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Mittwoch, 16. September 2020

Grigory Sokolov. Beethoven - Brahms - Mozart. (Deutsche Grammophon)

Grigory Sokolov ist als Pianist noch immer eine Klasse für sich. Seit vielen Jahren spielt der Musiker ausschließlich Solo-Recitals. Er tritt nur in Mitteleuropa auf, und er meidet Medienrummel ebenso wie Marketingstrategen. Er gibt keine Interviews, und er stellt seine Programme so zusammen, wie er es für richtig hält. 
Viele Jahre lang hat Sokolov keinerlei Aufnahmen erlaubt. Es ist ein großer Gewinn, dass er nun zumindest ausgewählte Live-Mitschnitte für eine Veröffentlichung freigibt. 
Denn seine Konzentration auf die Musik, seine brillante Technik und seine bewundernswerte Autonomie ermöglichen ihm Interpretationen von enormer Tiefe und Klarheit. Sokolov musiziert mit höchster Präzision; seine Artikulation ist atemberaubend, Nuancen- und Farbenreichtum seines Spiels sind faszinierend. Das ist Klavierkunst auf allerhöchstem Niveau, wie aus einer anderen Welt. 
Diese Box enthält die Sonate in C-Dur op. 2 Nr. 3 sowie die Bagatellen op. 119 von Ludwig van Beethoven, sowie die Klavierstücke op. 118 und 119 von Johannes Brahms und sieben wunderbare Zugaben. Diese wählt Sokolov stets mit derselben Sorgfalt aus wie die „großen“ Stücke. 
Zu hören sind in diesem Falle das Impromptu in As-Dur D 935/2 von Franz Schubert, Les Sauvages von Jean-Philippe Rameau, das Intermezzo in b-Moll op. 117/2 von Johannes Brahms, Le Rappel des Óiseaux, ebenfalls von Rameau, das Prelude in gis-Moll op. 32/12 von Sergej Rachmaninoff, Schuberts  Allegretto in c-Moll D 915 und Des pas sur la neige aus den Préludes von Claude Debussy. Als Zugabe gibt es außerdem eine DVD, mit Musik von Wolfgang Amadeus Mozart. 

Mittwoch, 18. März 2020

The Edison Recordings - Sergey Rachmaninov (Naxos)

Historische Aufnahmen von hohem Rang veröffentlicht immer wieder das Label Naxos. Auf dieser CD ist Sergej Rachmaninoff (1873 bis 1943) zu erleben – nicht als Komponist oder Dirigent, sondern als Pianist. Man glaubt es kaum, aber es gibt Tondokumente: Nach seiner Übersiedelung 1918 in die USA spielte der russische Musiker nicht nur zahlreiche Konzerte. Er nahm auch das Angebot an, im Edison-Studio in New York aufzunehmen. Einige dieser Einspielungen aus dem April 1919 sind auf dieser CD zu hören – oft sogar in mehreren Varianten. Faszinierend! 

Montag, 26. August 2019

Cameron Carpenter (Sony)

Cameron Carpenter ist ohne Zweifel ein Virtuose. Mit seinem Instrument, der International Touring Organ (ITO), von ihm selbst entworfen und von Marshall & Ogletree 2013 speziell für ihn angefertigt, reist der Amerika- ner durch die Lande. „It's not un- usual for an organist to be attached to one organ for many years“, meint der Musiker, „but usually that means an attachment to place.“ Carpenter hingegen nimmt sein Instrument mit; er spielt es oft auch in Konzertsälen, in denen sich bedeutende „klassische“ Orgeln befinden. 
Die digitale ITO ist ein Klangmonster, mit einer gigantischen Menge an Registern, Koppeln und Spielhilfen sowie fünf Manualen und einem nach jeder Seite gegenüber dem 32er Standard noch um fünf Töne erweiterten Pedal. Bei der Disposition orientierte sich Carpenter an den großen amerikanischen Konzertinstrumenten aus der Zeit zwischen 1895 und 1950. So bietet das fünfte Manual, Bombarde, wuchtige Register, wie sie in amerikanischen Theaterorgeln einst verwendet worden sind. Ein Dutzend sanfterer Stimmen aus dieser Traditionslinie wurde dem ersten Manual, Accompaniment, zugeordnet. Besondere Klangfarben ermöglicht ebenfalls ein spezielles Orchestral Pedal, ergänzend zum Main Pedal. Der Spieltisch erinnert ein bisschen ans Steuerpult von Raumschiff Enterprise. Und natürlich ist damit auch eine entsprechende Phalanx an Lautsprechern verbunden. 
Dieses Instrument also steht im Mittelpunkt des vorliegenden Albums, das Cameron Carpenter zum Abschluss seiner Zeit als Artist in Residence am Konzerthaus Berlin eingespielt hat. Es ist seine erste Einspielung mit Orchester, nämlich mit dem Konzerthausorchester Berlin unter der Leitung von Christoph Eschenbach, und auch zum ersten Mal ein Live-Mitschnitt. 
Ausgewählt hat Carpenter dafür die Rhapsodie über ein Thema von Paganini von Sergej Rachmaninoff und das Konzert für Orgel, Streicher und Pauke in g-moll, FP 93 von Francis Poulenc. Als Zugabe erklingt außerdem das Finale aus Louis Viernes Orgelsymphonie Nr.1 in d-Moll op. 14. Rachmaninoffs Paganini-Rhapsodie, eigentlich entstanden für Klavier und Orchester, hat Carpenter selbst für die Orgel arrangiert: „I love and want to play this work“, meint der Musiker. Der Orchesterpart blieb unverändert, aber seine Stimme wurde eine „recomposition for organ – guided by the original“, so Carpenter: „I don't see that a defense is required, since the moment you walk onstage to perform standard repertoire in a way which differs in instrumentation from the original, you've obviously declared yourself willing to question the composer's intentions. Of course, this can also be a way of honoring a great work. All transcriptions require this in some way.“ 
Ermöglicht wird ein derartiges Projekt durch die Konzerthaus-Akustik sowie die Präzision, mit der sich die elektronische Orgel spielen lässt. Rachmaninoffs virtuose Musik verlangt klangliche Transparenz und Klarheit in der Artikulation, wie dies mit einer Pfeifenorgel und im Nachhall eines Kirchenraums so kaum machbar wäre. Carpenter beherrscht sein Instrument absolut souverän. Er gestaltet irrwitzige Klangfassaden, und er wagt sich auch in die Schattenwelt feinster Nuancen. Dieser Musiker strebt nach hochvirtuoser Perfektion. Das macht den Rachmaninoff zu meinem persönlichen Favoriten auf dieser CD. Mit Carpenters Interpretation der französischen Musik allerdings kann ich mich weniger anfreunden. Das ist mir alles zu viel Flinke-Finger-Geglitzer und zu wenig wenig inhaltliche Substanz; erfreut hört man allerdings, wie souverän das Orchester dies alles begleitet. 

Montag, 4. März 2019

Fauré Quartett - Pictures at an Exhibition (Berlin Classics)

Das Fauré Quartett ist für seine Experimentierfreudigkeit bekannt. In diesem Falle haben sich die Musiker durch Sergej Alexandrowitsch Kussewitzki inspirieren lassen: Der legendäre Dirigent und Komponist, Gründervater des ebenso legendären Tanglewood Music Festival, wollte einst Werke russischer Komponisten in den USA vorstellen. Und so ließ er durch Ottorino Respighi für das Boston Symphony Orchestra eine Bearbeitung von Sergej Rachmaninows Études-Tableaux anfertigen. Maurice Ravel beauftragte er mit einer Orchesterfassung des Klavierzyklus' Bilder einer Ausstellung von Modest Mussorgski. 
In beiden Fällen war dies ein großer Wurf; die Bilder einer Ausstellung wurden in Ravels farbenreicher Orchesterversion bald populärer als das Original. Für das Fauré Quartett hat jetzt Pianist Dirk Mommertz – bei den Bildern gemeinsam mit Grigory Gruzman – Bearbeitungen beider Werke für Klavierquartett geschaffen. 
Dabei ergänzen die Streicher den Klavierklang. Und musizieren können die Vier, sie spielen großartig, kühn, ausdrucksstark, und perfekt aufeinander abgestimmt. Manchmal bringt das verblüffende Effekte. So war Das Alte Schloss wohl nie grusliger. Aber insgesamt bleibt das Arrangement oftmals sehr nah am Original, und man fragt sich: Wozu dann das Ganze? 

Donnerstag, 27. Juli 2017

Sokolov - Mozart Rachmaninov Concertos (Deutsche Grammophon)

Klavierkonzerte mit Grigory Sokolov? Das kann keine aktuelle Aufnahme sein. Denn der Pianist verzichtet seit Jahren darauf, gemeinsam mit einem Orchester zu musizieren. Um so neu- gieriger macht es, wenn der Musiker Konzertmitschnitte zur Veröffent- lichung freigibt. 
Für diese CD hat Grigory Sokolov zwei Aufnahmen aus den Jahren 2005 und 1995 ausgewählt: Mozarts Klavierkonzert Nr. 23 in A-Dur KV 488 mit dem Mahler Chamber Orchester unter der Leitung von Trevor Pinnock und Rachmaninoffs Klavierkonzert Nr. 3 in d-Moll op. 30 mit dem BBC Philharmonic Orchestra unter Yan Pascal Tortelier. 
Der Hörer erlebt fasziniert das enorme Gestaltungsvermögen dieses Pianisten. Denn die beiden Konzerte sind im Charakter wie auch in ihrer musikalischen Gestaltung so unterschiedlich und so weit voneinander entfernt wie Nord- und Südpol. 
Mozarts populäres Klavierkonzert erklingt in seinen Ecksätzen flott und heiter – und im fis-Moll-Adagio dann irritierend: Sokolov wählt für sein einleitendes Solo ein beunruhigend langsames Tempo. Das wirkt beinahe schon nicht mehr wie von dieser Welt, beängstigend, diesseits. Und zugleich gestaltet der Pianist diesen Satz mit hinreißender Innigkeit und Leuchtkraft – man möchte jedem Ton nachsinnen. 
„Rach 3“ hingegen gilt als „K2 der Klavierliteratur“, als eine Herausforde- rung, an der schon so mancher Pianist gescheitert ist. Sokolov hat dieses Konzert oft gespielt. Bei diesem Werk nimmt er sich zurück, und macht deutlich, dass hinter der virtuosen Fassade noch viel mehr musikalische Substanz aufzufinden ist – wenn man sich nicht vom Zirzensischen blenden lässt. Flinke Finger hat so mancher, aber das Ausdrucksvermögen von Grigory Sokolov ist wirklich phänomenal. 
Die Deutsche Grammophon hat der CD eine Dokumentation der russi- schen Filmemacherin Nadya Zhdanova beigefügt: „Ein Gespräch, das nie stattgefunden hat“ versucht, Sokolovs künstlerisches und privates Leben zu beleuchten. Dazu sammelte sie Zeugnisse aus dem Umfeld des Künstlers. Der Pianist selbst gibt seit Jahren keine Interviews mehr. 

Montag, 12. Juni 2017

András Schiff piano Live (Melodija)

„Contest stage has never been part of my world“, bekannte einst András Schiff. „In fact, life would be much better without music contests. Why? Naturally, music in not a kind of sports. It cannot be measured in seconds, metres or kilograms.“ 
Dennoch hat der Philosoph unter den Musikern, Jahrgang 1953, einst selbst an etlichen Wettbewerben teilgenommen und auch Rekorde gebrochen. So wurde er bereits im Alter von 14 Jahren Student an der Franz-Liszt-Musikakademie in Budapest – der jüngste, den die Hochschule jemals hatte. Ein Jahr später gewann er seinen ersten Preis in einem ungarischen TV-Wettbewerb. 
Diese CD dokumentiert seine Beteiligung an einem der berühmtesten Wett- bewerbe überhaupt: 1974 musizierte András Schiff beim Tschaikowski-Wettbewerb in Moskau. Er errang dort einen vierten Preis; gewonnen hat damals Andrei Gawrilow. 
Sämtliche Wettbewerbsbeiträge wurden mitgeschnitten. Das Programm, das András Schiff seinerzeit gespielt hat, wurde nun bei Melodija veröffentlicht. Die Aufnahmen zeigen, dass der Pianist schon in diesen jungen Jahren sehr eigene Wege ging. Das beginnt bereits bei der Auswahl der Stücke, soweit sie den Wettbewerbsteilnehmern überlassen war. Doch auch bei der Interpretation wird deutlich, dass es Schiff schon damals nicht darum ging, sein Publikum mit einem Feuerwerk an Brillanz zu überwäl- tigen - man höre nur die Liszt-Konzertetüde. 

Montag, 5. Dezember 2016

Christmas with Septura (Naxos)

Bekannte Melodien, prachtvolle Musik aus aller Welt und natürlich Christmas Carols aus ihrer Heimat Großbritannien haben die Blech- bläser von Septura für ihr aktuelles Weihnachtsalbum zusammenge- tragen. Das Wort ward Fleisch von Heinrich Schütz steht dabei neben Harold Darkes In the bleak midwinter und Das große Abend- und Morgenlob op. 37 von Sergej Rachmaninoff neben Die Könige aus den Weihnachtsliedern von Peter Cornelius. Natürlich dürfen auch Bachs Weihnachtsoratorium und Händels Messias nicht fehlen – und zum Schluss erklingt Franz Grubers berühmtes Stille Nacht, heilige Nacht
Die sieben Bläser spielen all diese Weihnachtsklassiker in eigenen Arrangements, die von den beiden künstlerischen Leitern des Ensembles, Simon Cox und Matthew Knight, stammen. Musikalisch ist alles höchst anspruchsvoll und ansprechend gestaltet, von vorweihnachtlichem Kitsch meilenweit entfernt. Und auch die Ausführung lässt staunen: Dass Blech- bläser so farbenreich und so differenziert musizieren können! Unbedingt anhören.

Montag, 25. Januar 2016

Music for Brass Septet 3 - Septura (Naxos)

Musik aus Russland und aus der Sowjetunion präsentieren die Bläser von Septura auf ihrer jüngsten CD. Arrangiert haben die Stücke Simon Cox und Matthew Knight, die Gründer und künstlerischen Leiter des Ensembles. Das ist durchaus ein Wagnis, denn die CD beginnt mit dem Quartett Nr. 8 op. 110 von Dmitri Schostakowitsch. Es gilt als das persönlichste Werk des Kompo- nisten, der seine Signatur D-Es-C-H im Notentext an prominenter Stelle hinterlassen hat. Entstanden ist es 1960 in Gohrisch, einem Kurort im Elbsandsteingebirge; eigentlich sollte Schostakowitsch dort an einer Filmmusik über die Bombardierung Dresdens arbeiten. 
Der Komponist war, als er dieses Werk schrieb, in hörbar mieser Stimmung. Man hatte ihn genötigt, in die KPdSU einzutreten, weil man ihn zum Vorsitzenden des sowjetischen Komponistenverbandes machen wollte. Außerdem quälte ihn ein Rückenleiden. Und auch wenn das Quartett dann mit der Widmung „Im Gedenken an die Opfer von Faschismus und Krieg“ veröffentlicht wurde, verrät die Musik, mit einer Vielzahl von Zitaten, was Schostakowitsch wirklich im Sinn hatte. In einem Brief berichtete er Isaak Glikman, einem engen Vertrauten, er habe „ein niemandem nützendes und ideologisch verwerfliches Quartett geschrieben. Ich dachte darüber nach, dass, sollte ich irgendwann einmal sterben, kaum jemand ein Werk schreiben wird, das meinem Andenken gewidmet ist. Deshalb habe ich beschlossen, selbst eines zu schreiben. Man könnte auf seinen Einband auch schreiben: ‚Gewidmet dem Andenken des Komponisten dieses Quartetts’.“ 
Man staunt, wie gut sich aus diesem Streichquartett ein Werk für Bläser formen lässt, und wie dezent Septura hier agiert. Und es ist nicht einfach, neben einem solchen Schwergewicht noch weitere Musik passend zu einem Programm zusammenzustellen. Die sieben Bläser lösen dieses Problem mit einem Blick in die Musikgeschichte: Neben Schostakowitsch tritt Sergej Prokofjew mit einer Suite aus den Zehn Stücken für Klavier op. 12 und dem bekannten Marsch aus Die Liebe zu den drei Orangen op. 33. 
Aus dem vorrevolutionären Russland, aber dennoch ziemlich modern, sind die sechs ausgewählten Preludes von Alexander Scriabin. Sie werden ergänzt durch vier der sechs Stücke für Klavier zu vier Händen op. 11 von Sergej Rachmaninoff – und natürlich darf auch seine Vocalise op. 34 Nr. 14 nicht fehlen. 
Septura erweist sich einmal mehr als eines der besten europäischen Blechbläserensembles. Alan Thomas und Simon Cox, Trompete in B, Huw Morgan, Trompete in Es, Matthew Gee und Matthew Knight, Posaune, Dan West, Bass-Posaune und Peter Smith, Tuba, musizieren exzellent und bestens aufeinander eingestellt. Insofern kann man diese dritte CD der Briten erneut empfehlen – und darf auf die Fortsetzung gespannt sein, die sicherlich bald folgen wird. 

Freitag, 10. Januar 2014

Fantasies for Bassoon (Chandos)

Das Fagott steht nur selten im Mittelpunkt eines Konzertes. Warum eigentlich? fragt man sich, wenn man diese CD mit der groß- artigen jungen Fagottistin Karen Geoghegan hört. Sie beeindruckt durch ihr gefühlvolles, sangliches Spiel – besonders in den Höhen –, produziert aber auch in der Mittellage sowie in der Tiefe ganz erstaunliche samtweiche, runde Töne. Am Klavier souverän begleitet wird die Musikerin durch Philip Edward Fisher. 
Das Repertoire für diese Instrumentenkombination scheint allerdings rar zu sein – nur ein einziges Werk auf dieser CD, eine Sonate des Thomaskantors Gustav Schreck (1849 bis 1918) wurde tatsächlich für das Fagott geschrieben. Die beiden Musiker haben darum herum etliche bekannte Werke, bevorzugt aus der romantischen Literatur, gruppiert – zumeist, indem sie auf Bearbeitungen für Violoncello und Klavier zurückgegriffen haben. Das funktioniert hervorragend. 

Freitag, 1. März 2013

Tine (Emi Classics)

Diese Musikerin kann sich Under- statement leisten: Die norwegische Trompetenvirtuosin Tine Thing Helseth nannte ihr neues Album schlicht Tine. Auf der CD spielt sie gemeinsam mit der Pianistin Kathryn Stott Trompetenstücke und Arrangements von Werken, die ursprünglich für ein anderes Melodieinstrument oder Sing- stimme geschrieben wurden, aber auch auf der Trompete verblüffend gut klingen.
"In gewisser Weise kann man wohl sagen, dass diese Liste von Stücken für mich den perfekten Musikabend darstellt", schreibt Helseth in Beiheft, "vom Beginn mit der spielerischen, jazzigen Impromptu von Ibert bis zur monumen- talen Hindemith-Sonate am Ende, deren abschließende Choralzeile lautet ,Alle Menschen müssen sterben' - darauf kann nicht mehr viel folgen." Doch es folgen darauf noch die Vocalise von Rachmaninoff und zwei hübsche Kreisler-Stücke.
"Die Trompete ist genau so ein expressives Instrument die die Vio- line, die Querflöte oder die menschliche Stimme", meint die Musi- kerin. "Wir Trompeter können dies in einem Stück wie der Vocalise klar herausstellen." In dem informativen Beiheft erläutert Helseth ihre Werkauswahl und gibt Informationen zu den einzelnen Stücken. Das ist durchaus interessant, denn die CD enthält nicht nur Musik von bekannten Komponisten wie Jacques Ibert, Alexander Glasunow, Giacomo Puccini, Manuel de Falla oder George Enescu. Die Trompete- rin spielt auch Werke ihrer Landsleute Edvard Hagerup Bull und Oistein Sommerfeldt.   
Das Programm dieser CD ist aber nicht nur abwechslungsreich, es gibt den beiden Musikerinnen auch die Gelegenheit, sehr verschiedene Klangfarben einzusetzen, und sehr unterschiedliche technische Herausforderungen zu bewältigen. Helseth erweist sich erneut als eine brillante Trompeterin, die hörbar Vergnügen daran hat, die Möglichkeiten ihres Instrumentes auszuloten. Mit Charme und Spielfreude führt sie zudem gemeinsam mit Stott das Publikum auch an weniger populäre Bereiche des Repertoires heran. Ich jedenfalls habe den beiden jungen Damen gern dabei zugehört. 

Donnerstag, 4. Oktober 2012

Evgenia Rubinova - Rachmaninoff (Avi-Music)

"Mir liegt am Herzen, die Mehr- deutigkeit von Rachmaninoffs Musik zu zeigen, ihre Schlichtheit, ihre Melancholie, ihr Frühlings- rauschen, ihre Distanziertheit, ihren Witz, ihre Großzügigkeit: insgesamt die vielschichtigen Charaktereigenschaften Rach- maninoffs", sagt Evgenia Rubi- nova. "Rachmaninoffs Musik ist entgegen manchen Vorurteilen meisterhaft komponiert und höchst eigenständig; die - teil- weise ganz offensichtlichen - motivischen Ähnlichkeiten zwischen Werken Rachmaninoffs und etwa denen von Chopin, Mendelssohn Bartholdy oder Tschaikowski liegen nur an der Oberfläche."
Den Beweis dieser These tritt die erfolgreiche Pianistin auf dieser CD an. Dazu wählte sie drei Werke aus, die für unterschiedliche Stationen auf dem Lebensweg von Sergej Rachmaninoff (1873 bis 1943) stehen können:  Die sechs Moments musicaux op. 16 aus dem Jahre 1896, die Klaviersonate Nr. 2 b-Moll op. 36 von 1913/1931 und Bearbeitungen von Fritz Kreislers Liebesleid und Liebesfreud aus den 20er Jahren - der Komponist lebte damals im Exil in Paris. 
Rubinova spielt brillant. Ihr Anschlag ist stets kontrolliert, differen- ziert, die Läufe perlen. Doch sie gestaltet keineswegs mit lockerer Hand; ihre Interpretation ist ausgefeilt und wohlüberlegt. Die Pianistin bringt insbesondere in die frühen Werke Rachmaninoffs Klangfarben, die man so noch nie gehört hat. Sie lässt diese Musik licht und durchhörbar erscheinen, klar strukturiert, zugleich sehr lyrisch, mitunter regelrecht romantisch. 
Kreislers Ironie freilich wird man vergebens suchen. Rubinova in- terpretiert hier Rachmaninoff in der Tradition des Virtuosenstückes. Das mag sogar korrekt sein, aber es lässt dieses letzte Werk auf der CD nach den beiden Schwergewichten wie ein Encore erscheinen. Für meinen Geschmack ein bisschen viel romantischer Puderzucker - aber der Rest ist sehr hörenswert. 

Donnerstag, 25. August 2011

Slawische Seelen - Zoryana & Olena Kushpler (Capriccio)

Zoryana und Olena Kushpler stammen aus dem ukrainischen Lemberg. Im Alter von fünf Jahren begannen die Zwillingsschwestern bei ihrer Mutter mit dem Klavier- unterricht; doch während Olena bei diesem Instrument blieb, wechselte Zoryana erst zur Violine und studierte schließlich bei ihrem Vater, Professor Igor Kushpler, an der Musikhochschule in ihrer Heimatstadt Gesang. Ihre Studien vollendeten die Schwestern in Hamburg.
Die Mezzosopranistin ist heute eine vielbeschäftigte Sängerin; seit 2007 gehört sie dem Ensemble der Wiener Staatsoper an. Olena Kushpler gründete 2004 das Bonnard Trio; sie ist eine gefragte Piani- stin und Liedbegleiterin, und unterrichtet als Lehrbeauftragte an der Hochschule für Musik und Theater in Hamburg.
Auf dieser CD präsentieren die Zwillinge einen Ausschnitt aus dem überaus reichen Liedschaffen russischer Komponisten. Es erklingen Lieder von Peter Tschaikowski, Modest Mussorgski, Sergej Rachma- ninoff und Nikolai Rimski-Korsakow. Sie werden klangschön und mit viel Temperament vorgetragen; der Zuhörer wünscht sich aber trotzdem auch bei diesen russischsprachigen Werken eine gewisse Textverständlichkeit.

Donnerstag, 22. Juli 2010

Chopin - Rachmaninov: Sonatas for Cello & Piano (Alba)

Frédéric Chopin schrieb nur sehr wenige Stücke, die nicht aus- schließlich für das Klavier be- stimmt waren. Die Sonate für Klavier und Violoncello in g-Moll op. 65 gehört zu diesen Raritäten; als er sie schrieb, war er schwer an Tuberkulose erkrankt, und hatte sich aus der Gesellschaft weit- gehend zurückgezogen. Chopin widmete dieses Werk seinem Freund, dem Cellisten Auguste-Joseph Franchomme, und spielte es wohl auch gemeinsam mit diesem zum ersten Male, in halbprivatem Rahmen.
Es ist ein ebenso melodisches wie brillantes Stück, das an die beiden Instrumentalisten hohe Anforderungen stellt. Der finnische Cellist Marko Ylönen - er hat zahlreiche internationale Preise gewonnen, und unterrichtet Kammermusik an der Sibelius-Akademie in Helsinki - spielt dieses Werk mit sattem, warmen Ton; er nimmt den breiten Pinsel statt der Feder, um sein musikalisches Bild zu zeichnen. Beim Rachmaninoff, besonders bei der Vokalise, mag das möglicherweise funktionieren - beim Chopin ist mir das zuviel Schwung und, vor allem, Lautstärke. Ähnliches gilt auch für seinen Landsmann Arto Satukangas am Klavier, der zwar exzellent, aber dynamisch meist auch erstaunlich wenig differenziert spielt.
Die Sonate für Violoncello und Klavier in g-Moll op. 19 von Sergej Wassiljewitsch Rachmaninoff ist ebenfalls eines von wenigen Kammermusikstücken in einem Gesamtwerk, das in erster Linie dem Klavier verbunden war. Anders als Chopin, der das Konzertpodium wohl nicht sehr schätzte, war der Russe aber nicht nur als Komponist und Pianist, sondern auch als Dirigent bis ins hohe Alter sehr erfolgreich. Die Cellosonate hat Rachmaninoff gemeinsam mit einem Freund, dem Cellisten Andrej Brandukow, uraufgeführt. Auch in diesem Werk werden beide Instrumente gleichberechtigt eingesetzt; der Pianist ist nicht weniger gefordert als der Cellist. Zum Abschluss erklingt die Vocalise Nr. 14 e-Moll nach op. 34; dieses Stück ist ein charmanter Abschluss einer CD, die mit ein bisschen mehr Feingefühl hätte überragend sein können.

Mittwoch, 10. Februar 2010

Russian Soul - Kapustin, Rachmaninoff (Genuin)

Die russische Seele, soso. Etwas genervt ob des Covers, starte ich die CD - und bin augenblicklich fasziniert: Was Cellist Eckart Runge und Pianist Jacques Ammon da bieten, das ist ganz große Musik.
Die beiden spielen seit Jahren als Celloprojekt zusammen. Über die Beschäftigung mit Tango und Filmmusik hatten sich die Musiker an den Jazz herangetastet. In dieser Situation hörte Runge erstmals Werke von Nikolai Kapustin.
Dieser Komponist, traditionell als Klaviervirtuose ausgebildet am Moskauer Konservatorium, hat eine ganz eigene musikalische Sprache entwickelt: Seine Stücke sind durchkomponiert; doch sie nutzen rhythmische und harmonische Elemente von Jazz, Blues, Soul, Rock und Pop - kombiniert mit Formen der klassischen Musik, gewürzt mit einer Prise russischem Weltschmerz und einer gewaltigen Portion Ironie. 
Auf abenteuerlichen Wegen besorgten sich Runge und Ammon Noten seiner Werke für Klavier und Cello, und begannen mit der Arbeit an seinen Stücken. "Es wurde immer deutlicher, was für einen Schatz wir gehoben hatten", erinnert sich Runge voll Begeisterung. "Genau so eine Musik hatten wir immer spielen wollen, nun hatten wir sie auf dem Pult!" 
Doch dann ergaben sich Fragen, auf die nur einer antworten konnte: Der Komponist selbst. Und so reisten Ammon und Runge im November 2005 nach Moskau, um Kapustin vorzuspielen und von ihm zu lernen. Das Resultat ist grandios.
Das gilt auch für die Werke von und nach Rachmaninoff. Runge und Ammon lassen Cello und Flügel um die Wette singen - was dem melodiösen, lyrischen Charakter dieser Klassiker perfekt entspricht.