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Dienstag, 18. Oktober 2011

Hasse: Cleofide (Capriccio)

August der Starke, sächsischer Kurfürst und König von Polen, hatte ein Faible für Exotik. In Pillnitz ließ er ein Schloss erbauen, das chinesische Formen imitierte. Und Johann Adolf Hasse, den der Herrscher wohl als aufsteigenden Stern am europäischen Opern- himmel sah und entsprechend umwarb, gab seine Antrittsvor- stellung 1731 in Dresden mit einer Geschichte aus Indien. 
Seine Oper Cleofide erzählt vom Kriegszug Alexanders des Großen gegen den indischen König Poros. Dessen Geliebte Cleofide, die Königin eines anderen Teils von Indien, schmeichelt dem Feind, um ihn vom Angriff abzubringen. Das wiederum macht Poros eifersüch- tig, und gibt Anlass für zahlreiche Intrigen und Verwicklungen - bis schließlich, auch das ist Opera seria, Alexander Cleofide und Poros die Freiheit und ihr Reich zurückgibt. 
Die Titelrolle sang Faustina Bordoni; die Sopranistin war bereits eine Berühmtheit, als von Hasse noch niemand sprach. 1730 wurde sie die Frau des Komponisten, der in Italien aufgrund seiner erfolgreichen Opern bald als il divino Sassone gefeiert wurde. Ab 1733 wirkte Hasse in Dresden als Hofkapellmeister; auch wenn er immer wieder längere Reisen unternahm, so formte er doch im Verlaufe von 30 Jahren in Dresden ein Opernensemble, das zu den besten Europas gehörte. 
Das Label Capriccio legt nun die Weltersteinspielung der Oper Cleo- fide in der Fassung vor, die zu ihrer Dresdner Premiere erklungen ist. Die Liste der Mitwirkenden ist beeindruckend. Als Cleofide ist Emma Kirkby zu hören, als Erissena Agnès Mellon, den Poros singt Derek Lee Ragin, die Partie des Alessandro ist mit Dominique Visse besetzt, Gandarte mit Randall K. Wong und Timagene mit David Cordier. Es musiziert die Cappella Coloniensis, und das Ensemble leitet William Christie. 
Für den heutigen Hörer ist es sicherlich ungewohnt, ein Opern- ensemble zu erleben, in dem die tiefste Partie ein Altus ist. Wer jedoch Barockmusik gern originalgetreu hört, der darf sich auf ein Fest schöner Stimmen freuen, das obendrein einige Zeit anhält; Hasses Oper nach einem Libretto seines Freundes Pietro Metastasio umfasst immerhin vier (!) CD. Die Musik ist phantastisch, und die Sänger sind exzellent, deshalb wird garantiert keine Langeweile aufkommen. Meine Empfehlung! 

Dienstag, 8. Dezember 2009

Handel: Alcina (Deutsche Grammophon)


Am 15. Mai 1959 wollte der WDR aus Köln live Händels Oper "Alcina" übertragen. Doch als die Proben begannen, bemerkten die Verantwortlichen, dass da mehr als ein Problem einer Lösung harrte. Denn Nicola Monti, der Startenor aus Mailand, hatte versehentlich die falsche Partie einstudiert - statt den Ruggiero, Liebhaber der Zauberin und Verlobter der Bradamante, hatte er den Oronte, Feldherr Alcinas, erarbeitet. Und die Sopranistin, die eigentlich die Titelrolle singen sollte, war ein Totalausfall.
Eine Umbesetzung war zwingend erforderlich, und sie erwies sich als Glücksgriff. Denn es sprangen zwei Sänger kurzfristig ein, die leider nie wieder gemeinsam auf einer Bühne standen: Joan Sutherland hatte die Alcina bereits gesungen, allerdings in englischer Sprache, so dass sie "nur noch" den italienischen Text lernen musste. Wie es aber Fritz Wunderlich gelungen ist, sich innerhalb von wenigen Tagen eine derart umfangreiche, anspruchsvolle Partie rundum überzeugend anzueignen, das verblüffte selbst Kritiker und Kollegen.
Komplettiert wurde das Ensemble seinerzeit durch Norma Procter als Bradamante, Jeanette van Dijck als Alcinas Schwester Morgana und Thomas Hemsley als Melisso, Lehrer der Bradamante, sowie den Kölner Rundfunkchor und die Cappella Coloniensis unter Ferdinand Leitner. Sie gehörte zu den Pionieren der historischen Aufführungs-praxis; die Cappella war das weltweit erste Orchester, das auf Originalinstrumenten musizierte und sich um eine stilistisch korrekte Interpretation bemühte.
Wie klingt nun dieses Dokument, das die Deutsche Grammophon im Archiv des Rundfunksenders ausgegraben hat? Erstaunlich modern, frisch und schwungvoll. Die Sänger sind durchweg exzellent, und die Live-Stimmung, die diese Aufnahme prägt, fasziniert bis heute. Denn statt des befürchteten Desasters ereignete sich letztendlich eine jener raren Sternstunden, die das Publikum zu Beifallsstürmen hinreißen - und uns auch heute noch begeistern können, dem Mitschnitt sei Dank. Ein großer Wurf! Auf weitere Entdeckungen darf man gespannt sein.