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Samstag, 8. September 2018

Vivaldi - La Venezia di Anna Maria (Berlin Classics)

Dies ist keine gewöhnliche Vivaldi-Einspielung: Mit dem Album „La Venezia di Anna Maria“ erinnern Midori Seiler und das Concerto Köln an Anna Maria dal Violin. Als Findelkind kam sie in Venedig ins Ospedale della Pietà. Im Waisenhaus wuchs sie auf, und dort erhielt sie eine ausgezeichnete Ausbildung. Fleiß und Talent machten Anna Maria zu einer Violinvirtuosin von europäischem Rang. 
Es gab damals wenig Möglichkeiten für eine Frau, im Musikerberuf tätig zu werden. Umso interessanter ist der Einblick, den diese CD in das Repertoire gibt, das den erstklassigen Ensembles der vier venezianischen Ospedali seinerzeit zu einem derart exzellenten Ruf verholfen hat. Kaum ein Besucher der Stadt jedenfalls dürfte damals darauf verzichtet haben, den Mädchen und Frauen zuzu- hören, wenn sie in der Kirche musizierten. 
Obwohl Anna Maria (vermutlich 1696 bis 1782) nach heutigen Maßstäben ein Star war, ist über sie als Person erstaunlich wenig bekannt. Wir wissen, dass sie zwei Mal eine jeweils bessere Geige erhielt; ab 1720 wurde sie zudem maestra genannt – sie begann also, selbst zu unterrichten. 1721 hörte Johann Christoph Nemeitz ihr Spiel und meinte, dass die Geigerin „von Virtuosen unseres Geschlechts wenig ihres gleichen hat“. Zeitgenos- sen schrieben sogar Lobgedichte auf sie. 
Dennoch blieb die Musikerin ihr ganzes Leben im Ospedale della Pietà. Antonio Vivaldi, ihr Lehrer und Mentor, komponierte fast 30 Concerti per Anna Maria. Eine große Anzahl davon findet sich in ihrem „Spielbuch“, ihrer Notenkollektion, die Midori Seiler zu dieser Einspielung inspirierte. 
Die Geigerin, die seit 2017 wieder als Professorin an der Musikhochschule in Weimar lehrt, hat gemeinsam mit Concerto Köln für dieses Projekt vier Concerti per Anna Maria von Vivaldi ausgewählt – RV 260, RV 308, RV 270a und RV 248 – und dazu die Konzerte RV 120, RV 158 sowie die Sinfonia in F-Dur RV 140. 
Komplettiert wird das Programm durch ein Concerto a Quattro in g-Moll von Baldassare Galuppi und ein Concerto in B-Dur von Tomaso Albinoni. Concerto Köln gestaltet den Orchesterpart, wo es sich anbietet, durch den Einsatz von Blasinstrumenten farbig. Dies scheint auch in Venedig seiner- zeit üblich gewesen zu sein. Auch zwei Harfen sind dazu aufgeboten; die Orchestrierung übernahm Lorenzo Alpert, Fagottist und künstlerischer Leiter des Ensembles. Midori Seiler ist mit dem Orchester seit vielen Jahren vertraut. Diese enge Verbundenheit prägt auch die Aufnahme. Sie zeigt enorme künstlerische Reife, fernab jeder Oberflächlichkeit, Effekt- hascherei und Eitelkeit. Faszinierend. 

Donnerstag, 20. Oktober 2016

Bach: The Violin Sonatas; Seiler (Berlin Classics)

Als „Triumph des Geistes über die Materie“ bezeichnete Bach-Biograph Spitta einst die Partiten und Sonaten des Komponisten für Violine solo. „Das Superlativhafte und Originäre dieser Kompositionen kann nie zur Genüge hervorgehoben werden“, so Midori Seiler. „Verschwenderisch greift Johann Sebastian Bach mit Harmonik und Farbenreichtum in den Fundus seiner Klangsprache, um dabei seine große Meisterschaft zu offenbaren: Mithilfe festgezurrter Regeln dem kreativen Geist die größte Freiheit zu ermöglichen.“ 
Seit Jahren beschäftigt sich die Musikerin mit den Werken, die Bach für Solo-Violine geschrieben hat. Midori Seiler hat diese auch bereits eingespielt, doch die Arbeit daran geht immer weiter: „Bin ich Geigerin geworden, um Bachs Solowerke zu spielen, oder spiele ich Bachs Solowerke, um Geigerin zu sein? Ich weiß nur so viel: Der innere Antrieb, diese Stücke zu spielen, zu ,meistern' ist seit vielen Jahren mein Motor, der mich immer wieder an Grenzen führt und darüber hinaus.“ 
Wie schon die Partiten, hat Midori Seiler nunmehr auch die Sonaten am historischen Ort, im Johann-Sebastian-Bach-Saal des Köthener Schlosses, eingespielt. Die Geigerin spielt so natürlich, so tief empfunden, dass diese komplexe Musik beinahe wirkt, als wäre sie improvisiert. Nichts ist hier aufgesetzt, gekünstelt, erzwungen. Mit einer Violine von Andrea Guarneri, angefertigt um 1680, Darmsaiten und einem Barockbogen von Bastian Muthesius erkundet sie Klang und Melodik der einzelnen Stimmen, die Bach kompromisslos in einem polyphonen, mehrstimmigen Satz verflochten hat.  Midori Seilers Interpretation erinnert mich sehr an das Lautenspiel von Toyohiko Satoh, das eher musikalische Meditation als virtuose Demonstration ist. Atemberaubend! 

Freitag, 15. April 2016

22. Festliche Operngala für die Deutsche Aids-Stiftung (Naxos)

Auch in diesem Jahr wieder erscheint bei Naxos ein Mitschnitt der Operngala für die Deutsche Aids-Stiftung in der Deutschen Oper Berlin. Im November 2015 lockte diese Veranstaltung bereits in ihrer 22. Folge Opernfreunde und Spendenwillige. Geboten wird, in der bewährt launigen Moderation durch Max Raabe, ein Programm, das erstaunlicherweise nie langweilig wird. Das Erfolgsrezept: Neben bewährten Hits erklingen weniger bekannte Melodien aus bekannten Opern, und dazu einige Arien, die zwar ebenfalls das Publikum begeistern könnten, aber leider aus Werken stammen, die nur selten auf dem Spielplan zu finden sind. 
Auf der Liste der mitwirkenden Sänger finden sich weniger die großen Namen als vielmehr die vielversprechenden Talente. 2015 haben Dinara Alieva, Javier Camarena, Vincenzo Costanzo, Elsa Dreisig, Carmen Giannattasio, Margarita Gritskova, David Hansen, Nadia Krasteva, Alexey Markov und Roberto Tagliavini gesungen – großartig! Zu hören ist zudem Midori Seiler, Professorin für Barockvioline und -viola am Salzburger Mozarteum. Einen ebenso gewichtigen wie klangvollen Part haben einmal mehr Chor und Orchester der Deutschen Oper Berlin unter der bewährten Leitung von Donald Runnicles. Wer die Doppel-CD erwirbt, der kann sich nicht nur über ein hinreißendes Gala-Programm freuen, er unterstützt damit auch die Arbeit der Deutschen Aids-Stiftung. 

Donnerstag, 3. April 2014

Haydn: Violin Concertos

Zuletzt hatte sich Midori Seiler den Partiten für Violine solo von Johann Sebastian Bach gewidmet. Die Aufnahme war beeindruckend – und sie liegt schon geraume Zeit zurück. Nun legt die Barockgeige- rin, gemeinsam mit dem Ensemble Concerto Köln, eine Einspielung vor, die man eher im Bereich der Frühklassik verorten möchte. 
„Die erste Begegnung mit Joseph Haydn hatte ich als etwa Acht- jährige“, berichtet die Musikerin im Beiheft zur CD. „Ich übte wacker an seinem Violinkonzert in G-Dur, das von gut meinenden Herausgebern des frühen 20. Jahrhunderts mit zahlreichen ,Ver- besserungen' im Text versehen war, denn das Original erschien dem Zeitgeschmack nicht virtuos oder interessant genug. Natürlich nahm ich dies und auch den Klavierpart zur Begleitung als naturgegeben hin.“ 
Mittlerweile hat sich der Blick auf die Werke Haydns geändert. Betrachtet man diese nicht aus der Perspektive der Spätromantik, dann wird man feststellen, dass sie neben den bekannten Konzerten von Mozart und Beethoven durchaus bestehen können. Wer achtsam damit umgeht, der wird die Qualitäten dieser Musik bald erkennen. „Die überreiche Farbpalette Haydns kommt hier bereits zur vollen Entfaltung: sein feinsinniger bis sardonischer Humor, seine Beherzt- heit, Tiefgründigkeit funkelnde Intelligenz und seine bisweilen bodenlose Einsamkeit – immer wieder durchsetzt mit volkstümlichen Elementen“, begeistert sich Seiler für ihre Entdeckung. 
Die Geigerin musiziert präzise und schnörkellos mit dem schlank besetzten Concerto Köln. So entsteht ein Dialog voll Witz und Charme. Aufnahmen wie diese werden ganz sicher dazu beitragen, dass Haydn im Konzertbetrieb angemessen berücksichtigt wird – seine Violin- konzerte jedenfalls sind keineswegs Werke nur für Spezialisten.  Und die Romanze für Violine und Orchester von Johann Peter Salomon (1745 bis 1815) erweist sich als attraktive Zugabe. Bravi! 

Donnerstag, 27. Januar 2011

Bach: Partitas for Violin (Berlin Classics)

Midori Seiler, Konzertmeisterin der Orchester Akademie für Alte Musik Berlin und Anima Eterna und Professorin für Barockvioline und -viola an der Hochschule für Musik Franz Liszt in Weimar, hat die Partiten für Violine solo von Johann Sebastian Bach eingespielt. Die Aufnahme ist erstaunlich radikal. 
"Mich als Hörer oder Spieler auf Bachs Musik einzulassen, ist wie eine Disziplinierung des eigenen Geistes, wie Meditation. Das fasziniert mich in jedem Moment das Arbeitens daran", sagt Seiler. "Was am Ende dabei als Extrakt zutage tritt, ist das, was uns als Menschen eigentlich ausmacht: das Erlebnis von Schönheit, der ständige Kontakt mit der eigenen Begrenzung und die große Sehn- sucht nach Erlösung." 
Die Solistin spielt konzentriert und reduziert; sie lässt sich in ihrer Interpretation von den Möglichkeiten der Barockvioline leiten. "Dadurch hat man natürlich gewisse Schwierigkeiten mit an Bord", meint Seiler, "die beim modernen Instrumentarium getilgt wurden, aber für mich ist das Resultat die Mühe wert." Die Violinistin be- geistert mit einer blitzsauberen Intonation, einem überlegten und überlegenen Einsatz von Klangfarben, und mitunter überraschenden Akzenten, die jedoch nie ruppig oder unkultiviert werden. Seilers Ton bleibt immer edel, schlank und und klar. Eine CD, die für mich zu den besten Aufnahmen von Bachs Partiten überhaupt gehört - trotz der Darmsaiten.