Nachdem sie bereits Händels Suiten eingespielt hat, wendet sich Ragna Schirmer nun auch den Orgelkonzerten des Komponisten zu. Georg Friedrich Händel hat sie für das Theater geschaffen, als Zwischenspiele. Sein Plan ging auf; die Pausenfüller erwiesen sich bald als der Renner. Das Publikum wollte die eingängigen Werke sogar zu Hause hören. Sie wurden dort auf dem Cembalo oder dem Spinett gespielt, mitunter mit Begleitung durch ein Streichquartett.
Nun ist Ragna Schirmer keine Organistin. Sie hat daher die Orgel- konzerte zunächst auf das vertraute Klavier verlagert. „Es ist eine schwierige Aufgabe, von einem so voluminösen, lang klingenden Instrument wie der Orgel auf das doch eher filigrane Klavier zu übertragen“, meint die Musikerin. „Bloßes Ornamentieren und Verzieren reicht an vielen Stellen nicht aus, es bedarf größerer Ergänzungen und Verstärkungen.“ Unterstützt durch erfahrene Kollegen, hat Schirmer schließlich so manche kühne Idee verwirk- licht. So wurden Konzerte für Bläsertrio umgeschrieben. Das geht so weit, dass bei dem Konzert op. 4/4 die Bläser den Solopart komplett übernehmen, und Schirmer am Klavier die Rolle des Orchesters. Das Konzert HWV 296a wiederum spielt sie dann am Hammerflügel alleine. Es erklingt ein traumhaft gelungenes Instrument aus der Werkstatt von Matthias Arens und Martin Schwabe nach einem Vorbild von Anton Walter, Wien 1775. Als Wegbegleiter bei diesem Experiment konnte Schirmer das Händelfestspielorchester Halle/Saa- le gewinnen.
Auf der zweiten CD nutzt die Musikerin einen modernen Konzert- flügel. Begleitet wird sie durch ihr eigens dafür gegründetes Kammerorchester DaCuore. Dem Steinway D entlockt Schirmer mitunter Klangfarben, die verblüffen. Die Solistin hält zwar den Ton erstaunlich schlank und die Strukturen durchhörbar. Aber generell sind die Interpretationen moderner, entfernen sich von der histo- risch informierten Aufführungspraxis. Das wird noch unterstrichen durch das Concertino des Franzosen Guillaume Connesson. Dieses Werk bezieht sich auf Themen aus den Orgelkonzerten. Es ist eine Auftragskomposition der Händel-Festspiele Halle für Ragna Schirmer.
Die dritte CD wagt vollends den Schritt in die Moderne, denn hier wurde der Orchesterpart ausgewählter Orgelkonzerte von Stefan Malzew für ein Jazz-Ensemble arrangiert. Schirmer spielt den Orgelpart auf einer Hammond B3 von 1957. „Ganz bewusst habe ich barocke Artikulation auf diesem doch eher aus der Popularmusik bekannte Tasteninstrument zu imitieren versucht“, berichtet die Pianistin. Sie spielt so brillant, dass man ihr gern auch durch dieses Experiment folgt; das Ergebnis haut mich allerdings, um es mal so salopp zu sagen, nicht vom Hocker. Denn diese Jazz-Version ist durchaus Kaufhaus-kompatibel. Als Begleitmusik beim Shoppen zu enden, das wiederum haben Händels Werke nicht verdient.
Posts mit dem Label Malzew werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Malzew werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Sonntag, 2. März 2014
Samstag, 9. Juli 2011
Martucci: Piano Concerto No. 2 (Crystal Classics)
Herr Martucci habe sich als als exzellenter Pianist erwiesen, schrieb das Giornale di Napoli am 6. Juni 1874: "Er ist sehr jung und verspricht zu größter Berühmtheit zu gelangen. Liszt war im Saal und zeigte sich sehr zufrieden." Ein Biograph berichtete später, der junge Pianist sei fast in Ohnmacht gefallen, als er den berühmten Kollegen im Saal sitzen sah. Dass Giuseppe Martucci (1856 bis 1909) seinen Schreck schnell überwand und die Aufregung professionell meisterte, mag mit daran liegen, dass er bereits seit seinem achten Lebensjahr öffentlich auftrat.
Sein Vater, ein Trompeter und Militärkapellmeister, gab ihm ersten Unterricht; später studierte Martucci am Konservatorium San Pietro a Maiella in Neapel Klavier und Komposition. Ab 1871 konzertierte er als Pianist in Italien, England, Irland und Frankreich, oftmals gemein- sam mit dem Cellisten Alfredo Piatti. 1880 kehrte Martucci nach Nea- pel zurück. Er wurde Professor für Klavierspiel am Konservatorium und dirigierte zudem die Società Orchestrale di Napoli, die erst kurz zuvor gegründet worden war. Von 1886 bis 1902 leitete er das Liceo Musicale in Bologna, inklusive Orchester. Er setzte sich insbesondere für Brahms und Wagner ein, und dirigierte 1888 die italienische Erstaufführung von Wagners Oper Tristan und Isolde.
In erster Linie aber bereicherte er das Musikleben im auf Opern ver- sessenen Italien um etliche Werke, in denen überhaupt nicht gesun- gen wird. Martucci komponierte vor allem für Orchester, und zudem für die Kammermusik. Diese CD beweist, dass er sowohl am Klavier als auch auf dem Notenpapier ein Virtuose im besten Wortsinne war. Im Mittelpunkt dieser Aufnahme steht ohne Zweifel das Klavierkonzert Nr. 2 b-Moll op. 66 - ein groß angelegtes, vor Temperament geradezu überschäumendes und technisch zudem extrem anspruchsvolles Werk. Als Arturo Toscanini 1899 dieses Konzert mit Martucci am Klavier einstudierte, meinte er vor Beginn der Proben: "Ich bin gespannt, ob er mit all den Problemen, die er selbst geschrieben hat, zurechtkommt."
Pietro Massa jedenfalls, der das Konzert für Crystal Classics gemein- sam mit der Neubrandenburger Philharmonie unter Stefan Malzew eingespielt hat, kommt damit gut zurecht. Er spielt wirklich brillant, und so lässt sich auch mancher nicht so perfekte Ton aus dem Orche- ster aushalten. Schließlich handelt es sich um einen Live-Mitschnitt, da kann das durchaus passieren. Spannend ist die Aufnahme auch deshalb, weil sie das Notturno op. 70 Nr. 1 sowohl in der Orchester- als auch in der Klavierfassung enthält. Dieses Werk macht noch ein- mal deutlich, wie virtuos Martucci zu orchestrieren verstand, und wie souverän uns sensibel er mit Klangfarben arbeitete. Tema e variazio- ni op. 58 fällt dagegen insgesamt ein wenig ab. Aber grundsätzlich gehört Martucci in die erste Reihe der Virtuosen-Komponisten des ausklingenden 19. Jahrhunderts. Eine Entdeckung!
Sein Vater, ein Trompeter und Militärkapellmeister, gab ihm ersten Unterricht; später studierte Martucci am Konservatorium San Pietro a Maiella in Neapel Klavier und Komposition. Ab 1871 konzertierte er als Pianist in Italien, England, Irland und Frankreich, oftmals gemein- sam mit dem Cellisten Alfredo Piatti. 1880 kehrte Martucci nach Nea- pel zurück. Er wurde Professor für Klavierspiel am Konservatorium und dirigierte zudem die Società Orchestrale di Napoli, die erst kurz zuvor gegründet worden war. Von 1886 bis 1902 leitete er das Liceo Musicale in Bologna, inklusive Orchester. Er setzte sich insbesondere für Brahms und Wagner ein, und dirigierte 1888 die italienische Erstaufführung von Wagners Oper Tristan und Isolde.
In erster Linie aber bereicherte er das Musikleben im auf Opern ver- sessenen Italien um etliche Werke, in denen überhaupt nicht gesun- gen wird. Martucci komponierte vor allem für Orchester, und zudem für die Kammermusik. Diese CD beweist, dass er sowohl am Klavier als auch auf dem Notenpapier ein Virtuose im besten Wortsinne war. Im Mittelpunkt dieser Aufnahme steht ohne Zweifel das Klavierkonzert Nr. 2 b-Moll op. 66 - ein groß angelegtes, vor Temperament geradezu überschäumendes und technisch zudem extrem anspruchsvolles Werk. Als Arturo Toscanini 1899 dieses Konzert mit Martucci am Klavier einstudierte, meinte er vor Beginn der Proben: "Ich bin gespannt, ob er mit all den Problemen, die er selbst geschrieben hat, zurechtkommt."
Pietro Massa jedenfalls, der das Konzert für Crystal Classics gemein- sam mit der Neubrandenburger Philharmonie unter Stefan Malzew eingespielt hat, kommt damit gut zurecht. Er spielt wirklich brillant, und so lässt sich auch mancher nicht so perfekte Ton aus dem Orche- ster aushalten. Schließlich handelt es sich um einen Live-Mitschnitt, da kann das durchaus passieren. Spannend ist die Aufnahme auch deshalb, weil sie das Notturno op. 70 Nr. 1 sowohl in der Orchester- als auch in der Klavierfassung enthält. Dieses Werk macht noch ein- mal deutlich, wie virtuos Martucci zu orchestrieren verstand, und wie souverän uns sensibel er mit Klangfarben arbeitete. Tema e variazio- ni op. 58 fällt dagegen insgesamt ein wenig ab. Aber grundsätzlich gehört Martucci in die erste Reihe der Virtuosen-Komponisten des ausklingenden 19. Jahrhunderts. Eine Entdeckung!
Abonnieren
Posts (Atom)

