Donnerstag, 30. Juni 2016

Brahms: Lieder & Liebeslieder Waltzes (Deutsche Grammophon)

Das Verbier Festival, hoch in den Schweizer Alpen, führt seit seiner Gründung in den 90er Jahren etab- lierte Musiker und den künstlerischen Nachwuchs zusammen. Mit seiner freundlich-intimen Atmosphäre ist es aber auch ein ideales Experimentier- feld für die Kammermusik, und das perfekte Forum für das Lied. Gern bringen die Organisatoren dafür Musiker zusammen, die zuvor in dieser Formation noch nicht gemein- sam aufgetreten sind. 
Auf dieser CD ist ein solches Konzert zu erleben. Es vereinte ein Quartett von Gesangsstars und zwei große Pianisten: Zu hören sind Andrea Rost, Magdalena Kožená, Matthew Polenzani und Thomas Quasthoff, sowie James Levine und Yefim Bronfman am Konzertflügel. Der Mitschnitt entstand im Jahre 2003. Auf dem Programm standen Werke von Johannes Brahms – jeder dieser hochkarätigen Solisten singt alleine einige wenige Lieder, begleitet von James Levine. Sie korrespondieren mit den Liebes- lieder-Walzern und den Neuen Liebeslieder-Walzern, vorgetragen vom gesamten Ensemble. Bei der Deutschen Grammophon wurde der Live-Mit- schnitt nun zum ersten Mal veröffentlicht. 
Man wird feststellen, dass längst nicht jeder Opernstar auch ein begnade- ter Liedsänger ist. Thomas Quasthoff freilich bietet eine Interpretation der 5 Lieder op. 94, die keine Wünsche offen lässt. Das ist schier atemberau- bend. Bei den Liebeslieder-Walzern mischen sich die höchst unterschied- lichen Stimmen zu einem durchaus interessanten Gesamtklang; und die Pianisten erweisen sich als ebenso kenntnisreiche wie passionierte Lied- begleiter. Was für ein Ereignis! 

Bach: Cello Suites - Isang Enders (Berlin Classics)

„Die Frage, warum Bachs Musik nach nun 300 Jahren immer noch solch eine Wirkung auf uns hat, ist wahrscheinlich nur mit seiner Musik selbst zu beantworten“, schreibt Isang Enders in einem Begleitwort zu dieser CD. „Bachs Musik ist so menschlich und dadurch immer zeitgenössisch und rein. Sprechen sollen die Suiten, singen und tanzen, jagen und besinnen – durch und durch subjektiv und charakteristisch für mich, nachdem ich nun meine Zweifel überwunden habe.“ 
Für die Aufnahme wählte Enders das holzvertäfelte Teldex-Studio in Berlin, und ganz bewusst keinen Kirchen- raum. Enders schildert seine Auseinandersetzung mit Bachs Cello-Suiten als ein fortwährendes Ringen. „Eine erste Einspielung habe ich dabei nach finaler Arbeit vollständig verworfen“, so der Musiker. Er hat nun akzep- tiert, dass auf dieser CD eine Momentaufnahme festgehalten worden ist. Dafür allerdings hört sich das recht gediegen an. Enders Interpretation zeugt von überragender Technik, jugendlichem Schwung sowie viel, viel Arbeit und Nachsinnen. 
Die Box enthält eine schwarze und eine weiße CD: Der Cellist hat die Suiten nicht nach Werkverzeichnis-Nummern, sondern nach hellen und dunklen Farben geordnet. „Diese Reihenfolge macht das ,Aufsteigen' in Sekund- schritten (c-Moll / d-Moll / Es-Dur) und im Quintenzirkel (C-Dur, G-Dur, D-Dur) möglich“, erläutert Enders seine Entscheidung. „Die Ergänzung der reduzierten Noten aus der vermeintlichen Ursprungsfassung der
5. Suite (Lautensuite in g-Moll, BWV 995) ist hoffentlich nicht nur für mich eine Bereicherung.“
Als zusätzliche Überraschung gibt’s im Beiheft übrigens einen brillanten Aufsatz von dem mit Enders befreundeten Pianisten Kit Armstrong.