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Samstag, 1. Januar 2022

Daniil Trifonov - Bach: The Art of Life (Deutsche Grammophon)


 Eine sehr persönliche Sicht auf das Schaffen Johann Sebastian Bachs offenbart dieses Doppelalbum. Um Die Kunst der Fuge, als spätes Meisterwerk, hat Daniil Trifonov Werke der vier komponierenden Söhne Bachs gruppiert, sowie eine Auswahl an kleinen Stücken aus dem Notenbüchlein für Anna Magdalena Bach und zwei „Schicksalsstücke“, die eng mit der Biographie des Komponisten verknüpft sind: Die Chaconne aus der Partita für Violine solo BWV 1004 erklingt in einer Transkription für linke Hand von Johannes Brahms, und der berühmte Choral Jesus bleibet meine Freude in der bekannten Version von Myra Hess.

Daniil Trifonov befragt die alten Kompositionen aus einer sehr zeitgenössischen Perspektive. Der Pianist spielt Bach selbstverständlich am modernen Konzertflügel, und schon nach wenigen Takten ist dem Zuhörer klar, dass es ihm keineswegs um eine historisch adäquate Interpretation geht. Spätestens beim Anhören seiner Version von Die Kunst der Fuge stellt man ernüchtert fest: Für Trifonov ist Bach nicht Anfang und Ende aller Musik, sondern eher ein Accessoire, das zur Selbstinszenierung genutzt wird. Klavier freilich spielt der Mann genial – aber reicht das aus? 

Montag, 29. Januar 2018

Schubert: Forellenquintett (Deutsche Grammophon)

Die renommierte Geigerin Anne-Sophie Mutter, mittlerweile seit über 40 Jahren im Klassik-Geschäft, und der exzellente Pianist Daniil Trifonov, jetzt Mitte zwanzig, haben im Juni 2017 im Baden-Badener Festspiel- haus zusammen mit drei jungen Stipendiaten der Anne-Sophie Mutter Stiftung Schuberts Klavierquintett in A-Dur D 667 gespielt, allgemein bekannt als Forellenquintett. Auf dem Programm standen außerdem das Trio in Es-Dur Notturno D 897, ein kühnes spätes Werk für Violine, Cello und Klavier, sowie zwei bekannte Lieder des Komponisten, arrangiert als Encores. 
„Die größten Werke der Musikgeschichte sind für kammermusikalische Besetzungen geschrieben“, sagt Anne-Sophie Mutter. „Aber nicht nur deshalb habe ich die Kammermusik schon immer geliebt und liebe sie immer mehr. Es gibt keine Musik von einer solchen Intimität und keine, die so viel Spontaneität erlaubt und Reaktionsfähigkeit benötigt.“ 
Mit Daniil Trifonov musizierte Anne-Sophie Mutter bei diesem Projekt zum ersten Mal gemeinsam. Beteiligt als Kammermusikpartner sind zudem Hwayoon Lee, Viola, Maximilian Hornung, Violoncello und Roman Patkoló, Kontrabass. Musiziert wird frisch und akzentuiert; festzustellen ist allerdings, dass die Geige und das Klavier sehr oft dominieren. 
Auch in den beiden Zugaben zeigen Mutter und Trifonov, wie gut sie trotz des Generationen-Unterschieds miteinander harmonieren. „Es ist eine ganz eigene Literatur mit einem ganz besonderen Stil“, meint die Geigerin. Das Ave Maria beispielsweise hat Jascha Heifetz 1917 in sein Repertoire aufgenommen, und mehr als 200 Mal gespielt. „Das schöne Arrangement des Ständchens (..) bringt doch wunderbar die Einsamkeit, Dunkelheit und Melancholie zum Ausdruck, die über dem Lied liegen“, so Anne-Sophie Mutter. „Auch wenn Daniil, Franz Liszt und ich den Arrangeuren ein bisschen geholfen haben, um die Originale noch etwas besser durchscheinen zu lassen.“ 

Dienstag, 15. November 2016

Transcendental - Daniil Trifonov plays Franz Liszt (Deutsche Grammophon)

Nur fünf Tage benötigte Daniil Trifonov, um für die Deutsche Grammophon alle Konzertetüden von Franz Liszt (1811 bis 1886) einzuspielen. Das ist eine ganz erstaunliche Leistung, denn diese Stücke gelten mit als das Schwierigste, was jemals für einen Konzertflügel geschrieben wurde. 
In den Grandes Études de Paganini beispielsweise huldigte Liszt dem Geiger, den er sehr verehrte, indem er Themen aus einigen der berühmtesten Violinstücke des Meisters verwendete, um daraus mindestens ebenso virtuose Klaviermusik zu gestalten. 
Die Drei Konzertetüden von 1849 „are Liszt's tribute to his beloved Italy, to the language of opera, an a case for piano as a singing instrument“, zitiert das Beiheft Trifonov. „Always an innovator, in these etudes, Liszt creates drama in and through harmony – leading the way to Wagner, and later to impressionism.“ Die zwei Konzertetüden von 1863, Waldes- rauschen und Gnomenreigen, sieht der Pianist als musikalische Gemälde: „They are not verbal but depictive works, atmospheric, like paintings by Caspar David Friedrich.“ 
An den Anfang aber stellte Trifonov die Études d'exécution transcendante, eine Sammlung von zwölf Konzertetüden, die nicht nur über ihre Tonarten miteinander verbunden sind. „The cycle reflects the journey of a hero (let us call him ,Liszt'). Each etude represents a particular stage in the hero's spiritual evolution, progressing from explosions of youthful energy (No. 1), growing increasingly complex through ,Eroica' (No. 7) and wild, as in ,Mazeppa' (No. 4), reaching a turbulent climax in the ,Wilde Jagd' (No. 8)“, so der Pianist. „That is the cycle's turning point. From the realization of the futility of the chase, the narrative arc moves from a state of nostal- gic longing in ,Ricordanza' (No. 9) to the meditative denouement of ,Chasse-neige' (No. 12).“ Einige seien eher atmosphärisch, andere eher programmatisch – aber keines dieser Musikstücke sei tatsächlich eine Etüde. 
Extrem allerdings sind sie schon; auch heute noch sind diese Werke so- wohl emotional als auch technisch eine Herausforderung und ein Prüfstein für jeden Pianisten. Mancher Musiker betont ihre Brillanz; Trifonov stellt eher die meditativen, reflektierenden Aspekte in den Vordergrund. „Man muss Liszt ernst nehmen, um ihn gut zu spielen“, forderte einst Alfred Brendel – und der gerade einmal 25jährige Trifonov spielt ihn geradezu beunruhigend reflektiert. Virtuosität ist hier eher ein Nebeneffekt; dem Pianisten geht es um Ausdruck und Tiefe, nicht um Blendwerk und Geklin- gel. Damit kommt er Franz Liszt, der immer auch ein Suchender und ein Zweifler war, erstaunlich nah. Diese Aufnahme ist ohne Zweifel grandios – man darf allerdings gespannt sein, wie Trifonov solche Musik in 30 Jahren spielen wird.