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Samstag, 9. Juli 2011

Martucci: Piano Concerto No. 2 (Crystal Classics)

Herr Martucci habe sich als als exzellenter Pianist erwiesen, schrieb das Giornale di Napoli am 6. Juni 1874: "Er ist sehr jung und verspricht zu größter Berühmtheit zu gelangen. Liszt war im Saal und zeigte sich sehr zufrieden." Ein Biograph berichtete später, der junge Pianist sei fast in Ohnmacht gefallen, als er den berühmten Kollegen im Saal sitzen sah. Dass Giuseppe Martucci (1856 bis 1909) seinen Schreck schnell überwand und die Aufregung professionell meisterte, mag mit daran liegen, dass er bereits seit seinem achten Lebensjahr öffentlich auftrat. 
Sein Vater, ein Trompeter und Militärkapellmeister, gab ihm ersten Unterricht; später studierte Martucci am Konservatorium San Pietro a Maiella in Neapel Klavier und Komposition. Ab 1871 konzertierte er als Pianist in Italien, England, Irland und Frankreich, oftmals gemein- sam mit dem Cellisten Alfredo Piatti. 1880 kehrte Martucci nach Nea- pel zurück. Er wurde Professor für Klavierspiel am Konservatorium und dirigierte zudem die Società Orchestrale di Napoli, die erst kurz zuvor gegründet worden war. Von 1886 bis 1902 leitete er das Liceo Musicale in Bologna, inklusive Orchester. Er setzte sich insbesondere für Brahms und Wagner ein, und dirigierte 1888 die italienische Erstaufführung von Wagners Oper Tristan und Isolde
In erster Linie aber bereicherte er das Musikleben im auf Opern ver- sessenen Italien um etliche Werke, in denen überhaupt nicht gesun- gen wird. Martucci komponierte vor allem für Orchester, und zudem für die Kammermusik. Diese CD beweist, dass er sowohl am Klavier als auch auf dem Notenpapier ein Virtuose im besten Wortsinne war. Im Mittelpunkt dieser Aufnahme steht ohne Zweifel das Klavierkonzert Nr. 2 b-Moll op. 66 - ein groß angelegtes, vor Temperament geradezu überschäumendes und technisch zudem extrem anspruchsvolles Werk. Als Arturo Toscanini 1899 dieses Konzert mit Martucci am Klavier einstudierte, meinte er vor Beginn der Proben: "Ich bin gespannt, ob er mit all den Problemen, die er selbst geschrieben hat, zurechtkommt." 
Pietro Massa jedenfalls, der das Konzert für Crystal Classics gemein- sam mit der Neubrandenburger Philharmonie unter Stefan Malzew eingespielt hat, kommt damit gut zurecht. Er spielt wirklich brillant, und so lässt sich auch mancher nicht so perfekte Ton aus dem Orche- ster aushalten. Schließlich handelt es sich um einen Live-Mitschnitt, da kann das durchaus passieren. Spannend ist die Aufnahme auch deshalb, weil sie das Notturno op. 70 Nr. 1 sowohl in der Orchester- als auch in der Klavierfassung enthält. Dieses Werk macht noch ein- mal deutlich, wie virtuos Martucci zu orchestrieren verstand, und wie souverän uns sensibel er mit Klangfarben arbeitete. Tema e variazio- ni op. 58 fällt dagegen insgesamt ein wenig ab. Aber grundsätzlich gehört Martucci in die erste Reihe der Virtuosen-Komponisten des ausklingenden 19. Jahrhunderts. Eine Entdeckung! 

Freitag, 8. Juli 2011

Brahms: Piano Concerto No. 2, Klavierstücke op. 76; Angelich (Virgin Classics)

"Und er ist gekommen, ein junges Blut, an dessen Wiege Grazien und Helden Wache hielten. Er heißt Johannes Brahms, kam von Ham- burg, dort in dunkler Stille schaffend, aber von einem treff- lichen und begeistert zutragenden Lehrer gebildet in schwierigen Setzungen der Kunst, mir kurz vorher von einem verehrten be- kannten Meister empfohlen. Er trug, auch im Äußeren, alle Anzei- chen an sich, die uns ankündigen: Das ist ein Berufener", schwärmte Robert Schumann 1853 in seiner Neuen Zeitschrift für Musik über den jungen Musiker, der sich kurz zuvor den Schumanns vorgestellt hatte.
Von "Grazien und Helden" freilich dürfte Johannes Brahms (1833 bis 1897) in seiner Jugend wenig gespürt haben. Sein Vater spielte in Hamburger Lokalen zum Tanz auf. Schon früh erkannte er, dass sein Filius ebenfalls musikalisch war, und so erhielt Brahms ab seinem siebenten Lebensjahr Klavierunterricht. Er begann seine Pianisten- laufbahn in Matrosenkneipen und Tanzlokalen.
Das Klavier sollte zeitlebens das von ihm bevorzugte Instrument bleiben. Bienenfleißig studierte Brahms die Werke der Kollegen - vor allem auch der bereits verstorbenen - und glich so aus, was ihm an Ausbildung versagt geblieben war. Als er sich an die ersten Orche- sterwerke wagte, suchte er den Rat erfahrener Kollegen und lernte von ihnen. Wer allerdings Brahms' Klavierwerke mit ihrer mitunter geradezu orchestralen Textur kennt, der wird sich das Zögern des Komponisten am ehesten mit seinem hohen Anspruch erklären. 
Die beiden Werke auf dieser CD zeigen den reifen Brahms - die Klavierstücke op. 76 entstanden 1870, das Konzert für Klavier Nr. 2 in B-Dur 1882. Nicholas Angelich spielt das Klavierkonzert im Dialog mit dem Sinfonieorchester des Hessischen Rundfunks unter Paavo Järvi - betont romantisch, sehr gediegen und reich an Klangfarben und Schattierungen. Ausgesprochen differenziert erklingen auch die Klavierstücke op. 76, vier extravagante Capricci nebst vier aus- drucksstarken Intermezzi. Angelich hat hörbar Vergnügen an diesen vertrackten Rhythmen und alles andere als simplen harmonischen Ideen. Man lauscht mit wachsender Begeisterung - eine Ausnahme-Aufnahme mit Tiefe und Kraft, wie man sie selten findet.