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Montag, 26. August 2019

Cameron Carpenter (Sony)

Cameron Carpenter ist ohne Zweifel ein Virtuose. Mit seinem Instrument, der International Touring Organ (ITO), von ihm selbst entworfen und von Marshall & Ogletree 2013 speziell für ihn angefertigt, reist der Amerika- ner durch die Lande. „It's not un- usual for an organist to be attached to one organ for many years“, meint der Musiker, „but usually that means an attachment to place.“ Carpenter hingegen nimmt sein Instrument mit; er spielt es oft auch in Konzertsälen, in denen sich bedeutende „klassische“ Orgeln befinden. 
Die digitale ITO ist ein Klangmonster, mit einer gigantischen Menge an Registern, Koppeln und Spielhilfen sowie fünf Manualen und einem nach jeder Seite gegenüber dem 32er Standard noch um fünf Töne erweiterten Pedal. Bei der Disposition orientierte sich Carpenter an den großen amerikanischen Konzertinstrumenten aus der Zeit zwischen 1895 und 1950. So bietet das fünfte Manual, Bombarde, wuchtige Register, wie sie in amerikanischen Theaterorgeln einst verwendet worden sind. Ein Dutzend sanfterer Stimmen aus dieser Traditionslinie wurde dem ersten Manual, Accompaniment, zugeordnet. Besondere Klangfarben ermöglicht ebenfalls ein spezielles Orchestral Pedal, ergänzend zum Main Pedal. Der Spieltisch erinnert ein bisschen ans Steuerpult von Raumschiff Enterprise. Und natürlich ist damit auch eine entsprechende Phalanx an Lautsprechern verbunden. 
Dieses Instrument also steht im Mittelpunkt des vorliegenden Albums, das Cameron Carpenter zum Abschluss seiner Zeit als Artist in Residence am Konzerthaus Berlin eingespielt hat. Es ist seine erste Einspielung mit Orchester, nämlich mit dem Konzerthausorchester Berlin unter der Leitung von Christoph Eschenbach, und auch zum ersten Mal ein Live-Mitschnitt. 
Ausgewählt hat Carpenter dafür die Rhapsodie über ein Thema von Paganini von Sergej Rachmaninoff und das Konzert für Orgel, Streicher und Pauke in g-moll, FP 93 von Francis Poulenc. Als Zugabe erklingt außerdem das Finale aus Louis Viernes Orgelsymphonie Nr.1 in d-Moll op. 14. Rachmaninoffs Paganini-Rhapsodie, eigentlich entstanden für Klavier und Orchester, hat Carpenter selbst für die Orgel arrangiert: „I love and want to play this work“, meint der Musiker. Der Orchesterpart blieb unverändert, aber seine Stimme wurde eine „recomposition for organ – guided by the original“, so Carpenter: „I don't see that a defense is required, since the moment you walk onstage to perform standard repertoire in a way which differs in instrumentation from the original, you've obviously declared yourself willing to question the composer's intentions. Of course, this can also be a way of honoring a great work. All transcriptions require this in some way.“ 
Ermöglicht wird ein derartiges Projekt durch die Konzerthaus-Akustik sowie die Präzision, mit der sich die elektronische Orgel spielen lässt. Rachmaninoffs virtuose Musik verlangt klangliche Transparenz und Klarheit in der Artikulation, wie dies mit einer Pfeifenorgel und im Nachhall eines Kirchenraums so kaum machbar wäre. Carpenter beherrscht sein Instrument absolut souverän. Er gestaltet irrwitzige Klangfassaden, und er wagt sich auch in die Schattenwelt feinster Nuancen. Dieser Musiker strebt nach hochvirtuoser Perfektion. Das macht den Rachmaninoff zu meinem persönlichen Favoriten auf dieser CD. Mit Carpenters Interpretation der französischen Musik allerdings kann ich mich weniger anfreunden. Das ist mir alles zu viel Flinke-Finger-Geglitzer und zu wenig wenig inhaltliche Substanz; erfreut hört man allerdings, wie souverän das Orchester dies alles begleitet. 

Freitag, 24. Mai 2019

Concertant - Robert Schumann (Berlin Classics)

„Robert Schumann ist einer meiner Herzenskomponisten! Und erstaunlicherweise gibt es bei ihm viele Werke zu entdecken, die auch unter Musikern nahezu unbekannt sind.“ Matthias Kirschnereit beschäftigt sich mit dem Schaffen Schumanns schon lange und sehr intensiv. Und auf dem neuen Album Concertant präsentiert der Pianist nun einige Entdeckungen. 
Dazu gehört ohne Frage das Konzertstück für Klavier und Orchester op. 86, eigentlich komponiert für vier Hörner und Orchester. Wem die Klavierfassung zu verdanken ist, das lässt sich heute nicht mehr mit Sicherheit feststellen. Kirschnereit vermutet, sie könne von Carl Reinecke stammen. Und er hat selbst hier und da noch Anpassungen vorgenommen, „um aus meiner Sicht der Schumannschen Klangsprache noch näher zu kommen“, so der Pianist. „Schumann schwebte mit Opus 86 Großes, Grandioses vor, und ich bin überzeugt, dass sich dieser mitreißende Schwung auch in der Klaviertranskription darstellt, ja dass diese sogar neuartige Facetten dieses Werkes belebt.“ 
Nur zehn Tage vor dem Konzertstück wurde 1849 ein anderes Werk uraufgeführt: Introduktion und Allegro appassionato, op. 92. Es ist „ein Werk aus einem Guss“, so Kirschnereit, stimmungsvoll und getragen von einer poetischen Idee: „Man versteht nicht, dass dieses Stück so selten gespielt wird, es ist mir ein absolutes Rätsel.“ 
Noch weniger bekannt ist das Konzert-Allegro mit Introduktion op. 134. Das war nicht immer so: „Clara Schumann hat das Werk kolossal geschätzt“, berichtet der Pianist. Und wenn nach der Kadenz die Posaunen das Kirchenlied Du meine Seele singe zitieren, dann ist dies für Kirschnereit, der in einem Pastorenhaushalt aufgewachsen ist, ein bewegender Moment: „Ein zutiefst ergreifender und erschütternder Schumann, es ist in meinen Augen ein sehr persönliches Werk.“ 
Erst zum Schluss erklingt Schumanns Klavierkonzert op. 54 – „ein Mittelding zwischen Sinfonie, Konzert und großer Sonate“, wie der Komponist selbst einst dazu äußerte. Entstanden ist es auf Wunsch von Clara Schumann, die das Werk dann auch fast zweihundert Mal im Konzert gespielt hat. Und so wird es auch nicht verblüffen, dass das Hauptthema des Kopfsatzes C-H-A-A lautet, was für „Chiara“ steht, Clara. Dieses Thema bleibt im Vordergrund, selbst die auskomponierte Kadenz gipfelt darin. „Ich betrachte es als großes Glück, mich gemeinsam mit einem so wunderbaren Orchester wie dem Konzerthausorchester Berlin und Jan Willem de Vriend Schumanns Klavierkonzert nähern zu dürfen“, sagt Kirschnereit. „Für uns stand im Fokus, die motorische, die feurige Stringenz dieses Werkes zu verfolgen.“