Eyn geystlich Gesangk Buchleyn von Johann Walter (1496 bis 1570), im Druck erschienen 1524, steht am Be- ginn der Tradition protestantischer Choralbearbeitungen. Der Komponist war ein enger Vertrauter Martin Luthers. Er stammte aus dem thüringischen Kahla, studierte in Leipzig, und wollte dann mit diesem Chorbuch eine Karriere als Sänger und Komponist am ernestinischen Hof in Torgau starten.
Leider starb sein Dienstherr, Kurfürst Friedrich der Weise, schon 1525 – und sein Nachfolger, Johann der Beständige, löste 1526 die Hofkantorei auf. Daraufhin gründete Walter die Stadtkantorei, die aus Torgauer Schülern und Bürgern bestand, und den Gottesdienst an der Marienkirche mit der neuartigen Kirchenmusik gestaltete. Damit wurde er zum „Urkantor“ der protestantisch-lutheri- schen Kirche.
Ein Schulkantorat für die muskalische Ausbildung der Schüler kam bald hinzu. Und ab 1536 gab es vom neuen Kurfürsten, Johann Friedrich dem Großmütigen, sogar Geld dafür. Im Schmalkaldischen Krieg fiel Torgau dann an die albertinische Linie. Kurfürst Moritz ernannte Walter zum Kapellmeister der Hofkantorei. Doch Querelen verleideten dem Musiker diesen Posten. 1554, nach der Weihe der neuen Dresdner Hofkapelle, ließ er sich pensionieren und kehrte nach Torgau zurück.
Auf dieser CD stellt das Ensemble Weser-Renaissance unter Leitung von Manfred Cordes eine Auswahl an Liedsätzen aus dem Geistlichen Gesangbüchlein Walters vor. Musikalisch orientierte sich Walter für seine Kompositionen am (weltlichen) Tenorlied, einer genuin bürgerlichen Gattung. Die vierstimmigen Liedsätze, bei denen die Melodie in der Tenorstimme liegt, werden von den Vokalisten und Instrumentalisten klanglich ausgesprochen abwechslungsreich und technisch versiert vorgetragen. So wird Musikgeschichte zum Hörgenuss!
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Mittwoch, 2. Mai 2018
Donnerstag, 15. Dezember 2016
Lutheran Symphonix (Genuin)
Seit der Reformation werden sie ge- sungen – die Choräle Martin Luthers erklingen aber nicht nur im Gottes- dienst, sie sind für viele Menschen auch eine Quelle der Kraft und der Freude. „Seit Generationen ver- binden nun Menschen mit diesen geistlichen Lieder ganz persönliche Erfahrungen und Geschichten, so dass diese Choräle Bestandteil eines kollektiven Bewusstseins geworden sind“, schreibt Christian Sprenger im Beiheft zu dieser CD. Sprenger ist Professor für Posaune an der Weimarer Musikhochschule; seine musika- lischen Wurzeln hat er in der kirchlichen Bläsermusik. „Ich freue mich, mit meinem Projekt Lutheran Symphonix den Liedern der Reformation im zeitgemäßen, sinfonischen Gewand Aufmerksamkeit jenseits ihrer ursprünglichen liturgischen Funktion geben zu können.“
Erkennen Sie die Melodie? Christian Sprenger hat zwölf sinfonische Cho- ralfantasien zu bekannten Kirchenliedern komponiert, von Nun danket alle Gott bis Verleih uns Frieden gnädiglich und von Geh aus, mein Herz, und suche Freud bis zu Wer nur den lieben Gott lässt walten. Beim Orchestrieren wurde er, bei den allermeisten Stücken, durch Robin Hoff- mann unterstützt.
Das Ergebnis überwältigt. Carl Orff, Ennio Morricone und John Williams lassen grüßen; Sprenger nutzt für Lutheran Symphonix in erster Linie Traditionen aus der Filmmusik. Er hat hörbar Vergnügen an Pauken und Trompeten; allerdings ist es mit Pathos wie mit Alkohol – man gewöhnt sich rasch daran, und dann hat man es entweder satt, oder man will immer mehr davon. Doch letztendlich verursacht es einen Brummschädel, und, im Übermaß genossen, auch Übelkeit, bis hin zum Erbrechen. Filmmusik aber lebt auch davon, dass markante Szenen ihren Ausdruck in sehr unter- schiedlichen Themen und Motiven finden, in unverwechselbaren Arrange- ments. Im Idealfall bleiben sie dem Publikum sofort und unauslöschbar im Gedächtnis – man denke nur an die Titelmelodie zu Star Wars, oder aber an die klagende Mundharmonika aus Spiel mir das Lied vom Tod.
Die markanten Themen geben in diesem Falle die Kirchenlieder vor. Die klar unterscheidbaren Arrangements aber fehlen, leider. Sprenger hat sich vom musikalischen Material mitreißen lassen. Was er dabei offenbar we- niger beachtet hat, das sind die Texte der Choräle. Traditionelle Choral- fantasien sind üblicherweise stark am Wort orientiert; sie sind nicht zuletzt Auslegungen des Textes mit den Mitteln der Musik. Das scheint mir in diesem Falle etwas aus dem Blick geraten zu sein, auch wenn der phantas- tische Kammerchor der Hochschule für Musik „Franz Liszt“ Weimar nicht nur Vokalisen, sondern gelegentlich auch eine Choralstrophe inmitten der anflutenden Instrumentalklänge singen darf. Auswirkungen auf den Charakter der jeweiligen Komposition hat das kaum; irgendwie klingt alles ähnlich, ob Ein feste Burg ist unser Gott oder Befiehl du deine Wege. Jedes dieser Werke führt ins kollektive Abheben, am Rande der Verzückung. Die Staatskapelle Weimar musiziert, dirigiert vom Komponisten höchstpersön- lich, mit Leidenschaft. Aber von Luthers Innigkeit, vom ursprünglichen Geist der Kirchenlieder haben sich diese sinfonischen Werke weit entfernt. Schade.
Erkennen Sie die Melodie? Christian Sprenger hat zwölf sinfonische Cho- ralfantasien zu bekannten Kirchenliedern komponiert, von Nun danket alle Gott bis Verleih uns Frieden gnädiglich und von Geh aus, mein Herz, und suche Freud bis zu Wer nur den lieben Gott lässt walten. Beim Orchestrieren wurde er, bei den allermeisten Stücken, durch Robin Hoff- mann unterstützt.
Das Ergebnis überwältigt. Carl Orff, Ennio Morricone und John Williams lassen grüßen; Sprenger nutzt für Lutheran Symphonix in erster Linie Traditionen aus der Filmmusik. Er hat hörbar Vergnügen an Pauken und Trompeten; allerdings ist es mit Pathos wie mit Alkohol – man gewöhnt sich rasch daran, und dann hat man es entweder satt, oder man will immer mehr davon. Doch letztendlich verursacht es einen Brummschädel, und, im Übermaß genossen, auch Übelkeit, bis hin zum Erbrechen. Filmmusik aber lebt auch davon, dass markante Szenen ihren Ausdruck in sehr unter- schiedlichen Themen und Motiven finden, in unverwechselbaren Arrange- ments. Im Idealfall bleiben sie dem Publikum sofort und unauslöschbar im Gedächtnis – man denke nur an die Titelmelodie zu Star Wars, oder aber an die klagende Mundharmonika aus Spiel mir das Lied vom Tod.
Die markanten Themen geben in diesem Falle die Kirchenlieder vor. Die klar unterscheidbaren Arrangements aber fehlen, leider. Sprenger hat sich vom musikalischen Material mitreißen lassen. Was er dabei offenbar we- niger beachtet hat, das sind die Texte der Choräle. Traditionelle Choral- fantasien sind üblicherweise stark am Wort orientiert; sie sind nicht zuletzt Auslegungen des Textes mit den Mitteln der Musik. Das scheint mir in diesem Falle etwas aus dem Blick geraten zu sein, auch wenn der phantas- tische Kammerchor der Hochschule für Musik „Franz Liszt“ Weimar nicht nur Vokalisen, sondern gelegentlich auch eine Choralstrophe inmitten der anflutenden Instrumentalklänge singen darf. Auswirkungen auf den Charakter der jeweiligen Komposition hat das kaum; irgendwie klingt alles ähnlich, ob Ein feste Burg ist unser Gott oder Befiehl du deine Wege. Jedes dieser Werke führt ins kollektive Abheben, am Rande der Verzückung. Die Staatskapelle Weimar musiziert, dirigiert vom Komponisten höchstpersön- lich, mit Leidenschaft. Aber von Luthers Innigkeit, vom ursprünglichen Geist der Kirchenlieder haben sich diese sinfonischen Werke weit entfernt. Schade.
Sonntag, 31. Juli 2011
Bach: Sonatas for Viola and Piano, Chorale Preludes (MDG)
Obwohl belegt ist, dass Johann Sebastian Bach (1685 bis 1750) gern Bratsche spielte, hat er sehr wenig speziell für dieses Instru- ment komponiert. So gibt es in Bachs Kantaten einige Arien mit obligater Viola. Doch darüber hinaus verwendet er die Bratsche solistisch nur im sechsten Bran- denburgischen Konzert - dort freilich gleich in zwei der Solo- stimmen. Will ein Bratscher dar- über hinaus Bach spielen und sich dabei nicht mit seiner Mittel- stimme bescheiden, muss er zwangsläufig ein anderes Werk entspre- chend bearbeiten.
Hariolf Schlichting, Professor für Viola und Kammermusik an der Hochschule für Musik und Theater in München, hat sich auf dieser CD für die Drei Sonaten für Viola da Gamba und obligates Cembalo BWV 1027 bis 1029 entschieden. Sie klingen in der Tat in der Besetzung mit Viola auch sehr gut, und Yumi Sekiya, die als Dozentin an derselben Hochschule lehrt, zeigt, wie sich ein anspruchsvoller Cembalo-Part auf einem Konzertflügel vortragen lässt. So ganz den modernen Klang allerdings mag sie dann doch nicht wagen - sie spielt einen Steinway D, aber aus dem Jahre 1901.
Die Sonaten sind eingebettet in vier Choralbearbeitungen Bachs, die Schlichtings Amtsvorgänger Franz Beyer kongenial für Viola und Klavier arrangiert hat. Beyers Version nähert sich Bach mit Demut und Sensibilität - und flicht die Bratschenstimme gleichsam ein in Bachs grandiose musikalische Strukturen. Das Ergebnis ist nicht ein Solo mit Begleitung, sondern ein inniges Zwiegespräch von Viola und Konzertflügel, das die bekannte Orgelmusik neu hören lässt. Bravi!
Hariolf Schlichting, Professor für Viola und Kammermusik an der Hochschule für Musik und Theater in München, hat sich auf dieser CD für die Drei Sonaten für Viola da Gamba und obligates Cembalo BWV 1027 bis 1029 entschieden. Sie klingen in der Tat in der Besetzung mit Viola auch sehr gut, und Yumi Sekiya, die als Dozentin an derselben Hochschule lehrt, zeigt, wie sich ein anspruchsvoller Cembalo-Part auf einem Konzertflügel vortragen lässt. So ganz den modernen Klang allerdings mag sie dann doch nicht wagen - sie spielt einen Steinway D, aber aus dem Jahre 1901.
Die Sonaten sind eingebettet in vier Choralbearbeitungen Bachs, die Schlichtings Amtsvorgänger Franz Beyer kongenial für Viola und Klavier arrangiert hat. Beyers Version nähert sich Bach mit Demut und Sensibilität - und flicht die Bratschenstimme gleichsam ein in Bachs grandiose musikalische Strukturen. Das Ergebnis ist nicht ein Solo mit Begleitung, sondern ein inniges Zwiegespräch von Viola und Konzertflügel, das die bekannte Orgelmusik neu hören lässt. Bravi!
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