Darüber, was die Musikwirtschaft dem Publikum typischerweise serviert, kann man immer wieder staunen. Klingende Passionsbe- richte gehörten schon zu Schütz' Zeiten zum festen Repertoire der vorösterlichen Kirchenmusik. Jeder Komponist, der auf sich hielt, hat dazu Werke beigetragen. Über die Jahrhunderte sind so ganze Bibliotheken an Passionen entstanden. Allein Georg Philipp Telemann schuf gut 30 derartige Kompositionen. Selbst Ludwig van Beethoven schrieb Christus am Ölberg. Doch dann wurden die Passionen von Johann Sebastian Bach wiederentdeckt - und damit verschwanden alle anderen Werke dieser Gattung, sozusagen sang- und klanglos, aus den Kirchen.
Selbst wenn in den vergangenen Jahren einige dieser verstummten Passionsmusiken auf CD eingespielt worden sind, so prägen Bachs Werke erstaunlicherweise nach wie vor das vorösterliche Konzert- programm. Das ist gleich aus mehreren Gründen schade. Denn zum einen ist längst nicht jede Kantorei in der Lage, eine Bach-Passion angemessen aufzuführen. Zum anderen fehlt dem Musikleben dadurch jene Tiefe, die das Verständnis der Werke eigentlich erst ermöglicht.
Und dem Publikum entgehen Entdeckungen, wie sie der CD-Markt für Neugierige längst bereithält. Dazu gehört ohne Zweifel dieses Passionsoratorium von Johann Ernst Bach (1722 bis 1777), einem Neffen, Patensohn und Schüler des legendären Thomaskantors. Er wirkte als Organist in Eisenach, und wurde 1756 zum Hofkapell- meister von Herzog Ernst August Constantin ernannt. Die Weimar-Eisenachische Hofkapelle wurde allerdings schon zwei Jahre später nach dem Tod des Herzogs wieder aufgelöst. Die Lebensgeschichte dieses Komponisten, der ganz offensichtlich größten Wert auf die Kirchenmusik gelegt hat, bleibt uns weitgehend unbekannt. Sein Werk aber zeigt, dass er sein Handwerk exzellent beherrschte, und eine Fuge ebenso souverän einzusetzen wusste wie verwegene harmo- nische Wendungen und Melodien, die man nicht wieder aus dem Ohr bekommt.
Hermann Max hat mit seiner Rheinischen Kantorei und dem Kleinen Konzert sowie einigen sehr ordentlich singenden Solisten 1989 für Capriccio nicht nur das Passionsoratorium, sondern auch Das Ver- trauen der Christen auf Gott, eine Ode auf den 77. Psalm für Tenor, Chor und Orchester, sowie Meine Seele erhebt den Herrn, eine Motette für Soli, vierstimmigen Chor, Streicher und Basso continuo, eingespielt. Die Noten wurden eigens für diese Aufnahme nach den Originalquellen erstellt. Für die nimmermüde Suche nach vergesse- nen Schätzen, die in Archiven und Bibliotheken schlummern, gebührt Hermann Max höchster Dank. Ohne das Engagement solcher Pioniere der "Alten" Musik wäre unser Wissen und unser Repertoire noch schmaler.
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Dienstag, 24. April 2012
Freitag, 28. Oktober 2011
Telemann: Der Tag des Gerichts (Capriccio)
Am 1. November 1755 verheerte ein schweres Erdbeben Lissabon, gefolgt von zahlreichen Bränden und einer 30 Meter hohen Flut- welle. Mehr als 60.000 Einwohner kamen dabei ums Leben. Die Stadt Hamburg sandte zwei Schiffe mit Hilfsgütern, und ordnete für den März 1756 einen außerordentli- chen Buß-, Fast- und Bettag an.
Für den Gottesdienst an diesem Tage schuf Georg Philipp Telemann seine Donner-Ode. Später ergänzte er dieses Werk noch um einen zweiten Teil, der ausgiebig Gottes Herrlichkeit preist. Der erste Teil aber schildert darüber hinaus in deutlicher Klangsprache, wie "die Stimme Gottes" die Meere erschüttert und die Zedern zerschmettert. "Sie stürzt die stolzen Gebirge zusammen; / der Erdkreis wankt, wenn er sie hört: / hört des Donners Stimme, die Flammen / rund um sich sprüht, zerschlägt, zerstört."
Auch Der Tag des Gerichts droht mit Pauken und Trompeten das Ende der Welt an, und schildert dann in vier Betrachtungen, was Gläubigen und Ungläubigen bevorsteht. Textdichter Christian Wilhelm Alers schuf dafür Figuren wie den Spötter, die Vernunft, die Religion oder die Andacht, sowie Chöre der Gläubigen, der Laster, der Seligen und der Himmlischen - und Telemann gab ihnen eine Stimme. Er setzte die Vision der Apokalypse, die die Theologen seinerzeit ebenso beschäftigte wie das Kirchenvolk, einfallsreich und ausdrucks- stark in Musik um.
Die Doppel-CD enthält zudem Telemanns Kantate Der Herr ist König - eine Psalm-Motette, die Bach seinerzeit in Leipzig abschreiben ließ; möglicherweise hat er dieses Werk seines Jugendfreundes 1725 sogar mit den Thomanern aufgeführt. Mit ihren prächtigen Chorfugen wirkt diese Kantate vergleichsweise konventionell.
Hermann Max, der mit seinen Ensembles Rheinische Kantorei und Das Kleine Konzert zu den Pionieren der historischen Aufführungs- praxis gehört, hat Anfang der 90er Jahre alle drei Werke eingespielt. Dabei wirkten exzellente Solisten mit - die Sopranistinnen Ann Monoyios und Babara Schlick, David Cordier und Axel Köhler, Altus, Wilfried Jochens, Tenor, sowie Harry van der Kamp, Hans-Georg Wimmer und Stephan Schreckenberger, Bass. Das Label Capriccio macht diese schönen Aufnahmen nun wieder zugänglich.
Für den Gottesdienst an diesem Tage schuf Georg Philipp Telemann seine Donner-Ode. Später ergänzte er dieses Werk noch um einen zweiten Teil, der ausgiebig Gottes Herrlichkeit preist. Der erste Teil aber schildert darüber hinaus in deutlicher Klangsprache, wie "die Stimme Gottes" die Meere erschüttert und die Zedern zerschmettert. "Sie stürzt die stolzen Gebirge zusammen; / der Erdkreis wankt, wenn er sie hört: / hört des Donners Stimme, die Flammen / rund um sich sprüht, zerschlägt, zerstört."
Auch Der Tag des Gerichts droht mit Pauken und Trompeten das Ende der Welt an, und schildert dann in vier Betrachtungen, was Gläubigen und Ungläubigen bevorsteht. Textdichter Christian Wilhelm Alers schuf dafür Figuren wie den Spötter, die Vernunft, die Religion oder die Andacht, sowie Chöre der Gläubigen, der Laster, der Seligen und der Himmlischen - und Telemann gab ihnen eine Stimme. Er setzte die Vision der Apokalypse, die die Theologen seinerzeit ebenso beschäftigte wie das Kirchenvolk, einfallsreich und ausdrucks- stark in Musik um.
Die Doppel-CD enthält zudem Telemanns Kantate Der Herr ist König - eine Psalm-Motette, die Bach seinerzeit in Leipzig abschreiben ließ; möglicherweise hat er dieses Werk seines Jugendfreundes 1725 sogar mit den Thomanern aufgeführt. Mit ihren prächtigen Chorfugen wirkt diese Kantate vergleichsweise konventionell.
Hermann Max, der mit seinen Ensembles Rheinische Kantorei und Das Kleine Konzert zu den Pionieren der historischen Aufführungs- praxis gehört, hat Anfang der 90er Jahre alle drei Werke eingespielt. Dabei wirkten exzellente Solisten mit - die Sopranistinnen Ann Monoyios und Babara Schlick, David Cordier und Axel Köhler, Altus, Wilfried Jochens, Tenor, sowie Harry van der Kamp, Hans-Georg Wimmer und Stephan Schreckenberger, Bass. Das Label Capriccio macht diese schönen Aufnahmen nun wieder zugänglich.
Dienstag, 18. Oktober 2011
Hasse: Cleofide (Capriccio)
August der Starke, sächsischer Kurfürst und König von Polen, hatte ein Faible für Exotik. In Pillnitz ließ er ein Schloss erbauen, das chinesische Formen imitierte. Und Johann Adolf Hasse, den der Herrscher wohl als aufsteigenden Stern am europäischen Opern- himmel sah und entsprechend umwarb, gab seine Antrittsvor- stellung 1731 in Dresden mit einer Geschichte aus Indien.
Seine Oper Cleofide erzählt vom Kriegszug Alexanders des Großen gegen den indischen König Poros. Dessen Geliebte Cleofide, die Königin eines anderen Teils von Indien, schmeichelt dem Feind, um ihn vom Angriff abzubringen. Das wiederum macht Poros eifersüch- tig, und gibt Anlass für zahlreiche Intrigen und Verwicklungen - bis schließlich, auch das ist Opera seria, Alexander Cleofide und Poros die Freiheit und ihr Reich zurückgibt.
Die Titelrolle sang Faustina Bordoni; die Sopranistin war bereits eine Berühmtheit, als von Hasse noch niemand sprach. 1730 wurde sie die Frau des Komponisten, der in Italien aufgrund seiner erfolgreichen Opern bald als il divino Sassone gefeiert wurde. Ab 1733 wirkte Hasse in Dresden als Hofkapellmeister; auch wenn er immer wieder längere Reisen unternahm, so formte er doch im Verlaufe von 30 Jahren in Dresden ein Opernensemble, das zu den besten Europas gehörte.
Das Label Capriccio legt nun die Weltersteinspielung der Oper Cleo- fide in der Fassung vor, die zu ihrer Dresdner Premiere erklungen ist. Die Liste der Mitwirkenden ist beeindruckend. Als Cleofide ist Emma Kirkby zu hören, als Erissena Agnès Mellon, den Poros singt Derek Lee Ragin, die Partie des Alessandro ist mit Dominique Visse besetzt, Gandarte mit Randall K. Wong und Timagene mit David Cordier. Es musiziert die Cappella Coloniensis, und das Ensemble leitet William Christie.
Für den heutigen Hörer ist es sicherlich ungewohnt, ein Opern- ensemble zu erleben, in dem die tiefste Partie ein Altus ist. Wer jedoch Barockmusik gern originalgetreu hört, der darf sich auf ein Fest schöner Stimmen freuen, das obendrein einige Zeit anhält; Hasses Oper nach einem Libretto seines Freundes Pietro Metastasio umfasst immerhin vier (!) CD. Die Musik ist phantastisch, und die Sänger sind exzellent, deshalb wird garantiert keine Langeweile aufkommen. Meine Empfehlung!
Seine Oper Cleofide erzählt vom Kriegszug Alexanders des Großen gegen den indischen König Poros. Dessen Geliebte Cleofide, die Königin eines anderen Teils von Indien, schmeichelt dem Feind, um ihn vom Angriff abzubringen. Das wiederum macht Poros eifersüch- tig, und gibt Anlass für zahlreiche Intrigen und Verwicklungen - bis schließlich, auch das ist Opera seria, Alexander Cleofide und Poros die Freiheit und ihr Reich zurückgibt.
Die Titelrolle sang Faustina Bordoni; die Sopranistin war bereits eine Berühmtheit, als von Hasse noch niemand sprach. 1730 wurde sie die Frau des Komponisten, der in Italien aufgrund seiner erfolgreichen Opern bald als il divino Sassone gefeiert wurde. Ab 1733 wirkte Hasse in Dresden als Hofkapellmeister; auch wenn er immer wieder längere Reisen unternahm, so formte er doch im Verlaufe von 30 Jahren in Dresden ein Opernensemble, das zu den besten Europas gehörte.
Das Label Capriccio legt nun die Weltersteinspielung der Oper Cleo- fide in der Fassung vor, die zu ihrer Dresdner Premiere erklungen ist. Die Liste der Mitwirkenden ist beeindruckend. Als Cleofide ist Emma Kirkby zu hören, als Erissena Agnès Mellon, den Poros singt Derek Lee Ragin, die Partie des Alessandro ist mit Dominique Visse besetzt, Gandarte mit Randall K. Wong und Timagene mit David Cordier. Es musiziert die Cappella Coloniensis, und das Ensemble leitet William Christie.
Für den heutigen Hörer ist es sicherlich ungewohnt, ein Opern- ensemble zu erleben, in dem die tiefste Partie ein Altus ist. Wer jedoch Barockmusik gern originalgetreu hört, der darf sich auf ein Fest schöner Stimmen freuen, das obendrein einige Zeit anhält; Hasses Oper nach einem Libretto seines Freundes Pietro Metastasio umfasst immerhin vier (!) CD. Die Musik ist phantastisch, und die Sänger sind exzellent, deshalb wird garantiert keine Langeweile aufkommen. Meine Empfehlung!
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