Der Cellist Niklas Schmidt, Professor für Kammermusik und Violoncello an der Hochschule für Musik in Hamburg sowie künstlerischer Leiter des International Mendelssohn Festivals, hat bei seinem eigenen Label eine Aufnahme der sechs Suiten für Violoncello solo BWV 1007 – 1012 veröffentlicht. Dabei entschied er sich für die Teilung; zunächst erschienen die Suiten I, III und VI, und kürzlich komplettierte der Musiker den Zyklus durch die Suiten II, IV und V.
„Ich begann im Jahr 2014 mit den Aufnahmen, angestachelt von der Idee meinem Freund und Bach-Kenner Jörn Braun zu seinem 80. Geburtstag eine Freude zu bereiten“, schreibt der Cellist im Beiheft zu dieser Edition. Er berichtet, dass er dieses Projekt zunächst mit der dritten Suite begonnen hat, und danach zum einen den Entschluss gefasst hat, sich Zeit zu nehmen, „intensiv vorzubereiten, um dem Geist dieser Musik auch wirklich gerecht zu werden“.
Zum anderen wechselte er auf Empfehlung seines Tonmeisters Philipp Schulz den Raum. So sind fünf der Suiten in der Andreas-Kirche in Berlin-Wannsee eingespielt worden, einem „besonders schönen Raum“, so Schmidt, mit einer wunderbaren Akustik. Dort hat er auf seinem klangschönen italienischen Violoncello, gebaut um das Jahr 1700 von Giovanni Battista Rogeri in Brescia, Bachs Meisterwerke erkundet.
Schmidt spielt die Suiten als Folge stilisierter Tänze; sie wirken bei ihm nicht grüblerisch-versunken, wie bei so manchem anderen Solisten, sondern schwungvoll und flüssig. Gerade weil der Cellist die musikalischen Strukturen klar herausarbeitet, und Bachs Stücke nuancenreich und mit tief empfundener Agogik vorträgt, erscheint diese Aufnahme frisch und lebendig.
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Montag, 28. August 2017
Donnerstag, 30. Juni 2016
Bach: Cello Suites - Isang Enders (Berlin Classics)
„Die Frage, warum Bachs Musik nach nun 300 Jahren immer noch solch eine Wirkung auf uns hat, ist wahrscheinlich nur mit seiner Musik selbst zu beantworten“, schreibt Isang Enders in einem Begleitwort zu dieser CD. „Bachs Musik ist so menschlich und dadurch immer zeitgenössisch und rein. Sprechen sollen die Suiten, singen und tanzen, jagen und besinnen – durch und durch subjektiv und charakteristisch für mich, nachdem ich nun meine Zweifel überwunden habe.“
Für die Aufnahme wählte Enders das holzvertäfelte Teldex-Studio in Berlin, und ganz bewusst keinen Kirchen- raum. Enders schildert seine Auseinandersetzung mit Bachs Cello-Suiten als ein fortwährendes Ringen. „Eine erste Einspielung habe ich dabei nach finaler Arbeit vollständig verworfen“, so der Musiker. Er hat nun akzep- tiert, dass auf dieser CD eine Momentaufnahme festgehalten worden ist. Dafür allerdings hört sich das recht gediegen an. Enders Interpretation zeugt von überragender Technik, jugendlichem Schwung sowie viel, viel Arbeit und Nachsinnen.
Die Box enthält eine schwarze und eine weiße CD: Der Cellist hat die Suiten nicht nach Werkverzeichnis-Nummern, sondern nach hellen und dunklen Farben geordnet. „Diese Reihenfolge macht das ,Aufsteigen' in Sekund- schritten (c-Moll / d-Moll / Es-Dur) und im Quintenzirkel (C-Dur, G-Dur, D-Dur) möglich“, erläutert Enders seine Entscheidung. „Die Ergänzung der reduzierten Noten aus der vermeintlichen Ursprungsfassung der
5. Suite (Lautensuite in g-Moll, BWV 995) ist hoffentlich nicht nur für mich eine Bereicherung.“ Als zusätzliche Überraschung gibt’s im Beiheft übrigens einen brillanten Aufsatz von dem mit Enders befreundeten Pianisten Kit Armstrong.
Für die Aufnahme wählte Enders das holzvertäfelte Teldex-Studio in Berlin, und ganz bewusst keinen Kirchen- raum. Enders schildert seine Auseinandersetzung mit Bachs Cello-Suiten als ein fortwährendes Ringen. „Eine erste Einspielung habe ich dabei nach finaler Arbeit vollständig verworfen“, so der Musiker. Er hat nun akzep- tiert, dass auf dieser CD eine Momentaufnahme festgehalten worden ist. Dafür allerdings hört sich das recht gediegen an. Enders Interpretation zeugt von überragender Technik, jugendlichem Schwung sowie viel, viel Arbeit und Nachsinnen.
Die Box enthält eine schwarze und eine weiße CD: Der Cellist hat die Suiten nicht nach Werkverzeichnis-Nummern, sondern nach hellen und dunklen Farben geordnet. „Diese Reihenfolge macht das ,Aufsteigen' in Sekund- schritten (c-Moll / d-Moll / Es-Dur) und im Quintenzirkel (C-Dur, G-Dur, D-Dur) möglich“, erläutert Enders seine Entscheidung. „Die Ergänzung der reduzierten Noten aus der vermeintlichen Ursprungsfassung der
5. Suite (Lautensuite in g-Moll, BWV 995) ist hoffentlich nicht nur für mich eine Bereicherung.“ Als zusätzliche Überraschung gibt’s im Beiheft übrigens einen brillanten Aufsatz von dem mit Enders befreundeten Pianisten Kit Armstrong.
Mittwoch, 14. November 2012
Bach: 6 Suites a violoncello solo senza basso (Lipkind)
"Bach's cello suites were the first music I ever tried to play on the cello", berichtet Gavriel Lipkind in dem sehr ausführlichen Beiheft zu dieser Produktion. "Coming from a non-musician family of Bach devotees and baroque enthusiasts, there was always a sense of a scientific-spiritual-human truth to be discovered in the music of the ,Supreme Master'."
Der Musiker kam 1977 in Tel Aviv als Kind russischer Auswanderer zur Welt. Er begann mit sechs Jahren, Violoncello zu lernen, und studierte dann bei Lehrern auf drei Kontinenten. Noch als Teenager gewann er zahlreiche Wettbe- werbe und Preise. Doch statt sich in den Erfolg und den Konzert- betrieb zu stürzen, verließ der Cellist die Bühne: Lipkind nahm eine Auszeit. "At this stage of my career I was looking for a chance to go into retreat in order to concentrate on developing certain skills and qualities, the absence of which, I felt, hindered my growth as an artist", erläutert der Musiker seine Entscheidung. Ein Ergebnis dieser künstlerisch keineswegs unproduktiven Zeit ist das eigene Label Lipkind Productions, wo der Cellist nunmehr die Resultate seiner Arbeit veröffentlicht. Ein weiteres Resultat ist diese Aufnahme von Bachs Cello-Suiten.
Im Beiheft erklärt Lipkind umfassend, wie er zu seiner Interpretation gelangt ist. Ein wichtiger Aspekt ist ohne Zweifel ein Phänomen, dass er mit dem Begriff der single-voice polyphony beschreibt: Zu Bachs Zeiten war es durchaus üblich, eine einzelne Stimme zu notieren - und dabei weitere, virtuelle Stimmen zu berücksichtigen, die nicht er- klingen, aber die ein (geübter) Zuhörer trotzdem wahrnimmt. Diese latente Polyphonie nutzt Lipkind als Grundlage seines Musizierens. Das freilich haben vor ihm auch schon andere Cellisten getan.
Was aber unterscheidet diese Interpretation von ihren Aufnahmen? Vielleicht in erster Linie ihre Spiritualität. Theologische Aspekte prägen nicht nur die Überlegungen Lipkinds, sie beeinflussen auch sein Spiel, das durch meditative Ruhe und Tiefgründigkeit beein- druckt. Tänzerische Akzente, wie sie manch anderer Musiker setzt, sind hier nicht vordergründig. Und man muss sagen, auch das Instrument ist eine Wucht.
Lipkind spielt das sogenannte Zihrhonheimer Cello - laut Zettel angefertigt von Aloysius Michael Garani 1702 in Bologna. Dieses Cello klingt eher wild als nett; es scheint keines jener Instrumente zu sein, die aus sich selbst heraus strahlen. Man darf sehr gespannt sein, wie sich das anhören wird, wenn Lipkind darauf Werke von Haydn oder aber Schumann vorstellt.
Der Musiker kam 1977 in Tel Aviv als Kind russischer Auswanderer zur Welt. Er begann mit sechs Jahren, Violoncello zu lernen, und studierte dann bei Lehrern auf drei Kontinenten. Noch als Teenager gewann er zahlreiche Wettbe- werbe und Preise. Doch statt sich in den Erfolg und den Konzert- betrieb zu stürzen, verließ der Cellist die Bühne: Lipkind nahm eine Auszeit. "At this stage of my career I was looking for a chance to go into retreat in order to concentrate on developing certain skills and qualities, the absence of which, I felt, hindered my growth as an artist", erläutert der Musiker seine Entscheidung. Ein Ergebnis dieser künstlerisch keineswegs unproduktiven Zeit ist das eigene Label Lipkind Productions, wo der Cellist nunmehr die Resultate seiner Arbeit veröffentlicht. Ein weiteres Resultat ist diese Aufnahme von Bachs Cello-Suiten.
Im Beiheft erklärt Lipkind umfassend, wie er zu seiner Interpretation gelangt ist. Ein wichtiger Aspekt ist ohne Zweifel ein Phänomen, dass er mit dem Begriff der single-voice polyphony beschreibt: Zu Bachs Zeiten war es durchaus üblich, eine einzelne Stimme zu notieren - und dabei weitere, virtuelle Stimmen zu berücksichtigen, die nicht er- klingen, aber die ein (geübter) Zuhörer trotzdem wahrnimmt. Diese latente Polyphonie nutzt Lipkind als Grundlage seines Musizierens. Das freilich haben vor ihm auch schon andere Cellisten getan.
Was aber unterscheidet diese Interpretation von ihren Aufnahmen? Vielleicht in erster Linie ihre Spiritualität. Theologische Aspekte prägen nicht nur die Überlegungen Lipkinds, sie beeinflussen auch sein Spiel, das durch meditative Ruhe und Tiefgründigkeit beein- druckt. Tänzerische Akzente, wie sie manch anderer Musiker setzt, sind hier nicht vordergründig. Und man muss sagen, auch das Instrument ist eine Wucht.
Lipkind spielt das sogenannte Zihrhonheimer Cello - laut Zettel angefertigt von Aloysius Michael Garani 1702 in Bologna. Dieses Cello klingt eher wild als nett; es scheint keines jener Instrumente zu sein, die aus sich selbst heraus strahlen. Man darf sehr gespannt sein, wie sich das anhören wird, wenn Lipkind darauf Werke von Haydn oder aber Schumann vorstellt.
Mittwoch, 8. August 2012
Bach: The Cello Suites; Navarra (Calliope/Phaia)
Erst waren sie gar nicht zu bekom- men - und nun sind sie gleich bei zwei Labels erschienen: Calliope und Phaia Music haben die Cello-Suiten von Johann Sebastian Bach in der berühmten Einspielung durch André Navarra (1911 bis 1988) wieder zugänglich gemacht.
Navarra ist eine Cello-Legende; seine Interpretation der Cello-Sui- ten stammt aus dem Jahre 1977, doch sie wirkt kein bisschen ange- staubt. Der Musiker, der gemein- sam mit Pierre Fournier, Paul Tortelier und Maurice Gendrom eine ganze Generation europäischer Cellisten prägte, beeindruckt durch seinen wundervollen Ton ebenso wie durch sein virtuoses Spiel. Von Eitelkeit findet sich nicht die geringste Spur; dieser Solist hat es nicht nötig, sich zu inszenieren. Navarra geht vollkommen auf in dem Werk Bachs, das er mit geradezu meditativer Intensität erkundet. Phantastisch!
Navarra ist eine Cello-Legende; seine Interpretation der Cello-Sui- ten stammt aus dem Jahre 1977, doch sie wirkt kein bisschen ange- staubt. Der Musiker, der gemein- sam mit Pierre Fournier, Paul Tortelier und Maurice Gendrom eine ganze Generation europäischer Cellisten prägte, beeindruckt durch seinen wundervollen Ton ebenso wie durch sein virtuoses Spiel. Von Eitelkeit findet sich nicht die geringste Spur; dieser Solist hat es nicht nötig, sich zu inszenieren. Navarra geht vollkommen auf in dem Werk Bachs, das er mit geradezu meditativer Intensität erkundet. Phantastisch!
Freitag, 16. März 2012
Bach: 6 Suites de danses; Caussé (Virgin Classics)
Darf man Bachs Cello-Suiten auf der Bratsche spielen? Gérard Caussé beantwortet diese Frage im Beiheft zu dieser CD, indem er sich an ferne Kindertage und seinen da- maligen Lehrer, Monsieur Mey- nard, erinnert: "Noch bevor ich ihn sah, hörte ich ihn, und zwar mit einer Intensität, wie man sie nur in der Kindheit erlebt und so gerne noch einmal empfinden möchte.
Er begrüßte uns mit einer der Suiten und öffnete mir mit seiner Bratsche die Tür zu Bach, Sonntag für Sonntag."
Und auch wenn der kleine Gérard zunächst ganz sicher andere Stücke geübt haben wird, und der große Komponist ausgerechnet für sein Instrument kein wichtiges Werk hinterlassen hat, so wusste Caussé doch schon als Kind: "Bach spielte Bratsche." Und dieses Instrument hat vier Saiten, genau wie das Violoncello, meint der Musiker, "nur eine Oktave höher".
"Ist dies der Versuch, mich für einen Betrug zu rechtfertigen?", fragt sich Caussé. Und findet gleich darauf ebenso viele Gründe, die dafür sprechen, die Suites de danses auf der Viola zu spielen. Resultat dieses Ringens: "Ich kann nur für eine zeitlose Leidenschaft eintreten und für den Glauben an mein eigenes Instrument." Caussé spielt Bachs Suiten als Stücke "des inneren Tanzes, Entzücken und Tiefe, Anmut und Meditation". Er lässt sie schwingen und atmen - und wie Denkpausen wirken daneben sieben Texte von Rainer Maria Rilke, die sein Freund und künstlerischer Weggefährte Laurent Terzieff dafür ausgewählt und (in französischer Sprache) gelesen hat. Es erscheint zugleich wie ein Vermächtnis des großen französischen Schauspielers, der gestorben ist, noch bevor Caussé Bachs Musik vollständig ein- gespielt hatte.
So ergibt sich ein altersweises Gesamtkunstwerk - sehr ruhig, sehr meditativ und auch ein bisschen schwermütig. Eine schöne Auf- nahme, die hier empfohlen werden kann.
Er begrüßte uns mit einer der Suiten und öffnete mir mit seiner Bratsche die Tür zu Bach, Sonntag für Sonntag."
Und auch wenn der kleine Gérard zunächst ganz sicher andere Stücke geübt haben wird, und der große Komponist ausgerechnet für sein Instrument kein wichtiges Werk hinterlassen hat, so wusste Caussé doch schon als Kind: "Bach spielte Bratsche." Und dieses Instrument hat vier Saiten, genau wie das Violoncello, meint der Musiker, "nur eine Oktave höher".
"Ist dies der Versuch, mich für einen Betrug zu rechtfertigen?", fragt sich Caussé. Und findet gleich darauf ebenso viele Gründe, die dafür sprechen, die Suites de danses auf der Viola zu spielen. Resultat dieses Ringens: "Ich kann nur für eine zeitlose Leidenschaft eintreten und für den Glauben an mein eigenes Instrument." Caussé spielt Bachs Suiten als Stücke "des inneren Tanzes, Entzücken und Tiefe, Anmut und Meditation". Er lässt sie schwingen und atmen - und wie Denkpausen wirken daneben sieben Texte von Rainer Maria Rilke, die sein Freund und künstlerischer Weggefährte Laurent Terzieff dafür ausgewählt und (in französischer Sprache) gelesen hat. Es erscheint zugleich wie ein Vermächtnis des großen französischen Schauspielers, der gestorben ist, noch bevor Caussé Bachs Musik vollständig ein- gespielt hatte.
So ergibt sich ein altersweises Gesamtkunstwerk - sehr ruhig, sehr meditativ und auch ein bisschen schwermütig. Eine schöne Auf- nahme, die hier empfohlen werden kann.
Freitag, 6. Januar 2012
Bach: Six Suites BWV 1007 - 1012; Rémy (Celestial Harmonies)
Ludger Rémy, international präsent als Dirigent "Alter" Musik sowie als Spezialist für historisch korrektes Musizieren auf Cembalo und Hammerklavier, spielt Bach. Das wäre nicht weiter erwähnens- wert, wenn der Musiker nicht zugleich ein Tabu gebrochen hätte: Rémy spielt Bachs Cello-Suiten auf dem Cembalo.
Und obwohl bekannt ist, dass Bach selbst eine Menge seiner Werke für Cembalo bearbeitet hat, und dass er beispielsweise Teile seiner Par- titen und Sonaten für Violine solo für Laute oder Clavier arrangiert hat, sieht der Musiker die Notwendigkeit, sich dafür in dem Beiheft umfangreich zu rechtfertigen.
So erzählt der Gründer des Ensembles Les Amis de Philippe, seit 1998 zudem Professor für Alte Musik an der Musikhochschule Dresden, in einem "Märchen", er habe bei der Suche nach Archivalien auf den Spuren der Gebrüder Graun im Pfarrarchiv einer sorbischen Gemein- de schon vor Jahren Fragmente der Suiten für Violoncello solo ge- funden - sieben doppelseitig beschriebene Blätter, die seiner Meinung nach beweisen, dass die Cellosuiten aus einem Werk für Tasteninstru- ment entstanden sind. Rémy hoffte, diese legendäre Urschrift ander- weitig aufspüren zu können. Das ist ihm bislang leider nicht gelungen. "Nun aber, 11 Jahr später und fünf Jahre nach meiner Entdeckung, lege ich hiermit eine aus den Südbrandenburger Fragmenten und den überlieferten Cellosuiten erstellte Fassung der Werke vor, die vermutlich einer Urschrift recht nahe kommt."
Dazu hat Rémy einerseits Bachs eigene Bearbeitungspraxis sorgsam studiert. Andererseits hat er sich gründlich mit musikhistorischen Quellen auseinandergesetzt, die zeigen, wie andere Cembalovirtuosen zur Zeit Bachs eine solche Aufgabe gelöst haben. "Unter gar keinen Umständen sollte den Adaptationen der Klang einer simplen Über- tragung anhaften, sondern es sollte Musik entstehen, die es zwar schon gab, die nun aber sehr speziell dem neuen Instrument Cemba- lo und seiner Klangwelt entspräche: nicht Cellosuiten sollten hörbar werden, sondern Cembalosuiten", beschriebt Rémy sein Ziel: "Es sollte nicht Bach als hehre Idee dominieren, sondern Bach auf dem Cembalo."
Diese Mimikry ist Rémy ziemlich perfekt gelungen, auch wenn man sich manchmal nicht ganz sicher ist, ob es nicht doch Carl Philipp Emanuel Bach ist, den man da hört. In jedem Falle hat sich der Musiker an ein hochinteressantes Experiment gewagt, und dafür eine sehr achtbare Lösung gefunden. Rémy lässt sich auf einem Clavicem- balo hören, das der Bremer Cembalobauer Martin Skowroneck nach deutschen Vorbildern aus der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts geschaffen hat. Er bringt das Instrument zum Singen - was für ein Cembalo, dessen Saiten ja gezupft werden, nicht eben typisch ist - und beeindruckt auch sonst mit seinem klugen, aber keineswegs emo- tionslosen Spiel. Ich finde das Experiment auf dieser Doppel-CD kühn, aber in jeder Hinsicht geglückt - und kann diese schöne Aufnahme nur empfehlen.
Und obwohl bekannt ist, dass Bach selbst eine Menge seiner Werke für Cembalo bearbeitet hat, und dass er beispielsweise Teile seiner Par- titen und Sonaten für Violine solo für Laute oder Clavier arrangiert hat, sieht der Musiker die Notwendigkeit, sich dafür in dem Beiheft umfangreich zu rechtfertigen.
So erzählt der Gründer des Ensembles Les Amis de Philippe, seit 1998 zudem Professor für Alte Musik an der Musikhochschule Dresden, in einem "Märchen", er habe bei der Suche nach Archivalien auf den Spuren der Gebrüder Graun im Pfarrarchiv einer sorbischen Gemein- de schon vor Jahren Fragmente der Suiten für Violoncello solo ge- funden - sieben doppelseitig beschriebene Blätter, die seiner Meinung nach beweisen, dass die Cellosuiten aus einem Werk für Tasteninstru- ment entstanden sind. Rémy hoffte, diese legendäre Urschrift ander- weitig aufspüren zu können. Das ist ihm bislang leider nicht gelungen. "Nun aber, 11 Jahr später und fünf Jahre nach meiner Entdeckung, lege ich hiermit eine aus den Südbrandenburger Fragmenten und den überlieferten Cellosuiten erstellte Fassung der Werke vor, die vermutlich einer Urschrift recht nahe kommt."
Dazu hat Rémy einerseits Bachs eigene Bearbeitungspraxis sorgsam studiert. Andererseits hat er sich gründlich mit musikhistorischen Quellen auseinandergesetzt, die zeigen, wie andere Cembalovirtuosen zur Zeit Bachs eine solche Aufgabe gelöst haben. "Unter gar keinen Umständen sollte den Adaptationen der Klang einer simplen Über- tragung anhaften, sondern es sollte Musik entstehen, die es zwar schon gab, die nun aber sehr speziell dem neuen Instrument Cemba- lo und seiner Klangwelt entspräche: nicht Cellosuiten sollten hörbar werden, sondern Cembalosuiten", beschriebt Rémy sein Ziel: "Es sollte nicht Bach als hehre Idee dominieren, sondern Bach auf dem Cembalo."
Diese Mimikry ist Rémy ziemlich perfekt gelungen, auch wenn man sich manchmal nicht ganz sicher ist, ob es nicht doch Carl Philipp Emanuel Bach ist, den man da hört. In jedem Falle hat sich der Musiker an ein hochinteressantes Experiment gewagt, und dafür eine sehr achtbare Lösung gefunden. Rémy lässt sich auf einem Clavicem- balo hören, das der Bremer Cembalobauer Martin Skowroneck nach deutschen Vorbildern aus der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts geschaffen hat. Er bringt das Instrument zum Singen - was für ein Cembalo, dessen Saiten ja gezupft werden, nicht eben typisch ist - und beeindruckt auch sonst mit seinem klugen, aber keineswegs emo- tionslosen Spiel. Ich finde das Experiment auf dieser Doppel-CD kühn, aber in jeder Hinsicht geglückt - und kann diese schöne Aufnahme nur empfehlen.
Sonntag, 9. Oktober 2011
Bach: Six Cello Suites on Viola; Callus (Analekta)
Diese CD demonstriert, wie es klingt, wenn man Bachs Cellosuiten auf einer Viola spielt. Helen Callus macht das ganz ordentlich - aber trotzdem klingt es eben nicht so gut wie auf einem Cello; das "Violon- cello piccolo" Bachs, über das auch im Zusammenhang mit dieser Aufnahme erneut spekuliert wird, wurde zwar möglicherweise an der Schulter gespielt, allein es war ganz sicher keine Bratsche.
Es ist bekannt, dass Bach selbst gern die Viola gespielt hat. Es ist jedoch reine Spekulation, wenn vermutet wird, er habe die Cello- suiten selbst auf der Bratsche gespielt. Warum er kein einziges Werk eigens für dieses Instrument geschaffen hat, das muss offen bleiben.
Natürlich werden die Cellosuiten von vielen Bratschern gespielt; die entsprechenden Editionen sind ja seit vielen Jahren verfügbar. Die vorliegende Version aber überzeugt mich nicht; es reicht eben nicht aus, den Noten mehr oder minder zu folgen. Auch Callus wechselt Tonarten, damit Suiten für die Bratsche spielbar werden. Trotz scordatura musiziert sie grundsätzlich modern. Dass Suiten Folgen von (stilisierten) Tänzen sind, das gerät hier aber ein bisschen zu sehr aus dem Blick. Und auch sonst bringt die Aufnahme nichts, was man nicht schon besser irgendwo anders gehört hätte. Schade.
Es ist bekannt, dass Bach selbst gern die Viola gespielt hat. Es ist jedoch reine Spekulation, wenn vermutet wird, er habe die Cello- suiten selbst auf der Bratsche gespielt. Warum er kein einziges Werk eigens für dieses Instrument geschaffen hat, das muss offen bleiben.
Natürlich werden die Cellosuiten von vielen Bratschern gespielt; die entsprechenden Editionen sind ja seit vielen Jahren verfügbar. Die vorliegende Version aber überzeugt mich nicht; es reicht eben nicht aus, den Noten mehr oder minder zu folgen. Auch Callus wechselt Tonarten, damit Suiten für die Bratsche spielbar werden. Trotz scordatura musiziert sie grundsätzlich modern. Dass Suiten Folgen von (stilisierten) Tänzen sind, das gerät hier aber ein bisschen zu sehr aus dem Blick. Und auch sonst bringt die Aufnahme nichts, was man nicht schon besser irgendwo anders gehört hätte. Schade.
Samstag, 25. Juni 2011
Bach: Cello Suites; Rostropovich (Supraphon)
Mstislaw Leopoldowitsch Rostro- powitsch (1927 bis 2007) hat sich, ähnlich wie Pablo Casals, sein Leben lang mit Bachs Cello-Suiten auseinandergesetzt. 1991 spielte er in der Basilika Sainte-Madelaine in der burgundischen Benediktiner-Abtei Vézelay die sechs berühmten Werke hintereinander ein. Diese Aufnahme ist bei EMI erschienen und gilt als Referenzaufnahme.
Im Archiv des tschechischen Rundfunks fand sich eine weitere Gesamtaufnahme. Sie ist ein Mit- schnitt vom zehnten Musikfestival Prager Frühling aus dem Jahre 1955. Das war für Rostropowitsch eine schicksalhafte Veranstaltung – denn beim Essen in dem Hotel, in dem die sowjetische Delegation wohnte, lernte er eine junge Dame kennen, die ihn faszinierte: Galina Wischnewskaja vom Bolschoi-Theater, damals 28 Jahre alt, gab mit der Tatjana in Tschaikowskis Oper Eugen Onegin ihr Auslandsdebüt. Rostropowitsch war Zweiter Vorsitzender der Jury des Violoncello-Wettbewerbs, und trat zudem an drei Abenden auf. Dennoch fanden der Cellist und die Sängerin Gelegenheit, ihren Aufpassern auszu- büchsen, und durch Prag zu schlendern. Zurück in Moskau, heirate- ten sie.
Der Stadt Prag blieb Rostropowitsch zeitlebens verbunden. Allerdings hielt der Künstler ziemlich wenig von der politischen Führung seines Landes, und er trat stets entschieden für Menschenrechte und Demo- kratie ein. So weigerte er sich nach dem Einmarsch russischer Trup- pen in die damalige Tschechoslowakei 1968 strikt, dort aufzutreten, solange seine Landsleute als Besatzer im Lande sind. 1974 ging der Cellist mit seiner Familie für lange Jahre ins Exil. Auch wenn er in Moskau gestorben ist - der Musiker blieb bis ans Ende seines Lebens ohne Staatsangehörigkeit.
Fünfzehn Tage nach dem Abzug der russischen Armee reiste Rostro- powitsch zu einem außerordentlichen Konzert des Prager Frühlings an, eingeladen durch Präsident Václav Havel. Prag liebte den Cellisten: 1998 war er zum letzten Mal in der Stadt an der Moldau, um dort den Karlspreis entgegenzunehmen. In dem Mitschnitt aus dem Jahr 1955 ist etwas von dem Zauber dieser besonderen Beziehung zwischen dem Musiker und der Goldenen Stadt zu spüren. Die Auf- nahme ist zwar nur Mono, aber sie wurde liebevoll remastert, und vermittelt einen exzellenten Eindruck von dem klangschönen, emotional ergreifenden Spiel Rostropowitschs. Der Ausnahmecellist spielt Bachs Suiten eher meditiativ als betont artistisch – das ist nicht Barock, aber es ist in sich stimmig, und wunderschön.
Im Archiv des tschechischen Rundfunks fand sich eine weitere Gesamtaufnahme. Sie ist ein Mit- schnitt vom zehnten Musikfestival Prager Frühling aus dem Jahre 1955. Das war für Rostropowitsch eine schicksalhafte Veranstaltung – denn beim Essen in dem Hotel, in dem die sowjetische Delegation wohnte, lernte er eine junge Dame kennen, die ihn faszinierte: Galina Wischnewskaja vom Bolschoi-Theater, damals 28 Jahre alt, gab mit der Tatjana in Tschaikowskis Oper Eugen Onegin ihr Auslandsdebüt. Rostropowitsch war Zweiter Vorsitzender der Jury des Violoncello-Wettbewerbs, und trat zudem an drei Abenden auf. Dennoch fanden der Cellist und die Sängerin Gelegenheit, ihren Aufpassern auszu- büchsen, und durch Prag zu schlendern. Zurück in Moskau, heirate- ten sie.
Der Stadt Prag blieb Rostropowitsch zeitlebens verbunden. Allerdings hielt der Künstler ziemlich wenig von der politischen Führung seines Landes, und er trat stets entschieden für Menschenrechte und Demo- kratie ein. So weigerte er sich nach dem Einmarsch russischer Trup- pen in die damalige Tschechoslowakei 1968 strikt, dort aufzutreten, solange seine Landsleute als Besatzer im Lande sind. 1974 ging der Cellist mit seiner Familie für lange Jahre ins Exil. Auch wenn er in Moskau gestorben ist - der Musiker blieb bis ans Ende seines Lebens ohne Staatsangehörigkeit.
Fünfzehn Tage nach dem Abzug der russischen Armee reiste Rostro- powitsch zu einem außerordentlichen Konzert des Prager Frühlings an, eingeladen durch Präsident Václav Havel. Prag liebte den Cellisten: 1998 war er zum letzten Mal in der Stadt an der Moldau, um dort den Karlspreis entgegenzunehmen. In dem Mitschnitt aus dem Jahr 1955 ist etwas von dem Zauber dieser besonderen Beziehung zwischen dem Musiker und der Goldenen Stadt zu spüren. Die Auf- nahme ist zwar nur Mono, aber sie wurde liebevoll remastert, und vermittelt einen exzellenten Eindruck von dem klangschönen, emotional ergreifenden Spiel Rostropowitschs. Der Ausnahmecellist spielt Bachs Suiten eher meditiativ als betont artistisch – das ist nicht Barock, aber es ist in sich stimmig, und wunderschön.
Freitag, 24. Juni 2011
Bach: Cello Suites; Rummel (Paladino Music)
„1890 streifte Pablo Casals, Student im zweiten Jahr an der Musikschule und noch keine
14 Jahre alt, mit seinem Vater durch das Hafengebiet von Bar- celona, als sie zufällig eine kleine Musikalienhandlung entdeckten. Casals suchte eigentlich nach Literatur, die er bei seiner Arbeit im Café spielen könnte, womit er seine Ausbildung finanzierte. Da- bei stieß er auf eine verschlissene Grützmacher-Ausgabe der Bach-Suiten. Als er sie zuhause probierte, packte ihn diese Musik dermaßen, daß er sie in den folgenden drei- undachtzig Jahren täglich spielte und unermüdlich in die Welt hinaustrug.“ Diese Geschichte erfährt der Leser aus dem Beiheft zu der vorliegenden CD.
14 Jahre alt, mit seinem Vater durch das Hafengebiet von Bar- celona, als sie zufällig eine kleine Musikalienhandlung entdeckten. Casals suchte eigentlich nach Literatur, die er bei seiner Arbeit im Café spielen könnte, womit er seine Ausbildung finanzierte. Da- bei stieß er auf eine verschlissene Grützmacher-Ausgabe der Bach-Suiten. Als er sie zuhause probierte, packte ihn diese Musik dermaßen, daß er sie in den folgenden drei- undachtzig Jahren täglich spielte und unermüdlich in die Welt hinaustrug.“ Diese Geschichte erfährt der Leser aus dem Beiheft zu der vorliegenden CD.
„Es ist ein erstaunlicher Gedanke, daß die Cellosuiten von Bach vor etwa hundert Jahren so wenig bekannt waren, daß ein junger Cellist, dem es bestimmt war, der größte seiner Zeit zu werden, sie nur durch Zufall entdeckte. Diese Musik war bereits seit mehr als einem Jahrhundert in Vergessenheit geraten, als Robert Schumann versuchte, die Dinge richtigzustellen, indem er eine Version mit Klavierbegleitung veröffentlichte, obwohl Anna Magdalena Bachs Manuskript, das in der Preußischen Staatsbibliothek aufbewahrt wird, eindeutig den Titel ,6 Suiten à Violoncello senza basso’ trägt. Julius Klengel hatte die Sonaten zwar in Leipzig in seinem Unter- richtsprogramm, aber man konnte sie nicht im Konzert hören, da sie mehr als technische Übungen angesehen wurden.“
Der Text von Graham Whettam stammt aus dem Jahre 1997, und weist auch in den Erläuterungen zu den einzelnen Stücken einige Merkwürdigkeiten auf. So meint der Autor, das Cello biete nur wenig Möglichkeiten zum Kontrast: „Die Größe des Instruments bedingt eine begrenzte Spannweite der Hand, was durch die damalige Spieltechnik noch größere Hürden darstellte. Fugen, wie in den Violinsonaten, standen nicht zur Debatte, und sogar heute kenne ich nur zwei Fugen für Cello solo, beides Werke des 20. Jahrhunderts.“
Cellist Martin Rummel nutzte ohnehin als Arbeitsgrundlage in erster Linie eine Abschrift von Johann Peter Kellner. Der Organist, Lehrer und Kantor wirkte im thüringischen Gräfenroda, und interessierte sich offenbar sehr für die Werke Bachs. In seinem Nachlass fanden sich Abschriften mit einem Umfang von mehr als hundert Seiten – darunter auch eine Kopie der Cellosuiten, datiert auf das Jahr 1726. Musikwissenschaftler vermuten, dass sie direkt von Bachs verlorener Urfassung abgeschrieben wurden. Doch die Sechs Suonaten pour le Viola de Basso, wie Kellner das Werk überschrieb, sind offenbar nicht frei von Fehlern, so dass sich jeder Cellist letzten Endes nicht nur seine eigenen Phrasierungen und Fingersätze, sondern auch seine eigene Version des Notentextes erarbeiten muss.
Rummel vertritt eine ausgesprochen romantische Werkauffassung; mit Barockmusik hat diese Einspielung nicht viel zu tun. Und ein flottes Tempo geht zwar grundsätzlich in Ordnung, allerdings sollte der Solist auch dann noch in der Lage sein, Läufe sicher, sauber und mit einer gewissen Eleganz zu spielen. Auf dieser CD wird, bei allem Anspruch, vieles verwischt und vertuscht. Mein Fall ist das nicht.
Donnerstag, 23. Juni 2011
Bach: Cello Suites; Badiarov (Ramée)
Diese Aufnahme dokumentiert ein musikhistorisches Experiment. Es soll die Frage klären, wie das Instrument aussah, für das Johann Sebastian Bach seine Cello-Suiten einst geschrieben hat. Verschiede- ne Kandidaten sind in der Diskus- sion: Entstanden die berühmten Werke für Viola pomposa? Für Violoncello? Oder für Violoncello piccolo?
„Violoncello ist ein Italiänisches einer Violadigamba nicht un- gleiches Bass-Instrument, wird fast tractiret wie eine Violin, neml. es wird mit der lincken Hand theils gehalten, und die Griffe formiret, theils aber wird es wegen der Schwere an des Rockes Knopff ge- hänget“, schreibt Gottfried Walther 1708 in seinen Praecepta der musicalischen Composition. Johann Mattheson berichtet in seinem Das neu-eröffnete Orchestre 1713: „Der hervorragende Violoncello, die Bassa Viola und Viola di Spala, sind kleine Bass-Geigen / in Vergleichung der grössern, mit 5 auch wol 6. Sayten / worauff man mit leichterer Arbeit als auff den großen Machinen allerhand geschwinde Sachen / Variationes und Mannieren machen kann; insonderheit hat die Viola di Spala, oder Schulter-Viole einen grossen Effect beim Accompagnement, weil sie starck durch- schneiden und die Thone rein exprimiren kan. Ein Bass kann nimmer distincter und deutlicher herausgebracht werden als auf diesem Instrument.“
Zeitgenössische Quellen berichten, Bach habe die Viola pomposa erfunden. Doch er selbst schreibt in allen Partituren „Violoncello piccolo“; auch war dieses Instrument ganz offenbar im Cello-Register gestimmt – die Viola pomposa hingegen, für die Telemann, Pisendel und Graun komponierten, wie eine Bratsche. Bach aber hat die Stimme für sein rätselhaftes Instrument aber obendrein im Violin- schlüssel notiert; so findet sich das in diversen Kantaten. Das Noten- material zeigt, dass das Violoncello piccolo offenbar vom ersten Geiger gespielt wurde. Was für ein Durcheinander!
Und obendrein ergab sich da noch ein physikalisches Problem: Die schwingenden Saiten jener Instrumente, die als Viola pomposa oder Violoncello piccolo überliefert sind, sind nur etwa halb so lang wie die eines modernen Cellos. Wie also soll man ihnen die notwendige Masse geben, damit sie so tief klingen können? Originalsaiten, die als Vorbild dienen könnten, sind nicht erhalten.
Unterstützt durch Fachleute aus ganz Europa, hat der Geiger und Geigenbauer Dmitry Badiarov den Versuch gewagt, Violoncelli da spalla nachzubauen, wie sie einst der Leipziger Instrumentenbauer Johann Christian Hoffmann angefertigt hat, ein Zeitgenosse Bachs. Die meisten dieser Miniatur-Celli sind verloren; man hat später Bratschen und Kindercelli daraus gemacht. Lediglich etwa 40 Violoncelli piccoli sind noch in Museen und Sammlungen weltweit erhalten. In Brüssel und Leipzig fand Badiarov Instrumente, an denen er sich orientierte. Einige Spezialisten halfen ihm bei der Suche nach einer geeigneten Besaitung.
Das Ergebnis ist nun auf dieser CD zu hören – und das ist wahrlich eine Offenbarung. Denn Badiarovs Violoncello piccolo da spalla spricht trotz seiner dicken Saiten erstaunlich gut an; es reagiert schnell und präzise, und klingt mitunter wie eine Singstimme, manchmal auch wie ein Barockfagott, und in der hohen Lage eher wie eine Bratsche. Gerade im Spiel von Akkkorden erweist sich die enorme Klangschön- heit dieses Instrumentes; und zu Bachs Cello-Suiten passt das Klangbild wirklich perfekt. Badiarov spielt gelassen und zugleich sehr elegant. Diese beiden CD sind ein Muss für jeden, der sich für das originale Klangbild barocker Musik interessiert – und in jedem Falle gehört diese zu den Bach-Referenzaufnahmen.
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