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Samstag, 5. Februar 2022

Erinnerung - Homage to Humperdinck (Deutsche Grammophon)


 Dieses Doppel-Album, dass die Deutsche Grammophon anlässlich des hundertsten Todestages von Engelbert Humperdinck 2021 veröffentlicht hat, lädt dazu ein, den Komponisten und sein Werk neu zu entdecken. Selbstverständlich erklingen Auszüge aus den Opern Hänsel und Gretel und Die Königskinder, die noch heute ihren Platz im Repertoire haben. Zu hören ist auch ein von Richard Wagner autorisiertes Humperdinck-Arrangement des Vorspiels zur Oper Tristan und Isolde

Doch das Programm, das der Pianist Hinrich Alpers mit Sorgfalt zusammengestellt hat, macht deutlich, dass man Engelbert Humperdinck (1854 bis 1921) Unrecht tut, wenn man ihn nur als Wagner-Schüler betrachtet. Dieses Album macht deutlich, dass er sehr bald zu einer eigenen musikalischen Handschrift fand. 

Humperdinck war auch ein höchst respektabler Liederkomponist, wie eine Auswahl an Kunstliedern zeigt, die Alpers gemeinsam mit der Sopranistin Christina Landshamer eingespielt hat. Außerordentlich spannend sind zudem Ausschnitte aus den Orchestersuiten zu Shakespeares Sturm, hier zu hören mit den Bamberger Symphonikern unter Karl Anton Rickenbacher. Diese Schauspielmusik für die Eröffnung des Neuen Schauspielhauses am Berliner Nollendorfplatz erscheint mit ihrer detailreichen Orientierung am Bühnengeschehen beinahe wie ein Vorgänger heutiger Filmmusiken. Um das Meer zu erleben, und sich nicht nur von musikalischen Vorbildern, sondern vor allem auch von der Realität inspirieren zu lassen, hatte sich Humperdinck seinerzeit übrigens als Pensionsgast in Heringsdorf auf Usedom einquartiert. 

Weitere Facetten seines Schaffens werden in einem kleinen Klavierstück sichtbar: Erinnerung schrieb Humperdinck als 17jähriger in das Poesiealbum seiner Schwester Ernestine. Die nachdenkliche Miniatur ist auf der zweiten CD in Weltersteinspielung zu hören, interpretiert von Hinrich Alpers. Nach dem frühen Tod der Schwester schrieb der Bruder ihr eine Trauermusik. Es ist der langsame Mittelsatz des Klavierquintettes G-Dur aus dem Jahr 1875, das von Alpers mit dem Schumann Quartett vorgetragen wird. Den Schlusspunkt setzt das Streichquartett in C-Dur, entstanden in den Jahren 1919/20, ebenfalls eingespielt vom Schumann Quartett. 


Montag, 10. Januar 2022

Schubert: Die schöne Müllerin (Deutsche Grammophon)


 Eine berührende Einspielung von Franz Schuberts Die schöne Müllerin haben Andrè Schuen und Daniel Heide im vergangenen Jahr als Debütalbum bei dem Label Deutsche Grammophon veröffentlicht – und damit ist ihnen ein großer Wurf gelungen. Selten ist Schuberts Liederzyklus in einer derartigen Qualität zu hören. 

Der Südtiroler Bariton erweist sich einmal mehr als ein exzellenter Liedersänger. Er vermag all die widerstreitenden Emotionen des wandernden Müllerburschen im Gesang darzustellen: Lebensfreude und jugendlicher Überschwang, Verliebtheit, Sehnsucht und Hoffnung, Enttäuschung, dann nagende Eifersucht, Gram und Selbstmitleid, und schließlich der Ausweg, die Flucht in den Bach – das ist ziemlich viel Gefühl auf so knappem Raum, oftmals rapide wechselnd, innerhalb weniger Takte, und es ist eine Herausforderung, all diese Umschwünge musikalisch mit Präzision nachvollziehbar zu gestalten. 

Schuen gelingt dies stets überzeugend. Gemeinsam mit Heide findet er immer wieder den passenden Ausdruck. Jedes dieser berühmten Lieder wirkt bei dieser Einspielung stimmig und ganz natürlich. 

Das ist große Kunst, zumal neben Text und Melodie in Schuberts Liedern immer auch der Klavierpart eine wichtige Rolle spielt. Wohl dem Sänger, der ein solches Tastenwunder an seiner Seite hat wie Daniel Heide. Sein Klavierspiel setzt Akzente, spitzt dramatisch zu, kommentiert und trägt den Part des Sängers. Es ist deutlich zu spüren, dass der Bariton und der Pianist seit vielen Jahren eng zusammenarbeiten: „Allein wenn André Luft holt, weiß ich schon, wann der nächste Ton kommen und wie er klingen wird“, sagt Daniel Heide. Diese Vertrautheit ist es, die einen derart fein austarierten Dialog zwischen Gesang und Klavier erst ermöglicht. Das macht auch dieses Album zum Ereignis. Bravi! 


Samstag, 1. Januar 2022

Daniil Trifonov - Bach: The Art of Life (Deutsche Grammophon)


 Eine sehr persönliche Sicht auf das Schaffen Johann Sebastian Bachs offenbart dieses Doppelalbum. Um Die Kunst der Fuge, als spätes Meisterwerk, hat Daniil Trifonov Werke der vier komponierenden Söhne Bachs gruppiert, sowie eine Auswahl an kleinen Stücken aus dem Notenbüchlein für Anna Magdalena Bach und zwei „Schicksalsstücke“, die eng mit der Biographie des Komponisten verknüpft sind: Die Chaconne aus der Partita für Violine solo BWV 1004 erklingt in einer Transkription für linke Hand von Johannes Brahms, und der berühmte Choral Jesus bleibet meine Freude in der bekannten Version von Myra Hess.

Daniil Trifonov befragt die alten Kompositionen aus einer sehr zeitgenössischen Perspektive. Der Pianist spielt Bach selbstverständlich am modernen Konzertflügel, und schon nach wenigen Takten ist dem Zuhörer klar, dass es ihm keineswegs um eine historisch adäquate Interpretation geht. Spätestens beim Anhören seiner Version von Die Kunst der Fuge stellt man ernüchtert fest: Für Trifonov ist Bach nicht Anfang und Ende aller Musik, sondern eher ein Accessoire, das zur Selbstinszenierung genutzt wird. Klavier freilich spielt der Mann genial – aber reicht das aus? 

Donnerstag, 4. November 2021

Cello Unlimited (Deutsche Grammophon)


 Was würdest du machen, wenn du kein Musiker wärst? Für Kian Soltani, berichtet das Beiheft zu diesem Album, ist die Antwort klar: „Irgendwas mit Film und Kino!“ Denn das fasziniert den Cellisten ebenso sehr wie sein Instrument. Schon während des Studiums entdeckte er die Filmmusik für sich, und erarbeitete erste Arrangements, mit seinem Cello und dem Smartphone. 

Nach seinem Einstieg in den Konzertbetrieb hatte Soltani dazu allerdings kaum noch Zeit dafür. Das änderte sich allerdings im Jahr 2020, als das Corona-Virus alles zum Stillstand brachte. Die Zwangspause durch den Wegfall der Konzerttätigkeit nutzte der Musiker, um sich wieder dem geliebten Film zuzuwenden: „Ich wollte Regisseur, Hauptdarsteller, Nebendarsteller, Komparse und teilweise sogar Komponist sein.“ 

Im Ergebnis entstand dieses Album – und Soltani zeigt sich allen Rollen gewachsen; vor allem aber erweist er sich als ein geschickter Arrangeur und als ein Klangvisionär. Denn der Cellist spielte jede einzelne Stimme selbst. Tontechnik macht es möglich. Und selbst da, wo man Percussion hört, ist es letztendlich doch – Cello-Orchester. 

Zu hören sind Melodien aus Fluch der Karibik, Der Herr der Ringe, Agonia, Die Bourne Identität, The Da Vinci Code und Das Parfüm, und dazu zwei Kompositionen von Kian Soltani. „Alles auf diesem Album wurde ausschließlich mit dem Cello gemacht. Sein Potenzial kennt keine Grenzen. Cello Unlimited ist eine Huldigung an dieses Instrument, aber auch an die Filmmusik. Denn ihr gelingt es, Brücken zu schlagen zwischen Menschen jedes Alters, besonders aber den jungen, und der Welt der Klassik“, unterstreicht Soltani. Mit sattem Sound und den abwechslungsreichen Filmmelodien ist dieses Album interessant auch für Hörer, die mit Beethovens Klaviertrios (noch) nichts anzufangen wissen. 


Samstag, 10. Juli 2021

Serenades (Deutsche Grammophon)

 

Das Zürcher Kammerorchester aus Anlass seines 75jährigen Bestehens eine Auswahl von beliebten Meisterwerken für kleine Orchesterbesetzung zusammengestellt. Hervorgegangen ist es aus einer losen Formation von Musikfreunden um den Musikstudenten Edmond de Stoutz, die sich in den 40er Jahren trafen, um gemeinsam ihrer Leidenschaft für Kammermusik zu frönen. 

Schließlich wurde daraus ein Kammerorchester, das 1945 in Zürich sein erstes öffentliches Konzert gab. Seit 2016 leitet Daniel Hope das Orchester. Seitdem spielen die Musiker zumeist ohne Dirigenten; Hope leitet das Ensemble, als primus inter pares, quasi vom Konzertmeisterpult aus. 

Das kollegiale Musizieren prägt auch diese Aufnahme mit drei weltberühmten Streicherserenaden: Die Serenade für Streicher C-Dur von Pjotr Iljitsch Tschaikowski, die Serenade für Streicher e-Moll von Edward Elgar, und Mozarts berühmte Kleine Nachtmusik sind ein schönes Geschenk an das Publikum zum Orchesterjubiläum. 


Sonntag, 4. Juli 2021

Mozart - Albrecht Mayer (Deutsche Grammophon)

 

Albrecht Mayer spielt Mozart – und mit dieser CD erfüllt er sich einen Herzenswunsch, der ihn schon etliche Jahre begleitet. Dennoch hat er sich mit dieser Aufnahme ganz bewusst Zeit gelassen, berichtet der Oboist: „Obwohl ich die meisten der Stücke auf diesem Album schon seit meiner frühen Jugend in mir trage, fühle ich mich doch erst jetzt wirklich reif für ihre absolute Gefühlstiefe.“ 

Aus dem großen Schatz der Melodien des Komponisten hat Mayer seine Favoriten mit Sorgfalt ausgewählt, und präsentiert auf dieser CD nun sechs Arrangements für Oboe, Oboe d’amore oder Englischhorn sowie eine eigens in Auftrag gegebene vervollständigte Version des Oboenkonzerts in F-Dur KV 293. 

An dieses Experiment wagte er sich gemeinsam mit dem befreundeten Schweizer Komponisten Gotthard Odermatt, der das im Original lediglich 61 Takte umfassende Fragment – 50 Takte Orchester, und elf Takte Solostimme – ergänzt und so ein gut elfminütiges Konzertstück im Stile Mozarts sensibel nachempfunden hat.

Auch Matthias Spindler hat mit seinen Bearbeitungen dazu beigetragen, das Oboen-Repertoire kreativ zu erweitern. So sind neben dem bekannten Ave verum corpus KV 618 und der Solo-Motette Exsultate, jubilate KV 165 auch zwei Konzertarien Mozarts in neuen Arrangements zu hören. Das Konzert für Flöte und Harfe in C-Dur KV 299 wurde zu einem Konzert für Oboe und Cembalo in B-Dur, und das Rondo in C-Dur KV 373, ursprünglich für Violine und Orchester, komplettiert das Programm, das Albrecht Mayer gemeinsam mit der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen und Vital Julian Frey, Cembalo/Orgel/Hammerflügel, eingespielt hat. 

Einmal mehr begeistert der Oboist durch musikalisches Feingefühl, technische Perfektion, enormes Ausdrucksvermögen und durch einen herrlichen, beseelten Ton. Er gestaltet wunderbare Melodiebögen, und findet nicht nur in den Kadenzen Gelegenheit, auch seine Virtuosität unter Beweis zu stellen. Bravi! 


Montag, 28. Juni 2021

Avi Avital - Art of the Mandolin (Deutsche Grammophon)


 Manchmal sind die Wege des Lebens seltsam verschlungen, aber gerade dann führen sie oftmals zum Ziel. Eine solche Geschichte berichtet Avi Avital im Beiheft seines aktuellen Albums. Sie hat mich sehr beeindruckt, weil sie zeigt, welch faszinierende Wirkungen der Zufall haben kann. 

Ein solcher Zufall nämlich war es, dass der Geiger Simcha Nathanson nach seiner Übersiedelung aus der Sowjetunion in seiner neuen Heimat Beer Sheva im Keller der Musikschule einige Mandolinen fand. Als Geigenlehrer wurde er dort nicht gebraucht. Aber dem begnadeten Pädagogen gelang es, ein exzellentes Jugend-Mandolinenorchester aufzubauen. Dort musizierte in jungen Jahren auch Avi Avital,. Und weil die Mandoline wie eine Violine gestimmt ist, gab es auch keine Probleme, geeignete Literatur zu finden: Nathanson legte seinen Schülern einfach Geigenmusik aufs Pult. 

Da die Mandoline zwar populär ist, aber in der Klassikwelt eher nicht so verbreitet, hat Avital im Konzert jahrelang vor allem Arrangements gespielt. Für diese CD aber hat der Mandolinenvirtuose nun erstmals ein Programm zusammengestellt, das ausschließlich aus Originalkompositionen besteht. Es reicht von Antonia Vivaldis höchst reizvollem Konzert für zwei Mandolinen, Streicher und Basso continuo RV 532 über die Sonata a tre für Mandoline, Gitarre und Cembalo von Paul Ben-Haim (1897 bis 1984) bis zu einem Prelude for Solo Mandolin von Giovanni Sollima (*1962). 

Zu hören sind zudem das Adagio ma non troppo in Es-Dur für Mandoline und Harfe von Ludwig van Beethoven (1770 bis 1827), Death is a Friend of Ours von David Bruce (*1970), die Sonate für Mandoline und Basso sontinuo K 89 von Domenico Scarlatti (1685 bis 1757) und Carillon, Récitatif, Masque für Mandoline, Gitarre und Harfe von Hans Werner Henze (1926 bis 2012). 

„I have created this album to paint a portait of the mandolin as I have never done before“, berichtet Avi Avital im Beiheft. „To tell a story – an unfinished story – of an instrument at once familiar and unknown.“ Im Zusammenspiel mit dem Venice Baroque Orchestra sowie Alon Sariel, Mandoline, Anneleen Lenaerts, Harfe, Sean Shibe, Gitarre, Yizhar Karshon, Cembalo, Patrick Sepec, Violoncello und Ophira Zakai, Theorbe, zeigt der Musiker, dass die Mandoline kein Kuriosum ist, sondern ein interessantes Instrument, das mit seinem charakteristischen Klang eine ganz besondere Farbe einbringt. Das Album vermag zu überzeugen, bravi! 


Samstag, 15. Mai 2021

Piano Lessons - Christoph Eschenbach (Deutsche Grammophon)


 Einen großen Musiker erkennt man oft daran, dass er auch scheinbar simple Stücke mit derselben Sorgfalt spielt wie die Virtuosenliteratur. Ein Beispiel dafür bietet diese faszinierende Box, in der auf 16 CD so ziemlich alles zu hören ist, was ein Klavierschüler üblicherweise im Unterricht übt. 

Die Box enthält zahlreiche Klassiker der Klavierpädagogik, von Ferdinand Beyers Vorschule im Klavierspiel über Johann Sebastian Bachs Inventionen, Wolfgang Amadeus Mozarts Sonata facile bis hin zu Ludwig van Beethovens berühmter Mondscheinsonate oder den Liedern ohne Worte von Felix Mendelssohn Bartholdy. 

Burgmüller, Czerny, Clementi, Diabelli – Christoph Eschenbach zeigt mit seinen Interpretationen, dass selbst Etüden und Sonatinen sehr viel Spaß machen können. Der Pianist, heute Chefdirigent des Berliner Konzerthausorchesters, hat diese Kollektion Mitte der 1970er Jahre eingespielt. Sie war bisher aber nur als Japan-Import erhältlich. 

Umso mehr freut man sich darüber, dass diese liebevollen Interpretationen nun für jedermann verfügbar sind. Die Sammlung bietet Musikfreunden fast 17 Stunden Hörvergnügen, und allen Klavierschülern vielfältige Anregungen – denn sämtliche Noten sind über die bekannte Noten-App Tomplay Sheet Music zugänglich, und als Bonus liegt der Box ein Zugangscode bei. Super! 


Dienstag, 16. Februar 2021

Handel: Serse (Deutsche Grammophon)

 


Ein exzellentes Sängerensemble, Sinn für dramatische Effekte und dazu ein Faible für die Sinnlichkeit barocker Klangwelten – das bietet diese Neueinspielung der Oper Serse von Georg Friedrich Händel. Die Titelrolle singt Franco Fagioli. Und wie! Vom populären Ombra mai fu bis hin zur nicht minder berühmten Wutarie Crude furie gibt der argentinische Countertenor der ganzen Palette an Affekten musikalischen Ausdruck. Franco Fagioli lässt uns Händels barockes Spektakel neu hören. Und auch das italienische Barockensemble Il Pomo d’Oro trägt unter Leitung von Maxim Emelyanchev zum Hörvergnügen bei. Hinreißend! 

Sonntag, 4. Oktober 2020

John Williams in Vienna (Deutsche Grammophon)

 

Im Januar 2020 dirigierte John Williams erstmals die Wiener Philharmoniker – und sowohl die Presse als auch das Publikum gerieten darüber schier in Ekstase: „Besuch vom lieben Gott“, titelte beispielsweise der Standard. 

Es war ohne Zweifel ein Ereignis, und wer Karten bekommen hatte, der konnte sich freuen. Im Goldenen Saal des Wiener Musikvereins erklangen im Konzert diesmal ausschließlich Werke des legendären amerikanischen Filmkomponisten – und als Stargast stand auch die Geigerin Anne-Sophie Mutter mit auf der Bühne. 

Die Musiker schätzen nicht nur Williams‘ Musik; sie waren auch von seiner hochprofessionellen Probenarbeit und von seiner präzisen Schlagtechnik begeistert gewesen, so wird berichtet. Die Blechbläser sollen darum gebeten haben, den Imperial March unbedingt mit ins Programm zu nehmen. Die Wertschätzung beruht auf Gegenseitigkeit; auch der Komponist versicherte, die Arbeit mit den Wiener Philharmonikern sei für ihn „eine ganz besondere Ehre“

Die bekannten Melodien aus Filmen wie Star Wars, Indiana Jones, Jurassic Park wirken in dieser Aufnahme sehr edel; man vergisst beinahe, dass es sich nicht um sinfonische Musik, sondern eigentlich um Filmsoundtracks handelt. Die Kompositionen von John Williams haben aber durchaus das Format, um auch im Konzertsaal, ganz ohne Leinwand, das Publikum zu begeistern. Das spricht für die Qualität seiner Musik. 

Diese CD dokumentiert das besondere Konzert – und vielleicht gelingt es bei nächster Gelegenheit, neben den phantastischen Filmmusiken auch einmal ein „richtiges“ Orchesterwerk von John Williams mit ins Programm zu nehmen. May the Force be with you! 


Mittwoch, 16. September 2020

Grigory Sokolov. Beethoven - Brahms - Mozart. (Deutsche Grammophon)

Grigory Sokolov ist als Pianist noch immer eine Klasse für sich. Seit vielen Jahren spielt der Musiker ausschließlich Solo-Recitals. Er tritt nur in Mitteleuropa auf, und er meidet Medienrummel ebenso wie Marketingstrategen. Er gibt keine Interviews, und er stellt seine Programme so zusammen, wie er es für richtig hält. 
Viele Jahre lang hat Sokolov keinerlei Aufnahmen erlaubt. Es ist ein großer Gewinn, dass er nun zumindest ausgewählte Live-Mitschnitte für eine Veröffentlichung freigibt. 
Denn seine Konzentration auf die Musik, seine brillante Technik und seine bewundernswerte Autonomie ermöglichen ihm Interpretationen von enormer Tiefe und Klarheit. Sokolov musiziert mit höchster Präzision; seine Artikulation ist atemberaubend, Nuancen- und Farbenreichtum seines Spiels sind faszinierend. Das ist Klavierkunst auf allerhöchstem Niveau, wie aus einer anderen Welt. 
Diese Box enthält die Sonate in C-Dur op. 2 Nr. 3 sowie die Bagatellen op. 119 von Ludwig van Beethoven, sowie die Klavierstücke op. 118 und 119 von Johannes Brahms und sieben wunderbare Zugaben. Diese wählt Sokolov stets mit derselben Sorgfalt aus wie die „großen“ Stücke. 
Zu hören sind in diesem Falle das Impromptu in As-Dur D 935/2 von Franz Schubert, Les Sauvages von Jean-Philippe Rameau, das Intermezzo in b-Moll op. 117/2 von Johannes Brahms, Le Rappel des Óiseaux, ebenfalls von Rameau, das Prelude in gis-Moll op. 32/12 von Sergej Rachmaninoff, Schuberts  Allegretto in c-Moll D 915 und Des pas sur la neige aus den Préludes von Claude Debussy. Als Zugabe gibt es außerdem eine DVD, mit Musik von Wolfgang Amadeus Mozart. 

Sonntag, 28. Juni 2020

Vivaldi - Harriet Krigh (Deutsche Grammophon)

Schon als Kind liebte Harriet Krijgh die Musik von Antonio Vivaldi (1678 bis 1741). Und so widmete die niederländische Cellistin nun ihr Debüt-Album bei der Deutschen Grammophon ganz dem Barock-Komponisten. 
Dabei musizierte sie mit der Amsterdam Sinfonietta. Das vielfach ausgezeichnete Streicherensemble, das von Konzertmeisterin Candida Thompson geleitet wird, spielt ohne Dirigenten. 
Dem Gestus dieser Musik kommt das entgegen. Und weil bei Vivaldis Werken unterschiedlichste Besetzungen als Concertino fungieren, agieren etliche Musiker dieses Kammerorchesters auf dieser CD auch als Solisten. 
Der Zuhörer spürt, dass alle Beteiligten intensiv daran gearbeitet haben, einen gemeinsamen Ausdruck zu finden. Musiziert wird sehr ausgefeilt und differenziert, und mit wunderbarer Eleganz. Bravi! 

Sonntag, 19. April 2020

O Crux benedicta (Deutsche Grammophon)

Für die Zeit vom Aschermittwoch bis zum Ostersonntag sind die Chorwerke bestimmt, die auf dieser CD erklingen. Die sogenannte Heilige Woche mit dem Osterfest ist der Höhepunkt des Kirchenjahres, und so sind im Laufe der Jahrhunderte dafür auch sehr viele Kompositionen entstanden. Massimo Palombella, der Leiter des Chores der Sixtinischen Kapelle, hat für diese Einspielung aus den Originalmanuskripten der vatikanischen Bibliotheken eine Auswahl an Musikstücken zusammengestellt, die sonst nur in den Gottesdiensten des Papstes zu hören sind. Nach Cantate Domino (2015), Palestrina (2016) und Veni Domine - Advent & Christmas at the Sistine Chapel (2017) setzt O Crux benedicta die einzigartige Reihe der Deutschen Grammophon mit Aufnahmen aus der Sixtinischen Kapelle fort. 
Der Chor der Sixtinischen Kapelle singt unter Leitung von Maestro Massimo Palombella Kompositionen von Giovanni Pierluigi da Palestrina (um 1525 bis 1594), Orlando di Lasso (?1532 bis 1594), Tomás Luis de Victoria (1548 bis 1611) und anderen. Leider zeigt sich hier exemplarisch, dass eine Kollektion schöner Stimmen (die Soli sind prachtvoll!) lang noch keinen guten Chor ergibt. Beim chorischen Singen würde man sich doch mehr Ausdruck, eine gewisse Textverständlichkeit, mehr Struktur und Durchhörbarkeit wünschen. So kommen die prachtvollen Chorwerke nicht wirklich zur Geltung. Schade. 

Freitag, 13. Dezember 2019

Ein Wintermärchen 2 (Deutsche Grammophon)

Weihnachten – das bedeutet Tannengrün und Kerzenschein, dazu ein wohlig prasselndes Kaminfeuer, den Duft von Plätzchen und Glühwein, und gemeinsames Musizieren. Das dachte sich auch der Berliner Komponist, Pianist und Produzent Christoph Israel. Er hat daher zwölf Festtagsklassiker neu arrangiert, und dann zum Mitspielen und Mitsingen eingeladen. 
Zu hören ist nun das Swonderful Orchestra unter Leitung von Catherine Larsen-Maguire. „Dieses Ensemble der besten Musiker Berlins wurde eigens für dieses Projekt zusammengestellt“, sagt Christoph Israel. „Ich bin sehr froh, dass ich mit diesem wunderbaren Orchester an diesem großartigen Ort arbeiten durfte. Nachdem die Studioarbeiten in der Jesus-Christus-Kirche abgeschlossen waren, bin ich mit den Instrumentalversionen in so illustre Weltstädte wie New York, Nashville, San Francisco oder Münster gereist, um den Gesang der einzelnen Sängerinnen und Sänger aufzunehmen.“ 
Und so geben Ute Lemper, Nadine Sierra, Kandace Springs, Max Raabe, Carolin Niemczyk (Glasperlenspiel), Michael Schulte, Götz Alsmann und Theo Bleckmann, und natürlich die Arrangements von Christoph Israel, den Weihnachtsklassikern jeweils einen ganz individuellen Charakter. Sie erklingen elegant-feierlich, fröhlich und beschwingt, andächtig, mitunter auch keck oder sehnsuchtsvoll. 
Komplettiert wird das abwechslungsreiche Programm durch stimmungsvolle Instrumentalversionen der bekannten Melodien. Das macht diese CD tatsächlich zum Wintermärchen – und wer sich gut auskennt, für den hat der Arrangeur noch eine ganz spezielle Einladung: „Ich liebe Rätselspiele“, so Christoph Israel, „und habe für Weihnachtsliedexperten wieder die eine oder andere Referenz zum Mitraten in die Stücke eingebaut.“ 

Freitag, 30. August 2019

Across the Stars (Deutsche Grammophon)

Gestern war ich auf der Autobahn unterwegs, in der Dämmerung, ringsum am Horizont Wetter- leuchten, und dazu habe ich diese CD angehört. Great! Wer hätte das gedacht – aber dies ist ohne Zweifel mein ganz persönliches Album des Jahres. 
Ganz ehrlich: Anne-Sophie Mutter gehörte bislang nicht zu meinen Favoriten. Doch die anfängliche Skepsis wich bald purer Begeisterung. Denn die Geigerin kann Moderne. Die Aufnahme bietet eine breit gefächerte Auswahl von John Williams’ berühmten Filmthemen, vom Komponisten höchstpersönlich neu arrangiert und auch selbst dirigiert. Eingespielt wurde sie in Culver City in Kalifornien, im großen Aufnahmesaal der Sony Pictures Studios – dort, wo üblicherweise Filmmusiken für Hollywood aufgezeichnet werden, und von Musikern, die dafür üblicherweise engagiert werden. 
Schon vor Jahren bat Anne-Sophie Mutter John Williams, ein Stück für sie zu schreiben, und sie äußerte zudem den Wunsch, auch ausgewählte Filmmusiken zu spielen. „In discussing this idea, we both realized that I had adapted only one or two of these pieces for solo violin and orchestra, and that the remainder of the chosen material would have to be new developed and orchestrated to complete her album. Because the opportunity to write for a great virtuoso always presents an energizing and exciting opportunity, I set about this project with great enthusiasm“, sagt John Williams.  „Working with Anne-Sophie on this recording has been a pure inspiration. She has brought vibrant life to these familiar themes in new and unexpected ways, which has been a great joy for me as a composer.“ 
Links neben John Williams Dirigentenpult, wie im Konzert, aber im Meister-Yoda-T-Shirt, musizierte Anne-Sophie Mutter. „Ich bin nicht einfach nur ein Fan“, meint die Geigerin. „Ich bewundere die Musik von John Williams, auch seine klassischen Filmmusiken. Von seinem Orchestersatz lerne ich unglaublich viel über Ausdruck und musikalische Farben. Es ist für mich ein echtes Abenteuer, hier den richtigen Ton, die richtige Nuance zu suchen und zu finden.“ 
Man muss aber feststellen, dass genau dies Anne-Sophie Mutter bewundernswert gelungen ist. Sie musiziert mit beeindruckender Leidenschaft und unglaublich ausdrucksstark. Es ist wie ein Sprung in die Zukunft: Immer wieder entdeckt der Hörer neue Facetten, neue Klangfarben, einen mutigen Strich. 
Die Geigerin nutzt ihre brillante Technik, um Williams' Musik bis in die feinste Schattierung perfekt zu gestalten. Man höre nur Night Journeys aus Dracula – was für ein Drama! Kein Violinkonzert könnte aufregender sein, keine Sonate mehr bewegen. Und die ganze Aufnahme strahlt eine Musizierfreude aus, es ist einfach grandios. Bravi, bravi, bravi! 

Sonntag, 28. Juli 2019

Albrecht Mayer - Longing for Paradise (Deutsche Grammophon)

Der Traum von einer harmonischen Welt kennzeichnet alle Werke, die Albrecht Mayer für seine jüngste Einspielung ausgesucht hat: „Wie reagiert man als emotionaler, fühlend-romantischer Komponist, wenn man mit der Kriegssituation und einer zerstörten Heimat konfrontiert wird?“, fragt sich der Oboist. „Dieser Gedanke und die damit verbundene Sehnsucht nach Schönheit vereint alle Stücke auf diesem Album.
Die Musik, die Mayer auf dieser CD zusammengetragen hat, ist alles andere als leichtgewichtig. So schrieb Richard Strauss (1864 bis 1949) kurz nach Ende des Zweiten Weltkriegs sein einziges Oboenkonzert, „ein Stück voller Schönheiten, vielleicht eine Ahnung vom Paradies“, begeistert sich Mayer. Der Komponist selbst nannte das Werk eine „Werkstattarbeit“, geschrieben, „damit das vom Taktstock befreite rechte Handgelenk nicht vorzeitig einschläft“
Die Nachkriegssituation spiegelt das Konzert für Oboe und kleines Orchester eher indirekt: „Das ist eines der wenigen Stücke von Strauss, bei denen ich nirgends den Ansatz einer Doppelbödigkeit erkennen kann“, meint Mayer. „Vielmehr verlangt dieses Stück ein Höchstmaß an Mühelosigkeit, womöglich schwebte Strauss selbst beim Komponieren so etwas wie die reine Fülle des Wohllauts vor.“ 
Albrecht Mayer spielt dieses Konzert, das von Anfang bis Ende höchste Anforderungen an den Solisten stellt, mit einem wunderschönen, runden Ton, herrlicher Kantilene und geradezu magischer Schwerelosigkeit. Er lässt den Hörer zu keinem Zeitpunkt daran denken, dass es sich dabei um eines der anspruchsvollsten Werke der gesamten Oboen-Literatur handelt. 
In den Bamberger Symphonikern unter Jakub Hrůša steht dem Oboisten dabei ein erstklassiges Orchester als Musizierpartner zur Seite. Man kennt sich, und man schätzt sich: Mayer begann dort seinerzeit 1990 als Solo-Oboist seine Karriere. 
An den Anfang seines Programmes, vor das Strauss-Konzert, stellte Mayer Edward Elgars (1857 bis 1934) Soliloquy. Dabei handelt es sich um eine Elegie, die lange Fragment geblieben ist. Erst 1967 erklang sie in einer vervollständigten Fassung von Gordon Jacob erstmals öffentlich – gespielt von Léon Goossens. 
Für diesen Oboenvirtuosen schrieb sein Bruder Eugène Goossens (1893 bis 1962) ein ebenfalls höchst anspruchsvolles Konzert, das Mayer am Schluss seiner CD platzierte. „Man stelle sich vor, Strawinksy hätte ein Konzert für Oboe geschrieben, mit einer Prise britischen Humors gewürzt und um einige regionale Klangzutaten ergänzt“, so beschreibt der Oboist diese Musik. 
Mein ganz persönlicher Favorit aber, neben dem Strauss-Konzert, ist die Neubearbeitung von Maurice Ravels (1875 bis 1937) Le Tombeau de Couperin für Oboe und Orchester. Das Arrangement stammt von Joachim Schmeißer, und es ist unglaublich gut. Ravel nutzte die Tradition, verstorbenen Musikern ein Tombeau, eine Trauermusik, zu schreiben. Doch in dem Stück geht es nur vordergründig um Couperin und die Musik des 18. Jahrhunderts. Denn Ravel schrieb es nach seiner Entlassung aus dem Kriegsdienst; und jeder Satz ist einem gefallenen Kameraden gewidmet. 

Donnerstag, 27. Juni 2019

Bach: Sonatas & Partitas - Nathan Milstein (Deutsche Grammophon)

Diese Aufnahme ist eine Legende: 1973 spielte Nathan Milstein Johann Sebastian Bachs Sonaten und Partiten für Violine solo für die Deutsche Grammophon ein. Das war ein Ereignis; die Einspielung wurde 1975 mit einem Grammy ausgezeichnet, und sie hat bis heute Referenzstatus. 
Nathan Milstein (1904 bis 1992) gilt als einer der besten Geiger seines Jahrhunderts. Er wuchs in Odessa auf, und erhielt schon als Vierjähriger Violinunterricht. Sein erster und wohl wichtigster Lehrer war Pjotr Stoljarski; dieser unterrichtete übrigens auch Leonid Kogan und David Oistrach. 1916 wurde Milstein dann Schüler von Leopold Auer am St. Petersburger Konservatorium. 
1921 begegnete Milstein bei einem Konzert in Kiew Vladimir Horowitz und seiner Schwester Regina. Sie luden ihn zu sich nach Hause ein – der Beginn einer lebenslangen Freundschaft: „I came for tea and stayed three years“, meinte Milstein dazu später. Gemeinsam mit Horowitz ging Milstein auf Konzertreisen, zunächst durch die Sowjetunion, bald auch durch Westeuropa. Zum engsten Freundeskreis gehörte auch der Cellist Gregor Piatigorsky. 
1929 gab der Geiger sein Debüt in den USA, mit Leopold Stokowski und dem Philadelphia Orchestra. Er ließ sich in New York nieder, und wurde amerikanischer Staatsbürger. In späteren Jahren lebte Milstein in London. Dort starb der Musiker dann auch, wenige Tage vor seinem 89. Geburtstag erlag er einem Herzinfarkt. Er hatte bis ins hohe Alter Konzerte gegeben und Studierende unterrichtet, und war für sein Wirken mit einer Vielzahl von Auszeichnungen geehrt worden. 
Sein letztes Recital spielte Nathan Milstein im Juli 1986 in Stockholm. Kurz darauf brach er sich bei einem Sturz die linke Hand, was seiner Karriere ein Ende setzte. Aber auf Youtube kann man dieses Konzert anschauen, und man wird fasziniert feststellen, dass Milstein mit 82 Jahren noch immer eine brillante Technik hatte, und eine enorme künstlerische Ausstrahlung. Der Geiger legte größten Wert auf einen klaren, kraftvollen Ton und auf ein absolut präzises, konzentriertes, klanglich fein austariertes Spiel. 
Das gilt auch für Bachs Sonaten und Partiten, die Milstein mit einem schönen sonoren Ton und höchst differenziert vorträgt. Wer die Aufnahme noch nicht kennt, der hat jetzt sogar die Chance, ein Exemplar zu erwerben. Denn die Deutsche Grammophon hat jüngst eine (limitierte) Drei-LP-Ausgabe im Design der Originalveröffentlichung vorgestellt. Die Box enthält nicht nur die drei Schallplatten sowie einen Download-Code, sondern auch ein umfangreiches Beiheft und Faksimiles der Aufnahmeprotokolle. Durch audiophiles Half-speed-Remastering, exzellent ausgeführt von den Emil Berliner Studios, und 180g Vinyl Pressing bietet diese Edition zudem eine herausragende Klangqualität. 

Sonntag, 9. Juni 2019

Bach: Sonatas & Partitas (Deutsche Grammophon)

Von der Kritik wurde Giuliano Carmignola für seine Interpretation von Bachs Violinkonzerten sehr gelobt. Nun ist seine Einspielung der Sonaten und Partiten BWV 1001–1006 erschienen, vorgetragen auf einer Violine, die Pietro Guarneri 1753 in Venedig geschaffen hat. Der Geiger benutzt zudem einen Bogen, den Emilio Slaviero 2007 nach einem Original des renommierten Bogenbauers Nicolas Léonard Tourte aus dem 18. Jahrhundert angefertigt hat. Es handelt sich übrigens um die erste Aufnahme im umfangreichen Katalog des Labels Deutsche Grammophon, bei der dieser Zyklus auf einem historischen Barockinstrument eingespielt wurde. 
Giuliano Carmignola hat seinen ganz eigenen Zugang zu Bachs berühmten Werken für Violine solo gefunden. Er setzt auf intensive Klangfarben und eine sehr strikte rhythmische Gestaltung, und schafft so eine einzigartige, sehr individuelle Interpretation.

Montag, 20. Mai 2019

Blue Hour (Deutsche Grammophon)

Musik für die blaue Stunde präsentiert Andreas Ottensamer auf dieser CD. Um die ganz besondere Stimmung jener kurzen Zeitspanne zwischen dem Sonnenuntergang und der nächtlichen Dunkelheit in Klängen zu vermitteln, wählte der Klarinettist romantische Musik von Johannes Brahms, Carl Maria von Weber und Felix Mendelssohn Bartholdy. 
Kernstück des Albums ist Webers Klarinettenkonzert Nr. 1 in f-Moll. Ottensamer musiziert gemeinsam mit den Berliner Philharmonikern, dirigiert von Mariss Jansons. Man kennt sich, und man schätzt sich – Ottensamer, der einer Klarinettistendynastie entstammt, ist seit 2001 Soloklarinettist des Orchesters. 
Mindestens ebenso interessant sind aber die anderen Stücke des Programmes, die Ottensamer zusammen mit der Pianistin Yuja Wang vorträgt. Schon bei Brahms' Intermezzo in A-Dur, in einem Arrangement von Nicolai Popov, zeigt sich, welch betörende Gesangslinien die Klarinette in den Abendhimmel zu schicken vermag. Diese Sanglichkeit sowie ein faszinierendes Spektrum an Klangfarben fasziniert auch bei Mendelssohns Liedern ohne Worte, die Andreas Ottensamer selbst für Klarinette und Klavier bearbeitet hat – allerdings in einem dynamischen Prozess, wie der Musiker im Beiheft berichtet: „Ich hatte zunächst ein Arrangement gemacht, das von der Struktur her durchaus funktionierte“, so Ottensamer. „Dann habe ich es gemeinsam mit Yuja durchgespielt und geprobt und dabei sind nochmal komplett neue Ideen und Ansätze entstanden. Zum Beispiel dachte ich zunächst bei einer bestimmten Passage, es wäre schön, wenn das Klavier die Melodie übernimmt. Aber als wir das zusammen probten, entschieden wir, diese Linie zusammen unisono zu spielen. An anderer Stelle erwies es sich wiederum als interessanter, wenn Yuja allein übernimmt. Diese Flexibilität ist ein Luxus, den man nur hat, wenn man selbst arrangiert.“ 
Aus den Originalnoten spielte Ottensamer hingegen Brahms' Lied Wie Melodien zieht es mir, den Text stets vor Augen. „Dieser Text ist im wahrsten Sinne des Wortes sehr blumig, es geht um Blüten, Düfte, um den Hauch – was sich ja wunderbar verbindet mit dem Klarinettenton“, so der Musiker. Johannes Brahms ist für Ottensamer ohnehin der romanti- sche Komponist. 
Wie das Klarinettenkonzert, so schrieb Weber seinerzeit auch das Grand Duo für Klarinette und Klavier für den grandiosen Solisten Heinrich Joseph Baermann. Ottensamer sieht darin eine Hommage an die italieni- sche Oper: „Was mir besonders gefällt, ist, dass Weber im Seitenthema des ersten Satzes einen Gassenhauer zitiert. Der Text lautet: 'Ganz ohne Weiber geht die Chose nicht'. Die Melodie ist dieselbe, aber in einem anderen Metrum. Und daran sieht man den Charme, den Weber immer hat, der aber oft untergeht in der Wahrnehmung“, so der Musiker. „Gerade für die Klarinettisten gilt dieses Stück als hochseriöses Kernstück des Repertoires. Da entsteht dann die Gefahr, dass man die Leichtigkeit und den Witz vergisst.“ 
Ottensamer nimmt daher das Werk eher heiter und beschwingt als gewichtig-pathetisch. Gemeinsam mit Yuja Wang schwelgt er in herrlichen Melodielinien, lässt die Töne schweben – und bevor der Zuhörer gar zu sehr in schwärmerische Stimmung gerät, würzen die beiden Musiker ihren Vortrag dann ab und zu auch mit einer winzigen Prise Ironie. Sehr gelungen! 

Samstag, 4. Mai 2019

The Golden Age of Shellac (Deutsche Grammophon)

Zu einer Reise in die Schellack-Ära lädt die Deutsche Grammophon ein. Das Label hat anlässlich seines 120jährigen Bestehens in seine Archive geschaut – und dort viele bemerkenswerte Aufnahmen gefunden. Eine kleine Auswahl stellt diese CD vor. Sie reicht von der Klassik bis zum Jazz und macht deutlich, was für eine aufregende Epoche die Zeit zwischen 1897 und den 1940er Jahren doch war. 
Die älteste Aufnahme, aus dem Jahre 1912, lässt uns den italienischen Bariton Titta Ruffo in seiner Paraderolle erleben, dem Figaro aus Rossinis Il barbiere di Siviglia. Aus dem Jahre 1927 stammt eine Aufnahme, bei der Pietro Mascagni die Berliner Staatskapelle dirigiert, die das Intermezzo sinfonico aus Cavalleria rusticana spielt. Das Orchester der Berliner Staatsoper ist zu hören unter der Leitung von Erich Kleiber, mit einem Slawischen Tanz von Antonín Dvořák. 
Der Leipziger Thomanerchor singt einen Choralsatz von Johann Sebastian Bach, geleitet von Karl Straube und an der Orgel begleitet von Helmut Walcha. Auch der Geiger Váša Příhoda, der Pianist Raoul Koczalski und berühmte Sänger wie die Sopranistinnen Erna Berger, Tiana Lemnitz und Erna Sack, die Mozart-Tenöre Koloman von Pataky und Julius Patzak oder Bariton Heinrich Schlusnus sind präsent. 
Otto Reutter singt Ick wundre mir über jarnischt mehr. Johannes Heesters schwärmt Man müsste Klavier spielen können. Und Lale Andersen sowie Louis Armstrong begeistern mit berühmten Jazz-Standards. Alle Tracks stammen von sogenannten Vater- und Mutter-Tonträgern. Sie wurden mit modernster Technik digitalisiert und sorgfältig nachbearbeitet. Faszinierend!