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Dienstag, 24. November 2020

Concertos 4 Violins (Berlin Classics)

 


Violinkonzerte von Antonio Vivaldi gehören zu den Allzeit-Lieblingsstücken sowohl des Publikums als auch der Virtuosen. Neben den populären „Vier Jahreszeiten“ schuf der Komponist allerdings auch Werke, die weit seltener zu hören sind. Die Konzerte für vier Violinen aus der Sammlung L’ Estro Armonico gehören zu diesen Raritäten. Auf dieser CD aus dem Hause Berlin Classics haben die Konzertmeister des renommierten Alte-Musik-Ensembles Concerto Köln noch einige weitere Musikstücke hinzugefügt, die ähnlich hohe Ansprüche an die Kunstfertigkeit der Virtuosen stellen. 

Evgeny Sviridov ist Solist im Concerto E-Dur op.11 Nr. 9 von Francesco Antonio Bonporti, der junge spanische Geiger Jesús Merino Ruiz interpretiert das Concerto in g-Moll op. 3 Nr. 6 von Pietro Castrucci. Das komplette Solistenquartett spielt zudem im Concerto in a-Moll op. 7 Nr. 11 von Giuseppe Valentini, und im Concerto in F-Dur op. 4 Nr. 12 von Pietro Antonio Locatelli. Letzteres erweist sich als ein funkensprühend brillantes Stück, in dem die „quattro violini obbligati“ so raffiniert miteinander konzertieren, dass der Zuhörer mitunter glaubt, nur ein Instrument zu hören. 

Es ist ohnehin faszinierend, wie harmonisch Mayumi Hirasaki, Shunske Sato, Evgeny Sviridov, Jesús Merino Ruiz als Gast und die anderen Mitglieder des Ensembles Concerto Köln miteinander musizieren. Aufgewachsen und ausgebildet rund um den Globus, bringen die Musiker hier all ihr Können und ihre Leidenschaft zusammen, um mit sehr viel Musizierlust ihr Publikum zu begeistern. Das Ergebnis ist ein Album der Extraklasse, und es vermag auch klanglich-technisch rundum zu überzeugen. 


Dienstag, 18. Juni 2019

Bach - Benjamin Appl (Sony)

Eine schöne Stimme, kernig, aber zugleich wandelbar, und dazu allerbeste Textverständlichkeit – Benjamin Appl ist ein ein junger Sänger, der aufhorchen lässt. Appl singen zu hören, das ist eine Freude. Auf dieser CD präsentiert der Bariton gemeinsam mit dem renommierten Concerto Köln ein Programm mit Bach-Arien. 
Die Werke des Thomaskantors schätzt Appl schon seit vielen Jahren; denn seine Sängerlaufbahn begann er einst als Chorknabe bei den Regensburger Domspatzen. „Zur Vorbereitung auf dieses Album (..) war es mir wichtig, zurückzudenken, zu ergründen, zurück zu fühlen, was diese Musik für mich persönlich verkörpert“, schreibt Appl im Begleitheft. Denn Bachs Kompositionen sind eine Herausforderung: „Wenn es nur immer so einfach wäre, wie Bach selbst einräumte: ,Alles was man tun muss, ist die richtige Taste zum richtigen Zeitpunkt zu treffen.'“ 
Für einen Sänger ist das noch ein wenig komplexer. Doch Appl trifft nicht nur im Wortsinne stets den richtigen Ton. Der junge Bariton gestaltet ausgesprochen souverän – was nicht nur für das jeweilige Stück gilt, sondern auch für das komplette Programm. Auf dieser CD kombiniert er bekannte Arien, wie Mache dich, mein Herze, rein oder Gebt mir meinen Jesum wieder aus der Matthäuspassion, mit weniger populären, wobei er auch die weltlichen Kantaten stets mit im Blick hat. Und  Concerto Köln ist dem Sänger nicht nur ein erstklassiger Begleiter. Mit einer geschickten Auswahl verschiedener Sinfonien aus verschiedenen Kantaten zeigt das Ensemble, wie abwechslungsreich Bach diese Eingangssätze einst angelegt hat. Und natürlich bietet dies auch den Instrumentalisten Gelegenheit, zu glänzen. Rundum gelungen! 

Samstag, 8. September 2018

Vivaldi - La Venezia di Anna Maria (Berlin Classics)

Dies ist keine gewöhnliche Vivaldi-Einspielung: Mit dem Album „La Venezia di Anna Maria“ erinnern Midori Seiler und das Concerto Köln an Anna Maria dal Violin. Als Findelkind kam sie in Venedig ins Ospedale della Pietà. Im Waisenhaus wuchs sie auf, und dort erhielt sie eine ausgezeichnete Ausbildung. Fleiß und Talent machten Anna Maria zu einer Violinvirtuosin von europäischem Rang. 
Es gab damals wenig Möglichkeiten für eine Frau, im Musikerberuf tätig zu werden. Umso interessanter ist der Einblick, den diese CD in das Repertoire gibt, das den erstklassigen Ensembles der vier venezianischen Ospedali seinerzeit zu einem derart exzellenten Ruf verholfen hat. Kaum ein Besucher der Stadt jedenfalls dürfte damals darauf verzichtet haben, den Mädchen und Frauen zuzu- hören, wenn sie in der Kirche musizierten. 
Obwohl Anna Maria (vermutlich 1696 bis 1782) nach heutigen Maßstäben ein Star war, ist über sie als Person erstaunlich wenig bekannt. Wir wissen, dass sie zwei Mal eine jeweils bessere Geige erhielt; ab 1720 wurde sie zudem maestra genannt – sie begann also, selbst zu unterrichten. 1721 hörte Johann Christoph Nemeitz ihr Spiel und meinte, dass die Geigerin „von Virtuosen unseres Geschlechts wenig ihres gleichen hat“. Zeitgenos- sen schrieben sogar Lobgedichte auf sie. 
Dennoch blieb die Musikerin ihr ganzes Leben im Ospedale della Pietà. Antonio Vivaldi, ihr Lehrer und Mentor, komponierte fast 30 Concerti per Anna Maria. Eine große Anzahl davon findet sich in ihrem „Spielbuch“, ihrer Notenkollektion, die Midori Seiler zu dieser Einspielung inspirierte. 
Die Geigerin, die seit 2017 wieder als Professorin an der Musikhochschule in Weimar lehrt, hat gemeinsam mit Concerto Köln für dieses Projekt vier Concerti per Anna Maria von Vivaldi ausgewählt – RV 260, RV 308, RV 270a und RV 248 – und dazu die Konzerte RV 120, RV 158 sowie die Sinfonia in F-Dur RV 140. 
Komplettiert wird das Programm durch ein Concerto a Quattro in g-Moll von Baldassare Galuppi und ein Concerto in B-Dur von Tomaso Albinoni. Concerto Köln gestaltet den Orchesterpart, wo es sich anbietet, durch den Einsatz von Blasinstrumenten farbig. Dies scheint auch in Venedig seiner- zeit üblich gewesen zu sein. Auch zwei Harfen sind dazu aufgeboten; die Orchestrierung übernahm Lorenzo Alpert, Fagottist und künstlerischer Leiter des Ensembles. Midori Seiler ist mit dem Orchester seit vielen Jahren vertraut. Diese enge Verbundenheit prägt auch die Aufnahme. Sie zeigt enorme künstlerische Reife, fernab jeder Oberflächlichkeit, Effekt- hascherei und Eitelkeit. Faszinierend. 

Dienstag, 30. Mai 2017

Graun: Opera Arias - Julia Lezhneva (Decca)

Bei der Vorbereitung eines Konzertes im Schloss Sanssouci hielt Julia Lezhneva zum ersten Male eine Arie von Carl Heinrich Graun (1704 bis 1759) in den Händen – Mi paventi aus der Oper Britannico, wird im Beiheft zu dieser CD berichtet: „I was completely amazed by this fabulous aria“, schwärmt die Sängerin. „It is so beautiful and emotional that I felt myself trembling when I sang it. It was written for one of the greatest female sopranos of the time, Giovanna Astrua. (..) Unlike Handel and Porpora, where you can feel that castrati were still reigning supreme in opera and dominating the concert stage, it seems that Graun had a deep love of the natural female voice and tried to make women equal to the castrati, creating lots of roles for them with as much emotional and dramatic range as possible.“ 
Carl Heinrich Graun stand, wie auch sein Bruder, der Konzertmeister Johann Gottlieb Graun (1702/03 bis 1771), im Dienst Friedrichs II. von Preußen. Zu seinen Aufgaben als Hofkapellmeister gehörte unter anderem die Leitung des Berliner Opernhauses, für das er auch selbst zahlreiche Werke komponierte. In den Beständen der Staatsbibliothek Berlin, gegenüber dem Opernhaus, befinden sich Abschriften etlicher dieser Opern. Julia Lezhneva hat diese alten Handschriften gemeinsam mit dem Dirigenten Michail Antonenko durchgesehen, um Arien für dieses Album herauszusuchen. 
Mit Ausnahme von Mi paventi handelt es sich dabei durchweg um Welt- ersteinspielungen. „Graun goes deep into a character's emotions, and we chose pieces displaying different kinds: furioso, lamenting, ,character', tragic, bravura and utterly joyful“, so die Sängerin. Dennoch sind seine Werke von der Opernbühne vollkommen verschwunden. 
Den Grund dafür ahnt man bald. Denn insbesondere die Arien, die durch Leidenschaften motiviert sind, erfordern eine enorme Virtuosität. Rasante Koloraturen, ganze Ketten von Verzierungen – mit ihrer Kehlfertigkeit hätte Julia Lezhneva wohl auch einen Porpora beeindruckt. Mir persönlich aber gefällt ihr Gesang am besten dort, wo sie große Linien gestaltet und langsamen Stücken Farbe gibt. Ein gutes Beispiel dafür ist ein Klagelied aus Grauns Oper Mithridate: „I was moved on tears when I first saw the score of ,Piangete, o mesti lumi'“, meint auch die Sängerin, „it is one of the most touching pieces of music I've ever seen.“ 
Begleitet wird die Sopranistin bei ihrem Ausflug in die Berliner Opern- geschichte vom Ensemble Concerto Köln unter Michail Antonenko. Die Musiker, die gerade im Bereich der Barockmusik schon viele Schätze gehoben haben, sind ihr ebenso zuverlässige wie temperamentvolle Partner. 

Mittwoch, 2. November 2016

Vivaldi: The Four Seasons; Sato (Berlin Classics)

„Haargenau folgen, was auf dem Blatt steht: Das ist eine Vorstellung, die den Musikern bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts komplett fremd war“, sagt Shunske Sato, der Kon- zertmeister des Ensembles Concerto Köln. Im Barockzeitalter hätte das niemand so gemacht: „Das Inter- pretieren – also Arrangieren, Komponieren, Vierzieren, also letztlich ein eigenes Werk aus einem vorhandenen Stück zu kreieren – war ein Beweis dafür, dass man ein wahrer Musiker ist.“ 
Wie diese Freiheit klingen kann, wenn sie genutzt wird, das demonstrieren die Musiker, sämtlich Spezialisten im Bereich der historischen Aufführungspraxis, mit dieser Aufnahme der wohl bekanntesten Konzerte der Musikgeschichte – Die vier Jahreszeiten von Antonio Vivaldi. Dabei sind sie konsequent; auch der Hörer soll die Musik so erleben, als säße er im Konzert – ohne technische Tricks und aufwendige Nachbearbeitung. Entstanden ist dieser Mitschnitt als Ergebnis der engen Partnerschaft des Orchesters mit dem High-End-Audio-Spezialisten MBL, die bereits seit 2009 besteht. MBL baut seit 1979 in Berlin exzellente Stereoanlagen, die von Kennern sehr geschätzt werden. 
Der langjährige Chefentwickler des Unternehmens, Jürgen Reis, ist Musiker und Tonmeister, und er lässt es sich nicht nehmen, persönlich alle Aufnahmen durchzuführen, die das Prädikat MBL tragen dürfen. Das bedeutet in diesem Falle: Keine Schnitte, kein Absetzen und Neuanfangen, nur ein Take, keine Kompressoren, kein künstlicher Hall. Nur die Musiker und ihr Spiel, der umgebende Raum – in diesem Falle die Paterskirche in Kempen mit ihrer hervorragenden Akustik – und natürlich die Musik. 
„Jedes Mal, wenn ich mir die Partitur der Quattro stagioni anschaue, bin ich erstaunt, wie einmalig sie sind“, sagt Shunske Sato. „Ich weiß, das klingt nach einem Klischee, aber die Genauigkeit der Orchestrierung, die Originalität der Harmonien, die Kompromisslosigkeit hinsichtlich der Expressivität, der Sinn für die Dramatik, kein Ton zuviel oder zu wenig – das ist meisterhaft.“ Vor und zwischen den vier Konzerten wurden noch zwei weitere Werke Vivaldis eingefügt, die Zäsuren setzen und aufhorchen lassen – die dramatische Sinfonia Al Santo Sepolcro RV 169, geschaffen wahrscheinlich für die Karwoche, und das zauberhafte Concerto RV 156, eine Lieblingszugabe des Ensembles. 
Im Spannungsfeld von armonia und inventione bewegen sich die Musiker von Concerto Köln sehr souverän; sie deuten die Partitur mit expressivem Spiel aus, und der Solist nutzt alle Möglichkeiten, um gekonnt zu improvisieren. Dabei verzichten die Musiker aber auf Mätzchen – es geht um Ausdruck, nicht um Geschwindigkeitsrekorde oder besonders ruppiges Spiel. Das Ergebnis ist gelungen; die Musiker erschaffen mit Tönen Klanggemälde, denen man gut folgen kann, auch wenn man die Verse, an denen sich Vivaldi einst orientierte, gar nicht kennt. Man hört die Hitze über den sommerlichen Feldern flimmern, die Vögel zwitschern, die Blitze zucken, die Hunde bellen, und so klirrend kalt war auch der Winter selten. 
„Was wir da machen, ist eigentlich bescheiden“, meint der Konzertmeister. „Wir tauschen keine Sätze aus, wie es im Barock üblich war. Ich prälu- diere nicht, und es werden auch keine eigenen Kompositionen einge- schoben. (..) Wir möchten das Publikum unterhalten und überraschen – eben zeigen, was so viel mehr noch in den eigentlich recht bekannten Noten steckt.“ Perfekt! 

Samstag, 16. April 2016

Bach: Johannes-Passion (BR Klassik)

Die Johannes-Passion schrieb Johann Sebastian Bach in Leipzig für die Karwoche 1724, unmittelbar nach seiner Anstellung als Thomaskantor. Er hat das Werk, uraufgeführt seinerzeit in der Nikolaikirche, immer wieder überarbeitet und abgeändert. Hier ist die sogenannte Fassung letzter Hand zu hören, die Bach 1739 begonnen, aber letztendlich wohl niemals selbst in dieser Form aufgeführt hat. Die Einspielung wird ergänzt durch eine ebenso ergiebige wie aufwendig produzierte Werkeinführung von Markus Vanhoefer. 
Die Passion beginnt und endet mit großen Chören – Herr, unser Herr- scher und Ruht wohl, ihr heiligen Gebeine. In diesen Rahmen gefasst, erklingt die Passionserzählung, immer wieder unterbrochen durch reflektierende Choräle sowie durch Arien, die biblischen Texte eindringlich kommentieren. Neben Julian Prégardien, der die Partie des Evangelisten gekonnt vorträgt, hat der Chor des Bayerischen Rundfunks unter der Leitung von Peter Dijkstra daher den umfangreichsten Part. Und der Chor singt hinreißend – beweglich wie ein Kammerchor, blitzsauber und stets durchhörbar, gestalterisch souverän und gänzlich ohne Manierismen. Sehr beeindruckend! Dieser Live-Mitschnitt einer konzertanten Aufführung am 7. März 2015 im Herkulessaal der Münchner Residenz ist ohne Zweifel mit Abstand die beste Einspielung der Johannes-Passion seit langem. Dazu tragen auch das renommierte Originalklang-Ensemble Concerto Köln und eine umfangreiche Riege junger Vokalsolisten mit bei. 

Dienstag, 22. März 2016

Bach: Magnificat; Händel: Dixit Dominus (BR Klassik)

Die fünfköpfige Solistenriege steht hier ausnahmsweise einmal nicht im Mittelpunkt; prächtige Chorklänge prägen diese CD, für die Peter Dijkstra, der vormalige Leiter des Chores des Bayerischen Rundfunks, zwei bekannte Werke von Georg Friedrich Händel und Johann Sebastian Bach ausgewählt hat. 
Händel schrieb seine Psalmver- tonung Dixit Dominus im April 1707 in Rom, zum Auftakt seiner Reise nach Italien. Es wird vermutet, dass er in einem besonders feierlichen Vesper-Gottesdienst erklungen sein soll. Besetzt ist das Werk mit fünf Solisten sowie jeweils fünf Chor- und Streicherstimmen; es wirkt wie eine Art monumentales Concerto grosso. Der junge Händel hat dabei allerdings auch die Singstimmen über weite Strecken kaum anders behandelt als die Violinen. Dem Chor des Bayerischen Rundfunks bereitet das keine Probleme; die Sänger sind exzellent. Aber der Chorklang ist mir im Dixit Dominus mitunter beinahe etwas zu massiv, meinem Empfinden nach könnte er schlanker sein, beweglicher und bewegter. 
Das Magnificat war einst das erste großformatige Werk, mit dem sich Johann Sebastian Bach nach seiner Bestellung zum Thomaskantor dem Leipziger Publikum präsentierte. Solisten und Chor ließ er dabei gemeinsam mit einem üppig besetzten Orchester musizieren, inklusive Oboen, Traversflöten, Pauken und Trompeten. Das Barockorchester Concerto Köln ist hier in seinem Element, und setzt Glanzpunkte.

Samstag, 6. Februar 2016

Karneval anno dazumal (Berlin Classics)

„Karneval anno dazumal“ hat das Ensemble Concerto Köln bei ihrem Kinderkonzert im Jahre 2012 gefeiert. Dabei nehmen die Musiker große und kleine Jecken mit auf eine historische Reise nach Venedig, Paris und Dresden. Zu hören sind die Sinfonia aus der eigens für den Karneval komponierten Oper Il Bajazet von Antonio Vivaldi, Auszüge aus Le Carnaval de Venise, einem opéra-ballet von André Campra, das den venezianischen Karneval einst auch in Paris zum Ereignis werden ließ, sowie diverse Charakterstücke von Georg Philipp Telemann, hier, quasi im Karnevalszug, zugeordnet dem Wagen der Komödianten, dem Wagen der Athleten, dem Wagen der Magier und Hexen sowie dem Wagen der Wassergötter. 
Den Kehraus gestaltet der Komponist und Arrangeur Matthias Stötzel, der kölsche Karnevalsmelodien und barocke Klänge gekonnt verknüpft und dem bewegten Treiben einen Schlusspunkt setzt. Durch das Programm führen der Kabarettist Erwin Grosche und seine Tochter Lisa. Mit ihren launigen kleinen Geschichten sorgen sie für heitere Stimmung – nicht nur im Saal, auch vor den Lautsprechern. 

Donnerstag, 5. November 2015

Avison: Concerti grossi after Scarlatti (Berlin Classics)

Er lebe, so befand Charles Avison (1709 bis 1770) in seinem Essay on Musical Expression, in einer Zeit, in der „a disproportionate fame hath been the lot of some very indifferent composers“; Schuld daran sei the „false taste of those who hear“, also der gänzliche Mangel an Geschmack bei denen, die Zuhörer sind. Vivaldi und Locatelli verortet Avison in der „first and lowest class“; Hasse und Porpora findet er nicht sehr viel besser, und auch Händel gehört nicht unbedingt zu seinen Favoriten. Gelungen seien hingegen die Werke von Francesco Gemiani – Avisons Lehrer – sowie Domenico Scarlatti (1685 bis 1757), denn „the invention of his subjects or airs and the beautiful chain of modulation in all these pieces are peculiarly his own“, so Avison. „The finest passages are greatly disguised with capricious divisions, yet, upon the whole, are original and masterly.“ 
Und weil das Concerto grosso gerade groß in Mode war, setzte sich Avison, der als Organist in seiner Vaterstadt Newcastle-upon-Tyne wirkte, hin, und kompilierte aus Werken Scarlattis, insbesondere den Essercizii per Gravicembalo, zwölf Stück davon. Das Ensemble Concerto Köln, das in diesem Jahr sein 30jähriges Bestehen feiert, hat sechs dieser Werke nun mit gewohnter Brillanz bei Berlin Classics eingespielt. Und wer sich dafür interessiert, wie Avison bei seiner Bearbeitung vorgegangen ist, der kann sich einen Satz auch im Original anhören und dann vergleichen. 

Sonntag, 9. November 2014

Bach: Brandenburg Concertos; Concerto Köln (Berlin Classics)

„Warum sollten wir die Brandenbur- gischen aufführen und im Studio produzieren, wo es doch schon so viele exemplarische Aufnahmen auf dem Markt gibt?“ Das Ensemble Concerto Köln hat diese Frage sehr ernsthaft diskutiert – und sich dann doch zu einer Einspielung ent- schlossen. Die Musiker sahen durchaus Möglichkeiten, die populären Werke in neuem Glanz erstrahlen zu lassen. Dazu hat das Ensemble in erster Linie in Bachs Noten geschaut – mit geschärftem Blick und dem Ziel, den bestehenden Sichtweisen Neues hinzuzufügen. Insbesondere beim Klang und bei der Instrumentierung fanden sich da tatsächlich Ansatzpunkte. 
So entschied sich Concerto Köln, wie schon bei der Einspielung von Bachs Orchestersuiten, bei der Stimmung erneut für den Kammerton 392 Hertz, der zu Bachs Zeiten in Frankreich gebräuchlich war. „Im tiefen Kammer- ton erscheinen die hohen Passagen der Trompete deutlich idiomatischer und es ist ein weicheres Zusammmenspiel im Solistenquartett möglich“, erläutert Lorenzo Alpert, Fagottist des Ensembles. Dafür musste allerdings die Trompete entsprechend angepasst werden – denn der Kammerton liegt heute im modernen Sinfonieorchester teilweise sogar über 440 Hertz. 
Hohen Aufwand betrieb das Ensemble zudem um die „Fiauti d’Echo“, die Bach im vierten Konzert vorsieht. Sie wurden nach alten Zeichnungen und Beschreibungen von dem Schweizer Flötenbauer Andreas Schöni nach- gebaut. Entstanden sind Doppelflöten, die auf der einen Seite laute und auf der anderen Seite leise Töne produzieren. Allerdings ist der Effekt erstaun- lich dezent; so kann das ein Flötist auch auf der Altblockflöte spielen, wenn diese halbwegs Qualität hat. 
Nachgedacht haben die Musiker zudem über die Besetzung der Continuo-Gruppe; dafür wurden jeweils Violone und Cembalo mit Sorgfalt ausge- wählt. So entschied sich das Ensemble insbesondere beim vierten und fünften Konzert für ein Instrument nach Johann Heinrich Gräbner, nachgebaut 2001 von Christian Fuchs. Die sächsische Clavierbauer-Dynastie Gräbner genoss einst einen hervorragenden Ruf. Sie baute klangschöne Cembali, und weil einer der Gräbner-Söhne zu den Schülern Bachs gehörte, wird angenommen, dass der Thomaskantor mit diesen Instrumenten vertraut gewesen sein sollte. 
Auch sonst achten die Musiker auf viele kleine Details. Wer die Konzerte gut kennt, der wird sich daran erfreuen. Concerto Köln – das steht für historische Aufführungspraxis auf höchstem Niveau; nicht umsonst haben die Musiker zahlreiche Auszeichnungen erhalten. Überraschungen sind da nicht zu erwarten, doch wer Präzision und Seriosität schätzt, der wird diese Aufnahme anderen vorziehen. 

Donnerstag, 24. Juli 2014

El Maestro Farinelli (Deutsche Grammophon)

Carlo Broschi (1705 bis 1782), besser bekannt unter seinem Künstlernamen Farinelli, gehörte zu den großen Stars unter den Kastraten. Der Sänger war ein Schüler von Nicola Porpora. Er wurde in Italien ebenso gefeiert wie in Wien oder in London. 1737 reiste Farinelli nach Spanien. Dort sang er dann ausschließlich für den schwermütigen König Philipp V. Nach dem Tode des Monarchen 1746 machte ihn sein Nachfolger Ferdinand VI. zum künstlerischen Direktor der Theater an den Palästen in Madrid und in Aranjuez. Farinelli brachte das Musikleben bei Hofe in Schwung und auf den aktuellen Stand. 
Für diese CD hat Pablo Heras-Casado mit Unterstützung durch den französischen Musikwissenschaftler Olivier Fourés aus den wenigen noch erhaltenen Handschriften ein Programm zusammengestellt, das zeigt, was das bedeutete: Natürlich erklangen bei Hofe die Werke Porporas, doch auch Johann Adolf Hasse oder Niccoló Jommelli waren in den Programmen präsent. Hierzulande wenig bekannt ist José de Nebra (1702 bis 1768), ein Komponist, der viele Zarzuelas schrieb – die spanische Version der Oper. Auf der CD mit Werken vertreten sind zudem Nicola Conforto (1718 bis 1793), Francesco Corradini (um 1690 bis 1769), Tommaso Traetta (1727 bis 1779) und Juan Marcolini, ein Komponist, von dem man nicht viel mehr als den Namen weiß. Das Programm enthält zudem eine Kuriosität: Die Sinfonia Fandango Wq 178 von Carl Philipp Emanuel Bach beweist, dass spanische Musik um 1750 sogar in Preußen en vogue war. 
Und natürlich dürfen bei all den Orchesterwerken dann die Gesangs- stücke doch nicht ganz fehlen. Countertenor Bejun Mehta singt ein Duett aus einer Zarzuela von José de Nebra – wobei er beide Partien übernimmt – sowie eine jener Arien, die Farinelli einstmals all- abendlich für den depressiven Herrscher vorgetragen haben soll. Das Ensemble Concerto Köln musiziert unter Pablo Heras-Casado in bewährter Qualität. 

Dienstag, 20. Mai 2014

Bach: Matthäus-Passion; Dijkstra (BR Classic)

Diese Aufnahme ist ein gutes Bei- spiel dafür, dass namhafte Sänger und Musiker nicht in jedem Falle ein Garant für eine hervorragende Aufnahme sind. Und was wird für diese Matthäus-Passion nicht alles aufgeboten! Eine lange Solisten- riege, die aber nicht wirklich überragendes leistet, dazu der Chor des Bayerischen Rundfunks nebst Regensburger Domspatzen sowie das renommierte Orchester Concerto Köln steht Peter Dijkstra hier zur Verfügung. Was er daraus macht? Enttäuschend wenig. Wir hören den Live-Mitschnitt mehrerer Konzerte im Münchner Herkulessaal, in historisch informierter Aufführungspraxis, nun ja, das würde heute kaum ein Kantor noch anders machen. Einzig Julian Prégardien gestaltet seine Partie als Evangelist mit atemberaubender Intensität (und phantastischer Technik). Leider steht er damit allein auf weiter Flur. Schade. 

Donnerstag, 3. April 2014

Haydn: Violin Concertos

Zuletzt hatte sich Midori Seiler den Partiten für Violine solo von Johann Sebastian Bach gewidmet. Die Aufnahme war beeindruckend – und sie liegt schon geraume Zeit zurück. Nun legt die Barockgeige- rin, gemeinsam mit dem Ensemble Concerto Köln, eine Einspielung vor, die man eher im Bereich der Frühklassik verorten möchte. 
„Die erste Begegnung mit Joseph Haydn hatte ich als etwa Acht- jährige“, berichtet die Musikerin im Beiheft zur CD. „Ich übte wacker an seinem Violinkonzert in G-Dur, das von gut meinenden Herausgebern des frühen 20. Jahrhunderts mit zahlreichen ,Ver- besserungen' im Text versehen war, denn das Original erschien dem Zeitgeschmack nicht virtuos oder interessant genug. Natürlich nahm ich dies und auch den Klavierpart zur Begleitung als naturgegeben hin.“ 
Mittlerweile hat sich der Blick auf die Werke Haydns geändert. Betrachtet man diese nicht aus der Perspektive der Spätromantik, dann wird man feststellen, dass sie neben den bekannten Konzerten von Mozart und Beethoven durchaus bestehen können. Wer achtsam damit umgeht, der wird die Qualitäten dieser Musik bald erkennen. „Die überreiche Farbpalette Haydns kommt hier bereits zur vollen Entfaltung: sein feinsinniger bis sardonischer Humor, seine Beherzt- heit, Tiefgründigkeit funkelnde Intelligenz und seine bisweilen bodenlose Einsamkeit – immer wieder durchsetzt mit volkstümlichen Elementen“, begeistert sich Seiler für ihre Entdeckung. 
Die Geigerin musiziert präzise und schnörkellos mit dem schlank besetzten Concerto Köln. So entsteht ein Dialog voll Witz und Charme. Aufnahmen wie diese werden ganz sicher dazu beitragen, dass Haydn im Konzertbetrieb angemessen berücksichtigt wird – seine Violin- konzerte jedenfalls sind keineswegs Werke nur für Spezialisten.  Und die Romanze für Violine und Orchester von Johann Peter Salomon (1745 bis 1815) erweist sich als attraktive Zugabe. Bravi! 

Donnerstag, 31. Januar 2013

Vinci: Artaserse (Virgin Classics)

Wollte ein normales Stadttheater diese Oper aufführen - es hätte enorme Probleme mit der Besetzung. Denn Artaserse, ein Hauptwerk des heute nahezu vergessenen Leonardo Vinci (vermutlich 1696 bis 1730), wurde ausschließlich für Männerstimmen komponiert. Als die Oper während der Karnevalssaison 1730 am Teatro delle  Dame in Rom ihre umjubelte Uraufführung erlebte, war Sängerinnen das öffentliche Auftreten noch durch die Kirche verboten. Und so wurden auch die Frauenrollen durch Kastraten übernommen. 
Das hat zur Folge, dass nicht nur die Partien des Königs Artaserse und seines Freundes Arbace mit Sopran-Kastraten besetzt wurden. Auch die der beiden Damen Mandane und Semira, die Schwestern der Helden und jeweils verliebt in den Freund des Bruders, wurden durch Sopran-Kastraten gesungen. Die Partie des abtrünnigen Generals Megabise übernahm ein Alt-Kastrat. Einzig die Rolle des Verschwö- rers Artabano, Kommandant der königlichen Leibwache und Vater Arbaces, wurde für einen Tenor komponiert. Er hat somit kurioser- weise die tiefste Stimme in dieser Oper.  
Sämtliche Partien sind anspruchsvoll. Das ist kein Wunder, denn sie wurden für Stars der römischen Oper komponiert, für Sänger wie Giacinto Fontana, Giovanni Carestini und den damals weithin berühmten Tenor Francesco Tolve. Wie also bringt man diese Oper heute auf die Bühne? Parnassus Art Productions, ein Unternehmen aus Baden/Österreich, das wie ein klassischer Impresario Opern- inszenierungen organisiert, hat für Artaserse gleich fünf junge Coun- tertenöre engagiert. In Anlehnung an die ursprüngliche Tradition brachte diese Produktion, die durch Georg Lang und Max Emanuel Cencic bewerkstelligt wurde, einige der heutigen Stars dieses Stimmfachs gemeinsam auf die Bühne. Zu hören sind außerdem der Coro della Radiotelevisione svizzera aus Lugano sowie das Ensemble Concerto Köln, das sich auf Barockmusik spezialisiert hat, und hier unter Leitung von Diego Fasolis musiziert.
Bei Virgin Classics erschien nun der Mitschnitt - und man muss sagen, dieser Artaserse war wirklich ein musikalisches Ereignis. Zu hören sind die Countertenöre Philippe Jaroussky in der Titelrolle, Max Emanuel Cencic als Mandane, Franco Fagioli als Arbace, Valer Barna-Sabadus als Semira und Juri Mynenko als Megabise. Tenor Daniel Behle hat die Partie des Artabano übernommen. Und obwohl er von Haus aus eigentlich kein Spezialist für "Alte" Musik ist, kommt er mit den Anforderungen erstaunlich gut zurande. So beeindruckt dieses Sängerensemble durch Virtuosität ebenso wie durch die Individu- alität der Sänger, die sich in Timbre und Technik faszinierend unterscheiden. Wer die Barockoper sowie den Klang der hohen Männerstimme schätzt, der sollte sich diese einzigartige Aufnahme unbedingt zulegen - es ist nicht damit zu rechnen, dass man diese Oper in nächster Zeit noch einmal anderweitig anhören kann. 

Mittwoch, 18. Juli 2012

Dussek: Piano Concertos (Capriccio)

Die Musik auf dieser CD klingt wie eine Kreuzung aus Haydn und Chopin. Doch im Verlaufe dieser durchaus an Überraschungen nicht armen Konzerte sind immer wieder Passagen hörbar, die eher an einen braven Handwerker als an ein Genie denken lassen. Jan Ladislav Dusík (1760 bis 1812) war der Sohn eines Kantors und stammte aus Böhmen. Seine Ausbildung be- gann wahrscheinlich im Eltern- haus; Dusík wurde dann Chorkna- be, und lernte an diversen Jesui- tenseminaren sowie am Neustädter Gymnasium. Anschließend studierte er an der Prager Universität. 
Doch schon 1779 ging Dusík auf seine erste Konzertreise als Pianist. 1782 war er in Hamburg, ein Jahr später in Russland, wo er in St. Pe- tersburg vor der Zarin Katharina der Großen musizierte.  Dann war er zeitweise Kapellmeister des Fürsten Radziwill in Litauen. Doch schon bald ging er erneut auf Konzertreisen, die ihn schließlich 1786 nach Paris führten. Dort spielte er bei Hofe, und gab auch Unterricht. Noch vor Ausbruch der Französischen Revolution reiste Dusík nach Lon- don, wo er elf Jahre lang wirkte. 
In England wurde der Pianist gefeiert. Er hatte viele Schüler, kompo- nierte fleißig, und gründete zudem gemeinsam mit seinem Schwieger- vater Domenico Corri einen Musikverlag. Als dieser 1799 Pleite ging, floh Dusík nach Hamburg. Dort lernte er den Prinzen Louis Ferdinand von Preußen kennen, der selbst ein exzellenter Musiker war, und der Dusík 1804 als Gesellschafter, Hausvirtuosen, Kapellmeister und wohl auch Zechkumpan engagierte. 
Der Prinz fiel 1806, vier Tage vor der Schlacht von Jena und Auer- stedt, als Kommandant einer preußischen Vorhut. Dusík kehrte nach Paris zurück, wo Talleyrand sein Mäzen wurde. Dort starb er 1812 an der Gicht. 
Der Londoner Klavierbauer John Broadwood erweiterte eigens für Dusík den Tonumfang seiner Instrumente zunächst auf fünfeinhalb und schließlich sogar auf sechs Oktaven. Für diese Aufnahme wurde ein Flügel aus seiner Werkstatt aus dem Jahre 1806 eingesetzt, der über fünfeinhalb Oktaven Umfang verfügt. Andreas Staier, der Dusíks Konzerte gemeinsam mit dem Concerto Köln eingespielt hat, macht deutlich, dass es dabei eher um brillante Effekte als um Ausdrucks- nuancen geht. Insbesondere das Konzert op. 48 stellt technisch einige Ansprüche. Hammerflügel-Spezialist Staier absolviert die pianisti- schen Turnübungen locker; man fragt sich allerdings, warum dieses eher athletische Feuerwerk seinerzeit das Publikum derart fasziniert hat. Zum Abschluss der CD gibt's noch eine ganz besondere Rarität: Auf das Klavierkonzert op. 22 folgt das Tableau "Marie Antoinette" op. 23. Dabei handelt es sich um ein Melodram - Untertitel: Tableau de la situation de Marie-Antoinette, Reine de France, depuis son emprisonnement jusqu'au dernier moment de sa vie, rendu dans une Musique Allégorique; man hört hier sogar die Guillotine herabsausen.

Montag, 9. April 2012

Concerto Köln - Italian Concertos (Capriccio)

Wer die wichtigsten Concertos von Antonio Vivaldi (1678 bis 1741), ergänzt um einige Werke seiner Zeitgenossen Francesco Durante (1684 bis 1755), Leonardo Leo (1694 bis 1744) und erstaun- licherweise auch ein Violinkonzert von Giovanni Battista Pergolesi (1710 bis 1736) kennenlernen will, der sollte zu dieser 2-CD-Box greifen. Hier kann man erfahren, was seinerzeit das Publikum verzückte. Und das Ensemble Concerto Köln macht es auch dem heutigen Zuhörer leicht, sich für diese Werke zu begeistern. 

Mittwoch, 30. November 2011

The Concerto Köln Christmas Album (Berlin Classics)

Nun ist es da, das lang erwartete Weihnachtsalbum des Ensembles Concerto Köln. Und es enthält nahezu komplett die barocken Werke, die seit einigen Jahren regelmäßig auf den diversen CD zum Fest erscheinen: Das berühm- te Concerto grosso g-Moll, von Arcangelo Corelli Fatto per la notte di Natale, sowie die Weih- nachtskonzerte von Antonio Vivaldi und Giuseppe Torelli, und natürlich die Sinfonia aus Bachs Weihnachtsoratorium. "Bei diesen Standards haben wir einfach nur versucht, unseren höchst eigenen klanglichen Zugriff zu entwickeln und mit Temperament etwas bei- zusteuern, ohne uns dabei auf den Sockel zu stellen", erläutert Martin Sandhoff, Soloflötist und künstlerischer Leiter des Ensembles. 
So gänzlich entsagen freilich können die Kölner der Suche nach ver- gessenen Schätzen nicht; und deshalb ergänzen sie dieses Programm um einige der selten gespielten Noels pour les instruments von Marc-Antoine Charpentier, die Sinfonia pastorale D-Dur von Johann Stamitz, die Sonata natalis C-Dur von Pavel Josef Vejvanovský und das entzückende Konzert für Mandoline, zwei Violinen, Streicher und Basso continuo von Antonio Vivaldi. 
Musiziert wird frisch und munter, aber nicht hastig und hektisch. Concerto Köln spielt die bekannten Stücke mit der gleichen Sorgfalt wie die Entdeckungen - beseelt, leichtfüßig und dynamisch differen- ziert. So kommt auch beim Hörer Weihnachtsstimmung auf. Bravi! 

Sonntag, 14. November 2010

Caldara in Vienna - Philippe Jaroussky (Virgin Classics)

"Certains d'entre vous connaissent déjà mon attachement à défendre des compositeurs ou interprètes dont l'importance n'est pas reconnue à sa juste valeur dans l'histoire de la musique", schreibt Philippe Jaroussky. "Après Carestini et Johann Christian Bach, il était donc parfaitement logique de m'arreter à un moment ou un autre de ma carrière sur le cas d'Antonio Caldara, un des compositeurs les plus respectés et prolixes de son temps (plus de 3000 oeuvres!)." Caldara, geboren 1670 in Venedig, war ein Schüler Giovanni Legrenzis. Er erhielt seine erste Stelle im Orchester des Markusdomes, und stellte mit 18 Jahren in seiner Heimatstadt seine erste Oper vor. 
Weitere Werke folgten; 1699 wurde Caldara maestro di cappella da chiesa e del teatro am Hofe Ferdinando Carlo di Gonzagas, des letzten Herzogs von Mantua. Als sein Dienstherr 1708 durch den Spanischen Erbfolgekrieg seinen Besitz verlor, ging er nach Rom, und wurde dort 1709 Händels Nachfolger als Kapellmeister von Francesco Maria Ruspoli. 1716 wurde Caldara Vizekapellmeister am Hof Karls VI. in Wien. Da Kapellmeister Johann Joseph Fux von der Gicht geplagt wurde, übertrug er einen wesentlichen Teil seiner Aufgaben auf Caldara. Der Kaiser, der selbst sehr gut Cembalo spielte, schätzte sein Schaffen, das italienische und deutsche Tradition miteinander verband - und bezahlte Caldara großzügig. 1736 starb der Musiker, 1740 der Kaiser. Die Nachgeborenen hatten ihre eigenen Favoriten. Caldaras Werke gerieten bald in Vergessenheit.
Sie sind aber in reichem Umfang erhalten und überliefert, so dass ihre Wiederentdeckung lediglich eine Frage des Engagements ist. Philippe Jaroussky hat nun gemeinsam mit dem Concerto Köln, das von Emmanuelle Haim am Cembalo geleitet wird, Forgotten Castrato Arias eingespielt. Am Hof in Wien sangen berühmte Kastraten, wie Gaetano Orsini und Felice Salimbeni - und Jaroussky hat in der Tat einige interessante Stücke ausgegraben, die technisch allerdings höchst anspruchsvoll sind. 
Jaroussky bewältigt alle Klippen mit Anstand. Der Countertenor hat eine weiche, bewegliche, nicht übermäßig voluminöse, in der Tiefe und in der Mittellage aber überzeugende und klangvolle Stimme. In der Höhe wird sie leider mitunter schrill. Das Concerto Köln begleitet den Sänger versiert und temperamentvoll; das Orchester setzt dabei durchaus eigene Akzente. Insbesondere auch die Holzbläser sind eine Freude.

Samstag, 16. Oktober 2010

Bach: The Orchestral Suites (Berlin Classics)

Warum verwechseln selbst außer- ordentlich renommierte En- sembles mitunter Geschwindigkeit und Esprit? Diese Frage drängt sich beim Anhören dieser CD förmlich auf. "Frischer Wind" ist ja sehr schön, aber muss es denn gleich ein Wirbelsturm sein, der mit seinem druckvollen Tempo jeg- lichen Ansatz einer dynamischen Differenzierung plattwalzt? 
Das Ensemble Concerto Köln, von der Kritik gerühmt als "musika- lische Trüffelschweine", konnte in den 25 Jahren seines Bestehens so manche Perle wieder ins Gedächtnis des Publikums und ins Repertoi- re zurückholen - erinnert sei hier nur an die Symphonies von Henri-Joseph Rigel, die das Orchester im vergangenen Jahr eingespielt hat. Dafür wurde es zu Recht vielfach ausgezeichnet und geehrt.
Warum die Musiker nun, für die CD zum Jubiläum, ausgerechnet Bachs vielfach auf dem Markt erhältliche Orchestersuiten ausgewählt haben, bleibt ein Rätsel. Möglicherweise hofft man darauf, mit dem bekannten Werk einen Schnelldreher unters Volk bringen zu können. Doch auch die Aufmachung mit zwei übereinander gestapelten CD auf einem losen Plastikträger in einer Papphülle, aus der einem das Beiheft entgegenpurzelt, macht einen lieblosen, nicht gerade wertigen Eindruck. Schade drum!

Montag, 5. April 2010

Händel: Israel in Egypt (BR Klassik)

Es war ein kühnes Experiment, und es war beim Publikum offenbar nicht sehr erfolgreich - sonst hätte Händel, der Operndirektor, es sicher nicht bei diesem einen Ver- such belassen: "Israel in Ägypten" kennt keine Figuren, keine Hand- lung im klassischen Sinne und kei- ne Konflikte. Der Text entstammt der Bibel, und er wird einzig durch die Musik dramatisiert. Das Oratorium wird zum überwiegen- den Teil vom Chor getragen.
Es beginnt mit einer bewegenden Totenklage - ursprünglich 1737 von Händel für das Begräbnis von Königin Caroline geschrieben; ein bezauberndes Werk, das der Komponist dann mit nahezu identischem Text als Trauergesang der Israeliten in Ägypten auf ihren Stammvater Josef an den Beginn seines Oratoriums setzte. Der Mittelteil des Oratoriums schildert unüberhörbar die Plagen, vom Gestank des verpesteten Wassers über das Quaken der Frösche, das Flirren der Heuschreckenschwärme, das Prasseln der Hagelkörner bis hin zur Finsternis, die so dicht ist, dass sich auch das Ohr verirrt, von keiner Tonart geleitet. Nach dem gelungenen Auszug der Kinder Israels durch das Schilfmeer beginnt der dritte Teil, Moses' Song, in dem das Volk mit prächtigen Chören den Untergang den Verfolger feiert, die hinter den Israeliten im Meer versanken und von den Fluten verschlungen wurden. 
Es singt der Chor des Bayerischen Rundfunks - außerordentlich sauber geführt und stimmgewaltig. Er wird begleitet vom Concerto Köln, und in einigen Partien traut sich Peter Dijkstra sogar, die exzessive Klangrede umzusetzen, die das Werk förmlich aufdrängt. Dort ist die Aufnahme richtig stark.