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Sonntag, 4. Juli 2021

Beethoven Unknown (Berlin Classics)


 Es ist immer wieder faszinierend, was geschehen kann, wenn große Künstler auf Entdeckungen aus sind, und sich abseits vom Standardrepertoire mit wenig bekannten Werken auseinandersetzen. So hat sich Matthias Kirschnereit zum Beethoven-Jubiläum nicht etwa die Hammerklaviersonate, sondern die Miniaturen des Komponisten auf das Notenpult gestellt. 

Das erweist sich als ein durchaus lohnendes Unterfangen, wie diese Aufnahme zeigt, die ich die Ehre habe, im 3.000 Notat in diesem Blog vorzustellen: „Es geht mir bei diesem Album darum, Werke von Beethoven, die vielfach nicht im allgemeinen Fokus stehen, in (hoffentlich!) neuem Glanze erscheinen zu lassen. Darunter auch Stücke, die nicht unbedingt zum Ziel haben, die Welt zu verändern“, schreibt der Pianist. „Ich bin kein Archäologe, der auf Dachböden stöbert oder in Bibliotheken und Archiven noch nicht Veröffentlichtes sucht und findet. Alles ist längst verlegt; das habe ich durch meine intensive Zusammenarbeit mit dem Henle-Verlag und der Wiener Urtext Edition bestätigt gefunden. Dann habe ich mich an die Zusammenstellung gemacht – und kam aus dem Staunen nicht heraus.“ 

Denn auch kleine Stücke können Meisterwerke sein. Kirschnereit interpretiert sie mit Sorgfalt, und er zeigt so, wieviel Poesie in ihnen steckt. Die Anmerkungen machen deutlich, dass in diesen kurzen Stücken auch sehr viel privater Beethoven aufzufinden ist. Hochspannend! Ich finde, dies ist eine der schönsten Einspielungen zum Beethovenjahr. 


Freitag, 24. Mai 2019

Concertant - Robert Schumann (Berlin Classics)

„Robert Schumann ist einer meiner Herzenskomponisten! Und erstaunlicherweise gibt es bei ihm viele Werke zu entdecken, die auch unter Musikern nahezu unbekannt sind.“ Matthias Kirschnereit beschäftigt sich mit dem Schaffen Schumanns schon lange und sehr intensiv. Und auf dem neuen Album Concertant präsentiert der Pianist nun einige Entdeckungen. 
Dazu gehört ohne Frage das Konzertstück für Klavier und Orchester op. 86, eigentlich komponiert für vier Hörner und Orchester. Wem die Klavierfassung zu verdanken ist, das lässt sich heute nicht mehr mit Sicherheit feststellen. Kirschnereit vermutet, sie könne von Carl Reinecke stammen. Und er hat selbst hier und da noch Anpassungen vorgenommen, „um aus meiner Sicht der Schumannschen Klangsprache noch näher zu kommen“, so der Pianist. „Schumann schwebte mit Opus 86 Großes, Grandioses vor, und ich bin überzeugt, dass sich dieser mitreißende Schwung auch in der Klaviertranskription darstellt, ja dass diese sogar neuartige Facetten dieses Werkes belebt.“ 
Nur zehn Tage vor dem Konzertstück wurde 1849 ein anderes Werk uraufgeführt: Introduktion und Allegro appassionato, op. 92. Es ist „ein Werk aus einem Guss“, so Kirschnereit, stimmungsvoll und getragen von einer poetischen Idee: „Man versteht nicht, dass dieses Stück so selten gespielt wird, es ist mir ein absolutes Rätsel.“ 
Noch weniger bekannt ist das Konzert-Allegro mit Introduktion op. 134. Das war nicht immer so: „Clara Schumann hat das Werk kolossal geschätzt“, berichtet der Pianist. Und wenn nach der Kadenz die Posaunen das Kirchenlied Du meine Seele singe zitieren, dann ist dies für Kirschnereit, der in einem Pastorenhaushalt aufgewachsen ist, ein bewegender Moment: „Ein zutiefst ergreifender und erschütternder Schumann, es ist in meinen Augen ein sehr persönliches Werk.“ 
Erst zum Schluss erklingt Schumanns Klavierkonzert op. 54 – „ein Mittelding zwischen Sinfonie, Konzert und großer Sonate“, wie der Komponist selbst einst dazu äußerte. Entstanden ist es auf Wunsch von Clara Schumann, die das Werk dann auch fast zweihundert Mal im Konzert gespielt hat. Und so wird es auch nicht verblüffen, dass das Hauptthema des Kopfsatzes C-H-A-A lautet, was für „Chiara“ steht, Clara. Dieses Thema bleibt im Vordergrund, selbst die auskomponierte Kadenz gipfelt darin. „Ich betrachte es als großes Glück, mich gemeinsam mit einem so wunderbaren Orchester wie dem Konzerthausorchester Berlin und Jan Willem de Vriend Schumanns Klavierkonzert nähern zu dürfen“, sagt Kirschnereit. „Für uns stand im Fokus, die motorische, die feurige Stringenz dieses Werkes zu verfolgen.“ 

Montag, 5. Februar 2018

Brahms - Frei aber einsam (Berlin Classics)

F-A-E – diese Tonfolge prägt drei Werke von Johannes Brahms (1833 bis 1897), und sein ganzes Leben. Denn die drei Buchstaben stehen für „frei, aber einsam“; dies war das Lebensmotto des Geigers Joseph Joachim, und diesem Leitspruch folgte auch sein Freund Brahms. Der Pianist Matthias Kirschnereit hat sich nun an die drei Stücke gewagt, in denen der Komponist dieses Motiv einsetzte. 
Zum ersten Mal verwendete Johannes Brahms dieses Thema in seiner Klaviersonate Nr. 3 in f-Moll, op. 5, aus dem Jahre 1853. „Brahms sagt sein Leben selbst als Prophet voraus, deutet Dinge an, die ihm später widerfahren werden“, meint Matthias Kirschnereit dazu. Und das bedeutet in diesem Falle eine Liebe, so romantisch wie man sich das nur vorstellen kann, die dann zerbricht, betrauert wird – und im Finale erklingt dann erstmals die Tonfolge f-a-e. 
Zu hören ist sie auch in einem Gemeinschaftswerk, das Robert Schumann, Albert Dietrich und Johannes Brahms 1853 „In Erwartung der Ankunft des verehrten und geliebten Freundes Joseph Joachim“ geschrieben haben. Jeder von ihnen komponierte einen Satz; von Brahms stammt das Scherzo dieser F.A.E.-Sonate
Das Klavierquintett f-Moll op. 34 aus dem Jahre 1864 wiederum ist ein Stück, „in dem der kontrollierte Brahms ausbricht und sich an den Rand seiner üblichen Konventionen begibt“, so Kirschnereit. „Er kann sich selbst nicht mehr ganz bändigen. Im dritten und vierten Satz ist es extrem wild und exzentrisch. Wenn man hier das Gefühl hat, dass eigentlich schon alles gesagt ist, genau dann setzt Brahms noch eine Sequenz drauf. Das verleiht dem etwas Animalisches. Das ist sehr selten, diese Schutz- losigkeit, diese rohe Energie. Dieses Hin und Her in den vier Sätzen, dieses Unvereinbare ist fantastisch.“ 
Dieses Ringen zu erkunden, tritt der Pianist nun an – und was da zu hören ist, das verschlägt einem schier den Atem, so überwältigend wird hier musiziert. Kirschnereit beeindruckt durch Sensibilität ebenso wie durch Leidenschaft. Auch seine Partner sind erstklassig: Beim Scherzo aus der Violinsonate bringt Lena Neudauer ihre Perspektive in den Dialog mit ein. Und das Klavierquintett gestaltet Kirschnereit gemeinsam mit dem exzellenten Amaryllis Quartett – zupackend, dramatisch; das ist schlicht grandios. Generell ist alles sehr durchdacht gearbeitet, kammermusika- lisch differenziert, und unglaublich ausdrucksstark. Diese Doppel-CD ist ohne Zweifel eine Referenzaufnahme, die für lange Zeit ihre Gültigkeit behalten wird. Überragend! 

Mittwoch, 14. Oktober 2015

Felix Mendelssohn & Fanny Hensel: Lieder ohne Worte (Berlin Classics)

Schon seit längerem setzt sich Matthias Kirschnereit intensiv mit dem Werk von Felix Mendelssohn Bartholdy (1809 bis 1847) aus- einander. „Es ist überfällig, diesem genialen Tonschöpfer vorurteilsfrei zu begegnen und seine ureigene Klangsprache angemessen zu würdigen“, fordert der Pianist. „Die Beschäftigung mit Mendelssohns Musik hat für mich stets etwas Klärendes, Reinigendes, Erhebendes: Schumanns Aussage, Mendelssohn sei der ,Mozart des 19. Jahrhunderts' trifft es auf den Punkt.“ 
Denn ebenso wie Mozart schuf Mendelssohn schon in jungen Jahren „Werke von bleibendem Rang“, erläutert Kirschnereit. Die Lieder ohne Worte sieht der Pianist als musikalische Momentaufnahmen; der Komponist habe sie bis auf wenige Ausnahmen nach der Niederschrift nicht noch einmal überarbeitet: „Hier spricht er ungefiltert!“ 
Die Gesamtschau dieser Werke, die Kirschnereit mit seiner Einspielung ermöglicht, zeigt zudem, dass die Lieder ohne Worte deutlich mehr sind als biedermeierselige Albumblätter. Die gern gespielten Werke sind alles andere als ein musikalisches Idyll für klavierspielende höhere Töchter. „Die Lieder ohne Worte ziehen sich wie Tagebuchaufzeichnungen durch Mendelssohns kompositorisches Leben: Heiteres, Poetisches, Natur- haftes, Erhabenes Kokettes, Dramatisches, Verzweifeltes lösen sich in scheinbar loser Folge ab“, so Kirschnereit.  
Oftmals wurde zudem ignoriert, dass der Komponist – auch wenn er seiner Schwester jahrelang den brüderlichen „Handwerkssegen“ verweigerte – im beständigen Dialog mit Fanny Hensel arbeitete. Ebenso wie beispielsweise bei den Liedvertonungen gibt es auch bei den Liedern ohne Worte ausgesprochen qualitätvolle Beiträge dieser Musikerin, die Kirschnereit in seiner Gesamteinspielung erstmals den Werken des berühmten Bruders zur Seite stellt. Man wird schnell feststellen: Die Werke von Fanny Hensel sind wesentlich kühner, freier und technisch mitunter auch anspruchsvoller als die von Felix Mendelssohn Bartholdy. 
Matthias Kirschnereit, ausgebildet der Tradition der deutschen Klavier- schule entsprechend, die von seiner Lehrerin Renate Kretschmar-Fischer über Conrad Hansen, Edwin Fischer und Martin Krause bis zu Franz Liszt zurückreicht, hat in der deutsch-österreichischen Romantik seine musikalische Heimat. Mit fein ausdifferenziertem Anschlag und hoher Sensibilität entlockt er jedem Lied seine Besonderheiten, und entführt den Zuhörer in eine wunderbare Welt en miniature. Mendelssohns Werke, schrieb einst der Kritiker August Kahlert über das erste Heft der Lieder ohne Worte, seien „sämmtlich nur von solchen zu spielen, die poetische Zustände zu erfassen Lust und Geschick haben“. Kirschnereit hat; nicht umsonst erhielt der Pianist für seine Einspielung der Mendelssohn-Konzerte bereits den Echo Klassik. 

Samstag, 13. September 2014

Händel: Piano Concertos 13 - 16 (cpo)

„Händels Orgelkonzerte wurden gezielt auf den ergreifenden wie brillanten Aspekt hin komponiert“, schreibt Matthias Kirschnereit im Geleitwort zu dieser CD. „Die Art und Weise, wie der Komponist dem Solisten großzügige Möglichkeiten der exponierten Präsentation bietet, erscheint mir hochmodern.“ 
Doch diese Spielräume wollen auch genutzt sein. Die Lösung, die Kirsch- nereit für diese Herausforderung gefunden hat, überzeugt auch bei seiner zweiten Einspielung der Orgelkonzerte auf einem modernen Konzertflügel. Es ist durchaus spannend, zu erleben, welche klanglichen Alternativen der Pianist anstelle der Orgelregister gefunden hat. Die Klangfarben der Orgel durch die dynamischen Möglichkeiten des Klaviers zu ersetzen, das gelingt Kirschnereit brillant – nicht zuletzt deshalb, weil er dabei sehr zurückhaltend agiert und sich nicht in den Vordergrund spielt. Wie der Pianist gemeinsam mit der Deutschen Kammerakademie Neuss unter Lavard Skou Larsen musiziert, und eben nicht als Solist mit Orchesterbegleitung, das ist einmal mehr berückend. Auf dieser CD erklingen Händels Konzerte ohne Opuszahl, darunter das berühmte „The Cuckoo and the Nightingale“ – meine unbedingte Empfehlung! 

Samstag, 30. August 2014

Schubert: Wanderer-Fantasie (Berlin Classics)

„Ich meine, dass in der Musik Franz Schuberts die Idee des Wanderns ein stilbildendes Charakteristikum darstellt. Dabei ist das Wandern gewiss viel- schichtig zu verstehen: Zum einen im wörtlichen Sinne als das Wandern durch Stadt und Land, mal beschaulich, mal rastlos“, schreibt Matthias Kirschnereit im Beiheft zu dieser CD. „Zum anderen sehe ich in Schuberts Wandern eine Metapher für die mehr oder weniger permanente Sehnsucht nach glücklicheren Umständen, bis hin zum erlösenden Tod.“ 
Der Pianist hat daher Klavierwerke zu einer „Herbstreise“ zusammen- gestellt – vom sehnsuchtsvollen Andante der frühen Jahre bis hin zur Wanderer-Fantasie und von der temperamentvollen Ungarischen Melodie bis hin zum Allegretto, das „abschließend das Tor zur Ein- samkeit der Winterreise aufstößt“, so Kirschnereit. Davon freilich ist auf dieser CD eher wenig zu spüren; Kirschnereit präsentiert „seinen“ Schubert erstaunlich biedermeierlich. So heiter, so aufgeräumt und so fern aller Abgründe war beispielsweise die a-Moll-Sonate selten zu hören. Diese Interpretation ist ganz entschieden eine poetische. 

Sonntag, 2. März 2014

Händel: Six Piano Concertos op. 4; Kirschnereit (cpo)

Auch Matthias Kirschnereit hat Händels Orgelkonzerte – in diesem Falle die sechs Konzerte op. 4 – eingespielt. Die Aufnahme setzt konsequent auf moderne Instru- mente – und ebenso konsequent auf eine historisch angemessene Musizierweise. „Dass Händel seine Orgelkonzerte ohne Pedal konzipierte, erleichtert deren Spielbarkeit auf dem Klavier“, meint Kirschnereit. Er beruft sich bei seiner Entscheidung für den Steinway zudem darauf, dass Händel selbst etliche seiner Werke für verschiedene Instrumente bearbeitet hat. 
Wenn man diese Aufnahme anhört, dann fragt man sich freilich, warum zuvor noch niemand diese Konzerte auf einem Flügel eingespielt hat – abgesehen von Ragna Schirmer, siehe oben, die aber mit dem musikalischen Material wesentlich freier verfahren ist. Kirschnereit hingegen bleibt möglichst dicht am Original. „Eine ,sprechende' Artikulation, kantables Spiel (für mich erschließt sich Händel besonders über seine Opern und Oratorien) wie auch der sparsame Gebrauch des rechten Pedals sind dieser Musik in hohem Maße angemessen“, beschreibt der Pianist im Beiheft sein Vorgehen. „Das Imitieren der einzelnen Orgelregister dürfte – wie überhaupt das innere Hören des menschlichen Gesanges und der unterschiedli- chen Orchesterinstrumente – eine Grundvoraussetzung darstellen.“ Umfangreiche Passagen der Orgelstimme sind nur fragmentarisch notiert bzw. mit Generalbass beziffert. „Hier einen Klaviersatz zu finden, der sinnvoll, klangschön und nicht allzu akademisch er- scheint, war eine besondere Herausforderung“, meint Kirschnereit, der von Haus aus kein Spezialist für „Alte“ Musik ist. 
Es ist dem Pianisten dennoch bestens gelungen. Seine Interpretation ist berückend elegant und rundum stimmig. Die Aufnahme dokumen- tiert zudem eine Musizierlust, die noch beim Anhören beschwingt. Die Deutsche Kammerphilharmonie Neuss unter Lavard Skou Larsen ist dem Solisten ein grandioser Musizierpartner. Wie sich Kirschnereit und das Orchester die Phrasen zuspielen, das ist wirklich sehr hörens- wert. Bravi! Und bitte mehr davon! Auf die Orgelkonzerte op. 7 darf man sich wohl schon jetzt freuen. 

Sonntag, 29. August 2010

Schumann: Scenen - Matthias Kirschnereit (Berlin Classics)

"Es ist das Klavier, mit dem Robert Schumann die Bühne seines künst- lerischen Schaffens betritt und we- nige Tage vor seiner Einlieferung in die Nervenheilanstalt wieder verlässt", sagt der Pianist Matthias Kirschnereit. "Dabei spielt zeit- lebens das kurze, scharf umrissene Charakterstück eine dominierende Rolle." In diesen Miniaturen, die oft nur wenige Minuten dauern, fand der Komponist die Form, die ihm sowohl den Ausdruck der widerstrebenden Facetten seiner Persönlichkeit als auch seiner Eindrücke, Gefühle und Gemüts- zustände ermöglichte.
Die Beschäftigung mit Schumanns Gedanken, Ideen und Visionen sieht Kirschnereit als eine "Seelenreise", als Abenteuer: "Und es ist bewegend, nachzuempfinden, wie sich der Enthusiasmus, das jugendliche Ich-Gefühl, das Verliebtsein, die schroffen Extreme, die strahlenden Kreuz-Tonarten des frühen Schumann im Verlaufe seines Schaffens mehr und mehr abmildern, nach innen kehren - bis hin zu den erschütternden 'Geistervariationen'."
Damit ist auch das Konzept der vorliegenden CD beschrieben: Kirschnereit beginnt mit den Papillons op. 2, entstanden bis Anfang 1832, ergänzt dann die Kinderscenen op. 15. "Und daß ich es nicht vergeße, was ich noch componirt", schrieb Schumann 1838 an seine Verlobte Clara Wieck: "War es wie ein Nachklang von Deinen Worten einmal wo Du mir schriebst 'ich käme Dir auch manchmal wie ein Kind vor' - Kurz, es war mir ordentlich wie im Flügelkleid und hab da an die 30 kleine putzige Dinger geschrieben, von denen ich ihrer zwölf ausgelesen und 'Kinderscenen' genannt habe. Du wirst Dich daran erfreuen, mußt Dich aber freilich als Virtuosin vergeßen".
Nach den 18 "kleinen putzigen Dingern", die nicht Aufnahme in die Kinderszenen fanden, suchen Musikwissenschaftler noch heute - und manchmal haben sie offenbar sogar Glück. So fand die Bibliothekarin Roswitha Lambertz in Überlingen 2006 bei der Erfassung eines Nachlasses 24 Takte von Robert Schumann - "Herrn Julius Allgeyer mit dem Wunsche, daß immer sanfte Töne Ihn begleiten mögen", so die Widmung Clara Schumanns, die das Blatt 1856 verschenkt hatte. Das Stück Ahnung erklingt hier als Ersteinspielung. 
Es ist erstaunlich, wie oft Werke von Robert Schumann Literatur reflektieren. Beschäftigten ihn in seinen Jugendjahren die Bücher von Jean Paul und E.T.A. Hoffmann, so war es das Jagdbrevier von Hein- rich Laube, dass den Komponisten 1849/50 inspirierte, eine Folge von neun Klavierstücken zu schreiben, die er Waldscenen op. 82 nannte. Sie sind ähnlich dunkel und geheimnisvoll wie der Wald - der hier nicht nur als romantischer Rückzugssort gezeigt wird, sondern zugleich auch als unheimliche Gegenwelt, in der eine latente Bedrohung lauert. Eines dieser Stücke, Vogel als Prophet, empfand der Schriftsteller Hermann Hesse als "hold und geheimnisvoll". Er gehört offenkundig auch zu den Lieblingsstücken Kirschnereits; während die Jugendwerke eher beliebig wirken, gelingt dem Pianisten hier eine grandiose Interpretation.
Folgt man dem Lebensweg Schumanns weiter, muss man bald erkennen, was der Vogel angekündigt hat: Thema und Variationen in Es Dur, die sogenannten Geistervariationen, sind Schumanns letztes vollendetes Werk. Er notierte sie unter größten Qualen, von Stimmen gepeinigt; am 27. Februar 1854 fertigte er eine Reinschrift an - und lief mitten in der Arbeit davon, "nur im Rock, im schrecklichsten Regenwetter, ohne Stiefel, ohne Weste", so wird berichtet. Der Düsseldorfer Musikdirektor eilte zum Rhein, warf erst seinen Ehering hinein, und sprang dann selbst ins eisige Wasser. Wenige Tage später begab er sich in eine Nervenheilanstalt; dort starb er 1856. 
Die Geistervariationen wurden erst 1939 veröffentlicht; seit 1995 steht eine Urtext-Ausgabe zur Verfügung. Kirschnereit beendet mit diesem seltsamen Werk sein musikalisches Porträt Schumanns. Seine luzide, reduzierte, analytisch angelegte Interpretation dieses selten zu hörenden Stückes ist für mich der Höhepunkt dieser CD. Unter all den Aufnahmen, die zu Schumann-Jubiläum erschienen sind, ist das mit Sicherheit die spannendste, originellste - und auch pianistisch-handwerklich gehört diese CD ohne Zweifel zu den besten Neuerscheinungen des Jahres. Bravo!