Samstag, 1. Januar 2022

Daniil Trifonov - Bach: The Art of Life (Deutsche Grammophon)


 Eine sehr persönliche Sicht auf das Schaffen Johann Sebastian Bachs offenbart dieses Doppelalbum. Um Die Kunst der Fuge, als spätes Meisterwerk, hat Daniil Trifonov Werke der vier komponierenden Söhne Bachs gruppiert, sowie eine Auswahl an kleinen Stücken aus dem Notenbüchlein für Anna Magdalena Bach und zwei „Schicksalsstücke“, die eng mit der Biographie des Komponisten verknüpft sind: Die Chaconne aus der Partita für Violine solo BWV 1004 erklingt in einer Transkription für linke Hand von Johannes Brahms, und der berühmte Choral Jesus bleibet meine Freude in der bekannten Version von Myra Hess.

Daniil Trifonov befragt die alten Kompositionen aus einer sehr zeitgenössischen Perspektive. Der Pianist spielt Bach selbstverständlich am modernen Konzertflügel, und schon nach wenigen Takten ist dem Zuhörer klar, dass es ihm keineswegs um eine historisch adäquate Interpretation geht. Spätestens beim Anhören seiner Version von Die Kunst der Fuge stellt man ernüchtert fest: Für Trifonov ist Bach nicht Anfang und Ende aller Musik, sondern eher ein Accessoire, das zur Selbstinszenierung genutzt wird. Klavier freilich spielt der Mann genial – aber reicht das aus? 

Johann Strauss II: Waldmeister (Naxos)

 

Zum neuen Jahr diesmal im Blog eine Operette: Waldmeister von Johann Strauss II ist im Dezember 1895 zum ersten Mal aufgeführt worden. Dass das Opus, anders als Strauss‘ Zigeunerbaron oder Die Fledermaus, heutzutage auf der Bühne keine Bedeutung mehr hat, liegt ohne Zweifel am Libretto. 

Die vorliegende Einspielung mit einem soliden Sängerensemble, dem Sofia Philharmonic Chorus und dem Sofia Philharmonic Orchestra unter Dario Salvi zeigt, dass das Werk hier und da seine Längen und insgesamt auch ein wenig Staub angesetzt hat. Doch wenn man die Texte nicht gar so ernst nimmt, dann ist diese Verwechslungskomödie eigentlich ganz amüsant. 

Turbulenzen nämlich bietet die Handlung zur Genüge. Auf einer Landpartie retten sich junge Leute vor einem Gewitter in eine Waldmühle. Die Damen gehören zum Freundeskreis der Dresdner Sängerin Pauline; die Herren studieren an der örtlichen Forstakademie. Außerdem flüchtet sich dorthin der Plauener Botanikprofessor Erasmus Müller. Vom Müllersknecht werden die Herrschaften, da sie alle durchnässt sind, mit trockenen Sachen ausstaffiert – stilecht natürlich, mit Berufsbekleidung. 

Und während der „richtige“ Müller irgendwo einen Rausch ausschläft, beginnt die Komödie. Denn nun halten alle Müller für den Müller. Diesen Irrtum zu korrigieren, bleibt keine Zeit – mittlerweile ist Paulines Freundin Jeanne in der Mühle eingetroffen, und sie bringt schlechte Nachrichten mit: Der Direktor der Forstakademie werde in wenigen Augenblicken vorfahren, durchaus erzürnt, denn er habe von einem unerlaubten Jagdausflug seiner Zöglinge Kenntnis erlangt. 

In dieser Situation hilft nur, sich zu verstecken – während Pauline, noch immer als Müllerin verkleidet, den Herrn Oberforstrat empfängt. Dieser, obwohl eigentlich ziemlich gestreng, verfällt umgehend dem Charme der vermeintlichen Müllerin. Beim ersten Kuss freilich wird das Paar vom Botaniker photographiert, und auch die jungen Leute sind auf einmal wieder zugegen. Wer glaubt, dass sich dieses Durcheinander nicht mehr steigern lässt, der hat allerdings noch das Finale des ersten sowie zwei weitere Akte vor sich. 

Am Ende allerdings wird alles gut, und es haben sich sogar drei glückliche Paare gefunden – wenn auch nicht ganz so, wie ursprünglich vorgesehen. Aber bis dahin gibt es noch etliche witzige Szenen; dem Botaniker gelingt es, die Herkunft des extrem raren schwarzen Waldmeisters aufzuklären, und kalter Lindenblütentee verwandelt sich verblüffenderweise in eine leckere Waldmeisterbowle. 

Dazu gibt es Strauss‘ wunderbare, temperamentvolle Musik. Nicht umsonst sind etliche Stücke später zu Schlagern geworden, wie die Klipp-Klapp-Polka, die Waldmeister-Quadrille oder der Walzer Trau, schau, wem. Hinreißend!