre 2013 als Nachbau eines Originals von Johann Heinrich Harraß aus dem thüringischen Großbreitenbach, entstanden um 1710, angefertigt. Ein ähnliches Instrument, es befindet sich im Berliner Musikinstrumenten-Museum der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, soll einst Wilhelm Friede- mann Bach von seinem Vater geerbt haben. Leider ist es heute nicht mehr spielbar. Es wird berichtet, dass Harraß dieses „Bach-Cembalo“ nach Bachs Vorgaben und norddeutschem Vorbild für den Musiker angefertigt haben soll, als dieser noch in Arnstadt wirkte. Belegt ist das nicht. Sowohl das Sondershäuser als auch das Berliner Harraß-Cembalo wurden vielfach nachgebaut. 

Dienstag, 28. Juni 2016

Goldberg Variations (Genuin)

Die Goldberg-Variationen von Johann Sebastian Bach gehören zu den Gipfeln der Klavierliteratur. Es gibt wohl keinen Pianisten, der diese Musik nicht sorgsam studiert hat. Kaum ein anderes Werk wurde so oft eingespielt; die Liste ist lang, und sie gleicht einer Aufzählung der großen Namen – von Glenn Gould bis zu Grigory Solokov, von Keith Jarrett bis zu Wilhelm Kempff und von Wanda Landowska bis hin zu Andras Schiff. 
Es ist also ein Wagnis, wenn sich eine junge Musikerin für ihre allererste CD gerade dieses Werk aussucht. Es kann ein Abenteuer sein, eine gezielte Provokation oder aber ein Statement. Letzteres dürfte bei Marie Rosa Günter, Jahrgang 1991, zu vermuten sein. Ein kurzer Text im Beiheft beweist, dass sie in der Lage ist, Musik blitzgescheit zu reflektieren. Dabei beschreibt sie musikalische Strukturen mit poetischen Bildern. Hörbar machen kann sie diese aber auch. Die in Hannover ansässige Pianistin spielt die Goldberg-Variatio- nen so wohlüberlegt und mit derart überragender pianistischer Technik, dass man nur staunen kann. Ein großartiges Debüt – den Namen Marie Rosa Günter sollte man sich merken. 

Sonntag, 10. April 2016

Bach: Goldberg Variations; Bassoon Consort Frankfurt (MDG)

Das Bassoon Consort Frankfurt spielt die Goldberg-Variationen von Johann Sebastian Bach. Zu hören sind acht Fagotte und ein Kontra- fagott – der Sound ist umwerfend, und auch die Bearbeitung lässt staunen. Eingerichtet hat das berühmte Werk für diese ungewöhnliche Besetzung Henrik Rabien, Professor an der Frankfurter Musikhochschule. Er behält dabei die originale Tonart bei, und rückt das musikalische Gesche- hen lediglich oktavierend abwärts, in den Tonumfang der Fagotte. 
Sie sind in wechselnden Besetzungen zu hören, vom Duo bis zum Nonett. Besondere Glanzpunkte setzt das Kontrafagott, von Stephan Krings brillant gespielt. Doch auch die anderen Mitwirkenden präsentieren sich in Bestform. Lehrende, Studierende und Ehemalige der Fagottklasse von Professor Rabien musizieren gemeinsam in diesem einmaligen Bläserensemble. Sie machen mit dieser Einspielung deutlich, wie flexibel „ihr“ Instrument ist: Von atemberaubender Virtuosität bis zur großen Kantilene und von orchestraler Opulenz bis zum humoristi- schen Auftritt im Quodlibet – wer die Goldberg-Variationen bislang für das längste Schlaflied der Musikgeschichte hielt, der wird durch diese Einspie- lung eines besseren belehrt. Grandios!! Unbedingt anhören! 

Sonntag, 5. August 2012

Bach: Goldberg Variations - Leopold String Trio (Hyperion)

Es geht das Gerücht, die Goldberg-Variationen seien, sozusagen als Schlaflied, für einen Grafen kom- poniert worden, der sich, wenn ihn die Schlaflosigkeit plagte, von einem jungen Musiker daraus vorspielen ließ. Diese hübsche Geschichte erzählt zumindest der erste Bach-Biograph Johann Niko- laus Forkel.
Wer diese Bearbeitung der Clavier Übung bestehend in einer Aria mit verschiedenen Veraenderungen vors Clavicimbal mit 2 Manualen. Denen Liebhabern zur Gemüths-Ergetzung verfertiget von Johann Sebastian Bach anhört, der wird garantiert dabei nicht einschlafen, auch wenn die Aria zunächst wie auf Katzenpfoten daherkommt. 
Dmitri Sitkowetski hat Bachs Musik für Streichtrio arrangiert - und das außerordentlich spannend. Denn er hat nicht einfach nur Stim- men neu verteilt, sondern das Werk für die neue Besetzung komplett neu gedacht. Das ist auch notwendig, denn zum einen klingen Streich- instrumente nun einmal völlig anders als ein Cembalo. Zum anderen geben sie dem Komponisten auch andere Gestaltungsmöglichkeiten; so lassen sich die kontrapunktischen und imitierenden Linien we- sentlich deutlicher aufzeigen, als dies beim Cembalo möglich wäre. Und wo Bach den Cembalisten die Hände überkreuzen lässt, dort setzt Sitkowetski auf den Registerwechsel. Will der Arrangeur den Cemba- lo-Klang imitieren, verwendet er das Pizzicato. Das bringt erstaunlich viel Farbe in das bekannte Werk. 
Das Leopold String Trio spielt diese Bearbeitung als ein zeitgenössi- sches Stück - mit kammermusikalischem, mitunter beinahe orche- stralem Klang, aber nur gelegentlich mit historisierenden Zitaten. Isabelle van Keulen, Lawrence Power und Kate Gould musizieren klug, undogmatisch und mit Gespür für die Gratwanderung. Eine wirklich schöne Aufnahme, die Bach hoch achtet, aber ihn nicht ins Museum stellt. 

Dienstag, 12. Juli 2011

Bach: Goldberg Variations; Angelich (Virgin Classics)

Eigentlich wollte ich über diese Aufnahme von Bachs Goldberg-Variationen nichts schreiben. Denn sie beginnt als ein Ärgernis. Nicholas Angelich schert sich, so scheint es, nicht im Geringsten um alle Erkenntnisse der musikhisto- rischen Forschung. Seine Werkauf- fassung ist zutiefst romantisch. Und während der ersten Varia- tionen meint man, eine weitere Einspielung des berühmten Werkes vor sich zu haben, wie es schon viel zu viele gibt. 
Doch spätestens bei der Variatio 6 Canone all Unisuono a 1 clav. lauscht man gebannt. Denn diese CD erweist sich als atemberaubend gut durchdacht. Angelichs Interpretation setzt ganz auf Ruhe und Gelassenheit, auf Bachs Strukturen, und selbst dort, wo er ein zügiges Tempo wählt, wirken die Variationen nicht rasant, gehetzt und gequält, sondern spielerisch, tänzerisch. Alles entsteht aus Bachs Notentext heraus - Dynamik, Klangfarben, Nuancen, nichts erscheint aufgesetzt, willkürlich, als schmückendes Beiwerk. Jeder Ton, jedes Detail passt in den unerhörten Spannungsbogen, den Angelich hier aufbaut. Zugleich erfasst der Pianist Bachs Musik in einer Tiefe, die weit über alles hinausgeht, was der Markt üblicherweise bietet. Obwohl er einen modernen Konzertflügel spielt, hütet er sich davor, aufzuzeigen, was man mit diesem Instrument heute aus Bach machen könnte - im Gegenteil, er stellt den Bechstein ganz in den Dienst dieser Musik, und nutzt bewusst nur einen Teil der verfügbaren Klangmög- lichkeiten. So gelingt es ihm, Strukturen und Beziehungen hörbar zu machen, wie man das sonst nur bei wirklich guten Einspielungen an einem Cembalo erlebt. Angelich gestaltet seinen Bach nicht nur spannungsreich, sondern auch glasklar durchhörbar. Seine Inter- pretation mag romantisch sein - aber sie ist in sich jederzeit stimmig, und ungemein kurzweilig. 

Mittwoch, 17. November 2010

Bach: Goldberg-Variations / Canonic Variations (Etcetera)

Die Goldberg-Variationen gehören wahrscheinlich zu den am häufig- sten eingespielten Werken über- haupt. Der niederländische Orga- nist, Cembalist und Musikwissen- schaftler Pieter Dirksen hat sich mit Bachs Werk gründlichst be- schäftigt - und dann beschlossen, noch eine weitere Aufnahme vorzulegen. Denn mit dem, was Generationen von Pianisten aus den Goldberg-Variationen gemacht haben, ist er nicht zufrieden: "Ich kenne kein anderes Hauptwerk der westlichen Musikgeschichte, bei dem die Intentionen eines Komponisten heute so systematisch ignoriert werden."
Dirksen setzt sich nicht mit seinen Vorgängern auseinander; die berühmte Einspielung mit Glenn Gould sieht er als den ultimativen Beweis dafür, dass die Goldberg-Variationen auf dem Klavier nicht angemessen wiedergegeben werden können. Er selbst geht einen anderen Weg. "Diese Aufnahme versucht den Intentionen Bachs soweit wie möglich gerecht zu werden. Natürlich ist ein zweimanua- liges Cembalo das einzige infrage kommende Instrument, wie Bach deutlich auf seiner Titelseite bemerkt", schreibt Dirksen im Beiheft. 
Er suchte nach einem Cembalo, das den Anforderungen des Werkes möglichst optimal entspricht - und entschied sich für die Kopie eines Instrumentes von Johannes Ruckers, eines berühmten flämischen Cembalobauers des 17. Jahrhunderts, aus der Werkstatt von Sebastián Nunez, Utrecht. Es bietet neben einem ausgewogenen Klangbild den gewünschten Umfang von viereinhalb Oktaven, und zwei gleich starke, zugleich aber etwas unterschiedlich intonierte Achtfuß-Register. "Und so ideal wie eine gute Stradivari für Bachs Musik für Solovioline sein mag, so scheint mir eine ausgezeichnete Kopie eines Instrumentes vom berühmtesten Cembalobauer der Geschichte gerade richtig, den Olymp des Cembalorepertoires zu besteigen", so der Musiker. 
Auch bei der Wahl der Tempi bemüht sich Dirksen, Bach getreu zu folgen. Das bedeutet vor allem, Extreme zu meiden: "Zu schnelle Tempi tendieren bei den doppelmanualigen Variationen dazu, ihre reiche Polyphonie und Motivik zu verschleiern, während zu lang- same Tempi z.B. in der berühmten 25. Variation dazu tendieren, die geigerische Inspiration und Phrasierung in der Stimme der rechten Hand zu verhüllen." Wiederholungen spielt er so, wie sie Bach vorgegeben hat. Das hat den Vorteil, dass der Zuhörer die Musik ungekürzt und in voller ursprünglicher Länge genießen kann - und ein Genuss ist diese Aufnahme. Sie atmet, schwebt und lebt; sie zeigt die musikalische Substanz in ihrer ganzen Pracht und macht Strukturen durchhörbar. 
Und als besonderes Bonbon enthält die Doppel-CD noch Bachs zweites großes Variationswerk - die Canonischen Veränderungen über das Weihnachtslied Vom Himmel hoch, da komm ich her, komponiert für die Orgel. Dirksen spielt sie auf einer Orgel von Albertus Anthoni Hinsz in der Petruskerk Leens aus dem Jahre 1733 - und auch hier überzeugt er durch tiefe Demut vor Bachs Werk: "Ich will es gar nicht besser wissen als Bach", meint der Musiker. Und damit weiß er es zumindest besser als viele seiner Zeitgenossen. Für mich gehört diese Aufnahme zu den musikalischen Ereignissen des Jahres - Dirksen musiziert historisch informiert, aber vom ersten bis zum letzten Ton lebendig und mit einem Engagement, das begeistert.

Donnerstag, 8. Juli 2010

Bach: The Goldberg Variations (Winter & Winter)

Teodoro Anzellotti spielt Bachs Goldberg-Variationen - auf dem Akkordeon. Und das passt er- staunlich gut, denn der Ausnahme-Akkordeonist hat diese Ausnahme-Komposition sehr geschickt für sein Instrument adaptiert.
Man denkt, das Cembalo sei vom Klang her eher distanziert, das Akkordeon eher proletarisch, erd- verbunden. Doch diese Erwartung wird enttäuscht: In den langsamen Sätzen wirkt das Akkordeon mitunter wie eine Orgel, in den schnellen Teilen aber wird es dem Original erstaunlich ähnlich. Anzellotti überrascht mit einer ausdrucksstarken, intensiven und hinreißend gespielten Interpretation, die partiell geradezu hypnotische Wirkung zeigt. 
Scheinbar mühelos gelingt ihm die Fusion von barocker Aufführungs- praxis und modernem Instrument. Diese Version der Goldberg-Variationen ist hochvirtuos, bis ins letzte Detail stimmig, und sie gehört für mich zu den interessantesten Einspielungen des Werkes überhaupt.

Sonntag, 27. Juni 2010

Bach: Goldberg-Variationen (Raumklang)

Bachs berühmtes Schlaflied - be- arbeitet für Viola da gamba. Man staunt, und fragt sich: Dürfen die das? Die Antwort ist einfach. Denn zu Bachs Zeiten war es durchaus üblich, Werke auf den verschieden- sten Instrumenten zu spielen, zu bearbeiten, und dafür - Affekten- lehre hin, Tonarten her - notfalls auch zu transponieren. 
Die nächste und viel wichtigere Frage lautet also: Können die das?! Die Antwort lautet - und das schon nach ein paar Takten: Ganz eindeutig - ja! Silke Strauf und Claas Harders sind - hörbar - Barockspezialisten, die sich ganz der Viola da gamba verschrieben haben. Sie haben sich das Ziel gesetzt, Bachs Musik mit möglichst wenig Eingriffen in den Notentext für zwei Gamben spielbar zu machen. Dabei übernimmt grundsätzlich jeder Solist die Partie einer Hand; wo es erforderlich ist, werden aber mitunter auch Töne der anderen Stimme mit übernommen. Das ist insbesondere bei den drei- und vierstimmigen Variationen mitunter unausweichlich. Und auch der Tonumfang der Viola da Gamba erzwingt bestimmte Anpassungen.
Strauf und Harders nutzen zudem gewisse spieltechnische Eigen- heiten der Gambe. So entsteht eine vollgültige Gamben-Version der Goldberg-Variationen - und sie ist, zugegeben, auch klanglich sehr attraktiv. Denn die Instrumente haben durchaus ihre Stärken, und diese Besetzung erweist sich als interessante Alternative zum Cembalo. Eine spannende CD - und schon nach wenigen Takten ist ebenfalls klar: Einschlafen wird der Zuhörer bei dieser Musik garantiert nicht.

Samstag, 26. Dezember 2009

Bach: Goldberg-Variationen; Ragna Schirmer (Berlin Classics)


Hermann Freiherr von Keyserlingk, russischer Gesandter am kursächsischen Hofe, erbat einst von Bach "einige Klavierstücke (...) die so sanften und etwas munteren Charakters wären, daß er dadurch in seinen schlaflosen Nächten ein wenig aufgeheitert werden könnte".  Spielen musste sie Keyserlingks exzellenter Cembalist Goldberg, mit dessen Namen sie dann schließlich die Überlieferung verknüpfte. Bach selbst nannte sein Werk schlicht "Clavier-Übung", und bezeichnete es als "Aria mit verschiedenen Veränderungen" - für einen Zyklus diesen Formats wahrlich sehr tief gestapelt.
Das ganze Werk ist um die Zahl 32 herum konstruiert: Die Aria besteht aus 32 Takten, und ihre Bass-Stimme wiederum, auf der die Variation beruht, aus 32 Gerüsttönen. 32 Teile hat das Gesamtwerk; göttliche Ordnung gegen irdisches Leiden und menschliche Schlaflosigkeit. Dennoch zeigt Bach Humor - das Opus endet in einem Quodlibet, in dem deutlich erkennbar der Kehraus "Ich bin so lang nicht bei dir gwest" sowie "Kraut und Rüben haben mich vertrieben" erklingen. Darauf folgt dann die Aria da capo.
Ragna Schirmer gelang mit dieser ihrer allerersten CD seinerzeit ein großer Wurf. Diese Einspielung ist ohne Zweifel zu den Referenz-aufnahmen zu zählen; sie gehört in eine Reihe mit Interpretationen wie jenen von Glenn Gould, Keith Jarrett oder Wilhelm Kempff. Schirmer nimmt die Stücke ruhig, aber zugleich erfasst sie mit beeindruckendem Gespür ihren jeweiligen Charakter, und arbeitet jedes noch so kleine musikalische Detail mit großer Sorgfalt heraus. Chapeau! das ist wirklich hörenswert.